GEKMANIA.
VIERTELJAHRSSCHRIFT
FÜR
DEUTSCHE ALTERTHUMSKUNDE.
BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER.
FORTGESETZT VON KARL BARTSCH.
JETZT HERAUSGEGEBEN
VON
OTTO BEHAGHEL.
DREIUNDDREISSIGSTER JAHRGANG.
NEUE^REIHE EINUNDZWANZIGSTER JAHRGANG.
WIEN.
VERLAG VON CARL GEROLDS SOHN.
1888.
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INHALT.
Seite
Zur mythologischen Methodik, Von L. Beer 1
Der nordische Tristanroman und die ästhetische Würdigung Gottfrieds von Straß-
burg. Von G. Glöde 17 !^
Eine deutsche Übersetzung von Ciceros Cato aus der Humanistenzeit. Von K. Hart-
felder . 27
Zu Keinolt von Montelban. Von F. Pf äff 31
Die Handschriften des Eeinolt von Montelban. II. Von Demselben 34
Zu Germania XXXII, 97. Von G. Ehrismann 45
Pfaffe Amis 1—72. Von E. Einert 46
Beiträge zur Geschichte der Minnesinger. III. Von F. Grimme 47
1. Brunwart von Augheim - 47
2. Bruno von Hornberg 48
3. Walter von Breisach 50
4. Der schuolmeister von Enzelingen 61
5. Goldener 52
6. Pfeffel 53
7. Der von Sachsendorf 53
8. Hardegger 55
9. Meister Heinrich Teschler 56
Rätsel. Von K. Bartsch 57
Zu Iwein v. 553 ff. Von F. Grimme 58 *— ^
Erinnerungen an Karl Bartsch. Von K. J. Schröer 59
Karl Bartsch f 19. Februar 1888. Von R. Bechstein 65
Verzeichniß der selbständig erschienenen germanistischen Schriften Karl Bartschs.
Von G. Ehrismann 94
Karl Bartsch als Romanist. Von Fr. Neumann 98
Johann von Soest, 'Dy gemein Bicht'. Von K. v. Bah der 129
Zu Steinmar. Von Beruh. Wyss 158
Handschrift 1590 der Leipziger Univeristätsbibliothek. Von K. Eulin g . . . . 159
Die Nachbildung der Manesse'schen Handschrift in Heidelberg 173
Narrengesellschaften. Von Felix Liebrecht 175
Seewasser in Tempeln. Von Demselben 177
Ein Volksvers. Von Demselben 179
Zur Alexiuslegende. Von Max Friedr. Blau 181
Zu Reinke de Vos. Von R. Sprenger 220
Märchen aus Lothringen. Von F. Peters 224
1. Drei Sprüche 224
2. „Der Weihnachtsbub" . 226
Bericht über die Verbandlungen der deutsch-romanischen Section auf der XXXIX.
Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu Zürich 231
Einundzwanzig Fabeln, Schwanke und Erzählungen des XV. Jahrhunderts. Von
J. Baechtold 257
1. Fuchs, Wolf und Eimer. S. 258. — 2. Falke und Eule. S. 269. — 3. Schüler
und Bauer, S. 260. — 4. Ein böses Weib scheidet eine Ehe. S. 261. —
5. Respice finem. S. 262. — 6. Von Buhlschaft und treuer Liebe. — 7. Von
einem Sohn, der dem Vater die Nase abbeißt. S. 264. — 8. Der Wolf als
Fischer, S. 265. — 9. Die listige Frau. S. 267, — 10, Die Katze als Nonne,
S. 269. — 11. St. Petrus und der Holzhacker. S. 270. — 12. Der Pfaff
im Käskorb. S. 271. — 13. Von Frauenlist. S. 273. — 14. Von zwei
Bettlern. S. 274. — 15. Wolf und Geige. S. 275. — 16. Der dankbare
Lindwurm. S. 276. — 17. Der beichtende Schüler. S. 279. — 18. Die ge-
stohlene Monstranz. S. 280. — 19. Von einem häßlichen Pfaffen, S. 281.
— 20. Von einer Büßerin. S. 281. — 21, Göttliche Strafe, S. 282.
Seite
Ein Tagelied. Von J. J. Baebler 283
Altdeutsche Glossen aus Innsbruck. Von Adalbert Jeitteles 287
Zur Legende der heil. Kumernus oder Wilgefortis. Von J. H. Gall6e 311
Der Scheich im Nibelungenliede. Von Karl Haas 312
Mich wundert, daß ich fröhlich bin. Von Reinhold Köhler 313
Märchen aus Lothringen. Von F. Peters - 333
2. Der Soldat und das Kind 333
3. Das Gelübde > 337
Der verstellte Narr. Von Heinrich v. Wlislocki 342
Die Reimbrechung in Gottfrieds von Straßburg Tristan und den Werken seiner
hervorragendsten Schüler. Von O. Gl öde 357
Zum Seifrid Helbling. Von Gustav Ehrismann 370
Zu Reinke de Vos. Von Ed. Damköhler 379
Der Minnesänger Albrecht von Johansdorf. Von J. Horuoff, (Schluß folgt.). . 385
Ä. Person des Dichters 385
B. Lieder 392
I. Überlieferung 392
II. Echtheit 396
III. Rhythmik und Metrik 398
IV. Sprache 428
Die Bezeichnungen her und meister in der Pariser Handschrift der Minnesinger.
Von Fritz Grimme 437
Die Wielaiidsage und die Wanderung der fränkischen Heldensage. Von W. Golther 449
ader = aber. Von Ed. Damköhler 480
Mittheilungen aus der kön. Universitätsbibliothek Tübingen. Von K. Steiff . . 481
Zu Gerhard von Minden. Von Ed. Damköhler 497
Ein Brief an Albrecht von Eyb. Von M. Herrmann . . 499
Erwiderung. Von R. Bechstein 506
LTTTERATUR.
Recensioneu Von K. Bartsch 108
Litteratur-Notizen. Von Demselben 116
Anzeigen. Von Demselben 118. 234
Anzeigen. Von A. Nagele ... 125
Aus Zeitschriften. Von K. Bartsch 238
MISCELLEN.
Einige Beiträge zur Geschichte der Frauen. (Schluß.) Von Felix Liebrecht . 243
Aus alten Handachriftenkatalogen 255
Mittheilungen 256. 384. 508
Berichtigung 384
Ein Scherz Simrocks mit Adalbert von Chamisso 508
Nihelungenfehde 508
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK.
Ich habe Band XIII, S. 1 fF. der „Beiträge zur Geschichte der
deutschen Sprache und Litteratur" eine Untersuchung der Orendel-
sage augestellt, welche sich zu der Behandlung einer größeren Gruppe
zusammengehöriger Überlieferungen gleichen mythischen Gehaltes
gestaltete und in der Feststellung eines pangermanischen, vielleicht
sogar indogermanischen Jahreszeitenmythus gipfelte. Es sei gestattet,
einige principielle Bemerkungen über diese und ähnliche Unter-
suchungen nachzutragen.
Die Mythologie als Wissenschaft ist in unseren Tagen in Miß-
credit gerathen, derart, daß ernste Wissenschaftler ihr mit Verachtung
den Rücken kehren und auf Bestrebungen in ihrer Richtung den
spröden Bescheid ertheilen: ich glaube überhaupt, daß die meisten
unserer Sagen sehr späten Ursprungs sind! ein Bescheid von merk-
würdiger Wissenschaftlichkeit, da es 1. wohl der Mühe verlohnte,
für einen derartigen Glauben den Beweis anzutreten, 2. die wissen-
schaftliche Bedeutsamkeit einer Überlieferung durchaus nicht lediglich
von ihrem Alter abhängt.
Im Übrigen ist die Discreditirung der mythologischen Forschung
eine nothwendig erzeugte. Als Jakob Grimm, der Begründer unserer
germanistisch historischen Wissenschaften, das deutsche Volk mit
einer deutschen Mythologie beschenkte, sah er sich veranlaßt, in
Ermangelung einer geschlossenen Qaellenüberlieferung, wie sie die
Edden für den nordischen Glauben zu bieten schienen, eine Analogien-
sammluug aus allen erfindlichen Niederschriften anzustellen nach den
nämlichen Principien, denen wir seine Analogiensammlungen zur
Begründung einer deutschen Grammatik und einer deutschen Rechts-
alterthumswissenschaft verdanken. Dabei widerfuhren ihm vornehmlich
zwei Irrthümer: 1. schwebten ihm als ein Ideal religionsgeschichtlicher
Überlieferung die Edden vor, die er, wie noch in unserer Zeit man-
cher vorzügliche Forscher, für eine Quelle erster Hand hielt, und er
suchte ihre Sagen und Göttergestalten auf westgermanischem Boden
wiederzufinden; 2. stand er, wie alle Begründer der deutschen Philo-
logie, unter dem Banne der classischen Alterthumswissenschaften, faßte
GEKMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 1
2 L. BEER
also den Begriff Mythologie in der ganzen Beschränktheit der mit
festgefahrenen Terminis hausenden classischen Forschung und freute
sich andererseits, classische Vorbilder auf germanischem Boden wieder
zu entdecken. Damit begründete er die gefährlichste Krankheit dieser
Wissenschaft: die Analogienwirthschaft, die frischweg deutsche Über-
lieferungen einerseits auf eddische Muster ausdeutete und andererseits
mit ähnlichen griechischen und, später, vedischen Traditionen verglich
und nach ihnen beurtheilte.
Aber mit diesen Analogiensammlungen, welche in der Analogien-
wirthschaft nur ins Kraut geschossen sind, wies Grimm den Weg zu
einer ganz neuen Methode, welche weit über die von der classischen
Philologie ausgebildete hinausging. Indem er einerseits zum ersten
Male eine wohlgeordnete Sammlung mythischer Einzelüberlieferungen
elementarer Gestalt bot unter Hinweisungen auf überraschende Paral-
lelen fremder Mythik, bahnte er den Weg zu der Begründung einer
vergleichenden Mythenforschung, welche Kuhn zuerst^) zum Princip
erhob. Indem er andererseits seine Belege aus der Volksüberlieferung
schöpfte, wies er den Weg zu der reinsten Quelle mythischer Beleh-
rung, zu dem Volksleben, und wurde der eigentliche Begründer des
berühmten Schwartzischen Princips, daß die Volksnatur, die Mutter
der Mythik, mutatis mutandis noch heute unter gleichen Anlagen,
Trieben, Gesetzen die Mythenbildung fortsetzt, daß ihr allein die
Gesetze der Mythenbildung abzulauschen, und somit eine concreto
Kritik und Ausnutzung der mythischen Überlieferungen aller Zeiten
abzugewinnen ist. Der Weg zu dieser Erkenntniß der principiellen
Seite einer wissenschaftlichen Mythologie ist nach diesem Gelehrten
die Analogiensammlung zunächst auf deutschem Boden, aber unter
Heranziehung außerdeutscher Analoga. Für letztere freilich mangelte
ihm die philologische Genauigkeit, und er steuerte mit vollen Segeln
in die Analogienwirthschaft hinein.
Die beiden neuen Richtungen combinirte Mannhardt in seinen
berühmten germanischen Mythen, welche den, wenn auch mit noch
so vielen Irrthtimern versetzten, so doch zum ersten Male umfassen-
den Beweis führten, daß die germanische Mythik die Abzweigung
eines indogermanischen Mythenstammes darstellt. Aber wenn Schwartz
durch philologische Mängel das Zutrauen der exacten Gelehrteuwelt
verscherzte, so war Mannhardt ein schwacher Historiker und ein
*) Ich sehe von Max Müller ab, der, abseits der deutschen Forschua;,', aus
eigener Kraft zu bedeutsamen Resultaten gelaugte.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. 3
noch schwächerer Psycholog. Von jeher hat er ohne scharfen histo-
rischen BHck unter jede Rubrik alle möglichen Überlieferungen durch-
einander geworfen und nicht beachtet, daß zwischen dem Alf Loki
und dem drückenden Alb oder den unterirdisch schmiedenden Krüp-
peln eine große Spanne Entvvickelung lag. Das Princip der Entwicke-
lung fehlte ihm nicht, aber er hat nicht verstanden es anzuwenden.
Auch als ihn die Strahlen kritischer Erleuchtung trafen, die von
Lachmanns Grenie über alle philologische Forschung ausstrahlten, ist er,
unselbständig seinen Mustern nachstrebend , immer auf halbem Wege
geblieben; er hat angefangen, die griechischen Überlieferungen mit
kritischer Sichtung zu behandeln; aber er ist nicht dazu gekommen,
von der philologischen Quellkritik zu der psychologischen Analyse
der Überlieferung überzugehen. Immer geneigt, eine Überlieferung als
Ganzes hinzunehmen oder als Ganzes zu verwerfen, wußte er aber-
mals dem Gedanken der Entwickelung nicht zu seinem wissenschaft-
lichen Rechte zu verhelfen. Begeisterung und treuliche Arbeit war
sein bestes Eigenthum ; aber ein bahnbrechender Geist wie Schwartz
war er nicht, und das ist heute um so nöthiger hervorzuheben, als
man anfängt über Schwartz' Einseitigkeit und kritischen Verirrungen
zu vergessen, wieviel man ihm verdankt, und daß er der epoche-
machendere Wissenschaftler von beiden, daß Mannhardt sein an Genauig-
keit (späterhin) weit überlegener, an intuitiver Erkenntniß (der ersten
Bedingung wissenschaftlicher Großthat) weit ärmerer Schüler war.
Drei methodische Sätze sind es, in denen Schwartz' For-
schungen gipfeln: 1. Ein Mythus ist nur zu deuten, indem man alle
seine Belege sammelt und vergleicht, bis man zu einem erleuchtenden
Punkte gelangt'); 2. die philologische Quellkritik darf nicht so weit
gehen, Nachrichten einer zeitlich späteren Quelle unmittelbar als die
inhaltlich minder zuverlässigen anzusehen, da der spätere Bericht-
erstatter vielleicht den genaueren Bericht aus dem Volksmund erhielt
oder aber getreuer aufzeichnete; über die ürsprünglichkeit des Be-
leges kann nur der Aualogienvergleich entscheiden; 3. jede Ceremonie
ist eine Pantomime: Apolls Dracheukampf ward durch eine irdische
Wiederholung gefeiert. Vornehmlich auf dem ersten Satze fußend,
gelangte Mannhardt dazu, die deutschen Volksgebräuche, für welche
Grimm bei'eits zahlreiche Belege gesammelt hatte, umfassend zusammen-
zustellen. Dieselben waren vornehmlich ländlicher Natur, denn unser
') Die eiserne Berta, ein Sturmdämon, wird erst verständlich, wenn der
Nachtrabe, ebenfalls ein Sturmdämon, mit eiserner Schwinge eine Hürde zerschlägt.
1*
L. BEER
Mythen wahrendes Volk ist vornehmlich ländlich. Mannhardt wurde
aufmerksam, verfolgte den Volksglauben weiterhin uud fand ihn allent-
halben besonders lebendig in Haus, Feld und Wald. Er verfolgte die.
griechischen und römischen Volksbräuche: das gleiche Ergebniß.
Und so kam er dazu, aus dem übereinstimmend ländlichen Charak-
ter spätdeutscher, späthellenischer und spätrömischer Volksbräuche
und Anschauungen zu schließen, daß auch die indogermanische
Dämonie eine wesentlich vegetative gewesen sei, denn die Gottheit,
welche die Vegetation gab, mußte ursprünglich selbst die Vegetation
gewesen sein.
Das Register hatte aber ein Loch. Sämmtliche Gottheiten, die
nach germanischer Überlieferung die Vegetation verliehen, waren
atmosphärischer Natur: Odinn ein Windgott, Thor ein Gewittergott,
Freyr als Vane wieder ein Windgott. Noch mehr: ein deutscher Vege-
tationsgott war gar nicht aufzutreiben; denn Njördr war Vane, also
wieder Windgott. .Nicht besser stand es indisch: Indra, Agni, Vishnu,
Varuna — lauter atmosphärische^) Gottheiten. Ja, Welcker hatte
sogar mit guten Gründen behauptet, daß die Hauptgötter fast aller
Völker atmosphärischen Charakter wiesen. Endlich hat man sogar
einen pangermanischen Hauptgott Tyr-Ziu feststellen wollen , einen
Himmelsgott, einen deutschen Zeus: allerdings ein arges Beispiel von
Analogienwirthschaft. Man betrachte folgende Tabellen (auf Grund
von Fick I, 108):
A. tli scheinen, blinken.
daiva :
skr. deva, göttlicli, ni. Gott
lat. divus deus
griech.
westgerm.
nord. tivar
lith. d^vas
slav. deiwaa
kelt. deivos
div:
Dyaush Name, div Himmel. Tag
Joupiter
Zeus
Tiv
Tyr
diva :
skr, diva Himmel. Tag
lat. biduum
griech. hÖLOs'') kvöiog^)
divia :
divya himmlisch, am Tag
sub dio unter freiem H.
dlog himmlisch, göttlich
*) Unter atmosphärischen Wesen begreife ich Wesen der in der Atmosphäre
sich vollziehenden Erscheinungen: also auch Sonnenschein, Regenbogen, wie anderer-
seits Nebelbildung, Lichtreflexe.
*) Unter freiem Himmel.
*; Mittägig.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK.
B. di
a daiva, b div
/?' diva, §'^ divia
I.
göttlich
Gott
I.
II.
III.
IV.
II.
Göttername
skr. a
h
bß'ß^
bß'ß
III.
Himmel
griech. ß^
b
ß'ß'
ß'
IV.
Tag
lat. a
westgerm,
nord. a
lith. a
slav. a
kelt. a
b
b
b
ß'
/?'
Aus diesen Tabellen ergibt sich, 1. daß die indogermanischen
Götternamen von der Wurzel di sämmtlich dem Thema div abgebildet
sind; 2. daß diesem Thema nur im Skr. die Bedeutungen Himmel,
Tag beiwohnten, griech. und latein. Weiterbildungen des Thema div;
germ., lith., slav., kelt. überhaupt der Wurzel di Worte dieser Be-
deutungen nicht abgebildet wurden; daß folglich von einem deutsehen
Himmelsgott 7Vü keine Rede sein kann; 3. daß von der Wurzel di
alle^) indogermanischen Sprachen 2) ein Appellativ 'göttlich' abgebildet
haben, welches somit der Bedeutung 'leuchtend, glänzend"* entsprang;
4. daß mithin die Namen Dyaush, Joupiter, Zeus, Tiv nichts bedeuten
als der Leuchtende'; eine Bedeutung, welche sie mit anderen Götter-
namen theilen, und die wohl auf ein großes Alter, keineswegs aber
auf eine ehemalige Omnipotenz des germanischen Tiv zurückschließen
läßt; 5. daß auf indogermanischer Stufe den Göttern die
Eigenschaft des Leuchtens, Glänzens als wesentlich zu-
geschrieben wurde, mithin ihre atmosphärische Natur
dominirte.
Dieses Ergebniß hat nichts Erstaunliches. Der primitive Mythus
ist eine naive Naturanschauung, eine Auffassung des Unbegreiflichen
nach Analogie des Begriffenen. Diese Auffassung konnte nur statt-
finden, wenn ein tiefer Eindruck das Gemüth aufregte; nicht der
ErkenntniÜwerth: d er Gefühlswerth bestimmt die Mythen —
wie jede Begriffsbildung. Die fürchterlichen Erscheinungen des
atmosphärischen Übels und die wiederkehrende Wohlthat der Himmels-
heiterkeit mußten die unmittelbar wirksamsten Factoren der Mythen-
bildung werden.
Die Vegetation als solche trat erst in den Gesichtskreis des
Menschen, als er aus einem vornehmlich von Fleisch lebenden ein
auch Pflanzen verzehrendes Wesen wurde. Zu jenem erzog ihn zu-
') Dem Westgerman. ist das Appellativ wohl nur verloren gegangen,
') Das Griechische erst mittelbar.
6 L. BEER
nächst der Kampf um das Dasein: die Nachbarschaft der wilden
Thiere gebot die Jagd. Erst mit dem Beginne des regen Ackerbaues,
der, wie nunmehr nachgewiesen, der indogermanischen Epoche noch
nicht angehörte, erst in jener Periode der Seßhaftigkeit in cuhivirten,
relativ entwildeten Geländen, denen man mit steigender Intensität
die Frucht des Bodens abgewann, mußten sich, bei der Abhängigkeit
des Menschenwohls von Saat und Ernte, die Korngeister entwickeln;
aber auch sie waren, wie E. H. Meyer bereits andeutete und hoffent-
lich bald eingehend beweisen wird, der atmosphärischen Dämonie
entwachsen; ist doch der Wind je nach dem der Förderer oder Ver-
eiteier der Befruchtung. Daß die Waldesvegetationsdaraonie einen
wichtigen Bestandtheil ebenfalls von der Sturmdämonie empfing, die
am erhabensten im Walde sich kundgibt, hat wieder Meyer angedeutet;
sie hat außerdem noch eine Reihe verschiedenartigster Mythenelemente
aufzuweisen, die leider Mannhardt alle in Bausch und Bogen ver-
arbeitete. Alles, was mit der Zeit an den Wald sich knüpfte, hat er
wie dem Baum entwachsen aufgefaßt; und bezeichnend ist, daß er
seine Construction des deutschen Baumcultus an den Parallelismus
von Mensch und Baum knüpfte. Der Mensch soll einmal v.'ie ein
Baum der Erde entwachsen sein: warum? etwa weil man das Baum-
leben nach Analogie des Menschenlebens erklärte? umgekehrt: weil
man das Räthsel der Menschenexistenz aus der Baumexistenz zu
begreifen suchte! In dem einzigen Punkt, in welchem einmal Menscli
und Baum gleichgesetzt wurden, ist der Mensch dem Baume, nicht
der Baum dem Menschen angeglichen worden.
Von E. H. Meyer steht ein Handbuch der Mythologie in Aus-
sicht; es ist zu hoffen, daß mit ihm die Theorie einer ursprünglichen
Vegetationsdämonie dahinfällt. Außer mit dieser Theorie gilt es, sich
mit zwei weiteren auseinanderzusetzen. Die eine stammt von dem
ehrwürdigen Nestor der mythologischen Forschung; von Max Müller.
Sprachwissenschaftler von ganzer Seele, hat er mit den Augen des
Sprachforschers die Mythik betrachtet. Sie war ihm eine Phase der
Sprachbildung, oder richtiger: die Degeneration einer solchen Phase.
Ein Gegenstand hatte z. B. ursprünglich nach verschiedenen Eigen-
schaften mehrere Benennungen, von denen nur ein einziges Synonym
mit der Zeit überdauerte; die übrigen hielten sich idiomatisch, in
Sprüchwörtern, im Dichterwort etc.; man verstand ihre Beziehung
nicht mehr, nahm sie als Wesenheiten für sich: und der Mythus war
fertig. Z. B. die in die Fluthen tauchende Sonne sei als Frosch
bezeichnet worden: nach Verlust der Anschauung habe sich daraus
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. 7
der Froschjüngling ergeben, der, wenn er das Wasser sab, in Frosch-
gestalt in dasselbe habe untertauchen müssen. Ein anderer Mythen
bildender Factor ist ihm die Homonymie: der Umstand, daß in Folge
einer gemeinsamen Eigenschaft verschiedene Dinge eine gemeinsame
Benennung erhalten*). Auch hier entstehe der Mythus, indem gleich-
sam die Sprache in den Zustand des Selbstvergessens verfalle: die
alte Bedeutsamkeit nicht mehr verstanden werde. Müller unterliegt
bei dieser Theorie einem psychologischen Irrthum, den die Wissen-
schaft noch nicht allzulange aufgeklärt hat: Der Mensch denkt keines-
wegs in Worten, zumeist in Vorstellungen. Selbst wir, die wir in
unserer redegewohnten Zeit die langsamen Gedankenprocesse vielfach
in Worten durchlaufen, vollziehen unsere schnellsten Denkprocesse
(man denke nur an ein schnelles Überlegen, blitzartiges Überschlagen
aller Eventualitäten) nur durch Vorstellungsverlauf. Angenommen
also, die Sonne wurde einmal als Frosch angesehen, so war das eine
Vorstellung, keine Benennung; die Benennung setzte nur die Vor-
stellung in Umlauf. Die Sprache ist dem Verkehr entsprungen, die
Vorstellung dem individuellen Seelenleben. In dem Umlauf allerdings
brauchen sich die Worte ab, verändern sich die Bedeutungen; das
Wortspiel, der Wortwitz, die Volksetymologie treten hinzu; und inner-
halb der Grenzen, in welchen Laistner (Nebels.), allerdings etwas zu
ausgiebig, von der Homonymientheorie Gebrauch macht, sind Homo-
nymien und Synonymien als mythenfortbildende, umbildende Ele-
mente anzuerkennen; nur bleibe man sich klar, daß der Mythus als
solcher Anschauung, das Wort Mittheilung dieser Anschauung ist,
und daß alle Zeiten ununterbrochen mythenbildend thätig sind: nicht
indem sie vergessen, sondern indem sie wahrnehmen.
Die zweite Theorie, die MüUenhoffs, ist eine litterarhistorische.
Die Mythologie interessirte ihn nur von dem Standpunkt des Erforschers
der deutschen Heldensage, und diese ist ein Capitel der Litteratur-
geschichte. Die Sagengeschichte ist ein Capitel menschlichen Dichtens;
und indem er die Sagen zurückverfolgte bis in ihre ersten Anfänge,
fand er nichts als Dichtung: bei den Dichtern in gebundener, bei
den Nichtdichtern in gemeiner Rede. Müllenhoff hatte ganz Recht :
etwas Gemeinsames ist zwischen Dichten und Naturanschauung. Aber
er vergaß den Unterschied zwischen activer und passiver Phantasie.
Jede Vorstellungsauslösung entspringt der Phantasie, ohne Gedicht
zu sein. Wenn man am Gründonnerstag Grünkohl essen soll oder
') Z. B. Erde wie Wolke als Kuh.
8 L. BEER
das Rothkehlchen ob seiner Farbe den Blitz herabzieht, so ist das
ebenso concrete Phantasiethätigkeit, wie wenn Thor einen rothen Bart
hat oder man in der Wolke einen Wasser gießenden Brunnen findet. Aber
die Phantasie verhält sich passiv bei dieser Thätigkeit; ohne Willens-
irapuls erweckt eine Vorstellung die andere, ergänzt sich das Un-
bekannte vermittelst eines associativen Momentes aus der Masse des
Bekannten. Das Dunkel der Nacht und des Unwetters, das Rollen
des Donners, des Bergsturzes, der Kegelkugeln, der Kellerfässer
ordneten sich naturnothwendig zusammen, und wäre die Mythenneu-
bildung heute noch von genügender Lebhaftigkeit, so würde das Volk
naturnothwendig im Gewitterlärm das himmlische Geschützfeuer ver-
nehmen. Ahnlich verhält es sich zunächst mit der Sagenbildung, welche
sich um historische Persönlichkeiten oder Ereignisse krystallisirt.
An die deutsche Kaisersage sind eine ganze Reihe atmosphärischer
Mythenelemente durch passiv associative Auslösung angewachsen;
der Todtenkampf über den katalaunischen Gefilden ist ein weit ver-
folgbarer atmosphärischer Mythus. Um ein Ereigniß von starkem
Gefühlswerth, sei es aus dem Natur- oder Menschenleben, als Kry-
stallisationscentrum schießen die phantastischen Mythisirungselemente
reichlich zusammen, noch ehe ein Erzähler von Initiative mit schöpfe-
rischer Willkür an die Ausgestaltung der Überlieferung herangetreten
ist. Festzuhalten ist also: der Mythus entspringt passiven Vorgängen
der durch Ereignisse von Gefühlswerth aufgeregten Phantasie: er ist
die ohne Willensimpuls erfolgende associative Angleichung des Un-
bekannten an das Bekannte.
Die Sprachforschung') lehrt, daß das indogermanische Urvolk
sich über eine weite Fläche ausdehnte, weit genug, daß verschiedenen-
orts verschiedene dialektische Differenzirungen eintraten und ver-
schiedenenorts aufkommende neue CulturbegrifFe in relativ kleinen
Bezirken herrschend wurden. Solche Bezirke aber berührten und
kreuzten sich mannigfach, und so ergab sich das complicirte Verwandt-
schaftsverhältniß der späterhin getrennten Einzel Völker. Ähnlich ist das
mythische Urverhältniß zu denken. In indogermanischer Zeit haben
(vornehmlich) atmosphärische Vorgänge mythenbildend gewirkt; man
verstand sie gemäß Vorgängen des täglichen Lebens: die Wolken als
Heerden, die Wetter als Kämpfe, die Wasser als Milch der Wolken-
kühe etc. Verschiedenenorts verstand man sie verschieden; solche Auf-
fassungen wanderten und wurden Gemeingut gewisser Districte. Indem
') Vgl. Öchiader, Sprachvergleichung'lSö.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. 9
sich solche Gebiete theilweise deckten, vermischten sich die disparat
entstandenen Anschauungen und wurden mit einander in Einklang, in
Compromiß gesetzt; sie verwuchsen und verglichen sich. Diesen Vor-
gang kann man jederzeit verfolgen. Bei den Einen ist heute der Sturm
ein rollender Fuhrmann, bei den Anderen der jagende Hackelberg,
bei Dritten der eiserne Nachtrabe. In Folge dessen wird auch be-
richtet, daß Hackelberg ein Fuhrmann gewesen; Anderen fliegt der
Rabe dem Jäger oder Fuhrmann voraus, Dritten ist er gar ein ver-
n uns ebener Fuhrmann.
Die atmosphärischen Erscheinungen tragen stets den Charakter
einer Vielheit. Es sind viele Wolken, viele Blitze, viele Gestirne,
vielstimmige Winde. Darum steht zu Anfang jeder Religion eine Poly-
daimonie. Es sind aber auch Einheitsmomente vorhanden, wie das
Alles verklärende Sonnenlicht. So mag es gekommen sein, daß aus
der Polydaimonie sich local eine oder einzelne Gottheiten herrschend
erhoben. Dieselben erwiesen sich furchtbar oder segensreich; man war
von ihnen abhängig. Hier setzt der Cult ein und mit ihm die Religion.
Dem Cult ist eigen die Ceremonie. Der naive Mensch spricht
eindringlich durch Geberden. Noch bis auf unsere Zeit flehte der
Ackerbürger um Regen, indem er Idol oder Symbol begoß oder in
Wasser tauchte; um Fruchtbarkeit, indem er sich neben ein Weib
auf das Ackerfeld mit der Geberde der Zeugung legte ').
An die Ceremonie hat sich dann naturnothwendig das begleitende
Wort geschlossen, und zwar, da der gehobenen Handlung der Rhyth-
mus eigen, die rhythmische Rede, deren so vielleicht der Mensch
überhaupt mächtig wurde. Natürlich handelte das begleitende Wort
von dem Inhalt der Ceremonie: von der Götterthat, dem Weltereigniß.
Es ist bekannt, daß hier Epos und Drama ihren Ursprung haben.
Die naive Naturanschauung, der primitive Mythus , mußte nach
anderer Richtung eine Ausgestaltung erfahren. Sobald sie nach Maß-
gabe menschlicher Verhältnisse sich gestaltete (beispielsweise das
Gewitter als ein — wiederkehrender — Kampf), verfiel sie der moti-
virenden Phantasie: aus der Anschauung wurde ein begründetes
(aber nicht vor Zeiten geschehenes, sondern wiederkehrendes) Ereig-
niß2): eine Fabel. Diese Fabel pflanzte sich von Mund zu Mund,
^) Daß es sich hierbei nur um einen Fruehtbarkeitszauber handelte, nicht die
Nachahmung eines himmlischen Vorganges, zeigt der analoge Gebrauch, das Baum-
pfropfen von einem nackten Mädchen vollziehen zu lassen, dem ein Mann unnatürlich
beiwohnte.
') Z. B. der Gewitterkampf begründet durch den Frauenraub.
10 L. BEER
gestaltete sieb weiter aus, wurde immer menschlicher und .schließlich
ein einmaliges, vormaliges Ereigniß: eine Sage^). Auf dem Wege
beständiger Fortbildung entwickelte sich so die schlichte Fabel zum
complicirten Roman, aus dem der Redegewandte, der Poet, künst-
lerische Gebilde schuf: jener Kunst folgend, die er dem Cult ab-
gelernt.
Die Ausgestaltung eines Mythus war zu allen Zeiten vornehm-
lich^) eine folgerichtige Ausmalung der Consequenzen gegebener Ver-
hältnisse. Prämisse: eine gespenstische Kuh geht um. Folgerung:
wehe, wem sie begegnet. Zweite Folgerung: Der Nachtwächter muß
ihr zwar begegnen, aber ihm schadet sie nicht. Der Blick des Basi-
lisken tödtet; um ihn zu tödten, hält mau ihm also einen Spiegel vor:
die verbreitete Sage vom Spiegeldrachen. Weit verbreitet ist die Sage
von Fluthen entstiegenen Stieren (eine nachweislich atmosphärische
Anschauung) : natürlich vermischen sie sich auch mit irdischen Rindern.
Natürlich sind die erzielten Kälber von besonderer Schönheit. Im
Walde weilen Waldfrauen. Natürlich vermischen sie sich auch mit
Menschen: das Weib unterliegt dem Gesetz der Zeugung^). Weit
i'crbreitet tanzen Wasserfräulein über Quellen und Seen (Nebelmythen).
Natürlich kommen sie auch in das Dorf zum Tanze. Wenn sich das
Wasser blutroth färbt (Luftspiegelung?), hat der grausame Nick in
der Tiefe eine Blutthat vollbracht*). Die Wasserjungfern verspäten
sich einmal beim Dorftanze, und wie sie untergetaucht sind, steigt
ein Blutstrahl auf: sie büßen mit dem Leben.
Gleichen Fortbildungen ist jeder lebendige Brauch unterworfen:
der Maibaum wird als Fetisch wider Übel aller Art auf Haus oder
Stall gepflanzt, aber auch vor Liebchens Kämmerlein oder die Schwelle
eines hochwohlweisen Magistrats zu gebührenden Ehren. Wehe dem
Mägdlein, dessen Leben nicht unbescholten; statt des blühenden Baumes
erhält es einen dürren Besen.
Eine ganz bestimmte Art der Fortbildung ist die zum Popanz.
Die Kinder sollen nicht die Halme niedertreten: man warnt sie vor
') Die Worte Mythus und Sage siud im Grunde gleichbedeutend; aber es ist
der Weg der Sprachfortbildung, daß ursprünglich gleichbedeutende Ausdrücke der
Verdeutlichung verschiedener Nuancirungen dienlich werden.
') Ein weiteres Moment ist die Auwanderung fremder Bestandtheile und die
Verschiebung der Motive.
') Sollte man glauben, daß ein bedeutender Forscher in dieser einfachen Fort-
bildung den unwiderstehlichen Eindruck der Waldnatur erblickte?
*) Eine von den tanzenden Jungfrauen ganz unabhängig auftretende Auffassung.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. U
der Kornmutter ^) , die im Getreide sitzt, Kinder fangend und tödtend.
Zu Fi-au Holle im Berg kommen die unartigen Kinder '■'), Eine
andere Fortbildung ist der Spuk, das Gespenst. Frau Holle als Nebel-
gestalt wird zum Trunkenbolde äffenden Spuk. In nordischer Über-
lieferung wird Kari zum Windspuk, der in der Julnacbt mit den
Fenstern klappend die einsamen Mädchen zu Tode ängstigt. Das
Alles, wie der Fetischismus, sind späte Fortbildungen, als solche von
einer concreten mythologischen Forschung bei Seite zu setzen.
Mit atmosphärischen Mythen hat die Mythik begonnen; und vor-
nehmlich atmosphärische (Nebel — Wolken — Wetter — Irrlicht — etc.)
Mythen sind es, mit denen sie fort und fort bereichert wird. Mit der
Zeit wandelten sich des Volkes Wohnsitze, Lebensgewohnheiten,
Anschauungen. In der Folge auch seine Mythik. Wie aber nach
Schraders (180) richtiger Bemerkung neue Begriffe, sofern sie nicht,
mit neuen Culturgegenständen übernommen, ihre Namen mitbrachten,
aus dem eigenen Sprachreichthum heiaus 'sich ergänzend benannt
werden, so gilt für die Mythik, daß neue Eindrücke der Natur mit
Hilfe alterworbener Anschauungen erfaßt werden: wie jede Mythik
das UnbegriflFene nach Analogie des Bekannten auffaßt, so werden
neu zu Bewußtsein gelangende Erscheinungen nach Analogie der
vorhandenen Naturauffassung versinnlicht. Ohne Noth schafft kein
Volk neue Worte; so lange das vorhandene Material reicht, wird es
verwandt: gewandelt, nicht vermehrt. Dem entsprechend durchwandelt
das Korn in der That der alte Windwolf, der Grauhund der Wolke^),
und, wie er zum Korndäraon verschoben, erscheinen Eber und Roß:
alte Windwolkengestalten, Dämonen oder Trabanten befruchtender
atmosphärischer Gottheiten. Jedes spätere Zei'talter wirth-
schaftet fort mit überkommenem Capital.
Innerhalb all dieser verschiedenen Phasen der Mythenfortbildung
zu einfachen und complicirten Fabeln und Romanen einerseits, zu
Religion und Ceremoniell andererseits greift ein bedeutsames Moment
ein: die Wanderung*). Anschauungen und Gebräuche, Volkserzählungen
und Gedichte wandern von Mund zu Mund. Getrennt Entstandenes
*) Über deren ursprünglich atmosphärische Natur Laistner willkommene Anhalts-
punkte gewährt hat. (Nebels.)
^) Ursprünglich alle Kinderseelen.
') Wenn der Wind das Korn bewegt, sagt man: der Wolf geht durch (über)
das Korn.
*) Ein Momeni, das Müllenhofi" bei seiner berechtigten Forderung, die Über-
lieferung an Ort und Stelle festzuhalten, zu wenig beachtet.
12 L- BEER
wird vereinigt; eine schlichte Überlieferung macht vevschiedenenorts
divergirende DifFerenzirungen durch, diese begegnen sich von Neuem,
werden vom Erzählermimd combinirt oder mischen sich unwillkürlich
in des Berichterstatters Gedächtniß, mit einander verwachsend. Fast
jede auf uns gekommene Überlieferung ist ein complicirtes Resultat
von Fortbildung, Anwanderung, Compromiß, Corabination, Verwachsen.
Einzelne Züge werden beliebt und wandern von Sage zu Sage. Ein-
zelne, ehedem bedeutungsvolle Züge werden leeres Wanderrequisit:
Wunderschwerter, undurchdringliche Gewänder. Wenn Freyr zu Hai-
ders Leichenfeier auf dem Eber reitet, so wird ihm dieser lediglich
als typisches Requisit beigegeben.
Diese Wanderverhältnisse, Avelche Gustav Meyer in so ver-
blüffender Weise für die Märchenkunde erwiesen hat, sind auch für
die Erscheinungen des Polytheismvis in Betracht zu ziehen. Die
meisten Göttergestalten wie der Griechen so der Germanen stehen
einander ganz nahe in ihrer Bedeutung; Odinn der Sturmgott ist auch
Dämonenbekämpfer ') und Fruchtbarkeitsgott, herrscht in den Wolken
wie im Meer, sein Speer scheint den Blitz zu bedeuten; alle diese
Eigenschaften treffen für Thor zu, der größte Theil für Freyr, ein
Theil für Tyr, der mit Odin und Freyr auch die Sonnengottschaft und
mit allen genannten die jahreszeitliche Bedeutung gemein hat").
Folglich können alle diese Götter nicht gleichen Ortes gleichzeitig
entstanden sein; sie müsseu sich durch Wanderung zusammengefunden
haben. Max Müller hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Veden
kein System kennen: der Vater ihnen bald der Sohn, der Bruder der
Gemahl ist. Ahnlich verhält es sich bei den Germanen: nur für den
Norden ist ein (schwankendes) Göttersystera festzustellen, sonst tiberall
lediglich ein -beschränkter Polytheismus zu erweisen. Nicht
viel anders in Griechenland, wo das ausgebildete System nur für
die unter natürlichem Zwang ihrer Kunst systematisirenden
Dichter zu existiren scheint. So ergibt sich mit Nothwendigkeit:
jedes System ist ein Compromiß zusammengewanderter Gottheiten,
die alle, hieratisch in den Cult übernommen, mit einander in Aus-
gleich gebracht und nach Analogie menschlicher Verhältnisse genea-
logisch verknüpft wurden. Das System hat nur die Bedeutung einer
Phase; einer Phase aber zu ihrem historischen Rechte zu verhelfen,
das vermag nur eine principiell gefestete Geschichtswissenschaft.
') Das Alles soll andrenorts verfolgt werden.
') Daß Balder die meisten der erwähnten Züge ursprünglich zukamen, haben
Grimms und MüUenbofifs Untersuchungen wahrscheinlich gemacht.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. 13
Der Zusammenfassung dei* Götterwelt zu Systemen entspricht
die Zusammenfassung der Sagenwelt zu Cyklen: Beides Werke der
Tendenz des menschlichen Bewußtseins auf einheitliche Auffas-
sung. Um eine heroische Gestalt oder That kry stallisiren sich
alle möglichen Überlieferungen. Die hellenische Ilias, die nordische
Lokimanie haben cyclische Sagenansamralungen und Sagenuuibil-
dunsren veranlaßt. Der zürnende Held, der bettelhaft zurückkehrend
die Buhler seines Weibes erschlägt, wächst au die Troersage: er ist
einer der von Troja heimkehrenden Helden, unterwegs gescheitert;
und in den Rahmen zwischen Ilias und Nostos krystallisirt sich eine
Welt von Schiffermärcheu. Im Norden hat eine Zeit hindurch der
Weltuntergangsmythus vorgeherrscht und alle erreichbaren Sagen
augeglichen. Dichter haben kosmogonische Phantasien verfaßt und
alles geeignete Material eingeordnet. Um die Gestalt des Siegfrid und
seine speciiische Heldenthat krystallisirte sich eine Anzahl Abenteuer;
um dieses Centrum erwuchs ein Geschlechtsroman , und das Ganze
wurde local in einen künstlerischen Rahmen ethischen Inhalts ein-
geordnet: enthaltend den Fluch des (geraubten) Goldes, der erst er-
lischt mit seinem Heimfall.
Mythus, Fabel, Roman, Cyklus sind streng zu scheiden. Dem
ersten ist es zu thuu um die Auffassung, der zweiten um die Moti-
virung, dem dritten um die Ausgestaltung, dem vierten um die Zu-
sammenfassung. Man wird zugeben, daß unter solchen Verhältnissen
die strengste Analyse erforderlich ist: nicht allein für die Gedichte,
für jede Sagenüberlieferung,
Fassen wir diese gesammten Erörterungen in einen Satz zu-
sammen, so lautet er dahin, daß disparat entstandene, gewanderte
und verglichene oder verwachsene Naturanschauungen auf allen diesen
Stadien sich zu Glauben, Bräuchen, Sagen fortentwickelten, und daß
alle diese Gebilde auf allen Stadien ihrer Entwickelung wanderten,
sich mischten, verglichen, verwuchsen. Hiermit sind wir angelangt bei
der methodischen Fragestellung: 1. Wie gruppirt sich das überkom-
mene Material (bezgl. wie ist es gruppirt worden)? 2. Wie ist es
wissenschaftlich zu bewältigen?
Die Uberlieferuugsmasse enthält: 1. Volksglauben sehr verschie-
dener Art: d) Glauben, der sich direct anschließt an Götter und
Dämonen, an deren Walten und Persönlichkeit; freilich aus sehr
verschiedenen Zeiten und auf verschiedensten Entwicklungsstufen;
6) Glauben unangesehen Götter uud Dämonen: die Menschen als
Bäume gewachsen; c) Glauben auf der Stufe von Spuk uud Popanzen-
14 L. BEER
thum (Schamanismas). 2. Volksgebräuche: entweder rituell-ceremo-
nieüer Natur oder abgeleitetes Amuletenthum, Fetischismus; die ersteren
theils entsprungen dem Volksglauben betreffs Götter und Dämonen :
pantomimische Bitten, Demüthigungen, Lobes- und Dankeserhebungen —
theils irgend einer Ideenassociation entsprungen, wie das Verbot, bei
Mond wachs thum Bäume zu fällen; die letzteren theils degradirte
Cereraonien, ihres rituellen Charakters entkleidet, oft unverstanden und
mißdeutet oder falsch angewandt, nur im Gerüche der Heiligkeit
stehend und für das Wohlergehen unerläßlich, bezüglich zu allerlei
Erwünschtem verhelfend — theils Amulet gewordene Symbole oder
Attribute der Gottheit — theils aber auch unangesehen irgendwelchen
rituellen Ursprungs auf natürliche Analogieübertragung zurückgehend;
so das Durchkriechen wachsthurasschwacher Kinder durch die Wur-
zeln sprossender Stämme: es soll etwas von der Triebkraft übertragen
werden. Volksglauben und Volksbräuche, soweit sie nichts mit Göttern
und Dämonen zu thun haben, faßte man zusammen unter dem Namen
Volkskunde. 3. Prosaische Volksüberlieferungen einmaliger Erleb-
nisse, vielfach Volkssagen genannt: fabulirende Auswüchse wirk-
licher Begebenheiten von Gefühlswerth, sei es einmaliger historischer
oder wiederkehrender Naturereignisse. 4. Prosaische Volksüberliefe-
rungen unmöglicher, von Niemandem erlebter Wunderdinge: die Mär-
chen; theils eingewandert, wobei wiederum die angewanderten heimi-
schen Elemente, die nationalen Anwüchse abzuscheiden und für sich
zu betrachten sind — theils local erwachsen als Ausartung hieratischer
Wunder zu unmöglichen Phantasmen. Denn dem Märchen als solchen
ist das unbegreiflich Wunderbare, das ungezügelt Fabulirende wesens-
eigenthümlich und Selbstzweck; was bei den Buddhisten moralisirende
Legende war, wurde abendländisch staunenerregende Phantastik; und
ganz dem nämlichen Entwicklungszustand streben im Volksmund die
alten Mythen von der Jungfrau auf dem Glasberg und dem Jung-
frauen raubenden Drachen zu. 5. Poetische Überlieferungen von ein-
maligen Ereignissen der Götter- und Heldenwelt. Sie tragen einen
durchaus individuell dichterischen Charakter, werden aber gleichwohl
mit den Volkssagen unter die 'Sagenkunde' begriffen, während wie-
derum die Märchenkunde mit der Volkskunde verquickt wird. Hiera-
tischer Volksglauben und Volksbrauch, der an Götter und Dämonen
anknüpft, Volkssagen und poetische Überlieferungen hieratischen In-
halts werden unter dem Namen 'Mythologie' zusammengefaßt. Also
eine auf ungenügender Kenutniß des Materials beruhende unpraktische
Namengebung. Denn es ist klar, daß die hieratischen und die nicht
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. 15
hieratischen ISaturauscbauuiigen für eine Naturgeschichte des mensch-
lichen Geistes, als welche jede Geisteswissenschaft zu fassen ist, nicht
trennbar sind, die Volksbräuche verschiedenster Art den nämlichen
psychologischen Gesetzen entspringen und alle Arten der Volkssage
den nämlichen Gesetzen ihren Eutwicklungsverlauf verdanken. Man
muß sich bewußt bleiben, daß jeder Volksbrauch auf einen Volks-
glauben, ein Theil der Volkssagen auf Volksglauben und Volksbrauch,
die einheimischen Märchen bezüglich Märchenelemente auf Volks-
glauben, -Brauch und -Sage zurückgehen, das Sagengedicht aber eine
freie dichterische Schöpfung auf Grund eines vorhandenen Materials
von Volksglauben, -Brauch, -Sage und -Märchen ist. Der Mutterboden
dieser Entwickelungsreihe ist also der Volksglauben, d. i. eine Summe
von Naturanschauungen, welche die unbekannten Naturvorgänge nach
Analogie der bekannten auffassen: die Wolkenheerde als Lämmer-
heerde, den Donner als Bergsturz oder flammerwurf, den Regen als
Brunnenwasser oder nährende Kuhmilch, den Menschen als losgelösten
Baum. Um ihn zu gewinnen, muß man studiren: 1. Die litterarische
Eigenthümlichkeit jedes Sagengedichtes: wer hat es verfaßt, zu wel-
cher Zeit, für welches Publikum, auf was abzweckend, aus welchem
Anschauungskreis, von wem beeinflußt, unter Verwendung welcher
Elemente? 2. Die genetische Eigenthümlichkeit jedes Märchens: was
ist einheimisch, was zugewandert, unter Ersterem was typisches Re-
quisit, was nach Clustern, was Grundstock, was zusammengewandert,
aus was die überlieferten Bestandtheile verschoben? 3. Die genetische
Eigenthümlichkeit jeder Volkssage, hieratischer wie nicht hieratischer:
wie, wo und wann entwickelte sie sich, unter Mitwirkung welcher
psychischen, physischen und historischen Bedingungen, unmittelbar
anknüpfend an eine Naturanschauung? unter Anwachsen von Wander-
elementen? unter logischen Folgerungen aus gegebenen Prämissen,
Compromiß, Combiuation und sonstigen Fortbildungen? mithin eine
Herausschälung des Sageukernes unter Feststellung a) der fortbilden-
den Elemente, ß) der Gesetze der Fortbildung, y) der Gesetze der
Wanderung, d) des Inhaltes der isolirten Grund- und Nebenbestand-
theile. 4. Das Verhältniß des Volksbrauches zum Volksglauben und
das historische Verhältniß der verschiedenen Arten der Volksbräuche
zu einander: eine Studie der pantomimischen Ceremonic einerseits,
des abergläubischen Fetischismus andererseits. 5. Die Feststellung
und historische Kritik des überlieferten Volksglaubens jeder Art, um
zu gewinnen: a) das Verhältniß des primitiven Mythus zu dem Natur-
ereigniß; h) die Gesetze seiner Fortbildung zu Fabel, Roman, Gyklus
16 L. HEER, ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK-
(System, Genealogie) einerseits, zu Religion, Cultus, Ceremouie anderer-
seits. Auf diese Weise wird man eruiren : I. eine Summe verschiedenen-
orts und verschiedenzeitig entstandener Naturanschauungen , II. die
Gesetze, nach welchen dieselben entstehen, und III. nach welchen
sie sich fortbilden. Es ist dann schon eine wissenschaftliche That,
eine einzige Sage zu isoliren und nach ihrer Natur, Verbreitung,
Wandelung und Wanderung zu ergründen, einerlei, ob sie älter oder
jünger, hieratisch oder profan, urdeutsch oder eingewandert, dem
einen oder dem anderen Gotte zugeschrieben sei. Dann sind die Auf-
gaben der Mythologie als der Wissenschaft von den Naturanschauungen
hieratischer Bedeutung (und ihren Fortbildungen in Sage und Dich-
tung) nur lösbar als Theil einer Geisteswissenschaft, welche anstrebt,
den Gesainmtbestaud der überlieferten Sagengedichte, Sagenprosen und
Märchen; Ceremonien und Qacksalbereien wie Fetischismen; Götter-
himmel und Dämonenreiche wie Schamanismen und Popanzen ; Natur-
anschauungen hieratischen wie profanen Inhalts zu untersuchen auf
die Gesetze ihres Werdethums und ihrer Entwickelung. So schwer
für eine derartige Wissenschaft eine umfassende Benennung zu finden
wäre, so bestimmt steht ihr Programm da: wie die Sprachwissenschaft
die Sprache als ein spätes und complicirtes Product einer unabsehbar
langen Entwickelung auffaßt und deren Entwickelungsgesetze, Ur-
elemente, spätere Bereicherungen zu ergründen sucht, so hat eine
Wissenschaft von Volksglauben, -Brauch und -Überlieferung das über-
kommene Material (zunächst national) als Entwickelungsproduct aufzu-
fassen und diese Entwickelung: ihre Gesetze, die Urelemente, die An-
wüchse oder Verschiebungen, festzustellen; wie die Sprachgeschichte
darthut, daß alle Sprachen unserer Völkerfamilie einem gemeinsamen
Mutterboden entwachsen sind, so sind die nationalen Überlieferungen
an Glauben, Brauch und Sage zurückzuführen auf einen indoger-
manischen gemeinsamen Bestand von Urelementen; wie unter den
sprachlichen Urelementen verschiedene Wurzeln die gleiche Bedeutung
aufweisen, also verschiedenenorts zur Befriedigung eines identischen
Bedürfnisses entstanden, durch Wanderung Gemeingut und im Com-
promiß verglichen wurden, so haben sich auf dem Gebiete der Natur-
anschauungen indogermanischer Zeit für den nämlichen Vorgang ver-
schiedenenorts die verschiedensten Auffassungen gebildet, durch Wande-
rung vermischt, in Compromissen geschlichtet oder innige Verbindungen
eingegangen; und so sind ferner aus der Polydämonie verschiedenenorts
verschiedene Gottheiten von nahezu identischem Gehalt erwachsen, die
durch Wanderung von Mund zu Mund sich zusammenfanden und im
Compromiß genealogisch und systematisch vereinbart wurden.
O. GLÖDE, DER NORDISCHE TRISTANROMAN etc. 17
Eine historisch-kritische Zurrtckführung der gegebenen hierati-
schen wie nicht hieratischen Überlieferungsmasse an Sage und Brauch,
Glauben und Aberglauben auf ihre Urelemente und Entwickelungs-
gesetze, ein indogermanischer Bestand gemeinsamer Urelemente, eine
principielle Entwickelungsgeschichte dieser Elemente zu ihren späteren
Gebilden in Religion und Sagenthum: das ist das Prognostikon, das
dieser Geisteswissenschaft zu stellen ist.
BERLIN, 21. Mai 1887. L. BEER.
DER NORDISCHE TRISTANROMAN UND DIE
ÄSTHETISCHE WÜRDIGUNG GOTTFRIEDS VON
STRASSBURG.
Bis zum Jahre 1878, wo Kölbing den nordischen Tristanroman
edirte^), wußte man, daß Gottfrieds Tristan, die Bruchstücke des Thomas
(bei Fr. Michel), das englische Gedicht und die nordische Sage im
Allgemeinen derselben Tradition folgten. Vollständig bekannt gemacht
wurde der nordische Prosaroman zuerst von Kölbing und konnte
daher auch erst von diesem Zeitpunkte ab in Bezug auf seinen Werth
für die Beurtheilung des deutschen Tristandichters geprüft werden.
Kölbing hat dies in der Einleitung zu seiner Ausgabe gethan und ist
zu einem 'Resultat gekommen , welches die frühere Auffassung von
Gottfrieds Werk gänzlich verwirft. Wegen der Wichtigkeit dieses
Urtheils für meine ganze Untersuchung will ich hier Kölbings Worte
vorausschicken; er sagt Einleitung p. CXLVII ff.: y,Am resultat-
reichsten erscheint mir die auf dem vorigen Bogen gebotene Unter-
suchung für Gottfried von Straßburg zu sein. Wir wissen jetzt ziem-
lich sicher, daß er nach dem Gedichte des Thomas gearbeitet hat.
Als Repräsentant für dessen verlorene Abschnitte gilt uns die Saga. —
Jetzt erst sind wir wenigstens annähernd in der Lage, uns über das
Verhältniß dieses Dichters zu seiner Quelle ein Urtheil zu bilden.
Wir können dasselbe dahin zusammenfassen, daß Gottfried sich in
Allem, was den sachlichen Inhalt seiner Vorlage angeht, peinlich
genau an dieselbe gehalten, ja lange Stellen fast Wort für Wort über-
') Die nordische und die englische Version der Tristansage, herausgegeben ron
E. Kölbing. I. Theil: Tristrams Saga ok Isondor, herausgeg. von E. Kölbing. Heil-
bronn 1878.
GERMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 2
18 O. GLÖDE
tragen hat. Modificationen oder Weglassungen hat er sich nur dann
erlaubt, wenn sein für das wirklich Poetische fein angelegter Ge-
schmack sich gegen ein Thema oder einen Ausdruck ablehnend ver-
hielt, aber selbst dann weist er uns — wenigstens an einer Stelle —
selbst darauf hin. Gottfried ist, ebenso wie Hartmann, ein feinsinniger
Übersetzer, nur daß er freilich die Befähigung hierzu in noch wesent-
lich höherem Grade besitzt als jener; als einen Dichter, welcher in
selbständiger Gestaltungskraft über seinem Stoffe steht, der Uneben-
heiten des Originals bessert oder ausgleicht, die Darstellung modernen
Verhältnissen näher bringt, sich volksthümlicher zeigt, aus bewußter
Welt- und Menschenkenntniß ändert, Charaktere veredelt im Ver-
hältniß zu seiner Quelle, mit einem Worte, als einen so idealen und
großen Geist, als welchen ihn Heinzel ^) hinstellen möchte, werden wir
ihn von jetzt ab nicht mehr zu betrachten haben. Diese herbe Ent-
täuschung wird nun vielleicht dazu dienen, einer in neuerer Zeit viel-
fach vertretenen Richtung, als deren geistreichsten und scharfsinnigsten,
aber zugleich doch auch wohl am wenigsten maßhaltenden Vertreter
sich Heinzel in seiner Abhandlung über Gottfried gezeigt hat, der
Neigung, denjenigen unserer mhd. Dichter, welche nach französischen
Quellen gearbeitet haben, diesen gegenüber eine übergroße Fülle von
Subjectivität und selbständigem Urtheil zu vindiciren, ein- für allemal
ein Ende zu machen. Gerade hier ist eine pessimistische Anschauungs-
weise nur allzu gerechtfertigt. Es wird sich vielmehr in Zukunft das
Augenmerk in wesentlich höherem Grade, als dies bisher geschehen,
auf die stylistischen Unterschiede zwischen den altfranz. Quellen und
ihren mhd. Übertragungen richten müssen, und gerade dabei werden
die Vorzüge wie die Schwächen der letzteren in ein neues und helleres
Licht treten.
„Daß mancher einzelne Punkt in meiner Abhandlung strittig
bleiben, vielleicht auch manche Einzelauffassung als unrichtig nach-
gewiesen werden wird, daran zweifle ich keineswegs. Die hier am
Schlüsse aufgeführten Gesammtresultate aber werden hoffentlich un-
anfechtbar sein."
Kölbing nennt sein Resultat eine herbe Enttäuschung, und eine
solche ist es ohne Zweifel, wenn man betrachtet, wie hervorragende
Männer unserer Wissenschaft über Gottfried und sein Werk geurtheilt
haben.
Der alte Docen in seinem für die Werthschätzung Gottfrieds
') Über Heinzela Arbeiten werde ich später sprechen.
DER NORDISCHE TRISTANORMAN etc. 19
epochemachenden Aufsatze (Museum für altdeutsche Literatur und
Kunst, herausgeg. von v. d. Hagen, Docen u. Büsching, Berlin 1809)
sagt von den mhd. Dichtern insgesammt: „Sie arbeiteten und schufen
mit jenem lebendigen Gefühl eigenen Bildens, ohne welche die Poesie
nur ein mühsames Nachzeichnen, keine neue Belebung des gegebenen
Stoffes gewesen wäre. Mit diesem Gefühl wurde von den griechischen
Tragikern und den Malern Italiens immer derselbe Gegenstand er-
neuert dargestellt, ohne daß Jemand hier nach dem Verdienst der
ersten Erfindung gegeizt hätte."
Auch J. Grimm nennt den Tristan „das anmuthigste Gedicht der
Welt", und Maßmann (Dichtungen d. d. Mittelalters, Bd. II, Einl. p. 9,
Leipzig 1843) sagt von dem Tristandichter: „Er ist ein Dichter im
ganzen Sinne des Wortes, der seinen Stoff mit vollster Freiheit be-
herrschte und gestaltete, daß sein Tristan als durchaus neu und sein
Eigen erschien, ein Werk vorher nicht dagewesener Schilderungsgabe,
voll lieblicher Anmuth, seltener Seelenkunde und reichster Gedankenr
fülle, ein Werk wahrhaft künstlerischer Formvollendung."
Dann ist es vor allen Dingen R. Bechstein, der Herausgeber
von Gottfrieds und Heinrichs von Freiberg Tristan, der Gottfried das
höchste Lob spendet. Schon sein auf die Herausgabe der Werke des
Meisters und seines bedeutendsten Schülers verwandter Fleiß gibt ein
ZeugniÜ von seiner Verehrung; ausgesprochen hat er dieselbe an
verschiedenen Stellen seiner Werke. Er sagt [Ausgabe d. Tristan, 1869,
Einl. p. IV] : „Die Literaturgeschichte hat ihr Urtheil dahin festgestellt,
daß Gottfried von Straßburg als einer der hervorragendsten Dichter,
den Deutschland je geboren, in Ehren zu halten ist, als ein wirk-
licher Classiker unseres Alterthums": p. XXXVII: „So spricht und
dichtet niemals ein Übersetzer, sondern nur ein freier Künstler."
Bechstein schließt die Einleitung zu seiner Ausgabe mit den Worten:
„Zum Schlüsse sei mir vergönnt den Wunsch auszusprechen, daß
meine Bemühungen für dieses goldene Gedicht dazu beitragen möchten,
seine Freunde ihm noch näher zu verbinden und neue Bewunderer
ihm zu gewinnen."
Ebenso weiß R. Heinzel in seinen beiden ausgezeichneten Auf-
sätzen *) Gottfrieds ungemeine Empfänglichkeit für die Welt der Schön-
heit, des Genusses und vor allen Dingen der Liebe, seine bewußte
») 1. Über Gottfried V. Straßburg, Ztschr. f.d. österr. Gymn. 1868, p. 533—563.
2, Gottfrieds v. Straßburg Tristan und seine Quelle, Ztschr. f. d. Alt. XIV (II), 1869,
p. 272—446.
2*
20 O. GLÖDE
Welt- und Menschenkenntniß, sein Geschick in der Composition u. a. m.
nicht genug zu rühmen.
Schon 1876 sagt R. Bechstein [Tristan und Isolt in deutschen
Dichtungen der Neuzeit, Anm. 3]: „Quellenforschungen sind jetzt an
der Tagesordnung. Aus ihnen wird später auch die ästhetische Beur-
theilung Gewinn ziehen. Es wird sich immer mehr herausstellen, wie
unsere alten Dichter gearbeitet haben, inwieweit sie der Quelle unter-
than und inwieweit sie in der Benutzung des Stoffes selbständig sind.
Manches, was ich als bezeichnend für die Dichtung der Vorzeit auf-
gestellt, mag künftighin modificirt werden."
Zwei Jahre später erschien Kölbings Buch, und die Beurtheilung
von Gottfrieds Werk wurde dadurch nicht in einigen Punkten modi-
ficirt, sondern fast umgestoßen und durch eine andere ersetzt, wie
Kölbings Worte oben selbst gezeigt haben. In demselben Jahre, wo
Kölbing den nordischen Prosaroman edirt, sagt E. Lobedanz [Das
französische Element in Gottfrieds von Straüburg Tristan, Rost. Diss.
1878, p. 7j, der sehr wahrscheinlich Kölbings Buch noch nicht kannte,
über das Verhältniß unserer mhd. Epen zu ihren Vorbildern: „Es
waren dies keineswegs Nachdichtungen im modernen Sinne. Diese
haben gleiche oder ähnliche Grundlagen wie ihre Vorbilder, aber sie
tragen doch den Stempel einer neuen geistigen Individualität. Im
Mittelalter beschränkte der Nachahmer sich wesentlich auf eine freie
Übersetzung des Originals, die er durch eigene Betrachtungen sitt-
lichen oder psychologischen Inhalts glossirte."
Gegen diese Ansicht von Lobedanz hat sich schon K. Lüth
[Der Ausdruck dichterischer Individualität in Gottfrieds Tristan, Par-
chim 1881, Programm] ausgelassen ;, aber Kölbings Ansicht erwähnt
er mit keinem Worte. Seine Arbeit enthält ein ausgezeichnetes Material
zur Widerlegung von Kölbing, denn nachdem dieser sich in so ab-
sprechender Weise über Gottfried geäußert hatte, durfte kein späterer
mehr wagen, über den Ausdruck dichterischer Individualität in Gott-
frieds Tristan zu schreiben, ohne gegen Kölbing in der heftigsten
Weise zu polemisiren. Der Einzige, der Kölbing widersprochen hat,
ist R. Bechstein. Im „höfischen Epos" [Stuttgart 1881] nennt er die
von ihm abgedruckte Stelle aus dem Tristan [p. 10807 — 11370] un-
beirrt durch Kölbings Resultate eine, die zu großem Theile in Com-
position und Ausführung das volle Eigenthum des Dichters ist, die
Gottfrieds feine und mit Humor durchwürzte Darstellungskunst in
schönstem Lichte zeigt.'' [Einl. p. V]. Einleitung p. XXIV spricht
der Verfasser von Kölbings Edition des Prosaromans und seiner Beur-
DER NORDISCHE TRISTANROMAN etc. 21
theilung des Tristan und sagt: „Ich begnüge mich dieses in meinen
Augen durchaus falsche und ungerechtfertigte Urtheil hier einfach
anzuführen. Zur Polemik und Widerlegung ist hier nicht der Ort."
Bewiesen hat Bechstein diese Behauptung nirgends. Ich will nun in
der folgenden Untersuchung Kölbings Einleitung genau durchprüfen
und sehen, ob seine Resultate als endgiltig entscheidende anzusehen
sind. Er gibt ja selbst zu, „daß mancher Punkt strittig bleiben, manche
Einzelauffassung als unrichtig nachgewiesen werden kann", aber wie
steht es dann mit dem unanfechtbaren Gesammtresultat? Wenn es
gelingen sollte, mehrere Auffassungen, die sich auf die ästhetische
Würdigung von Gottfrieds Werk beziehen, als unrichtig nachzuweisen,
würde der alte Sänger von Straßburg dann nicht in ganz anderem
Licht erscheinen, wäre dann die „pessimistische Anschauungsweise"
noch gerechtfertigt? Quellenuntersuchungen wie die Kölbings haben
schon oft umgestaltend auf die Auffassung einzelner Autoren gewirkt,
sei es in Bezug auf die Größe derselben vernichtend oder ihren Ruhm
steigernd, immer aber müssen sie sorgfältig geprüft werden. So ist
es auch in unserem Fall; Kölbings Urtheil, das er sich durch gründ-
liches philologisches Studium erworben hat, ist da, es muß von allen
Seiten angesehen werden und ist zu acceptiren, wenn es nicht widerlegt
werden kann, unbekümmert um persönliche Vorliebe für Gottfried und
sein Werk.
Zunächst werden wir auf einen Unterschied in der Behandlung
des Stoffes geführt, bei Gottfried Poesie, im nordischen Prosaroman
Prosa. Gottfrieds melodische Sprache, sein bilderreicher Stil ist öfters
Gegenstand der Untersuchung geworden. Ist nicht auch die äußere
Form maßgebend bei der ästhetischen Beurtheilung seines Gedichtes?
Koberstein sagt einmal: „In der mhd. Poesie wird in der besten
Zeit Alles individuell beseelt, mannigfaltig in Ausdruck und Wen-
dung, die Perioden sind kunstreich und geschmackvoll gebaut und
der Stil der Natur des Stoffes angepaßt trägt dabei das Gepräge
der besonderen Persönlichkeit des Dichters." Also auch nach dieser
Seite hin erkennen wir die charakteristische Richtung der mittelalter-
lichen Dichtweise. Es soll darum hier eine Darlegung folgen , inwie-
weit auch die Form", in der uns Gottfried sein Gedicht hinterlassen
hat, sein individuelles Gepräge trägt, und in dieser Beziehung bringt
die Arbeit von Lüth ein schätzenswerthes Material. Gottfried nimmt,
was seine Sprache ihm bietet, und in besonderer Herrschaft und
Überlegenheit bedient er sich derselben. Zierlich und leicht gleitet
seine Rede dahin, sich dem Gange der Erzählung anschmiegend;
22 O. GLÖDE
WO er betrachtend und reflectirend den Stoff ausdehnt, da geht
auch sein Redestrom breitere ^Bahnen. Sein Ausdruck ist scharf
und treffend, die Fülle und der Reichthum an Worten bewunderungs-
würdig. Die Verbindung allitterirender Worte, die Anapher, der
Chiasmus, das Asyndeton, Gottfrieds weit ausgedehnte Synonymik, die
Wortzusammensetzungen, Alles wird bei Lüth eingehend besprochen,
und Gottfrieds meisterhafte Anwendung aller dieser Mittel hervor-
gehoben. Eine solche Sprache, ein solcher Stil reift nur durch jahre-
lange Übung heran (Bechstein, Einl.). Wie sein Stil, wie seine Worte,
so tragen auch die Verse, zu denen er sie vereinigt, das individuelle
Gepräge des Meisters. Er hat es verstanden , sie zu schönen, reinen,
leicht dahingleitenden Paaren zu verbinden, mehr als einer der Kunst-
genossen. Die Reinheit der Reime, die bei Gottfried geradezu bewun-
dernswürdig ist, die zahlreichen rührenden Reime verrathen auf Schritt
und Tritt den Künstler. Besonders ist es auch die Reimbrechung, die
Gottfrieds Versen jene Lebendigkeit verleiht, die jeden Leser stets
wieder mit neuem Vergnügen erfüllt'). Dies Alles erwähnt Kölbing
mit keiner Silbe, als ob jeder beliebige Mensch der mhd. Periode
dies auch hätte ausführen können. Ein Übersetzer war sicherlich nicht
im Stande, ein solches Werk zu ^schaffen. Kölbings Buch ist eine
peinliche, streng wissenschaftliche Vergleichung der nordischen, eng-
lischen und deutschen Version der Tristansage, und als solche ist sie
von der höchsten Bedeutung, aber bei einer ästhetischen Beurtheilung
von Gottfrieds Tristan müssen alle von mir bisher erwähnten Momente
in Betracht gezogen werden. Wir werden am Schlüsse dieser Unter-
suchung sehen, ob und wie sie das Gesammtresultat verändern.
Vor allen Dingen war es Gottfrieds Sache^ seinen Stoff aus der
großen Menge der vorhandenen Sagenkreise auszuwählen. Wenn er
auch nicht mit dem Namen „Dichter" zu bezeichnen wäre, so liegt
doch immerhin ein kleines Verdienst darin, daß er als feinsinniger
Übersetzer sich einen Stoff wählte, der von so allgemeinem Interesse
war, dali seine poetische Reproduction der Vorlage auf Tlieilnahme
beim Publikum rechnen durfte. Dies ist ihm nun im vollsten Um-
fange gelungen, seine Zeitgenossen hielten ihn für einen großen
Dichter, ja sie lasen sein Werk auch, was die vielen Handschriften
bis ins 15. Jahrh. reichend beweisen. Er fand im Mittelalter zwei Fort-
') Über dieses ästhetisch schöne Princip der Reimbrechung werde ich im
Znsammenhang iu dieser Zeitschrift sprechen.
DER NORDISCHE TRISTANROMAN etc. 23
Setzer, und in der Neuzeit haben Männer wie Immermann, Kurz,
R. Wagner u. A. den Stoff nicht verschmäht.
Eine andere Frage, die mir am wichtigsten erscheint, ist die,
ob der nordische Prosaroman, der sicher Gottfrieds Tradition vertritt,
überhaupt in vollem Sinne als competent anzusehen ist, um von ihm
Rückschlüsse auf den deutschen Tristan zu machen. Es ist zu be-
denken, daß er selbst nur das Spiegelbild des Originals ist; wir ver-
gleichen also nur zwei Überarbeitungen eines nicht vorhandenen Ori-
ginals mit einander und schließen daraus auf den Werth der einen.
Der nordische Prosaroman ist 1226 aus dem Französischen über-
tragen, uns nur in wenigen Bruchstücken in einer Membrane des
15. Jhd. erhalten, während die Sage vollständig nur in einer Papier-
handschrift des 17. Jhd. aufbewahrt ist. Diese Thatsache hat Kölbing
nicht berücksichtigt, aber bei der Wichtigkeit der Frage — ein bisher
als gottbegnadet bezeichneter deutscher Dichter wird zum „geistreichen
Übersetzer" degradirt — darf man sie nicht aus den Augen lassen,
um gerecht zu urtheilen. Bei allen Schlüssen ist zu beachten, daß das
französische Original allein unanfechtbare Folgerungen gestattet. Aber
vielleicht ist dasselbe auf ewig verloren, und Kölbings Edition bleibt
immerhin eine verdienstvolle Leistung. Sie zeigt uns, |daß Gottfrieds
Gedicht sich in allen wichtigen Punkten an das französische Original
anschloß, und dies wußten wir allerdings auch vorher. Gottfried
selbst sollte neue Züge erfunden haben? Dann wäre er allerdings kein
mhd. Dichter, er stände da wie ein einsamer Fels im Meer, einzig
in seiner Zeit. Man muß doch bei der Beurtheilung eines Dichters
an erster Stelle die Zeitverhältnisse betrachten , unter denen er lebt.
Was einem ganzen Zeitalter widerspricht, ist von vornherein mit
Vorsicht aufzunehmen und hat sich noch in den meisten Fällen als
unhaltbar erwiesen. Gottfried wie alle mhd. Dichter thut sich im
Gegentheil viel darauf zu Gute, daß er seiner Quelle so genau folgt,
besonders anderen Traditionen gegenüber, die er als minder schön
erkannt hat.
Also der Werth des nordischen Prosaromans scheint mir von
vornherein für eine Werthschätzung von Gottfrieds Tristan sehr gering
zu sein. Im Folgenden will ich die Vergleichung der Prosabearbei-
tung mit dem Gedicht Gottfrieds vornehmen und die Schlüsse Kölbings
prüfen, die dieser aus der Vergleichung gezogen hat.
Der Prosaroman sagt in der Einleitung, daß die Geschichte von
Tristram und der Königin Isond im Jahre 1226 p. Chr. auf Befehl
des Königs Hakon vom Bruder Robert aufgezeichnet sei und zwar
24 O. GLÖDE
in norwegischer Sprache. Gottfrieds Einleitung umfaßt die Verse
1 — 242, und in diesen wenigen Eingangsstrophen liegt eine ungeheuere
Menge von Lebenserfahrung und dichterischem Genie. Eine Quelle,
woraus Gottfried hätte schöpfen können, lag hier sicherlich nicht
vor, diese Strophen sind sein unantastbares Eigen thura, hier ist er
sicher kein „geistreicher Übersetzer" ; und an solchen Stellen können
wir ja gerade sein Dichtertalent erkennen, wo er frei mit seiner Sprache
schaltet ohne Rücksicht auf die franz. Vorlage. Er wendet sich au
die Guten und Edelgesinnten, daÜ sie die Kunst fördern helfen und
das Verdienst anerkennen, denn nur durch Anerkennung entwickelt
es sich.
V. 17: Tiur unde wert ist mir der man
der guot und übel betrahten kan,
der mich und iegelichen man
nach sinem werde erkennen kan.
Darauf tadelt Gottfried solche, die durch Verkleinerungssucht alles
Verständniß und jede Fähigkeit der Beurtheilung auslöschen; er selbst
dichtet für die edle W^elt
A, 59: diu sament in einem herzen treit
ir süeze sür, ir liebez leit,
ir herzeliep, ir senede not,
ir liebez leben, ir leiden tot,
ir lieben tot, ir leidez leben.
Er schreibt uns sein Gedicht zur Kurzweil und Freude; das ist schöne
und edle Freude, sich betrachtend und mitfühlend hingeben dem
Schicksale derer, die einst waren.
Dann kommt der Dichter auf sein Thema, die Geschichte der
beiden Senedaere, „die reine sene wol täten schin, ein senedaere, ein
senedaerin."
Wer immer diese Einleitung zu Gottfrieds Tristan mit jenem
Verständniß liest, das er selbst für gute Bücher verlangt, kann dem
deutschen Sänger weder Originalität, noch Anmuth in der Rede, noch
einen tief sittlichen Charakter absprechen. Jedenfalls wird er nach der
Leetüre dieser wenigen Verse es für seine heiligste Pflicht halten, allen
Anschauungen, welche Gottfried zu einem Übersetzer machen wollen,
nicht eher zu glauben, als bis er sich durch den Vergleich über-
zeugt hat.
Kölbing sagt p. XVII über diese Einleitung zum Tristan: „Diese
ergibt für unseren Zweck nichts", was ganz richtig ist, da er ja nur
nach Übereinstimmungen zwischen dem englischen Tristan, Gottfrieds
DER NORDISCHE TRISTANROMAN etc. 25
Werk und der nordischen Sage sucht; aber für das letzte Urtheil
über den Werth des deutschen Dichters hätte gerade diese Einleitung
nebst den übrigen von mir schon erwähnten Punkten berücksichtigt
werden müssen. Ich bin überzeugt, daß die gerechte Würdigung dieser
Einleitung allein schon das Endurtheil zu Gunsten Gottfrieds ver-
ändert hätte, wenigstens Achtung erweckt hätte für* den Mann, der
sich in der folgenden Erzählung nur als „geistreicher Übersetzer"
präsentirte.
Schreiten wir nun zur Vergleichung einzelner Partien aus dem
Tristan und der nordischen Sage. Gottfried beginnt v. 243 die Ge-
schichte Riwalins und Blancheflürs.
Ein hörre in Parmenie was, S *).
Der järe ein kint, als ich ez las: A Bretlandi var eitt ungmenni,
der wag, als uns diu wärheit hinn fridasti madr ä likamans
an siner äventiure seit, fegrd, hinn vildasti rikra gjafa,
wol an gebürte künege genoz, oflugr ok audugr rikra kastala
an lande forsten ebengröz, ok borga, koenn til mangrar
des libes schoene und wunneclich, kunnattu, hinn roskvasti at rid-
getriuwe, küene, milte, rieh; daraskap , hinn »ruggasti at all-
und den er fröude solte tragen, skonar drengskap etc.
den was der herre in sinen tagen
ein fröude berndiu sunne.
er was der werlde ein wunne,
der ritterschefte ein lere,
siner rnäge ein ere,
sines landes zuoversiht.
Gerade an dieser Stelle, wo es sich um die Beschreibung von
allen möglichen Eigenschaften eines mächtigen Fürsten handelt, kann
man die Unterschiede deutlich darlegen. Der Prosaroman beginnt
mit der Hervorhebung der äußeren Schönheit, die ja auch Gottfried
als mhd. Dichter durchaus nicht zu erwähnen vergißt (v. 249: „des
llbes schöne und wunneclich"). In plastischer Weise erklärt er das
„h§rre" durch „an gebürte künege genoz, an lande fürsten ebengröz."
Das „künec" geht an dieser Stelle auf die Geburt, das „fürste" auf
die Herrschaft, und die Wirkung liegt darin, daß die Vergleichung
im zweiten Glied gesteigert wird. Der Prosaroman schildert die Vor-
züge des Riwalin in concreten Ausdrücken: „reich an Kastellen und
Städten, bewandert in manchen Kenntnissen u. s. w." So etwas er
*) Ich gebe den Text hier ganz genau nach Kölbings Ausgabe; einzelne Be-
merkungen über Stellen, wo meiner Ansicht nach anders zu lesen ist, werde ich am
anderen Orte bringen.
26 0. GLÖDE, DER NORDISCHE TRISTANROMAN etn.
zählt Gottfried nicht, aber die weitreichende Macht und die Vorzüge
des Kanelengres werden uns ebenso klar — nur in schönerer Form —
vorgeführt.
Es ist nicht meine Absicht, den ganzen Tristan und den nor-
dischen Roman in dieser Weise zu vergleichen; daß Gottfrieds
feinfühlige Art der Darstellung, sein hoher poetischer Sinn überall
die Sage übertreffen , wird wohl keiner ernstlich leugnen. Ich will
nur noch kurz auf diejenigen Stellen hinweisen, die sein volles Eigen-
thum sind, wo an „Übersetzung" schon deshalb nicht zu denken ist,
weil das Original [und dessen schlechter Abklatsch, der Prosaroman]
den Dichter im Stich ließen. So ist die Schwertleite voll poetischen
Schwungs. Da sich hier natürlich keine Vergleichungspunkte finden,
so wird bei Kölbing die ganze Stelle übergangen, bei der Würdigung
eines Dichtwerkes sind aber gerade dies die besten Stellen, wo der
Verfasser aus eigener Kraft schafft. Gottfried geht hier seinen eigenen,
ganz originellen Weg. Ebenso sagt Kölbing nichts über die „Jagd"
(v. 2757 — 3376). Auch hier sehen wir, was Gottfried aus seiner
Vorlage zu machen verstand, wenn überall der Prosaroman dieselbe
einigermaßen wiedergibt, was ich für durchaus unmöglich halte.
Die Worte der nordischen Sage klingen so trivial als möglich , das
Gespräch des Jägermeisters mit Tristan fehlt, und doch ist nichts
natürlicher, als daß — wie bei Gottfried — sie den Fremdling nach
seiner Heimat fragten, worauf Tristan dann antwortet:
V. 3094: „jensit Britauje lit ein laut,
deist Parmenie genant:
da ist min vater ein koufman."
Ich könnte noch manche Stellen anführen, wo Kölbing selbst die
Überlegenheit Gottfrieds zugibt, die Beschreibung der „Minne-
grotte" ist ein wahres Meisterstück. Auch nach Kölbing hat der Saga-
schreiber oftmals die Feinheit des Ausdrucks zerstört, Heinzel hat
oft recht, wenn er Änderungen Gottfrieds auf dessen individuelles
Gefühl zurückführt.
Die Vergleichung jeder Stelle von Gottfrieds Tristan mit der
entsprechenden des Prosaromans wird den Werth des deutschen Epos
nur noch heben; auf jeden Fall werden dadurch Kölbings Ansichten
an vielen Stollen raodificirt und umgestoßen, und wie steht es dann
mit dem Endurtheil über den Tristan Gottfrieds? Es ist seinem Haupt-
inhalt nach unhaltbar und falsch. Gottfried behält die Stellung inner-
halb der mhd. Glanzperiode, die ich im Eingange dieser Untersuchung
charakterisirt habe, denn der nordische Roman ist durchaus kein
K. HARTFELDEE, DEUTSCHE ÜBERSETZUNG V. CICEROS CATO etc. 27
Repräsentant der französischen Vorlage ; wäre er dies, so würde Gott-
fried in ein noch höheres Licht treten; dann dürften wir ihn nicht
mehr einfach einen großen Dichter nennen , sondern einen gott-
begnadeten Sänger unserer deutschen Vorzeit, und sein Werk würde
das beste, was das Mittelalter hervorgebracht hat, übertreffen. Bevor
die französische Vorlage vollständig vorliegt, sind aber auch solche
Lobpreisungen unberechtigt, mehr aber noch die absprechenden Ur-
theile jener Kritiker, auf die ich Gottfrieds Worte anwenden möchte
(Trist. 29-32):
„Ir ist so vil, die des uu pflegent,
daz si daz guote z' übele wegent,
daz übel wider ze guote wegent:
die pflegent niht, si widerpflegent."
WISMAR i. M. O. GLÖDE.
EINE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG VON CICEROS
CATO AUS DER HUMANISTENZEIT.
Die Heidelberger Universitätsbibliothek besitzt eine Papierhand-
schrift (cod. Pal. Germ. 469), welche auf den 97 ersten Blättern eine
deutsche Übersetzung von Ciceros Cato enthält. Die Handschrift
selbst gibt keinen Namen für den Übersetzer an, sondern auf das
erste gänzlich leere Blatt folgt sofort der Anfang der Übersetzung
selbst.
Bis jetzt galt die Übersetzung als wahrscheinlich von Jakob
Wimpfeling, dem bekannten Schlettstadter Humanisten, herrührend.
So sagt schon Friedrich Wilken: „Cicero vom Alter, wahrscheinlich
von Jakob Wimpfeling von Sclilettstadt übersetzt," *) Von Wilken ging
diese Ansicht in Goedekes Grundriß über'^), und ich selbst schloß
mich dieser Meinung an in meiner Arbeit: Deutsche Übersetzungen
classischer Schriftsteller aus dem Heidelberger Humauistenkreis (Heidel-
berg. Progr. 1884), S. 10 u. 34, wobei ich jedoch das „wahrscheinlich«
immer betonte.
Der einzige Grund, weshalb man Jakob Wimpfeling als den
muthmaßlichen Übersetzer annahm, war der Umstand, daß sich unmittel-
') Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergi-
schen Büchersammlungen (Heidelberg 1817), S. 484.
') Grundriß der deutschen Dichtung IP, S. 412, Nr. 59.
28 K. HARTFELDER
bar an die Übersetzung des ciceronischen Cato eine deutsche Epistel
Wimpfelin^s an Friedrich von Dalberg anschloß '), die eine Dedication
zu einer Übersetzung des Beroaldus De tribus fratribus sein sollte,
von welcher Schrift aber nur das Argument aufgenommen ist, während
die Schrift selbst fehlt. Man glaubte, daß auch der ciceronische Cato
von Winapfeling übersetzt sein müsse, weil die unmittelbar folgende,
Schrift seinen Namen nannte.
Nun ist aber klar, daß dieser Schluß keine zwingende Kraft hat.
Weil die zweite Übersetzung auf Wimpfeling zurückgeht, braucht die
erste deshalb nicht auch von ihm zu sein. Wollte man dagegen an-
führen, daß die ganze Handschrift von derselben Hand geschrieben,
so ist dies allerdings richtig. Aber die Hand ist nicht die Wimpfelings.
Der Schreiber der Handschrift und Wimpfeling sind sicher verschieden.
Zwar ist das Alter des Codex nicht sicher zu constatiren. Er gehörte
ehemals zur Bibliothek des Kurfürsten Ottheinrich von der Pfalz
(1556 — 1559), wie das in Gold gepreßte Bild des Kurfürsten und die
Jahreszahl 1558 auf dem vorderen Deckel zeigt. Auch die Züge der
Schrift weisen in das 16. Jahrhundert. Aber eine genauere Datirung
ist aus Mangel an Anhaltspunkten nicht möglich.
Daß aber Wimpfeling die fragliche Schrift Ciceros übersetzt
hätte, dafür existirt keine sonstige zuverlässige Angabe. Nun aber
braucht der Übersetzer des Cato gelegentlich das Zeitwort „sein" zum
Zwecke einer Umschreibung der flectirten Formen des Verbums; er sagt
also: sie sin (= sind) sich gesellen = sie gesellen sich etc. Gegen
diesen Mißbrauch der Copula eifert aber Wimpfeling in einem Briefe
an Jakob Boll als gegen eine schwäbische Unart, welche die Rhein-
länder nicht hätten, folgendermaßen: Sic etenim dicunt illi illepidi
concionatores (er meint die Schwaben). Dixit Jesus, ibat, ambulabat,
sanabat, docebat, respondebat. Der herre was sprechen, er was gon,
er was wandelen, er was gesunt machen, er was leren, was antwurten,
sicque de innumerabilibus: Ubi simplex verbum Germanicum sufficeret :
Der her sprach, Er gieng, Er wandelt, Er macht gesunt, Er leret, Er
antwurt etetc''). Schwerlich wird Wimpfeling in einen Fehler, den er
selbst so hart tadelt, verfallen" sein. Daher scheint mir die fragliche
Übersetzung trotz Wilken und Goedeke im Index der Wimpfeling'schen
Schriften zu streichen.
') Dieselbe ist ganz mitgetheüt in meiner erwäFinten Arbeit, S. 32.
') Der Briet", welcher in Wimpfelings Schrift „De inepta superflua verborum
resolucione etc." steht, wurde durch Crecelius wieder abgedruckt in Biriingers Ale-
mannia XII (1884), 8. 45.
EINE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG VON CICEROS CATO etc. 29
Von wem aber soll nun die. Übersetzung herrühren? Ich glaube
eine neue Spur gefunden zu haben. Der Friedrich von Daiberg, für
welchen Wimpfeling die Schrift des Beroaldus tibersetzte, welche
ursprünglich nach unserer Cato-Übersetzung gestanden hat, ist der
jüngere Bruder von Johann von Daiberg, genannt Camerarius, dem
Bischof von Worms und Kanzler der Pfalz, dem humanistisch ge-
bildeten Mäcen der rheinischen Humanisten. Nun weist Karl Morne-
weg in seiner Monographie über Johann von Daiberg ') nach, daß
für Friedrich von Daiberg der Oppenheimer Stiftspfarrer Johann Gott-
fried von Odernheim, der eine Pfründe bei St. Katharina zu Oppen-
heim hatte, 17 Übersetzungen classischer und humanistischer Schrift-
steller ins Deutsche angefertigt hat. Unter dieser erscheint neben
anderen Schriften Ciceros, wie De fato (nicht De divinatione, wie
Morneweg meint) und Paradoxa, auch eine Übersetzung von
Ciceros Cato von 1491. Die Übersetzungen Johann Gottfrieds
standen in einer Handschrift, welche ehemals zur Bibliothek des Dr.
Kloß von Frankfurt a. M. gehörte, dann 1835 in London versteigert
wurde und seither verschwunden ist, die aber möglicherweise noch in
einer nicht beachteten englischen Bibliothek steckt.
Die Vermuthung liegt nahe, daß wir in der Heidel-
berger Handschrift eine Abschrift der Gottfriedschen
Übersetzung besitzen.
Daß in der That eine Beziehung unserer Handschrift zu den
Gottfriedschen Übersetzungen vorhanden ist, macht noch eine andere
Thatsache wahrscheilich. Die deutsche Handschrift 451 der Heidel-
berger Universitätsbibliothek, welche ebenfalls Übersetzungen latei-
nischer Autoren ins Deutsche enthält, ist von derselben Hand geschrieben
wie Cod. Pal. Germ. 469 und gehörte auch einst in die Bibliothek
Ottheinrichs "). Der ganze Inhalt dieser zweiten Heidelberger Hand-
schrift deckt sich aber mit einzelnen Nummern der zur Zeit verlorenen
Kloßschen Handschrift mit den Gottfriedschen Übersetzungen: Cod.
Pal. Germ. 469. f. 1 — 29 = Kloß nr. 17 (Isokrates TCQog ^rj^övLxov)^
CPG. f. 30—73 = Kloß nr. 1 (Cicero de fato), CPG. f. 74—88 =
Kloß nr. 8 (Aristoteles von den häuslichen Dingen), CPG. f. 89 — 132
= Kloß nr. 14 (Lukian Charon), CPG. f. 182-231 = Kloß nr. 9
(Aristoteles von den Sitten). Es wird niemand glauben, daß eine so
auffallende Übereinstimmung reiner Zufall ist.
') Johann von Daiberg, ein deutscher Humanist und Bischof (Heidelberg 1887),
S. 20.
') Das Genauere darüber in meinem Programm S. 11 H.
30 K. HÄRTFELDER, DEUTSCHE ÜBERSETZUNG V. CICEROS CATO etc.
Wenn es nun höchst wahrscheinlich ist, daß unsere Übersetzung
von Ciceros Cato identisch ist mit der einstweilen verlorenen Über-
setzung Gottfrieds in der Kloß sehen Handschrift, so hätten wir in
dieser 1491 entstandenen Übersetzung zugleich die älteste deutsche
Übersetzung von Ciceros Cato. Denn nach Degen ^) ist die älteste
gedruckte Übersetzung von Cato die von Kaplan Johann Neuber zu
Schwartzenberg 1522 in Augsburg erschienene.
Für den Fall, daß die erwähnte Handschrift noch irgendwo vor-
handen ist, dürfte es aber von Wert sein^ die etwaige Identität mit
der Heidelberger zu constatieren, und zu diesem Zwecke möge es
gestattet sein, das Ende der Heidelberger handschriftlichen Über-
setzung hierher zu setzen ^) :
[Fol. 94.''] Darzu so ruwet mich auch nit, das ich etwan han
gelebt; dann ich* acht mich also gelebt han, das ich nit vmb sunst
oder vnnutzlichen sy geborn gewesen, vnnd bin vss disem leben als
vss einer herbergen vnd nit als vss einem huss abgeschaiden, wan
die natur halt uns gegeben ein offenn huss zu rasten, mit stettiglich
zu wonen. O den erlichen tag, so ich werde komen inn dise gotliche
geselschafft der geist vnnd von diser vnruwigen vnnd vnreynigen
befleckung abscheyden; wan ich werde komen zu den erlichen männer,
von den ich wenig hiefur han gesagt, sonder auch zu meynem kathoni,
dem da in den dogenden^) grosser vnnd in gutigkeit vbertrefFlicher
keiner nye ist funden worden, des dotter lib von mir ist verbrant
eelichen das sich vil mehn het gezemet von im myneu leib verbrant
worden sin. Aber sein geist hait mich nit verlassen, sonnder stettiglich
anschauwen, ist furwar komen zu den stetten, da hin er mich hait
gesehen bald komen werden, vnnd ich bin geachtet worden disen
mynen fall grossmuttiglichen getragen vnd mich selbs getrost haben,
schetzende, nit gross oder wyth abscheydung sin zwuschen vnns. Von
disen solichen dingen hast du, o Scipio, gesagt dich mit lelio'*) gross-
lichen pflegen zuuerwondern, das alter ist licht vnd nit allein nit ver-
drosslich, sonder lusslich. So ich aber irre in dem, das ich glaub,
die geist der menschen sin vndotlich, bin ich gern vnnd begirlichen
irren vnnd will auch, dwyl ich lebe, soliche irrung, die mich gross-
lich^) ist, erlustigen nit von mir genomen werden. So ich aber dot,
') Versuch einer vollständigen Litteratur der deutschen Übersetzungen der
Römer I, 89. Nachtrag S. 56.
') Der Anfang steht schon in meinem Programm S. 34 abgedruckt.
') Tugenden.
*) Laelius, der Freund Scipios.
') errorem, quo delector. Sollte da nicht „trostlich" zu verbessern sein?
F. PFAFF, ZU REINOLT VON MONTELBAN. 31
als etliche klein philosophi sagen, nichts solicher ding werde entpfin-
den, forcht ich nit, das disse myn irthum die dotten philosophi ver-
spoten werden, vnnd so wir auch zukunfftiglichen nit weren vndotlich,
so ist doch dem menschen begirlich siner zyt zurstoret werden. Wann
die natur zw gleicher wyse, als alle andere ding, hat auch die mass
des lebens, das alter aber ist ein vollenbringung der zitt des lebens,
des muttigkeit vnnd belessige beschwernus vil nah als einer fabeln,
wir vlyssiglichen meyden sollen, allermeynst, so inie settygung vnd
verdrossen sin zugefugt vnnd angehangen. — Diss hab ich wellen
sagen von dem erlichen alter, zu dem ich wünsche ir etwan werden
komen, vff das ein solichs, das ir vss mir gehört haben in der war-
heit der werck vnd der that befindende bewerden mögen.
Das buch Catho (?) von dem alter endet sich seliglichen etc. ').
KARL HARTFELDER.
ZU REINOLT VON MONTELBAN.
I. Ludwigs Krönung 1153 — 1238.
Die ziemlich genau, freilich nicht ohne Mißverständniß be-
schriebene Scene ist culturgeschichtlich beachtenswerth. Mir fielen
bei erneuter Lesung wieder besonders die Verse 1223 — 28 auf:
Da ime stunt die krön uff sinem heupt
und die kröne ime spen zu der stedt,
da spen man ime einen sack dar zu.
Das hetudet uns also:
die kröne und. der sack
hedutet freude und ungemach.
Daß der sack ein Kleidungsstück ist, bedarf keiner Erinnerung;
welcher Art aber dasselbe war, das ist nicht so leicht ersichtlich.
Bekanntlich versteht man darunter auch heute noch einen kurzen
Männerrock ohne Taille. Die Sackform des Ganzen mit geradem
Laufe der Nähte ist hier Ursache der Bezeichnung. Dies wird noch
deutlicher durch die scherzhafte Rede: „Er hat eine Taille wie ein
Maltersack." Im mhd. Wörterbuch und bei Lexer finden wir die
Erklärung: „Kleidungsstück, Mantel aus grobem Sacktuch, wie sie
gemeine Leute und Knechte trugen", auch „Frauenkleid der Juden".
•) Die Handschrift ist, ohne Veränderung der Orthographie, wiedergegeben.
Nur die Interpunction ist meine Zugabe.
32 t'- PFAFF
Hier also kommt nicht die Gestalt, sondern der Stoff des Kleidungs-
stückes in Betracht. Auch im Mnl. kommt der Begriff vor; Oudemans
(Bijdrage VI, 14) erklärt: „Zeke, kleed, krijgsrock, wapenrock."
Der Saccus, adxxog , erscheint im lateinischen und griechischen
Sprachschatze als Kleidungsstück. Bei Forcellini (totius latinitatis
lexicon V [1871], 285) finden wir folgende Erklärung: iSa^-cws dicitur
vestis crassiore filo contexta, qua praeciptie uteba,ntur in Äegypto monachi
in poenitentiae signum, sine manicis {Ärmel) , et presse corpore adhßerens:
iinmo et orientales plerique populi antiquitus tempore liictns. Danach
und nach dem bei den Juden uralten Brauche in „Sack und Asche"
zu trauern, scheint dies grobe ärmellose Gewand aus dem Orifent zu
stammen. Dazu stimmt es, wenn wir den Sack als Kleidungsstück der
Patriarchen genannt finden. Stephanus, thesaurus graecae linguae
VII (1845 — 54), 29.. Codinus de officiis magnae ecclesiae, et aulae
Constantinopolitanae. Cura et opera Jacobi Goar. (Parisiis 1648) S. 88.
232. Als Gewand der Patriarchen und Metropoliten war der Saccus
e villoso serico gemacht.
Bei dem großen Einflüsse, den orientalische Sitten auf Byzanz
hatten, kann es uns nicht Wunder nehmen, den öccKxog auch im
Ornate der griechischen Kaiser genannt zu finden. Codinus XXXV,
88. 99. Stephanus 29.
Der deutsche Kaiserornat nun war zunächst eine Aneignung
der weströmischen Tracht (Patriziat) , . später aber zum Theile auch
Nachahmung des griechischen Kaiserornats. Der Sack wird hier nicht
ausdrücklich genannt, scheint aber der Alba zu entsprechen, einem
Rocke, der über dem Untergewande , der Dalnaatica, Tunica talaris,
und unter dem Rückenmantel, dem Pluviale, getragen ward. Ein
sicheres Zeugniß führt Du Gange an (GIoss. med. et inf. latinitatis
VI [1846], 8*): Saccus inter vestes regias recensetur in Ordine ad con-
secrandum Regem Franciae^).
Im Reinolt scheint kein kostbares Seidengewand, sondern ein
Rock aus grobem Stoffe gemeint zu sein, eigentlich ein Frauen-
gewand, dem bei der Krönung eine symbolische Bedeutung zukommt.
Die Krone bedeutet Freude, die Erhöhung des zu Krönenden;
dagegen soll der Sack, der ja Ungemach bedeutet, den Fürsten
am Tage seiner Erhebung an seine hinfällige menschliche Natur
erinnern, die sich in nichts von der eines armen Knechtes unter-
scheidet.
') Vgl. auch Kraus in dessen Realencyklopädie der christlichen Alterthümer
II (1886), 702\
zu REINOLT VON MONTELBAN. 33
Ich habe zu dieser Stelle des Reinolt weder in der altfranzösi-
schen noch in der altdeutschen Dichtung unmittelbare Parallelen finden
können. Vielleicht kann einer der Leser etwas darüber mittheilen.
II. Kantet und lyniere.
Reinolt 14004 und stach ime mit syme spieß,
das er sin nit kund genießen,
durch den schilt und durch daz k autele,
das da inn bleib von dem sper ein teil
und er es als zu stucken brach.
14827 und Emmerich, der jungherre,
stach ine wider mit großer gere
uff das kauteil in die lyniere,
das sie beide fielen schyer.
Für kautele und kauteil, wie die Hs. schreibt, ist kantele, kanteil zu
lesen. Im Altfranzösischen ist häufig chantel, cantel^ cantiel in der Be-
deutung „Theil, Bruchstück, Quartier (des Schildes)". De, en, ä chantel
bedeutet „zur Seite". Das Wort geht vom griechischen xäv&og aus
und ist in den meisten romanischen Sprachen, auch als Lehnwort im
Deutschen, heimisch. Eschanteler l'escu = den Schild in Stücke hauen').
14006 durch den schilt und durch daz kantele ist demnach tautologisch.
Es bleibt nur noch die lyniere zu erklären. Am nächsten läge wohl,
das Wort von lin abzuleiten. In der That bedeutet auch das alt-
französische liniere f. „collet de lin". Vgl. Godefroy, dict. IV, 791".
Es könnte demnach ein leinenes kursit oder wäpenkleit gemeint
sein^); indessen wäre dann die Ausdrucksweise von 14829 etwas son-
derbar. Viel wahrscheinlicher ist es, an das Helmfenster, mnd.
lumenere, lumenyre, mnl. limiere, ein von lumen abgeleitetes Wort, zu
denken. Vgl. die Stellen bei Schultz, das höfische Leben II, 54, Anm.
Demnach wäre zu lesen:
uf daz kanteil in die lymiere.
') Vgl. Diez, etymol. Wb." 85 ff, Diefenbach, orig. europ. 278—80.
Godefroy dict. II, 56.
■') Vgl. Schultz, das höfische Leben II, 47.
GERMANIA. Neue Reihe. XXJ. (XXXIIl.) Jahrg.
^4 F. PF ÄFF
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON
MONTELBAN ').
IL
Kein Werk unserer altdeutschen Übersetzungsliteratur außer
Malegys und Ogier zeugt so sehr von dem gänzlichen Mangel aller
Begabung und alles Kunstfleißes bei dem Bearbeiter wie der Reinolt
von Montelban. Vor die Aufgabe gestellt dies wunderliche, aber doch
in mancher Hinsicht beachtenswerte Machwerk herauszugeben, kann
man über den einzuschlagenden Weg kaum zweifelhaft sein. Nachdem
ich aus der äußern und Innern Beschaffenheit der Hs. A den Schluß
gewonnen, daß diese als das Original der deutschen Übersetzung anzu-
sehen ist, konnte ich kaum mehr thun , als einen getreuen Abdruck
von A geben. B weicht fast gar nicht ab. Herzustellen war an dem
Texte eigentlich nichts. Es handelte sich nicht darum einen nach-
weislich älteren Text aus dem durch spätere Schreiber herbeigeführten
Verderb zu retten. Wären auch keine Gründe gewesen, die für die
Originalität von A sprachen, das stand doch fest, daß das deutsche
Gedicht dem 15. Jahrhundert angehörte, also unter allen Bedingungen
der Abfassungszeit von A nahestehen mußte. Als Zweck einer wissen-
schaftlichen Ausgabe muss doch wohl betrachtet werden, daß der Text
so hergestellt werde, wie er von dem Verfasser selbst beabsichtigt
war. Kennt man Schreibebrauch der Zeit und Eigenthümlichkeiten
des Verfassers genau, so ist man darüber hinaus eigentlich nur berech-
tigt, die heutige Interpunktion einzuführen. Will man also ein Gedicht
des 15. Jahrhunderts in wissenschaftlicher, d. h. historischer Weise
herausgeben, so hat man keine Wahl als die „wüsten Auswüchse der
Schreiberorthographie des 15. Jahrhunderts in ihrer Urwüchsigkeif zu
belassen. ^) Mögen andere anders darüber denken ; ich halte sehr
wenig von der sogenannten „normalisirten" Schreibung unserer land-
läufigen Ausgaben und bleibe bei meiner, Reinolt S. 497. 498 ausge-
sprochenen, „besonnenen Ausstellungen", mag auch ein Kochendörffer
sie als „naive Bemäkelungen" brandmarken.
Wie ich Germ. XXXH, 56 sagte, ist es sehr schwer von einer
Hb., die ohne unmittelbare Anhaltspunkte ist, zu beweisen, daß sie
») Vgl. Kochendörffer, Anz. f. d. Alt. XII, 253-56; Pfaff, Germ. XXXII, 49—65;
Kochendörffer, Anz. XIII, 397—410.
') Anz. XIII, 408.
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN, 35
den Verfasser des in ihr enthaltenen Textes zum Schreiber hatte. Die
Möglichkeiten, die für irgend eine Lesart in Betracht kommen können,
sind mannigfaltig. Schon sehr oft haben scheinbar sichere Gründe für
die Beurtheilung solcher Fälle sich durch einen plötzlichen Fund als
nichtig erwiesen. Der Zufall hat ein viel weiteres Recht als man
gewöhnlich annimmt. Warum herrschen über die Handschriftenver-
hältnisse so vieler Texte so verschiedene Meinungen? Doch nur, weil
es sehr schwer und oft unmöglich ist durchaus unumstößliche Gründe
beizubringen, und weil eine Berechnung des Zufalls unmöglich ist.
Mit Gründen, wie ich sie zunächst vorbrachte, d. h. solchen, die
aus dem graphischen Zustande der Hs. geschöpft waren, ließ sich
nichts beweisen, sondern nur eine Möglichkeit zur Wahrscheinlichkeit
erheben. Für mich war das Graphische einzelner Stelleu im Verse
nicht zwingend; wohl aber habe ich die Überzeugung, daß A vom Ver-
fasser von P geschrieben ist, daraus gewonnen, daß A, für sich
betrachtet, keine Lücken hat. Die durch Überspringung von
gleichen zu gleichen Worten entstandenen Lücken sind nach meiner
Ansicht der einzige schlagende Beweis dafür, daß irgend eine Hs.
Abschrift ist.
Doch auch hier bleibt ein Bedenken, wenn nämlich der Text
Übersetzung und namentlich schlechte Übersetzung ist. Auch einem
Übersetzer kann ein solcher Überspringfehler begegnen. In lang-
athmigen Epen raittelmässiger Dichter ist nicht jeder Satz für den
ganzen Zusammenhang nöthig. Oft beginnen verschiedene Sätze und
Verse mit denselben Worten. Besonders leicht kann es da zu Aus-
lassungen kommen, wo keine Reimbrechung herrscht. Aber auch bei
Reimbrechung können gleiche Reimworte auf derselben Seite der Hs.
Auslassungen hervorrufen. Alles das kann einem Übersetzer, der
nach dem Auge arbeitet, begegnen. Wie viel mehr noch begegnet es
einem Abschreiber ! Da ist nun wirklich wunderbar, wie verschieden
sich in dieser Beziehung die beiden Hss. des Reinolt verhalten. In B
sind solche Auslassungen ganzer Stücke sehr häufig^),
während sie in A fehlen. Die Paar Kleinigkeiten in A, die etwa
als Auslassungen angesprochen werden können ^) , können nichts er-
weisen; sie verschwinden gegen die wirklich erheblichen und unzweifel-
haften Lücken von B.
Sind A und B, wie Kochendörffer will, selbständige Abschriften
aus einem verlorenen Originale X, so sollten doch wohl gemein same
1) Germ. XXXH, 53.
^) Ebenda 5.5.
36 F. PF AFP
Lücken nachweisbar sein. Ein einziger solcher Fall (nach 9801)
kann vielleicht wahrscheinlich gemacht werden, wie ich Germ. 59 und
Reinolt 644 bemerkt habe; doch damit ist nicht zu rechnen.
Diesen Lücken in B zur Seite stehen die Wie d erhol unge n ').
Es ist dabei hervorzuheben, daß diese meist mit dem Beginne einer
neuen Seite eintreten, also in der äußerlichsten Weise graphischer
Art und unbestreitbare Zeugnisse für Bs Eigenschaft als Abschrift
sind. Wo sind solche Wiederholungen in A? Da höre ich Kochen-
dörffer sagen : „Das gerade sind die Fälle, die Reinolt 471. 472,
Anz. 404 mitgetheilt werden. Das sind evidente Absch reibe i'-
versehen." Darauf antworte ich: Solche Fälle kön nen Abschreiber-
versehen sein, sie sind es aber nicht nothwendig. So lange nicht
noch ganz andere Gründe hinzutreten, ist der Beweis windig. Wem,
der beim Schreiben sich selbst beobachtet, ist nicht schon der Fall
begegnet, in dem man ein Wort des schon fest im Sinne stehenden
Satzes vorausgreifend niederschreibt, noch ehe es dem Zusammen-
hange nach kommen sollte. Das begegnet beim freien Schaffen ohne
Anlehnung an einen abzuschreibenden oder zu übersetzenden Text,
wie viel leichter kann es geschehen, wenn man aus einer ganz nahe
verwandten Sprache Wort für Wort nur einfach dem Laute nach
tibersetzt, wie der Bearbeiter des Renout es so vielfach that. Es sind
also Fehler möglich, die eigentlichen Abschreibfehlern sehr ähneln.
Und nun war der Übersetzer doch ein so leichtfertiger Patron, wie
kaum erhört ist. Wer „Übersetzungen" geben konnte, wie ich sie
Reinolt 487 — 89 mittheile, der war doch wohl Alles fähig. So schreibt
der Edle 601. 602:
yiSprechent zu uns durch uwer ere
umb wol tun ummermer!^^
Vgl. Rt 93. 94 Spreict iegen ons, Haymijn here,
Dat u God geve ere!
Zuerst sehen wir da das Bestreben zu kürzen bei dem Bearbeiter,
dann die Reimnoth'^) und dadurch die unsinnige Flickerei.
2118 Herre got han sie verbrochen alle gader.
Das soll ursprünglich heißen: „Ihr Gut haben sie allesammt ver-
wirkt", wie die Volksbücher ausweisen. Offenbar liegt ein grobes
Mißverständniß des Verfassers von P zu Grunde.
2512 das er begunde Ja verbluden
Vgl. Rt 209 Dat men there sach verblöden.
') Vgl. Germ. 53 unten.
') Die Kochendörflfer (405) nicht zugeben will.
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN. 37
Soll heißen: „Daß man das Heer (der Verfolger) sah verzagen "
Auch hier grobes Mißverständniß in P und daher unsinnige Text-
gcstaltung.
2705 Da sprach von Galsongen^ das loere der synn myn,
Reymar, ein ritter hone und fin.
Vgl. Rt 482 Doe sprac van Gascoengen Renier
. 1 . coene ridder ende . i . fier.
Hier entschieden Reimnoth wegen des ungeläufigen fier, vielleicht auch
wegen der Verlesung des Namens Renier in P; in Folge dessen Ein-
flickung eines ganz unsinnigen Zwischensatzes.
2845 Nu wil ich ein huß tun machen.
Vgl. Rt 651 Oi heren, hedi wille hi
.1. huus maken also vast.
Es ist gänzlich widersinnig, dem König Yve die Absicht zuzutrauen
daß er für Reinolt eine Burg bauen wolle, wie hier P thut.
3405 — 9. Reynolt schneidet nach P seinem Vater Hand Nase
und Mund ab. Dies kann nur ein grobes Versehen von P sein, denn
in Wirklichkeit wird Hejme nur gebunden (vgl. 3437) , wohl aber
der Bote verstümmelt.
An der Schreibung det 3898 für mit sehen wir, daß der Schreiber
A bei seiner Arbeit doch etwas dachte; daß er die Irrigkeit seines
Gedankengangs, nachdem er wieder in die Vorlage gesehen, merkte
und dann gemäß der Vorlage änderte. Immerhin viel für einen
„Schreiber" !
10066 Do sprach die fraioe Claradys,
und die trost Malegys:
„Frauwe, laßt uch druiven.''^
Vgl. Rt 1378 Vrouwe, laet staen u luenen nu.
Die Vorlage von P hatte sicher u iruren. Die Textgestaltung in P
läßt als sicher annehmen, daß schon P den Fehler sprach für wende
Rt machte. P verstand falsch: „Laßt euch anvertrauen" oder „Habet
gute Zuversicht".
Grobe Mißverständnisse und in Folge dessen unsinnige Text-
gestaltung finden wir ferner 12013. 14, 12092, 12343-46, 12433,
14943 u. 0.1).
Sind einem solchen Übersetzer, denn diese Stellen gehören doch
wohl selbst für Kochendörffer diesem an, nicht Fehler zuzutrauen,
wie sie K. 407 aufzählt?
') An allen diesen Stellen liest B getreulich ebenso wie A.
38 F. PFAFF
Aber Herr K. ist sehr verstockt und „hartgesotteü", wie er sich
geschmackvoll ausdrückt, er rückt mir da ein Beispiel vor, von dem
er sagt: „liegt nicht auch hier die Abschrift zu Tage?"
Wir wollen das ansehen.
10026 muß heißen din fuß hat sie empfangen har; aber A liest
in huß , B ir büß. Das ist ja recht merkwürdig, daß beide Hss. da
so genau bis auf einen Buchstaben im Fehler zusammenstimmen.
Nach K. soll das ein Abschreibfehler in A sein, denn auf B läßt
sich K. hier gar nicht ein. Also B macht denselben Abschreib-
fehler wie A, und einen ganz merkwürdigen. Nun frage ich: welcher
Philologe wird glauben, daß diese beiden Hss., die nach Kochendörffer
nicht unmittelbar, sondern durch eine gemeinsame Vorlage X verwandt
sein sollen'), diesen „Schreibfehler" unabhängig von einander ge-
macht haben? „Wer die Sprache dieser Versehen nicht versteht, der
sollte aufhören sich für einen Philologen zu halten", sagt Kochen-
dörffer, und er thäte nach solchen Leistungen sehr wohl, diesen Satz
zu bedenken. Ganz ähnlicher Art sind die Fehler, die ich Germ. 52
zusammengestellt habe, um den unmittelbaren Zusammenhang von
A und B zu beweisen"). Ein grundsätzlicher Unterschied ist durch-
aus nicht nachweisbar. Beides sind Übereinstimmungen in groben
Fehlern, auf welche der Zufall kaum führen könnte. Alle jene Stellen
sollen nach Kochendörffer'scher Methode nur erhärten können, daß
A und B derselben „Gruppe" angehören: „Schreibfehler können doch
zwei Schreiber unabhängig von einander aus einer Hs. herübernehmen,
die schon diese Schreibfehler hatte" (400). Also müssen diese Fehler
schon in Kochendörffers gespenstischem „X" gestanden haben! Nun,
wer hat denn dies „X" gemacht? Doch wohl der Verfasser von P.
Und doch soll in dem Falle 11026 in Bezug auf A gerade ^die Ab-
schrift zu Tage liegen"'. Jene gemeinsamen Fehler sollen eine
gemeinsame Vorlage X für A und B erweisen, die also jene Fehler
schon gehabt haben soll; der Fehler 11026 dagegen soll nur be-
zeugen, daß A Abschrift ist. Aber B hat mit einer unbedeutenden
Variation denselben Fehler: folglich stand nach Kochendörffers Auf-
fassung der Fehler schon in X, denn an einen Zufall wird hier Nie-
mand glauben. Und doch soll dies X i,die verlorene erste Nieder-
schrift der Übersetzung^'' sein (406)! Die Folgerung wird bedenk-
lich. Ich wiederhole: A ist, schuld jener Fehler, Abschrift; aber durch
*) Anz. 400.
^) 2445 slahen] sahen k^, 2705 Oascongen] Oalsongen AB, 11373 laßen] kaßcn
AB, 14950 wol] loor AB.
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN, 39
diesen Fehler aus der gleichen Kategorie in A und B wird erwiesen,
daß auch X, das Original, solche Fehler haben konnte. Was be-
weisen nun unter solchen Umständen jene Fehler für A??
Allerdings, die Abschrift liegt zu Tage, die Abschrift B
aus A. Aber Kochendörffer wird sich zu helfen wissen, er wird wahr-
scheinlich nun sagen: das X war schon Abschrift aus einem Y, und
dem Schreiber X passirte das Schreibunglück in büß für din fuß.
Nun dies Vergnügen ist dem Herrn zu gönnen. Mag er alle mög-
lichen XYZ erschließen!
Was die Stelle 11026 angeht, so denke ich nicht daran, schon
der Rths. ein boet für voet zuzutrauen, sondern ich halte sie einfach
für einen Beweis der ungeheuerlichen Gedankenlosigkeit des Ver-
fassers von P. Er wird wohl wirklich an Buße gedacht haben, denn
11025 in sutide begunde si sere clageti lenkt auf solche Gedankenver-
bindung; aber es fiel ihm nicht ein, sich mit dem Sinne des Satzes
zu plagen. Solcher Gestalt war die „Gedankenarbeit" des Dichters
von P.
Nachdem die einfache Thatsache einmal erkannt war, daß der
Verfasser von P seine Vorlage zum Theile mit sclavischer Treue, zum
Theile mit unbekümmerter größter Nachlässigkeit behandelte, mußte
man auch in der Beurtheilung der Schreibfehler der Hss. äußerst
vorsichtig sein. Fehler, eigentlichen Abschreibfehlern ähnlich, und
selbst Lücken konnten vorausgesetzt werden. Für Lücken hat sich
kein entschiedener Beweis führen lassen. Einer oder der andere Fall
konnte auch nicht genügen, um so mehr, als die einzige Hs. des Kt,
wie ich im Reinolt gezeigt habe, überarbeitet ist. Nur eine Reihe ganz
sicherer Lücken hätte etwas gegen die Originalität von A beweisen
können. Bei B traf dies zu, nicht bei A. Da nun B in einer Reihe
von Fehlern zu A stimmt und keine andere unmittelbare Vorlage
voraussetzen läßt, so ist nichts wahrscheinlicher, als daß A die erste
Niederschrift von P ist. Dies ist der Hauptgrund, auf den ich
baute, nachdem der unmittelbare Eindruck der Hs. A einmal diese
Vermuthung in mir erweckt hatte. Diesen unmittelbaren Eindruck
konnte ich natürlich Niemand geben. Alle Beschreibungen nützen da
nichts ^). Man muß da auf etwas Glauben hoffen. Es ist freilich in
unserer Zeit Brauch geworden Alles anzuzweifeln, was anzweifelbar
') Doch sei hier darauf hingewiesen , daß A viel mehr Correctureu hat als B.
Das Gewöhnliche ist doch das Stehenbleiben von Schreibfehlern. Daß der Schreiber
A solche Sorgfalt an sehr vielen Stellen beweist, erhebt ihn wieder etwas über ge-
wöhnliche Abschreiber.
40 *'. PFAFF
ist. Jenen Hauptgrund konnten gelegentliehe andere Beobachtungen
nur sttitzen, ohne für sieh allein entschiedene Beweiskraft zu haben.
Dahin gehören jene Stellen Germ. 56. 57, gehört die Thatsache, daß
A viel mehr niederländische Worte und Schreibungen hat als B, also
dem Originale entschieden näher steht.
Ich hielt also nach allen Erwägungen A für das Original von P
und gab demnach einen Abdruck von A. Dafür hatten sich schon, ehe
ich an die Arbeit herantrat, mehrere bewährte Gelehrte entschieden.
Da nun der Verfasser von P so elend gearbeitet hatte, stellte es sich
in vielen Fällen als sehr schwer, ja überhaupt nicht unterscheidbar
heraus, was bloß Schreibfehler und was von dem Dichter verschul-
deter Unsinn war. Es wäre ja ein billiger Ruhm gewesen, die meisten
dieser Stellen zu bessern; aber ich beschränkte mich in, wie ich meine,
philologischer Vorsicht darauf, Besserungen in den Anmerkungen mitzu-
theilen. Hier und da bot B eine bessere Lesart, doch stets nur in
Fällen, die kaum einen Zweifel zuließen; dann folgte ich B.
Diese zerstreuten besseren Lesarten von B sind es, mit denen
Kochendörflfer seine Behauptung über die Selbständigkeit von B gegen-
über A im Wesentlichen stützt (Anz. 400). B schrieb schön und sorg-
fältig: daher die nur ganz geringen Abweichungen von A. Fehler
macht jeder Abschreiber: daher die Lücken und Wiederholungen in B.
Diese Besserungen, oft auch wirkliche Schlimmbesserungen, in B
können alle von einem Schreiber herrühren. So die Besserungen
einzelner Worte, so die größerer Stellen. Ich verweise auf meine
Erörterungen Germ. 55. 56. Die Stelle 9308. 9 ist schon durch den drei-
fachen Reim der Fassung B bedenklich. Daß 2658, aus welcher Stelle
mir Kochendörffer auch einen Vorwurf schmiedet, in A nicht fehlt,
habe ich Germ. 55 bereits gesagt^). „Die unzweifelhaft echten Sätze
und Satztheile, welche in A fehlen, sind ganz unerklärlich, wenn B
Abschrift von A ist", meint Kochendörffer. Nun, wo sind denn diese
so pomphaft benamsten Sätze und Satztheile? Diese paar Kleinig-
keiten ganz ohne allen Belang sollen unübersteigliche Hindernisse sein !
Ich habe allerdings die Ansicht ausgesprochen, B habe sich aus
der mnl. Vorlage Raths erholt. Nichts wäre im Stande gewesen mich
zu diesem Ausspruche zu bringen, hätte nicht in meiner Collation der
Vers 2658 in A gefehlt. Da schien in der That ein unübersteigliches
Hinderniß zu liegen. Ich hatte beide Hss. vor dem Drucke des Reinolt
*) Ich empfehle Kochendörffer, das „Erinnerungsvermögen" anderer Leute nicht
zu „beleuchten", ehe er selbst seiner Sache gewiß ist.
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN. 41
nie neben einander benutzen können, war also auf mein Versehen
nicht aufmerksam geworden. Als mir später Herr Dr. Wille in Heidel-
berg die Nachricht sandte, der Vers fehle in A nicht, war es längst
zu spät.
Ich hatte mir Schriftproben von A gemacht. Als ich B verglich,
überraschte mich die Ähnlichkeit des Ductus. Ich zweifelte noch , ob
ich beide Hss. einer Hand zuschreiben könne. Eine Nachricht des
Herrn Dr. Wille hob meine Zweifel. Als ich später beide Hss. in
Heidelberg neben einander benutzte, konnte ich jene Annahme nur
bestätigt finden. „Wer die Identität zweier Hände beweisen will, der
muß sich mehr Mühe geben als Pfaff", sagt der gestrenge Richter
(402). Schön, aber wie sollte ich das ohne Schriftproben, die mir der
litterarische Verein nicht hätte machen lassen? Alle nöthigen Ver-
gleiche hatte ich ja angestellt; aber würde man mir das aufs Wort
geglaubt haben? Herr K. glaubt mir ja nicht die übei'raschende Ähn-
lichkeit beider Hss. Wir sehen, wie Kochendörffer aus leeren Dingen
große Vorwürfe zimmert.
A ist flüchtig und hastig geschrieben, daher die vielen Correc-
turen und die Schreibfehler; B zeigt eine ruhigere, steifere Schrift.
Ich hatte schon Gelegenheit, Brief- und Bücherschrift von urkundlich
derselben Hand des 15. Jahrh. zu vergleichen. An dies Verhältniß
wollte mich fast die Stellung der beiden Hss. zu einander gemahnen.
„Ausschlaggebend" sind Kochendörffer Gründe (402) gegen mich
nicht. Die Namen beweisen bei einem Arbeiter wie der Verfasser
von P einfach nichts. Sollte denn nicht selbst ein Abschreiber den so
häufigen Namen Reinolt völlig in der Gewalt haben? Aber nein^
da haben wir Reinolt, Reynolt ; Reinald, Reinalt, Reynalt; Renolt,
Rennolt. Die Reime auf -alt und olt beweisen doch wohl einen nicht
etwa nur in einer Abschrift, sondern in P selbst bestehenden Unter-
schied. Wir haben Friczhart Fryczhart, Fritzart und Wryczhart^).
Namentlich dieser letzte Fall beweist etwas, denn er ist entschieden
Eigenthuni des Verfassers von P, der hier also auch einmal völlig
gedankenlos aus Rt die mnl. Form herübergenommen. Der Name des
Grafen von Chalons kommt in folgenden Formen vor: Tsalons, Tsa-
loyns, Tsaloyn; Thalons; Salon ß , Saloyn, Saloy. Soll die große Ver-
schiedenheit der Formen mit Tis- und mit /(?- Schuld des „Abschreibers"
A sein? Verschiedene Formen in P liegen unzweifelhaft vor in Mon-
disdiet : nit 4930; Monsdier : schier 10720, Mondenstier : Berengier
*) ß setzt Friczhart, steht also dem nl. Originale ferner.
42 F. PF ÄFF
11512; Bayeren : Mondisteyien 10770. Rolants Schwert heißt einmal
\m lle'imQ Durendal {: loal) 11789, ebenso im Versinnern 10195. 10350.
10386. 11836. 11838; aber 10192 und 10225 Durendart. Also doppelte
Naraensform sogar über nur zwei Verse hinaus (10192 : 10195). Aus
diesen Fällen, die ich leicht verdoppeln könnte, geht mit Sicherheit
hervor, daß wir P sehr verschiedene Namen und überhaupt gewaltige
Verlesungen zutrauen dürfen. Der Bearbeiter arbeitete zum Theile
einfach als Abschreiber.
Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, hat auch der Verfasser des
Rt sich solche grobe Felder zu schulden kommen lassen. Es handelt
sich um die Stelle P 231—34:
Ef)" rif'ff' Wilhelm von Oryngen
und bat rat zu diesen dingen,
er 7'iejf dem greven Gyllyn
und dem lierren van Orynpin.
In der Anmerkung zu der Stelle ist bereits darauf aufmerksam ge-
macht, daß die hier genannten Personen höchst wahrscheinlich eine
Person sind. P könnte nur Onjninn für Oryngen zufallen. Wilhelm und
Gyllyn neben einander erklären sich aber nur aus der französischen
Vorlage des Rt.
Ich glaube voll und ganz, daß A (P) 3257 sein mante wan für
Montelban aus einem Mißverständniß oder besser Nichtverstehen der
Stelle, bewirkt durch das etwas ungewöhnliche uiver sone von M.,
geschöpft hat. Ebenso glaube ich, daß B ganz selbständig dies in
Montelban gebessert hat. Man bemerke immerhin, daß A nur einmal
diesen Fehler begeht, während B Montelban sehr häufig verliest oder
verschreibt! Wieder ein ganz verschiedenes Verhalten beider Hss.
Sollte nun auch mit dem Entgehen des Falls 2658 meine An-
sicht, daß der Schreiber B selbst den Rt benutzt habe, sollte meine
Vermuthung, der Schreiber A und B sei derselbe, hinfällig werden,
so ist doch unter allen Umständen daran festzuhalten, daß A die
erste Niederschrift des Verfassers von P, und B Abschrift
aus A ist.
Nun noch ein paar Einzelheiten. Kochendörfi"er meint, ich stelle
mir die Herstellung einer Hs. sonderbar vor, da ich glaube, der
Schreiber beginne auf dem Vorsetzblatte. Unter „Vorsetzblatt" ver-
steht man doch gewöhnlich ein vorgeheftetes Blatt, das nicht zur
ersten Lage des Buches gehört. Kochendörffer möge Reinolt S. 468
nachlesen, dort heißt es deutlich: „Bl. 1 a, b steht die Jahrzahl .1474.
DIE HANDSCHRIFTEN DES KEINOLT VON MONTELBAN. 43
und darunter Attempto." Oben war von Bl. 1 a, a die Rede. Der Herr
übersieht, daß ich nicht 1 a und Ib sagte').
Ist es nicht trotz KochendörfFers Anuaerkung S. 398 „ungewöhn-
lich, daß ein Buch allein durch den Wahlspruch eines Fürsten als
zu dessen Besitze gehörig . . . gekennzeichnet ward", wie ich Germ. 51
sagte?-)
Kochendörffer hat wirklich Recht (401 Anm.) : ich habe wirklich
Reinolt S. 472 gesagt, daß zwischen beiden Hss. sechs Jahre lägen,
und es ist doch, wie ich schon Germ. 61 bemerkte, etwas weniger,
vielleicht aber doch auch mehr!
Also der „Titel" des Gedichtes lautete im 15. Jahrh. wohl schon
„Reinolt von Montelban"? (403 oben.) Schön, daß wir das wissen.
Kochendörffer will (405) nicht gelten lassen, daß der Bearbeiter
P Reimnoth gehabt habe, denn er habe sich ja oft genug um Reime
gar nicht gekümmert. Nun, ich meine, der Bearbeiter hat doch reimen
wollen, sonst hätte er überhaupt Prosa geschrieben. Er hat sehr
verschieden gearbeitet, war einmal nachlässiger als das andere Mal:
also konnte er einmal Reimnoth haben, ein anderes Mal die Reime
ruhig weglassen^).
Ob meine Untersuchungen so ganz ohne Verdienst sind, wie
Kochendörffer meint (408) , lasse ich dahingestellt sein. Daß ich sie
möglichst vollständig ausgestattet, ist nur gut, denn es hat sich ja
gezeigt^ daß einer Behauptung ohne augenfällige Beweisstücke nicht
geglaubt wird.
„So wird die wichtige Frage nach dem Verfasser einer even-
tuellen späteren Untersuchung vorbehalten aus dem seichten Grunde,
weil Pfaff von Heidelbei'g fern ist!" meint Kochendörffer S. 408. Ich
hatte Reinolt S. 475 gesagt, ich könne in der Frage, ob Johann von
Soest als Verfasser von P anzusehen sei, aus jenem Grunde nicht
entscheiden. Es lag doch auf der Hand, daß zunächst Johanns Kinder
von Limburg (25000 Verse) und der Malegys (über 20000 Verse), auch
') Zeile 17 lies: Bl. 2a.
*) Kochendörfler sclieint zu meiuen, Jeder, der mit dem litterar. Vereine zu
thun hatte, müsse auch die etwa 180 Publicationen dieses Vereins gelesen haben!
Ich bedauere bisher nicht die Zeit dazu gehabt zu haben, so gern ichs gethan hätte.
Wenn der jetzige Präsident des Vereins S. 250 der Publ. 56 über den Punkt „Attempto"
des Längeren handelt, so wäre es doch dieses Herrn Pfliclit gewesen, mich auf das
Versehen aufmerksam zu machen, da alle Manuscriple und Correcturen seiner Auf-
sicht unterliegen.
3) Vgl. das S. 36 über 601. 601 und 2705 Gesagte. Hier ist dem Reime, der
doch auch fehlen konnte, zu Liebe der Sinn geopfert.
44 F. PFAFF, DIE HANDSCHRIFTEN DES KEIXOLT VON MONTELBAN.
der Ogier, welche alle ungedruckt und nur in Heidelberger Hss.
überliefert sind, eingehend zu prüfen seien, ehe irgend etwas über
den Verfasser von P festgestellt werden konnte. Ich war nicht in der
Lage mir diese werthvollen Hss, alle senden zu lassen und hatte
auch schlechterdings keine Zeit sie nur zu lesen, denn dies [hätte
doch auf der Bibliothek stattfinden müssen. Bei täglichen sechs Amts-
stunden rait anstrengender Thätigkeit, bei Krankheit im Hause waren
das unmögliche Dinge. Aber ich war doch bei einem vorübergehenden
Aufenthalte in Heidelberg im Stande, das Eine festzustellen, daß
Johann von Soest rait Reinolt und Malegys nichts zu thun hat ') Vgl.
Reinolt S. 678 unter Nachträge. Das ist der „seichte Grund" des
Herrn Kochendörffer !
Daß Kochendörffer dem gewöhnlichen Sprachgebrauche entgegen
unter „Besitz" etwas anderes verstanden haben will als unter „Eigen-
thum", ändert an der Sachlage schlechterdings nichts.
Kochendörffer hat sich auf seine „Conjectur" Karleti für Barleti
im Rückentitel der Hs. B sehr viel zu Gute gethan, er hält sie für
einen Beweis von „Intelligenz". Daß ich diese auf der Hand liegende
Besserung verachtete, scheint dem Herrn „Dünkel" ! Um zu denken,
daß der Rückentitel B von der Hand eines römischen Geistlichen
herrühre, bedurfte es keiner sonderlich „lebendigen Phantasie", wenn
man weiß, daß die bei den Heidelberger Hss. häufigen hellen Per-
gament- und Pappbäude, wie der von B, sehr wahrscheinlich aus Rom
stammen. Insofern wich meine nicht öfi'entlich ausgesprochene Ansicht
über Barleti allerdings von der Kochendörffers ab, als ich nie daran
dachte, daß * Karleti eine „Zusammenziehung" aus Karlmeineti
oder Verlesung aus ^rtr/<^mi {= magni) sein könne. Auf solche wunder-
liche Bahnen kam ich gar nicht. Die einzige Möglichkeit schien mir
die Annahme eines Deminutiv s *Karlefus; da mir aber diese Form
niemals vorgekommen war, unterdrückte ich diesen Einfall gänzlich.
Ich hatte versäumt, Förstemanns altd. Namenbuch zu Rathe zu ziehen.
Da finden wir verzeichnet die Formen Carlictus, Carlittus und Caro-
letus. In dem von Förstemann angezogenen Andreae Bergomatis Chro-
nicon'') finden sich die Formen Karolitus ^ Karoletus, KarUtus. Aller-
dings fehlt auch hier ein "^Karletus^ aber diese Form gewinnt nun
Wahrscheinlichkeit. Also keine „Zusammenziehung", kein Karlmeinefus
') Über Johann von Soest vgl. jetzt meinen Aufsatz im Jahrgänge 1887
der Allgem. conserv. Monatsschrift. H. Suchier wird eine Ausgabe von Johanns
Gedichten bringen.
') Mon. Germ. V (Script. lU), 238.
G. EHRISMANN, ZU GERMANIA XXXII, 97. 45
und Karlemagnus , sondern D e ra i n u t i v f o r ra ! Übrigens bleibe ich
dabei, daß der Schreiber des Rückentitels an jenen Barletus gedacht
haben kann, zudem lag das Wort an sich einem Italiener nahe ').
Die Sache mit dem Präsidenten des litterarischen Vereins will
ich hier nicht erörtern, da sie persönlicher Natur ist. Ich bin nicht
der Einzige, der zu klagen hat. Die Zeichen werden sich mehren.
Es hat sich, glaube ich, nicht zu Kochendörffers Vortheil gezeigt,
wo der „Dünkel" und die „Defecte in Wissen und Urtheil" zu suchen
sind. Die neuen Verdächtigungen meiner amtlichen und wissenschaft-
lichen Thätigkeit , die feine Art, mit welcher der Herr einen Dritten
heranzieht, und namentlich der mir ohne einen Schatten des Beweises
gemachte Vorwurf der Unwahrheit bezeugen zur Genüge, weß Geistes
Kind Kochendörffer ist. Ich bin mir bewußt, in der ganzen Sache mit
Offenheit und Geradheit gehandelt zu haben. Daß Kochendörffer sich
über die „nicht gerade höfliche" Form meines Briefes wundert, ist
etwas naiv: er hatte mich mit öffentlichem Hohne bedacht und er-
wartet nun noch mit Handschuhen angefaßt zu werden. Diese Herren
greifen Jeden an, der nicht zu ihnen gehört; wehrt er sich dann, so
zeigen sie mit Fingern auf ihn. Ich übergebe nun die Sache dem
Urtheile gerechter und parteiloser Richter, die es verstehen Tadel und
Hohn einander fern zu halten, und sage meinerseits: Hiermit genug!
FREIBURG i. Br. 1887. FRIDRICH PFAFF.
ZU GERMANIA XXXII, 97.
Von der Paulinzeller Rennerhandschrift haben die Herren Rector
Schmid und Professor Einert in Arnstadt seither wieder ein Blatt
gefunden, wovon sie mir freundlichst Abschrift einsandten. Es enthält
die Verse 22959 — 23401 ; zwischen 23072 u. 73 sind eingeschaltet die
Verse 21843 — 56 und 19769. 70. Die Abstammung von z bestätigt
sich durch die Beschaffenheit der Lücken und durch mehrere in H
und Pz gleiche Fehler, wovon folgende die wichtigsten sind: V. 23040
Stryt vnd torney had vorlegen (had fehlt H). 23044 Daz wir vns
seiden uf richten wedir (seiden vns H). 23396 Wer sprichet ich habe
dicke geruret.
PFORZHEIM. GUSTAV EHRISMANN.
') Mlat. barletus, ital. barile, harletto = Fäßchen.
46
E. ETNERT, PFAFFE AMIS 1—72.
PFAFFE AMIS 1—72.
Die Handschrift bildet den
Klingen. Schw. Sond.
Hirvor was pris und ere
Geminnet also sere
Ett hoviscli man to hove quam
Dat me gerne von im vornam
Seidenspil singin oder sayn
Dat mut me nu sere vorsayn
Und is nu leider alliz unwert
Dat is nimant engert
Konde en man one mere
Die gut den lutea were
Vor sorge und vor armut
Und dünnet nu vil sedden gut
Wat ymant mit worden kunsten kan
Wi seiden en hovesch man
To hove ge baren
Deü kan ik nich bewaren
Ik kan geruger worde vil,
Dat betuge ik wie it hören wil
Wor men der hone tucht nicht engert
Dar bin ik enes doren wert
Also wert ik des gewert
Nu hört was hervor geschach
Do sute wort die sorgen brach
Und man ere vor sorge untfing
Und wi die milde vor dem kargen ginc
Vor die lughen ginc die warheit
Und die vromecheit vor die bosheit
Und ginc dat recht vor unrecht
Die demut was des vrides knecht
Dat was in den stundin
E trigen worde vundin
Von ienis manis munde.
Nu sait uns die strickere
Wer die erste man were
Die ligen trigen angeyienc
Und wa sin wille vor sich ginc
Einschlag einer Amtsrechnung aus
Dat hie widersate ni envanc
Hie hatte hus in engelant
In euer stat Tranis
Und die pape het amis
Und was der buk en wiser man
Und vorgap vil wat hie gewan
Beide dor ere und ok dor got
Dat hie der milden gebot
To neuer stunt nie overgie.
Hie let die geste und entfinc
Me den die jene taten
Die oner on gebot baten
Sin milde wat so grot
Dat is dem biscop vordrot
Dem hie was gehorsam
Dat so vil von om vornam
Des let hie nicht ane nit
Und quam to im in ener tit
To im sprak der biscop
Here gi hebbet grotern hof
To allen tiden den ik
Dat dunket mi ungelik
Gi hauet over rikes gut
Dat gi mit honisheit tut
Sus sul gi mi en del geuen
Dar dozue gi nicht wider sheuen
Des wil ik nicht enbern
Wen gi mut mi gewern
Dat wil ik von in harde gern.
Do sprak die pape amis
Min mut stet to sulker wis
Dat ik min gut wol vortere
Mit rechten ik mi des irwere
Dat mi nicht oner bliven sol
Were is mer ie bedorfte is wol.
E. EINERT.
F. GRIMME, BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNESINGER. III. 47
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNE-
SINGER. III.
1. Brunwart von Augheim.
Der Dichter Brunwart von Ougheim , dessen Heimat der Breis-
gau ist, gehört dem Ausgange des 13. Jhs. an. Das Geschlecht, dem
er entstammt, scheint nicht bedeutend gewesen zu sein, da uns nur
äußerst spärlich Mitglieder desselben begegnen. Nach v. d. Hagen IV,
417 ist das älteste bekannte Johannes im Jahre 1130. Dann haben
wir eine Lücke von über 100 Jahren, und erst im Jahre 1236 treten
uns Heinrich von Augheim und sein Bruder Rudolf milites entgegen,
welche mit ihren Hausfrauen und Kindern der Abtei Olsberg das Dorf
gleichen Namens für 150 Mark Silbers verkaufen unter der Bedingung,
dass die Nonnen dieses Klosters der Kirche zu Zeiningen eine Rente
von jährlich 10 Solidi Basler Münze auszahlen. Unter den Zeugen
dieser Urkunde findet sich noch ein namenloser de Ocheim et Hein-
ricus ülius suus. (Trouillat, Monuments de l'histoire de Tancien eveche
de Bäle H, |4)- A^er oben genannte Rudolf ist als schultheisze ze
Nuwenburg anwesend bei der Ausgleichung zwischen dem Markgrafen
von Hochberg und dem Grrafen und den Bürgern von Frei bürg.
8. Oktober 1265 (Schreiber: Urkundenbuch der Stadt Freiburg 1, -l^).
Außer den erwähnten ist es einzig der Minnesänger, welcher in der
Folgezeit von dem Geschlechte noch genannt wird, und zwar ündet
er sich vom Jahre 1286 — 1303, nicht, wie v. d. Hagen angibt, bis zum
Jahre 1296, in Urkunden. Zu den bereits von letzterem gebrachten
Nachweisen kann ich noch drei neue hinzufügen. Zuerst ist Brun-
hardus de Oucheim miles Zeuge zu Neuenburg im Breisgau am
18.,Oktober 1289, als der Neuenburger Bürger Johannes von Tusslingen
dem Ulrich von Langenberg und dem Kollegium zu Beromünster alle
Güter zu Augheim verkauft, welche er von den Grafen von Froburg
erworben hatte. (Neugart, Episcopatus Constantiensis H. 369). Die
folgende Urkunde ist ebenfalls zu Neuenburg ausgestellt im Jahi'e 1295
und meldet uns über den Vertrag, den der Leutpriester Ulrich zu Aug-
heim mit dem Kapitel zu Beromünster über die Theilung der Früchte im
Jahre 1295 geschlossen „nach ehrbaren luthen rathe". Unter diesen wird
zum Schluß genannt: und Herr Johannes Brunwarth von Ougheim
(ib. 557). — In dem Streite des Bischofs und der Stadt Basel mit
dem Grafen und der Stadt Freiburg i. B. bestimmt der Bischof von
48 F. GRIMME
Strasburg als Schiedsrichter, dass die Parteien sich an den Spruch
des Gerichtes zu Cume (Como?) halten sollen , in dem das Streitob-
ject schon beigelegt sei. Borre, 12. März 1296. Unter den Zeugen:
ratliute von Friburg, herr Brunward von Oughein (Trouillat II. fl-y
und Schreiber: Urkundenbuch von Freiburg I. '^rV )• Diese Urkunde
ist zwar von v. d. Hagen schon erwähnt, der Inhalt jedoch falsch an-
gegeben. — Endlich findet sich in dem Verzeichniß der Einkünfte
und Leistungen der Herzoge von Osterreich und Landgrafen im Elsaß
aus dem Jahre 1303 noch folgende Stelle: Daz torf ze Brunkein daz
da giltet . . . ze sture bi dem meisten VI ^, zem minsten IUI ii ist
wol uf XL jar gestanden mit allem recht ze hinsture hern Brunwart
von Oughein für XXIIII mark silbers (Trouillat III. %\).
2. Bruno von Hornberg.
Im 13. und 14. Jh. sind mir bis jetzt drei Personen aufgestoßen,
welche den Namen Bruno von Hornberg tragen ; von diesen können
jedoch für den Minnesinger nur zwei in Betracht kommen, da der
Brun von Hornberg, welcher zu Rottweil am 7. Juni 1387 in einem
Vertrage zwischen Snevelin zu Weier und den Herren von Hornberg
wegen des Dorfes Ebringen und des Schlosses Schneeberg genannt
wird, entschieden zu jung ist. (Mone, Zeitschrift für die Geschichte
des Oberrheins 18. 465). Bruno I. tritt uns zuerst in Verbindung mit
seinem Bruder Werner am 16. November 1219 als Zeuge entgegen,
als der Dynast Rudolf von Ysenberg eine Urkunde ausstellt über die
Verleihung der Güter bei Langenbogen, welche das Kloster Thennen-
bach von Hans von Kenzingen erworben hat, zu einem rechten Erb-
lehen an das genannte Kloster (Mone, Zeitschrift 9. 231). Es folgt
dann die schon von v. d. Hagen angeführte Urkunde aus dem Jahre
1234. Wenn nun letzterer meint, der im Jahre 1276 mit Walter von
KHngen in Basel beim König Rudolf sich befindliche Bruno von Horn-
berg sei identisch mit dem vorgenannten, so wird er sich doch wohl
in einem kleinen Irrthum befunden haben. Ich glaube vielmehr, daß
dieser Bruno der zweite des Namens ist^ welcher vom Jahre 1275 bis
1306 in Urkunden erscheint. Es müßte doch merkwürdig sein, daß
eine adelige Persönlichkeit aus einem ziemlich bedeutenden Geschlechte
42 Jahre vollständig aus den Urkunden verschwinden sollte; außer-
dem müßte dieser Bruno ein sehr hohes Alter erreicht haben, da er
wie gesagt, bereits im Jahre 1210 als Zeuge vorkommt. Seine Geburt
haben wir somit spätestens an den Ausgang des 12. Jhs. zu verlegen.
Da nun der andere Bruno im Ganzen in sechs Urkunden auftritt, die
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNESINGER. III. 49
in nicht allzugroßen Zwischenräumen sich folgen, so ist der Schluß
nicht sehr gewagt, daß diese sämmtlichen Urkunden sich auf dieselbe
Person beziehen.
Das Geschlecht, dem der Minnesänger angehört, darf nicht als
zu unbedeutend aufgefaßt werden, wie aus den folgenden Urkunden
hervorgeht; treffen wir doch sogar Bruno von Hornberg mit Walter
von Klingen in Kaiserdiplomen als glaubwürdigen Zeugen. Es ist
dies der Fall in der berühmten Urkunde des Kaisers Rudolf, d. d.
Hagenau 8. December 1275, in welcher er die Stadt Straßburg in
seinen besonderen Schutz nimmt und ihr alle früher bewilligten Frei-
heiten bestätigt (Urkundenbuch der Stadt Straßburg IL 47). Es ist
wohl anzunehmen, daß diese Urkunde die gleiche ist, welche Kopp,
Geschichte der eidgenössischen Bünde I. 57 anführt mit dem Datum
5. December 1276. Beide haben denselben Gegenstand und die gleichen
Zeugen. — Als Egeno III. Graf von Ftirstenberg, nach langer heftiger
Fehde mit den Einwohnern von Villingen endlich zum Vergleiche sich
herbeiläßt^ stellt er am 26. Juli 1290 der genannten Stadt einen Sühne-
brief aus. In diesem verspricht er, die Rechte und Privilegien der
Stadt unangetastet zu lassen und stellt dafür neun Bürgen, u. a. sei-
nen Bruder Friedrich ; darauf folgen sogleich avunculi Friedricus et
Bruno de Hornberg (Neugart, episc. Constant. IL 371 und Fürsten-
bergisches Urkundenbuch I. 607). Während der Herausgeber des letz-
teren den Namen avunculi einfach für einen Ausdruck der Courtoisie
erklärt, macht Mone, Avelcher den zweiten Band von Neugart bear-
beitet hat, zu der obigen Urkunde die Bemerkung: .,Wenn das Wort
avunculus in seiner eigentlichen Bedeutung genommen wird, so kann
es nicht zweifelhaft sein, daß Agnes, die Mutter Egenos, die Schwester
jener war." Welche Erklärung die richtige ist, wird sich schwer er-
weisen lassen. Wie dem aber auch sei: der Beiname avunculi, sowie
die Stellung der beiden Brüder direet hinter dem Grafen Friedrich
sind wiederum ein Beweis von dem Ansehen, welches das Geschlecht
derer von Hornberg in seiner Heimat genoß. — Die folgende Urkunde
gibt uns einen kleinen Anhalt über die Besitzungen der Familie. Die
Brüder Friedrich und Bruno von Hornberg verkaufen nämlich alle ihre
Besitzungen zu Emmendingen, Mundingen und Aspen um 20 Mark
Silbers an das Kloster Thennenbach, und Graf Egeno und Friedrich
besiegeln die darüber ausgestellte Urkunde. Freiburg 11. Februar 1296
(Mone, Zeitschr. 10. 316). An derselben ist das gemeinsame Siegel
der Brüder von Hornberg erhalten, welches Mone beschreibt, wie folgt :
„Es ist rund, in dreieckigem, von zwei auf einem Berge knienden
(GERMANIA . Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 4
50 F. GRIMME
jugendlichen Gestalten gehaltenen Schilde zwei auf drei Bergen mit
ihren Spitzen aufstehende Hörner; hinter dem Knaben rechts Fried-
rich, hinter dem links Bruno, Umschrift: S. Nobilium de Horenbergh."
Er fügt noch hinzu, daß die Herren von Tryberg mit ihnen verwandt
sind und das gleiche Wappen führen. Dieses stimmt genau mit dem
der Pariser Handschrift. — Zu Freiburg am 17. Januar 1297 ver-
pfändet Graf Heinrich von Freiburg seinem Bruder Egen die Silber-
bergwerke im Breisgau, welche sie beide gemeinsam vom Bisthum
Basel zu Lehen führen, was seine Berechtigung daran betrifft, für die
wegen 1000 Mark Silbers von demselben und seinem Sohne Conrad
für ihn ihrem Vetter, dem Grafen Egen von Fürstenberg und Friedrich
und Bruno von Hornberg geleistete Bürgschaft, für die nächsten fünf
Jahre (Mone, Zeitschr. 19. 80). Wieder treffen wir die beiden Brüder
in Verbindung mit dem Grafen von Fürstenberg, und wenn sie zu-
sammen mit jenem eine Summe von 1000 Mark Silbers verleihen können,
so ist das sicher ein Zeichen von der Bedeutung, Macht und dem
Reichthume des Geschlechtes. — Als Werner von Staufen dem Grafen
Conrad von Freiburg für sich und alle seine Freunde und Helfer Ur-
fehde und Sühnebrief ausstellt wegen erlittener Gefangenschaft und
aller Beschädigung, Freiburg 2. December 1306, besiegelt die Urkunde
Bruno von Hornberg (Mone, Zeitschr. 11. 446). Seit diesem Jahre ist
mir Bruno in Urkunden nicht mehr begegnet, während sein Bruder
Friedrich sich noch am 18. Februar 1311 und am 24. September 1314
in Freiburg findet.
Fragen wir nun, in welchem der beiden letztgenannten Brunos
wir den Minnesinger zu erblicken haben, so werden wir uns wohl
schwerlich mit v. d. Hagen für den älteren entscheiden. Vielmehr
spricht alles , besonders der Charakter der uns erhaltenen Gedichte,
dafür, daß der zweite Bruno der Dichter sei, wie auch schon Mone
(Zeitschr. 10. 316) vermuthete. Die Heimat des Geschlechtes ist
Horenberg auf dem Schwarzwalde an der Gutach , wo Althornberg,
die Stammburg der Edlen von Hornberg, stand.
3. Walter von Breisach.
Bauer hat in der Germania 1873 zu erweisen gesucht, daß der
im letzten Viertel des 13. Jhs. zu Freiburg im Breisgau sich findende
rector puerorum Waltherus identisch sei mit dem Meister Walter von
Breisach. Bevor ich den genannten Aufsatz gelesen, war mir die
gleiche Vermuthung aufgestoßen, und ich schließe mich daher den
Ausführungen Bauers voll und ganz an. Zur weiteren Kenntniß des
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNESINGER. III. 51
Lebens dieses bürgerlichen gelehrten Sängers führe ich noch Folgen-
des an. Der Schultheiß Hiltebrant Spenlin von Breisach entscheidet
einen Streit zwischen dem Kloster Thennenbach und denen von Kep-
penbach wegen Nutzung der Weide und des Wassers in der Gemar-
kung Keppenbach, wo beide Theile begütert sind. 9. Januar 1276.
Unter den Zeugen: Meister Walther, der Schulmeister ze Vriburg
(Mone, Zeitschr. 9. 461). — Die Kinder des verstorbenen Reinhard
von Falkenstein verkaufen mit Genehmigung der Grafen von Freiburg
ihren Hof zu Holzhausen, der von ihren Eltern an das Frauenkloster
Adelhausen verpfändet war, um diese Schuld tilgen zu können, um
7OV2 Mark an das Kloster Thennenbach, Freiburg, 20. August 1294,
wobei unter den Zeugen Meister Walther, der Schulmeister ze Friburg
erscheint (ib. 10. 250). — Der Nachfolger Walters in Breisach kann
magister Cuno de Brisaco gewesen sein, der am 11. Februar 1279 in
einer Urkunde des Bischofs Rudolf von Constanz als Zeuge auftritt
(ib. 9. 471).
4. Der schuolraeister von Ezzelingen.
Über den magister Henricus rector scholarum seu doctor puero-
rum in Ezzelingen, welcher der Zeit nach und nach den Anspielungen
in seinen Gedichten wohl für den Minnesinger gehalten werden muß,
führt Bartsch, deutsche Liederdichter LXV vier Urkunden aus den
Jahren 1279 — 1281 an. Ich kann die Nachweise noch um zwei weitere
vermehren. Am 27. Februar 1280 verkaufen Abt und Convent von
Bebenhausen ein Haus in Eßlingen dem Merckelin von Dürkheim,
wobei Heinricus rector puerorum in Ezzelingen als Zeuge erscheint
(Mone, Zeitschr. 3. 346). Vielleicht ist die genannte Urkunde iden-
tisch mit der von Bartsch angeführten vom 27. Februar 1279. — Der-
selbe Heinricus rector puerorum in Ezzelingen bezeugt ferner zu Eß-
lingen am 30. Mai 1281 eine Urkunde des Wolfram von Bernhausen^
in welcher dieser mit Zustimmung seines Lehnsherrn, Grafen Eber-
hard von Würtemberg, um 800 <U Pfennig an das Kloster Bebenkausen,
die Vogtei zu Ittingshausen mit allem Zubehör und Rechten verkauft
(ib. 421). Über diese Zeit hinaus ist Heinrich bis jetzt noch nicht
nachgewiesen. Daß er nicht all zu lange mehr gelebt haben kann,
geht daraus hervor, daß wir schon im Jahre 1293 einen Conrad als
Schulmeister in Eßlingen finden, der bis zum Jahre 1302 fünfmal mir
in Urkunden begegnet ist.
4*
52 F. GRIMME
5. Goldener.
Da Goldener in seinen Gedichten den Markgrafen Otto IL, den
Langen, von Brandenburg und Fürst Wizlav von Rügen erwähnt und
lobend hervorhebt, so muß er um das Ende des 13. Jhs. gelebt und
gedichtet haben. Um diese Zeit habe ich nun drei Personen des
Namens Goldener getroffen; der älteste von ihnen ist Conrad, welcher
am 5. März 1261 zu Messkirch als Zeuge auftritt, als Bischof Eber-
hard IL von Constanz den zwischen dem Kloster Salem und dem
Kirchherrn Bertold in Boll vollzogenen Tausch eines Gutes bei Mess-
kirch gegen ein innerhalb der Gemarkung des Madachhofes gelegenes
Gut bestätigt (Mone, Ztschr. 25, 399). Er nennt sich hier Conradus
dictus Goldenaer. — Ob dieser Conrad identisch ist mit dem Con-
radus Goldner, von dem das Stiftungsbuch des Cisterzienser-Klosters
Zwetl, ed. von Joh. v. Fräst S. 509 berichtet: Item Cunradus Goldner
de una XXXV denarios Item Goldner XL denarios minus uno;
wage ich nicht zu behaupten, da die Aufenthaltsörter doch etwas zu
weit von einander entfernt liegen. — Es folgt dann der Zeit nach
Perchtoldus Golder, der zu Guntramsdorf am 1. September 1289 zu-
gegen ist, als Leopold sen. von Sachsengang bekannt macht, daß
Abt Ebro und Conveut von Zwetl duas urnas vini montani iuris et
redditus duorum denariorum von Otto Herler um 15 solicli gekauft
haben (ib. 571). Endlich ist zu erwähnen Calhochus de Goldner,
welcher am 24. August 1302 eine Urkimde des Ortnid von Tanberch
bezeugt, worin dieser meldet, daß mit seinem Willen Ulrich und Wern-
hard von Berg den Brüdern zu Schlägel einen Mansus zu Widersöt
behufs der Urbarmachung versetzt haben. (Urkundenbuch des Landes
ob der Enns IV l^-f). — Sämmtliche Träger des Namens Goldner
sind aus dem Süden Deutschlands, und wenn wir in einem dieser
den Dichter erblicken wollen, so müßte derselbe zu Zeiten seine
Heimat verlassen und als fahrender Sänger sich in Norddeutschland
aufgehalten haben. Eine sichere Entscheidung über die Persönlichkeit
des Dichters läßt sich bis jetzt noch nicht fällen, nur so viel können
wir mit Gewißheit behaupten, daß der Goldenaere, welcher im Jahre
1197 im Urkundenbuche des Klosters Indersdorf erwähnt wird, viel
zu alt, der Goldiner in Affeltrangen am 21. Januar 1356 (Regesten
von Tobel, 86) und Claus Guldiner von Hertten, Reichenau, 22. Fe-
bruar 1400 (ib. 67) entschieden zu jung sind.
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNESINGER. III. 53
6. Pfeffel.
Den Dichter Pfeffel, dessen Lob^edicht auf den Herzog Friedrich
V. Osterreich, den letzten aus dem Hause Babenberg, früher als das
Jahr 1246 fallen muß , der somit immer noch der besseren Zeit des
Minnegesangs angehört, kann man besonders hinter vier Personen
vermuthen. Der erste ist Henricus Pheffel, welcher am 6. Mai 1220
zugegen ist, als Euphemia Gräfin von Chleberg dem deutschen Orden
die Hälfte der Vogtei über die Kirche in Morel schenkt, nachdem der
Orden die andere Hälfte durch die Schenkung des Königs Friedrich
schon längere Zeit besessen hatte (Meiller, Regesten der Babenberger
Herzöge yll)- Von diesem verschieden wird wohl Heinricus pheffili
miles sein, den Herzog, Germania 1884, S. 35 aus einer Olsberger
Urkunde im Jahre 1243 anführt, imd den er für den Minnesinger
hält, aber nur deshalb, weil er der einzige ihm bekannte Pfeffel vor
dem Jahre 1246 ist. Ob er seine Ansicht jetzt auch noch aufrecht
halten wird? — Über einen Pfeflfel ohne Vornamen berichten die
Annales Scheftlarienses (Quellen und Erörterungen zur bairischen und
deutschen Geschichte I, 391): Anno 1244 Phaphelinus occiditur. Hie
fuit auctor captionis castri in Wolfrathusen. — Der vierte ist Walter
Phephel, der im Jahre 1256 Zeuge war, als Smilo von Brunow dem
Prämonstratenserstifte Geras den Hof zu Raystorf zurückstellt (Archiv
für Kunde österreichischer Gesqhichtsquellen 2, 33). Außer diesen
finden sich bis zum Ende des 13. Jahrhs. noch Otto Pfeflinus zu
Schaumburg am 14. Juni 1272 (Urkdb. des Landes ob der Enns
III, T"ii)> Conrad Pfaffus von Schrowenstein, Schloß Tirol, 3. Januar
1273 (Ladurner, Urkundliche Beiträge zur Geschichte des deutschen
Ordens in Tirol 37) und Heinrich dictus Pfeffelin zu Speier am 14. No-
vember 1291 (Mone, Ztschr. 25, 334). Dem 12. Jahrh. gehört an
Eberhardus Phaphilin de Nellenburc, der unter Abt Christian von
Reitenhaslach (1175 — 91) erwähnt wird (ib. 31. 70), desgleichen im
Güterverzeichniß des Klosters Salem (ib. 1, 335).
7. Der von Sachsendorf.
W. Storck, der im Jahre 1868 die Gedichte Sachsendorfs her-
ausgegeben, beschäftigt sich in der Einleitung auch mit der Persönlich-
keit des Dichters, und obgleich er sich sehr vorsichtig ausdrückt, schenkt
er der Bemerkung v. d. Hagens doch eine gewisse Beachtung, der MS.
IV, 236 sagt, daß der namenlose von Sachsendorf wohl der höfische
Ulrich von Sachsendorf sein könne, welcher im Gefolge des Herzogs
Friedrich von Österreich den Ulrich von Lichtenstein auf seinem
54 F. GRIMME
abenteuerlichen Zuge als König Artus ritterlich begrüßte bei Neustadt
a. d. Leitha. Auch Bartsch, Deutsche Liederdichter L, läßt die Frage
nach der Persönlichkeit des Dichters unentschieden. — Das Geschlecht,
dem obiger Sänger angehört, muß sehr unbedeutend gewesen sein,
da uns Mitglieder desselben nur äußerst spärlich begegnen. Es sind
überhaupt nur zwei Träger des Namens Sachsendorf, die mir bis jetzt
aufgestoßen; zuerst Alhard von Sachsendorf als Zeuge in der Abfin-
dung des Abtes Otto von Wilhering mit Otto von Buchberg wegen
seiner Ansprüche auf das Gut Zemleub (Urkdb. des Landes ob der
Enns II, f^f). Die Urkunde ist nicht datirt; aus inneren Gründen
muß sie jedoch in die Jahre 1193 — 1200 fallen. Dann ist es noch
der obenerwähnte Ulrich von Sachsendorf, über den wir zwei urkund-
liche Notizen haben. Das Stiftungsbuch der Cisterzienserabtei Zwetl
meldet auf Seite 439: [Hie est census, quem persolvere debemus de
predio nostro in Sitzendorf Ulrico de Sahsendorf de vinea una VIII
denarios, de agris XII den. et IV caseos vel XVI den. Die Notiz fällt
ungefähr in das Jahr 1248. Wichtig ist die folgende Urkunde, welche
bei Frieß: die Herren von Kuenring, Urkundenbuch XXVII abge-
druckt ist. Hadmar von Kuenring verpfändet nämlich dem Bischöfe
Conrad von Freising mehrere Güter zu Urleigstorf gegen Silbergeräthe
und verpflichtet sich, wenn er zur festgesetzten Zeit dieselben nicht
lösen würde, sammt seinen Mannen Engelschalk von Königsbrunn,
Ulrich von Sachsendorf u. s. w. nach Passau zu kommen und daselbst
nomine obstagii so lange zu bleiben, bis dem Bischöfe Alles ersetzt
wäre. 30. April 1249 . — Was wir aus diesen Urkunden erfahren, ist,
um es noch einmal kurz zusammenzufassen. Folgendes: Ulrich von
Sachsendorf ist ein Ministeriale der Herren von Kuenring, außerdem
hat er von der Abtei Zwetl einige Güter in Sitzendorf zu Lehen.
Da Alhard und Ulrich die einzigen Träger des Namens Sachsen-
dorf sind, von denen wir bis jetzt Kunde haben, so müssen wir vor-
läufig in einer dieser beiden Personen den Minnesinger erblicken.
Alhard ist entschieden zu alt dafür, da die Gedichte Sachsendorfs
durchaus nicht das Gepräge des 12, Jahrhs. tragen, und so haben
wir denn, wenn nicht noch andere Mitglieder der Familie aufgefunden
werden, Ulrich für den Dichter zu halten.
Es bleibt uns noch die Frage: Wo war die Heimat des Ge-
schlechtes, oder wenigstens, nach welchem Orte hat es sich genannt?
V. d. Hagen IV, 236, A. 1 meldet, daß ihm nur Dörfer des Namens
Sachsendorf in der Mark, Meißen und Henneberg bekannt seien, da
jedoch der Dichter ein Österreicher ist, so können diese hier für uns
BEITRÄGE ZQR GESCHICHTE DEK MINNESINGER. III. 55
nicht in Betracht kommen. Dagegen gibt uns das Urbar des Passaui-
schen Domcapitels, welches ungefähr um das Jahr 1230 verfaßt ist,
(Archiv für die Kunde österreichischer Geschichtsquellen 53, 270)
willkommenen Aufschluß. Dort heißt es nämlich: Anno, quando domi-
nus Eberhardus de Jahenstorf prefuit officinae cellerarii (1220) sie
ordinavit de rebus dominorum et aucgmentavit .... de decima in
Cholensdorf et in Sehssendorf et in Hannedorf dabuntur II metrete
tritici et III siliginis et V ordei et una avene et porcus valens XXX
denarios et dimidium talentum. — ib. 274 heißt es dann nochmals:
In Sehssindorf de III areis XLV. Dieses Sachsendorf ist nun ein
Dorf bei Kollersdorf, Gerichtsbezirk Kirchberg am Wagram in Nieder-
österreich, nicht viel nördlich der Donau. Da Sitzendorf, wo Ulrich
von Sachsendorf Lehen innehatte, nur wenige Stunden nördlich von
hier liegt, da außerdem die Herren von Kuenring, deren Vasall Ulrich
war, dem niederösterreichischen Adel angehörten, so können wir mit
völliger Gewißheit behaupten, daß von dem oben genannten Orte
der Minnesinger sich genannt habe.
8. Hardegger.
Der St. Gallensche Dienstmann Heinr. von Hardegge, welcher
höchst wahrscheinlich hinter dem namenlosen Hardegger sich verbirgt,
findet sich nach v. d. Hagen und Bartsch vom Jahre 1227 — 1264 er-
wähnt. Doch nicht nur bis zum letztgenannten Zeitpunkte begegnen
wir ihm; noch im Jahre 1275 tritt er mit Walter von Klingen in
einer Urkunde auf. Zur weiteren Kenntniß seines Lebens führe ich
die folgenden Urkunden an. Abt Berchtold von St. Gallen überträgt
zwei kleine Güter in Dickbuch und Schotticon, welche Walter von
Elgg, Dienstmann des Klosters St. Gallen, zu diesem Zwecke auf-
gegeben hatte, als Zinslehen dem Frauenkloster Töss. St. Gallen,
21. Februar 1252. Zeuge: dominus Heinricus de Hardegge (Wart-
mann, Urkdb. der Abtei St. Gallen III, 918). — Wilbrig, Gattin des
Rudolf von Rorschach Ritter, verzichtet sammt ihren drei Söhnen auf
alle Rechte an den ihr zum Leibgeding verschriebenen Hof Lankwatt
.... prefata domina ad peticionem dicti mariti sui cessit et renun-
ciavit omni iuri, quod sibi in eodem predio competebat ad manus
nobihs viri Waltheri de Klingin, fratris sui. Constanz, vor der Kapelle
St. Peter, 17. Juli 1275. Zeuge: dominus H. de Hardegge (ib. III,
1001b). Es kann kaum auffallen, daß Heinrich in einem Zeitraum
von elf Jahren, von 1264 — 75, gar nicht in Urkunden uns entgegen-
tritt. Zuerst sind uns überhaupt nur fünf Urkunden erhalten aus der
56 F. GRIMME, BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNESINGER. III.
Zeit von 1227 — 85, so daß wir über sein Leben nur höchst lücken-
haft unterrichtet sind, sodann bezeugt die Antwort des Meisters Stolle
auf eine seiner Strophen, daß er sehr lange gelebt und gedichtet haben
muß. Wir haben daher gar keinen Grund, für die Urkunde vom
Jahre 1275 einen zweiten Heinrich anzunehmen. Dieser begegnet uns
erst zu St. Gallen am 11. October 1312 in einer Urkunde des Abtes
Heinrich, wo unter den Zeugen ein Heinrich der Hardegger aufgeführt
wird. (ib. 1204.) — In den Urkunden zu Joh. Caspar Zell wegers Ge-
schichte des appenzellischen Volkes I, 62, ist das Verzeichniß der
Zinse und Einkünfte der Kirche zu Marbach aus dem Jahre 1255 er-
halten, in dem sich folgende Stelle findet: „.... dictus Hardegger
recipit XI caseos de domino R. de Eschans socero suo,." Zu be-
dauern ist es, daß gerade der Vorname, auf den hier so viel ankäme,
nicht mit überliefert ist; der Zeit nach kann sich jedoch diese Notiz
nur auf Heinrich von Hardegge beziehen, von dem wir hierdurch er-
fahren, daß er eine Tochter des R. von Eschans zur Frau hatte.
Daß dieser genannte Hardegger kein Bürgerlicher sein kann^, beweist
schon der adelige Schwiegervater, und somit nehmen wir obige Notiz
als einen willkommenen Beitrag zur Kunde des Minnesingers. —
Weitere Personen des Namens Hardegge sind Wezilo, der am 12. Ja-
nuar 1284 zu Lindau sich findet (Mone, Zeitschrift 39, 16), Rudolf
von 1288 — 99 in Ragatz, und ein unbenannter zu Rapperswil am
7. September 1290.
9. Meister Heinrich Teschler^).
Meister Heinrich Teschier, welcher schon am 9. November 1252
in einer Urkunde des Rüdiger Manesse zu Zürich nachgewiesen ist,
lebte noch im letzten Viertel des 13. Jahrhs. Wir treffen ihn nämlich
am 7. October 1284 zu Oetenbaeh als Zeugen in einer Urkunde der
Priorin und des Convents zu Oetenbaeh, wodurch diese, von Gläu-
bigern gedrängt, ihren zu Böstein gelegenen Hof saramt Waldung dem
Amtmann Berthold von St. Blasien zu Klingnau zu Händen des letzt
genannten Klosters verkaufen um 34 Mark Silber in baar (Huber,
Regesten von Klingnau 20). — Ob aber der Dichter, dem die Pariser
Plandschrift das Prädicat Meister beilegt, unbedingt dem bürgerlichen
Stande angehöre, möchte ich noch bezweifeln. Wir dürfen doch vor-
aussetzen, daß der Schreiber der Handschrift wenigstens über die
Verhältnisse und Familien seiner engsten Heimat gut unterrichtet war.
•) Ich bemerke, daß mir bei Abfassung dieses Artikels die Schweizer Minne-
sänger von Bartsch noch nicht zufjänglich waren.
K. BARTSCH, RÄTSEL. 57
Wenn er uns nun zu den Gedichten des Sängers ein Gemälde zeichnet,
wie es nur für einen ritterlichen Dichter paßt, wenn er uns das Wappen
mittheilt und, worauf ich das meiste Gewicht lege, wenn auf der Zeich-
nung sogar der Ritterhelm mit Zimier sich findet, so glaube ich doch,
daß wir Grund genug haben, den Meister Heinrich Teschler unter die
ritterlichen edlen Sänger einzureihen. Dazu kommt noch, daß er in der Ur-
kunde vom 9. November 1252 aufgeführt wird als Her Heinrich Teschler.
Auch V. d. Hagen berichtet im Anschluß an Bluntschli u. a., daß in
Zürich ein altes vornehmes Geschlecht der Täschler bestanden habe.
Endlich tragen die Gedichte des Sängers ein gewisses vornehmes Ge-
präge, wie man es bei bürgerlichen Dichtern, die doch meistens dem
niedern Stande angehörten, nicht antrifft. — Was das Beiwort Meister
angeht, so kann man es, wie das schon mehrfach geschehen, erklären
als die Bezeichnung für Jemanden, der etwas Ausgezeichnetes, mehr
als Andere, leistet, oder aber, was ich eher glauben möchte, kenn-
zeichnet der Schreiber der Handschrift mit Meister die Bewohner der
Städte, mögen diese nun adelig sein oder nicht, im Gegensatz zu den
Rittern auf ihren Burgen. Daher haben wir denn einen Meister Gott-
fried von Straßburg, Meister Walter von Breisach, Meister Heinrich
Teschler von Zürich u. A. Die weitere Begründung dieser Ansicht
behalte ich mir vor für einen späteren Artikel. Ich glaube somit, daß
wir berechtigte Gründe haben, den Züricher Heinrich Teschler in der
Folgezeit für einen Sänger aus edlem Blute zu halten.
Im 14. Jahrh. begegnen uns noch mehrere Personen des Namens
Teschler in verschiedenen Städten, so ein Nikolaus Tescheler in Speier
in den Jahren 1317 und 1320 (Hilgard, Urkdb. zur Geschichte der
Stadt Speier m und Hf) , ferner Jacob Teschler in Neudorf 1330
(Kopp, Gesch. der eidgenössischen Bünde V^ 233), endlich Francisgk
Täschler in München am 19. November 1392 (Wittmann, Monumenta
Wittelsbacensia II, \-%\).
MÜNSTER i. W., Öctober 1887. FRITZ GRIMME,
RÄTSEL.
Nach Mittheilung von Alwin Schultz in Prag ist das Rätsel in
meinen Beiträgen zur Quellenkunde S. 178, 10 nicht aufzulösen in viit,
sondern in loip, und ohne Zweifel ist diese Auflösung die richtige.
K. BARTSCH.
58 F. GRIMME, ZU IWEIN v. 553 flf.
ZU IWEIN V. 553 ff.
Verschiedentlich ist schon im Allgemeinen darauf hingewiesen
worden, daß in den höfischen Epen des Mittelalters Orientalisches
sich finde, was auch als Folge der Kreuzzüge und bei den Bezie-
hungen der Araber zu Frankreich nicht auffallen kann^, aber bis jetzt
ist es doch nur erst in wenigen Fällen gelungen, die Quelle genau
nachzuweisen. Nachdem nun in der letzteren Zeit der orientalischen
Wissenschaft eine größere Aufmerksamkeit zugewandt ist, und stets
neue Ausgaben der arabischen und persischen Schriftsteller erscheinen,
wird sich auch wohl in Bälde der Schleier lüften, der noch in so
mancher Beziehung die höfischen Epen umschließt. Als einen geringen
Beitrag hierzu möge man die folgende Notiz aufnehmen.
Im Iwein v. 553 ff- wird uns über den wunderbaren Brunnen
berichtet. Etwas ganz ähnliches findet sich in: Mohammedi Filii
Chondschahi vulgo Mirchondi Historia Gasnevidarum persice ed.
Fr. Wilken, Berlin 1832. Der Verfasser lebte zwar in späterer Zeit
als Hartmann von Aue, er sagt jedoch selbst, daß er aus alten Quellen
geschöpft. In dem Werke heißt es nun cap. III:
„In der Nähe des Ortes, bei welchem die Ungläubigen ihr Lager
aufgeschlagen hatten, war eine Quelle so rein und klar wie die Sonne.
So oft aber Schmutz in dieselbe geworfen wurde, entstand ein schreck-
liches Getöse, laut wie Donner, es erhob sich ein Sturm, und grausige
Kälte trat ein. Nasireddin ließ nun Schmutz in diese Quelle werfen;
in Folge dessen entstand eine undurchdringliche Finsterniß, das Tages-
licht verlöschte, und es trat eine so große Kälte ein, daß das Blut
in den Adern erstarrte. Als dieses Erstaunliche sich ereignete, wagten
die Inder nicht länger zu widerstehen, da sie furchtsam den sicheren
Tod vor Augen sahen."
Nach Wilken ibid. p. 147 Anm. findet sich die Geschichte des
Zauberbrunnens auch in dem Werke des Ferischthah.
MÜNSTER i. W. F. GRIMME.
K. J. SCHRÖEK, ERINNEKUNGEN AN K. BARTSCH. 59
ERINNERUNGEN AN KARL BARTSCH.
Nicht unerwartet kam die Nachricht vom Tode des lieben Freundes!
Weit über ein Jahr bangten wir fort und fort für sein Leben und
wiederholt war er auch früher schon dem Tode nah. Dennoch ist
es ganz was anders, wenn so eine Befürchtung wahr wird. Nun erst
fühlt man den ganzen Verlust, ergreift uns der Schmerz mit aller
Macht und drängen sich die Erinnerungen heran! Im Innersten er-
schüttert, kann ich gar nicht beschreiben, welche Empfindung mich
ergriff, als vollends an demselben Tage, da die Todesnachricht ein-
traf — es war den 21. Februar 1. J. — noch ein Päckchen ankam
von ihm an mich, eine Sendung, wie ich sie so oft erhalten, wenn
ihn die unerbittliche Krankheit niederwarf und er die dringendsten
Arbeiten für die Germania mir übergeben mußte. Das war denn nun
die letzte Sendung, ein letzter Grruß und Auftrag! —
Wir wollen aber nicht stehn bleiben bei dem traurigen Anblicke
des Todten, wollen lieber seiner gedenken, wie er war in lebendiger
Gegenwart und wollen uns fortgesetzt und bleibend seines Wesens
freun und es so im Andenken bewahren.
Wenn man bei einem solchen Anlasse recht lebhaft das Miß-
verhältniß empfindet, in dem der Lohn der Welt steht zu den Ver-
diensten eines solchen Lebens und Strebens, da möchte man wol
ausrufen: o versäumt den Augenblick nicht, der nicht wieder kommt
und laßt jetzt die Liebe walten und jeden sein Scherflein beitragen
zu seinem Gedächtniß! —
Schon haben bewährte Freunde sich die Aufgabe gestellt, eine
Übersicht zu geben von seinem Leben und Wirken; zuerst Fr. Meyer
von Waldeck für die Münchener Allgem. Ztg. ^), dann R. Bechstein,
Fr. Neumann und G. Ehrismann für die Germania, so daß dieses
Heft, dessen Ausgabe ich deshalb verzögerte, besonders durch die
letztgenannten Beiträge wol ein Bild geben dürfte von dem Umfange
der Verdienste des Verblichenen.
Mich, der ich nahezu drei Jahrzehnte lang mit ihm befreundet
war, drängt es, das Bild des lebendigen Menschen, wie es mir vor der
Seele steht, hervorzurufen und der Begegnungen mit ihm zu ge-
denken, deren jede für mich eine angenehme Erinnerung zurückließ.
') Erschien bereits in der Beilage 1888, Nr. 71. 75. 80. 8H.
60 K. J. SCHEÖER
Wir waren durchaus nicht immer einerlei Meinung, aber das
trübte uns keine Stunde. Er suchte immer entgegenstehende Ansichten
zu würdigen, behielt davon so viel ihm taugte, und faßte nichts per-
sönlich an.
Es war 1860, als wir als Mitglieder des Gelehrtenauschusses
des germanischen Museums zu Nürnberg bei der Jahresversammlung
daselbst uns zum ersten Mal begegneten und mit Franz Pfeiffer,
Frommann, Joachim Meyer unvergeßliche Tage verlebten!
Bartsch war damals eine schlanke, elastische Jünglingsgestalt,
mit edlen, markirten Gesichtszügen. Rasch genug nacheinander waren
seine ersten Ausgaben altdeutscher Dichtungen, Karl der Große vom
Stricker, die Erlösung, Berthold von Holle, mitteldeutsche Gedichte etc.
gefolgt. Eine ungewöhnliche Begabung und Thatkraft hatte sich damit
schon angekündigt. Dabei war er im Umgang heiter und von der
anspruchlosesten Liebenswürdigkeit. So frei von allem Pathos, aller
Pedanterie und Prätension, daß Pfeiffer und ich unsere Freude an
ihm hatten und ihn herzlich lieb gewannen.
Näher trat er mir noch nach Pfeiffers Tode, 1868, als er nach
Wien kam und ich mit ihm den Nachlaß Pfeiffers ordnete. Hier lernte
ich die Geistesgewandtheit und das beispiellose Geschick Bartschs
kennen, mit dem er in der Masse der aufgehäuften Schriften, Arbeiten,
Abschriften etc. Pfeiffers sich auf das rascheste zurechtfand. — Seine
Freude an der Arbeit, belebt durch die Leidenschaft zu entdecken,
entdeckte Schätze des Alterthums der Vergessenheit zu entreißen,
liehen ihm unermüdliche Schwungkraft. Die Arbeit flog ihm von der
Hand.
Nur wer ihn bei der Arbeit gesehn, begreift die große Anzahl
seiner Publicationen auf germanistischem und romanistischem Gebiete,
die zum Theil auf schwerwiegenden Untersuchungen beruhten.
Von dieser Zeit begann ein reger Briefwechsel zwischen uns.
Als er darauf 1870 in Paris mit der Abschrift der Troubadours be-
schäftigt war, erschien er uns in ganz besonderm Lichte: als der
Typus des deutschen Gelehrten, der, hoch über nationaler Befangen-
heit stehend, die Schätze Frankreichs zu retten bestrebt ist, bevor
sie durch die drohende Kriegsgefahr gefährdet sind! Den 10. Juli
langte er in Paris an, wenige Tage vor der Kriegserklärung. Fünf
Wochen hielt er aus und konnte „Dank sei es meinen Freunden, un-
gestört arbeiten. Die Troubadours waren in dieser stürmischen Zeit
mein Trost, und ich habe reiche Schätze mitgebracht. Aber ich ge-
stehe, daß ich alle meine Energie aufbieten mußte, um die zur Arbeit
ERINNERUNGEN AN K. BARTSCH. 61
nöthige Ruhe zu behalten." So schrieb er mir nach seiner Heimkehr
aus Rostock.
Im Mai 1872 trafen wir darauf zusammen bei der Philologen-
versammlung in Leipzig, über die in der Germania desselben Jahres
ausführlich berichtet wird. Schon vor mir in Leipzig angekommen,
sorgte er für eine Wohnung für mich und war mit größter Liebens-
würdigkeit um mich besorgt, da ich etwas leidend war. Ich hielt einen
Vortrag, betheiligte mich auch etwas an einer Debatte. Er freute
sich darüber, verhielt sich aber selbst ganz still, verkehrte mit allen
Fachgenossen freundschaftlich heiter, ohne hervortretende Parteinahme
nach einer oder der andern Seite hin.
Im Sommer 1873 weilte er bei mir in Wien ; wir sahen die Welt-
ausstellung häufig zusammen. An den Abenden arbeitete er damals
an der neuen Ausgabe des Koberstein.
Wenn bei der Gelegenheit dagegen, daß er so viel übernahm,
Bedenken ausgesprochen wurden, besonders wenn bei seinen andern
gleichzeitigen Arbeiten die Aufgabe, die er sich stellte, nicht zu be-
wältigen schien, da gab er alle Einwendungen als berechtigt zu, und
machte nur geltend seine Arbeitslust und die Erfahrung, daß ihm
dergleichen doch schon so oft gelungen sei. Wir müssen gestehn,
die rasche, zu rasche Arbeit ist in diesem Falle wol zu erkennen, aber
wer sonst hätte sie übernommen und wäre in mäßiger Frist damit
zu Stande gekommen? Willkommen war die neue Auflage doch!
Durch eine von der seinen abweichende Anschauung in wissen-
schaftlichen Dingen war er , wie schon bemerkt, nie zu verstimmen.
Dies äußerte er mir gegenüber oft, und oft konnte ich erfahren, daß
er der Wahrheit unbefangen ihr Recht gab, wenn er sah, daß er sich
geirrt. Aufs Wärmste dankbar war er für Berichtigungen von Versehn,
die durch seinen leidenden Zustand, oft auch durch Entfernung von
seiner Bibliothek leicht entstehn konnten. Dennoch blieben ihm
bei aller Sachlichkeit, wie wir wissen, auch unerfreuliche Angriffe
und Fehden nicht aus. — Sei es einmal gestattet, des geschichtlichen
Gegensatzes hier zu gedenken, der die Germanisten in zwei Heerlager
spaltete, Avodurch die sachliche Beurtheilung ihrer Verdienste so sehr
beeinträchtigt ward! Er hinderte Jahrzehnte hindurch beide Theile
gerecht zu sein. — Bekanntlich hatte sich mit Lachmanns Tode (1851)
der Nibelungenstreit um die drei Handschriften erhoben, der zu einem
allseitig befriedigenden Ergebniß nicht geführt, der uns aber vortreff-
liche Ausgaben aller drei Handschriften eingetragen hat: Lachmanns,
Zarnckes und Bartschs. — Wir wollen nicht vergessen, daß zu den
62 K. J. SCHRÖER
aufgetauchten Bedenken gegen Lachmanns Nibelungen der erste
Anstoß von Jacob Grimm ausgegangen und daß sein Einwurf, seine
ganze Anschauung dabei tiefbegründet in seiner Natur lag. — Das Große
in der Gestalt Jacob Grimms liegt in dem Blick, mit dem er in allen
Erscheinungen den fruchtbaren Punkt findet, „von dem sich vieles
ableiten läßt, oder vielmehr, der vieles freiwillig aus sich hervor-
bringt und — entgegenträgt!" Ich wähle den Ausdruck Goethes mit
Bedacht. So wie die Philosophen Fichte, Schelling und Hegel von
Goethes Geiste befruchtet sind — daß sie ihn später wieder beein-
flußten, darf uns nicht beirren — so waren es auch die Romantiker
und war es auch J. Grimm, der noch völlig in den Zeiten des
Idealismus wurzelt. Damals galt das hohe Wort: „Was fruchtbar
ist allein ist wahr." Darin liegt, daß man in J. Grimm dichterische
Begabung erkennen wollte, wie Goethe sie in Winckelmann fand. Einem
solchen, auf Ideen ausgehenden Geiste mußte alles Mechanisiren der
Methode bei Betrachtung von organisch Gewordenem widerstreben,
und so denn auch die Annahme von Heptaden zur Bestimmung des
Echten und Unechten im Nibelungenliede. Es mag sich nun mit den
Heptaden wie immer verhalten, das ist klar, daß der Geist J. Grimms
auf das geistige Band der Dinge gerichtet war, die andern auf die
Theile in der Hand. Unendlich fruchtbar wirkte Grimm dadurch, daß
er eine Fülle von Ideen enthüllte und weckte. Reich befruchtet von
ihm ist die Forschung noch heute und nicht nur in Deutschland.
Wie ein einsamer Riese ragt er weit über seine Zeit hinaus, wenn
auch eine Menge von Einzelheiten seiner Forschungen, die man nun
besser weiß, nicht mehr gelten. — Es soll hier nur hervorgehoben
werden, daß der Gegensatz, der in diesen Fragen hervorgetreten ist, in
nichts anderm zu suchen ist, als in dem Gegensatz der classischen Zeit
des Idealismus zu der Folgezeit, die vieles Gute hervorgebracht, nur
für Ideen kein Verständniß hat. Ich behaupte nicht, daß der gewaltige
tiefgehnde Geist Grimms auf der einen oder auf der andern Seite einen
Nachfolger fand. Mir galt es hier nur es auszusprechen, daß die
Berechtigung, sich an seine Seite zu stellen, eine tief begründete war.
Es folgten bekanntlich die Angriffe Holtzmanns, Zarnckes gegen
Lachmanns Nibelungen; die Germania Pfeiffers erschien seit 1856 mit
Beiträgen von J. Grimm, L, Uhland und stand nun gegenüber der
Zeitschrift Haupts für deutsches Alterthum, die auf der Seite Lach-
manns stand. In der Germania traten Pfeiffer und Bartsch mit den
bekannten bedeutenden Besprechungen von des Minnesanges Frühling
auf; Pfeiffers Vortrag über den Kürenberger als Verfasser der Nibe-
ERINNERUNGEN AN K. J. BARTSCH. 63
langen , Bartschs Untersuchungen über das Nibelungenlied folgten,
und eine Fülle von Geist und Gelehrsamkeit offenbarte sich auf bei-
den Seiten. — Wenn wir was wegwünschen möchten, so ist es das
persönliche Moment, das diese Fehden oft auf das Unerfreulichste
verbitterte. Bartsch besaß eine Gelassenheit, Sachlichkeit und Milde
in solchen Fällen, die offenbar den Frieden anstrebte. Seine Unter-
suchungen über das Nibelungenlied, seine Ausgabe von der Nibelunge
not mit Lesarten und Wtb. sind von dauerndem Werth.
Im Jahre 1879 hatte ich mit ihm ein Zusammentreflfen in Jen-
bach in Tirol verabredet, wo wir einen glücklichen Monat zusammen
verlebten. Gemeinsame Ausflüge in der Umgegend, wie im Zillerthal,
ein anrauthiges Zusammentreffen mit Defregger am Achensee, Besuche
von Aufführungen tirolischer Volksbühnen, über die wir in Blättern
berichteten und die Veranstaltung selbst eines Goethefestes den 28. Au-
gust in Jenbach, waren uns Beiden unvergeßliche Erinnerungen.
Ich arbeitete damals an meinem Faustcommentar, der Bartsch sehr
interessirte. Bezeichnend für seinen bewährten Formensinn ist eine
Arbeit, die daraus hervorging. Die Erscheinung des Alexandriners in
Goethes Faust, der mit Hans Sachsischen Versen wechselt, die ich
wiederholt zur Sprache brachte, veranlaßte ihn zu dem Aufsatze im
Goethejahrbuch 1 (1880): Goethe und der Alexandriner.
1882 hatte ich noch das Glück bei ihm in Heidelberg, in seiner
liebenswürdigen Familie glückliche Tage zu verleben. Seine liebe
Frau, seine trefflichen Kinder bildeten einen Kreis, der ihn wol be-
glücken konnte !
Ich habe noch nicht seiner Dichtungen gedacht, seiner an-
muthigen lyrischen Gedichte, seiner lebensvollen Novellen, verdienst-
vollen Übersetzungen. Sie kamen in diesem Kreise zur Sprache und
man sah, welches Interesse dafür lebendig war. Gewiß stand auch
seinen textkritischen Arbeiten die nachschaffende Gabe des Dichters
zur Seite. — Was mir aber hier besonders lebhaft vor Augen trat,
das war die anspruchlose Genügsamkeit und Schlichtheit des doch so
hoch angesehnen Mannes. — Heidelberg ist keine große Stadt, sie kennt
aber bei dem Andrang von Fremden, allen Luxus großer Städte.
Bartsch blieb davon unberührt: in der Hinsicht der richtige deutsche
Gelehrte! — Bei alledem durchaus nicht pedantisch und regen Antheil
nehmend an Musik und Theater; anregend, geistesfrisch in Gesellschaft.
Niemand begriff, wie er zu allem Zeit fand! — Wie freute ich mich
der Stunden in seiner lieben Familie, seiner Begleitung nach dem
Schlosse von Heidelberg, wo wir Goethes und des Urbildes der Suleika
64 K. J. SCHRÖER, ERINNERUNGEN AN K. BARTSCH.
gedachten. — Mit welcher Freude und Rührung muß ich nun zurück-
blicken auf alle die persönlichen Begegnungen, aber ebenso auf die
große Zahl seiner Briefe, in denen er mich fortwährend im Laufenden
erhielt in seiner großen vielseitigen Thätigkeit und an meinen Arbeiten
immer regen Antheil zeigte. — Seit jener Zeit hat ihn wiederholt
die Krankheit überwältigt. Die zahlreichen Briefe blieben aus; Karten
traten an die Stelle, besonders in der letzten Zeit. Sein letzter Brief,
dem nur mehr Zettel gefolgt sind, war vom 5. November 1887. Da
sehrieb er: er wolle sich wieder der Germania annehmen. Und am
Schluß: „Mit mir geht es langsam vorwärts, jeden Tag darf ich 1 St.
arbeiten. Sei herzl. gegrüßt von Deinem K. B." — —
Als ich jenes letzte Päckchen aufmachte, war das erste Blatt,
das mir in die Hände fiel, eine Besprechung der 6. Auflage von
Zarnckes Nibelungenausgabe: „Mit wahrer Freude begrüße ich diese
Auflage." So beginnt die Besprechung.
Er findet, hocherfreut, eine Annäherung zwischen Zarnckes und
seinen Anschauungen und bespricht die noch bestehnden DifFerenz-
punkte: „Alle sind der Art, daß sie einen principiellen Gegensatz
nicht enthalten, und so hofi'e ich, daß wir uns allmälig noch etwas
mehr nähern werden!" — —
So, mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigt bis zuletzt, verließ
er uns, hoffend, hoffend! — Es ist ein schöner Lebensschluß ein
solches Hoffen. Ja, lieber Freund, hoffen wollen wir, daß alle Guten
sich noch einmal nähern werden!
Die nächste Pflicht, die ich nun vor mir sah, war die Sorge um
die Germania. Daß erstens das erste Heft dieses Jahres, das unter
Bartschs Namen das letzte sein sollte, durch Beiträge der genannten
Freunde seinem Andenken gewidmet und zweitens sogleich auch schon
ein neuer Herausgeber genannt werden könne. Meiner Überzeugung
nach mußte eine bewährte und zugleich junge Kraft gefunden werden
und ich freue mich, daß es gelungen ist, eine solche an Professor
Dr. 0. Behaghel zu gewinnen. Wir dürfen überzeugt sein, daß der
Geschiedene selbst, wenn er gefragt werden könnte, über diese Wahl
hocherfreut wäre!
K. J. SCHKÖEK.
R. BECHSTEIN, KARL BARTSCH. 65
KARL BARTSCH
t 19. Februar 1888.
Mit trauerndem Herzen gedenken wir des schmerzlichen allzu-
frühen Heimgangs des Herausgebers dieser Zeitschrift, deren Leitung
er nach dem Tode des Begründers in dem Bewußtsein einer theuern
und unabweisbaren Pflicht übernommen und fast zwanzig Jahre mit
sicherer Hand durchgeführt hat. Noch das letzte Heft des vorigen
Jahrgangs 1887 brachte einen Beitrag von ihm, dem bereits schwer
Erkrankten. Und wie wunderbar! Es waren Bruchstücke aus Strickers
Karl, von denen er Textproben und Lesarten zu seiner eigenen Aus-
gabe darbot, also zu seinem ersten größeren Werke, mit welchem er
sich auf dem Gebiete der deutschen Philologie so glänzend eingeführt
hatte! So reichten sich Anfang und Ende die Hand.
Wie Franz Pfeiffer, der unvergeßliche Begründer der Ger-
mania, so ist auch Karl Bartsch in bestem Mannesalter dahingerafft
worden. Pfeiffer brachte es nur etwas über 53 Jahre, Bartsch starb
kurz vor der Vollendung seines 56. Jahres. Auch darin glichen sich
die beiden Freunde, daß jeder von ihnen aus der Bibliothekarlaufbahn
zum akademischen Amt berufen wurde, ohne vorher die Staffeln des
Privatdocententhums und des Extraordinariats durchgemacht zu haben.
Sonst war ihr Lebensgang verschieden. Pfeiffer entwickelte sich lang-
sam, gelangte erst verhältnißmäßig spät zu einer gefesteten Lebens-
stellung und zur Gründung eines eigenen Herdes; Bartsch dagegen
ist mit 17 Jahren bereits Student, mit 20 Jahren Doctor, erhält mit
23 Jahren eine Stelle, wenn auch keine völlig befriedigende, wird mit
25 Jahren ordentlicher Professor. Bald nachher tritt er in den Ehe-
stand. Aber in einem sind sie wieder gleich: in ihrer unermüdlichen
Schaffenslust und bewunderungswürdigen Fruchtbarkeit, in ihrem an-
regenden und zum Theil bahnbrechenden Wirken.
Bartsch widmete dem geschiedenen älteren Freunde in der Ger-
mania einen kurzen Nachruft) , keinen eigentlichen Nekrolog. Er
mochte sich wohl ein ausgeführteres Lebensbild im Stillen vorbehalten
haben. Ein solches schenkte er uns auch später in dem nachgelas-
senen, von J. M. Wagner herausgegebenen Werke Pfeiffers, in dem
„Briefwechsel zwischen Joseph Freiherrn von Laßberg und Ludwig
») Germania 13 (1868), S. 260 %.
ORRMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) .Tahrg.
66 R- BECHSTEIN
Uhland" (Wien 1870). In seinem Nachrufe richtet Bartsch die Bitte
an alle Freunde, der Germania, die Pfeiffer wohl wie keine andere
seiner Unternehmungen beschäftigt habe, ihre Unterstützung zuwenden
zu wollen, und knüpft daran die zuversichtliche Hoffnung, daß die
Germania noch Jahre lang fort erscheinen werde. Diese Hoffnung ist
zum Glück in Erfüllung gegangen. Dürfen wir jetzt, wo der that-
kräftige Leiter, der immer auch der beste und fleißigste Mitarbeiter
war, uns genommen ist, gleiche Zuversicht hegen? Mit der vermehrten
Zahl der Theilnehmenden ist auch die Zahl der wissenschaftlichen
Organe gewachsen. Sind es ihrer aber nicht bereits zu viel? Wird
dadurch der einzelnen Zeitschrift nicht Kraft entzogen? Zeigt sich
neuerdings anstatt des frühern Andrangs und Überflusses nicht schon
eine gewisse Ermüdung und ein Nachlassen in der Bereitwilligkeit
der Mitarbeiterschaft? Mitunter will es mich so bedünken. Betrachte
ich aber die allerdings nicht große Zahl der noch lebenden älteren
Gelehrten, welche der Germania treu geblieben sind') und dazu die
nicht unansehnliche Schaar der Jüngern Mitarbeiter, so ist mirs nicht
bange um die Zukunft der Germania. Was uns aber besonders mit
Trost und Hoffnung erfüllt, ist die Gewißheit, daß der hervorragendste
Schüler von Bartsch auf dem germanistischen Gebiete, sein Lieblings-
schüler Otto Behaghel sich entschlossen hat, den verlassenen Platz
am Steuer einzunehmen.
Wie Bartsch dem geschiedenen Pfeiffer in der Germania einen
Nachruf widmete, so würde Behaghel jetzt die gleiche Pflicht zufallen,
und er würde ihr genügen, wenn ich nicht im Voraus die Absicht
gehabt hätte, das Andenken des entschlafenen Freundes zu feiern.
Wenn ich aber dieses Vorrecht in Anspruch nehme, so geschieht es
nicht allein, weil ich der ältere bin und seit bereits dreißig Jahren
an der Germania mitarbeite, sondern auch weil ich das Glück gehabt
habe, von Bartsch zu seinem Nachfolger in Rostock erkoren worden
*) Von den Mitarbeitern der Germania sind nach Pfeiffers Tode folgende aus
dem Leben geschieden: Ferd. Deycks, Lorenz Diefenbach, Franz Dietrich, Anton
Edzardi, Ludwig Ettmüller, Joseph Fasching, Karl Frommann, Karl Goedeke, Benedict
Greiff, Joseph Haupt, Karl Hildebrand, Albert Hoefer, Heinrich Hoffmanii von Fallers-
leben, Karl Hopf, Adelbert von Keller, Arthur Köhler, G. L. Kriegk, Hermann Kurz,
August Lübben, Adolph Lütolf, Hans Ferd. Maßmann, Hermann Palm, Heinricii
Rückert, Theophil Rupp, Karl Schiller, Franz Ötarck, Joseph Maria Wagner, Emil
Weller, August Witzschel, Adolph Wolf. Dazu kommen noch diejenigen, welche vor
dem Eintritt Bartschens in die Leitung der Germania sich früher als Mitarbeiter be-
theiligt haben, nämlich: Theodor Benfey, Jacob Grimm, Adolph Holtzmann, Rudolf
von Räumer, Franz Roth, Ludwig Uhland, Wilhelm Wackernagel.
KARL BARTSCH 67
zu sein. Zweimal habe ich schon über Bartsch und seine Wirksamkeit
gehandelt, was freilich den Wenigsten der Fachgenossen bekannt ge-
worden ist. Beidemal aus erfreulichem Anlaß , beidemal in der Ro-
stocker Zeitung. Zuerst bei Gelegenheit seines fünfundzwanzigjährigen
Doctorjubiläums am 12. März 1878 (Nr. 61, 64 vom 12. und 17. März
mit Nachtrag über die Feier, Nr. 80 vom 5. April), sodann zum Ge-
dächtniß seines Amtsjubiläums am 8. Mai 1883 (Nr. 104), mit wel-
chem sich zugleich die Erinnerung an die durch ihn angeregte Grün-
dung des deutsch-philologischen Seminars, des ersten seiner Art in
Deutschland verband, welche bald nach seinem Antritt der Professur,
am 11. Juni 1858 erfolgte. In beiden Aufsätzen hielt ich bei der Schil-
derung von Bartschens Leben und Wirksamkeit einen chronologischen
Gang ein. Ich möchte nun nicht in gleicher Weise verfahren, wenn
ich hier in der Germania zum Gedächtniß des geschiedenen Freundes
das Wort ergreife. Ein eigentliches Lebensbild könnte ich auch nicht
geben, weil ich dazu erst Material hätte sammeln müssen, ich brauche
es aber auch nicht zu geben, nachdem der Heidelberger Freund und
Fachgenosse Friedrich Meyer von Waldeck jetzt in der Allgemeinen
Zeitung (Beilage Nr. 71. 75. 80. 83 vom IL, 15., 20. und 23. März d. J.)
einen so trefflichen, ausführlichen, liebevollen und warm empfundenen
Nekrolog dargeboten hat^), den gewiß alle Freunde mit wehmtithiger
Freude gelesen haben werden. In diesem Nekrolog ist in die Schilde-
rung eine so große Menge persönlicher Züge verwebt, die selbst man-
chem Nahestehenden bisher unbekannt geblieben sein mögen, daß ich
aus dem Leben nur das zu berühren brauche, was zum Verständniß
der Wirksamkeit nöthig scheint. Mir ist es vornehmlich um eine
Charakteristik des Gelehrten und des Schriftstellers zu
thun. Meine Quellen sind lediglich seine Werke. Bartsch war aber
auch akademischer Lehrer, deshalb wird auch auf diese Seite
seines Wirkens wenigstens einigermaßen Bedacht zu nehmen sein.
Nicht um einen Preis seiner Verdienste soll es sich handeln, ich will
vielmehr versuchen, in meiner Charakteristik die Stellung zu zeichnen,
welche Bartsch in unserer Wissenschaft einnimmt, und veelche Auf-
gaben er zu weiterem Ausbau hinterließ. Daß ich mich hier auf die
Arbeiten beschränke, die Bartsch auf dem deutschen Gebiete geliefert
hat, brauche ich nicht zu rechtfertigen, zumal Bartschens anderer
Lieblingsschüler, Fritz Neumann, die speciell romanistischen Werke
*) Auch in einem besondern Abdruck erschienen , der mir kurz vor Abschluß
dieser Abhandlung durch Frau Geheimrath Bartsch freundlichst zugesandt wurde.
5*
68 R. BECHSTEIN
ZU behandeln gedenkt. Dagegen muß ich diejenigen Veröffentlichungen,
welche beiden Wissensgebieten gemeinsam angehören, in den Kreis
meiner Betrachtung ziehen.
Die ungemeine Fruchtbarkeit Bartschens habe ich schon
kurz angedeutet. Diese Fruchtbarkeit, welche auch die von Pfeiffer
weit übertraf, erscheint wie ein psychologisches Räthsel. Wie ist es
nur möglich, daß ein Mann, der sich nicht der kräftigsten Constitution
erfreut, der sogar öfters gezwungen ist, wegen seines leidenden Zu-
standes völlig und auf längere Zeit auszuspannen , dessen Amts-
geschäfte auch einen Theil der Zeit in Anspruch nehmen, der bei
allem Fleiße doch auch der Geselligkeit sich nicht ganz entzieht,
es dennoch zu Wege bringt, Jahr um Jahr umfangreiche Werke
und daneben eine beträchtliche Reihe kleinerer Arbeiten erscheinen
zu lassen? Seine selbständig, unter seinem Namen veröffentlichten
Werke würden einen Schrank füllen, seine großen und kleinen Auf-
sätze würden vereint eine ganze Zahl von Bänden ausmachen. Diese
überaus reiche Thätigkeit erscheint aber um so wunderbarer, als die
Schöpfungen nicht immer in fortlaufender Rede geschrieben sind,
sondern eine Fülle von Beispielen, Citaten, Zahlen, Verweisungen
u. dgl. enthalten, die alle bekanntlich höchst mühselig sind, selbst
wenn sie in vorbereiteten Aufzeichnungen zur Verfügung stehen, und
diese Aufzeichnungen mußten doch auch erst gemacht werden. Dabei
sind Bartschens Bücher in * seltener Weise coi-rect, Druckfehler be-
gegnen so gut wie gar nicht. Diese ungemeine Rührigkeit und
Gewandtheit ist aber nur die äußere Hülle; der innere Kern von
Bartschens staunenswerther Production ist doch zu finden in seiner
ausgebreiteten Belesenheit, in seinem tiefen und sichern Wissen, in
seinem weitgehenden Interesse, in seiner innigen Liebe zu seinem
Fache. Die Arbeit war ihm Bedürfniß, war ihm Leben.
Wie seine Fruchtbarkeit, so ist auch seine Vielseitigkeit bewun-
derungswürdig. Zwar hat er sich im Großen und Ganzen vorzugsweise
der altern Zeit zugewandt, aber auch die neue Periode fesselte ihn zu
öftern Malen. Literatur, Sprache, dichterische Form, Textkritik: alle
diese Gattungen der Philologie lagen ihm am Herzen und daneben
auch die philologischen Hilfswissenschaften der Bücherkunde und der
Paläographie. Aber auch die Alterthumskunde, die Culturgeschiclite
nahmen ihn bisweilen gefangen. Dabei war er auch schaffender Dichter
und Übersetzer. Was ihn aber besonders auszeichnet, wodurch er sich
von Andern unterscheidet und eine eigenartige Stellung in der Ge-
schichte der philologischen Wissenschaft für alle Zeiten behaupten
KARL BARTSCH. 69
wird, ist die seltene und immer seltener werdende Vereinigung der
germanischen und romanischen Philologie. Bei dieser Er-
scheinung muß ich etwas verweilen.
Sein Universitätsstudium begann bekanntlich mit der classischen
Philologie. Wir wissen auch, daß es Weinhold war, der ihn in Breslau
für die Germanistik erwärmte. Aber wir haben keinen Anhalt, wenn
wir fragen, wer ihn wohl in Breslau der Romanistik zugeführt habe.
In Berlin hörte er später bei Steinthal Provenzalisch, aber er hatte
schon vorher sich mit Spanisch und Italienisch beschäftigt. Somit hat
er wahrscheinlich ohne die Anregung eines Lehrers aus eigenem An-
trieb ein Gebiet betreten, auf dem er später eine so fruchtbare und
erfolgreiche Thätigkeit entfaltete. Wenn Bartsch vielleicht auf deut-
schem Gebiet noch mehr als auf romanischem geschaflPen hat, so zählt
er doch zu den ersten Romanisten. In unserer Zeit, in der sich die
Disciplinen immer mehr sondern und specialisiren, ist es immer etwas
Großes, wenn ein einzelner Gelehrter auf verschiedenen Wissens-
gebieten heimisch wird und heimisch bleibt. In Zukunft wird solche
Verbindung wenigstens im akademischen Lehramte verschwinden.
Wenn Lachmann und Haupt die classische Philologie und zugleich
die deutsche vertraten, so suchen wir heute vergeblich eine Uni-
versität, die ein solches Verhältniß bewahrt hätte. Die Verbindung
zwischen allgemeiner Sprachwissenschaft (mit Einschluß des Sanskrit)
und der Germanistik, wie wir sie z. B. bei Schleicher und Holtzmann
fanden, besteht vereinzelt heute noch (Leo Meyer, Osthoff u. A.),
auch germanische und romanische Philologie haben vor und neben
Bartsch auch Andere vereinigt, wie namentlich Diez, Uhland, Adelbert
V. Keller, Konrad Hofmann, Holland, Martin, Kölbing, aber diese Ge-
lehrten neigten oder neigen, mit Ausnahme vielleicht von Konrad Hof-
mann, doch immer mehr zu dem einen oder zu dem andern Fache,
sind vorwiegend Germanisten oder vorwiegend Romanisten. Bartsch
dagegen ist das eine so gut wie das andere. Wäre er nur Heraus-
geber gewesen, so würden beide von ihm vertretenen Disciplinen
vielleicht getrennt behandelt worden sein und hätten ihre Vereinigung
nur in seiner Person gefunden. Aber so ist es nicht. Das gerade ist
das Bezeichnende und zugleich das Verdienstliche seines Wirkens,
daß er die Zusammengehörigkeit der germanischen und der
romanischen Philologie, welche in dem beiderseitigen Einfluß
der Sprache und der Literatur wurzelt, fort und fort zum Ausdruck
brachte, wie es vor ihm in gleich umfassender und eindringender
Weise nicht geschehen ist und wie es voraussichtlich auch schwerlich
70 R. BECHSTEIN
mehr geschehen wird, weil die jetzt aufstrebende Generation eine
Beherrschung beider Gebiete nachgerade nicht mehr erreichen kann.
Wenn diese Seite von Bartschens Streben durch einige Beispiele er-
läutert werden soll, so möchte ich zunächst auf seine erste größere
literarisch-kritische Abhandlung, auf sein Buch „Über Karlmeinet''
(1861) hinweisen, in welchem bei Betrachtung der jüngeren Bearbei-
tungen des altdeutschen Rolandsliedes auch auf die altfranzösische
Chanson de Roland sowie auf die jüngeren Rolandslieder Bedacht
genommen wird, woran sich auch ein Aufsatz in der Germania schließt
(6, 28). In seiner Ausgabe des Rolandsliedes (1874) mußte natur-
gemäß in der Einleitung das Verhältniß des deutschen Dichters zu
seinem französischen Vorbild berührt werden; in den Anmerkungen
gibt der Herausgeber vielfach Stellen aus dem französischen Gedichte
zum Verstäudniß des deutschen Textes oder zur Charakteristik der
Übereinstimmungen oder Abweichungen. Ebenso wird die ausgebildetere
Kunstepik der Glanzperiode mit Beziehung auf die aus Frankreich
stammenden Anregungen von Bartsch betrachtet. So weist er u. A.
nach, daß Hartmann in seinem Erec eine etwas andere Version als
die uns bekannte von Christians Gedicht benutzt haben muß (Germ.
7, 141). Auch auf den Zusammenhang zwischen der provenzalischen
und der deutschen Liederkunst erstrecken sich seine Studien, wovon
zwei Jugendarbeiten, die Abhandlung über den Grafen Rudolf von
Neuenburg (Haupts Zeitschrift 11, 1859, 145, aber schon in Nürn-
berg geschrieben) und ein kürzerer Aufsatz über die Nachahmung
provenzalischer Poesie im Deutschen (Germ. 1, 1856, 480) die ersten
Zeugnisse geben. In diesen Kreis fällt auch die schöne Abhandlung über
die romanischen und deutschen Tagelieder (1864, Ges. Vortr. u. Aufs.
250). Mit sichtlicher Vorliebe besprach Bartsch auch solche Werke,
in denen dieser Zusammenhang zwischen romanischer und deutscher
Poesie zu Tage trat oder zu Tage hätte treten sollen. Hierfür mag
nur auf einige Recensionen in der Germania aufmerksam gemacht
sein. So nenne ich die Besprechung der Ausgabe von Wace's Marien-
leben und Leben des heiligen Georg (Germ. 4, 501), von Gaston
Paris' histoire poetique de Charlemagne (11, 224), von Lippolds
Dissertation über die Quellen des Gregorius Hartmanns von Aue
(17, 106), von Birch-Hirschfelds Sage vom Gral (23, 247), von Gau-
tiers Les Epopees fran9aises (23, 365, Nachtrag zu einer Recension
Liebrechts). Auch auf das sprachliche Gebiet dehnte B. seine Ver-
gleichungen aus, wie sich namentlich in seinem auf der Rostocker
Philologenversammlung 1875 gehaltenen Vortrag „Vom deutschen Geist
KARL BARTSCH. 71
in den romanischen Sprachen" in glänzender Weise bekundet. — Der
Verbindung der beiden Literaturen verdanken wir auch die Gründung
des Literaturblattes für germanische und romanische
Philologie, welches ohne Zweifel von Bartsch angeregt und unter
seiner Mitwirkung von seinen Schülern Behaghel und Neumann ge-
leitet wurde. Dieses neue Organ hat sich bald einen Platz erobert,
und sein Bestand scheint gesichert. Den Wunsch, den die Heraus-
geber in ihrem Vorworte (Januar 1880) aussprachen, daß ein enger
Zusammenhalt zwischen den beiden Disciplinen bestehen bleiben möge,
soll hier mit unmittelbarer Beziehung auf Bartschens Wirksamkeit
wiederholt sein. Wenn bei der Ausdehnung der beiden Gebiete es
den Jüngern Gelehrten nicht mehr möglich ist, es Bartsch gleich zu
thun, so mögen doch besonders die Germanisten, die des Romanischen
mehr bedürfen als umgekehrt die Romanisten des Deutschen, sich
immer seines Vorbildes erinnern und , so viel an ihnen ist, auch dem
Romanischen ihr Studium weihen zu Gunsten der wissenschaftlichen
Erkenntniß der deutschen Sprache und Literatur.
Wenden wir uns nun, nachdem wir die besonders charakteri-
stische Seite in Bartschens Erscheinung hervorgehoben haben, den
einzelnen Fächern zu, für die er auf deutschem Gebiete thätig war,
so führt uns gleich seine allererste Arbeit, die wir freilich nur in
ihrem Titel kennen, zu der Metrik hin, für welche Bartsch nicht
allein eine besondere Vorliebe besaß, sondern welche er nach Lach-
mann wie kein Anderer gefördert hat. Gegenwärtig sind metrische
Studien in Blüthe, aber erst in allerjüngster Zeit; als Bartsch auf-
trat, war er fast der einzige, der sich für Metrik in höherem Maße
interessirte, sie erforschte und bearbeitete. Dann fanden sich zwar
auch einige andere Gelehrte neben ihm zu gleichem Streben ein, aber
wie wenige waren es doch im Verhältniß zu der schwierigen und
umfassenden Aufgabe! Wenn wir von Bartsch sagen sollen, was er
bei seiner ungemeinen Vielseitigkeit eigentlich und vorzugsweise war,
so können wir nicht umhin, ihn als Metriker zu bezeichnen. Er war
es mehr als Andere, er gründete auch auf die Metrik seine Text-
kritik, praktisch und theoretisch, als Herausgeber und als Kritiker.
Im Anfang war er den Lehren Lachmanns durchaus zugethan, er
wirkte für sie, baute sie aus; mit der Zeit brachte er auch eigene,
von Lachmann unbeachtet gebliebene Wahrnehmungen und Regeln,
später stellte er auch im Gegensatz und Widerstreit zu Lacbmann
neue Gesetze auf. Dies kann hier nur angedeutet werden, eine Aus-
führung würde viel zu weit führen; nur auf Einzelnes sei besonders
72 R- BECHSTEIN
hingewiesen. — Jene erste Arbeit ist die Dissertation De Otfridi
arte metrica vom Jahre 1853, mit welcher er in Halle den soge-
nannten kleinen Doctor machte'). Es ist zu bedauern, daß sie nicht
veröflfentlicht wurde. Sie wird wahrscheinlich eine Weiterführung der
Lehren Lachmanns dargeboten haben. Nach dieser Erstlingsarbeit
fesselten Bartsch längere Zeit provenzalische Studien, aber bereits im
Jahre 1856 tritt er wieder mit einer metrischen Abhandlung hervor:
es ist der erste Beitrag, den er der neu gegründeten Germania spendete.
Bartsch betrachtete die metrischen Regeln des Heinrich Hesler und
des Nicolaus von Jeroschin (Germ. 1, 192) und suchte sie zu deuten
und mit den uns bekannten Gesetzen der mittelhochdeutschen Metrik
in Einklang zu setzen. Das folgende Jahr brachte die noch wichtigere
Abhandlung über den Strophenbau in der mhd. Lyrik, in welcher
er auch bisweilen auf die provenzalische Poesie Rücksicht nimmt.
Hier wird auch bereits zwischen jambischen und trochäischen Versen
unterschieden, doch ist nicht recht ersichtlich, wie sich Bartsch die
Entwickelung des Rhythmus vorstellt. Bedeutungsvoller aber ist die
gesetzmäßige Bestimmung des Innern Reims, der von W. Grimm
in seiner Geschichte des Reims nur kurz behandelt wird. Bartsch
hat sich schon damals seine Ansichten über diese Reimgattung ge-
bildet und bringt dann diese auch verschiedentlich in mehreren Recen-
sionen, wie namentlich in der über des Minnesangs Frühling, zur Gel-
tung (Germ. 3, 1858, 481). Es hat aber eigentlich lange gedauert,
ehe er den innern Reim monographisch behandelte, es geschah erst
im 12. Jahrgang (1867, 129) der Germania mit Anknüpfung an die
bekannte Äußerung Lachmanns in den Anmerkungen zu Walther
(98, 40). Er selbst hatte schon vorher (1864) seine Theorien in der
Sammlung der deutschen Liederdichter praktisch verwerthet. Was
Bartsch gegen die Herausgeber von des Minnesangs Frühling in dieser
Hinsicht vorbrachte, ist von Haupt in dessen Entgegnung (Zeitschrift
11, 563 f^.) zumeist gutgeheißen worden, freilich mit, ich möchte
sagen, sauersüßer Miene, nicht freudig und rückhaltlos zustimmend.
') Am 11., beziehentlich am 12. März 1853, wurde Bartsch unter Eiselen's
Rectorat von der philosophischen Facultät in Halle durch den Decan H. C. Meier
promovirt. Heinrich Leo war Referent. Er nannte die Dissertation „eine Arbeit, die
nicht bloß von wohlrecipirter, sondern von selbständiger Gelehrsamkeit und durch-
gebildetem Urtheil zeugt." Ebenso Hervorragendes leistete Bartsch im Examen, In
der Matrikel heißt es: ^^osir^Mam commentationem doctam et acutam de veteris theo-
discae lingxiae praesertim Otfridi arte metrica exhibnit et coram in ordinis conceasu
evamen cum omnino cum laude tum in litteris germanicis summa cum laude austinuit.
KARL BARTSCH. 73
Inwieweit andere Herausgeber lyrischer Gedichte sich praktisch an
Bartschens Lehre angeschlossen haben, ist von mir bis jetzt leider
noch nicht beachtet und nachgeprüft worden '). Eine theoretische
Kritik dieser Lehre steht auch noch aus, und der, dem eine solche
nahe gelegen hätte und der dazu verpflichtet gewesen wäre, hat
sie nicht unternommen ''). — Verfolgen wir die metrischen Arbeiten
Bartschens im Anschluß an den Aufsatz über den mhd. Strophenbau
chronologisch weiter, so bietet sich uns in der Einleitung zur Ausgabe
des Stricker'schen Karl (1857) eine sehr ausführliche Darstellung der
Metrik dar. Hier werden ganz nach Lachmann'scher Weise auch die
Versausgänge verzeichnet, und es werden Regeln aufgestellt, was er-
laubt und was nicht erlaubt sei. In den folgenden Ausgaben des Ber-
thold von Holle (1858), der Erlösung (1858) und des Albrecht von
Halberstadt (1861) wird das Metrische in den Einleitungen viel kürzer
behandelt, dafür sind in den Anmerkungen eine ganze Reihe metri-
scher Beobachtungen niedergelegt. Auch in der Ausgabe der Meister-
lieder der Colmarer Handschrift (1862) ist dem Metrischen eine be-
sondere Sorgfalt zugewandt worden. Und so enthalten auch die fol-
genden Ausgaben mehr oder weniger metrische Bemerkungen. — Auch
zwei selbständig erschienene Monographien hat Bartsch verfaßt: in
der ersten (1867) behandelt er als Beitrag zur vergleichenden Metrik
den saturnischen Vers und die altdeutsche Langzeile und findet in
beiden im Verein mit der Grundform des griechischen Verses und
der indischen Sloka die ursprüngliche allgemeine epische Form der
indogermanischen Poesie; die zweite (1868) beschäftigt sich mit
einer metrischen Erscheinung der mittelalterlichen Latinität, mit den
') Ich selbst konnte nicht iiiimei- zustimmen in meiner Herstellung der Lieder
im Frauendienst. Es scheint mir die Annahme und Schaffung eines Binnenreims be-
denklich, sobald dadurch der Endreim verloren geht und die Reimzeile zum Waisen
lierabgedrückt wird. Nur unter bestimmten Bedingungen kann dies nach meiner Auf-
fassung geschehen. Es hätte die Anmerkungen zu breit gemacht, wenn auchj diese
Verhältnisse im Einzelnen besprochen worden wären. Ich behalte mir es aber vor.
') Richard M. Meyer citirt in seiner Schrift „Grundlagen des mhd. Strophen-
baus" (Straßburg 1886, Q. u. F, 58) die oben angeführte Bemerkung Lachmanns zu
Walther mit dem Zusatz , daß dieser Forderung auch heute noch kein Genüge ge-
schehen sei. Somit hat er Bartschens Aufsatz im 12. Jahrgang gar nicht gekannt;
er berücksichtigt nur den frühern Aufsatz im 2. Jahrgang und die Textherstellungeii
in den Liederdichtern. Was Meyer über den Binnenreim sagt, ist nicht viel, ist auch
unbestimmt und subjectiv. Warum hat er denn nicht Lachmanns Anregung benutzt
und ihr Genüge gethan? Wenn er einmal über den Strophenbau handeln wollte,
so mußte der Binnenreim, der für den Bau der Strophe so wichtig ist, in seinem
Wesen auch bestimmt und in seinen einzelnen Arten vorgeführt werden.
74 R. BECHSTEIN
Sequenzen in musikalischer und rhythmischer Beziehung. Die Sequenzen
sind bekanntlich von großem Einfluß auf die Entwickelung der deut-
schen Leiche und der romanischen lyrischen Lais gewesen. Auch in
dieser Abhandlung wird vielfach auf den Binnenreim Bedacht ge-
nommen. Wie hier Bartsch die lateinischen und mittellateinischen
Verse und Strophenformen untersucht, so ist auch in einer Recension
die mittellateinische Verskunst von ihm gewürdigt worden, in der
scharfen Recension über seines Freundes Barack Ausgabe der Werke
der Hrotsvitha (Germ. 3, 1858, 375), die eine Menge von Barack nicht
berührter Eigenthümlichkeiten, namentlich solche, die den Reim be-
treffen, zusammenträgt. — In gleicher Weise ist die Metrik fast in
allen gleichzeitigen und folgenden Recensionen der Mittelpunkt der
Erörterung. Die Recension über des Minnesangs Frühling ist schon
genannt. Nur auf die über Hopfs Hans Sachs (Germ. 3, 381) mag
noch besonders aufmerksam gemacht sein, weil sie darthut, daß sich
Bartsch auch über die Metrik der Jüngern Periode der Silbenzählung
schon in jungen Jahren genau und sicher unterrichtet hat. — Schon
hier will ich im Voraus andeuten, daß Bartschens Hauptwerk, seine
Untersuchungen über das Nibelungenlied, im Wesentlichen auf die
Metrik gegründet ist. Hier sind auch verschiedene wichtige Einzel-
heiten, namentlich Gesetze der Betonung, vorgebracht und festgestellt,
die theils Zustimmung, theils Widerspruch gefunden haben.
Ein so weitgehendes Interesse wie für die Metrik hat Bartsch
für die Grammatik allerdings nicht gehegt, und doch ist er auch auf
diesem Gebiete erfolgreich thätig gewesen. Für die deutsche Gram-
matik rührt zwar von ihm keine Aufstellung eines neuen Gesetzes
her, wie für die romanische (s. Germ. 8, 1863, 363), aber er sam-
melt Stoff, baut das, was Andere vor ihm schufen, weiter aus und
versteht es höchst geschickt und sinnig, Metrik und Grammatik in
Wechselwirkung zu setzen. Gerade als er seine Schwingen regte, war
Franz Pfeiffer mit seiner Behauptung des mitteldeutschen Dialektes
siegreich hervorgetreten. Bartsch schloß sich ihm an, nicht allein in
der speciellen Billigung des mitteldeutschen Lautsysteuis, sondern
überhaupt in der Werthschätzuug des Mundartlichen. In seinem
Stricker'schen Karl bot sich ihm nicht viel Gelegenheit zu sprachlichen
Auseinandersetzungen, weil der Dichter so gut wie gar keine mund-
artlichen Besonderheiten aufweist, dagegen gibt Bartsch in seinem Bert-
hold von Holle offenbar nach dem Muster von Pfeiffers grammatischen
Erörterungen eine genaue Darstellung der Laute und Flexionen in
Bertholds Sprache. Hier fand er einerseits mitteldeutschen Dialekt,
KARL BARTSCH. 75
andererseits Anschluß an die hochdeutsche Dichtersprache. Das war be-
stimmend für seine Auffassung, an der er immer festgehalten hat, daß
das Mittelalter zwar keine Schriftsprache in modernem Sinne, sondern
nur Schriftdialekte besessen hat, daß aber zugleich auch die Dichter
sich öfters gegen ihre heimische Mundart eines Canons der allgemeinen
und tiberlieferten Sprache bedienen. Unter den nicht wenigen Äuße-
rungen, die mittelbar oder unmittelbar von dieser Auffassung Zeugniß
geben, will ich nur an die Bemerkung erinnern, die Bartsch an das
von ihm entdeckte Akrostichon in Heinrichs von dem Türlin Krone
anknüpfte (Germ. 25, 1880, 96). In ihm begegnet nicht österreichisch
ei und az für i und ei; „beides bezeugt das Vorhandensein einer Lite-
ratursprache, die sich nicht auf den Boden der Mundart stellt, sondern
tiber dieser steht." — Für das Mitteldeutsche hat Bartsch gar Manches
gethan. Zuerst in der Einleitung zu seinem Albrecht von Halberstadt,
wo auch auf Ernsts von Kirchberg Sprache zur Ergänzung und zur
Vergleichung Rücksicht genommen ist, ferner in der Erlösung, dann
in dem Aufsatz tiber den Dichter der Erlösung (Germ. 7, 1882, 1),
der zugleich, namentlich auf Grund der sprachlichen Übereinstimmung
als Verfasser des Gedichtes von der heiligen Elisabeth nachgewiesen
wird, was Max Rieger in seiner Elisabeth- Ausgabe (1868) bestätigt;
auch nimmt Bartsch öfters in Recensionen von Ausgaben Gelegenheit,
seine Meinung tiber den mitteldeutschen Dialekt kundzugeben. In den
Mitteldeutschen Gedichten (Lit. Ver. 1860) bringt er dagegen keine
Darstellung des Sprachlichen, weil sich beweisende Reime in Menge
darbieten. — Wie sich Bartsch zu den neuen Anschauungen der so-
genannten junggrammatischen Schule gestellt hat, ist mir nicht aus
seinen Schriften entgegengetreten. Er hatte eben keine Gelegenheit, sich
dartiber auszusprechen. Diejenigen, die bei ihm Grammatik gehört
haben, werden darüber Auskunft geben können. Daß er als akade-
mischer Lehrer auch das grammatische Studium und insbesondere
auch das der Dialekte zu befördern suchte, ersehen wir aus der von
ihm in Rostock gestellten Preisaufgabe, die Karl Nerger in seiner
Grammatik des meklenburgischen Dialektes älterer und neuerer Zeit
(1869) so glücklich gelöst hat.
Grammatik und Metrik sind die Grundlagen für die Text-
kritik, aber sie bedürfen der Stütze noch mannigfacher Kenntnisse,
Erfahrungen und Operationen, ehe sie aus der Theorie in die Praxis
übertreten können, ganz zu geschweigen der natürlichen Begabung,
die der kritische Herausgeber für seine zum Theil künstlerische Auf-
gabe mitbringen muß. Bartsch besaß alle Vorbedingungen eines Her-
76 R- BECHSTEIN
ausgebers in glücklichster Weise. Besonders kam ilim seine classisch-
philülogische Schule und sein eigenes Dichlertalent zu Gute. Eine
Reihe kleinerer Fragmente hat er ja urkundlich abdrucken lassen,
aber fast niemals begnügte er sich mit solchem Abdruck; er gab
meist Lesarten dazu oder versuchte Besserungen des Textes in den
beigegebenen Anmerkungen. Weitaus die meisten seiner Texte sind
wirkliche Ausgaben. Es ist natürlich, daß diese Texte vorwiegend
der mittelhochdeutschen Periode angehören. Es ist staunenswerth, wie
viel er edirt hat! Ich brauche nicht die einzelnen Leistungen namliaft
zu machen. Rudolf von Raumer nennt nächst Pfeiffer in seiner Ge-
schichte der germanischen Philologie (1870, S. 708) Bartsch als einen
der gewandtesten und bestausgerüsteten Herausgeber mittelhoch-
deutscher Werke. Das Urtheil ist gewiß ganz richtig und für Bartsch
ehrenvoll. Wir müssen es hier aber dahin ergänzen, daß sich Pfeiffer
und Bartsch doch auch in ihrer Eigenthümlichkeit als Herausgeber sehr
wesentlich unterscheiden. Pfeiffer verfuhr der handschriftlichen Über-
lieferung gegenüber immer conservativ, er regelte der Metrik wegen
nur höchst behutsam und überließ es lieber dem Leser, sich den
Versbau richtig herzustellen, als daß er selbst den Text glättete und
regelte. Ganz anders Bartsch. Er erstrebte nicht nur einen richtigen,
verständlichen Text, sondern auch einen künstlerischen, den Text des
Dichters, nicht den des Schreibers. In dieser Beziehung ähnelte er
Lachmann viel mehr als seinem Freunde Pfeiffer. Weil er sich in
vielen Dingen an diesen anschloß, der sich von den Berlinern getrennt
hatte, weil er eine eigene Nibelungen-Theorie aufstellte, hat man ihn
von mancher Seite als einen Gegner Lachmanns bezeichnet. Welch
ein Irrthum, welch eine Thorheit! In Einzelheiten mag er von Lach-
mann abgewichen sein, aber in seinem Wesen als Herausgeber, im
Princip und in der Technik ist er Lachmanns treuester Schüler und
Nachfolger. Ich wüßte nach Haupt Keinen zu nennen, der auf den
Namen eines Vollblut-Lachmannianers mehr Anspruch hätte
als gerade Bartsch. Darin ging Bartsch über Lachmann allerdings
hinaus, daß er dem Dialektischen einen größeren Einfluß gestattete,
sonst aber in den mannigfaltigen kritischen Maßnahmen, auch in der
Kühnheit der Ergänzungen, im Gebrauch der Conjecturen hat er dem
großen Meister nachgestrebt. Wie er über die Aufgabe des Kritikers
dachte, ist an unzähligen Stellen zwischen den Zeilen zu lesen, sein
Glaubensbekenntniß finden wir aber genauer ausgesprochen in einem
gegen Lichtenstein gerichteten Aufsatze (Germ. 27, 1882, 359). Wir
sehen auch daraus, daß Bartsch in seiner langen Wirksamkeit als
KARL BARTRCH. 77
Herausgeber nicht etwa WandluDgen durchgemacht, sich zu anderem
System bekehrt hat, sondern daß er sicli gleichgeblieben ist und auch
diejenige Arbeit, der selbst manche Freunde wegen ihrer allzugroßen
Unsicherheit der Textherstellung und wegen ihres Charakters als eines
kritischen Exercitiums und Kunststückes Bedenken entgegensetzen
mußten, nämlich seineu Albrecht von Halberstadt keineswegs bereute
oder als Jugendwagniß verwarf. Immer hat auch Bartsch auf den
kritischen Apparat großes Gewicht gelegt. Solchen Ausgaben, die ohne
kritische Anmerkungen veröffentlicht wurden, wie die Kudrun und das
Kolandslied in den bekannten Sammlungen, ließ er nachträglich den
Apparat folgen (dagegeu ist zu seinem Wolfram diese Zugabe noch
nicht geliefert worden). So war er auch besonders dazu geschickt, einen
ganzen Band Anmerkungen zu bieten, die Anmerkungen zu Konrads
Trojanerkrieg (Lit. Ver. 133, 1877). — Die Textkritik übte er nun
auch in seinen Recensionen, die er außer in der Germania in sehr vielen
kritischen und literarischen Orgauen niederlegte. Die wenigen von mir
genannten, die für die Metrik wichtig waren, sind ebenfalls in kriti-
scher Hinsicht von Belang.
Das gilt natürlich von allen anderen auch, sobald sie Ausgaben
betreffen. Herausgehoben sei aus seiner Jugendzeit die ßecension über
Kückerts Lohengrin (Germ. 3, 1858, ii44), dann die spätere über
Zarnckes Nibelungenlied (Germ. 13, 1868, 210), schließlich die über
Lichtensteins Eilhart (Germ. 23, 1878, 242), welcher später verschie-
dene Aufsätze polemisch-kritischer Art folgten.
So sind wir von selbst auf die kritische Thätigkeit ßartschens
hingelenkt worden. Was er als Recensent geschaffen, ist nicht allein
in seiner Menge überraschend und zugleich stofflich höchst mannig-
fach und vielseitig, sondern auch gediegen, lehrreich und gewinn-
bringend, und dies letzteie in höherem Maße in seinen längeren und
ausführlichen Recensionen. Wenn man einen Gelehrten wie Bartsch
recht ex'kennen und würdigen will, darf man nicht bloß seine größeren
Werke beachten. Mancher Aufsatz ist unter Umständen öfters wich-
tiger und einflußreicher als ein dickes Buch, aber ebenso enthalten
auch die Recensionen bedeutsame Anregungen, die an Tageserschei-
nungen anknüpfend ihre unmittelbare Wirkung ausüben. Bartsch war
in seinem ersten Auftreten ein strenger Kritiker, der selbst die Freunde
nicht schonte, später wurde er milder. Immer war es ihm um die
Sache zu thun. Er zollte bereitwillig Anerkennung und tadelte selten
ohne Begründung. Seine Polemik war maßvoll, nur manchmal ver-
mied er nicht, wenn er gereizt war, den wuchtigen und scharfen Aus-
druck, aber niemals ließ er sich zu unedler Rede hinreißen.
78 B. BECHSTHIN
In einer Beziehung wich Bartseh in seinen Editionen von Lach-
mann ab. Wie schon bemerkt, gab er in seinen Einleitungen im Zu-
sammenhang auch metrische und grammatische Belehrungen, ganz in
Pfeiffers Weise, während Lachmann und später auch Haupt in der
liegel nur kritische und metrische Bemerkungen und Parallelstellen
am Schluße hinzufügten. Ebenso belehrte er ausführlich über die lite-
rarischen Verhältnisse. Auch in anderer Weise sorgte Bartsch noch für
die Benutzer; er gab auch einzelne hermen eutische Erklärun-
gen, ferner, wenn es nöthig schien, Hinweise auf die benutzten Quellen,
sorgte für Glossare oder mindestens für Wörterverzeichnisse, nicht
minder auch für Namenverzeichnisse. Er suchte eben auch seine ge-
lehrten Ausgaben so brauchbar wie nur möglich zu machen. Außer
diesen hat er nun auch mehrere für ein größeres Publicum geliefert,
und in ihnen trat er auch als Erklärer auf Für Pfeiffers Sammlung
gab er die Kudrun, das Nibelungenlied (eigentlich die Nibelungen-
noth), sowie Wolframs Parzival und Titurel heraus. Bartsch spricht
sich über dieses Unternehmen in der Biographie Pfeiffers aus.
(S. LXXVH). Rückhaltlos sagt er: „Die Mängel in der Ausführung
des Unternehmens kann man zugeben, und ich kenne zumal die meiner
eigenen recht wohl" (damals waren aber der Parzival und Titurel
noch nicht erschienen). Eine Erklärung der Werke Wolframs war eine
der schwierigsten Aufgaben, die es geben konnte. Gewiß sind durch
Bartsch, was er sich nach seinen Schlußworten in der Einleitung selbst
nicht verhehlte, keineswegs alle Räthsel gelöst, alle Pfade geebnet,
aber es liegt uns doch in diesem unscheinbaren Commentar, der wie
spielend die gedankenschweren Verse Wolframs dem Verständnisse
erschließt, eine Leistung allerersten Ranges vor. Ich wüßte Keinen
unter den damaligen und den jetzigen Kennern des Mittelhochdeutschen,
der dieser Aufgabe auch nur annähernd so gewachsen gewesen wäre
wie gerade Bartsch. — An Pfeiffers Classiker des deutschen Mittel-
alters schließt sich die von Bartsch begründete und herausgegebene
Sammlung deutscher Dichtungen, die der Vorperiode und der Epigo-
nenzeit angeboren. Sie war für einen kleineren Kreis berechnet, und
wenn auch im Großen und Ganzen die frühere Weise eingehalten
wurde, so suchte Bartsch doch auch deren Mängel dadurch zu ver-
meiden, daß er die Worterklärungen möglichst beschränken und dafür
den Wortregistern mehr die Gestalt eines Glossars geben wollte, aber
dabei vermied er es, seinen Mitarbeitern schablonenhafte Anweisungen
zu geben. Er selbst lieferte für seine Sammlung die Ausgabe des
Rolandsliedes. Wer Bartschens Commentar, auf den wir schon gele-
KARL BARTSCH. 79
gentlich hinzuweisen hatten, mit denen in der ersten Sammlung ver-
gleicht, wird sofort gewahren, daß er bei aller Popularität eine mehr
gelehrte Haltung besitzt.
Hier mag es sich schicken, auch seiner Ausgaben zu gedenken,
die er für Unterrichts zwecke lieferte. In , demselben Jahre, in
welchem Pfeiffers Sammlung begonnen wurde (1860), trat er mit der
Auswahl deutscher Liederdichter des 12. — 14. Jahrhunderts hervor.
Dieses Buch, welches aber ebenso gut den Gelehrten dienen kann
wie den Studirenden, gehört ohne Zweifel zu Bartschens besten
Schöpfungen. Es ist ebenso wissenschaftlich wie praktisch. Es bietet
eine treffliche Einleitung über die alte Liederkunst, belehrt über die
einzelnen Dichter, gibt einen gereinigten Text nebst den wichtigsten
Lesarten und schließlich ein Glossar, welches allerdings noch etwas
ausführlicher sein sollte. Wie brauchbar und willkommen diese Lieder-
dichter waren, beweist die nöthig gewordene zweite Auflage (1879),
die mannigfache Verbesserungen erhalten hat. Diese Sammlung ist
zwar nicht auf dem Titel als Schulausgabe bezeichnet, aber sie sollte
es doch sein und diente auch als ^eine solche und wird sich auch
künftig bewähren. Seine Ausgaben des Nibelungenliedes und der Kudrun
gestaltete Bartsch auch zu wirklichen Schulausgaben um, indem
er den Text ohne die von Pfeiffer zu metrischen Zwecken einge-
führten Punkte und Apostrophe gab und statt der erklärenden An-
merkungen kurzgefaßte Wörterbücher hinzufügte. Ebenso lieferte er
auch eine Schulausgabe der Gedichte Walthers, nachdem er sich nach
Pfeiffers Tode der Bearbeitung mehi'erer neuer Auflagen von dessen
Ausgabe unterzogen hatte. Auch diese Schulausgaben sind beifällig
aufgenommen worden.
Jede Ausgabe eines Literaturdenkmals ist ein Beitrag zur Lite-
raturgeschichte, und sie ist es umsomehr, wenn der Heraus-
geber, so viel an ihm liegt, literarhistorische Unterweisung bietet.
Dieser Forderung ist Bartsch in seinen großen Editionen immer, in
seinen kleinen zumeist nachgekommen. Die Zeiten sind vorüber, in
denen die Literaturgeschichte als philologische Hilfswissenschaft galt-,
daß die Literaturgeschichte das Ziel, zum Mindesten eines der Ziele
der Philologie ist, dessen war sich auch Bartsch vollbewußt. Ohne
Einleitung oder ohne Nachwort wollte er seine Texte nicht lassen.
Er belehrte über den Dichter wie über den von ihm behandelten
Stoff. Einige seiner für die Literaturgeschichte wichtigen Arbeiten
mögen hervorgehoben werden. Die Einleitung zum Albrecht von Hal-
berstadt erweiterte sich mit Bevorzugung des stofflichen Interesses zu
gO R- BECnSTEIN
einer literarisch-vergleichenden Untersuchung über Ovid im Mittelalter.
Sein Herzog Ernst führte ihn zu einer Behandlung der Sage. Sein
Buch über Karlmeinet ist eine literarisch-kritische Arbeit, in der zum
ersten Male in eindringender Weise die modernisirenden Bearbeitungen
alter Dichtungen beleuchtet wurden. Der von mir genannte Aufsatz
über den Dichter der Erlösung bringt eine neue literarhistorische
Thatsache. Ferner schlagen fast alle Arbeiten, welche die Verbindung
deutscher und romanischer Philologie kundgeben, in das literar-
geschichtliche Gebiet ein. Die meisten dieser Arbeiten sind literarisch-
kritisch gehalten. Aber auch zusammenhängende Darstellungen finden
wir, die sich sehr gut lesen. Das sind namentlich die Vorträge, die
Bartsch an den verschiedenen Heimatorten und anderwärts gehalten
hat. Dasselbe gilt von den zahlreichen Aufsätzen in literarischen Zeit-
schriften, sowie von den Einleitungen zu seinen populären Ausgaben.
Auf eine Einleitung möchte ich besonders hinweisen, weil sie mir ein
kleines Kunstwerk zu sein scheint, auf die schon erwähnte Einleitung
zu den deutschen Liederdichtern. Hier ist jeder Satz, fast jeder Aus-
spruch durch einen Hinweis auf die bereitliegende Quelle des mit-
getheilten Textes belegt, und sie macht in solcher Weise einen streng
gelehrten Eindruck. Die kleinen Zahlen, die uns fort und fort be-
gegnen, stören etwas die fortlaufende Leetüre; denken wir sie uns
hinweg oder suchen wir sie unbeachtet zu lassen, dann haben wir
eine wohl stilisirte, äußerst lehrreiche und anziehende Abhandlung
vor uns. — Auch für mehrere encyklopädische Werke (ßrockhaus,
Allgemeine Deutsche Biographie u. a.) hat Bartsch literarhistorische
Artikel geschrieben, welche Wissenschaftlichkeit und flüssige Form
verbinden.
Allen Gattungen der Literatur und deren Vertretern widmet
Bartsch sein Interesse, der Volksdichtung so gut wie der Kunst-
dichtung, dem Epos, der Lyrik, dem Drama, der Prosa. Wenn er
auch für die mittlere Zeit zumeist thätig ist, so führt ihn das Studium
doch öfters auch zum Althochdeutschen und Altsächsischen. Einen
besonderen Reiz aber hatte für ihn die ältere Übergangsperiode, die
Zeit der Assonanz ; auch die Epigonenzeit und die Reformationsepoche
nehmen ihn zu wiederholten Malen gefangen. Daß er auch der latei-
nischen Poesie des Mittelalters Beachtung schenkte, wurde schon er-
wähnt. Das zeigt u. A. ferner die, wenn auch kurze Recension von
Voigts Ecbasis (Germ. 22, 97). Auch für das Niederdeutsche hatte
sich Bartsch erwärmt, wie seine Mitarbeiterschaft am Jahrbuch des
Vereins für niederdeutsche Sprachforschung bekundet. Zum Betrieb
KARL BARTSCH. gl
der neueren Literatur blieb ihm nicht viel Zeit. Daß er aber auch
für sie ein Herz hatte, beweisen seine Beiträge zum Goethe-Jahrbuch
und seine Aufsätze in literarischen und belletristischen Zeitschriften.
Einem so belesenen und überall orientirten Kenner der Literatui',
wie es Bartsch war, hätte eigentlich die Aufgabe nahe gelegen , eine
Darstellung unserer Literaturgeschichte zu geben. Ich zweifle auch
nicht, daß er sich später auch einmal dazu entschlossen hätte, wenn
ihm nicht der Auftrag geworden wäre, sich der Werke zweier namhafter
Literarhistoriker anzunehmen und sie den Anforderungen der ge<ien-
wärtigen Wissenschaft anzupassen, sie weiterzuführen und umzugestalten.
Keiner war zu diesen Aufgaben so ausgerüstet und zugleich so geschickt
wie Bartsch. Bereitwillig gewährte er Gervinus die erbetene Hilfe
bei der fünften Auflage der Geschichte der deutschen Dichtung.
Für die ersten Bände war diese Unterstützung seitens eines jüngeren
Fachmannes besonders erwünscht und nöthig. Am zweiten Bande
wurde bereits gedruckt, als ßartschens Übersiedlung nach Heidelberg
erfolgte. Um dieselbe Zeit schied Gervinus aus dem Leben (18. März
1871). Das Werk stand damals gerade bei dem Abschnitt über das
mittelalterliche Drama. Die Hoffnung auf ein gemeinsames Arbeiten
war zerstört, Bartsch mußte nun die Fortführung des Werkes allein
übernehmen. Auf den Titeln der letzten drei Bände (1872 — 74) ist
er auch als Herausgeber genannt, was beim zweiten schon hätte ge-
schehen sollen. Von dieser Bemühung für das Werk von Gervinus
hatte Kob erste in vernommen, der ebenfalls eine Umarbeitung seines
literarhistorischen Werkes plante. Koberstein glaubie, Bartsch könne
die Einzelstudien für den Grundriß noch besser verwerthen als in dem
darstellenden Werke des Historikers. Ehe jedoch Koberstein mit Bartsch
in Unterhandlung trat, wurde er aus diesem Leben abberufen (8. März
1871). Bartsch übernahm auf Wunsch des ihm schon befreundeten
Verlegers und der Koberstein'schen Erben die Neubearbeitung des
Grundrisses, der in der neuen, ebenfalls fünften Auflage zugleich den
Titel einer Geschichte der deutschen Nationalliteratur ei'hielt. Ich
habe nicht nöthig, das vielbenutzte und unentbehrliche Buch in seiner
Neugestaltung zu schildern. Wenn die Benutzer mancherlei vermißten,
so muß daran erinnert werden, daß Bartsch sich im Ganzen au das
von Koberstein Überkommene halten und sich in seinen Nachträgen
beschränken mußte, wenn er nicht den Charakter des ursprünglichen
Grundrisses zerstören wollte. Mit vollem Rechte konnte Bartsch auch
den Ausspruch thun, es wäre leichter gewesen, einen neuen Grundriß
zu entwerfen, als das Werk eines Andern dem heutigen Standpunkte
GERMANIA. Neue Keihe. XXI. (XXXIIl.) .lahig. 6
82 R. BECHSTEIN
der Forschung gemäß umzugestalten. Wie außerordentlich brauchbar
Bartschens Neubearbeitung, insbesondere des ersten Bandes befunden
wurde, ersehen wir aus der nöthig gewordenen sechsten Auflage (1884),
welche, nachdem das Buch gewissermaßen aus Kobersteins Besitz in
den von Bartsch übergegangen war, keine Beschränkung in der Ver-
werthung und Vertheilung des Stoffes mehr auferlegte. In einer Hin-
sicht muß es als ein ganz besonderes Glück erachtet werden, daß
Bartsch zur Neubearbeitung gerade des Koberstein'schen Grundrisses
auserkoren wurde. Denn keines der literarhistorischen Werke gleicher
oder ähnlicher Art ist so wie dieses auch der Geschichte der
Metrik gerecht geworden. Da war für die Neigung wie für die
Kenntnisse des Bearbeiters ein ergiebiges Feld bereit. Wenn die Par-
tien des Buches, die von den dichterischen Formen handeln^ für sich
zusammengestellt und besonders gedruckt würden, so wäre uns damit
eine Geschichte der deutschen Metrik gegeben, wie sie sonst nirgends
vorhanden ist.
Gegenüber dem darstellenden Werke von Gervinus kann das
von Koberstein als ein bibliographisch-literarhistorisches bezeichnet
werden. Ohne Frage hat der Grundriß seinen Schwerpunkt in den
Anmerkungen. Die Neubearbeitung mußte somit auch vorzugsweise
auf die Bibliographie gerichtet sein. Auch das traf sich glücklich,
daß Bartsch zu solcher Arbeit besonders geschult war, was unter den
Germanisten eigentlich recht Wenige sind. Diese Schulung hatte er
während seines Wirkens am germanischen Museum erworben. Sie kam
ihm für sein ganzes Leben zu Gute. Darum konnte es auch nur
Bartsch sein, der zum ersten Male es auf sich nahm, eine biblio-
graphische Übersicht der neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der
germanischen Philologie zu geben. Er begann mit dem Jahre 1862
im 8. Jahrgang der Germania (1863). Das Unternehmen fand all-
seitigen Beifall, weil es einem längst empfundenen Bedürfnisse ent-
gegenkam und vortrefflich ausgeführt war. Später erfreute sich Bartsch
für die ausländischen Gebiete der germanischen Philologie der Bei-
hilfe hervorragender Gelehrten. Bis zum Jahre 1884 hat Bartsch die
Bibliographie fortgeführt, die für 1885 konnte er, durch Krankheit
verhindert, nicht mehr zu Stande bringen; er gedachte sie mit der
für 1886 zugleich nachzuliefern. Aber diese Hoffnung hat die fort-
schreitende Krankheit verhindert: auch der letzte von Bartsch heraus-
gegebene Jahrgang (1887) ist ohne die gewohnte Bibliographie ge-
blieben.
Jede Bibliographie erfüllt zunächst einen praktischen Zweck,
KARL BARTSCH. 83
sie bietet der Wissenschaft eine Hilfe. Zugleich aber gibt sie ein Bild
ihres jeweiligen Standes und ist insofern ein Beitrag zu ihrer Ge-
schichte. Für die Geschichte der deutschen Philologie hegte
Bartsch immer ein lebendiges Interesse. Von ihm rühren auch eine
Menge Nekrologe verstorbener Fachgenossen her, die er zumeist
in der Germania niederlegte. Aber auch für encyklopädische Werke
(Brockhaus, AUgem. Deutsche Biographie u. a.) lieferte er eine Reihe
Biographien deutscher Philologen. Der größeren Biographie Pfeiffers
ist schon gedacht. Für eine Prorectoratsrede in Heidelberg (1881)
wählte er auch ein Thema aus der Geschichte unserer Wissenschaft;
er sprach über „Romantiker und germanistische Studien in Heidelberg,
1804—1808".
Mit der Bücherkunde ist aufs Engste verbunden die Hand-
schriftenkunde und die Paläographie. Für diese Hilfswissen-
schaft und vorbereitende Kunst hatte Bartsch ebenfalls am germani-
schen Museum die besten Grundlagen gewonnen, nachdem er sich
schon vorher in London, 'Oxford und Paris im Lesen und Abschreiben
romanischer Handschriften geübt hatte. Frühzeitiger, als es den
Meisten vergönnt ist, hatte er sich so mit dem Handschriftenwesen
vertraut gemacht und hatte schließlich eine Fertigkeit im Lesen der
alten Schriften erworben, die uns in Erstaunen setzen muß. Hunderte
von Handschriften und Handschriftfragmenten sind durch seine Hände
gegangen; unzählige hat er verzeichnet, abgeschrieben oder coUa-
tionirt. In der Taxation der Zeit konnte er sich auf sein Auge ver-
lassen, seine Kenntniß der Mundarten verhalf ihm zur Bestimmung
der Heimath, seine Belesenheit verrieth ihm bei den meisten Frag-
menten ihre Herkunft. — Seine Hauptaufgabe am germanischen Mu-
seum bestand im Anlegen eines umfassenden Zettelkatalogs der für
die altdeutsche Literatur wichtigen Handschriften, soweit solche be-
kannt waren. Und die letzte Arbeit, der er sich hingab und deren
Vollendung er, der schon schwer Erkrankte, noch erleben durfte, war
ebenfalls ein Handschriftenkatalog, der beste seiner Art, den wir
besitzen. Das große Unternehmen eines Katalogs der Handschriften
der Universität Heidelberg eröffnete er mit einem beschreibenden Ver-
zeichniß der altdeutschen Handschriften (Vorrede vom Juli 1886, er-
schienen 1887). Wenn Bartsch auch Vorarbeiten vorfand und sich
der Unterstützung jüngerer Gelehrten erfreuen durfte, die er wegen
seiner Erkrankung in Anspruch nehmen mußte, so bleibt ihm doch
das Hauptverdienst an diesem wahrhaft monumentalen Werke.
Nachdem wir Bartsch auf die mannigfachen Gebiete begleitet
6*
84 R- BECHSTEIN
haben, die er betrat, bebaute und beherrschste, wollen wir schließlich
uns noch einem einzelnen insbesondere zuwenden, auf welchem
er mit Vorliebe verweilte und mit dem größten Erfolge thätig war.
Keiner unter den neueren Germanisten hat so viel für die Nibelun-
gen gewirkt wie er. Daß er drei Nibelungenausgaben , eine streng-
gelehrte, eine für weitere Kreise und eine für Schulen, und dazu eine
Nibelungenlied -Übersetzung lieferte, würde schon hinreichen, seinem
Namen für alle Zeiten einen hervorragenden Platz in der Nibelungen-
Literatur zu sichern. Was ihn aber unsterblich macheu wird, selbst
wenn er sonst gar nichts geschaffen hätte, ist seine neue Nibelungen-
Theorie, welche nach meiner Überzeugung, die sich immer mehr
gefestigt hat, die Theorie der Zukunft zu werden bestimmt ist; welche
alle andern überdauern wird, weil sie allein die wahre literarhisto-
rische Wertschätzung unseres Nationalepos ermöglicht. Ich habe hier
nicht nöthig, diese Theorie darzulegen. Es ist bekannt, daß Bartsch
bereits auf der Philologenversammlung zu Augsburg im September
1862 über eine neue Ansicht von der Entstehung der Nibelungen einen
kürzeren Vortrag hielt, über den er dann auch im Jahrgang 1863 der
Germania Bericht abstattete. Eine Ausführung seiner Gedanken in
einer besonderen Schrift stellte er in Aussicht. Diese durchaus von
den bisherigen Theorien abweichenden Anschauungen überraschten
und interessirten die germanistischen Kreise in höchstem Maße. Eine
Debatte schloß sich in Augsburg nicht an jenen Vortrag an; er soll
aber, wie mir persönlich mitgetheilt wurde, Gegenstand lebhaftester
Privatgespräche gewesen sein. Dasselbe war auch ein Jahr darauf in
Meißen bei der Philologenversammlung der Fall. Ich erinnere mich
noch ganz deutlich, wie während einer geselligen Zusammenkunft
Bartsch seine Ansichten einem befreundeten Kreise entwickelte und
sich namentlich gegen die Einwände von Professor Gosche zu rüsten
hatte. Im Jahre 1865 erschienen die mit Spannung erwarteten „Unter-
suchungen über das Nibelungenlied". Es ist dies zwar nicht das
umfangreichste seiner Bücher, wohl aber das allerbedeutendste, wich-
tigste, einflußreichste. Daß Bartsch sich sofort seines Sieges erfreute^,
kann durchaus nicht behauptet werden. Im Gegentheil, er hatte im
Anfang nur Gegner auf den Plan gelockt. Seine neue Theorie war
gewissermaßen eine vermittelnde, indem er in der Annahme eines ein-
heitlichen Gedichtes sich auf Holtzmanns und Zarnckes Seite stellte,
in der Annahme des Vorzugs der Nibelungennoth auf die Lachmanns.
Der Vermittler hat immer, namentlich aber in wissenschaftlichen Streit-
fragen, einen schlimmen Stand: er stellt sich zwischen zwei Feuer und
KARL BARTSCH. 85
muß sich den Geschossen zweier Seiten aussetzen. Aber auch an Zu-
stimmung fehlte es nicht, und der Zustimmenden sind von Jahr zu
Jahr mehr geworden. Bartsch hat auch dafür gesorgt, daß er auch
von Solchen verstanden wurde, die nicht in der Lage sind, seine
Untersuchungen genau durchzustudiren. Die Ergebnisse sind am
Schlüsse seines Buches in lichtvollster Weise zusammengestellt. Ebenso
belehrt er über die Entstehung des Gedichtes in den Einleitungen zu
seiner populären Ausgabe und kürzer zu seiner Übersetzung. Auch
in seiner Bearbeitung des Koberstein'schen Grundrisses ist die neue
Ansicht dargelegt. Vortrefflich und überzeugend ist auch das, was
Bartsch in seiner Recension der Nibelungenlied-Ausgabe von Zarncke
(Germ. 13, 1868, 216) beibringt. Das ist selbstverständlich nur für
die Gelehrten, aber diese scheinen gerade die erwähnte Recension
nicht recht beachtet zu haben. Auch Rudolf von Raumer widmete
in seiner Geschichte der germanischen Philologie (1870, S. 703) der
neuen Theorie eine klare Erörterung, aber er verfährt im Geiste des
Historikers durchaus objectiv und nimmt nicht Partei. Wenn Raumer
bemerkt, Bartsch untersuche, „vorbereitet durch seine Forschungen
über die Umarbeitungen der deutschen Dichtungen aus dem kerlin-
gischen Sagenkreise", ob nicht den überlieferten Texten unserer Nibe-
lungen ein älteres Werk zu Grunde liege, so möchte ich dem Worte
„vorbereitet" hinzufügen: „und angeregt". Selbst wenn Bartsch es nicht
auf der ersten Seite seines Vorwortes sagte, daß ihm gleich seine
erste größere Arbeit auf dem Gebiete der deutschen Philologie, die
Herausgabe von des Strickers Karl, auf das durch die ganze mittel-
alterliche Literatur hindurchgehende Verhältniß von ursprünglichen
und überarbeiteten Texten geführt habe und daß für ihn die Unter-
suchung über Karlmeinet wegen der hier vorliegenden Vereinigung
verschiedener Werke zu einem Ganzen noch förderlicher gewesen sei,
so müßten wir ganz von selbst darauf kommen, sobald wir uns nur
ein wenig nach dem Lebens- und Studiengange Bartschens umseiien,
daß in jenen Bemühungen seiner Jugend die ersten Keime zu seinem
größten Lebenswerke ruhen. Fort und fort hat er diese Erschei-
nung, daß alte Dichtungen modernisirt werden, verfolgen können,
namentlich in seinen metrischen Studien, bis ihm zuletzt die Erleuch-
tung kam, daß auch die verschiedenen Bearbeitungen des Nibelungen-
liedes jenem durchgehenden Zuge ihre Erstehung verdanken und auf
ein älteres, uns leider unbekanntes, nur ideal vorgestelltes Original-
werk zurückgehen. Darin, daß die neue Theorie in der Literatur-
geschichte ihren Halt findet, beruht ihre Stärke und gewiß auch ihr
36 R. BECHSTEIN
endlicber Triumph. Der erste, der sieh öffentlich entschieden und in
streng wissenschaftlicher Nachprüfung für die neue Lehre bekannte,
war Hermann Fischer in seiner Preisschrift über die Forschungen
über das Nibelungenlied seit Karl Lachmann (1874)'). Was von
gegnerischer Seite vorgebracht worden ist, betrifft Einzelnheiten, Klei-
nigkeiten, Nebensachen wie die Kürenberger-Frage ; um die Hauptsache
gehen die Zweifler, wenn ich mich rückhaltlos in einem Bilde aus-
drücken darf, wie die Katze um den heißen Brei herum ; diese Gegner
zweifeln, weil sie sich von vorgefaßten Meinungen nicht befreien
können und sich das rechte literarhistorische und überhaupt das
historische Denken nicht völlig zu eigen gemacht haben.
Kurz nur mag erwähnt sein, daß Bartsch seine Bemühungen für
die Nibelungen auch auf die Klage übertrug, die er sich in gleicher
Weise entstanden dachte (1875).
Wir können nun nach Betrachtung der Werke von Bartsch nicht
umhin, auch noch ein Wort im Zusammenhange über die Schriften
anderer Autoren zu sagen, deren Herausgabe oder Neubearbei-
tung er übernahm. Zumeist sind es die Verleger, die ihn zu dieser
Mühewaltung ausersehen und zu bestimmen suchen. Es ist das ein
Zeichen des ungemeinen Vertrauens, dessen sich Bartsch in der
Buchhändlerwelt erfreute. Man wußte, daß er nicht allein solche Auf-
träge vortrefflich ausführte, sondern sie auch rasch und sicher för-
derte, wenn er sie einmal übernommen hatte. Der Herausgabe des
Pfeiffer'schen Walther haben wir schon gedacht; der beiden Werke
von Gervinus und von Koberstein mußte bei Betrachtung der literar-
historischen Arbeiten Erwähnung geschehen. Hier haben wir ergän-
zend nachzutragen, daß Bartsch auch eine von dem auf dem Gebiete
des deutschen Volksliedes so thätigen und verdienten Freiherrn von
Ditfurth nachgelassene Sammlung historisch-politischer Volkslieder des
dreißigjährigen Krieges zur Veröffentlichung brachte (1882) , und
schließh'ch sei auch hingewiesen, wenn es auch Bücher der romani-
schen Philologie betrifft, auf die Neuausgabe der beiden berühmten
Werke von Diez, der „Poesie der Troubadours" und von „Leben und
Werke der Troubadours" (1882. 1883).
Ein Werk, welches zwar auch nur durch Beihilfe Anderer zu Stande
gekommen ist, welches aber ohne Bartsch nicht ermöglicht worden
') Meine Zustimmung habe ich in der Be.sprechung der Schrift von Hermann
Fischer in den Blättern für literarische Unterhaltung (1876, Nr. 26) bekannt.
KARL BARTSCH. 87
wäre, ist die Sammlung der Sagen, Märchen und Gebräuche
aus Meklenburg (1879/80). Zu den eigentlichen Sagen- und Mythen-
forschern können wir Bartsch sicher nicht zählen, aber er interessirte
sich doch lebhaft auch für dieses Gebiet. Wie schon angedeutet, ver-
folgte er in seinen Ausgaben auch die behandelten Sagenstoffe; er
las auch Collegien über deutsche Mythologie; in der Germania gab
er auch einmal (12, 1864, 220) eine anziehende und überraschende
Mittheilung vom Fortleben der Kudrun-Sage im nördlichen Deutsch-
land, speciell in Meklenburg. Was er da in Erfahrung brachte, gerade
das mochte ihn wohl zu einer Sammlung der meklenburgischen Sagen
und Volksüberlieferungen angeregt haben. Jene Mittheilung ist datirt
vom März 1866, im Februar 1867 erließ er bereits in Verbindung mit
seinem Freunde Lisch in Schwerin zum Besten eines solchen Unter-
nehmens einen Aufruf, der in allen Kreisen der Bevölkerung einer
regen Theilnahme begegnete und zahlreiche Beiträge erwirkte. Auf
Beiträge mußte vornehmlich das Werk gegründet werden, wenn auch
frühere literarische Quellen nicht unbenutzt bleiben durften. Aber ein
solches Unternehmen reift nur langsam heran. Bartsch verließ Rostock,
ohne das Werk veröffentlicht zu haben, und es währte noch geraume
Zeit, ehe es erscheinen konnte. Dieses Meklenburgische Sagenbuch,
dem verstorbenen Großherzog Friedrich Franz, welcher Bartsch
„immer ein gütiger Herr war", in Ehrfurcht gewidmet, kann als ein
Geschenk des Sammlers und Herausgebers an seine einstige Heimat
bezeichnet werden. Es hat auch in Meklenburg viel Freude bereitet.
Wissenschaftlich betrachtet reiht es sich den bekannten trefflichen
und hervorragenden Sagenbüchern Norddeutschlands ebenbürtig an,
zumal es Bartsch nicht an Literaturverweisen fehlen ließ.
Haben wir somit auch der redactionellen Thätigkeit gedacht,
die Bartsch auf verschiedenen Gebieten entfaltete, so haben wir hier
besonderen Anlaß, auch seine Wirksamkeit und sein Verdienst als
Herausgeber der Germania hervorzuheben. Ja, er war der beste
und fleißigste Mitarbeiter! Ich erinnere mich noch ganz deutlich aus
meiner Nürnberger Zeit^), daß Frommann uns Jüngeren einmal einen
Brief Pfeiffers mittheilte, in welchem dieser sich höchst befriedigt über
die Mitarbeiterschaft Bartschens an der Germania aussprach und seine
Beiträge mit als die besten bezeichnete. Als er selbst nach Pfeiffers
*) Hier möchte ich zu Meyers von Waldeck Nekrolog in der Allgemeinen Zeitung II,
Nr. 75, 1106 [bes. Abdr. S. 11] bemerken, daß ich nicht zugleich mit Bartsch am
germanischen Museum war; ich kam gerade dahin, als er nach Rostock ging.
88 R. BECHSTEIN
Hinscheiden die Zügel in die Hand genommen, hörte er nicht auf,
seinen Freunden und Mitarbeitern ein Vorbild zu sein. Jahr um Jahr
lieferte er neben Aufsätzen, Textmittheilungen, Recensionen, Nekro-
logen die Bibliographie. Der Verlust eines solchen Mitarbeiters wird
aber dadurch bedeutend erhöht, daß er zugleich der Leiter und die
Seele des Organes war. Durch seine ungemeine Vielseitigkeit verstand
er nicht allein die einzelnen Beiträge zu würdigen, sondern auch für
ihre Correctheit im Drucke zu sorgen. Er beherrschte auch die Ge-
biete, auf denen er nicht selbsthätig schuf, wie das Nordische und
das Angelsächsische, die er ja auch in seinen Vorlesungen behandelte.
Wie aufmerksam er die Beiträge nachprüfte, bekunden die öfters hin-
zugefügten Bemerkungen, die Ergänzungen brachten oder bisweilen
auch Zweifel äußerten. Aber er drängte sich nicht mit seiner Kritik
hervor, er ließ vielmehr den Mitarbeitern volle Freiheit. Wenn in der
Polemik ein allzuherber Ausdruck gebraucht wurde, so suchte er ihn
zu mildern, doch nicht so, daß seine Wirkung völlig verloren ging.
Nicht bloß den Gelehrten, auch den Schriftsteller haben wir zu
würdigen gesucht. Seine streng gelehrten Werke überwiegen weitaus,
aber er hielt es nicht für einen Raub^ auch für weitere Kreise der
Gebildeten zu schaffen. Da darf auch ein Wort nicht fehlen über
seine Schreibart, seinen Stil. Bartsch schreibt immer, auch in seinen
gelehrten Arbeiten, in höchstem Maße klar, einfach und gewandt.
Besondere Eigenart wohnt seiner Rede nicht inne, er sucht aber auch
nicht, sie durch rhetorische Mittel und Mittelchen aufzuputzen. Auch
seine populären Schriften, insbesondere seine Vorträge sind auf einen
mittleren Ton gestimmt. Die beiden Rectoratsreden über die Treue
in deutscher Sage und Poesie und über das Fürstenideal des Mittel-
alters im Spiegel deutscher Dichtung gemahnen etwas au Ludwig
Uhlands Weise. Am schwungvollsten ist mir die Festrede erschienen,
die er zum Grimm-Jubiläum in Hanau gehalten hat. Da merkt man,
daß auch sein Herz mächtig bewegt war, daß auch ein Dichter zu
uns spricht.
Und er war auch ein Dichter. Es ist schon bemerkt worden,
daß ihm sein Dichtertalent bei der Ausübung der Textkritik zu Hilfe
kam. Er verwerthete es aber auch zu eigenen dichterischen Schö-
pfungen. Bartsch hat uns in seiner biographischen Skizze „Aus der
Kinderzeit" selbst von seinen allerersten poetischen Versuchen erzählt.
Über die weiteren seines Jünglingsalters berichtet Meyer von Waldeck
in seinem Nekrolog. Aber nur eine einzige Sammlung lyrischer Go-
KARL BARTSCH. 89
dichte ist von ihm veröffentlicht worden (1874). Diese Dichtungen
zeichnen sich nicht eigentlich aus durch ihren Gedankeninhalt, durch
dichterische Größe; sie haben etwas Mildes, in der Form sind sie
correct und anmuthig. Daß Bartsch es auch verstand, in mittelhoch-
deutscher Sprache zu dichten, hat uns ebenfalls Meyer in einem sehr
hübschen Beispiel gezeigt. Später versuchte sich Bartsch auch auf
dem Gebiete der Novelle, aber nur zwei solcher kleinerer Erzählungen
sind bekannt gegeben in den Zeitschriften Vom Fels zum Meer und
Nord und Süd. Auch diese Novellen erheben sich nicht über die
bessere Erzählungsliteratur.
Viel bedeutender zeigt sich Bartschens Dichtertaient in seinen
Übersetzungen, in der Verdeutschung der Lieder und Balladen
von Robert Burns (1865), in der Übertragung des Nibelungenliedes
(1867), in den Verdeutschungen von Dantes göttlicher Comödie (1877)
und alter französischer Volkslieder (1882). Uns muß hier die Nibe-
lungenlied-Übersetzung besonders interessiren. Sie unterschied sich
von allen vorhergehenden dadurch, daß in ihr im Einklang mit dem
Original nur stumpfe Reime gebraucht sind. Daß durch diese Maß-
nahme dem Übersetzer ganz bedeutende Schwierigkeiten erwuchsen,
liegt auf der Hand. Denn er mußte allen Reimen aus dem Wege
gehen, die im Mittelhochdeutschen sich dem Auge als zweisilbige dar-
stellen, metrisch aber nur einsilbig sind, und deshalb die ganze Vers-
zeile umgestalten.
So haben wir die wissenschaftliche und schriftstellerische Thätig-
keit Bartschens in ihren außerordentlich mannigfachen Erscheinungen
verfolgt, aber damit ist noch nicht der ganze Mann gewürdigt. Denn
er war nicht Privatgelehrter, sondern waltete eines akademischen
Amtes, und waltete seiner getreulich. Ab und zu sind wir in unserer
Betrachtung auch auf einzelne Äußerungen seiner Lehrthätigkeit
geleitet worden. Wenn wir sie im Zusammenhang beleuchten wollen,
so müssen wir uns freilich mit Andeutungen begnügen. Denn aus dem
bloßen Material, welches ein Professor behandelt, aus den angekün.
digten Vorlesungen im Lectionskatalog kann eben auch nur eine Seite
seiner Wirksamkeit bekannt werden. Über deren eigentliches Wesen
vermag nur ein gereifter Zuhörer zu berichten und zu urtheilen, —
Bartsch verdankte seinen Ruf nach Rostock wesentlich der Fürsprache
Wilhelm Wackernagels. Die Professur trat er Ostern 1858 an. Vom
März dieses Jahres ist die Dedicationszuschrift datirt, mit welcher
Bartsch seinem Gönner Wackernagel sein neuestes Werk „Die Er-
90 R- BECHSTEIN
lösung mit einer Auswahl geistlicher Dichtungen" (1858) widmete.
Sehr bezeichnend ist der Anfang: „Dies Buch, das nicht beziehungshjs
„Die Erlösung" heißt, mit Ihrem Namen zu schmücken, hätte ich nie
wohlgegründeteren Anlaß finden können als gerade jetzt, wo ich aus
beengenden Verhältnissen mich in einen schönen heiteren Wirkungs-
kreis versetzt sehe. Denn Ihnen verdanke ich ja zumeist diese Wen-
dung meines Schicksals ..."'). Dieses Wort hat man in manchen
Kreisen Nürnbergs einigermaßen schmerzlich empfunden, weil Bartsch
sich dort sehr wohl zu befinden schien und sich auch viele Sympathien
erworben hatte. Allein Bartsch hatte vollkommen Recht mit seinem
Bekenntnisse. Seine Stellung am Museum war doch eine beengende
und ungenügende. Die Berufung an eine Universität war in der That
eine Erlösung für den jungen Gelehrten; nur in der akademischen
Luft konnte er wahrhaft wirken und gedeihen. Zwar war Rostock
damals keineswegs ein besonders günstiger Boden für einen Professor
der deutschen und neueren Literatur. Dem Schulfach ergaben sich
nur verschwindend wenige Meklenburger; das Land bezog seine Lehr-
kräfte fast nur aus dem Auslande, namentlich aus Sachsen; eine Prü-
fungscommission bestand nicht und wurde erst dann eingerichtet, als
Bartsch nach Heidelberg ging. So war der Kreis der Zuhörer an der
ohnehin kleinen Universität nicht groß, vielfach kamen die Collegien
gar nicht zu Stande. Bartsch kündigte Vorlesungen auf dem Gebiete
der germanischen und der romanischen Philologie an. Aus dem ersteren
las er über deutsche Grammatik, erklärte er Autoren, verband er auch
grammatische Collegia mit Interpretationen, trug er auch Literatur-
geschichte und Mythologie vor. Auch Goethes Faust wurde manchmal
von ihm gewählt. Der Schwerpunkt seines Wirkens in Rostock lag
aber ohne Zweifel in dem durch ihn ins Leben gerufenen deutsch-
philologischen Seminar, wie bemerkt, dem ersten in Deutschland.
Eis war keine weit ausgedehnte, aber eine intensive Wirksamkeit, die
er da entfaltete. Vier Stunden wöchentlich mußten dem Seminar ge-
widmet werden. Was er trieb, was er leistete, welche Theilnahme er
') In Meyei's Nekrolog II, S. 1107 [bes. Abdr, S. 14] ist bemerkt: „Die Arbeit
des strebsamen Forschers an diesem Werke (der Ausgabe der Erlösung) fiel mit seiner
Berufung nach Rostock zusammen , so daß die Freunde neckisch behaupteten , diese
„Erlösung" sei für ihn in Wahrheit eine Erlösung aus den beschränkten Verhältnissen
des Germanischen Museums gewesen." Danach hätte Bartsch einen Scherz der Freunde
benutzt in ernstem »Sinne zu seiner Dedication. Ich glaube dagegen, daß Bartsch
von selbst auf die Beziehung vom Titel des Buches zur Wendung seines Lebens-
schicksals gekommen ist.
KARL BARTSCH. 91
fand, darüber geben die Acten genauen Aufschluß, Ich brauche hier
nur auf die Denkschrift zu verweisen , welche ich aus Anlaß des
fünfundzwanzigjährigen Jubiläums des Seminars verfaßt habe').
Nur Einiges mag hier bemerkt sein. Das Seminar war nicht etwa
eine dem classisch-philologischen Seminar an die Seite gesetzte und
nach seinem Vorbilde eingerichtete Neuschöpfung, sondern eine Fort-
setzung und Umgestaltung des früheren philosophisch-ästhetischen Semi-
nars, welches der Ästhetiker Professor Wilbrandt (der Vater Adolf
Wilbrandts) geleilet hatte. Die Mitglieder waren anfänglich zumeist
Theologen und Juristen, später änderte sich das, da wurden es der
Glieder aus der philosophischen Facultät mehr und mehr, bis diese
überwogen und schließlich die ausschließlichen wurden. Bartsch las im
Seminar vorzugsweise Mittelhochdeutsch. Aus diesem Kreise wurden
auch die meisten Themata zu schriftlichen Arbeiten genommen. Im
Anfang behalf sich das Seminar ohne eigene Bücher, Bartsch bean-
tragte die Gründung einer Seminarbibliothek, die auch bewilligt wurde
und 1864 ins Leben trat. Bartschens systematischer Katalog ist nach
den besten bibliothekarischen Principien eingerichtet. Seine Anordnung
ist aus der knappen Beschreibung der Bibliothek in meiner Denk-
schrift zu ersehen. Von den von Bartsch als Director des deutseh-
philologischeu Seminars gestellten Preisaufgaben wurde leider nur eine
gelöst, aus welcher die schon genannte Schrift über die meklen-
burgische Grammatik von Nerger hervorging.
Ostern 1871 ging Bartsch an des verstorbenen Holtzmann Stelle
nach Heidelberg. Er hatte wie dieser die germanische Philologie
zu vertreten, daneben aber nicht die allgemeine Sprachwissenschaft
und das Sanskrit, sondern das Romanische. Seine Verpflichtung war
also der in Rostock gleich, aber ein Seminar fand er nicht vor. In
den ersten Seraestern begnügte er sich mit Übungen, die er selbst
veranstaltete, bewirkte aber auch die Gründung eines Seminars, wel-
ches mit dem Sommersemester 1874 begonnen wurde. Während in
Rostock das Seminar ein deutsch-philologisches war, setzte Bartsch
im Einklang mit seiner akademischen Doppelstellung die Gründung
eines Seminars für neuere Sprachen durch, welches später den Namen
eines germanisch-romanischen erhielt. An ihm wirkten unter Bartschens
Leitung auch die andern Vertreter, Professoren und Docenten, der
betreffenden Fächer. Für wie wichtig er die Seminarthätigkeit er-
') Denkschrift zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des deutsch-
philologischen Seminars auf der Universität zu Rostock am 11. Juni 1883. Rostock
1883. gr. 4«.
92 R. BECHSTEIN
achtete und wie verständnißvoll und praktisch er die Übungen einzu-
richten verstand, davon gibt der Vortrag, den er auf der Karlsruher
Philologenversammlung (1882) über die Gründung germanischer und
romanischer Seminare und die Methode kritischer Übungen hielt, glän-
zendes Zeugniß. In seinem Seminar wirkte er höchst anregend und
ersprießlich; nicht nur gewannen die, welche die Lehrerlaufbahn ein-
zuschlagen beabsichtigten, durch ihn eine treffliche Vorbildung, sondern
auch Fachgelehrte sind aus seineu Händen hervorgegangen. Dennoch
war das Seminar nicht in solchem Maße wie in Rostock der Schwer-
punkt seines Wirkens. An der viel größeren Universität waren auch
seine Vorlesungen ungleich mehr besucht, und wegen Mangels an
Theilnahme brauchte keine auszufallen. Wir beschränken uns auf die
Angabe seiner deutschen Collegia. Er las über Literaturgeschichte
alter und neuer Zeit, Grammatik, Metrik, Mythologie, erklärte Ul-
filas, die Edda, die Nibelungen, den Parzival, Walthers Lieder, Minne-
singer, Goethes Faust. Eine Vorlesung hebe ich besonders hervor,
weil das Thema, so viel mir bewußt, vorher in Deutschland niemals
gewählt worden ist, das ist die Encyklopädie der germanischen Philo-
logie. Im Seminar wurden in der deutschen Abtheilung besonders
textkritische Übungen veranstaltet, aber auch Otfried, auch Angel-
sächsisch wurde getrieben. Rechnet man nun die verschiedenen roma-
nischen Collegien historischer und exetischer Gattung sowie die dazu
gehörigen Übungen hinzu, so kann man füglich sagen, daß es wenige
Docenten gegeben haben wird, die Bartsch an Fülle und Vielseitigkeit
des Lehrstoffes gleichgekommen sind. So ist er auch als akademischer
Lehrer eine eigenartige Erscheinung, wie sie nicht wiederkehren wird.
Ein Ersatz, ein völliger Ersatz für ihn ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Ein Docent, der wie er die germanische und die romanische Philo-
logie verbindet, kann nicht mehr gefunden werden. In dieser Er-
kenntniß ist für das deutsche Fach bereits ein Nachfolger berufen
worden; es wird sieh nun darum handeln, in Heidelberg auch eine
ordentliche Professur für das Romanische zu gründen. Die Vertreter
dieser beiden Disciplinen werden sich in die Leitung des von Bartsch
gegründeten Seminars zu theilen haben. Mögen sie einmüthig im Sinne
ihres großen Vorgängers weiter wirken! —
Kehren wir nun zurück zu Bartschens gelehrter Thätigkeit und
werfen wir mit Beziehung auf einzelne seiner Werke auch einen Blick
in die Zukunft! Die Germania möge vor Allem den Freunden und
Anhängern des Geschiedenen empfohlen sein! Es wird insbesondere
der Wunsch geäußert werden dürfen, daß die Bibliographie der letzten
KARL BARTSCH. 93
Jahre noch nachgeliefert werden möge. Eine Lücke würde doch allzu-
sehr fühlbar sein. Eine sehr lohnende Aufgabe müßte nach meinem
Bedünken einem jungem Germanisten erwachsen , wenn er im Zu-
sammenhange die metrischen Lehren Bartschens darstellen, erläutern
und kritisiren wollte. Ob der kritische Apparat zu Wolfram mit dem
neuhinzuo-ekommenen nicht unbeträchtlichen Material, welches Bartsch
zu seiner Ausgabe benutzte, von einem Andern gegeben werden kann,
falls sich Vorarbeiten im Nachlasse nicht vorlinden, erscheint aller-
dings fraglich. Dagegen wäre die Besprechung einzelner von Lachmann
abweichender Stellen wohl möglich und in hohem Grade erwünscht.
Der Katalog der Heidelberger Handschriften ist durch Bartschens
Erkrankung nicht so vollständig ausgefallen, wie es in seinen Wün-
schen lag; wie uns im Vorworte berichtet wird, sollen Nachträge
folgen. Von einem großangelegten Unternehmen hat uns Bartsch nur
eine Probe gegeben, nämlich einen kleinen Anfang (A— AL) eines
Verzeichnisses altdeutscher Gedichte nach den Eingängen in seinen
Beiträgen zur Quellenkunde der altdeutschen Literatur (Straßburg
1886). Dieses Verzeichniß verdient unter allen Umständen fortgesetzt
und vollendet zu werden. Finden sich im Nachlasse nicht noch weitere
Stücke? Ein solches Verzeichniß würde ein höchst praktisches
Repertorium sein. Aber es würde auch von sehr beträchtlichem Um-
fang werden. Ist es einem Einzelnen möglich, dieser Aufgabe völlig
zu genügen? Müßte da nicht Arbeitstheilung eintreten? Und eine
weitere Frage: würden sich nicht auch stoffliche Theilungen empfehlen?
Liedanfänge überwiegen weitaus, sollen die Epen und Dramen mit
eingereiht werden oder stehen sie nicht besser besonders? Das wäre
wohl ein Thema zur Besprechung auf einer Philologenversammlung.
Zunächst aber wäre es erwünscht, wenn einer der Freunde eine Mit-
theilung darüber machen könnte, wie sich Bartsch das ganze Ver-
zeichniß gedacht hat.
Das letzte Werk, dessen Titel den Namen Karl Bartsch
enthält, ist meine Ausgabe des Frauendienstes, die den 6. und 7. Band
der von ihm ^herausgegebenen Deutschen Dichtungen des Mittelalters
bildet. Die Jahreszahl 1888 ist sein Todesjahr. Ihm war es leider
nicht mehr möglich, mein Werk mit seiner Fürsorge zu begleiten.
Die letzte Zuschrift, die ich von ihm empfing, enthielt einen Glück-
wunsch zur Vollendung meiner Ausgabe zugleich mit der Nachricht,
daß er ein Exemplar an Reinhold Becker zur Recension für die Ger-
mania gesandt habe. Dann setzte er hinzu: „Ich lebe ein schweres
Leben."
94 G. EHRISMANN
Von seiner Bürde, die so oft sein Leben beschwerte und die
ihn zuletzt so schmerzlich niederdrückte, ist er nun befreit durch
den erlösenden Tod. Wie sehr wir aber auch sein schweres Leben
beklagen, so fühlen wir uns doch erhoben in dem Bewußtsein, daß
wir ihn, dessen Verlust wir so tief empfinden, doch besitzen durften,
und daß wir ihm so unendlich viel verdanken. Sein ganzes Leben
war nicht schwer; es ist trotz vielen Leides nach den Worten des
Psalmisten ein köstliches Leben gewesen, denn es ist Mühe und Arbeit
gewesen. Sein Andenken bleibe in Segen!
ROSTOCK, Anfang April 1888, REIN HOLD BECKSTEIN,
VERZEICHNISS DER SELBSTÄNDIG ERSCHIE-
NENEN GERMANISTISCHEN SCHRIFTEN KARL
BARTSCHS^.
Karl der Große von dem Stricker ligb. von Dr. K. Bartsch,
Conservator der Bibliothek am Germanischen Museum. Bibliothek der ge-
sammten deutschen National-Literatur. Bd. 35. Quedlinburg u, Leipzig, Gottfr.
Basse, 1857. XCVI, 432 S. 8.
Die Erlösung mit einer Auswahl geistlicher Dichtungen hgb. von
K. Bartsch. Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur. Bd, 37.
Quedlinburg u, Leipzig, Gottfr. Basse, 1858, LXX, 381 S. 8.
Berthold von Holle, hgb, von K. Bartsch. Nürnberg, Bauer und
Raspe, 1858. LXXVII, 250 S. 8.
Mitteldeutsche Gedichte, hgb. von K. Bartsch. Bibliothek des
Litterarischen Vereins in Stuttgart. Bd. LUX. Stuttgart 1860. XXXVI, 229 S. 8.
Albrecht von Halbe rstadt und Ovid im Mittelalter, von
K. Bartsch. Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur, Bd. 38.
Quedlinburg u. Leipzig, Gottfr. Basse, 1861. CCLX, 501 S. 8.
Meleranz von dem Pleier hgb. von K. Bartsch. Bibliothek des
Litterarischen Vereins in Stuttgart. Bd, LX. Stuttgart 1861. 387 S, 8,
Über Karlmeinet, Ein Beitrag zur Karlssage von K. Bartsch. Nürn-
berg, Bauer und Raspe, 1861, VIII, 391 S, 8,
Meisterlieder der Kolmarer Handschrift hgb. von K. Bartsch,
Bibliothek des Litterarischen V^ereius in Stuttgart. Bd, LXV^III, Stuttgart
1862. 734 S, 8.
') Dabei konnte ein von der Verlagsbuchhandlung Carl Gerold's Sohn gütigst
zur Verfügung gestelltes Verzeichniß von 31 Schriften Bartschs verglichen werden.
Ein vollständiges Verzeichniß auch der in Journalen enthaltenen Aufsätze sowie der
romanistischen Schriften soll später folgen.
VERZEICH NISS DER SCHRIFTEN K. BARTSCHS. 95
Deutsche Liederdichter des XII. — XIV. Jahrhunderts. Eine
Auswahl von K. Bartsch. Leipzig, G. J. Göschen, 1864. LXVI , 390 S. 8.
2. vermehrte und verbesserte Auflage. Stuttgart, Göschen ^ 1879. LXXIV,
407 S. 8.
Kudrun. Hgb. von K. Bartsch. Deutsche Classiker des Mittelalters.
Bd. 2. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1. Auflage 1865, 4. Aufl. 1880. (XXVIII,
357 S. 8.)
Untersuchungen über das Nibelungenlied von K. Bartsch.
V^ien, Wilhelm Braumüller, 1865. XII, 385 S. 8.
Das Nibelungenlied. Hgb. von K. Bartsch. Deutsche Classiker des
Mittelalters. Bd. 3. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1. Auflage 1866. 5. Auflage
ib. 1879. XXVI, 420 S. 8.
Die deutsche Treue in Sage und Poesie. Vortrag, gehalten am
Geburtstage Seiner königlichen Hoheit des Großherzogs von Mecklenburg-
Schwerin Friedrich Franz am 28. Februar 1867 von Dr. K. Bartsch, ord.
Professor der deutschen und romanischen Philologie, derzeitigem Rector der
Universität Rostock. Leipzig, C. W. Vogel, 1867. 28 S. 8.
Der Saturnische Vers und die altdeutsche Langzeile. Bei-
trag zur vergleichenden Metrik von K. Bartsch. Leipzig, B. G. Teubner,
1867. 62 S. 8.
Das Nibelungenlied. Übersetzt von K. Bartsch. Leipzig, F. A.
Brockhaus. 1. Auflage 1867, 2. Aufl. 1880. XXII, 858 S. 8.
Das Fürstenideal des Mittelalters im Spiegel deutscher
Dichtung. Rectoratsrede am 28. Februar 1868 von Dr. K. Bartsch, ord.
Professor der deutschen und romanischen Philologie, derzeitigem Rector der
Universität Rostock. Leipzig, C. W. Vogel, 1868. 36 S. 8.
Die lateinische n Sequenzen des Mittelalt er s in musikalischer
und rhythmischer Beziehung dargestellt von K. Bartsch , ord. Professor der
deutschen und romanischen Philologie , derzeitigem Rector der Universität
Rostock. Rostock, Stiller'sche Hofbuchhandlung, 1868. VI, 245 S. 8.
Germania. Vierteljahresschrift für deutsche Alterthumskunde. Begründet
von Franz Pfeifi"er hgb. von K. Bartsch. Bd. 14-32. Wien, Carl Gerold's
Sohn, 1869 — 1887. 8.
Herzog Ernst hgb. von K. Bartsch. Wien, Wilhelm Braumüller,
1869. CLXXII, 308 S. 8.
Der Nibelunge Not mit den Abweichungen von der Nibelunge Liet,
den Lesarten sämmtlicher Handschriften und einem Wörterbuche , hgb. von
K. Bartsch. Leipzig, F. A. Brockhaus. 2 Theile. Theil I 1870 (Text), Theil II,
1. Hälfte (Lesarten), 1876, 2. Hälfte (Wörterbuch), 1880 S. 8.
Briefwechsel zwischen Joseph Freiherrn von Laßberg und Ludwig
Uhland, Hgb. von Franz Pfeiffer. Mit einer Biographie Fr. Pfeiffers, von
K. Bartsch und den Bildnissen von Pfeiffer, v. Laßberg und Uhland, Wien,
Wilhelm Braumüller, 1870. CVII, 342 S. 8.
^6 G. EHRISMANN
Wolframs von Eschenbach Par^^ival und Titurel. Hgb. von
K. Bartsch. Deutsche Classiker des Mittelalters. Bd. 9 — 11. Leipzig, F. A.
Brockhaus 1870—1871. 2. Auflage 1875 — 1877. 3 Bände in 8. XXXVI,
362; 314; 318 S.
G. G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung. Fünfte
völlig umgearbeitete Auflage. Leipzig, Wilhelm Engelmann, 1871 — 1874.
b Bände in 8. VIII, 642; X, 716; VII, 678; VIII, 670; VI, 887 S.
Reinfrid von Braunschweig hgb. von K. Bartsch. Bibliothek des
Litterarischen Vereins in Stuttgart. Bd. CIX. Tübingen 1871. 831 S.
Konrads von Würzburg Partonopier und Meliur. Turnei von Nant-
heiz. Sant Nicolaua. Lieder und Sprüche. Aus dem Nachlasse von Franz
Pfeiffer und Franz Roth hgb. von K. Bartsch. Wien , Wilhelm Braumüller,
1871. XVI, 434 S. 8.
Germanistische Studien. Supplement zur Germania hgb. von
K. Bartsch. 2 Bde. Wien, Carl Gerold's Sohn. 1872 u. 1875. 316; 316 S. 8.
August Kobersteins Geschichte der deutschen National-
literatur bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. 5. umgearbeitete Auflage
von K. Bartsch. Leipzig, F. C. W. Vogel, 1872 — 1873. 5 Bände 8. (X,
454; 332; 498; XV, 955; XX, 596 -|- 156 S.) 6. Auflage, Bd. I, ibid.
1884 (XII, 480 S.).
Wanderung und Heimkehr. Gedichte von K. Bartsch. Leipzig,
F. A. Brockhaus, 1874. VIII, 266 S. kl. 8.
Das Rolandslied. Hgb. von K. Bartsch. Deutsche Dichtungen des
Mittelalters. Bd. 3. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1874. XXII, 382 S. 8.
Das Nibelungenlied. Schulausgabe mit einem Wörterbuch von
K. Bartsch. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1874, 2. Auflage 1880. 299 S. 8.
Kudrun. Schulausgabe mit einem Wörterbuch von K. Bartsch. Leipzig,
F. A. Brockhaus, 1875. 8.
Walther von der Vogelweide. Schulausgabc mit einem Wörter-
buche von K. Bartsch. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1. Auflage 1875, VIII.
156 S. 8. 2. Aufl. 1885, VIII, 156 S. 8.
Diu Klage mit den Lesarten sämmtlicher Handschriften hgb. von
K. Bartsch. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1875. XXIII, 224 S. 8.
Demantin von Berthold von Holle hgb. von K. Bartsch. Biblio-
thek des Litterarischen Vereins in Stuttgart. Bd. CXXIII. Tübingen 1875.
400 S. 8.
Anmerkungen zu Konrads Trojanerkrieg von K. Bartsch.
Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart. Bd. CXXXIII. Tübingen,
1877. XXX, 489 S. 8.
Hugo von Montfort hgb. von K. Bartsch. Bibliothek des Littera-
rischen Vereins in Stuttgart. Bd. CXLIII. Tübingen 1879. 234 S. 8.
Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. Gesammelt
und herausgegeben von K. Bartsch. 2 Bände. Wien , Wilhelm Braumüller
1879 und 1880. XXV, 524; VI, 508 S. 8.
G. EHRISMANN, VERZEICHNISS DER SCHRIFTEN K. BARTSCHS- 97
Walther von der Vogelweide. Hgb. von Franz Pfeiffer. 3. bis
6. Auflage hgb. von K. Bartsch. Deutsche Classiker des Mittelalters. Bd. 1.
Leipzig, F. A. Brockhaus. 3. Auflage 1870 (LXIV, 344), 6. Auflage 1880.
Romantiker und germanistische Studien in Heidelberg
1804 — 1808. Rede zum Geburtsfest des höchstseligen Großherzogs Karl
Friedrich von Baden und zur akademischen Preisvertheilung am 22. No-
vember 1881 von Dr. K. Bartsch, großherzogl. Badischem Geh. Hofrath etc. etc.
derzeit Prorector. Heidelberg, Universitäts-Buchdruckerei von J. Hörning,
1881. 46 S. 4.
Gesammelte Vorträge und Aufsätze, von K. Bartsch. Freiburg
i. Br. und Tübingen, Mohr, 1881. V, 504 S. 8.
Franz Wilhelm Freiherr vonDitfurth: Die historisch-politischen
Volkslieder des dreißigjährigen Krieges. Aus fliegenden Blättern, sonstigen
Druckwerken und handschriftlichen Quellen gesammelt und nebst den Sing-
weisen zusammengestellt. Herausgegeben von K. Bartsch. Heidelberg, C. Winter,
1882. XVI, 355 S. 8.
Aus der Kinderzeit. Bruchstück einer Biographie von K. Bartsch.
Tübingen ohne Jahr (1882). 32 S. 8.
Lied von eines Studenten Ankunft in Heidelberg, von Cle-
mens Brentano. Mit Vorwort und Anmerkungen herausgegeben von K. Bartsch.
(Neudrucke aus dem Mohr'schen Verlage, Heft 1.) Freiburg i. Br. und Tü-
bingen, Mohr 1882. 24 S. 8.
Die Brüder Grimm. Festrede gehalten am 4. Januar 1885 zu Hanau.
In erweiterter Gestalt hgb. von K. Bartsch. Frankfurt a. M. , Rütten und
Loening, 1885. 31 S. 8.
Die Schweizer Minnesänger. Mit Einleitung und Anmerkungen
hgb. von K. Bartsch. Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz.
Bd. 6. Frauenfeld, J. Huber, 1886. CCXX, 474 S. 8.
Die altdeutschen Handschriften der Universitäts-Biblio-
thek in Heidelberg. Verzeichnet und beschrieben von K. Bartsch.
Katalog der Handschriften der Univ.ersitäts- Bibliothek in Heidelberg.
Bd. 1. Die altdeutschen Handschriften. Heidelberg, Gustav Köster, 1886.
VI, 224. 4.
GUSTAV EHRISMANN.
GERMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) Jiihrg,
98 FR. NEUMANN
KARL BARTSCH ALS ROMANIST.
Die romanistische Thätigkeit Bartschens zeigt so ziemlich den-
selben Charakter wie seine germanistische: dieselbe Beschränkung,
dieselben Vorzüge, dieselben Fehler. Bartschens romanistische For-
schungen bewegen sich fast durchweg innerhalb eines fest abge-
schlossenen Kreises: Textedition, Textkritik, Literaturgeschiciite und
Metrik. Aus diesem Kreise trat Bartsch nur ganz vereinzelte Male
heraus. Wenn ich hier gleich von vornherein feststelle, wie Bartsch
sich in seiner Wirksamkeit als Romanist beschränkte, so soll damit
in keiner Weise ein Tadel ausgesprochen sein. Gerade darin zeigt
sich der rechte große Gelehrte, daß er sich über Art und Begrenzung
seiner Begabung genau Rechenschaft gibt und danach den Kreis
seiner Thätigkeit zieht. Wenige aber gibt es, die auf dem umzeichneten
Gebiete den Kreis wiederum so weit gezogen haben wie Bartsch,
und wie er das Doppelgebiet des Germanischen und Romanischen be-
herrschen. Was Bartsch innerhalb des bewußt umschriebenen Kreises
geleistet hat, das zeigt in mehr als einer Beziehung die hohe, glän-
zende Begabung, welche dem Verstorbenen eignete. Besonders tritt
dieselbe in seinen textkritischen Arbeiten zu Tage: außerordent-
liche Belesenheit in altprovenzalischer und altfranzösischer Literatur,
und in Folge davon ausgedehnte und tiefe Vertrautheit mit
Sprachschatz und Sprachgebrauch, eine seltene Fähigkeit,
sich in Charakter und Art eines Schriftstellers hineinzuleben, ein
kritischer Blick, der zuweilen sogar etwas Divinatorisches hatte
— all das sind Eigenschaften , die ihn für eine fruchtbare Thätigkeit
in der angedeuteten Richtung ganz hervorragend veranlagten: und so
sind denn auch auf romanischem Gebiete seine textkritischen Arbeiten
als die bedeutendsten hervorzuheben. Daneben bergen seine metrischen
und literarhistorischen Untersuchungen eine Fülle von Gelehr-
samkeit und Anregung: manches seiner Bücher, wie z. B. sein
«Grundriß zur Geschichte der provenzalischen Literatur«, wird noch
geraume Zeit Ausgangspunkt und Unterlage für die philologische
Arbeit auf dem betreffenden Gebiete bleiben. Und wie groß ist die
Zahl dieser Werke, welche wir der nie ermüdenden Arbeitskraft
Bartschens verdanken! Er gönnte sich niemals Ruhe. War ein Werk
vollendet, eine Untersuchung abgeschlossen und zum Druck gegeben, so
ging es an die Ausarbeitung von weiteren; ja nicht selten beschäf-
KARL BARTSCH ALS ROMANIST. 99
tigten Bartsch mehrere Arbeiten zu gleicher Zeit. Hier stoßen wir
aber auch auf die Quelle der Mängel in Bartschens wissenschaftlicher
Thätigkeit. Das rastlose Streben, das ihn von Publication zu Publi-
cation trieb, diese von Hause aus gute Eigenschaft, mußte, übertrieben,
zu einem Fehler umschlagen Oft fehlte es Bartsch an der für eine
wirklich fruchtbringende wissenschaftliche Bethätigung nothwendigen
Kühe und Sammlung. Manches, was er veröffentlichte, war nicht ge-
nügend ausgereift, und ließ daher an Gründlichkeit und Sauberkeit
zu wünschen übrig. In der Hast, mit der Bartsch die Früchte seiner
Arbeit Andern zugänglich zu machen bemüht war, ging ihm schließlich
pdie Lust zu vollendender Arbeit« verloren, wie sich Adolf Tobler
einmal in einer Recension über Bartschens «Alte französische Volks-
lieder" ganz treffend ausdrückte.
Dasjenige Gebiet der romanischen Philologie, für das Bartsch
eine ganz besondere Vorliebe hatte, und zu dem er immer wieder
zurückkehrte, war die provenzalische Literatur, speciell die Poesie
der Troubadours. Wie unser Altmeister Diez seine romanistische
Thätigkeit mit jenen zwei epochemachenden Arbeiten über die nPoesie
der Troubadours« und 7?Leben und Werke der Troubadours« eröffnete,
so begann auch Bartsch, angeregt durch die genannten Werke von
Diez und gefördert durch den persönlichen Verkehr mit Mahn in
Berlin (1851 — 53), mit Publicationen, welche dem Gebiete des Pro-
venzalischen angehören. Ein Plan, der Bartsch von seinem ersten wissen-
schaftlichen Auftreten an bis zu seinem Tode beschäftigte, und zu
dem sich alle seine provenzalischen Veröffentlichungen eigentlich nur
als Parerga verhalten, war die Gesammtausgabe aller überlieferten
provenzalischen Troubadour-Biographien und Troubadour-Dichtungen.
Besonders in den letzten Lebensjahren Bartschens stand dieser Plan
im Vordergrund seiner Arbeiten und nichts wünschte er sehnsüch-
tiger, als diesen Plan noch verwirklicht zu sehen. Schon waren Unter-
handlungen mit dem Verleger gepflogen, und ich weiß mich noch
wohl zu erinnern, wie er vor einigen Jahren freudestrahlend mir
verkündete, dass er einen Band ^Biographien« in Kürze druckfertig
zu stellen hoffe. Mit Bedauern sahen wir Freunde jedoch, wie
Bartsch von der Ausführung dieser Arbeit, zu welcher er wie kein
zweiter berufen war, und von der wir das schönste erwarten durften,
immer und immer wieder durch andere oft mühsame und zeitraubende
Arbeiten abgezogen wurde ; Arbeiten freilich, denen er sich zu einem
großen Theile, wie wir anerkennen mußten, nicht gut entziehen konnte,,
und die auf sich zu nehmen, er gewisse moralische Verpflichtung hatte:
7*
100 FR. NEUMANN
ich erinnere an den Katalog der Heidelberger germanistischen Hand-
schriften, der zum fünfhundertjährigen Jubiläum der Universität Heidel-
berg im Jahre 1886 erschien. So kam es, daß der unerbittliche Tod
Bartsch ereilte, ehe von der geplanten Gesammtausgabe der Trou-
badours etwas zum Druck befördert werden konnte. Für diesen
schmerzlichen Verlust müssen uns die erwähnten Parerga entschä-
digen, welche Bartsch während der dreissig Jahre seiner Gelehrten-
laufbahn in großer Zahl zu Tage förderte. Ich hebe aus dieser Zahl
im Folgenden das Wichtigste heraus.
Schon gleich die erste provenzalische Publication Bartschens
muß insofern als hochbedeutend bezeichnet werden, als sie, wie wenig
andere dazu beigetragen hat, das Interesse an provenzalischer Sprache
und Literatur in Deutschland zu fördern. Ich meine das 1855 er-
schienene rProvenzalische Lesebuch". Bartsch gibt darin einen kurzen,
grundrißartigen Überblick über die provenzalische Literatur, ferner
eine dem Inhalte nach geordnete Auswahl von Texten mit den Les-
arten dazu, vieles zum ersten Male, nach den Handschriften, nebst
knappem Wörterbuch. In einer Zeit, wo romanische Texte noch meist
ziemlich dilettantisch, ohne feste kritische Methode edirt wurden, war
das Lesebuch eine hervorragende wissenschaftliehe That, welche den
künftigen Herausgebern provenzalischer und altfranzösischer Texte
die richtigen Wege wies. In noch höherem Maße geschah dies durch
Bartschens Ausgabe von jiPeire Vidals Liedern« (1857). Hier wurde
zum ersten Male auf romanischem Gebiete unternommen, den Urtext
der sämmtlichen Werke eines Dichters auf Grund des ganzen Hand-
schriftenmaterials — soweit es damals zugänglich — herzustellen.
Der Dilettantismus auf diesem Gebiete war gebrochen und ein Muster
strenger textkritischer Methode auch innerhalb der romanischen Phi-
lologie gegeben, wie es Lachmann zuvor den Germanisten für die
Herausgabe altdeutscher Literaturwerke gegeben hatte. — Derselben
Zeit (1856) gehört noch die Sammlung von j^Denkmälern der proven-
zalischen Literatur« an , die Bartsch als 39. Band der Publicationen
des Stuttgarter Literarischen Vereins erscheinen ließ. Der Heraus-
geber vereinigt hier eine Anzahl ungedruckter provenzalischer Literatur-
denkmäler, die er selbst auf einer wissenschaftlichen Reise in Frank-
reich und England in den Jahren vorher aus den Handschriften copirt
hatte; wenn auch der eine oder andere der hier mitgetheilten Texte
dem heutigen Stande unserer provenzalischen Kenntnisse gemäß
einer neuen Ausgabe bedürftig erscheinen mag, so bewährte doch
Bartsch auch in diesem Werke sein kritisches Talent aufs beste. Im
KARL BARTSCH ALS ROMANIST. 101
Zusammenhang mit den genannten provenzalischen Veröffentlichungen
steht noch ein 1857 erschienener Aufsatz über die nReirakunst der
Troubadours« (Jahrbuch für roman. und engl. Literatur, I, 171), mit
dem sich Bartsch als romanischer Metriker gut einführte.
Als Bartsch in der Mitte der sechziger Jahre in die Lage ver-
setzt wurde, von seinem provenzalischen Lesebuche eine neue Auf-
lage zu bearbeiten, da zog er es vor, die Literaturübersicht von der
Textsaramlung nebst Glossar zu trennen, und durch eine Erweiterung
der beiden Bestandtheile entstanden zwei ganz neue Werke: seine
«Chrestomathie provenQale accompagn^e d'une grammaire et d'un glos-
saire« (1868) und sein »Grundriß zur Geschichte der provenzalischen
Literatur" (1872). Die Chrestomathie unterscheidet sich von dem
Lesebuche zunächst vortheilhaft durch größere Zahl und reichere
Mannigfaltigkeit der in chronologischer Folge mitgetheilten Texte: alle
Gattungen der provenzalischen Literatur, vom ältesten Denkmal, dem
Boethiusfragment, an bis zum 15. Jahrhundert, sind durch charak-
teristische Proben vertreten, darunter auch diesmal wieder manches
bis dahin noch unedirte. Ein willkommenes Plus gegenüber dem Lese-
buche bildet ferner die provenzalische Grammatik — wie der Titel
angibt — oder besser — wie vor dem betreffenden Abschnitte zu
lesen ist — das Tableau sommaire des flexions proven9ales, das
Bartsch außer dem Glossar diesmal den Texten noch beifügte: so
wurde alles geboten, was zum Verständnisse der Texte dienen konnte.
Die letzteren sind kritisch hergestellt, meist unter Benutzung des
ganzen oder doch fast ganzen Lesartenapparates. Daß die kritischen
Bemühungen des Herausgebers nicht überall von gleichem Erfolge
begleitet waren, ist bei der Schwierigkeit der Materie verständlich:
vieles ist zur Besserung und Aufhellung von andern bis heute bei-
gesteuert worden, manches wird noch beizusteuern bleiben. Dabei
darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß manche fragliche Stelle
schon durch Bartsch mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln hätte
aufgeklärt werden können, wenn er allen Theilen seines freilich zu
verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Stimmungen entstandenen
Werkes die gleiche Sorgfalt und Vertiefung hätte angedeihen lassen,
rind wie ein Theil der Texte, so trägt vor allem das Glossar Spuren
etwas übereilter Arbeit. Bei manchen Wörtern ist eine Bedeutung
angegeben, mit der man sich vergeblich bemühen wird, einen Sinn
in die betreffende Stelle zu bringen: man bekommt den Eindruck,
daß Bartsch sich an verschiedeneu Stellen mit einem nur ober-
flächlichen Verständniß zufrieden gegeben hat. Die Formenlehre ver-
102 FR- NEUMANN
zeichnet im wesentlichen nur die in der Chrestomathie vorkommenden
Formen, gewährt aber immerhin einen nützlichen Überblick. Leider
sind aber auch hier Flüchtigkeitsfehler nicht selten; die Anordnung
ist, besonders da, wo es sich um verschiedene Gestaltung einer und
derselben Form handelt, oft eine unglückliche und principlose, welche
die historischen und genetischen Verhältnisse nicht selten auf den Kopf
stellt. Es zeigt sich hier wie anderswo, wie wenig linguistische Forschung
der Eigenart Bartschens entsprach. Bedauerlicherweise sind von den
angedeuteten Mängeln der Chrestomathie in den weiteren Auflagen nur
wenige beseitigt, so daß dieselbe dem Stande der Forschung von heute
in vieler Beziehung nicht mehr entspricht. Jene im Laufe der Zeit
stets gewachsene Hast und Überstürzung, mit der sich Bartsch — wie
oben erwähnt — an neue und immer neue, dazu oft schwierige Auf-
gaben machte, entfremdete ihm zum Theile in der Folgezeit seine
älteren Werke, und er brachte der Bearbeitung von neuen Auflagen
nicht immer jene Liebe zur Sache, jene Sammlung und ruhige Über-
legung entgegen, wie sie für die Vervollkommnung, Besserung und
Feilung einer Arbeit nun einmal nöthig sind. Aber trotz alledem darf
man der provenzalischen Chrestomathie nachrühmen, daß sie eins der
nützlichsten Bücher der romanischen Philologie gewesen ist. — Das
gleiche Prädicat verdient auch der aus der Einleitung zum proven-
zalischen Lesebuche entstandene «Grrundriß zur Geschichte der pro-
venzalischen Literatur«. Derselbe gibt eine gedrängte, aber annähernd
vollständige Inventarisirung alles dessen, was von provenzalischer
Literatur bis zum Jahre 1872 bekannt geworden war. In drei Perioden
(10. und IL, 12. und 13., 14. und 15. Jahrhundert) eingetheilt, nach
den verschiedenen Gattungen geordnet, wird die provenzalische Lite-
ratur vorgeführt, mit kurzen Ausblicken auf die Entwickelung von
Sprache und Vers, auf die allgemeinen geschichtliehen Verhältnisse.
Überall wird die an die Denkmäler sich knüpfende wissenschaftliche
Literatur, soweit sie irgend Beachtung verdient, angegeben. Als An-
hang ist ein alphabetisches Verzeichniß der lyrischen Dichter des 12.
und 13. Jahrhunderts beigefügt: Bartsch verzeichnet darin sämmtüche
damals bekannten Troubadourgedichte nach ihren Anfangsworten, gibt
an, in welchen Handschriften dieselben enthalten sind, wo sie gedruckt
zu finden sind u. s. w. Die reiche Fülle von meist zuverlässigen Nach-
weisen, welche hier auf dem knappen Räume von etwas über 200 Seiten
geboten wird, hat zur Folge gehabt, daß der Grundriß noch jetzt —
trotz der Ergänzungen und Berichtigungen, welche der Fortschritt
der provenzalischen Philologie seit 1872 heute für das Buch nöthig
KARL BARTSCH ALS ROMANIST. 103
machen würde — eins der unentbehrlichsten Hilfsmittel des Roma-
nisten ist, von unschätzbarem Werthe vor allem für den, der sich
speciell mit provenzalischer Literatur philologisch beschäftigen will.
Abgesehen von den im vorstehenden etwas eingehender be-
sprochenen wichtigeren Arbeiten auf provenzalischem Gebiete ver-
danken wir Bartsch noch eine Reihe kleinerer Beiträge zur proven-
zalischen Literaturforschung, die durchweg zu einer Erweiterung und
Vertiefung unserer Kenntniß des Provenzalischen beigetragen haben.
Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, auch diese Arbeiten einzeln
zu besprechen und eine Würdigung des Verdienstlichen in denselben
zu geben. Um jedoch zu zeigen, wie Bartsch seinem Lieblingsgegen-
stande stets treu geblieben ist, und wie er jenes große Ziel einer Ge-
sammtausgabe der Troubadourdichtungen nie aus den Augen verlor,
mögen hier wenigstens die Titel der hauptsächlichsten Arbeiten stehen.
In erster Linie verdient genannt zu werden Bartschens treffliche Aus-
gabe des nach so vielen Richtungen hin (auch für die Geschichte der
Troubadourdichtung) hochinteressanten provenzalischen , geistlichen
Schauspiels von der rSancta Agnes« (1869). Eine große Zahl hier
hergehöriger Aufsätze enthält das Jahrbuch für romanische und
englische Sprache und Literatur, als dessen eifriger Mitarbeiter in
selbständigen Aufsätzen und in Besprechungen Bartsch sich dauernd
bethätigte. Ich nenne die zwei Essays über n Garin den Braunen« (Bd. III)
und nGuillem von Berguedan« (Bd. VI, auch in nGesammelte Vorträge
und Aufsätze«), ferner «Beiträge zu den romanischen Literaturen«
(Band XI), «Zur provenzalischen Literatur« (Band XII), endlich die
Untersuchung über «Die Quellen von Johannes Nostradamus« (Band
XIII). Erwähnt seien im Anschlüsse daran auch die Mittheilungen
über den catalanischen ?5Can9oner d'amor« der Pariser Bibliothek
(Band II). Nach dem Eingehen des Jahrbuchs entfaltete Bartsch die
gleiche reiche Thätigkeit als Mitarbeiter der von Gröber heraus-
gegebenen Zeitschrift für romanische Philologie. Auch hier legt eine
große Reihe von Recensionen und selbständigen Artikeln von jener
dauernd der provenzalischen Literatur durch Bartsch gewidmeten Auf-
merksamkeit und Thätigkeit Zeugniß ab. Ich erwähne »Zwei proven-
zalische Lais« (Band I), «Die provenzalische Liederhandschrift Q«
(Band IV) u. s. w. Daß Bartsch nach alledem der berufenste Neu-
herausgeber von Diez' ?:Poesie der Troubadours« und «Leben und
Werke der Troubadours« (1882 und 1883) war, dürfte wohl außer
jedem Zweifel stehen.
104 FR. NEUMANN
Nicht ganz so zahlreich wie auf provenzalischem Gebiete, aber
nicht minder fördernd und bedeutsam waren Bartschens Arbeiten auf
französischem Gebiete. Seine Thätigkeit hier zeigt viel Verwandt-
schaft mit derjenigen, die wir soeben kennen gelernt haben: der Kreis
von Aufgaben und Fragen, denen er hier sein Interesse zuwendet»
ist der gleiche wie dort. Neben die Provenzalische Chrestomathie stellt
sich hier die nChrestomathie de l'ancien fran9ais (VIII — XV*^ siecle)
accompagnee d'une grammaire et d'un glossaire« (1866). Die Anlage
ist, wie schon aus dem Titel erhellt, dieselbe, wie bei der proven-
zalischen Chrestomathie. Sogar die gleichen Vorzüge und Mängel
kehren wieder, hier wie dort. Auch hier eine geschmackvolle, glück-
liche Auswahl von Bruchstücken aus allen Gattungen altfranzösischer
Literatur mit zumeist guter Textherstellung-, auch hier ein das Ver-
ständniß der Texte förderndes Verzeichniß der Flexionsformen nebst
Glossar. Aber auch hier vermißt man wieder jene »Lust zu vollen-
dender Arbeit«, die bis ins kleinste hinein sorgsam verfährt: das Glossar
und vor allem der grammatische Theil weisen bis in die neuesten
Auflagen hinein eine Menge von unrichtigen und verwirrenden An-
gaben auf. Überhaupt kann, was von den späteren Auflagen der pro-
venzalischen Chrestomathie oben gesagt wurde, hier von der altfran-
zösischen nur wiederholt werden. Immerhin sind die Vorzüge der
letzteren doch so zahlreiche und so große, daß das Werk berufen
wurde, eines der förderlichsten Hilfsbücher des Romanisten zu werden :
wohl für die größte Mehrzahl derjenigen, die in den letzten 20 Jahren
romanische Philologie studirt haben , ist Bartschens Chrestomathie
eine Zeit lang der Führer gewesen. — Neben dieser älteren, 1884 in
fünfter Auflage erschienenen altfranzösischen Chrestomathie ließ Bartsch
1887, der Aufforderung eines Pariser Verlegers nachgebend, eine
zweite Sammlung altfranzösischer Texte erscheinen: ?5La langue et
la litt^rature frangaises depuis le IX^""^ siecle jusqu'au XI V^"^ siecle«.
In der Anlage unterscheidet sich das neue Werk von dem früheren
kaum: auch hier Texte, Grammatik und Glossar; wohl aber in der
Ausführung. Einmal hat Bartsch den grammatischen Theil nicht selbst
bearbeitet: in richtiger und von ihm selbst eingestandener Erkenntniß
davon, daß eine solche grammatische Darstellung nicht ganz in den
Kreis seiner Neigungen und seiner Begabung fiel, hat er dieselbe
einer berufeneren Feder, der von Adolf Horning, anvertraut. Die Text-
sammlung bietet Bruchstücke altfranzösischer Literatur bis zum 14.
Jahrhundert, während die ältere Chrestomathie noch das 15. Jahr-
hundert mit hereinzieht. Fand somit nach einer Richtung hin eine
KARL BARTSCH ALS ROMANIST. 105
Beschränkung statt, so konnte dafür nach anderer Richtung eine Er-
weiterung und Ausdehnung des Planes Platz greifen. Die Texte sind
zahlreicher und vor allem umfangreicher. Während die oft kleinen
Bruchstücke in der älteren Chrestomathie bisweilen eine nur unvoll-
kommene Vorstellung von dem Inhalt und Charakter des betreffenden
Literaturdenkmals vermitteln können, führen die hier gebotenen
größeren Abschnitte aus den einzelnen geschickt gewählten Denk-
mälern weit besser und tiefer in den reichen Inhalt der altfranzösi-
schen Literatur ein. Texte und Glossar sind freilich auch diesmal
nicht frei von Fehlern: allein man muß sich erinnern, daß Aus-
führung und Druck des Werkes zum Theile schon in eine Zeit fällt,
als Bartsch von schwerer Krankheit bereits heimgesucht wurde.
Wie auf provenzalischem, so ist auf nordfranzösischem Gebiete
es wiederum die Lyrik, die Bartsch besonders anzieht: die engen
Beziehungen, welche zwischen altdeutscher, altprovenzalischer und alt-
französischer Lyrik bestehen, mußten Bartsch von einem Gebiete zum
andern führen. Dieser Beschäftigung mit nordfranzösischer Lyrik ist
vor allem die Ausgabe der n Altfranzösischen Romanzen und Pastou-
rellen« (1870) zu danken. Die Kritik fand zwar manches an dem
Buche auszusetzen, einiges mit Recht, anderes mit Unrecht (vgl.
Brakelmann in Zeitschrift für deutsche Philologie, Ergänzungsband
und Bartscliens Antikritik im .Jahrbuch , Bd. XIV). Wie es sich aber
auch mit den Ausstellungen, die gemacht wurden, verhalten mag, so läßt
sich jedenfalls nicht bestreiten, daß Bartschens Ausgabe das Verdienst
hatte, jene eigenartigste Schöpfung uordfranzösischer Lyrik zuerst
allgemeiner zugänglich gemacht zu haben. — Einmal hat Bartsch
übrigens auch zu verschiedenen strittigen Fragen aus der Geschichte
des altfranzösischen Epos Stellung genommen. Es geschah dies in
zwei umfänglichen Recensionen über Leon Gautiers Epopees fran-
caises (Revue critique 1866, II, und 1867, II) , Recensionen, welche
als wichtige Beiträge zur Entwickelungsgeschichte der altfranzösischen
Epik bezeichnet werden dürfen.
Die Forschungen Bartschens über altprovenzalische und altfran-
zösische Lyrik führten ihn zu Untersuchungen über metrische
Fragen. Vieles von diesen Untersuchungen steckt in den Einleitungen
und Anmerkungen seiner Ausgaben. Daneben veröffentlichte er jedoch
auch selbständige Abhandlungen zur Metrik. Besonders reizte ihn, den
Zusammenhängen zwischen den metrischen Formen der verschiedenen
Literaturen nachzuspüren. Die Einflüsse, welche französische Sprache
und Literatur von Seiten des Keltischen erfahren haben, legten die
106 FR. NEUMANN, KARL BARTSCH ALS ROMANIST.
Vermuthung nahe, daß auch auf dem Gebiete der metrischen Formen
derartige Einflüsse stattgefunden hätten. Bartsch sucht nun in der
That solche Einwirkungen nachzuweisen in zwei Aufsätzen: 5?Ein
keltisches Versmaß im Provenzalischen und Altfranzösischen« (Zeit-
schrift für romanische Philologie, Bd. II) und «Keltische und romanische
Metrik« (Ebd., Bd. III). Allein die Resultate dieser Untersuchungen
sind in keiner Weise als gesichert zu betrachten und haben auch den
lebhaften Widerspruch von Männern wie Gaston Paris und D'Arbois
de Jubainville gefunden (Romania VIII, IX). — In einer weiteren
metrischen Abhandlung deckt Bartsch gewisse Wechselbeziehungen
zwischen altdeutschen und romanischen dichterischen Formen auf:
»Romanische und deutsche Tagelieder« (1865, Abhandlungen des liter.
Vereins in Nürnberg, auch in «Gesammelte Vorträge und Aufsätze«,
1883).
Daß sprachgeschichtliche Forschung nicht in den Bereich von
Bartschens spezieller Veranlagung fiel, und daß er dies selbst recht
wohl wußte und erkannte, wurde schon vorhin bemerkt. Aus diesem
Umstände erklärt sich, dass die oben besprochenen zwei Abrisse der
provenzalischen und altfranzösischen Formenlehre zu den entschieden
minderwerthigen Arbeiten von Bartsch gehören. Und ebenso erklärt
sich dai'aus, daß er, abgesehen von jenen zwei Arbeiten, eigentlich nur
ein einziges Mal noch mit einem Beitrag zur romanischen Grammatik
hervorgetreten ist. Es ist das sein Vortrag 75 Vom deutschen Geist in
den romanischen Sprachen«, den er auf der 30. deutschen Philologen-
versammlung 1875 gehalten hat. In den zwar durchaus anregenden
Ausführungen dieses Vortrags ist jedoch nur weniges, das vor einer
strengeren Prüfung Bestand haben wird. Obwohl somit Bartsch Gram-
matiker von Beruf niemals war und sein wollte, so ist er doch der
Mitentdecker eines bekannten altfranzösischen Lautgesetzes gewesen :
das Gesetz, wonach betontes freies a des Lateinischen unter bestimmten
Voraussetzungen altfranzösisch nicht zu e, sondern zu ie wird, figurirt
heutzutage gewöhnlich unter dem Namen »Bartschens Gesetz« (man
vergleiche jedoch über den Antheil, welchen Adolf Mussafia an der
Entdeckung hat, Germania, VII, 178, VIII, 51, 369, und Jahrbuch^
VII, 115).
Schließlich bleibt, um das Bild von Bartschens romanistischer
Thätigkeit zu einem vollständigen zu machen, noch zu erwähnen, wie
der Verstorbene auch auf romanischem Gebiete bestrebt war, die Re-
sultate wissenschaftlicher Forschung weiteren Kreisen zu vermitteln.
Hierbei kam ihm das mit seiner sonstigen dichterischen Begabung
KARL BARTSCH ALS ROMANIST. 107
zusammenhängende treffliche Übersetzertalent sehr zu statten. Zu
nennen ist hier in erster Linie Bartsehens Dante-Ubei Setzung (1877).
Unter eingestandener Benutzung der früheren Versuche gelang es
Bartsch, eine Übersetzung zu schaffen, welche durch ihre Formvoll-
endung bei größter Treue gegenüber der Vorlage alle anderen hinter
sich läßt. - — In seiner Übertragung nAlter französischer Volkslieder«
(1882), von denen er die Originale zum größten Theile selbst einmal
in den ??Romanzen und Pastourellen«, dann in einer Sammlung fran-
zösischer Volkslieder des 16. Jahrhunderts (Zeitschrift, Bd. V) ver-
öffentlicht hat, hat Bartsch nicht so durchweg, wie in der «Göttlichen
Komödie«, den Ton des Originals getroffen; doch liefert auch hier
wieder eine Reihe von Liedern den Beweis von hervorragender Über-
setzungskunst.
Ich habe mich gewissenhaft bemüht, in der vorstehenden kurzen
Charakteristik von Bartschens romanistischer Wirksamkeit Licht und
Schatten gerecht zu vertheilen. Des Todten Fehler zu verschweigen
oder auch nur zu vertuschen, Avie es wohl hie und da die Art von
Nekrologschreibern ist, konnte ich mich nicht entschließen, so wohl
es mir gethau haben Avürde, wenn ich über die wissenschaftlichen
Arbeiten des verstorbenen Freundes nur gutes zu sagen gehabt hätte.
Allein unbedingt Vollkommenes leistet Niemand, und Bartscliens
Leistungen auf dem Doppelgebiete der germanischen und romani-
schen Philologie sind bei alledem derart, daß sie ihm für alle Zeit
einen Ehrenplatz unter den ersten Männern seiner Wissenschaft sichern.
Seine Verdienste sind so außerordentlich große und dauernde, daß
man seine Fehler nicht zu verschweigen braucht. Eine Lüge aber
— und das Verschweigen der Fehler wäre eine Lüge — würde das
Andenken des theuren Verstorbenen, der stets nach Wahrheit
strebte, nur schänden.
FREIBURG i. B , den 19. März 1888.
FRITZ NEUMANN.
108 LITTERATUR: K. BARTSCH, RECENSIONEN.
LITTERÄTÜR.
Reeensionen,
Von K. B.
Das Nibelungenlied, herausgegeben von Friedrich Zarncke. 6. Auflage.
12. Abdruck des Textes. Leipzig 1887. Georg Wigands Verlag. CXXXVII
u. 445 S.
Mit aufrichtiger Freude begrüße ich diese neueste Auflage von Zarnckes
Nibelungen, in der ich eine wesentliche Annäherung an meinen Standpunkt
erblicke. Allerdings eine Anzahl von Differenzpunkten besteht noch immer,
die ich im Folgenden zur Sprache bringen will.
Was die Heimat des Liedes betrifft, so halte ich auch jetzt an Öster-
reich fest. Denn es bleibt immer der geographische Fehler mit den Vogesen,
der erst von dem kundigeren Bearbeiter C gebessert wurde. Es bleibt auf-
fallend, in wie wenig Stationen die Fahrt vom Rhein bis nach Passau ab-
gethan wird, während von hier an eine genaue Ortskenntniß sich verrät.
Der Fehler Zeizenmnre ist allerdings wol erst durch die Neidhartschen
Lieder zu erklären und kann sich also nicht in dem B und C gemeinsamen
Originale gefunden haben. Die Handschriften der Klasse B gehen über
die Neidhartsche Zeit nicht zurück; besäßen wir ältere, wie von der Klasse C,
so würden diese den Fehler nicht enthalten.
In Bezug auf die Handschriftenfrage erkennt Z. an, daß B und C zwei
verschiedene Bearbeitungen eines verlorenen Originaltextes sind. Was aber
kann der Grund dieser Umarbeitung anders sein als technische Rücksichten,
wie Entfernung unreiner Reime? Die ganze formale Entwickelung der Poesie
vom 12. Jahrh. zum 13. zeigt uns dieses Streben nach Umarbeitung und
Beseitigung der ungenauen, erst der ungenauesten, dann überhaupt aller
ungenauen Reime. Mit der Genesis beginnt die Reihe ; im letzten Drittel des
12. Jh. wird die Zahl der assonirenden Dichtungen zahlreicher, die man
theils kurze Zeit nachher, theils später umarbeitete. Das lehrreichste Beispiel
bietet die Kaiserchronik, weil hier sowol das assonirende Original als die
beiden Bearbeitungen erhalten sind. Nun ist geltend gemacht worden (von
Paul), daß die Assonanz auch im 13. Jahrh. fortgelebt hat. Gewiß, das
ganze Mittelalter hindurch in volksthünilicher Poesie. Aber in den ritter-
lichen und auch den gelehrten Kreisen regte sich im Fortschritt der Zeit
das Bedürfniß, das alte formal nicht genügende dem neuen Geschmack mund-
gerecht zu machen. Würde man sich die Mühe des Umreimeus gegeben
haben, wenn die Gedichte in ihrer alten Form noch Beifall gefunden hätten ?
Also die ganze Entwickelung im 1 2. Jh. drängt dazu hin, für das Nibelungenl.
das Gleiche anzunehmen. Wie alt die gemeinsame Vorlage von B und C war,
ist freilich schwer festzusetzen. Es muß doch immer von den erhaltenen
Assonanzen ausgegangen und müssen dieselben mit gleichzeitigen Gedichten
verglichen werden. Danach gelangen wir doch zu einer frühern Zeit als um
1200, wie Z. will. Das Vorkommen von 6 ungenauen Cäsurreimen habe ich
LITTERATUR: K. BARTSCH, RECENSIONEN. 109
allerdings wol zu weit ausgedehnt, ich glaube, daß man nur solche gelten
lassen darf, bei denen gleichem Vocal verschiedene Consonanz folgt. Aber
den Vergleich mit Jüngern Dichtungen, in denen sich ebenso ungenaue
Cäsurreime finden, kann ich nicht gelten lassen; denn ein Dichter, der genaue
Endreime hat, hat keine Empfindung mehr für Assonanz in den Cäsuren,
wol aber einer, bei dem die Bearbeitungen noch, wenn auch nicht zahl-
reiche Assonanzen im Endreim zeigen. Die zweifache Umarbeitung lasse ich
gern fallen, sie hat keine principielle Bedeutung, aber an der Umarbeitung,
halte ich, und zwar aus formalen Gründen, fest. Und auf Grund der erhal-
tenen Assonanzen gelangen wir denn doch für das B und C gemeinsame
Original zu einer etwas frühem Zeit als um das Ende des 12. Jhs. , wie
Z. will. Es ist doch auch zu erwägen, daß die Klage mit ihrer ebenfalls
doppelten Bearbeitung eines verlorenen , ebenfalls theilweise assonirenden
Originals, auch untergebracht sein will.
Einen chronologischen Anhaltspunkt für das verlorne Original der
beiden erhaltenen Bearbeitungen gewährt eine Stelle in C. Die vordere
Halbzeile wes iuch der künic bittet, in B wes iuch hitet Günther, bittet in der
Cäsur war B anstößig, da es hitet sprach. Die Stellung in der Cäsur ist
gleich der im Reime, denn die Cäsur darf ja gereimt sein. Nun erscheint
bitten im Reime nur in Denkmälern, von denen keines jünger ist als das
letzte Drittel des 12. Jhs. Vgl. Germania 13, 235, zu Zarnckes Ausgabe
84, 7"* '). Nur im partic. bittende erhält sich das tt bis ans Ende des
12. Jabrhs. ; noch im Anfang des 13. hat Hartmann a. Heinr. 24 daz er
im bittende wese. Nun gewinnen wir auch Raum: um 1170 das Original,
bald danach die Klage, als Fortsetzung, auch noch in ungenauen Reimen
gedichtet (vgl. meine und Edzardis kritische Ausgaben der Klage); gegen
Ende des Jahrhs. werden ziemlich gleichzeitig zwei Umarbeitungen der in-
zwischen in Hss. vereinigten Nibelungen und Klage unternommen, weil die
alten Gedichte dem vorgeschrittenen Kunstbedürfniß nicht mehr genügten.
Auf eine der beiden Umarbeitungen spielt am Anfang des 13. Jahrhs.
Wolfram an.
Alle hier besprochenen Punkte sind der Art, daß sie einen principiellen
Gegensatz nicht enthalten, und so hoffe ich, daß wir uns allmählich noch
etwas mehr nähern werden. Wir beide stehen in Gegensatz zu der noch
immer, wenn auch nicht mehr in öffentlicher Polemik, festgehaltenen Lach-
mannschen Ansicht mit ihren Heptaden.
Leon Gautier, La Chevalerie. Paris 1885. Victor Palme, Editeur. XVI,
783 S. gr. 8.
Es ist nicht die Zeit des späten Ritterthums, die wir aus den Schilde-
rungen von Froissart kennen, was Gautier in seinem Buche darstellt, sondern
im Wesentlichen das Zeitalter der Kreuzzüge, das ja in gewissem Sinne die
Blüthe des Ritterthums bezeichnet. Vor Allem für den streng katholischen
') Meine dort gegebene Zusammenstellung ist von Z. als eine grammatisclie
Belehrung angesehen worden. Das sollte sie durchaus nicht sein, sondern ich hatte
den aus jenen Stellen zu folgernden Beweis im Sinne.
110 LITTERATUR: K. BARTSCH, RECENSIONEN.
Verfasser, dem die Kreuzzüge als der Grlanzpunkt des mittelalterlichen Katholi-
cismus erscheinen müssen. Sein Buch verfolgt populäre Zwecke, wie die
mittelalterliche Scenen des Ritterthums darstellenden Abbildungen beweisen :
aber neben dieser Reihe von Abbildungen geht eine zweite her, die das
Werk für den Forscher schätzbar und werthvoU macht: die Nachbildungen
von mittelalterlichen Originalien, die ein anschauliches Bild von Trachten,
Waffen u. s. w. jener Zeit gewähren. Schon in seinen Ausgaben des Roland
hatte Gautier diese Seite der Alterthumskunde, die von unsern Philologen leider
zu sehr vernachlässigt wird, in Anmerkungen hervorgehoben. Durch beide
Bücher weht die Begeisterung für den Katholicismus ^ der wissenschaftliche
Kern wird davon nicht beeinträchtigt. Ich habe auf das Werk hier aufmerksam
gemacht, weil das deutsche Ritterthum den stärksten Einfluß von dem fran-
zösischen erfahren hat.
Beiträge zur Quellenkunde der altdeutschen Literatur von K. Bartsch.
Straßburg 1886. Trübner.
Ein Vorläufer sollen diese Beiträge sein zu einer Quellenkunde der
altdeutschen Poesie, welche ein Verzeichniß sämmtlicher uns erhaltener poe-
tischer Denkmäler bis 1500 umfassen soll. An der Nützlichkeit eines solchen
Werkes kann wohl kein Zweifel sein. Eine Probe vom Anfang ist in diesen
Beiträgen gegeben, die im übrigen Material zur Keiintniß der Quellen ent-
halten. Den Anfang machen theils neue, theils bisher unvollkommen ver-
öffentlichte Bruchstücke von Wernhers Maria. Es folgt Flore und Blanscheflur,
mit Vergleichung der Heidelberger Hs. und Vorschlägen zur Besserung des
Textes. So setzt sich die Reihe fort durch das 13. — ^15. Jahrb., von Prosa-
denkraälern ist nur Bruder Berthold behandelt. Keine neuen Quellen benutzt
sind beim Engelhard, daher man zweifeln könnte, ob die Besserungsvorschläge
genau genommen in den Rahmen der Beiträge gehören.
Baechtold, Jakob — Geschichte der deutschen Literatur in der Schweiz.
1.— 2. Lieferung. 168 u. 44 S. Frauenfeld 1887. Huber. 8.
Genau genommen läßt sich die Literaturgeschichte eines einzelnen
Theiles deutscher Zunge nicht schreiben ^ die Schweiz z. B. hängt mit
Schwaben so eng in ihrer Entwickelung zusammen, daß man immer von dem
einen auf das andere Gebiet hingewiesen wird. Dennoch ist begreiflich, daß
bei der politischen Stellung der Schweiz hier der Gedanke besonders nahe
lag, und die Durchführung ist den etwaigen Schwierigkeiten glücklich aus
dem Wege gegangen.
Das 1. Heft umfaßt die ahd. Zeit, in der naturgemäß die Sanct-Galler
Bestrebungen den Mittelpunkt bilden. In den Anmerkungen, die leider nicht
im Texte durch Zahlen angedeutet sind , sondern am Schlüsse unter Hin-
weis auf die Seite des Textes folgen, hat der Verf. manche schätzbare For-
schung und Berichtigung niedergelegt.
Das 2. Heft umfaßt die höfische Dichtung des 12. und 13. Jahr-
hunderts, beginnend mit der Epik. Sehr zu loben sind die beigegebenen
LITTERATUR: K. BARTSCH, RECENSIONEN. lU
Inhaltsanzeigen der Gedichte, und namentlich bei den ungedruckten sehr er-
wünscht. Nach B. ist der Lanzelot von Einfluß auf Hartmanns Erec gewesen;
die Beantwortung der Frage hängt von der Untersuchung über die Ab-
fassung des letzteren ab. Konrad Fleck wird als Schweizer nachgewiesen,
auf Grund des Ruprecht von Orbent, dessen Familie in der Schweiz vor-
kommt. Ja den Dichter selbst glaubt B. gefunden zo haben in einem 1212
bis 1233 vorkommenden Cuonradus Basiliensis ecclesiae thesaurarius. —
Die Heimat Rudolfs von Ems findet B. nicht in Vorarlberg, sondern in
Churrätien ; ein Rudolf von Ems kommt hier 1170 vor. Die Quellen des
Alexander werden sorgfältig angegeben^ ein gedrängtes Inhaltsverzeichniß
des ungedruckten Gedichtes ist beigefügt. Daß der Alexander vor dem Wil-
helm verfaßt sein soll, wird S. 107 zwar behauptet, aber nicht bewiesen:
denn der Verweis in den Anmerkungen auf Schmidt ist durch meine Wider-
legung Germania 24, 1 ff. hinfällig. Der Johann von Ravensburg, durch
welchen Rudolf die Quelle seines Wilhelm erhielt, wird ebenfalls auf schweize-
rischem Boden 1246 — 50 bezeugt. Wenn hier dieselbe aufzufinden nicht
gelungen, so werden bei der Weltchronik um so eingehender die Quellen
nachgewiesen. Der alte Irrthum, daß Rudolf eine Bearbeitung des trojanischen
Krieges verfaßt, wird auf seinen Ursprung zurückgeführt. Sehr eingehend
wird Konrad von Würzburg behandelt, der von B., wenn auch als kein ge-
borener Schweizer, so doch am längsten dort lebend für die Schweiz in
Anspruch genommen wird. S. 121 wird irrthümlich die Erzählung von dem
Troubadour Guillem von Cabestanh, die sich inhaltlich mit dem Herzmähre
deckt, auf Boccaccio zurückgeführt. Bei der Welt Lohn wird auf die Dar-
stellung der Frau Welt am Basler Münster verwiesen (S. 123) 5 es hätte die
am Wormser hinzugefügt werden können. Von einem Verzeichniß der Hss.
des Alexius (Anm. zu S. 124) kann nicht die Rede sein* Maßmann ver-
zeichnet a. a. 0. sämmtliche deutsche Bearbeitungen der Alexiuslegende.
Den Namen Manessische Handschrift sucht B. zu vertheidigen und nicht
ohne Glück. Allerdings spricht Hadloub, der hier der einzige Gewährsmann
ist, von '^des er diu liederbuoch nu hat', d. h. in Folge seines eifrigen Be-
strebens hat er nun die Liederbücher. Unter diesen können nur kleinere
Sammlungen verstanden sein 5 das schließt aber nicht aus, daß aus ihnen
die Manesse dann den großen Codex zusammenstellen Heben. Denn überall
ist derselbe auf Nachträge eingerichtet und hat solche auch gefunden ; das
entspricht ganz dem Charakter des Sammlers. Ich stehe also nicht an , die
Berechtigung des Namens Manessische Sammlung' anzuerkennen.
Dunger Hermann, Die Sprachreinigung und ihre Gegner. Eine Erwiderung
auf die Angriffe von Gildemeister, Grimm, Rümelin und Delbrück.
Festschrift zur Begrüßung der 1. Hauptversammlung des allgemeinen
deutschen Sprachvereins. Dresden 1887. 8. 78 S.
Genau genommen gehört diese Schrift nicht in den Rahmen der Ger-
mania, da sie indeß auch einen kurzen historischen Rückblick gibt und die
Sache selbst von aligemeiner Wichtigkeit ist, so möge sie nicht unbesprochen
bleiben. Das Fremdwort im Mittelalter ist wiederholentlich Gegenstand der
Forschung gewesen ; zwei Perioden können wir scheiden : die ahd. und die
112 LITTERA.TUR: K. BARTSCH, RECENSIONEN.
mhd. Jene hängt wesentlich mit der Einführung des Christenthums, diese
mit der Entwicklung des Ritterthums zusammen. Allein während die ahd.
Zeit sich in den durch die Culturentwicklung bedingten Grenzen hielt, sehen
wir in mhd. Zeit die höfische Gesellschaft mit dem Fremdwort ähnlich spielen,
wie es im IT.Jahrh. der Fall war. Wolframs und Gottfrieds Werke wimmeln
von unnützen Fremdwörtern.
In ruhigem Tone widerlegt D., was von den auf dem Titel genannten
Gegnern vorgebracht worden. Er zeigt, wie dieselben überall sich selbst in
Widersprüche verwickeln, namentlich bei Rümelin. Nun ist freilich nicht zu
leugnen, daß der Gedanke, das Fremdwort zu bewältigen, leicht auf einen
gewissen Widerspruch stößt. Man denkt unwillkürlich an die Sprachreiniger
des 17. Jahrhs. mit ihren lächerlichen Übertreibungen und Verdeutschungen.
Auch werden wir, wenn wir den Kreis unserer Gedanken nicht schädigen
wollen, das Fremdwort nicht ganz entbehren können. Ja, wo es wirklich
einen im Deutschen nicht auszudrückenden Begriff gibt, ist das Fremdwort
berechtigt. Ein Beispiel. Wir sprechen von Komödiantenwii-thschaft; Schau-
spielwirthschaft setzt den Begriff Schauspieler herab. Wir sagen 'Er ist ein
Komödiant oder "^er spielt Komödie , um einen Menschen zu bezeichnen,
der sich nicht offen gibt. Gewiß kann man andere Ausdrücke dafür wählen,
aber sie geben das bezeichnende Bild auf. Auch kann nicht geleugnet wer-
den, was Delbrück hervorhebt, daß die Anwendung von deutschen, bisher
mehr der dichterischen Sprache angehörigen Wörtern in der Prosa die Dichter-
sprache herabdrückt. In Frankreich ist es so weit gekommen, daß eine Reihe
an sich untadelhafier Ausdrücke in der Dichtkunst gar nicht mehr gebraucht
werden dürfen. Manche deutsche Wörter werden sich schwer wieder ein-
bürgern , vielleicht noch Oheim , wiewohl im Lustspiel das mehr dem feier-
lichen Stile angehörige Oheim kaum den Onkel verdrängen wird, aber das
zur Seite stehende Muhme wird schwerlich so leicht die ' Tante verdrängen.
Eine gänzliche Ausrottung des Fremdwortes in aller Strenge ist auch
wohl nicht die Absicht, sondern den Sinn für die Muttersprache zu schärfen
und zu wecken. Darin liegt das Hauptverdienst, daß, wenn der Verein Ver-
breitung findet, man sich im einzelnen Falle besinnen wird, ob nicht das
Fremdwort, das einem in die Feder läuft, durch ein deutsches ersetzt werden
kann. Mir geht es schon seit Jahren so, ohne daß ich jedoch pedantisch —
auch ein schwer wiederzugebendes Wort, das daher J. Grimm ohne Bedenken
auf den Titel einer akademischen Abhandlung gesetzt hat — ans Deutsche
mich klammerte. Bemerken will ich auch für das Streben nach Beseitigung
der Fremdwörter, daß Gervinus' Literaturgeschichte in der ersten Auflage
voll von Fremdwörtern ist, die er in den spätem beseitigt hat, wie er auch
die "^ Nationalliteratur' durch "^ Geschichte der deutschen Poesie ersetzte.
Das Vertheidigen der Unentbehrlichkeit der Fremdwörter ist vielfach
thörichtes Vornehmthun: man glaubt seine Gedanken nicht so vollendet,
s6 fein ausdrücken zu können im Deutschen wie in der fremden Sprache.
Zu diesen Vornehmthuern gehört auch Hermann Grimm. Er lese die Schriften
seines großen Oheims und überzeuge sich, daß man tiefe Gedanken in deut-
scher, von fremden Eindringlingen freier Sprache ebenso gut ausdrücken
kann, wie in deutsch-französischem Kauderwälsch. Wie lächerlich wir dem
Auslande durch unsere Fremdwörterwut sind, hat D. gebührend hervorgehoben.
LITTERATUR: K. BARTSCH, RECENSIONEN. 113
Rockinge r, Ludwig — An der Wiege der baierischen Mundart- Grammatik
und des baierischen Wörterbuches. München 1886. 307 S. 8.
Ein Vortrag in der Monatsversatnmlung des historischen Vereins von
Oberbaiern vom 1. August IBS."! zur Erinnerung an Job. Andreas Schmellers
hundertjährigen Geburtstag. Derselbe gibt eine Geschichte von Schmellers
mundartlichen Studien und enthält außerdem eine Reihe höchst anziehender
Beilagen: 1. einen Aufsatz Schmellers Sprache der Baiern vom 14. Februar
1816" 2. Schmellers Einladung zur Mittheilung von mundartlichen Bei-
trägen, vom März-April 1816; .3. zwei Berichte Schmellers an die Akademie
der Wissenschaften von 1816 und 1817; mit einem Gutachten über das Salz-
burgische Idioticon von Jirasek 5 4. aus den Acten der Akademie von 1816
bis 1823, und zwar: a) Vortrag des Bibliothekars Scherer in der Sitzung
der philologisch-philosophischen Classe vom 15. Februar 1816; b) Bericht
der Akademie hierauf vom 18. Februar 1816; c) Schmellers Gesuch an die
Schul- und Studien-Geschäftsabtheilung bei dem geheimen Ministerialdeparte-
ment des Innern vom 15. Nov. 1816 um Hinweisung und Berücksichtigung
der örtlichen Mundarten beim deutschen Sprachunterrichte ; d) Schmellers
Autrag an die Akademie wegen Besprechungen mit Recruten zu München
für dialektische Zwecke vom S.August 1820; e) Bericht der Akademie vom
29. Juli 1823 wegen Förderung des Erscheinens des baierischen Wörter-
buches| 5. Schmellers Kampf ums Dasein in den Jahren 1818 — 23, und die
Bemühungen der Akademie hierin J 6. Aus dem Briefwechsel Schmellers und
des Hofrathes Hoheneicher vom 29. Juni 1816 bis zum 22. Juli 1823.
Für die Entstehung von Schmellers Lebenswerk wie für seine Stellung zu
München sind diese Beilagen gleich lehrreich.
Ascoli, G. L. , Sprachwissenschaftliche Briefe. Autorisirte Übersetzung
von Bruno Güterbock. Leipzig 1887. S. Hirzel. XVI, 228 S. 8.
Das Buch des berühmten italienischen Linguisten berührt nur zum
kleinen Theile das deutsche Gebiet. Es ist in der graziösen Form von Briefen
abgefaßt, die dem Italiener so leicht kein anderes Volk nachmacht. Ein
Widmungsbrief an Francesco d'Ovidio geht voraus. Den Inhalt des ersten
Briefes bilden zunächst einleitende Bemerkungen für diesen wie die folgenden
Briefe; die ethnologischen Gründe der sprachlichen Umgestaltungen; die
ursprünglichen Lautverbindungen vom Typus TIA im Griechischen durch
solche vom Typus tejo teö fortgeführt; vg und avg. Der zweite Brief, an
Napol. Caix , handelt über eine vom Römischen abweichende Lautschicht,
die sich in den romanischen Sprachen bemerkbar macht. Der dritte, an Pietro
Merlo, handelt speciell von den Junggrammatikern . An Osthoff hebt er her-
vor "^ein rauhes streitsüchtiges Naturell; seine Überzeugungen kleiden sich
leicht in eine anscheinend hochmüthige und gereizte Ausdrucksweise ; aber
anderseits, daß die eigentliche Triebfeder auch bei ihm nur das reine Streben
nach Wahrheit ist. A. bricht eine Lanze für Schleicher, dessen Bedeutung
von den Junggrammatikern unterschätzt werde , indem dieselben behaupten,
er habe es mit der Strenge der Lautgesetze nicht so genau genommen (vgl.
namentlich auch den S. 136 Anm. erwähnten Aufsatz von Job. Schmidt über
Schleichers Auffassung der Lautgesetze). So revolutionär umgestaltend also,
GKRMANIA. Neue Reibe XXI. (XXXIII.) Jiihrg. 8
114 LITTERATUR: K. BARTSCH, RECENSIONEN.
wie es häufig dargestellt wird, ist das Wirken der Junggrammatiker daher
doch nicht. 4. '^Nachschrift behandelt die Lautgesetze und Unermittelte
Ursachen ; endlich 5. 'Nachträge' und ein Wörterregister.
Beiträge zur Geschichte der älteren deutschen Litteratur. Herausgegeben
von W. Wilma'nns. Heft 2, Über das Annolied.
Nach einer Übersicht der Litteratur über das Annolied gibt der Verf.
den Quellennachweis, wobei er der bequemeren Übersicht wegen das Gedicht
in kleinere Abschnitte zerlegt. Für den Nachweis der Quellen fehlte es nicht
an fleißigen Vorarbeiten, die von W. erwähnt und benutzt sind. An der
Hand der Quellen gibt er eine genaue Analyse des Gedichtes. Er gelangt
zu dem Ergebniß, daß, da der Dichter nur geringe Kenntnisse zeigt, wahr-
scheinlich der größte Theil ans einem Buche entlehnt ist. Einige auf S. 48
hervorgehobene auffallende Punkte in der Composition scheinen dafür zu
sprechen. Das Annolied zeigt hier Verwirrung, während die Kaiserchronik
den ursprünglichen Zusammenhang gewahrt hat. Beide, Annolied und Kaiser-
chronik, stehen in Abhängigkeit von den Gesta Trevirorum, und als Tendenz
•des Annodichters weist W. nach, daß derselbe im Wetteifer mit Trier sein
Loblied auf Köln geschaffen. Was das Verhältniß von Anno und Kaiser-
chronik speciell betrifft, so weisen beide mit größter AVahrscheinlichkeit
auf eine in deutschen Reimen abgefaßte Weltgeschichte zurück. Die Erzäh-
lung vom Leben des heil. Anno beruht nicht auf Lambert von Hersfeld,
sondern auf einer alten Vita Annonis, die auch dem Druck bekannter Vita zu
Grunde liegt. Die alte Vita ist, wie S. 8 7 gezeigt ist, zwischen 1075 — 7 8
geschrieben. Das Annolied selbst entstand, und hier kommt W. auf Holtz-
manns Ansicht zurück, zwischen dem Frühjahr 1077 und Ende 1078 (S. HI).
Der Verf. war ein Salzburger Mönch. Ein erster Anhang stellt Anno und
Kaiserchronik einander gegenüber, der zweite behandelt die Sage vom Ur-
sprung der Franken. Man darf den Schritt für Schritt artig fortschreitenden
Resultaten des Verf. unbedingt beistimmen und aufs neue seinen Scharfsinn
anerkennen, der diesmal auf gesundem Boden arbeitet.
Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte und Renaissance-
Litteratur. Herausgegeben von Max Koch und Ludwig G e iger. Neue
Folge. 1. Bandes 1. Heft. 128 S. 8. Berlin 1887. A. Hauck.
Die beiden auf dem Titel genannten Zeitschriften haben sich zu einer
verschmolzen. Die Zeitschrift strebt darnach , auch bei streng philologischer
Bearbeitung der einzelnen Erscheinungen doch stets den großen Zusammen-
hang der ganzen Entwickelung im Auge zu behalten. Namentlich die Pflege
des Folk-lore hat sie sich zur Aufgabe gemacht; die meisten Länder haben
schon einen Mittelpunkt dafür, an dem es Deutschland noch fehlte. Wir
begrüßen diesen Gedanken mit aufrichtiger Freude, wie überhaupt das ganze
Unternehmen. Das erste Heft enthält von Beiträgen, die auch den Kreis der
Germania berühren: L. Katona, zur Literatur und Charakteristik des magya-
rischen Folk-lore; — L. Geiger, ein ungedrucktes Drama, von Jacob Locher,
lateinisch, in Prosa, nur die Chöre in Versen; die Hs. aus dem Anfang des
16. Jahrhs. Es ist verfaßt 1513 und behandelt die politischen Verhältnisse
LITTERATUR: K. BARTSCH, RECENSIONEN. 115
jener Zeit; — J, Bolte, zwei Humanistenkomödien aus Italien, die erste in
zwei Abschriften von Hartmann Schedel (1440 — 1516) behandelt studen-
tische Verhältnisse in Padua; darin begegnet ein Joh. Pirkheimer, wohl der
Vater von Willibald P. Die zweite Komödie folgt im nächsten Heft. —
G. Köunecke, neue Beiträge zur Geschichte der englischen Komödianten,
zwei Urkunden von Landgraf Moritz von Hessen um liljS, aus dem Mar-
burger Archiv. — Besprechungen, darunter: Alexander von Weilen, Contes
populaires de Lorraine; A. Würtzner, G. Chaucers Werke, übersetzt von
A. V. Düring.
Baum gart, Hermann — Handbuch der Poetik. Eine kritisch-historische
Darstellung der Theorie der Dichtkunst, XII, 736 S. gr, 8. Stuttgart
1887. Cotta.
Ein rein deductives Verfahren , bemerkt der Verf. , kann zu einer be-
friedigenden Theorie der Dichtkunst nicht führen, sondern es bedarf einer
nach einheitlichen Gesichtspunkten verfahrenden Kritik , die aber nur unter
steter Berücksichtigung der historischen Entwickelung angestellt werden kann.
Er erinnert an einen Spruch Goethes Es ist weit mehr Positives, das heißt
Lesbares und Überlieferbares in der Kunst als man gewöhnlich glaubt.
Die heutige Poetik beruht auf Lessings und Schillers Hauptschriften , deren
Resultate zu prüfen sind': von diesem Grundsatz geht der Verf. aus. Das
historische hat er berücksichtigt, z. B. bei der Thierfabel geht er auf J. Grimms
Theorie und die davon abweichende Scherers zurück , er behandelt den
Unterschied zwischen Volksepos und Kunstepos, geht beim romantischen Epos
auf das mittelalterliche Kunst- und Volksepos zurück, beim komischen Epos
auf Reinecke Vos, welche Einreihung man freilich bezweifeln kann. Freilich
nicht überall ist der historische Standpunkt berücksichtigt, so bei der Ballade
und Romanze, wo der Verf., statt historisch vorzugehen, die theoretischen
Unterscheidungen zwischen beiden zum Ausgangspunkte macht. Wir erfahren
nichts davon, daß die Ballade ursprünglich ein Tanzlied ist, wie dies zusam-
menhängt, wie der Name und die Gattung nach England kam, nichts von
dem historischen Ursprung der Romanze, wodurch erst jene Theorie eine
feste Grundlage bekommt. — Immerhin ist das Buch als ein schätzbarer Ver-
such zu begrüßen, das historische Element in die Poetik einzuführen.
Ebert, Adolf — allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im
Abendlande. 3. Band. Die Nationalliteraturen von ihren Anfängen und
die lateinische Literatur vom Tode Karls des Kahlen bis zum Beginne
des elften Jahrhunderts. Leipzig 1887. F. C.W. Vogel. VHI, 529 S. 8.
Mit diesem Bande betritt der Verf. das Gebiet der Volkssprachen und
damit gewinnt sein Werk für den Germanisten ein erhöhtes Interesse. Es
war ein Irrthum classischer Philologen, daß nur die lateinische Literatur in
dem Buche behandelt werden sollte; sie bildet nur das Substrat für die christ-
liche Literatur in den Volkssprachen. Zuerst behandelte E. die ags. Literatur,
dann die deutsche Poesie des 9. Jahrhunderts; darunter zuerst das Hilde-
brandslied, dem er in formaler Beziehung entschieden Vorzüge vor der ags.
Poesie nachrühmt, Auch der Vers zeigt im Ganzen eine größere Einfachheit
116 LITTERATUR: K. BARTSCH, LITTERATUR-NOTIZEN.
der Bildung.' Da E. unter der Literatur den Text der MS. Denkmäler voran-
stellt, hier aber die Vierhebungstheorie nach Lachmann durchgeführt ist, so
möchte man glauben, daß er auf diesem Standpunkte stehe, was gewiß doch
nicht der Fall ist. Bei Otfrid wird der Übergang von der Alliteration zum .
Endreim behandelt, den er auf den Einfluß der lateinischen kirchlichen Dich-
tung zurückführt. Mit Otfrid schließt das 6. Buch, das 7. umfaßt die latei-
nische Literatur bis zum Zeitalter der Ottonen und die ags. Dichtung, das 8.
die Literatur im Ottonischen Zeitalter, erst die lateinische Dichtung in
Deutschland und Frankreich, dann die Anfänge romanischer Dichtung Frank-
reichs, hierauf die lateinische Prosa, und zum Schluß die ags. Literatur, die
lateinische und Nationalliteratur. Schon diese gedrängte Übersicht zeigt,
welchen Reichthum der neue Band des verdienten Werkes enthält, dessen
baldige Fortsetzung wir nur dringend wünschen können.
Litteratur - Notizen.
Kormaks-Saga herausgegeben von Th. Möbius. Halle a. d. S. 1886. Buch-
handlung des Waisenhauses. 208 S. 8.
Die sorgfältige Art der Möbius'schen Ausgaben ist bekannt und be-
kundet sich auch hier. Die Kormaks-Saga ist für die Geschichte der Skalden
von besonderem Interesse, bietet aber auch wegen der zahlreichen Skalden-
strophen, die die Skaldenkunst auf ihrer Höhe zeigen, sehr große Schwierig-
keiten. Möbius gibt zuerst einen kritischen Text, dann einen Abdruck der
Visur treu nach den Handschriften. Die Anhänge behandeln die Sage nach
Inhalt und Form , geben eine Kritik der handschriftlichen Überlieferung,
dann erläuternde Anmerkungen , und endlich , was den Haupttheil und den
schwierigsten Theil bildet, eine Erläuterung der visur. Es folgt ein Ver-
zeichniß der skaldis 'hen Umschreibungen (Ausdrücke für Blut, Haar, Auge
u. s. w.), ein Wortverzeichniß zu den visur der Saga und ein Verzeichniß
der Eigennamen. Man sieht, der Herausgeber hat es an nichts fehlen lassen,
um seiner Ausgabe den Stempel der Vollkommenheit aufzuprägen.
Golther, Wolfgang — Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Ein Beitrag
zur Litteraturgeschichte des XII. Jahrhunderts (gekrönte Preisschrift).
München 1887. Christian Kaiser. VIII, 158 S. 8.
Eine von der Münchener philosophischen Facultät gekrönte Preisaufgabe.
Drei Fragen sollten beantwortet werden: 1. worin stimmt Konrad zu seiner
Vorlage? 2. was von der Vorlage findet sich bei ihm nicht? 3. welche Zu-
sätze hat er gemacht? Der Verf. hat sich seiner Aufgabe mit großer Sorgfalt
unterzogen und wohl den Preis verdient. Er behandelt zuerst die Überein-
stimmungen zwischen Konrad und dem Oxforder und Venetianer Texte V ,
und gelangt zu dem Resultate , daß keine der beiden französischen Text-
gestaltungen K. vorlag, er hatte einen reicheren, vollständigeren Text. Das
zweite Capitel behandelt die Stellen in OV^, die K. nicht benützte. Es er-
gibt sich, daß K. im Allgemeinen wesentliche Theile der eigentlichen Hand-
lung nicht ausgelassen hat. Eine bestimmte Tendenz der Streichungen ist
LITTERATUR: K. BARTSCH, LITTERATUR-NOTIZEN. 117
nicht zu erkennen. Das dritte Capitel behandelt K.'s Zusätze. Sie sind im
vorderen Theile, etwa bis zu Riviers Tode, häufiger und bedeutender als im
zweiten, wo er dem Ende zueilte. Man wird sich mit diesem Resultate wohl
einverstanden erklären können.
Das Schachzabelbuch Kunrats von Ammenhausen. (Bibliothek älterer Schrift-
werke der deutschen Schweiz. Herausgegeben von J. Baechtold und
F. Vetter. Ergänzungsband.) 1. Lieferung.
Diesen Ergänzungsband verdanken wir F. Vetter. Er gibt zunächst
kurze Auskunft über die Hss. , von denen die älteste (1365) die Heidel-
berger, nicht aber die beste ist, sondern eine Luzerner, jetzt in Bern.
Sämmtliche Hss. hat der Herausgeber nicht verglichen, 4 vollständig, von 1.3
größere und kleinere Stücke. Sehr willkommen ist die Beigabe des lat. Textes
von Jacobus de Cessolis, wobei mit Recht V. diejenige Textgestalt zu
Grunde gelegt, die Kunrat vorlag. Ihr kommt die Wolfenbüttler Handschrift
am nächsten; sie ist zu Grunde gelegt, aber aus 6 anderen Texten sind
Besserungen herbeigezogen.
Ein sorgfältiges Studium hat V. den Quellen des Cessolis zugewendet,
und ebenso den Zusätzen Kunrats ^ nur in wenigen Fällen ist es ihm nicht
gelungen, die Quelle zu finden.
Durch das ganze Gedicht ist die Vergleichung mit den anderen Schach-
bearbeitungen durchgeführt.
Warum aber schreibt V. Kunrat von Ammenhausen und nicht Ammen-
husen?
Sütt erlin, L. — Geschichte der Nomina agentis im Germanischen. Straß-
burg 1887, Karl Trübner. 108 S. 8.
In der Entwicklung der Suffixe können wir einerseits das Untergehen
derselben , anderseits das lebenskräftigere Hervortreten beobachten , wobei
häufig eine Einschränkung in begrifl'licher Hinsicht stattfindet. Der Verf. hat
sich zur Aufgabe gemacht, von diesem Gesichtspunkte aus die Entwickelung
der nomina agentis zu geben: es soll zusammenhängend gezeigt werden,
welcher Mittel sich das Germanische in seinen einzelnen Dialekten und in
seinen verschiedenen Perioden bediente zur Bezeichnung der thätigen Person.
Vergleicht man diese Suffixe mit denen der verwandten Sprachen, so findet
man eine große Verschiedenheit. Das Germanische hat sich in diesem Punkte
weit von dem Zustande entfernt, der einmal im Indogermanischen vorlag.
Seine Aufgabe hat der Verf. mit überall hervortretender Kenntniß und Be-
herrschung seines Gegenstandes gelöst.
Das Nibelungenlied. Schulausgabe mit einem Wörterbuche von K. Bartsch.
3. Auflage. Leipzig 1887. Brockhaus.
Ein unveränderter Abdruck der vorhergehenden, da seitdem neues
Material sich nichts ergeben und meine Grundsätze in Bezug auf die Behand-
lung des Textes dieselben geblieben sind.
118 LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN.
Wunderlich, Hermann — Untersuchungen über den Satzbau der Pro-
nomina. München 1887. Verlag der Lindauer'schen Buchhandlung
(Schöpfung). 72 S. 8.
Eine außerordentlich sorgsame Untersuchung, welche einen werthvoUen
Beitrag zur Syntax der Sprache bildet. Es liegt bis jetzt der erste Theil
vor, welcher die Pronomina behandelt. Eine Übersicht der Abschnitte wird
die Anlage des Ganzen zeigen: a) die einfache Verbalform; b) die Ergänzung
aus dem Zusammenhange; a) Ergänzung des Subjects, ß) Ergänzung eines
Obliquus ; c) das Personalpronomen ; besondere Verhältnisse der Neutralform ;
d) das Demonstrativpronomen: 1. das Demonstrativ im Allgemeinen; 2. die
Formen des Demonstrativs; 3. das in den Nebensatz übertretende Demon-
strativ: die Relativsätze; 4. das Indefinitum im Relativsatze; nebst einem
Anhang zu 3 und 4.
An zeigen.
Goedeke, Karl — Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung aus
den Quellen. 1. u. 2. Band. 3. Bd., Bogen 1 — 10. Dresden 1884—86.
Dem unermüdlich fleißigen Goedeke ist der Griffel aus der Hand
entsunken, ehe es ihm beschieden war, das Hauptwerk seines Lebens in
neuer Bearbeitung zu vollenden. Zum Glück sind diejenigen Partien , die
einer gründlicheren Umarbeitung bedurften, vollendet; das (3. Heft reicht bis
ins 13. Jahrhundert hinein. Die hauptsächlichste Umarbeitung und Erweite-
rung hat das Mittelalter erfahren; hier ist die vollständige Aufzählung der
Literatur von großem Werthe, und von noch größerem die Inhaltsangaben
der Dichtungen. Denn was nützt dem Hörer oder Leser das Reden über
einen Dichter, wenn er nicht die Werke selbst gelesen, und das kann man
von einem Studenten oder Laien nicht verlangen. Diese Analysen sind mit
großem Geschick gemacht. Auch das 16. Jalirh. hat, wenn auch nicht in
dem Maße wie das Mittelalter, Erweiterungen erfahren, namentlich in Bezug
auf die Entwickelung des Humanismus und des mit ihm eng zusammen-
hängenden lateinischen Schuldramas. Höften wir, daß im Nachlaß die Mate-
rialien vorhanden sind um das Werk zu Ende zu führem, was bei Goedeke's
Art zu arbeiten wol erwartet werden darf.
Monumenta Germaniae paedagogica. Schulordnungen, Schulbücher und
pädagogische Miscellaneen aus den Landen deutscher Zunge. Unter
Mitwirkung einer Anzahl von Fachgelehrten lierausgegeben von Karl
Kehrbach. Band L Braunschweigische Schulordnungen 1. CCV, 602 S.
Bd. IL Ratio Studiorum et Institutiones Societatis Jesu 1. LIII, 460 S.
gr. 8. Berlin 1886—87. A. Hofmann und Comp.
Der erste Band umfaßt den ersten Theil der Braunschweigischen Schul-
ordnungen von den ältesten Zeiten (l 2.^)1) bis zum Jahre 1828, mit Ein-
leitung, Anmerkungen, Glossar und Register, herausgegeben von Friedrich
Koldewey. Neben eigentlichen Schulordnungen in engerem Sinne sind, und
mit Recht, auch Docuinente mitgetheilt, die für die Entwickelung des Schul-
wesens in weiterem Sinne von Bedeutung sind: Gründungsurkunden, Dienst-
LITTERATÜR: K. BARTSCH, ANZEIGEN. 119
vertrage, Berichte, Schulgesetze einzelner Anstalten, Lehrpläne und Unter-
richtsanordnungen. Die Einleitung gibt einen Überblick über die Entwicke-
lung des Schulwesens in der St.idt Braunschweig ^ der zweite Theil wird
nach Darlegung der Grundsätze, die bei der Textgestaltung maßgebend waren,
für jede einzelne Ordnung die bibliographischen Nachweise und texikritischen
Bemerkungen liefern. Der zweite Band, von dem gleichfalls der erste Theil
vorliegt (die Zeit von 1541 — 1599 umfassend), ist von G. M. Pachtler heraus-
gegeben und mit dem Bildniß von Ignatius Loyola geschmückt. Er behandelt
das gesammte Schul- und Erziehungswesen der Gesellschaft Jesu , von der
Stiftung des Ordens bis auf unsere Zeit. Die Einleitung gibt eine Übersicht
der reichen vom Herausgeber benutzten Quellen. Dieser Band wird, wenn
einmal vollendet, von höchstem Interesse, nicht nur für die Geschichte der
Schule, sondern des gesammten Culturlebens seit dem 16. Jahrh. sein. Die
Schule ist einer der wichtigsten Factoren, durch weiche der Jesuitenorden
gewirkt hat. Das ganze Werk verspricht, nach diesen beiden Bänden zu
urtheilen, vortrefflich in der Ausführung zu wel-den.
Golther, Wolfgang — die Sage von Tristan und Isolde. Studie über ihre
Entstehung und Entwicklung im Mittelalter. München 1887, Christian
Kaiser. VIII, 124 S. 8. M. 3.20.
Der Verf. machte sich zunächst zur Aufgabe, sämmtliches erreichbare
Material heranzuziehen und das gegenseitige Verhältnis der verschiedenen
erhaltenen Fassungen festzustellen. Mancherlei war vorgearbeitet für das
Gedicht des Thomas, nicht so für das des Berolt, für welches Eilharts
Tristan herangezogen wurde, und hier hat der Verf. den Versuch gemacht,
ähnlich wie für das Thomasgedicht, die Untersuchung zu führen. Dabei hat
er Gelegenheit genommen, die Frage nach Ursprung und Entstehung der
Sage zu erörtern. Und da will es mir scheinen, als wenn der Verf. dem
ursprünglichen keltischen Elemente zu wenig Spielraum eingeräumt hätte.
Denn so viel auch das 12. Jahrh. von französischer Anschauung in die
Sage hineingetragen hat, so bleibt das doch nur ein äußerer Firniß, der
über den alten Stoif von ganz anderem Charakter gezogen ist, ein ähnlicher
Proceß , wie er aucli mit dem Nibelungenliede vor sich ging, nur daß er
sich bei der Tristansage innerhalb zweier Literaturen, beim Niblungenliede
innerhalb derselben Literatur vollzog.
Schweizersiches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Ge-
sammelt auf Veranstaltung der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich unter
Beihilfe aus allen Kreisen des Schweizervolkes. Herausgegeben mit Unter-
stützung des Bundes und der Kantone. X. Heft. Bearbeitet von Friedrich
Staub, Ludwig Tobler und Rud. Seh och. Frauenfeld 1886. Huber.
Mit diesem Hefte beginnt der zweite Band des trefflichen Werkes,
welches ein Ehrendenkmal für die deutsche Schweiz bildet. Zu den zwei
älteren Bearbeitern ist ein jüngerer in Dr. Schoch getreten, der sich auf
germanistischem Gebiete bereits einen guten Namen gemai'ht hat; der raschen
Förderung des Werkes kann dies nur vortheilhaft sein. Immer mehr, je weiter
das Werk vorschreitet, müssen wir es beglückwünschen , daß die allgemeine
120 LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN.
Theilnahme nicht bloß ein Wörterbuch der lebenden Mundarten ermöglichte,
sondern ein auf historischer Grundlage ruhendes, unmittelbar ans Mhd. an-
schließendes.
Beiträge zur Landes- und Volkskunde von Elsaß-Lothring-en 1. — 4. Heft.
Straßburg 188 7—88. 8. E. H. Ed. Heitz (Heitz und Meindel.)
Das Werk will in zwangloser Folge Abhandlungen und Mittheilungen
aus dem Gebiete der Geschichte und Literaturgeschichte von Elsaß und
Lothringen, Beiträge zur Kunde der natürlichen geograpischen Beschaffenheit
des Landes , seiner Bevölkerung und seiner Bevölkerungsverhältnisse in der
Gegenwart und in der Vergangenheit, seiner Alterthümer, seiner Künste und
kunstgewerblichen Erzeugnisse' liefern | selten gewordene literarische Denk-
mäler durch Neudrucke allgemein zugänglich machen, und durch Veröffent-
lichung von Erhebungen über Volksart und Volksleben, über Sitten und
Brauch der Stände, über Aberglauben und Überlieferungen, über Singen und
Sagen der Landesgenossen deutscher und romanischer Zunge das Literesse
an der elsaß-lothringischen Volkskunde befördern.
Vier Hefte liegen bis jetzt vor; das erste enthält eine Abhandlung
von Constantin This , die deutsch-fi-anzösische Sprachgrenze in Lothringen,
angeregt durch Prof. Gröber. Der Verf. ging bei Bestimmung der Sprach-
grenze von der Frage aus: wie weit wird französisches Patois in der Familie
gesprochen? Wenn an einem Orte in der Nähe der Sprachgrenze kein Dia-
lekt, sondern nur eine Art Schriftfranzösisch gesprochen wird, so werden
besonders die Schule, die Kirche und der Verkehr diesen Zustand herbei-
geführt haben. Es zeigt sich, daß solche Ortschaften alle im Keime deutsch
sind. Die Arbeit ist mit großer Genauigkeit und Sorgfalt gemacht. Das
zweite Heft liefert einen von E. Martin veranstalteten Wiederabdruck von
Th. Muiners geistlicher Badefahrt, mit Nachbildung der alten Typen und
der Holzschnitte , und mit einer Einleitung über das Badewesen im Mittel-
alter. Heft 3 gibt einen wichtigen Beitrag zur ältesten Geschichte des
Landes in der Abhandlung von Wilhelm Wiegand, die Alamannenschlacht
vor Straßburg 3.57 n. Chr.* beigegeben ist eine Karte und eine Wegskizze.
Das 4. Heft fällt außerhalb des Rahmens dieser Zeitschrift, indem es Lenz,
Goethe und Cleophe Fiebich von Straßburg', ein urkundlicher Commentar
zu Goethes "^Dichtung und Wahrheit' zum Gegenstande hat.
Es ist, nach den vorliegenden Anfängen zu urtheilen, sowol in wissen-
schaftlichem wie in vaterländischem Interesse dem Untei'nehmen den besten
Fortgang zu wünschen.
Weilen, Alexander von — der ägyptische Joseph im Drama des XVI. Jahr-
hunderts. Ein Beitrag zur vergleichenden Litteraturgeschichte. Wien
1887, Alfred Holder. VIII, 196 S. 8.
Nach einer Einleitung über die Legende vom ägyptischen Joseph be-
handelt W. zunächst die romanischen Joseph-Spiele , wobei Spanien, Frank-
reich und Italien in Betracht kommen. Die betreffenden Stücke werden ana-
lysirt und der Verf. zeigt sich hier auch mit den romanischen Sprachen
vertraut. Allein bei Aveitem nicht hat der Stoff auf romanischem Boden die
Popularität gefunden, wie in Deutschland im Zeitalter der Reformation, wo
LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN. 121
er mit zwei anderen in die Beliebtheit sich theilt: der verlorene Sohn und
Susanna. Diesen Reichthum entfaltet der Verf. in dem eigentlichen Haupt-
theile seines Buches: Chronologische Darstellung der Joseph-Dramen bis zum
Jahre 1625. Die Reihe beginnt mit 1534, und sehr anerkennenswerth ist
der Fleiß und die So'gfalt, mit welcher er alle Notizen und Quellen ge-
sammelt hat.
Spangenberg, Wolf hart, ausgewählte Dichtungen. (Elsässische Litteratur-
denkmäler aus dem XIV. — XVI. Jahrhundert herausgegeben von Ernst
Martin und Erich Schmidt mit Unterstützung der Landesverwaltung von
Elsaß-Lothringen. IV. Bd.) Straßburg 1887, Karl J. Trübner. XVI,
349 S. 8.
Spangenberg gehört zwar mit seinem Dichten nicht mehr dem Zeit-
raum an, welchen die Germania umfaßt; allein durch seine Nachahmung
Fischarts ragt er geistig noch in die Reformationsperiode hinein, wenn er
auch andererseits durch seine Stellung zu Opitz den Übergang zur neuen
Zeit bildet. Gerade dadurch aber, daß er ein Mittelglied zwischen den Meister-
sängei-n und der Kunstdichtung des 17. Jhs. ist, nimmt er eine anziehende
Stellung ein. Von seinen Reimgedichten, die Martin als typisch-didaktische
bezeichnen möchte, ist mitgetheilt der Ganskönig, ein Spiegel der behag-
lichen Rechtlichkeit unserer Bürgerschaft vor dem 30jährigen Kriege in breiter
Schilderung, die aber doch des culturgeschichtlichen Interesses nicht ent-
behrt. Von den Tragödien ist der Saul mitgetheilt, den auch Gervinus rühmt,
auf einem lateinischen , noch nicht wieder gefundenen Original beruhend.
Anziehend ist der Vergleich mit der den gleichen Stoff behandelnden Tragödie
vOri Virding, die man geneigt war als das Original Sp.'s anzusehen, was
jedoch M. widerlegt. Von den für das Theater der Meistersänger in Straß-
burg gedichteten Stücken, die nicht wie das vorhergehende Schuldrama Über-
setzung, sondern Original sind, werden zwei gegeben: Mammons Sold, in
nicht ungeschickter Behandlung der Allegorien des Teufels, der Frau Armuth
und der Frau Reichthum, und der Glückswechsel , welcher in derben, aber
aiis dem Leben gegriffenen Zügen schildert, wie Bauer, Landsknecht und
Priester ihre Rollen vertauschen und die beiden letzteren den ersteren um
sein Geld betrügen, aber nicht zum gewünschten Ziele gelangen.
Rydb erg, Viktor, Undersökningar i Germanisk Mythologi. Första Delen. I.
Urtiden och Vandringssagorna. II. Mythen om Underjorden. III. Ivaldes-
lägten. Stockholm, Albert Bonniers Förlag (Commission von K. F. Koehler
in Leipzig). 756 und VI S. gr. 8.
Der reiche Inhalt dieses gelehrten Werkes gruppirt sich folgender-
maßen: Die Einleitung behandelt die Arier in ihrer Gesammtheit und die
Germanen insbesondere. Hierauf werden die Wandersagen im Mittelalter dar-
gestellt, zuerst die Trojasaga, dann die Erinnerungen in den Volkssagen des
Mittelalters an die heidnische Wandersage. Es folgen die Mythen über die
germanische Urzeit, hauptsächlich wie sie in den nordischen Quellen er-
scheinen. Den zweiten Haupttheil bilden die Mythen über die Unterwelt auf
Grundlage der nordischen Quellen, und den dritten diejenigen über Ivalde
122 LITTERTTUR: K. BARTSCH. ANZEIGEN.
d. h. den immer waltenden, allwaltenden, dessen andere synonyme Bezeich-
nungen S. 742 sämmtlich aufgeführt sind. Auf Einzelheiten einzugehen ge-
stattet uns der Raum nicht, doch müssen wir ausdrücklich hervorheben, daß
der Verf., wo er das nordische Gebiet überschreitet, mitunter nicht unbe-
denkliche Mängel in sprachlicher Hinsicht zeigt.
Die lateinischen Osterfeiern. Untersuchungen über den Ursprung und die
Entwickelung der literarisch-dramatischen Auferstehungsfeier mit Zu-
grundelegung eines umfangreichen, neu aufgefundenen Quellenmateriales
von Carl Lange. München 1887, Ernst Stahl sen. IV, 171 S. 8.
Mit Recht ist der Verf. von dem Gedanken ausgegangen, daß erst eine
möglichst umfangreiche Sammlung von Texten vorliegen müsse, ehe die
innere Entwickelung des Dramas aus der Liturgie der römischen Kirche sich
verfolgen lasse. Dieser allerdings mühsamen Aufgabe hat sich der Verf unter-
zogen und die liturgisch-dramatischen Auferstehungsfeiern in den Bibliotheken
von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Holland und England
durchforscht. Seine Bemühungen haben die Zahl der Denkmäler auf 224
gebracht Ein Verzeichniß ist S. 3 ff. gegeben. Es stellt sich durch die \ er-
gleichung heraus , daß die Osterfeiern auf liturgische Gesänge des Oster-
sonntages zurückgehen, die aus vier Sätzen bestehen, welche vom Chor oder
auch von Halbchören bei der Procession am Grabe wechselweise gesungen
werden. Als Aufführungszeit ergibt sich der Regel nach die Matutin des
Ostersonntags. *
Keller, Ludwig — die Waldenser und die deutschen Bibelübersetzungen.
Nebst Beiträgen zur Geschichte der Reformation. Leipzig 1886, S. Hirzel.
V, 189 S. 8.
Die Schrift schließt sich an eine frühere des Verf. , die Reformation
und die älteren Reformparteien , in welcher er versuchte den Beweis zu
führen, daß diejenigen Epochen der deutschen Geschichte, welche auf die
Gestaltung des kirchlich-religiösen Lebens den größten Einfluß ausgeübt
haben, nämlich das 14., das 16. und das 18. Jahrhundert, in einem engen
historischen Zusammenhang stehen, dessen Träger die unter verschiedenen
Ketzernamen bekannten altchristlichen Gemeinden sowie die Corporationen
der deutschen Bauhütte gewesen sind'. Von Wichtigkeit für die Frage ist
die Geschichte der deutschen Bibelübersetzungen , indem in die Geschichte
der Waldenser-Bibel nach Ansicht des Verf. sich die Schicksale der alten
Gemeinden vom 14. bis zum 18. Jahrh. bis zu einem gewissen Grade wider-
spiegeln. Wir gehen hier auf den von anderer Seite bekämpften theologischen
Standpunkt des Verf. nicht ein, uns beschäftigt nur die philologische Unter-
suchung, und hier muß anerkannt werden, daß die Forschung über den
Gegenstand, wofür der Verf. noch die neueste Schrift von Jostes benutzen
konnte, nicht unwesentlich gefördert worden ist.
Wrede, Ferdinand — Über die Sprache der Wandalen. Ein Beitrag zur
germanischen Namen- und Dialektforschung. Straßburg 1886, Trübner.
(= Quellen und Forschungen 52. Heft). VI, 119 S. 8.
Für die Sprache der Wandalen bilden Namen die einzigen Sprachre.^te.
Den dialektischen Charakter derselben hat der Verf. insbesondere ins Auge
LITTEEATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN. 123
gefaßt, weil er gefunden, dali man bisher diese Sprachreste zu sehr nach
dem Maßstabe der Sprache des Ulfila behandelt habe. Die Quellen bilden
fast ausschließlich die Namen bei lateinischen und griechischen Schriftstellern ;
leider ist hier nicht überall die kritische Bearbeitung dieser Schriftsteller
wissenschaftlich genügend. Die Wandalen , welche zu den Ostgermanen zu
rechnen sind, während ihres Aufenthaltes in Afrika und ihre Sprache im
5. — 6. Jahrb., ist der Gegenstand der Untersuchung. Der Verf. läßt zunächst
ein Verzeichniß der Quellen folgen und gibt dann die Sprachreste selbst,
und behandelt die dialektischen Merkmale des Wandalischen , sowie die
Namen der Wandalen in ihrer Beziehung zur germanischen Namengebung
und zur Bedeutung der nanienbildenden Sprachelemente überhaupt. Die kleine
Schrift verdient durch ihre Gründlichkeit alles Lob.
Kock, Axel — Undersökningar i Svensk Spräkhistoria. Lund 1887. C. W. E.
Gleerups Förlag. 2 BL, 112 S. 1 kr. 50 öre.
Der durch seine sprachlichen Arbeiten rühmlich bekannte Verfasser
liefert in vorliegendem Buche eine neue Reihe weiterer Einzelheiten der
schwedischen Grammatik ; ich gebe die Titel der einzelnen Stücke in deutscher
Sprache wieder. 1. Abschwächung des Schlußlautes -^ nach Vocal. 2. Zur
Lautentwickelung d-t, gh-k im Schlußlaut, 3. Labialisirung von Vocalen im
Altschwedischen. 4. Zur Behandlung des Diphthongen ei. 5. Zur Verlänge-
rung von kurzem a im Altschwediachen. 6. Vocalsynkope. 7. Ist o laut-
gesetzlich in a in nichtbetonten Silben übergegangen? 8. Zur Behandlung
des urnordischen cht. 9. Der Lautübergang (;v)aer - {v)a>- . 10. Die Endvocale
in der schwedischen Sprache um 1500. 11. Die Runeninschrift auf der
Etelhem-Spange. Man sieht, es ist eine große Mannigfaltigkeit von Fragen,
und überall zeigt sich der Verf. als wohl vertraut mit der neuesten Forschung.
Hahn, Odwart — zur Verbal- und Nominal-Flexion bei Robert Burns. I.
Programm der Victoriaschule in Berlin Ostern 1887. 35 S. 4.
Das Schottische ist in einer wissenschaftlichen Gesammtdarstellung
bisher nicht behandelt worden; dankenswerth ist, daß wir hier wenigstens
einen Theil einer solchen erhalten. Der Verf. hat im Anschluß an Kochs
englische Grammatik eine Zusammenstellung der starken Verba und der binde-
vocallosen schwachen gegeben, nach den Werken der bedeutendsten schot-
tischen und nordhumbrischen Dichter von Hampole bis Burns. Diese Über-
sicht bildet die Erweiterung eines Abschnittes einer Burns-Grammatik , die
demnächst erscheinen soll. Belegstellen sind am Schlüsse nur für die Formen
gegeben, die nicht ohne weiteres aus den altengl., neuengl. und neusehottischen
Formen sich erklären oder sich nicht bei mehreren Dichtern vorfinden.
An Anglo- Saxon Dictionary based on the manuscript collections of the late
Joseph Bosworth. Edited and enlarged by J. Northcote Toller. Part IIL
Hwi-Sar. Oxford 1887, Clarendon Press. S. 577—818.
Des unermüdlich thätigen Bosworth angelsächsisches Wörterbuch nähert
sich seinem Ende. Durch die Mitwirkung jüngerer Kräfte ist es in wissen-
schaftlicher Beziehung auf die Höhe der Gegenwart gebracht, und so kann
man mit Recht sagen, es wird, wenn vollendet, ein Corpus anglosaxonicum
von bleibendem Werthe sein.
124 LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN.
T. 0. W ei gel s systematisches Verzeichniß der Hauptwerke der deutschen
Literatur aus dem Gebiete der Geschichte und Geographie von 1820
bis 1882. Bearbeitet von E. Fromm. Leipzig 1887, T. 0. Weigel. VIII,
199 S. gr. 4.
Wenn auch zunächst nicht das germanistische Gebiet berührend , ent-
hält das Buch doch, namentlich in dem Abschnitt Geschichte, vieles ihm
nützliche. So das Verzeichniß deutscher Geschichtsquellen im Mittelalter
S. 29 ff. Ein sorgfältiges alphabetisches Register ist hinzugefügt, wie denn
überhaupt in Bezug auf Sorgfalt das Buch den Stempel trägt, den wir von
unseren buchhändlerischen bibliographischen Unternehmungen gewohnt sind.
Ethnologische Mittheilungen aus Ungarn. Zeitschrift für die Volkskunde
der Bewohner Ungarns und seiner Nebenländer. Redigirt und heraus-
gegeben von Prof. Dr. Anton Hermann. 1. Jahrg. 1. Heft. Fol. Buda-
pest 1887, Selbstverlag der Redaction.
Die Zeitschrift enthält viel Vergleichendes zur Volkskunde , wodurch
sie auch für Deutsche Forscher anziehend ist. Ich hebe diejenigen Artikel
heraus, in denen deutsches berührt wird. Beiträge zur Vergleichung der
Volkspoesie' enthält unter I Und wenn der Himmel war' Papier', den von
R. Köhler angeregten und belegten Gedanken der Volksdichtung, wozu hier
Aigner Ergänzungen bringt. Der Aufsatz "^ Märchenhort' von Ch. G. Leland
charakterisirt die Märchen verschiedener Völker. Der Mond im ungarischen
Volksglauben zeigt manche Berührungen mit deutschem Volksglauben. ' Zauber-
und Besprechungsformeln der transsilvanischcn und südungarischen Zigeuner
bietet ebenfalls Verwandtes mit Deutschem ; ebenso Beiträge zur Vergleichung
der Volkspoesie . Das geistliche Weihnachtsspiel unter den Zipser Deutschen'
von S. Weber ist von besonderem Interesse. Heimische Völkerstimmen ent-
hält Deutsches S. 84 und 85. "^ Beiträge zur Vergleichung der Volkspoesie ,
Hinweise auf Deutsches S. 94.
Meltzer, Otto, die Kreuzschule in Dresden bis zur Einführung der
Reformation (1639). Dresden 1886. IV, 60 S. 8.
Der Gegenstand ist schon mehrfach behandelt worden, zuerst von
Sehöttger in einem Programm von 1742, dem aber nur wenig urkundliches
Material zur Verfügung stand; dann noch von J. Chr. Hasche und H. M.
Neubert, die zum Theil recht wichtige Daten aus Urkunden beibrachten.
Über ein viel reicheres Material hat M. verfügt in dem Urkundenbuche der
Stadt Dresden, und das noch Ungedruckte im königl. Staatsarchiv und im
Rathsarchiv zu Dresden. So ist denn freilich seine Darstellung ungleich
reichhaltiger als die seiner Vorgänger. Ein erster Anhang handelt über Peter
von Dresden, ein zweiter enthält ein altes Bücherverzeiehniß.
Brandstetter, Renward, der Vocabularius Beronensis. (Abdruck aus dem
Geschichtsfreund Bd. 41, S. 175 — 186).
Ein Sammelband des 15. Jhs. in der Stiftsbibliothek zu Berona ent-
hält als wichtigsten Theil einen Vocabularius auf Bl. 1 — 59 etwa 7000
LITTERATUR, A. NAGELE, ANZEIGEN. 125
nach Materien geordnete Wörter. Daraus theilt Br. alle Wörter mit, welche
für das deutsche oder mittellat. Wörterbuch von Interesse sind, 458 im
Ganzen. Hieran reiht er eine Quellenuntersuchung und theilt zu diesem
Zwecke die 458 Wörter in fünf Classen; die erste enthält die Artikel des
Voc. Ber., die hinsichtlich des Lat. und Deutschen mit Artikeln des Vocab. '29
bei Diefenbach, Nov. Gloss., verwandt sind; unter Classe 11 die Wörter,
die in Voc. 1 und 5^ bei Dief., Gloss. lat. germ., unter Classe III die, welche
nur im Voc. 1 , und unter Classe IV die, welche nur im Voc. 5*^ ihre Ana-
loga haben. Unter Classe V gibt er die Wörter des Voc. Ber. , die nur be-
züglich des lat. mit Voc. 29, Voc. 1, Voc. 5^ stimmen, während die Ver-
deutschung verschieden ist, und ebenso endlich die Vocabeln, welche in
Voc. 29, Voc. 1 und Voc. 5^ fehlen; unter diesen sind eine Anzahl bisher
unbekannter deutscher Wörter.
Streifzüge auf dem Gebiete der Nibelungenforschung von Prof. Jul. Binder.
Programm der Staatsoberrealschule in Laibach 1889.
Über das attributive Adjectiv im Nibelungenliede und in der Ilias. Von
Prof. Hans Schmidt. Progr. des Staatsgymnasiums in Salzburg 188ü.
Das stehende Beiwort im Volksepos. Von Prof. Anton Filipsky. Progr.
des Staatsgymnasiums in Villach 1886.
Es ist eine umfangreiche, schwer zu übersehende und zu gliedernde
Literatur, die sich als Nibelungenforschung allmählig angesammelt hat, und
es ist deshalb immerhin dankenswerth, wenn derartige orientirende Schriften
publicirt werden. Abgesehen von den Einleitungen in den Ausgaben von
Bartseh, Zarncke, Holtzmann und Simrock ist auch die Zahl dieser Schriften
im Anwachsen begriffen. Ich erinnere nur an A. W, Schultz, der gegenwärtige
Stand der Nibeluugenfrage, Progr. Schleiz 1874; Hermann Fischer, die For-
schungen über das Nibelungenlied seit Karl Lachmann, Leipzig 1874 (Karl
Bartsch; Eecens. Germ. XIX, 352 fg.); H. Paul, zur Nibelungenfrage,
Halle 1887; R. v. Muth, Einleitung in das Nibelungenlied; Rudolf
Henning, Nibelungenstudien, Straßburg 1883 etc. etc.
Binders Arbeit will nun diese orientirenden Schriften , von denen ich
einen Bruchtheil anführte, vermehren, was ihm auch thatsächlich der Zahl,
nicht jedoch dem Werthe nach gelingt; denn sie ist ebenso flüchtig als ein-
seitig. Als Curiosität verzeichne ich, daß nach Binder wenigstens (S. 8 u. 9)
K. Bartsch in Heidelberg „vor Kurzem auch schon verstorben" ist, und
wünsche nur, daß das bekannte Sprichwort an K. Bartsch sich neuerdings
erfüllen möge. Über die Ansichten zum neunten und zehnten, sechzehnten
und siebzehnten Liede, die Scherer in der Literaturgeschichte vorträgt, findet
sich keine Spur in der Abhandlung.
Für manche Leute scheint keine Literatur zu existiren; einen Beleg
für diese Thatsache gibt das zweite Schulprogramm , das von Herrn Prof.
Hans Schmidt verfaßt ist. Er benützte für seine Arbeit lediglich je eine
Ausgabe des Nibelungenliedes und der Ilias und ein Programm; die Abhand-
lung ist aber auch darnach ausgefallen, indem sich der Verfasser darauf be-
schränkt, die betreffenden Ausdrücke aus den Epen abzudrucken und sie
obenhin zu classificiren. S. 55 in der Anmerkung heißt es „diu ir urmäzen
126 LITTE KATUK: A. NAEGLE, ANZEIGEN.
schoene" — urmäzen ist noch dazu gesperrt und am Schlüsse finden sich
circa zwei Dutzend Corrigenda angeführt. Sollte es Hrn. Prof. H. Schmidt
mit seinem urmäzen also veritabler Ernst sein? das wäre sehr traurig!
Auch die Ausdrucksweise läßt viel zu wünschen übrig, z. B. heißt es S. 4
Anm. : „Manche als Eigennamen herausgestellte Wörter."
Ganz anders geartet ist die dritte Abhandlung, sie zeugt ebenso von
vielfältiger Belesenheit wie von einem verständigen Urtheil und hat das
moderne, wissenschaftliche Princip der Vergleichung zur Voraussetzung. Auf-
fallend war mir bei der Leetüre der Abhandlung des Herrn Prof. Filipsky,
daß die Kenntniß der deutschen Dichtung seine schwächste Seite ist. Schon
p. HI liefert dafür einen merkwürdigen Beweis. Dort werden nämlich Maha-
bharata, Ilias und Odysse und die „Nibelungen" angeführt. Gudrun aber
fällt unter den Tisch , was sie, wenigstens nach der Meinung der neuesten
Literaturforschung, ganz und gar nicht verdient. Ebenso ist sehr gering das
zu taxiren, was der Verf. zur Frage über die „Entstehung" (ein Lieblings-
ausdruck des Verf.'s) des Volksepos sagt; er bewegt sich da auf dem be-
kannten gründlich ausgefahrenen Geleise, und ist so naiv, einen Bewunderer
des Herrn R. v. Muth abzugeben, der bekanntlich mit höchst komischer
Verve in die Welt hinausschrie: der Name der Verfasser der einzelnen Lieder,
sowie der überhaupt gleich giltige des letzten Sammlers, können
nie festgestellt werden". Filipsky glaubt in den serbischen Liedern') einen
neuerlichen Beweis für diese altehrwürdige Theorie finden zu können —
aber kann denn nicht daraus das gerade Gegentheil viel plausibler gemacht
werden? Im Übrigen ist die Abhandlung des Hrn. Filipsky, die freilich sehr
gewonnen hätte, wenn er mit dem „germanischeu" Epos vertrauter gewesen
wäre und manche diesbezügliche Schriften (z. B. ten Brinks Literaturgesch.)
gekannt hätte, recht lesenswerth , wenn sie auch eher als eine Vorstudie zu
dem in Rede stehenden Thema zu betrachten ist.
ANTON NAGELE
') Der Verfasser hätte dabei die Schrift: „Narodne pjesme o boju na kosovu
godine 1389, sastavio u cjelinu Armin Pavic" und die ausführliche, sehr interessante
Eecension derselben von Stojan Novakovic in Jagic Archiv f. slav. Phil. III, 413 bis
462 doch auch berücksichtigen sollen. Ich vermisse in seiner Abhandlung auch sonst
Manches, so namentlich einige Berücksichtigung der neugriechischen Volksdichtung,
die bekanntlich sehr nahe Beziehungen zur südslavischen Volkspoesie unterhält. Ganz
armselig ist das, was er S. XIX über das Epitheton des Pferdes vorbringt; ist ihm
denn das „Heldenfohlen" des russischen Volksepos ganz unbekannt? Dahin wäre
ja auch der Veillantif Eolands (Chanson de Roland v. 1153) und der Babieca Cids
zu beziehen. Vgl. „über das volksthümliche Epos der Franzosen", Ztschr. f. Völker-
psychol. u. Sprachwissensch., herausgeg. von Lazarus u. Steinthal IV, 2, 203 ff und
Jagic Archiv III, .''.49 — 593 „Beiträge zur Erklärung des russischen Heldenepos" von
Alexander Wesselof.sky). Wo der Verf. S. XVIII von den Flüssen spricht, bleibt die
Donau, die doch eine hervorragende Rolle in der slavischen Poesie einnimmt, völlig
unerwähnt. Was die Farben und ihre Namen anlangt, sind die Darstellungen des
Herrn Filipsky durchaus ungenügend, einigermaßen hätte er sich leicht aus Götzinger
(ReallexiUon p. 175 u. 17G) belehren und dort Literaturnachweise finden können.
LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN. 127
Indogermanische Mythen. II. Achilleide. Von Elard Hugo Meyer. VIII, 710 S.
Berlin 1887. Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung.
Auf der Grundlage von MüllenhofFs Deutscher Alterthumskunde, Bd. I,
hat der Verf. weiter gebaut und jene Methode auf eine der berühmtesten
Heroengestalten des griechischen Alterthums angewendet, die für uns von
besonderem Interesse ist, weil sie mit einem der berühmtesten germanischen
Heroen sich deckt. Freilich ist es nicht der Achilles, wie er in der Ilias
uns entgegentritt, sondern gewissermaßen in seine Elemente aufgelöst. Viele
Züge, die in der homerischen Ilias verdunkelt sind, empfangen durch die
Heranziehung verwandter mythischer Züge erst ihre Begründung und ihr
Verständniß. Der Dichter brauchte eben Vieles nicht oder brauchte es nur
andeutend , was in der ursprünglichen Achilleussage eine ganz andere und
tiefere Bedeutung hat. So ist der alte Zug von Achilleus, dem Drachentödter,
in der Ilias ganz verdunkelt, Gestalten wie Briseis und Deidamia gleichfalls.
Erst durch Heranziehung einer Menge anderer Quellen und Sagen können
sie in ihrem Wesen erkannt werden.
Daraus folgt aber, daß die Ilias allein nicht als Quelle unserer Er-
kenntniß dienen kann, und, was wichtiger, daß die Ilias nicht als eine Samm-
lung von Volksliedern gelten kann. Sie ist das Werk eines Kunstdichters,
der die Elemente der Volkssage benützte, so weit er sie brauchte. Damit
ist der Wolfschen Liedertheorie ein gründlicher Stoß versetzt.
Die ganz analoge Entwickelung zeigt die deutsche Heldensage. Auch
hier sind in der deutschen Gestaltung des Nibelungenliedes Züge zurück-
gedrängt, die in der ursprünglichen Gestalt der Sage bedeutsam hervortraten.
Dahin gehört, in Übereinstimmung mit der Achilleussage, der Drachenkampf,
der daneben als vollständiges Lied fortbestand , während er in der Haupt-
dichtung zurücktritt; dahin gehört, gleichfalls übereinstimmend mit dem grie-
chischen Epos, die Gestalt der Brunhild, deren ursprüngliche Beziehungen
zu Siegfrid wir erst durch die reineren nordischen Quellen erfahren.
Diese Parallele hat nun aber noch eine weitere Bedeutung für unseie
Wissenschaft. Wenn die Ilias keine Zusammenschweißung von Volksliedern
sein kann, so kann es auch das Nibelungenlied nicht sein, sondern beide
sind Kunstdichtungen unter Benützung der volksthümlichen Sagenelemente.
Lachmanns Nibelungentheorie fußt auf F. A. Wolfs Iliastheorie, ohne diese
ist jene nicht denkbar. Die zwanzig Lieder von den Nibelungen empfangen
dadurch aufs Neue einen argen Stoß, und es ist abzuwarten, wie ihre An-
hänger sich damit auseinandersetzen werden.
Handschriften, berülimte — des Mittelalters, in phototypischer Nachbildung.
Bd. I: Das Nibelungenlied nach der Hohenems-Münchner Handschrift (a)
in phototypischer Nachbildung. Nebst Proben der Handschriften B und C.
Mit einer Einleitung von Ludwig Laistner. München 1886. Verlags-
anstalt für Kunst und Wissenschaft. 8. VIII, 48 S. nebst 125 Tafeln
in Phototypie. Ganz Lwd. 60 M.
In vortrefflicher technischer Ausführung erscheint hier ein photogra-
phischer Abdruck einer unserer bekanntesten und berühmtesten altdeutschen
Handschriften.
128 LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN.
Die Nachbildung gibt ein treues Abbild des Originals und kann für
Studienzwecke dasselbe vollständig ersetzen.
Schade nur, daß nicht B oder C, sondern A zur Nachbildung gewählt
worden ist. Derselben geht eine Abhandlung von L. Laistner voraus , der
man das Zeugniß geistvoller Deduction, wie Allem, was der Verf. schreibt,
nicht versagen kann, die aber gleichwohl einen philologischen Werth nicht
beanspruchen kann, weil ihr die philologisch sichere Grundlage fehlt.
Lachmann hatte gesagt, das Absetzen der Zeilen scheine beim Nibe-
lungenliede ältere Weise zu sein. Er drückte sich vorsichtig aus scheine ,
weil er sich wohl bewußt war, daß die Thatsachen dem nicht entsprachen.
In der That sind alle alten und guten Handschriften nicht abgesetzt ge-
schrieben; A, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhs. entstand, ist die
erste mit abgesetzten Versen, und dann kommen die jüngeren Hss., die die-
selbe Einrichtung haben. Die Absetzung der Verse im Nibl. hat in A noch
eine andere seltsame Einrichtung zur Folge gehabt: auch die Klage ist in
Langzeilen geschrieben. Das widerspricht allem Gebrauche der Handschriften
die Kurzzeilen in Langzeilen zu schreiben.
Was Lachmann zweifelnd ausdrückte, haben seine Nachahmer unbesehen
angenommen. Und ebenso , daß der Text in A der echte und ursprüngliche
ist. Alle philologischen Beweise, die diese Ansicht widerlegen, werden ignorirt.
Und das hat leider auch L. gethan. Somit können wir seine ganze Beweis-
führung und Darlegung nicht einer Widerlegung unterziehen, weil wir erst
verlangen müssen, daß die philologische Grundlage gesichert sei. Es ist zu
bedauern, wenn man so viel Geist und Scharfsinn an eine von vornherein
falsche Aufgabe verschwendet sieht.
Gottschick, Über Boners Fabeln. Programm des königl. Kaiserin Augusta-
Gymnasiums zu Charlottenburg 1886. (Nr. 68.) 32 S. 8.
Der Verf. tritt zunächst der Ansicht Schönbachs entgegen, daß Boners
Fabeln erst nach dem Tode von des Dichters Gönner Johann von Rönggen-
berg abgeschlossen seien, und widerlegt sie mit guten Gründen. Die zweite
von G. erörterte Frage ist die, ob Boner sämmtliche hundert Fabeln zur
selben Zeit gedichtet, und namentlich ob die Fabeln nicht in der hand-
schriftlich überlieferten Folge gedichtet sind. Daß eine andere Anordnung
als die der Hss. im Ganzen aus den Reimungenauigkeiten nicht zu folgern,
hat G. schon in einer späteren Abhandlung (1879) gezeigt. Weiter behandelt
der Verf. den Dialekt Boners und widerlegt Schönbachs Ansicht, wonach
Pfeiffer mit Unrecht dem Dialekte zu großen Eingang in seinen Text ge-
stattet. Namentlich die Nachweise von Schoch lieferten hier ein überzeugendes
Material. Im letzten und umfangreichsten Theile geht Verf. zu einer Dar-
stellung der Anordnung der Bonerschen Fabeln und zur Erklärung derselben
über, sowie zum Nachweise des zwischen den einzelnen Fabeln bestehenden
Zusammenhanges. Auch hier ist das Resultat, daß die Fabeln im Ganzen
in der Reihenfolge der Hss. entstanden sind. In dem Schlußalphabete (S. 28 ff.)
handelt G. von Boners sittlichen Lehren und seiner Darstellungsart, und
wendet sich hier mit Recht gegen Scherers herabsetzendes Urtheil. Die ganze
Arbeit macht den Eindruck ruhig fortschreitender Besonnenheit, deren Resultate
daher auch schwer werden anzufechten sein.
JOHANN VON SOEST, ^DY GEMEIN BTCHT\
Johann von Soest, dessen Lebensbild Fr. Pfaff entworfen hat*),
hat außer seinen schon bekannten Dichtungen noch einen poetischen
Beichtspiegel verfaßt, den Cod. Pal. 730 uns überliefert. Johanns
Autorschaft ist auch Bartsch in seiner Beschreibung der altdeutschen
Hss. der Heidelberger Bibliothek (unser Stück wird hier unter Nr. 323
erwähnt) entgangen. Das Gedicht ist von Johann selbst nieder-
geschrieben und nach der Schlußbemerkung am 27. Februar 1483
zu Ende geführt worden. Es fällt also drei Jahre später als die 'Kinder
von Limburg'; nach Pfaffs Vermuthuug (S. 247) etwa gleichzeitig das
Gedicht von der "^unbefleckten Empfängniß Mariae". Mit diesen beiden
Dichtungen begibt sich der kurpfälzische Singermeister, der damals
auch schon medicinische Studien betrieb, auf das theologische Gebiet,
das ihm nicht fern lag; erzählt er doch selbst in seiner Biographie
(Fichards Archiv 1, 120), daß er einmal die Absicht gehabt habe,
Pfaffe zu werden. Auch seine übrigen Werke bezeugen seine fromme
Gesinnung. Freilich, theologische Kenntnisse treten, abgesehen von
einiger Bibelkenntniß, nirgends hervor. Die Beichte ist keine selbst-
ständige Dichtung, sondern wie es in der Überschrift heißt, 'vs be-
iverter schryfft tzic rym gesetzt'. Er hat also nach einer Vorlage ge-
arbeitet und dieser nur die poetische Form gegeben. Seine Quelle
war in erster Linie der Modus confitendi des Andreas de Escobar'^),
das verbreitetste Beichtbuch der Zeit. Er hat nach dem Original, nicht
nach einer deutschen Übersetzung gearbeitet, da er V. 1053 f. sagt:
nit langmodig vnd auch nit gut
byn ich gewesen oberlfit,
auch hatt ich gantz keyn guttigheit
tzu mynem nesten, ist myr leit;
das dan off ym bot onderscheit
tzu sprechen gut vnd guttigheit:
das erste, gut, heyst bouitas,
guttigheit ist benignitas.
')Allgemeine conservative Monatschrift 1887, S. 147 f., 247 f.
^) Der Verfasser nennt sich Andreas Hispanus, Poenitentiar der römischen
Curie, ehemals Bischof von Civita und Ajaccio, jetzt von Megara, Benedictinerordens.
1437 wurde er zum Cardinal erhoben.
GERMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 9
130 K. V, BAHDER
Außer Andreas' Schrift hat aber Johann noch eine andere Quelle
benutzt^). Der erste Abschnitt Von den fünf Sinnen' hat bei Andreas
nichts Entsprechendes (nachher folgt wohl ein Abschnitt Me quinque
seusibus', dem aber bei Johann die Vs. 883 — 918 von sonden ingemeyn
des gantzen libs entsprechen). Ich habe diese Quelle nicht ermitteln
können ^), werde aber nachher in den Anmerkungen auf Übereinstim-
mungen mit anderen Beichtbüchern hinweisen. Diese Quelle scheint
auch noch bei den Todsünden benutzt, nachher aber ist Alles aus
Andreas entnommen, abgesehen von Einigem, das sichtlich Zuthat
Johanns ist.
Beichtbücher in deutscher Sprache liegen seit dem 13. Jahr-
hundert in großer Menge vor. Geffken, Der Bilderkatechismus des
15. Jahrb., Leipzig 1855, bespricht eine große Anzahl handschriftlich
erhaltener Beichten. Gedruckte Beichten führt Fr. Falk, Die Druck-
kunst im Dienste der Kirche (Köln 1879) 46 bis zum Jahre 1519 auf,
wozu noch zwei weitere kommen (Liter. Handweiser 1881^ Sp. 529).
Die große Mehrzahl dieser Schriften ist für den Laien bestimmt und
enthält entweder Betrachtungen über die Bedeutung und den rechten
Gebrauch des Sacramentes der Buße, oder gibt eine ausführliche, dem
Beichtenden in den Mund gelegte (oft auch in Frageform gehaltene)
Aufzählung der einzelnen Sünden. Beichtbücher der letzteren Art
stehen in directem Zusammenhang mit der offenen Schuld, aus der
sie sich entwickelt haben. Schon einige der ahd. Beichten gehen so
ins Einzelne, daß sie als Grundlage für die Gewissenserforschung vor
der sacramentalen Beichte dienen konnten. Als deshalb die offene
Schuld die bestimmte Form annahm, in der sie noch jetzt gesprochen
wird, wurden die älteren Beichten doch weiter fortgepflanzt (vgl. Denk-
mäler S. 619. 621) und nahmen allmählich durch immer strengere
Formulirung der einzelnen Vergehen die im Wesentlichen (bei Ab-
weichungen in der Anordnung, dem Schwanken einzelner Unterschei-
dungen) fixirte Form an, in der sie im 15. Jahrb. vorliegen, und welche
die Grundlage des römisch-katholischen Katechismus bildet. Neben
die Unterscheidungen nach den 7 Todsünden, 5 Sinnen, 10 Geboten
trat allmählich die nach den 7 Heiligkeiten, 7 Gaben des h. Geistes,
*) Vielleicht war schon in der Vorlage diese mit dem Modus confitendi des
Andreas vereinigt.
^) Kein näherer Zusammenhang besteht mit der Schrift 'Dyß ist eyne schone
vnd fruchtbare beicht, wie sich eyn itzlich christenmensch seyner sunde erclageu ßal
nach ordenung der funflf syuue eyngefurt durch die sibeu todtsuude' (angeblich Leipzig,
Kacheloven) .
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT. 131
7 Werken der Barmherzigkeit, 7 Haupttugenden, 4 rufenden und
9 fremden Sünden u. s. w. , wobei die Zahlenbestimmungen manchen
Schwankungen unterworfen sind. Den Versuch, eine solche Beichte in
poetische Form zu kleiden, finden wir schon vor Johann von Soest
gemacht, vgl Liederbuch der Hätzlerin S. 301, Beichtbuch bei Weber,
Bamberger Beichtbücher, Kempten 1885, S. 15 ff., 'Wie man beichten
sor in Kinderlings Hs. vgl. Allg. liter. Anz. 1801, S. 709, Penitentio-
narius bei Geffken, Beil. S. 188, 'Von der rechten beichte' Hoffmann,
Wiener Hss. 224, S. 278.
Als Denkmal der homiletischen Literatur kann Johanns Beichte
eine besondere Bedeutung nicht für sich in Anspruch nehmen. Da-
gegen scheint mir die Behandlung des Stoffes doch in mancher Be-
ziehung Beachtung zu verdienen. So ermüdend die Aufzählungen des
Dichters sind, und so wenig er es im Allgemeinen verstanden hat,
den spröden Stoff dichterisch zu gestalten, so finden sich doch schöne
Stellen, wo Johann seinem warmen religiösen Gefühl schwungvollen
Ausdruck gibt. Manche Schilderungen sind culturhistorisch von In-
teresse. Am bemerkenswerthesten aber scheinen mir die Züge zu
sein, die die Beichte dem Lebensbilde Johanns hinzufügt. An man
eben Stellen hören wir den Arzt, den Dichter und Musiker sprechen.
V. 589 f. wird eine Ausführung über die Einwirkung der Complexion
auf die Gemüthsart eingeschaltet. Bei den V. 161 erwähnten onnütz
gesta von der lijb mag Johann an seine frühere Dichtung gedacht
haben. Auf seine musikalische Fähigkeit spielt er V. 299 an.
Daß bei Besprechung der Ohrensünden V. 889 f. die Worte bei
Andreas: aures ad audie.ridum — cantus et instrumenta musicalia dedi,
nicht übersetzt sind, ist vielleicht nicht zufällig. Johann konnte in
seinen musikalischen Neigungen nichts Sündhaftes sehen. Anderes
macht durchaus den Eindruck eines Selbstbekenntnisses. Die Aus-
führlichkeit, mit der V. 385 ff. das Laster der Habsucht geschildert
wird (nur einige Züge finden sich auch bei Andreas) und die leiden-
schaftliche Selbstanklage lassen vermuthen, daß die Worte dem
Dichter aus dem Herzen kommen. Selbstbekenntnis ist das, was er
über die Wirkungen des Zornes sagt, wie aus der Bemerkung über
seine Complexion hervorgeht; ferner über die Anschläge gegen das
Leben des Nächsten V. 780 f. und 785 f. Vielleicht ist auch die
Bemerkung über die Untreue gegen den Herrn V. 833 f. so zu nehmen.
Im Ganzen handelt es sich für Johann bei der Beichte um mehr als
bloß eine dichterische Übung. Freilich hat er im Auge (V. 1168 f.),
daß auch Andere durch die Beichte zur Erkenntniß ihrer Sünde
9»
132 K. V. BAHDER
gelangen möchten. Aber zunächst ist es ihm um die Erleichterung
seines eigenen Herzens zu thun; sehen wir doch auch aus seiner
Biographie (1504 in Frankfurt verfaßt), wie lebhaft er die Verirrungen
seiner Jugend beklagte.
Die Behandlung des Stoflfes ist eine sehr ungleiche. Während
in den Abschnitten über die 5 Sinne, 7 Todsünden, 10 Gebote der
Dichter — soweit eine Vergleichung möglich — die Worte des Ori-
ginals frei umschreibt mit Einflechtung mancher origineller Züge, gibt
er von da an nur eine abkürzende Übersetzung der Vorlage, bis er
am Schluß wieder in selbständiger Weise auftritt. Aber auch in den
ersten Abschnitten liegt es ihm fern, den gesammten Inhalt der lat.
Beichte zu umschreiben. Er begnügt sich, aus der Charakteristik der
Sünden einzelne Züge herauszuheben und diese in freierer Weise
auszuführen. Aus der getroffenen Auswahl sehen wir, welchen Ver-
gehen Johann die größte Wichtigkeit beilegt. Trotz dieser Kürzungen
nimmt die Aufzählung der einzelnen Sünden noch einen breiten Raum
ein. Meistens wird im Perfectum berichtet und dabei, um die ewigen
Wiederholungen zu vermeiden, das Hilfsverbum (hab ich, hin ich)
nicht selten unterdrückt. Auch wird die Anreihung sehr oft durch
mit oder on mit Substantiv bewerkstelligt, an das sich gewöhnlich
ein Relativsatz anreiht, z. B. 281
on yr werck
dy ich verwarff mit grosser sterck
= ich hob verworffen yr werck. Flickwörter, um einen Reim zu ge-
winnen, werden vom Dichter häufig verwandt. Nehmen wir hinzu, daß
auch die Wiederholung desselben Gedankens nicht selten vorkommt
(vgl. Vs. 280. 81, 540. 42, 717 und 719), so begreift es sich, daß die
ganze Dichtung keinen künstlerischen Eindruck macht.
Über Johanns Sprache könnte nur mit Heranziehung der übrigen
Dichtungen erschöpfend gehandelt werden. Hier deshalb nur einige
Andeutungen, Die Sprache ist aus rheinfränkischen und niederländi-
schen Bestandtheilen gemischt. Trotz seines langjährigen Aufenthalts
in Hessen und der Pfalz hat Johann doch die Sprache der Nieder-
lande, wo er seine Jugend zugebracht hatte, nicht ganz aufgegeben.
Er bemüht sich pfälzisch zu schreiben, aber die ndl. Formen kommen
ihm überall dazwischen. Außerdem hat er diese oft absichtlich an-
gewandt, um einen Reim zu gewinnen. Die Mischung des Dialektes
mögen folgende Bemerkungen veranschaulichen.
d ist meist in o verwandelt, wird auch auf o und ö gereimt
(seltener auf a). Dies o = a ist pfälzisch, es findet sich auch in
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT. 133
Heidelberger Drucken von 1487 und 1493 ^) und in dem von Milch-
sack herausgegebenen Passionsspiel.
ae ist durch e vertreten und wird auf e und e gereimt.
e in 0^) verwandelt in tzivolff 16 u. ö. fromden 924 und der
Vorsilbe -ont-^ hierher auch wort = loirt (im Reime 51. 616. 687. 984),
i in u^) verwandelt in ummer (auch ommer) , nummer, duck. — i, m (ü)
wechseln nach rad. Weise mit e, o. e für i erscheint in offener Silbe
(gesiceghen) und vor l -{- Cons. (telghen) , o für u in offener Silbe
(joghent)^ vor r {wilkor , dorff), l -\- Cons. (gedolt), n -{- Cons. (sonde,
gönnen), in son, on-, off, hedochte (mit Kürzung des ü) , geroch, betrog.
Die Längen i, ü, tu (geschrieben u) sind festgehalten, i oder y
(das Zeichen ij immer im Worte zijt, sonst gelegentlich cordijren 86,
ei/ nur in drey 21. 1164, dreyen 273) wird aber oft auf ei gereimt.
heit : zijt 14. 144. 206 u. ö. zijt : leit 138. teyl : yl 150. pompeyen : ver-
lyen 256. allerley : hofferdy 338. 52. manclierley : hy 390. myn : reyn 434.
Ae?/ss '. ßyss 524. Aei^ : i^^/^ 624. 1072. pyn : hewein 694. Lomhardy : ey
782. m?/n : Mem 1062. erschynt : heweynt 1078. Ä;Ze?/w : si/n 1112. Johann
sprach also wohl den Diphthong; gegen diese Annahme ist nur lyb
: vertryb 162. geschickten : bichten 656. gefyrt : getzyrt 746. mtcÄ : himel-
rich 914 anzuführen, während Reime auf -lieh, wie Jiymelrich : jemer-
lich 308. 62. 84. gelich : bitterlich 1120. 40. eioiglich : rieh 1192 nichts
beweisen. In den Drucken von 1487 und 93 ist i geblieben, dagegen
hat das Pass. ei. — u (^= ü und zu) ist jedenfalls Monophthong, vgl.
die Reime gebrucht : geflucht 306. uch : ersuch 312. lüt : hat 546. vss
: füss 978. ^w^ : lut 1054. für : twr 1 106. In der Biographie ist schon
zum Theil au eingetreten, ebenso Pass. (neben u).
Die Dehnung der Kürzen in offener Silbe beweisen die Reime
gesehen : smehen 104. hrehen : geschehen 324. verluhen : vertriven 398 u. a.
Die Diphthonge ie und ^lo (üe) sind durch Monophthonge ver-
treten, ie durch i oder y (aber ye 243. 498. 1070. 1157 und hye :flyhe
142), das auch im Reime auf z und i erscheint, no (üe) theils durch u
theils durch o. In den Reimen erscheint öfter o als ?«, vgl. insocht
: volbrocht 216. don : won 332, : schon 352. zerstört : gefort 496. obgerort
: wort 616. s^on^ : verkont 662. moss : 5^oss 784. mocht : 5ocä^ 810.
*) Boum der sypsehaft. Heidelberg, Knoblochzer (um 1487). Ein vast not-
durfftige materi einem jeden menschen der sich gern durch eine wäre grunthche
bycht flyßiglich zu dem hochwirdigen Sacrament des fronlychnams vnseres herren
ze schicken begert. Daselbst 1493.
*) Bezw. ö? O. B.
3) Bezw. ü? O. B.
134 K. V. BAHDER
getrost : gehost 944. ertzogt : gefogt 1082. Reime 11= uo : ü sind oben
angeführt worden. Dazu dominus '. miis 96. Im Pass. ?< , nur vor r
öfter ö. Reime auf o oder u wieder nur vor r. — Auch ei erscheint
zuweilen monophthongisch als e {treh 621. 667, hieb 1112. 13; helghen
741 u. ö. neben hilghen 1163. 96 [Kürzung'?], encher oft [Kürzung?] und
ou (öio) oft als 0 (im Reime loh : cloh 704. erliogt : gebogt 908. geloben
: geschoben 986. ertzogt : gefogt 1082). Seltener erscheint der Diphthong
als «M, was im Pass. das Gewöhnliche ist.
Von vokalischen Zeichen ist Johann eigenthümlich ein ä e y ö ü,
das nur für die Länge (auch unursprüngliche) gesetzt wird und bei
ä ö ü auf keinen Fall den Umlaut bezeichnet und ein ü, das incon-
sequent für m iie uo ü u steht. Besondere Uralautszeichen sind (von
e abgesehen) nicht vorhanden; auch im Reim wird der Umlaut öfters
nicht berücksichtigt (vgl. 174 236. 550. 1048), woraus ich indeß nicht
auf das Fehlen der Umlaute schließen möchte.
Bei den Consonanten ist Folgendes hervorzuheben. Ein ver-
einzeltes ndl. / =r 6 im Auslaut steht 788 häf. Sonst erscheint hier
b und ]) {Igp, halp, dagegen immer hab etc. bei abgefallenem e). p zu
pf verschoben, d für t findet sich öfter im Anlaut {do7i, dot) , doch
nicht durchgehend, seltener im Inlaut. Regelmäßig anlautendes t in
verterben (681. 721. 786. 790, doch verc/er?; 691). Im Auslaut erscheint ^
{leit, kint, dagegen sond, ied etc. bei abgefallenem e). Ein unver-
schobenes t in gant 411 (Schreibfehler?), g im Inlaut vor Vokalen wird
meist gh geschrieben, was auf spirantische Aussprache hinweist. Im
Auslaut bleibt g außer in der Verbindung ng (lanck). Vereinzelt auch
sonst ck im Reim starck : karck 148 und gesmag : tag 186 (für gesmack
: tack). Nicht aus g entstanden ist ch in manch oder mench und eyich,
ebensowenig in verleuchent 998 (Pass. hat die Form verleicken). Durch
Ausgleichung erklärt sich g für ch in tzog 390. geschag 1115. vertzyg
627. Grammatischer Wechsel zeigt sich im Praet. von geschehen
und im Adj. hog. chs erscheint assimilirt in sest 803 (Überschrift),
ses 919 (Überschrift), neste oft. Inlautendes h vor Vocalen wird meist
geschrieben , war aber stumm , wie der Reim pompeyen : verlyen 256
zeigt, sehen \\b, tzehen 711 werden einsilbig gebraucht, r ist ausgefallen
im V. fochten (im Reime 170. 260. 492. 719). Diese Form, über deren
Verbreitung Sievers, Oxforder^Benedictinerregel S. IX f. handelt, findet
sich im Heidelb. Pass. nicht. Johann wird sie in Hessen angenommen
haben. Metathese zeigt nofroft 763. Von einzelnen Formen führe ich
noch an das ndl. don^^do (im Reime 501), lacht ^=- legte 592, brenghen
111, kart 895 (im Reim, sonst kerte), gehebt 337. 1015. 18.
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT. 135
Diese Übersicht, die nicht erschöpfen soll, zeigt genügend, daß
Johann nicht in reinem pfälzischem Dialekt schreibt, sondern vielfach
niederländische, auch einige hessische Formen einmischt.
Der Vers ist nach seiner Silbenzahl streng geregelt und umfaßt
8 Silben, wenn der Reim stumpf, 9 wenn er — was weit seltener —
klingend ist. Auftakt ist also immer vorhanden. Verletzung der natür-
lichen Betonung kommt sehr häufig vor. Dreisilbige Worte wie gutig-
her, gentzlichen können nach nhd. Weise auf der ersten und dritten
Silbe eine Hebung erhalten. Oft wird die haupttonige Silbe in die
Senkung, die nebentonige in die Hebung gesetzt. Zweisilbige Worte
wie ober, lyplich können die Hebung auf der zweiten, dreisilbige wie
lypUche, rosenfar auf der Mittelsilbe erhalten. Diese Freiheit ist sowohl
im Anfang als in der Mitte des Verses gestattet.
Der Reim ist genau, abgesehen von der Verbindung des umlaut-
losen mit dem umgelauteten Vokal (vgl. oben). Von einer Reim-
ungenauigkeit kann nicht geredet werden, wenn alte Kürze mit der
Länge reimt oder i mit ei, kaum auch bei der Verbindung von i und ie,
u und uo, m und üe. Öfters verschwindet eine scheinbare Ungenauig-
keit bei Einsetzung der dialektgemäßen Form, z. B. 295 offemhart
: Wort (1. offembort) , 660 gelassen : verdrossen (1. gelossen) , 1048 frücht
: volbrocht (t. f rocht).
Der folgende Abdruck des Stückes schließt sich genau an die
Hs. an. Die Abkürzungen sind aufgelöst. Einige Schreibfehler und
Auslassungen sind berichtigt, mit Angabe des Überlieferten unter dem
Texte. Die inconsequente Interpunction der Hs. (auf den drei ersten
Seiten Doppelpunkt, auf den drei folgenden Punkt nach jeder Zeile,
von da ab nur im Innern der Verse zuweilen Punkt oder Doppelpunkt)
ist nicht beibehalten worden.
Hy hebet an dy gemein bicht: Vs bewerter schryfft tzu
rym gesetzt: In welcher eyner syn sond mag erkennen
lernen: Dar tzu ordenlich bichten lernen: tzu dem lob
g 0 1 1 i s :
Dyn gotlich krafft in myr byt ich,
Furred: jcjj werd verdampt sust ewiglich,
Teuhe, 0 barmhertziger Dan ich tzu tyff gefallen byn
-^Almechtigher got guttigher, 10 In todlich sond durch myn fiinf syn.
Erbarm dych myn vmb myn mysdät. Auch dyn gebottin manchen stetten
Von myr gewyrket frw vnd spät Hab hert vnd swerlich obertretten,
5 Dys lang itzont verganghen jar. Dywerck auch der barmhertzigheit
0 mylter got mach offenbar Vnd syben sacrament altzijt,
136
K. V. BAHDER
15 Myt syben helghen geistes gaben
Vnd tzwolff artickel bog erhaben
Cristlicbs gelobens myr gesetzt:
Da durch myn sei bab hert geletzt.
In obertrettung gantz bereytt
20 Gewesen byn acht seligheit,
Auch toghent drey der helghen
schrifFt,
On anghel toghent myr gestyfFt,
Dy ich dan gentzlichen für vol
Hab obertretten gar tzu möl,
25 On ander sond itz ombedocht
Von kynd off swerlichen volbrocht.
Ich byt dich got myn eyngber tröst,
Der manchen sonder hott erlost,
Erlöss mich auch vnd mach mich gut
30 Dorch dyn rosenfar heiiigs blut,
Das du dorch myn sond host ver-
gossen
An eynem bom hert onuertrossen:
Vss lyb durch mich gabstu dich dar
Tzu hencken nacket also bar
35 An solchem herten groben holtz,
Mit dynera hübschen lybe stoltz
Gelich eyn seytte hert gespant.
Durchgraben füss vnd iglich hant,
Eyn tzytlanck aller weit tzu spott.
40 Ich solcher lyb erman dich gott
Vnd bytt dich her kom mir tzii stur,
Send myr dyns helghen geistes für
Eyn foncken, off das ich betracht
Mit warem rwen tag vnd nacht
45 AI myne sonde gross vnd kleyn
Vnd gyb mir das ich sy beweyn
Lyplich alhy von grond myns
hertzen.
0 got myn her tzu solchem smertzen
Hylff myr durch gnad, so weis ich
vest,
50 Das mich das ortel allerlest
Nit dyns gerichtz verdammen wort.
Tzu dyssem rwen obgerort
On dich ich nummer komen mag:
Deshalp dich got off dissen tag
55 Roft' an vss allen mynen kreften
Vnd byt vnd fleh dyn zorn tzu sefften
Ober myn sonde gross on tzal ;
Myr sy vertzyh gentzlich vnd kal,
Off das dyns helghen blutz ryuyr
60 Verloren nummer werd an myr.
Des itz tzu lobe wyl ich dyr
Eyn lob gedieht in dys papyr
Hy scryben, vss welchem men sol
Ordenlich bichten lern für vol
65 Tzu eeren dyr on onderlass.
Dar tzu mich hutten wil furbas
Für aller bosheit gross vnd kleyn.
Des ich dan an roff dy vil reyn
Juncfraw maria das sy bytt
70 Ir lybes kynt das ess myr mytt
Syn gnad wol teylen solche dät
Wol tzu volbrynghen wy ob stät.
Des mir dan giin in gnaden stett
leühe got der trynytet. Amen.
Hy hott eyn end die fürred.
Hy heben an dy funffsynne
vnd tzum ersten von dem
gesicht:
75 ^I^zu gottis lob wyl ich begynnen
-^ Nach dem beschrybt von
hoghen synnen
Der meister: bicht gemein dy dan
Tzu bichten not ist ydermann
(Am vyrden buch bewert er das)
80 Dar tzu byn nympt, spricht er
furbas,
Tegliche sonde vil on tzal.
Das ich dan itzilnt oberal
So ver ich mag verkonden wyl
Vnd ob ich da in red tzu vil
85 Oder tzu wenig on probyren,
Das byt ich myr tzu cordijren.
Tzum ersten ich also begynne
Vnd tzyh her für erst dy fonff synne.
Idoch furhyn so bog ich nydcr
90 Für minen pryster myn gelyder
Vmb benediung tzu ontpfanghen
Also sprechend durch gross ver-
langhen
62 gedichte, e durchstrichen.
{Es fehlt eine Silbe.)
64 für vor vol. 86 l. coucedijreu? O. B.
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT.
137
Tzum pryster: benedicite.
Da off nach dem dan ich verstee
95 Der pryster antwort: dominus.
So heb ich an myt gutter mus
Vnd sag dan myn confiteor
Bis off das ideo precor.
Dar nach myn sond beclag ich dan
100 Vnd heb von dem gesicht erst an.
Also: ich gyb mich schuldig dyp
Das ich etzlich in hubscher tzyr
Von frawen byld hon an gesehen
Durch böss begyr yr eer tzu
smehen,
105 Auch duck den tyren möss ver-
jehen
Wan sy sich stighen tzu gesehen,
Da durch ich dan tzu solcher vart
Tzu onkuyscheit beweghet wart,
Auch myn vnd ander heymlich
glider
110 Tzu sehen begert wie bog vnd
nyder,
Eyn solchs geschefft schentlich
begab,
Da durch ich mich in sond verwab
Mit solchem werckder onkfischeit :
Das myr dan ist von hertzen leyt.
115 Sus ich gesehen hab menches spyl,
Dy vppig worn vnd dentze vil
Myt lust als stechen dar tzu rennen
Vnd ander spil der ich nit nennen
Off dys mol mag myr durch ver-
gessen,
120 Auch ander lutte wyt gesessen
Dar tzu gereytzet auch tzu sehen,
Dy dan das datten vss tzu spehen
Des ich alleyn wass an begyn.
Her solcher sond ich schuldig byn.
125 Myn oughen nit tzu manchen
stonden
Gekert tzu den helghen funff
wonden
Oder tzu ander nützbarheit,
Da durch ich wer tzu rw vnd leit
Vnd auch tzu besserung myner
sende
130 Gekomen; das ich dan verkonde
Vch pryster hy in gottis stat
Vnd byt uch solche sonde glat
Myr wolt vertzyhen hy tzu geghen
Durch ewren gwalt vnd ewren
seghen.
135 Sus als das ich durch myn gesicht
Onordlichen hab vsgericht
Wyder den hern tzu encher tzijt:
Das selb ist myr von hertzen leyt
Vnd byt genad von got mym hern,
140 Der myr dan wol genad tzu kern
AI myne sond tzu bessern hye,
Off das myn arme sele flyhe
Das ewig für nach disser tzijt.
Des mir gon gotz barmhertzigheit.
Von dem gehör.
145 IVfyt hörn hab ich gar tyff on-
i-'J- tzont
Swerlich vnd gröblichen gesont
Mit Inst vnd vss gewonheit starck.
Dy nutzbar dyng tzu hören karck
Byn ich gesyn das merer teil.
150 Sus böse dinghe ser mit yl
Hon ich gehört off menchen weg,
Als dan wass snod onküsch geseg
Mit melody vnd on geseng,
Das myr brocht lust vnd gros
geleng,
155 Auch fabeln vnd onniltze wort
Begyrlich duck vnd vil gebort,
On eer absnyden duck vnd vil,
Das myr was leyder lustlich spil,
Mit grossen loghen hert beswert
160 Da ich myn orn hab tzu gekert.
Auch onnutz gesta von der lyb,
Der weit myr haben tzijt vertryb :
Gar duck gegeben sy tzu hörn,
Da durch myn gmüt sich mocht
vertorn
165 Vnd in onkusche dancken vallen.
Vnd ist das allerbost von allen,
Das ich dy sond nit lyss alleyn
Blyben by myr sonder gemeyn
AI ander lüt so ver ich mocht
170 Auch dar tzu reytzet gantz on
focht
164 gemut.
138
K. V. BAHDER
Tzu don wider den hogsten got
Vnd wyder al cristlich gebot.
Nit hab gebort das gottis wort
Am belgben tag als myr gebort,
175 On ander 1er da von ich ser
Vnd bog gebessert worden wer.
Wy ich mich dan in myra gebor
Vergessen hab durch myn wilkor,
Das ist myr leyt vnd bger genad
180 Von got mym hern itz bald vnd
drad.
0 milter got her Ihesu crist
Erbarm dich myn tzu desser frist,
Myn hertz erquick off dyssen tag,
Das es myn Worten glich tzu sag !
Von dem gesma^.
185 Tch hon gesont durch myn ge-
-*- smag
In spisuiig woUust manchen tag
Nach vsbont vnd in gyttigheit
Tzu vil ober dy messigheit.
Myn vasten duck durch spys ge-
brochen,
190 Dy ich myr dan lyss teglich
kochen,
On Segnung vnd on danckbarheit
Genossen duck tzu mancher tzijt
Mit folle dy mir kranckheit brocht,
Me dan natur verdewen mocht.
195 Vnd allermeist mit dem gedranck
Hab ich myn lyb gemachet kranck
Vnd ongeschickt tzu gutten
dinghen
Als betten lesen dar tzu singhen:
Was myr dan solchs tzu don
gebort
200 Gyng obertzwergs vnd ober bort,
Da durch versumnys duck ge-
schehen.
Das ich dan leyder moss ver-
jehen
Mit warheit dan ich habs geton :
Der ewig got wol mich da von
205 Itz ledighen tzu disser tzijt
Durch syn grundloss barmher-
tzigheit.
Von dem tasten.
"ViTyt tasten leyder vil tzu swer
•^ -"-Hab ich gesendet nah vnd ver
Tzu gryffen an frewlich gelytt
210 Ontzuchtiglich vnd brüst da myt.
Mit manchem kus geschehen von
myr
In grosser onkuscher begyr,
Mich selbs begryffen duck vnd vil
Vnd lassen gryffen myr tzu spil,
215 Da ich dan wollust myr insocht.
Wy mich dan got dy sond vol-
brocht
Weis schuldig also syn sy myr
Von grond myns hertzen leyt:
vnd yr
Begher vertzyhung allermeist
220 Von dem guttighen helghen geist,
Des guttigheit nymantz versägt.
Vnd du vil reyne kusche mägt
Myr armen sonder doe das wort,
Das ich off dys mol werd erhört !
Von dem geroch.
225 Xn liplichem geroch hon ich
-'-Wollust gesuchet farderlich
Vnd obermoss rae dan ich solt,
Myn kleyder da mit haben wolt
Versorgt off das sy smeckten wol,
230 Von blomen duck off mynem krol
Eyn krantz wol richend hab ge-
traghen,
Da ich dan gross hatt in be-
haghen.
Ach got wy ongelich im stechen
Ist myn kraus geghen dym tzu
rechen !
235 Dyn krantz das wass eyn dornen
krön:
So ist myn krantz von blomen
schon.
Dyn krantz der wart mit blot
gespickt:
So ist myn krantz mit gold ge-
stickt.
226 gesuchet gesuchet.
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT.
139
Dyn krantz byss durch dy hyrn-
schal stach :
240 Myn krantz hylt myr myn horlyn
flach.
Ach milter got, dyn guttigheit
Erbarm sich myn, ess ist myr leit
Das ich dich ye durch solch beheg
Ertzornet hab in enchen weg;
245 Auch duck dy armen lut ver-
smecht
Durch yrn gesmack das mich an-
fecht.
Da ober ich dan böss beger
Dy ich verdynt hab hert ond swer.
Ihesu son dauitz hogster got,
250 Durch dynen helghen bytter dot
Kom myr tzu stur itz recht tzu
bichten,
Off das ich myn sond mog er-
lichten !
D
Von den gedancken.
|Vrch myn gedenck hon ich
gesont,
Onkusche werck duck vss ge-
gront,
255 Mit lust der weit vnd yr pom-
peyen
Dy ich begert my tzu verlyen,
On ander schentliche gedencken
Da mit myn sei an hob tzu
krencken.
Auch duck hett dy gedenck fol-
brocht,
2ö0 Het ich dy weit ny me gefocht
Dan got, das mich dan rwet ser.
Durch myn gedenck ich hert vnd
swer
Myr duck hab für gesetzt tzu
rechen
Myn leit durch hawen vnd er-
stechen,
265 Nit hab bedocht das iungst ge-
richt
Vnd ander heylsame geschieht,
Da durch myn sei gebessert wer.
Wy ich mich dan hab ongefer
Vergessen durch gedencken myn,
270 Das ist myr leyt nach allem schyn
Vnd bit genad das ich sy böss
Tzu geghen hy, des myr dan möss
Derber gönnen mytdreyen namen
Der helghen driueltigheit. Amen.
275
Von der rede.
"|\/l"yt reden, uch sy pryster kont,
■^'-■-Hon ich myn sei gar tyff
verwont,
Als durch ontzuchtiglich geschrey
Vnd blasphemyrung mancherley
Wyder myn got vnd al syn
helghen,
280 Der werck ich dan weit freflich
telghen
Durch fluch dem wetter, on yr
werck
Dy ich verwarfl'myt grosser sterck.
Myn eyghen sond hab duck be-
schirmpt
Von kynd off als men mich ge-
fyrmpt,
285 Sus lichtlich ich gesworen hon,
On nachred dy ich hon geton
Gar manchem fromen durch on-
recht,
Altzyt yr leben bog gesmecht,
Getzugnis onrecht dick gegeben,
290 Duck stoltze wort mit wyder-
streben
Myn obern don , on eyghen lob
Den ich myr tzu gab vil tzu grob ]
Tzwey tzongich ich gewesen byn,
Vnd heymlich red dy ich hat in
295 Ober myn pflicht hab offembart,
On logenhafftig schentlich wort
Dy dan von myr syn vssgegangheu
In stoltzem gmut ond hoghem
branghen.
Onkusch gedieht hon ich gesetzt,
300 Da durch myn sei hab hert ge-
fetzt,
Gut gotlich wort hab ich ver-
sweghen,
War ich sy saghen seit tzu geghen,
268 mich fehU.
140
K. V. BAHDER
T
Auch nit gestraflft vnd nit gelert,
Als dan dy gotlich lyb bewert,
305 Altzijt myn tzonghen fest gebracht
Tzu Worten onniitz vnd verflucht.
Das got erbarm von hymelrich, 345
Das ich mich also iemerlich
In myner red vergessen hab!
310 Das ich myr dan tzu nemen ab
Von god beger vnd auch von uch,
Mym pryster, den ich dan ersuch
Vch byttend wolt mich absoluyrn, 350
Off das ich on end mog regnyrn
315 Mit got dem hern in ewigheit
Der frewd vnd aller seligheit.
Von den syben todsonden
vnd tzura ersten von der ho f-
far t.
'zum tod tyffer byn ich ge-
fallen
In den syben todsonden allen.
Tziim ersten mit hoffart behaftet
320 In der begyr mit gantzer krafft
Da durch ich tzu dem wercke kam :
Myn hör geferbt des ich mich
schäm,
Myn antlytz auch vnd oughen-
brehen
Vnd furhobt duck von myr ge-
schehen
325 Hofertiglich heymlich beropft,
Myn hees gestrichen vnd geklopft,
Vnd allermeist des helghen tags
Mit grossem lust soUichs Vertrags
Myn tzijt onnutziglich verslyssen.
330 Tzu hoffart hab ich mich geflissen 370
Tzu werden rieh genog tzu don
Der hottardy noch mynem won ;
Sterck hubscheit vsbont hab be-
gert,
Off das ich hogher word bewert
335 Für andern luten myr tzu lust. 375
Dy hoffart gantz hot keyn gebrust
In myr gehebt von allerley
Das dan antraff dy hofferdy.
Eyn iglichen wolt obertrefl'en,
340 Er wer auch doctor oder scheffen, 380
355
3ß0
365
In wysheit vnd in der gebort,
In alle haben wollt das wort
Der grossen obertrefflicheit,
Eyns andern mans gebrechlicheit
Tzu mynem lobe duck ertzelt
Vnd syn bespottet obgemelt,
Sus myn gebrech myner figuren
Myr off gesetzet von natüren
Beschempt ich mych durch hof-
fardy.
Auch gutte woldät mancherley
Hab ich mich duck beschempt
tzu don.
Mich selbs gelobt duck bog vnd
schon
Für geben myr tzu lob vnd pryss,
Dar tzu tziim duckern mol myt
flyss
Myn eyghen schand hab offenbort,
Das myr gab frewde wan ichs hört.
Myn eyghen woldät angenem
Bedocht mich wy sy von myr kern
Von eygner krafft vnd nit von got.
Durch hoffart myner hern gebott
Verachtet ongehorsamlich
Mit Worten wercken des gelich,
Ir guttig straffe hab veracht
Mit wyderstant vss gantzer macht,
Auch stoltziglich yn wyder spro-
chen
Dy ding dy ich dan hatt ver-
brochen,
Dadurch ich duck eyn orsachwass
Tzu brenghen sy tzu tzorn vnd
hass.
Dy hoffart hott myt myr gemacht,
Das ich al menschen hab veracht,
Keyn mensch mocht myn durch
enchen fog
Nach mym bedonck syn gut genog,
Dy myr hon geben eer vnd gut
Hon ich veracht in obermut,
Durch hoffertighen eyghen sj'n
Tzu aller sond gefallen byn.
0 got myn her eynigher pur
Genad myr armen creatur!
Dyn demilt her myn hoffart töd
Off das ich armer nit so öd
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT,
141
Verderb in solcher hoffardy.
Gyb myr her das ich sy verpfy
Von grond myns hertzen snellig-
lich !
0 her mich hör von hymehich !
Von der gitigheit.
385 "jVTach hoffart ich in kurtzer tzijt
"^^ Gefallen byn in gitigkeit:
Eyns andern gut hon starck begert
Vnd felslichen mich duck ernert
Durch spilvnd rasseln mancherley
390 Vnd ander lut tzog mit da by;
Vnd alles das ich so gewan
Tzu mynem nutz lacht ich das an
Vnd soUichs gantz nit wyder gab,
In massen dan eyn böser knab
395'„Dem dan keyn bosheit ist tzu vil,
So ted ich auch in solchem spil.
Myn hüs tzum spil hon ich ver-
lühen
Vnd worffei falsch off gut ver-
trwen
Gelwen dar, des myr mit schar
400 Dy dritte schantz wart also bar.
Mit bösem gelt gar duck verloghen
Dy lute feischlichen betroghen,
Ja manchen armen wytt gesessen
Der dan nit hatte brot tzu essen
405 Dy myn beswert in hogher acht,
Da von myr dan myn hertze lacht.
Tzu Stelen roben gantz geschickt
Vnd doch das selb myr gantz nit
klickt
Was ich so durch onrecht gewan:
410 Wan myr tzu kam eyn slechter
man
Gar bald eyn vond ich myr be-
docht
Da ich das gelt myt von ym brocht.
Was gitigheit moeht off ym hon,
Das wüst ich meisterlich vnd
schon,
4 1 5 Nichtz vsgenomen vmb eyn hör.
Versprochen scholt hylt ich nit
wor,
Keym armen menschen kranck
vnd dab
Myn lebtag ny keyn heller gab,
Keyn mensch off ertrich ny gelebt
420 Dem gittigheit so hert an klebt.
Durch gitigheit hon ich gesmecht
Myn eighen eer vnd myn ge-
siecht,
In gyttigheit ny böser art
Off' ertrich mensch geboren wart,
425 Der so vil hab durch gittigheit
Gesond als ich, das myr ist leit.
0 got durch dyn heiligs ver-
trwen
Myr armen sonder gyb eyn rwen
Vmb myn mysdät tzu dysser tzijt
430 Von myr volbrocht myt gittigheit !
Ich weys das dyn barmhertzigheit
Ist grosser dan al sontlicheit.
Dem nach gilttigher vatter myn
Mich armen mach von sonden
reyn !
435 0 her mich armen nit verlass!
Des ich dich bit ye leng ye bass.
So lang als ich das leben hon,
Wil ich des nummerme gedon
Mit dyner hulff, dy mir verlyhe
440 Vnd al myn sond da mit vertzyhe !
Von der onküscheit.
IVTach dysser sond hy für gelesen
-^ ^ Byn ich liplich onkusch ge-
wesen
Mit grosser wollust vnd begyr,
On vberfluss des nachtz von myr
445 In mynem slaff das myr ted wol,
Onkuscher wort myn hertz wass
vol,
Mit tasten küssen vnd vmbfanghen
Hon ich gar swerlich sond be-
ganghen
Vss lyb der onküscheit alleyn :
450 Vnd wan ich schon das werck
gemeyn
Nach mynem willen nit volbrocht,
So wart es doch von mir bedocht
Mit dem gemiit, da von für allen
Myn hertz in nam eyn wolgefallen.
455 Durch onkusch hon myn ee tzer-
stort,
Geistlich personen weg gefort,
142
K. V. BAHDER
Tzu mencher iuncfrawn byn ge-
komen,
Der ich dan hab yr eer genomen,
Myn eyghen mog beymlich on
schal
460 Durch onkusch hab gebrocht tzu
val.
Da myt wass es myr nit genog,
Ich soeht auch eygnen ongefog
In solchem lust oflP fremde weg
Ober natur bysonder pfleg,
465 Das myr dan gab dem hertzen myn
Frewd vnd wolt des geromet syn.
0 kuscher reyner gottis son
Ihesu der ny bot vbels don,
Dyn reynigheit myn wustigheit
470 Hyn nym durch dyne guttigheit!
Nit mich verlass also berüst
In solchem ser stinkenden wüst
Vergeen schentlichen tzu be-
trachten !
Ich bit myrgyb das tzu verachten,
475 Dan on dyn hulff ich des nit mag,
Myn fleisch vexirt mich nacht
vnd tag
Vnd gant on rw des werckes byn.
Vnd du vil reyne koninghyn,
Eyn eyngher bron der reynigheit,
480 Erbarm dich myn vs miltigheit!
Kern myr durch gnad tzu trost
vnd stur,
Off das ich nit das heische für
Durch solchen wüst mit schänden
rot
Ewig verdyn nach mynem dot.
485 Da von mich dan got mosse
schalten
Der dan al sonder wil behalten.
I;
Von hass vnd nyt.
n hass vnd nit gefallen byn
-Myns nesten, so ich syn gewyn
Greluck vnd eer vermercket hab
490 (Das myr ist leit bis in myn grab)
Vnd war ich sollichs hindern
mocht
Das ted ich bald on alle focht.
Syn schad alleyn durch nit vnd
hass,
Wan ich den hört, myr freude wass
495 Vnd wan ich hört von synem gluck.
So wart myn hertz vol leydes
druck,
Ess treff auch an was es dan wolt,
So ducht mich ye das er nit solt
Tzu solchem gluck geboren syn,
500 Hat er da vber brocht myr pyn.
0 gotlich lyb war warstii don,
Don ich mym nesten solchen hon
In mynem hertzen tzu gefögt
Vnd ym so ver ich mocht furbögt,
505 Das ym brocht schaden hert vnd
swer.
Ach criste got guttigher her
In onsyn ich befanghen wass.
Ich byt dich solchen nit vnd hass
In myr vertilghe gantz vnd gar,
510 Dyn lybe myr mach offenbar
Tzu don mym nesten alles gut
Durch dyn heyligs rosenfar blut !
Von ober essen vnd ober
drincken.
M
it ober essen vnd mit drincken
Hab ich den hont ser lassen
hyncken,
515 Furkomen duck den dorst vnd
hongher
Von aubegyn als ich noch iongher
Dan itz von iarn gewesen byn,
Da durch ich myn vernufft ond syn
Gekrencket hab off menchen weg.
520 Tzu foUery wass myn beheg.
Als tag ond nacht vol wyn tzu syn,
Das ich kum geen mocht nach
dem schyn,
On kostlich spyss von wurtzen
heyss,
Dy ich mir dan mit gantzem flyss
525 Bereytten lyss als myr tzu laste,
Oft' das oiikuscheit keyn gebruste
In myr het sonder bald bereytt
Tzu dem werck syn mocht alle tzijt.
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT.
143
Vil süs gedrencke myr bestalt
530 Vss fremden landen mannigfalt,
Als maluysey vnd lutterdranck,
On reynfal den men myr in
schanck,
Bastart potaw vnd vyn de greck,
Da in ich dan hatt myn geleck,
535 Gaskonge rot vnd auch beon,
Ciaret mit ypocras gar schon
Vnd bog geferbt durch tornesol,
Das myr ted ym mym hertzen wol.
Nit achtet menches armen men-
schen,
540 Des hend myt arbeit swr on
henschen
Nit teglich ym gewjmnen mocht
Diirch Suren erbeit hert volbrocht
Des groben rucken brotz mit fog
Für sich vnd syn husfraw genog,
545 Des glich der armen krancken lut
Ellendiglich der nymantz hut,
Bettresen alt beyd fraw vnd man,
Bresthaftig vnd betrübt, dy dan
Alleyn vss grosser kranckheit
müsten
550 Mit laub yr eyghen bett ver-
wüsten
Vnd da in lighen tag vnd nacht
Alleyn vss kranckheit vnd
amacht.
Nit hab geachtet kurtz noch lanck
Wan ich mit lust so ass vnd
dranck.
555 Gar wenig docht in mym gefallen
Off cristus dranck gemacht von
gallen,
Als er am holtz hyng ombehawen
Ja nacket gantz für man vnd
frawen.
Ach got myn her erbarm dich myu !
560 Lass dyr myn seel befollen syn!
So nu dy tzijt hertzuher strichet,
Das sy von mynem korper wichet.
Von dem tzorn.
/^n orsach duck getzornet hab
^^Vnd mynen nesten obergab
565 Vnd sonderlinghen myn gesinde,
Als frawen megde dar tzu kynde
Vnd wan ich mocht räch ich myn
tzorn
Nach tzijt vnd stond myr vss-
erkorn,
Kleyn onrecht gantz mit on-
gedolt
570 In keynen weg nit liden wolt.
Durch tzorn honsprach duck hab
geton
Dem hogsten got in hymels tron,
On ander lut duck hogeborn
Dy ich verachtet durch myn
tzorn ;
575 Ich swig der lute in gemeyn
Dy ich durch honsprach gross
vnd kleyn
Vernichtet gar so ver ich mocht.
Myn tzorn duck mich bot dar
tzu brocht,
Das ich an hob mit flyss tzu
streben
580 Tzu nymen eynem lyb vnd leben
Auch eer vnd gut, was myn begyr,
So ser regnyrt der tzorn mit myr.
Durch tzorn duck hab ich myn
gesellen
Geflucht in abgront von der hellen.
585 Nit weyss war vmb so jemerlich
Der tzorn so bot vmgeben mich,
AI tzijt vnd stond myt myr regyrt
Vnd byn doch gantz in ym veryrt,
Dan ich ken myn complexion
590 Dy dan gentzlich in warem won
Nit drucken heyss naturlich ist,
Da von dan tzorn tzu aller frist
Das merer teil eyn anfang hot.
Wan es dan schon von solcher dat
595 Vexyret mich, so wiist ich rat
Durch ertzeny in solchem grat
Der solchen tzorn myr refrenyrt,
In kelt vnd fuchte bog probyrt.
Aber es leider nit da von
600 Myr armen kompt in warem won,
Ess kompt von kelte got geklagt,
(Das wort den ertzten nit behagt
580 nymen a/as mymem coiTigirt,
599 es] myr.
144
K. V, BAHDER
605
610
615
620
625
630
635
640
64i
Das ich yn doch beweren wil)
Dy kelt in myr hott ser vnd vil
Dy gotlich lyb vss myr vertryben,
Da für naturlich keyn gescryben
Mag werden von der ertzeny;
Alleyn eyn krutt wer myr das by
Heist lybe gotz, von solchem bösen
Mich worde flucs vnd bald erlosen.
Ach got du allerhogster artzt,
Du der al hymel oben tzartzt
Mit dem gespreng der sternen dar,
Mach myr das krutlyn offenbar !
Dan on das krutlyn obgerort
Myr armen nit geholffen wort,
Dan mich gewonheit bot bestelt
Vnd mich tzu tyff da in gefeit,
Durch mich erfarn tzumencher zijt
Mit iamer gross vnd hertzeleit.
Dan wan ich solchen tzorn antreb,
Dan hass vnd nit lang by mir bleib
Mit grosser vmbestymmigheit,
Als roffen schryen ver vnd wyt,
Da mit ich dan vil lut dy har
In oneynigheit auch verwar,
Nit den vertzyg an myr verscholt
Alleyn durch tzornes ongedolt,
Durch tzorn myn nesten duck
verkurtzt
Vnd yn von eer vnd gut gesturtzt.
Wan ichs betracht so vorcht ich
mich,
Das ich so gar ommiltiglich
Myn tzorn mich hab regyren lassen.
Das ess tzu vil ist vssermassen.
Ach got nit rieh durch dynen tzorn !
Ich wer sus ewiglich verlorn.
Myn tzorn myr sefft dyn guttigheit,
Der du bist vol tzu aller tzijt
Vnd wilt nit haben sonders räch
Tzu matten in durch dynen schach
Der ewighen verdampten peen,
Sonder du wilt yn lassen geen
Tzu besserung al syner sonde.
0 her da in myn hertz ontzonde!
Off das ich mit dyn vsserkorn
Mog flyhen dynen lasten tzorn.
Amen.
Voutracheit tzugottisdynst.
^I^zu gottis dynst bin ich gewesen
*- Vast trag tzu hörn vnd auch
tzu lesen,
Guttad in wercken vnd mit wort
650 Volbrocht ich nit als myr gebort.
Das böss das ich sus flyhen solt.
Das selb altzijt volbringhen wolt,
On arbeit mossig byn gesessen
Vnd also hab myn brot gegessen,
655 Trag byn ich in al myn ge-
schichten
Vnd sonderlinghen itz tzu bichten.
Was fulheit off ym haben mag
Hon ich geton on wyderslag,
Duck onderweghen hab gelassen
660 Myn büss wan ich so wart ver-
drossen.
Des glich alles wass myr tzu stont
Wan men das gottis wort verkont
Oder das men sus messe lass.
In tracheit hon ich vbermass
665 Gesondet, (des ich mich dan
schäm)
Gar selten in dy kyrchen kam
Vnd das dy har treb alle tzijt,
Da durch ich in gewonheit wyt
Gekomen byn gar kummerlich,
670 Tzu lassen sollichs focht ich mich.
Lang slaft'byss off den hoghen tag
Ja duck vmb nun syn myn vertrag.
Dy fulheit hott mich so durch
spicket,
Das ich gentzlich byn ongeschicket
675 Tzu dynen got in enchen weg,
Alleyn da in ist myn beheg,
Das ich sy vül vnd fressig mit,
Dar tzu geneigt syn al myn zijt.
Gantz nit betracht das sollichs
wesen
680 Nach mym bedoncken vsserlesen
Mich wort vertei'ben in den gront,
Das ess mich mächt tzu aller stont
Tzu allem gutten ongeschickt,
Da durch myn sei dan wort ver-
strickt
607 den.
JOHANN VON 80EST, ]^Y GEMEIN r.ICIlT.
145
G85 Vnd vest behafft in sontlicheit,
Das myr tzilm letzteu hertzeleit
Vnd ewig straffe brenghen wort.
0 reyne iuncfraw ontzerstort,
Erbarm dich myn vnd bit für mich !
G90 Das ich nit also iemerlich
In mynen sonden so verdarb,
Off das ich nit wan ich gesterb
In geen bedorff dy heische pyn
Vnd solche sond da in beweyn
695 Ja ewiglich vnd ommerme.
O her für solchem strenghen we
Dyu heiligs blut wol mich be-
schützen,
Das du host an dem hultzen stutzen
Durch mich vergossen miltiglich :
700 Das selbig blut das wesche mich
Vnd mach mich reyn von allen
sonden,
Off das ich auch mit mog ver-
konden
Nach dyssen leben dynen lob,
Dan dy verdampten stum vnd dob
705 Her dich tzu loben syn altzijt.
Dar vmb o her dyn guttigheit
Mich vsserwel dich auch tzu loben
Mit andern in dem hymel oben,
Des myr gon heymlicher vs-
gronder
7 1 0 Der hertz, Ihesu, trost aller son-
der. Amen.
Von den .x. gebotten vnd tzu
erstvondem ersten: hab got
lyb für allen dinghen:
|y tzehen gebot off menchen
stetten
Hab hert vnd swerlich obertretten
In Worten wercken vnd gedencken.
Tz um ersten hab ich durch ab
rencken
715 Der lybe gotz mich hog tzerstort.
In nit gelybt als myr gebort,
Auch nit gefocht noch angebett
Als dan dem hogsten gut tzu stett,
Onhoffnunggantz.auchynnitfocht
720 Als mynen hern der mich dan mocht
GERMANIA. Neue Reihe. XXI. (XXXUl.) Jahrg.
D^
Verterben in eym oughen blick.
Den alten tzobern vil vnd dick
Me hon gelaubt dan cristus 1er,
Das myr ist leyt vnd rwt mich ser.
725 Wy ich dan so gesondet hon.
Da für al hy wil boss ontpfon,
Got byttend das er myr verlyhe
War rw vnd leit vnd myrvertzyhe.
Du soll den namen gottis nit
onnützlich in dynen mont
nemen:
T\En namen gotz in mynen mont
730 -'-^On orsach duck tzu mancher
stont
Genomen hab gar lyderlich
Vnd yn gesworn onwirdiglich,
Auch ander lut so ver ich mocht
Tzu solichen sworen auch ge-
brocht.
735 Keyn slechtes wort hylt ich von
wert,
Ess wer dan mit dem eyt bewert.
Dy helghe scryfft dy dan von got
Ist off gesetzt, ducht mich syn spot,
Dy gotz gelyder duck versworn
740 Off dem spil wan ich hatt verlorn
Vnd al syn helghen auch da mj^t.
Des ich dan itz genade bytt
Vnd böss beger da vber vil,
Dy ich dan gern volbringhen wil.
Das drit gebot du solt dy
helghen tag vyren:
745 ir\j helghen tag hon nit gefyrt,
-'-^ Durch hoffart mich vil me ge-
tzyrt
Dan ander tag sus in dem ior,
Tzu andacht mich nit vmb eynhor
Des helghen tags hab me gewent,
750 Sonder dy tzijt vil me getrennt
Von got durch myne vppigheit,
Auch myn gesind dy helghen tzijt
Duck hab liplich arbeytten lassen :
Das myr dan leit ist vssermossen
755 Vnd ist myr leit tzu aller frist
Das sollichs myr nit leyder ist.
10
146
K. V. BAHDER
Das vyrd gebot du solt vatter
vnd mütter eern:
lY/f yn eitern liou ich nit geert
-^^-■-Als dan das vyrd gebot mich
lert,
Sonder sy duck by mynem leben
760 Gar stoltziglichen obergeben,
Auch hab ich yn wan ich erkant
Ir notroft't, nit gedon bystant.
Des glichen auch wass ombereyt
Mynr motter in der cristenheit
7 GS Vnd ungehorsam myn prelatten,
Dy ich dan ee hett lassen bratten,
Ee das ich hett yrn wiln geton,
Den tzehenden yn ontzoghen hon
Mit onrecht dar tzu frefelich :
7 70 Dy bosheit itzont frisset mich
Vnd myr beger da vber böss
Genog tzu don itz off dem föss.
Das fuufft gebot du solt ny-
niant toden:
Wy wol ich nymantz hab tzu
tod
Liplich geslaghen als dan hott
775 Das filnfft gebott in syner schritft,
So hab ich doch heymlich gestifft
In myr eyn sollichs tzii vol-
brenghen,
So ver myr tzijt das word ver-
henghen
Oder tzum mynsten nach dem
willen 5
780 Dar tzu ich dan myn eyghen
pillen
Lyss machen wy in Lombardy,
Dy dan eym menschen vmb
eyn ey
Vergeben das er sterben moss •
Sus duck myt scharpffen messern
bloss
785 Myn nesten swerlich hab verwont
Vnd yn verterbt byss off den
gront,
Dar tzu ym nam ommyltiglich
Syn tzitlich häff geweltiglich,
Da von dan al tzu menchen iorn
790 Syn wybvnd kynd vertorben worn
On orsach, des dan iamert mich
Vnd sol myr leyt syn ewiglich
Dy wil das ich das leben hon,
Das ich eyn sollichs hon geton
795 Den armen unschuldigen kynden,
Dy sich dan mosten onderwynden
Ja honghers halp tzu geen nach
brot :
Des ich noch teglich werde rot
Von schäm so ich dy sond be-
tracht.
800 Ich bytdich her dyn gotlich macht
Mich absoluyr von dem gefert,
Dan dy sond hot mich ser beswert.
Das sest gebot du solt nit
vn kusch syn:
TTj^N oberspil hon icli myn tzijt
-*-*Versplyssen swerlich ver vnd
wyt
805 Mit mancher frawen in der ee
Beyd off dem land vnd off der zee,
Duck hab gar manche grosse vart
Volbrocht bys das myr eyne wart
Vnd wan sy myr nit werden mocht,
810 Dy ich durch solche reyse socht,
So wart betrübt gantz myn gemiit.
0 got myn her durch dyne gut
Verly myr boss vnd penitentze!
Mit ysop bit ich mich besprentze !
815 So werd ich wysser dan eyn sne,
Gelich in dem miserere
Von dauid den bescryben stot,
Als er syn ee gebrochen hot
Vnd wyder vmb tzu rw vnd leit
820 Kam durch dyn milte guttigheit,
Dy du ym dy tzijt host verlwen:
Des glich ich auch off das ver-
trwen
Bit ich genad tzu geben myr,
Off das ich myn erb nit verlyr,
825 Das du myr dan myn hogster trost
Durch dynen tod erworben host.
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT.
147
Das sybend gebot du solt nit
Stelen:
M^"
Stelen duck hab ober-
tretten
Vnd aller meist off helghen
stetten
Als kyrchen clnsen onerlobt,
830 Gar duck vnd vil schentlich be-
robt,
On sus das ich gestollen hab,
Des ich dan nummer wyder gab,
Mit dynst ontrwlich frw vnd sped
Den ich dan mynem herren ted,
835 In myner rechnung bog ver-
loghen
Myn fromen herren duck be-
troghen,
Für eyn . v . duck eyn . x . ge-
schryben
Vnd das eyn lang tzijt ange-
tryben,
Das geistlich gut myt horu ver-
tzert,
840 Der armen gut tzu myr gekert,
Auch nit nach dem dan wart
erkent
Am lesten hylt das testament,
Das myr dan got vertzyhen wol
Durch Ihesum aller gnaden vol.
Das achtet gebot: du solt
nit falsch getzugnis geben:
845 /^Etzugnis falsch by mynem
^^ leben
Ober myn nesten duck gegeben
Hab heymlich dar tzu offiglicli,
Auch bryff tzu scriben felschiglich
Om gelt vnd ander böse tuck
850 Mym nesten offgelegt tzu ruck,
Syn eer tzu smytzen war ich
mocht.
Durch falsch bewerung ser vol-
brocht:
Da von ich dan begere mich
Tzu absoluyren furderlich,
855 Des myr dan gon der bog getzyrt
Der alle sonder absoluyi-t.
Das nünde gebot. Du solt ny-
raantz frawen begeren:
T^Vrch hübsch gestalt an yrem
^-^ lyb
Hon ich begert myns nesten wyb,
On nonnen siis vnd auch be-
gynen,
860 Dy ich dan al myr tzu erscbynen
In dem onkuschen werck begert,
Dar nach gerytten wyt tzu pfert
Sy an tzu sprechen vnd tzu sehen.
Wy dan eyn soUichs ist geschehen
865 Von myr dy tzijt, das rwet mich
Vnd sol myr leit syn ewiglich.
Das tzehende gebot, du solt
nymantz gut begern:
yns nesten gut hon ich
begert
Als ecker wyse bog von wert
Vnd al myn list des halp für want
870 Byss ich das brocht tzu myner
hant
Als myt betrog vnd mit gewalt.
Wy ich dan vynden mocht gestalt
Da durch ich soUichs oberkem,
Das wass myr alsam angenem.
875 Duck hab durch mynen bösen lun
Orsach gebrochen von eym tzun
Oft' das myr word des armen gut.
0 her myr solchen obermut
Vertzy durch dyn vil heiligs
lyden !
880 Dy sond wil furbas al tzijt myden
Durch dyne hulft' der ich beger
Itzont von grond myns hertzen
ser.
M^
827 hab fehlt.
869 lust.
10^
148
K. V. BAHDER
Von sonden in geraeyn des
gantzen libs:
Xj^Vrbas gesont hon in gemeyn
Mit myn gelydern gross vnd
kleyn:
885 Mit mynem hobt nit hon geton
Myn obern eer vnd yn tzu hön
Myn hals nit hab tzix mencher tzijt
Gebogt tzu der gehorsamheit,
Tzu bösen dinghen vss gestreckt
890 Myn oren duck das mich befleckt,
Des glich myn oughen vss ge-
breyt
Tzu aller weide vppigheit,
Myn näs tzu dem geroche kart,
Da von ich dan noch böser wart,
895 Durch mynen mont gar duck
verloghen
Myn nüsten hab vnd yn be-
troghen,
Des glich myn tzoug mit allem
wesen
Feischlichen federn hab gelesen,
Myn keel gar duck me dan ich solt
900 Mit suffen fressen oberfolt,
Myn hend wer schand für yder-
man
Tzu hörn das sy duck gryften an,
Myn buch duck wyder dy gebot
Gefrilt hon dick on alle not,
905 Den lenden myn hon ich begert
Onkuschenlust myr bog von wert,
Tzu eern myn knw obal erhogt,
Mym got vnd obern nit gebogt,
Tzu blutvergyssung vnd bul-
schafft
910 LyÜ'en myn füss vss gautzer
krafft.
Wy ich mich dan so vs gemessen
Durch myn gelyder hab ver-
gessen,
So ist myrs leit vnd rwet mich
Vnd bit dich got von hymelrich
915 Myr armen wol genedig syn
Durch dyne smertz vnd helghe
Dy du durch mich gelitten host
Vnd von dem ewighen tod erlost.
Von
920
925
930
935
940
945
950
955
den ses wercken der
barmhertzigheit:
TP|y wercke der barmhertzigheit
■*- Hai) ny volfort, das myr ist
leit:
Dem honrighen gab nit tzu essen,
Den dorstighen auch hab ver-
gessen
Vndnitgedrenckt nach synernot.
Dem fi-omden nit iierberg bot
In synem eilend wan er kam,
Dy armen krancken lut vnd lam
Nit visytirt nach dem ich solt,
Den nackten ich nitkleyden wolt,
Dy arm gefanghen gantz on trost
Durch myne hultfe nit erlost,
Dy toden nit hab helffen graben.
Sus geistlichen: wolt ny gelaben
Als ongelert dy groben leyen
In konst yrs heils sy ichtz tzu
heyen,
Da durch sy oif den rechten weg
Gekomen wern durch lichte pfleg
In myr vnd auch in in tzu vassen,
Das ich dan nit ted durch ver-
lassen.
Den armen luten ny keyn rät
Gegeben hon wan men mich bat,
Vss lyb hon den veryrten nit
Gestrafft als dan lert cristlich zijt,
Betrübte lut hon nit getrost,
Den dy myt myr hatten geböst
Hab nit vertzighen gantz vnd gar
Als mich dan Cristus lert gar klar,
Onrecht das men myr bot geton
Nit mit gedolt gelitten hon,
Dy seel eilend in pyn der ketten
Da hab ich got nit für gebetten,
Myn luten myr arbeit geton
Hab ich verhalten yren Ion.
Got myr verly dy sond tzu bössen,
Das sy mich furbas nimmer
mössen
Besitzen, myuer sei tzu trost,
Des myr maria ombemöst
Dy reine juncfraw gönnen wol
Myt yrem lybsten filiol '
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT.
149
Von den tz wollt ar tick ein
des gelaubens:
"S~\I tzwolff artickel im geloben,
960 -"-^Da dan des menschen heil
steit oben,
Nit hab gelobet festiglich,
Als dan eyn solt. der cristiglich
S3^n leben dan volenden wil :
Getzwifelt hab ich duck vnd vil
965 Itzont an dysem dan an dem,
Des ich mich dan von hertzen
schem,
Den glauben uy beschirmet hon,
Als ich dy ketzer hört da von
Vnd wyder reden gantz mit
macht,
970 Vil meyu tzu hört vnd nam acht
Ir argument dy myr für vol
Von gantzem hertzen datten wol.
0 got myn her der al ding kent,
Ich byt behalt das Fundament
975 Für allen dinghen her in myr,
Dan wan ich das in myr verlyr,
So ist ess geutzlich myt myr vss ;
Ee wil ich vallen dyr tzu fuss
Vnd dich an rotten vestiglich,
980 Das du mych her barmhertziglich
In dym geloben machest starck,
Dan der gelaub der ist das marck,
In welchem das marck wort tzer-
stort
Der selbig nummer sellig wort,
985 Ommoglich ist on den geloben,
Das enuych mensch werd für
geschoben
Vnd gnad erlangh von got dem
hern.
Des halp den glauben wil ich lern
Für allen dinghen myr tzu stiir,
990 Off das ich nit dass heische für
Dorff in geen myt betrübtem mCit.
Des myr got gun das hogste gut !
995 Des halp mich da in hab versont.
Tzum ersten hab mynsel verwont
In mynem toff, in dem ich solt
Verleuchent haben vnd abholt
Tzu syn der pompen disser weit
1000 Vnd auch des tuffeis onuerhelt.
Durch focht myns libes vnd durch
pyii
Verswighen hab den glauben myn,
Nit hab geert am mynsten grat
Nach dem ich solt den eichen stat,
1005 Myn orden ich onwirdiglich
Ontfangen hab, das rwet mich,
Almosen vasten betten nye
Getreben hab in wercken ye,
Montliche bicht hon ny beganghen
1010 Auch nit das sacrament ont-
pfanghen.
Das mj-r vertzy der ewig got
Der alle ding geschaffen hott.
G"
Vonden syben sacramenten.
kl syben helghen sacrament
Dy hon ich byss her ny erkent.
d:
Von den drey hobt toghent
vnd .iiij. anghel toghent.
.Esont hon ich von myner
ioghent
Swerlich wyder dy syben toghent :
1015 Nit woren glauben hab gehebt.
Auch hoffnung myr ny hert an
klebt,
Dy gotlich lyb vnd auch myns
nestcn
Hott vil gehebt in myr gebresten,
Nit wyslichen für hyn beti-acht
1020 Das werck tzu don das ich vol-
bracht;
Nit starckmutig byn obermass,
Dan ich mich bald ontrusten lass,
Nit altzijt blyb getemperyrt
Tzu werffen ab lustig begyrt,
1025 Gerecht ich ny gewesen byn
In mynem hertzen gmüt vnd syn,
Altzijt myn nutz durch werck
vnd wort
Hon me gesucht dan myr gebort.
Das mich dan rwt vnd ist myr leit
1030 In hertzelicher bitterheit.
985 on an.
1001 libes /eM.
150
K. V, BAHDER
D'
Von den syben gaben des
heiig hen geistes:
^Es heilghen geistes gäbe
syben
Hab ich myt wercken ny getryben :
Keyn wysheit ny tzu gottis eer
Getryben hab, das myr ist swer,
1035 Dy heische pyn durch myn ver-
stant
Ny hab ertrachtet noch erkant,
Keyn gutten rat kan ich ertzelen
Von myr das beste tzu erwelen,
Keyn konst vynd ich mich tzu
probyrn
1040 Vnd auch mich selbs mocht nyt
regyrn,
Altzijt nit starck werd ich erkant
Tzu don dem bösen wyderstant,
Nit mylt bin ich, dar tzu on focht
Byss her myn leben hon volbrocht.
1045 Das myr ist leit myt grosser klag
Vnd sei myr leit syn al myn tag.
Von den tzwolfffrüchten des
heilghen geistes:
DI tzwolff des heilghen geistes
fr u cht
Hon ich myt wercken ny vol-
brocht:
Von lyb vnd freud myn hertz
was wyt
1050 In gottis dynst tzu aller tzijt,
Durch onfryd vnd durch ongedolt
Hon ich dy helle duck verscholt,
Nit langinodig vnd auch nit gut
Byn ich gewesen oberblt,
1 055 Auch hattich gantz keyn guttigheit
Tzu mynem nesten, ist myr leit,
(Das dan off ym hot onderscheit
Tzu sprechen gut vnd guttigheit:
Das erste, gut, heyst bonitas,
1060 Guttigheit ist benignitas)
Dy tzucht hon in den zytten myn
Vnd kleydern auch geachtet
kleyn,
Auch nyt safftmodig byn gewesen
In dinghen myr on vsserlesen,
1065 Dy warheit vnd demltigheit
Syn altzijt myr gewesen wyt,
Onthaltung nach myner begyr
Mit lutterheit wass nit in myr.
Da in itz dan mit oughen nass
1070 Ich mich beken ie leng ye bass.
Von den acht seligheytten.
Tch armer dy acht seligheit
-*-Hab obertretten ver vnd wytt:
Dy armot gantz myt ongedolt
In mynem geyst nyt haben wolt,
107 5 Nit sefftmodig in mynem syn
In wyderstant gewesen byn,
Myn sond, als leyder wol erschynt,
Für dysser tzijt hab ny beweynt,
Auch mich ny hab dar tzu gegeben
1080 Wy ich mocht forn eyn rechtes
leben,
Erbarmung myr ny hab ertzogt
Oder eym andern tzu gefogt.
Mit reynemi^hertzen vmbefleckt
Hab ny gelebt, das mich er-
schreckt,
1085 Nit ft-ydsem ich gewesen byn,
Altzijt wolt ich hon mynen syn
Da durch dan duck oneynigheit
Ontspranck myt grossem hertze-
leit,
Das böss da ich mit wart be-
strytten
1090 Vmb gottis wiln ny hab gelytten.
Sonder so ver vnd waii ich mocht
Da vber altzijt räche socht.
Wy ich dan mich durch hog
beswern
Vergessen hab für got dem hern
1095 Off alle weg itz obgemelt,
Gebichtet oder onertzelt,
Onwislich wislich wy das wer,
Auch slaft'end wachend ongefer,
In dencken werten vnd yn
wercken,
1100 Wy dan eyn mensch mocht sond
gemercken,
1040 myt.
1078 tzijt fehlt.
JOHANN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT.
151
Da ich got mit ertzornet hett:
So gyb ich mich itz vest vnd stett
Schuldig vnd bit genad da für
Von Cristo der dan mich gar twr
1105 Mit synem lyden hot betzalt,
Vil me dan ny keyn richtümb galt
Hot er vmb mich gegeben bar,
Syn gut er nit alleyn gab dar,
Auch synen lyp der dan tzu tzert
1110 Durch mich wart vnd gentzlich
verwert,
So das keyn ader gross noch kleyn
Dy tzijt bleb sten da sy solt syn,
Keynbeyn bleb steninsynerstat.
0 Criste wy warstu so mat
1115 Dy tzijt don das durch mich ge-
schag
Off fritag für den ostertag!
Du lemlyn aller guttigheit,
Wy mocht doch grosser hertzeleit
Eyn mensch ertachtendem gelich
1120 In smertzen also bitterlich!
Ommoglich das ist tzu erdencken :
Keyn menschen mocht men me
gekrencken,
Dan gottis son gekrencket wart
An synem reynen lybe tzart,
1125 Dan er wass von der besten art,
Des halp wass ym tzu lyden hart
Vil me dan enchem andern man.
0 her wy ser dyn lybe bran
Dy tzijt als du dich so für mich
1130 Tzu tzerren lyssest iemerlich,
Off das du her dy sele myn
Behyltest für der heischen pyn !
Tzu wydergeltung wass hon ich
Her dyr geton berichte mich !
1135 Ich hab tzu wydergeltung dyr
Her dyn gebott durch alle vyr
Gebrochen duck vnd mannigfalt
Von ioghent off byss ich byn alt
Geworden also lesterlich,
1140 Das ny keyn mensch det des
gelich.
Ach guttigher got myn erbarm,
Merck das ich byn geboren arm
Vnd gantz on dich keyn stur
nit habe,
Mich armen sonder bit ich labe.
1145 Off das ich armer nit ersticke.
O hogster artzet mich erquicke !
Gyb myr in her dyn bezoar,
Ich werd anders vergeen dy har.
Keyn artzet sus off dyssen tag
1150 Anders dan du myr helffen mag.
Durch dyn grundlöss barm-
hertzigheit
Bit ich dich her tzu disser tzijt^
Mich wesch von mynen sonden
reyn
Itzünt gebychtet in gemeyn.
1155 Dyn heilghen geist bit ich myr
sende
Tzu ledghen mich durch prysters
hende
Von al myn sonden ye geton.
Des helff myr Ihesu gottis son,
lubrünstigher guttigher got
1160 Durch dyn helghen funff wonden
rot! Amen.
Der besloss dysses buche s,
'er sy dyr in der ewigheit
Almechtighe driueltigheit,
Got vatter son vnd hilgher geist,
Personen drey in eynem leist,
1165 Das du lohannen mich von Söst
Tzu dissem werck gewyrdigt höst
In rym tzu setzen disse bicht
Für mynem end, da vss dan licht
Iglicher mensch mag bichten lern,
1 170 Got dyr tzu lob vnd auch tzu eern.
Ich bit dich durch dyn gotlichs
wesen,
Gyb al den dy hy inne lesen
AI yrer sond war rw vnd leit.
Mit gantzem fursatz alle tzijt
1175 Nit me tzu sonden wyder dich,
Got dyr tzu loben ewiglich.
Mich armen blöden sonder swach
Des gutten bit teilhaft"tig mach,
Tzu stur mym allerhogsten druck
1180 Wan ich werd lighen off mym ruck
In pyn vnd allerhogsten quäl.
Von disser weit gentzlich tzu möl
Verlassen vnd von der natur,
Wan myn sei vest mit arbeit swr
E:
152 K. V. BAHDER
1185 Myn corper gern behalten wolt Dar tzu hyltf myr vnd yderman
Vnd mos yn doch mit ongedolt Oristus der her, der ons gewan
Verlassen vnd hyn varn von ym 1195 In blodighcm syns sweisses rot
Entwer tzu der gruslichen stym Vnd durch syn hylghen bittern
Lutend : gee in das ewig für dot,
1190 Oder kom her du sele twr Der ewiglich tzu aller tzijt
Mit myr besitzen ewiglich Von ons möss syn gebenedyt.
Mit freuden mynes vatter rieh. Amen.
Scriptum et completum feria quinta post dominicam reminiscere. Anno 1483.
Anmerkungen.
23 (jentslichen für vol, Flickworte zur Reimgcwinnung vgl. V. 64.
971 und Fichards Archiv 1, 90. 125 genslich für fol, 126 ganü' für vol.
37 „Das Bild von der gespannten Saite verräth den Musiker" Pfaff S. 254.
52 ohgerort, Flickwort vgl. 615 und Archiv 1, 86. So auch oberal 82.
tzu gegJien 302. ohgemelt 346. in lioglier aclit 405. in warem tvon 590.
600. so usgemessen 911. onuerhcU 1000. obcrmass 1021. ohcrliU 1054.
on vsscrlcsen 1064. dij har 1148. 56 sefften (auch 637. 1063. 75),
vielleicht Mischform aus scnften und ndl. sccJden vgl. vernufft 518. ver-
noß'i Archiv 1, 94. 118. 59 r?/M7/r „Strom". In der Bedeutung 'Gegend' ,
auch rein umschreibend, kommt ryuyr oft in der Biogr. vor.
75 Andreas beginnt: Quoniam omni Confitenti necessarium est haue
generalem confessionem clebere facerc ciiius tanta est virtus secunduni
Magisirum sententiarum U. IV. clisti. XXll c. V qtiod innumerahilia veni-
alla pcccata delet etc. Die hier citirte Schrift des Petrus Lombardus wird
in den Beichtschriften außerordentlich oft erwähnt. 85 prohijrcn "^prüfen
vgl. 598 in kelt vnd fuchte liog prohiirt, 1039 heyn Jconst vind ich mich
tzu x)rohyrn und Archiv 1, 77 mit tugeiit auf das höchst prohyrt 1, 97
und Jcont myn Jconst warlich probyrn. 86 cordijren leite ich vom frz.
cordeau '^Meßschnur, Absteckleine' ab, also "^berichtigen'. 89 Im Beicht-
biichlein, München 1488, heißt es S. 4 „so er (der Büßer) zu dem beichtiger
komptf so sol er demutiglich für in linyen vnd sol sich mit genaigten
haubt zu im fugen an ain Seiten vnd sol also anfuhen: Ich beJcen got
vnd der heiligen juneJcfrawcn Maria vnd allen heiligen vnd euch priester
vnd ich gib mich schuldig, das ich gesunndct hab mit gedenclcen worten
vnd wercJcen oder mit versaumnus guter wercJc (mein schuld): das ist die
gemain offenbar schuld, di di priester vor dem altar sprechen, ee sy meß
lesen vnd die sol auch eyn yeglich mensch ^ er sei geistlich oder 'weltlich,
sprechen als offt er beichtet, am anfang der beicht vnd am ende vnd wenn
er die gespirochen hat, so sol er dan anfallen vnd mit sunderheit sagen
was er getan hab etc.'''' Nach dem jetzt geltenden Eituell kniet der Büßer
vor dem Beichtstuhl demuthsvoll nieder, verneigt sich und spricht den Priester
um seinen Segen an. Der Beichtvater antwortet: dominus sit in corde tuo
et in labiis tuis ut digne et competenter confitearis omnia peccata tua in
nomine Patris et Filii et Spnritus sancti. Amen. Darauf wird vom Büßer
die offene Schuld gesprochen (Iluogek, Kathol. Liturgik 3, 373).
101 Hasak, Der christliche Glaube. (Regensburg 1868 theilt 1) S. 225
eine Ordnung der bieht mit, die viele Übereinstimmungen mit den beiden
JOHANN A^ON SOEST, DY GEMEIN BICHT. 153
ersten Theilen von Johanns Gedicht zeigt. S. 229. Der mensch sdl sich be-
kennen, das er syn äugen nit behütet hat vor vnschamhafftigem gesicht vnd
rersuntlichen dingen, dann loas dem mensch nit synipt zu begeren, das
zympt auch ime nit zu sehen, als spilen stechen dantzen. Weber, Bam-
berger Beichtbücher S. 66. Peicht ob du gesehen hast schentliche dincJc an
dem menschen, an vihc, mit gehest deines hertzen vnd den andern nesten
dauon gesagt vnd ob du tantz mit mer fleis gesehen hast, dann gotz dinst.
Hastu — betoeint dein sund, die marter oder tounden gotes, damit er dich
erlöst hat. Hastu in der Jcirchen lieber schon fraiven gesehen, tvenn gotz
dinst. Hastu icht getvincJcet oder zccichen geben mit den äugen in pöser
meynung. 111 begeben'^ muß hier "^ ausführen bedeuten,
145 Hasak S. 229. Item da der mensch syn oren nit hat behütet
sunder gehöret nachreden, ere abschnyden, suntliche liedcr singen, vn-
keusche schampere tvort geredt vnd gehört, lieber solliche loort gehört vnd
mer lusts darinn gehapt dann in guten dingen, ist verbotten in disem
gebott. Weber S. 68, Peicht ob du offt auf smacheit, die man von got
oder von den heiligen redt, gern gehört hast, vnd pöse tvort, pöse lider
gern gehört, oder suntliche dincJc zcu erfarn vnd vnerlich wort oder toercJc,
schant oder lasier von den leiden reden. Vnd vngcrn meß hören — .
154 gcleng, wohl stn., nur hier belegt = gelange.
185 Hasak S. 230. Item hat der mensch synen mundt nit behütet
vor vberflussigem tust der spysz vnd drancJcs vnd mer sorg gehapt zu dem
liest vnd vberflussigheit vnd den tust mer gesucht, dann die not in allen
andern dingen, ist toidder das gebott. 200 Vgl. Archiv 1, 103 do viel
myn konst ganz oberbort und 113 durch weg dg leng und obertzwerg.
207 Hasak S. 230. Item hat er die hennde vszgerecU zu sunden
vnd zu gryffen was vnzymlich ist an im selber oder andern personen.
216 wy mich dan got dy sond volbrocht weis schuldig. Das Part, activisch
wie 951 den luten myr arbeit getan ^).
225 Hasak R. 229, Item das der mensch syn nasen nit hat behütet
vor vberflussigem lust des geruchs der kleyder oder anderer ding vnnd
arme personen. verschmecht oder geflohen vmb geruchs ivillen. Item hat
drr mensch die kleyder ivol machen riehen vsz hoffart das er dem men-
schen vrsach gcb zu suntlichen dingen oder begirden, sagen die lerer, das
werden lichtlich todsündcn. 230 krol 'Lockenhaar. DW. V, 2352. 243
beheg (: weg auch V. 520. 676, Archiv 1, 137), nur bei Johann = behage.
253 Andreas S. 2, Primo peccavi Cogitatione quia carnis delitias
gulas luxurias seculi pompas honores et diuitias habere cogitaui et mul-
tum concupiui ac turp)ibus cogitationibus conscnsi — multas meas cogita-
tiones opere feeissem nisi timor et vereeundia mundi nie retraxisset —
nee — de die iuditii cogitaui — vindictas desideraui. 255 pompcyc
vgl. 999 pompe disser weit.
275 Andreas: Secundo patcr peccaui in Locutione quia sepius supcr-
fluc et inepte locutus sunt. Deum meum et sanctos iius btasphemaui et
deiim de suis operibus reprehendi, peccata mea propria defendi et excusaui.
In uanum iuraui et meis proximis dctraxi et murmuraui eorum vitam et
•) (? 951 Eisparnnff des Relativs. O, B.)
154 K. V BAHDER
opera sinisfre mdicaui et cos diffnmaui — testimonium falsum dixi —
biliuguls fui. Me ipsum laudaui et sccreta reuelaui. Inäiscretus fui — .
Verba scurilia et turpia dixi et perßdus in verbis extiti. Verba dei tacui
et non docui. Non correxi proximos, non monui — lingua — ad omnia
vitiosa et vana verba laxaui. '290 Bei Andreas steht: Maioribus adulatus
fui et cum verbis ac mendatiis eoruni amorcm procuraui. Johannes ver-
band aber Maioribus mit dem vorausgehenden : maledixi et eos vituperaui
et scandalisaui. 294 Es wird hat = häte zu nehmen sein '^in die ich
eingeweiht war .
319 Hasak S. 232 über die Hoffart: Zum sechsten sundct der mensch
in vberflussiger sorg vnd gedenckt toie er die hoffart erzeijg in loercken — .
Item hat der mensch gebrucht köstliche kleyder vnnd hoffertige gezierde
des haupts in schleyern zöpfen, oder fariven angestrichen, syn antlit ge-
zierd vnd soUichs vsz hoffart vnd vppiger ere gethan etc. Ähnlich Weber
S. 59. 326 hces s. Lexer u. haeze. Das Wort ist nur im Alem. nach-
gewiesen, war aber wohl auch im Pfalz, bekannt. 328 vertrac muß hier
wie V. 672 die Bedeutung '^Gewohnheit haben. 330 Von hier an läßt sich
Andreas vergleichen. Superbiam enim commisi qicia singulari excellentia
aliis preesse volui. — De diuitiis honoribus ac genere et nobilitate atque
corporis pulchritudine me iactaui et causa ipsorum aliis dominari volui.
347 myn gebrech myner figuren. Johann war einäugig, vgl. in der Bio-
graphie (Archiv 1, 86) die Erzählung, wie ihm das linke Auge durch heißes
Öl verbrüht wird. — Da sieJi beschenien = Schemen ist (wie 346 bespotten
z=: spotten), so müßte eigentlich der Gen. myns gebrechs stehen. 353 fur-
geben =. vergebene, hier "^ grundlos'. 357 Das Folgende hat nichts Ent-
sprechendes bei Andreas, während sich bei Hasak S. 232 Anklänge finden.
Zum vierden so der mensch verschmecht, veraeht vnd versumet etwas zu
thun, das er schuldig vnd ime geboiten ist, auch vsz hoffart im hat zuge-
schriben geistlich oder natürlich gab vsz synem verdienst, vnd sich berümet,
was er giits thut vnd sucht syn ere vnd lob darinn vnd nit die ere gottes. —
Zum funfften — das er sich besser achtet vnnd schetzt dann ander luie
vnd sollich auch begert vnd synen nechsten verachtet, auch straff vnd vnder-
ivysung vsz hoffart verschmecht, die ime not ist zu syner seien heyl,
385 Der betreffende Abschnitt aus der Ordnung der Bicht ist von
Hasak nicht mitgetheilt worden. Andreas bietet nur sehr geringe Anklänge.
Item peccaui cupiditate et auaritia quia inordinate diuitias, honores,
pecunias et beneficia concupiui et amaui. lies alienas abstuli et retinui
iniuste et dissipaui, parcus mihi in necessariorum exhibitione et proximis
in elemosynarum largitione fui etc. Nachher werden u. a. Sünden proxi-
morum damna, vsuras, ludos fortuitos genannt. Die Ausführlichkeit, mit der
über die Spielsünden geredet wird, läßt an ein Selbstbekenntniß denken,
400 also bar formelhaft, vgl. Sattler, Teutsche Orthograjjhey und Phraseologey
S. 108. 405 dy myn heswcrt verstehe ich nicht. Verschrieben für da myt
hestverfi 408 klickt wohl nicht 3. sg. praes. von kleckcn, sondern praet.
von dem DW. V, 1159 besprochenen klicken. 416 ivar halten = ivär
läzen. 417 dab vgl. tappe bei Lexer. 436 ye leng ye bnss auch 1070.
leng als Comparativadverb wie im Niederdeutschen. Vgl. auch DW. 6, 162.
441 Andreas: Item peccaui in peccato fornicationis et luxurie quia
delectationem et cogitationem gute et luxurie corporis, poUutiones in cor-
JOHANN VON S0E8T, DY GEMEIN RICHT. 155
pore habui, verbis luxuriosis tadihus amplexihits et oscuUs et aliquin
actibus inJionestis muUeres turpiter cognovi et dilexi et si non opere
tarnen mente, sie adiilternim incestum raptum et peccatum contra natu-
ram facere et exercere desideraui.
487 Andreas: Itetn peccaui peccato Inuidie. Nani honorem et famam
(IC promotionem proximi propter inuidiam destruere et impedire procuraui.
et de eins damno et infortuniis gauisus fui-. et de eins prosperitate valde
dolui et ipsum depressi in quantum potui. 504 furbogen = verbüegen
s. Lexer.
513 Andreas: Item peccaui in peccato Gide: quia Jioram commedendi
et bibendi sepius preueni, sine site et fame commedi et bibi et ebrietate
me repleui etc. 514 den hunt hincken lassen vgl. DW. IV, 2, 1914.
Johann liebt derbe, volksthümliche Redensarten, vgl. noch V. 626. 766.
837. 876. Archiv 1, 116 bcslaglien auch mytt solchem ysen, 533 bastart
vgl. DW. I, 1151, Fotaw (kann auch Petaw gelesen werden) Wein aus
Poitou? 535 beon, Wein aus Beaune vgl. Schulz, Höfisches Leben
1, 299. 537 tornesol 'Sonnenblume'. 540 f. Wechsel der Construction.
563 Andreas: Item peccaui in peccato Ire. Nam meis proximis et
subditis sine causa iratus fui, propter \iram me vindicaui et iniiirias
illatas sustinere nolui, cum ira Deum meum blasphemaui, homines vitu-
peraui. Nocere proximo meo in persona et in rebus suis deliberaui, ran-
corem cordis seruaui et timorem mentis pre ira habui. Clamores feci,
discordias seminaui et veniam petentibus non peperci. 589 Über die Ein-
wirkung der "^ Naturen auf die Gemüthsart vgl. Hildebrands Zusammenstellungen
im DW. 5, 79 f. Johann meint, der Zorn entspringe bei ihm nicht aus
trocken-heißer, d. i. cholerischer Natur, sondern werde durch Kälte veranlaßt,
nämlich in der Liebe zu Gott. 596 in solchem grat vgl. 1003 am mi/nsten
grat. Archiv 1, 99. 132 am hogsten grat. 597 refremjrcn frz. refrener.
606 den Worten nach nicht ganz verständlich. Ist gcscryben als Subst.
= "^Vorschrift, Anweisung' zu nehmen? Einen ähnlichen Gebrauch des Part,
zeigt die Stelle 627 nit den verzyg an myr verscholt. 608 ein Jcriitt heist
lybe gotz vgl. Archiv 1, 88 das kraut trio frontschaft. 612 tzartst = war-
test von zerren, 'zerreißen. 623 vmbestymmigkeit? schwerlich zu gestüeme,
da sonst üe nicht durch y ausgedrückt wird. 625 dy har verwerren vgl,
'die Haar zusammenknüpfen' DW. IV, 2, 16. Doch wird vielleicht dy har
wie in den Vs. 667, 1148 zu nehmen sein = 'auf die Dauer vgl. Lexer
s, harre. Sattler, T. Phraseologey S, 237.
647 Andreas: Item peccaui in peccato Accidie. Nam bona que tenebar
facere non feci nee procuraui , mala autem que tenebar fugere non fugt,
sed plus ad illa cucurri et opere compleui. Panem meum laboribus non
quesiui. Tarclus ac longus ad confitendum et penitendum de peccatis fui,
penitentiam mihi datam. et vota promissa vel inchoata non compleui, opus
dei neglexi. Remissus in dicendo officium diuinum et facienda deo ser-
uicia fui — quod sibi seruire vt tenebar postmodum non potui; ad con-
suetam vitam declinaui. Ähnlich Hasak S. 233 Von Tragkeyt. Schluß :
Item als dick vnd vil der mensch one redlich vrsach pfligt fulkeit lybs
vnd versumpt dardurch die ding die ime gebotten syn zu thiin, als dick
vnd vil sundet er dotlichen. 673 durchspicket vgl. DW, II, 1687. 678
zijt =^ Sit steht auch 942 und Archiv 1, 138 vgl. zitten 1061, zee 806,
15ß K. V. BAHDER
G98 stutzen vgl. stolze bei Lexer. 700 weschen auch V. 1153. Auch im
Heidelb. Pass. findet sich die Form.
711 Andreas : peccaui — quia decem precepta dei mei trunsgressus
ful opere et voluntate. Frimo deiim ineum ex toto corde meo non dilexi,
non timui , nee adoraui, nee firmam fidem et spem in ipso et de ipso
habui , quin potius diuinis , aiiguriis, sortilegiis et ineantionihus — magis
quod deo meo et scripturis fidem dedi.
729 Secundo nomen dei in uanum assumpsi per os meum — sim-
plici verbo credere nolui et per memhra dei periuraui. Deum et sanctos
eius negaiii atque hlaspliemaui.
74.5 Tertio peccaui: nam diem dominieam et festiuitates ecclesie
cum orationibus missis et predicationibus et elemosinis non sanctißcaui —
familiam meam laborare feci — luxuriosis actibiis magis Ulis diebus
festiuis me dedi.
758 Quarta peccaui: nam palrem et matrem meam corporales non
honoraui, nee eis in necessitatibus sid)ueni — prelatis spiritualibus et
matri mee sancte ecclesie debitas reuerentias non feci, nee eorum precepta
et censuars curaui — decimas quas ecclesie tenebar dare non integre dedi.
773 Quinto peccaui: nam proximum meum licet non actum tarnen
animo et voluntate occidere et voluntarie ac in persona ledere et in rebus
concupiiii, manus violentas in euin posui et ponere decreui. 780 Über
den muthraaßlichen Aufenthalt Johanns in Italien vgl. Pfaff S. 153. Das
folgende Bekenntniß muß wohl auf ein bestimmtes Ereigniß in Johanns
Leben bezogen werden, der eine jähzornige, gewaltthätige Natur gewesen
zu sein scheint (Pfaflf S. 154).
803 Sexto peccaui: nam mulieres coniugatas ad adulterium eas pro-
uocani et in diver sis cogitationibus per adulterium me coinquinaui. 814
Vgl. Psal. 4, 9. Asperges mc liyssvpo et mundabor: lavahis me et super
nivem dcalbahor. Auch in der Biographie (Archiv 1, 99. 102. 121) wird
der Psalter citirt.
827 Septimo peccaui: nam res alienas iniuste de locis sacris et non
sacris abstuli et officium ad recipiendum bona piauperum proeuraui et res
alienas dominis suis non reddidi. Patrimonium erucifixi non debile ex-
pendi — ncc — testamenta adimpleui. 831 Beruht diese Ausführung auf
einem Missverständiß der Worte res alienas dominis suis non reddidi oder
ist sie vom Dichter eingeschoben worden? Für die Redensart ein x für ein v
macheu (vgl. Germania 13, 270) erscheint hier wohl der älteste Beleg.
845 Octauo peccaui: nam contra proximum meum ex malicia
publice et oeculte falsum testimonium, falsas seripturas, falsos testes contra
eum proeuraui et dixi et eius vitam et mores quantum potui denigraui.
857 Nono peccaui: nam proximi mei vxorem et consanguineam et
sanctimonialem desideraui et in eius pulcritudine gauisus fui et ad eam
videndum cueurri.
867 Decimo peccaui: nam vicini agros domus beneficia et bona
mei proximi per dolos fraudes violentiam et deceptiones habere concupiui
et contra eum causas iniustas et litigiosas moui. ^Ib lün als masc. vgl.
DW. VI, 345.
883 Quinto pater peccaui contra deum cum omnibus meis membris
et sensibus mei corporis. Nam cum meo capite deo et meis maioribus
JOIIANNN VON SOEST, DY GEMEIN BICHT. 157
reuerentiam 'tion fcci. Mein collum mcum ad obecUentiam incUnare nolui.
Item aures ad audiendum luxuriosa verha detractiones cantus et instru-
menta musicalia dedi. Item oculos meos multotiens eolorihus deturpaui
et impudice cum eis multas mulieres ac plurcs vanitates mundo respexi.
Item nares meas odorihiis prouocantibus ad vanam gloriam et luxuriam
ordinaui. Item os nieum ad loquendum mendacia hlasphemias et inncriaS
deptctaui. Item linguam. mcam ad loquendum suauia mendacia ordinaui.
Item guttur nieum crapula et ehrietate rcpleui. Item manibus meis aliena
rapui et turpitcr cum eis corpus meum et aliena membra mca ad genera-
tionem deputata fornicationibus mactdaui. Item ventrem meum luxurie et
ebrietatibus dedi. Item lumhis meis ardorem libidinis et exoptaui et ex-
citaui. Item in corde meo varias cogiiationcs et tentationes habui, quas
opere perfecissem nisi timor mundi et hominum me abstraxisset. Item
genua mea deo meo et sanctis et maioribus ac prelatis meis non flexi.
Item cum pedibus meis ad luxuriandum furandum et sanguinem fun-
dendum cucurri. Qualitercunquc ego cum aliquo membro meo corporis
deiim offendi, dico meam culpam et confiteor deo et vobis.
919 Die Überschrift (bei Andreas nur I)e operibus misericordie) steht
im Widerspruch mit dem Inhalt, der sieben weltliche und acht geistliche
Werke aufzählt. Die meisten Beichtbücher kennen indeß nach Matth. 25, 35.
36 nur sechs Werke der Barmherzigkeit, vgl. Mone, Schauspiele II, 111,
Liederbuch der Hätzlerin S. 301, Der Seelen Trost (Geflfken 45 B. 98),
Bamberger Beichtbuch bei Weber S. 83, Beichtbüchlein Augsburg 1483
(Geffken 108), Heidelberger Hs. bei Bartsch 278 und 296. Auch Hugo von
S. Victor nennt im Opusculum de quinquc septenis die sieben Werke der
Barmherzigkeit nicht. Ebenfalls sieben Werke werden dagegen aufgeführt bei
Steph. Lanzkranna (Geffken B. 106), im Poenitentiarius (GelFken B. 188),
bei Olivier Maillard (Geffken S. 60). Nur bei Andreas (Johann V. 951),
so viel ich sehe, wird die Gewährung des Lohnes an die Dienenden als
achtes geistliches Werk aufgeführt (mereedcm. luborum mihi seruientibus non
prebui). Andere Beichtschriften z. B. der Poenitentiarius erwähnen die Vor-
enthaltung des Lohnes als vierte rufende Sünde. — Die Mittheilung des latei-
nischen Textes unterlasse ich hier, da sich Johann fast wörtlich an denselben
anschließt. 932 Andreas hier nur: ignorantes que sunt salutes anime non
docui. 944 dy miß mgr hatten geböst = malefacientibus. 949 pyn der
ketten "^Gefangenschaft', hier bildlich für das Fegefeuer. Andreas: per salu-
tationein animarum amicorum et inimieorum deum non exoraui.
959 Scptimo peccaui quia 12 articulos fidei firmiter non credidi
nee corde et ore ad eos iusticiam professus fui: inio aliquam circa ipsos
et circa sacramenta altaris duhitaui et fidem veram et iustam cum bonis
operibus sicut bonus et fidelis christianus non habui nee contra infideles
et heretieos fidem meam omnino defendi et predieaui, imo errantes ar-
guentes contra fidem libenter audiui.
1007 Bei Andreas: penitentiam pro meis peecatis et ieiunia orationes
et elemosinas mihi iniunctas non feei. Die letzte Ölung bleibt auch bei
ihm unerwähnt.
1013 Bei Andreas werden als theologische Tugenden aufgezählt: vera
Christi fides, certa spes, charitas, j)rudentia, fortitudo, temperantia, iustieia.
158 BERNH. WYSS, ZU STEINMAR.
1031 Bei Andreas: sapientia ad diuina contemplanda — intellectus
ad nouissima mortis mee et penas inferni et diem iudicii considerandiim —
consilium ad honum eligendum — scientia ad nie ipsum et facta mea
recognoscendum — fortitudo ad tentationihus et trihulationihus ac malis
cogitationibus rcsistendum — timor dei.
1047 Bei Andreas: cJiaritas — gaudium in dei seruitio — pax cum
proximo — patientia — longanimitas — bonitas — henignitas — • mo-
destia in gestu et habitu ac operibus meis — mansuetudo — humilitas —
veritas — continentia.
1071 Bei Andreas: paupertatem voluntariam cum spirituali intentione
non habiii — mitis et mansuetus in persecutionibus et iniuriis mihi illatis
non extiti — peccata mea non defleui — iuste vivere non studui — mihi
misericors et aliis non fui — mundo corde quo ad deum et ad proximum
per bona exempla non vixi — pacificus non fui sed propter ambitionem
beneficiorum et bonorum discordias seminaui — non propter Christum per-
secutiones et malcdictiones hominum sustinui sed quando potui me vindicaui.
1093 Schluß der Beichte: quandocunque qualitercunque ego infelix
peccator peccaui contra octo beatitudines et contra omnia predicta et sin-
gula et eorum. circumstantiis scientcr vel ignoranter, dormiendo vel vigi-
lando, reddo me deo culpabilem- et dico meam culpam et peto a deo meo
indulgentiam et a vobis patre absolutionem et penitentiani.
1136 durch alle ryr steht hier jedenfalls formelhaft '^auf alle mögliche
Weise'. 1147 bezoar '^ein Stein also genant von dem hebreischen Bezim
so ein Ey bedeut, denn er wie ein Ey formirt ist und Schelifen hat wie ein
Ay oder Zwibel. Etliche derivirens von Bei und zaar q. behizaar. Bei ist
ein Chaldeisch Wort, bedeutend ein Herren, zaar ein Grifft, bedeut also
ein Herren des Giffts. Dannenher alle Gifft treibende Artzneien Bezoardica
genennet werden , hat aber sonsten auch herrliche Tugent wider allerley
Kranckheit'. Henisch, Teutsche Sprach und Weißheit S. 365.
1189 Mattb. 25, 34. 41.
LEIPZIG, 1887. K. v. BAHDER.
ZU STEINMAR.
Zu Steinmar, Schweiz. Minnes. S. 171, Vers 24, 25:
gense htiener vogel swin
dermel pfäwen sunt da sin,
merkt Bartsch zu dermel an: Gedärme, Darmwurst. Nun heißt aber
im Dialekte meiner Heimat (Kanton Solothurn) und in den umliegen-
den Kantonen heute noch das Wiesel aligemein Därmli, jedenfalls wegen
seiner dünnen, langgestreckten Gestalt. Ob als besonderer Leckerbissen
in obiger leckern Speisekarte das Wiesel wirklich gemeint sein könnte,
das freilich wage ich nicht zu entscheiden, obwohl es vielleicht besser
in die Reihenfolge passte, als eine alltägliche Darmwurst!
ZÜRICH. BERNHARD WYSS, cand. phil.
K. EULING, HANDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIV.-BIBLIOTHEK. 159
HANDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIVER-
SITÄTSBIBLIOTHEK.
Im Anschluß an das in meinen Priameln S. 9 über diese Hs.
bemerkte gehe ich hier etwas näher auf dieselbe ein. Es ist eine in
Leder gebundene Papierhs. des 15. Jh.; die früher dagewesenen
Metallbeschläge sind ausgerissen. Auf der Innenseite des vorderen
Deckels steht:
„Liber emtus ex Bibliotheca Scliwarziana ubi P. 2 p. 14, num XLIII
recensetur."
Darauf von anderer Hand: „165 Blätter, davon 140 — 165 leer."
In der Bibl, Schwarz, heißt es: „Liber hie crassiusculus habet
fol. 136" ; die anderen sind nämlich nicht mitgezählt. (Die alte Blatt-
zählung geht bis El. 140, dann ist mit Bleistift 141 — 165 weiter-
gezählt.) Es folgt eine Bibliotheksmarke: „ex bibliotheca Caroli Ferdi-
uandi Homelii 1770."
Darunter noch einmal wie auf dem Rücken: 1590.
Die Schrift ist durch viele buntverzierte Anfangsbuchstaben und
Malereien ausgezeichnet, aber lässig und flüchtig. Hier der Inhalt:
El. 1": Sich fugt eins tags das ich mnst
Spaziren auß nach freud nach lüst . . .
Ende El. 6*: Der frawen ert vud der prister schont
Der fleucht von der hellen glut
So Hat Gedicht der rosenplnt.
(Dresd. M. 50, S. 30 — 38 unter dem Titel: Von dem priester vnd
der frawen das fruchtpar lole. Die drei letzten Worte sind aus dem
Titel des Bl. 38 folgenden Spruches hier eingeschwärzt. Keller, Fsp.
1328. 8. Goedeke, Gr. Nr. 20.)
Bl. 6*: Eins tags spaczirt ich auß nach lust
Do kom ich auf ein grüne hayde . . .
Im Verlauf dieses Spruches ist Bl. lO** leer gelassen ; Bl. 12 wird die
Hand fester, die Tinte tiefer.
Ende Bl. 12*: Vnd er ist hie vor allen laid wehüt
So hat gedieht hans rosenplüt.
(Dresd. M. 50, S. 38—47: Das fruchtbar lob. Keller, Fsp. 1328.
Goedeke Nr. 21.)
Bl. 12*: Ich pflege dich junckfraü auf dem tron
Das du mich weist auf die pan . . .
Ende Bl. 18": Des hilf vns durch dein werde gut
Junckfraw amen spricht der rosenplüt.
160 K. EULING
(Dresd. M. 50, S. 129—134: Die Turteltaub. Keller, Fsp. 1329. 16.)
Bl. 18": Gotliche heylige junckfraw schon
Durchleuchtige siin aller himel cron . . •
Ende Bl. 24*: Hilf vns ab grassen der sunen samen
Sver des weger des Sprech auch amen.
(Dresd. M. 50, S. 153 — 165: Von vnnser frawen schon. Keller,
Fsp. 1330. 19. Goedeke Nr. 3.)
Bl. 24"*: Zv rem do saß ein keisser mechtig
Der was gen got so gar andechtig . . .
Ende Bl. 34*: Dar vmb sy tag vnd nacht wol hüt
So hat gedieht der rosenplüt.
(Von der keyserin zu rom. Dresd. M. 50, S. 47. Keller
1328. 1. 1433. 29. 1431. Goedeke Nr. 22.)
In dem alten Inhaltsverzeichniß Bl. 136" — 137", in dem Nr. 1,
2, 3 als Ein Stück aufgeführt werden, steht vor diesem Spruch:
„Von der keiserin."
In der Bibl. Schwarz, beginnt das Inhaltsverzeichniß nach dem alten
Index ebenso mit
1. Von der Keyserin.
Beim Folgenden hat auch die Hs. vorn über dem Stücke die Über-
schrift in Roth :
Vom kiinig jm Bade.
Wer an jm selber nicht nimpt war
Wie er sein leben fürt vber jar ...
Ende Bl. 36*: Do helf vns got hin mit seiner gut
So hat gedieht der roseupliit.
Überschrift aus dem Inhaltsverzeichniß:
Vom knecht jn garten.
Ein reicher man der het ein knecht
Der dint jm manig jar gex-echt . . .
Ende Bl. 40*: Got al frum frawen vnd man wehfit
So hat gedieht der rosenplüt.
Roth. Von einem maier.
Wolt jr nun schweigen vnd wolt gedagen
Ich wolt euch hnbsse abentewer sagen . . .
Eude Bl. 43*: So wolt ich drincken vnd sauffen
Das mir dy afigen müsten vberlaüffen.
PtOth. Von der stiefmiiter vnd dochter.
Ich ging eins nachtes spat
Do kam ich für ein kemmat . . .
Ende Bl. 47'': Vnd peit nicht lenger pis noch hewor
Dye 1er hab dir zu einer haußstewer.
HANDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK. 161
Roth. Vom Spiegel vnd pech.
In einem dorf dorf do saß ein man
Als ich dan vor vernomen han . , .
Ende Bl. 50'': Das heist der spiegel von dem pech
Got wol kein sund nimer an vns rechen.
Roth. Von farenden schüUer.
Nun höret eine klugen list
Wie einest einem wider farn ist ...
Ende Bl. 53": So ser auß ganczer ') seiner giit
Also sprach der schwier gut.
Die Abweichungen dieses Textes von dem bei Keller, Fsp. 1172,
nach einem alten Drucke gebotenen sind nicht unbeträchtlich; dieser
ist im Einzelnen sehr mangelhaft.
Eoth. Vom hantwerken.
Manger nimpt sich singen vnd sagen an
Der ein verheite fürt nicht kan . . .
Ende Bl, 57'': Dy liieg sind war vnd nit ein mer
Also redt hanß der schweczer.
Im Inhaltsverzeichniß :
Von den armen jeken.
Man sagt dy jecken sind auß geflogen
Her Adler ward das jr nit werd wetrogen . . .
Ende Bl. GO": Hans Rosenplut dem man
Andres nenet hans schneper.
Roth, Vom Bischoue vnd naren.
Ein pisoff einst zw tisch saß
Mit al seim hoffgesin er do aß ...
Ende Bl. 04*: Vnd ewiglich mit seinen gnaden wehwt
Also spricht der hans rosenplwt.
Im Inhaltsverzeichniß : Von der werlt.
Mich wundert oft warumb das sey
Das nindert lebt ein man so frey ...
Ende Bl. 06": Volgstw des so kwmstw nimer jn schwer
Als spricht heinrich teichner.
Roth. Vom pfeuning.
Nvn schweigt so wil ich heben an
Was der pfenning Wunders kan . . .
Ende Bl. 67'': Wer mich mit eren wehalten kan
Awß dem wil ich machen ein frwmen man.
Bl. G8* Roth: Von dem frawen.
Eins tags spacirt ich awß nach lust
AI jn ein hawß ich mich verdwst . . .
') Der Miniator hat czer durchstrichen.
OGRMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXriI.) Jahrg. 11
162 K. EULING
Ende Bl. 11^: Der meint jn niemancz wetrieg
Sprich Johannes ') * ju sein frawen krieg.
Im Inhaltsverzeichniß :
Vom einsidel vnd dem sun.
Eins tags do gieng ich vor der sun
Do wegegend mir frewd vnd wun . . .
Ende Bl. 89": Dar jn al gest gewinnen Iwstes sed
Spricht hanß {Rasur) jn seiner wappen red.
Auch in dieser Rasur können kaum 5 Buchstaben Platz finden.
Roth. Von einem Studenten zii brage.
Ir heren were es ewch nit leidt
Das ich ewch von hwbsser abenttewr seit ...
Ende Bl. 91": Sie ist zannig vmb daz maul
Sie spi-icht me he . . . {Schluß fehlt.)
Bl. 91'' — 93^ folgen zwei Sprüche, die ich ganz mittheile, da
sich Anklänge an Priameln darin finden.
0 Mensch wiltii geistlich sein
So thw es mit den wercen schein
Verschmehe die werlt vorderlich
Vnd trag dein armut williglich
5 Leide vngemach gar dultiglich
Hute deiner wort gar fleissiglich!
Ge auf der Strasse gar zwchtiglich
Bl. 92" Kiircz wirb dein potschaft ernstlich
Dein leben pilde gar erwerlich
10 Meide abentreise iiil stettiglich
Biß niemant gemeinsam vnuüczlich
Vor posser geschelschaft hwt dich
Ei'vorsch nit newes vnwiczlich
Trag heimlich sach nit offenlich
15 Vor dir schäm awch selber dich
Deinen eben genosen biß fridsamlich
Deinen Vntertan straf guttiglich
Nicht enger niemancz leichtvertiglich
Dein leben pesser al tag deglich
20 Brich deinen willen ordenlich
Gehorsam bis demntiglich
Dein vater vnd miiter williglich
Liebes gemach such nit sorgveltiglich
Nicht wach zw vil doch messiglich
25 Dein nodiirft nim wescheidenlich
Bl. 92 In speis jn dranck nit geicziglich
') Dei- Name ist gänzlich ausradirt, die Lücke ober zu klein, uln daß ein so
langer Name wie Rosenplnt dagestanden hahen könnte.
HANDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK. 163
Liebs lüst wider ste kreftiglich
Wider aller suuder streit manparlich
Zw der kircheu halt dich jniglich
30 Das jne pet / pete awch andeclitiglich
Dein schweigen halt afich wehutsamlich
Das wort gotes höre wegirlich
Das selbig wehwt awch stettiglich
Da bey siess nit schleiferlich
35 Dein peicht thw gar lewterlich
Die genad gottes empfach nit eitellich
Die selbe halt auch danckperlich
Dein hercz wereit got stetiglich
Mit allen kreften minsamlich
40 Mit ganczem gemüt wirdiglich
Von ganczer sele lohsamlich
Deinen nechsten lieb als selber dich
Nit hiuterrede jn hessiglich
Dein leben füre gar warsamlich
Bl. 93^ 45 Den todt wedencke gar jnniglich
Dar aiif rieht dich ernstlich
Er kiimpt dir anders grimiglich
Vnd prich dein hercz gar pittei'lich
Dein sele verfurt er timerlich
50 Das muß sie leiden elendlich
Da vor sey Jhesus gnediglich
Vnd wolle vns drosteu vetterlich
Zw Ion so bit got für mich
Das wir mit jm herschen ewiglich
55 Amen das es war were.
Niemant so rechte dut
Das er allen lewten düncket gut
Ich strafie nicht was jemant dvit
Macht er mir das ende gut
5 Was man an mase diit
Es wirt seiden gut
Bl. Q3^ Manig man hat weissen mut
Wer doch oft thumlich dut
Mich deweht ver'^t mauigs gut
10 Das mir hewer weschwert den müt
Betrogen ist al sein müt
Der sich selbs duncket gut
Sanft gewunen gut
Macht vbrigen miit
15 So vast niemant missedüt
Er wolt doch geren sein gut
Wer falsche peicht dut
Dem wirt der ablaß seiden gut
11*
164 K. EULING
Wasser lescbet fewer vnd glut
20 Almiisen recht daz selb dut
Es leschet sunde alle zeit
Wo maus mit guten willen geit.
Dieselben Sprüche stehen z. B. auch in der Hs. Aug. 2. 4 fol.
der herzogl. Bibliothek in Wolfenbüttel.
Der folgende Spruch hat im Texte keine Überschrift, wie auch
in der Hs. 5339* des germanischen Museums, welche ihn Bl. 405*""
bietet; in dem Inhaltsverzeichniß aber ist vorgeschrieben:
Von den kolben maiden.
Bl. 93**: Zw liechtmeß sol man heben an
Bl. 94': Sprach ein dirne wolgetan.
Ende Bl. 94'': Vns zw sand walpurgen tag hin awß
So kome ich dann vileicht jn das offen hurhawß.
Der Rest der Seite ist leer.
Im Inhaltsverzeichniß heißt es: „Nun heben sich an die kleinen
Spruch"; ZU Bl. 95: „Eitel klein spruch heben sich an", und zuletzt:
„Noch kleiner spruch heben sich an", wonach das Priameln S. 1 7 Gesagte
zu berichtigen ist.
BT . 95: Wenne ein pfaff stirbt
Zw hant ein ander wirbt
Vmb sein kunigreich
Vnd lebt als greffenleich
Als sein vorfar hat getan
Ein boß pilde nimpt die werlt da von
Wen ein pfaf het siben pfarr
Dennoch ist er ein solcher nar
Der jm noch eine geb oder zwu
Er nem das bistum awch gern dar zw.
Ein vnstiind gast
Ist einem wirt ein schwerer last
Ist dan der wirt aiich vnveschaiden
Das kumpt jm zw schaden baiden
Stech ain aidt als ein dorn
Ir wurden nicht so vil geschworen.
Viele von diesen kleinen Sprüchen kehren, oft unsinnig ver-
bunden, in Aug. 2. 4 wieder.
Jetzt beginnen sofort Bl. 95'' — 121'' die Priameln in folgender
Reihenfolge:
1. Welich mensch die vier qvtember nit vasten.
2. Wer nicht am suntag frn awffltet.
HANDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK. 165
3. Welcher kristenlicher mensch zw mitternacht wacht.
4. Wer got nit danckt seins engstlichen schwitzen.
5. Ein mensch dz jn grosen todsunden stet.
6. Wer got nit danckt seiner grossen mild.
7. Welcher mensch jn einer kirchen kniet.
8. Welcher kristenmensch alzeit wetracht.
9. Welcher mensch gelanbt an vogel geschrei.
10. Welcher mensch nit gelaubt bis an sein sterben.
11. Welcher mensch den gelauben nit in in drait.
12. Welcher mensch den teuffei sich lest werauben.
13. Welcher mensch daz heilig sacrament wil niessen.
14. Welcher mensch dan zu gots tisch gegeth.
15. Wer schlechtlich gelaubt die zwelf artikel.
16. Wer halten wol die zehen gepot.
1 7. Secht grosse schon posse lieb.
18. Ein richter der da siezt an einem gericht.
19. Wo albegen gut gericht ist jn einer stat.
20. Ein rat jn einer stat vnd ein gancze gemein.
21. Ein toreter rather jn ein rat.
22. Ein vater der sein kind gern lernen weit.
23. Seit daz man die roten engen schuchlein erdacht.
24. Die groß vntrew mit leichen vnd effen.
25. Welcher man den erczten wirt zu teil.
26. Ein frumer man der gern recht det.
27. Ein zimerman dem die spcn jm kleidern hangen.
28. Ein spiler der spil hat getriben an.
29. Ein kramer der do nimmer nit leugt.
30. Borgschaft domit man mangen verderbt.
31. Secht wo der sun für den vater get.
32. Secht wo der vater vorcht das kint.
33. Ein sunder der jn sein sunden verzagt.
34. Ein hirt der treulich seins vichs hut.
35. Ein arzt der zwen wetung kund vertreiben.
36. Ein man der wol mag drinken und essen.
37. Essen und driiicken an danckperkeit.
38. Getreulich gerbet mit allen gelidcrn.
39. Wol essen vnd drincken nach aller wegier.
40. Wer sein hauß wol wol wesachen.
41. Ein friimmer dienstknecht trew und warhaft.
42. Ein hantwerk man der frum knecht hat.
43. Ein hantwerkman den man guten Ion geit.
44. Welcher priester zu kranck ist vnd zu alt.
45. Welcher priester sich eins solchen vermeß.
46. Welcher man ein hiin hat daz nit legt.
47. Welcher man ein taschen hat groß vnd weit.
48. Welcher man ein leib hat nit zu schwer.
49. Welcher mau sein elichen weih ist veindt.
50. Welche fraw do gern am ruck leit.
166
K. EULING
51. Hauß kern vnd windel waschen.
52. Ein Schreiber der lieber tanczt vnd springt.
53. Ein schweinhirt der do hut bey körn.
45. Von alter wirt der man schwach.
55. Das alter ist so getan.
56. Ein alter jaghunt der nimmer mag iagen.
57. Ich vind in meiner sinen teich.
58. Der frauen köpf stelt an einander.
59. Wer ab wil leschen der sunen glancz.
60. Ein kvirsner vnd ein sumer heiß.
61. Jaghunt vnd wilde schwein vnd hassen.
62. Weisheit von drünken leuten.
63. Harpffen geigen vnd lauten schlagen.
Bl. 12r werden die Priameln durch einige Weingrüße und Wein-
segen unterbrochen, deren Anfänge lauten:
Both. Vom Wein.
Nvn grüß dich got du lieber güueu
War vmb wiltü nit öfter zu mir kiinen.
Bl. 122* liofh. Vom Wein.
Nvn gesegen dich du kreftreiche labung
Du wol zeldne sanfte drabung.
Bl. 123^: Nvn griiß dich got du lieber drünck
Ich was dir holt do ich waz junk.
Bl. 124'': Nvn gesegen dich got du allerliebster trost
Du hast mich oft vor grossem durst erlost.
Bl. 124^ fahren die Priameln fort:
64. Die lieb die dy menschen zusammen haben solten.
65. Kvmpt kunst gegangen fiir ein hawß.
66. 0 werlt dein nam heist spothilt.
67. Ein junge fraw an lieb.
68. Welcher man sein fraweu schlecht im pet.
69. Welcher man vil junger kiud hat.
70. Die knaben in den hohen hüten,
71. Kein grosser nar mag nit werden.
72. Wer einem plinden winckt.
73. Ein orglock vnd ein wollenpogen.
74. Ein karger wirt / vnd hungrig gest.
75. Ein priester der ob eim alter stet.
76. Welcher man sich vil riimpt von frauen.
77. Welcher her ein tauben knecht hat.
Der übrige Theil des Bl. 129'' ist leer.
Dann beginnen Bl. 129" die „noch kleiner .spruch*' des Fnhalts-
verzeichnisses :
HÄNDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK. 167
Zehen gepot.
Du solt gelaüben jn Ein Got
Schwer nit das ist sein gepot
Die feiertag du heiligen solt
Vater vnd muter hab hilflich holt
Du solt niemant doten
Stil nicht jn keiner noten
Biß nit vnkeüsch leben
Valsch gezeilgnüß solt du nit geben
Beger keins andern weibs
Noch fremdes giicz bey sei und leibs.
Hab got lieb o sunder
Vnd vor sunden hut dich imer
Wann pey got ye süsser
Zu hell ye grimer ye grimer.
Bl. 130": Zweiffel pauet seiden wol
Des ist manger acker distelu vüI
Es ist mauig weib vnd man
Der wenig giicz reden kan
Vnd kan doch von bösen dingen
Vil sagen vnd singen.
Wer sich habt an den toren
So er velet der hat zwir verloren.
Wer mit wissen vnrecht düt
Der sundet mit verdachtem müt.
Sich dich an vnd nicht mich
Thu ich vnrecht so hut dich.
Des morges traiiret menigleich
So ist abent freudenreich
Het ein abent das wegert
Er were hundert morgen wert.
Bl. 13ü'': Der taub au sorgen nicht
So er vil raiimen sieht.
Las fremde sach gut sein
Hab jmer danck wesorg dz dein.
Niemant kan gemachen
Aiiß past scharlachen.
Was sol der schlegel an stil
Wen man plocher spalden wil.
168
K. EULINÜ
Pesser ist zwir gemesseu
Dan einst vergessen.
Manig tor spricht weisse wort
Kund er sie wescheiden aiif ein ort.
Dem plinden ist mit draümen wol
Wachend ist er dranren vol.
Dvrch spil vnd weibes lieb
Wirt manger zu einem dieb.
Bl. 131*: Kein here nie so sanfte saß
Im gepricht dennig etwaß.
Wer vor suuden gefeiren mag
Das ist ein rechter veiertag.
Vil pesser ist ein igels haut
Dan ein laidige prawt.
Schweig ee du schweigen raüst
Volg ee du vnrecht dust.
Redten pfa£Fen als gern latein
Als gern sie druncken guten wein.
So vunden wir maugeu gelerten man
Der mer latein kiind dan er kan.
O geitigkeit dn schnödes giit
Wie hastii vnsers herii pliit
Verkauft vnd verschmecht vnd vernicht
Seint alle werlt hat zu dir pflicht.
B 131'': Das manig vrkiid nit wirt geschlicht
Das mauger armer nit wirt gericht
Das manger ausstreit jn vngedtilt
O geitigkeit das ist dein schult.
Svssen don hastn
Wenig schmerbs gibstil
Sprach der wolf zu der geigen.
^ch meinte ich het ein lieb allein
So haben drey mit mir gemein.
HANDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK. 169
Ein lieb vnd nit mer
Da ist allen frauen ein er.
Wer ich wiczig vnd det jin geleich
So glaubt man mirs nit ich wer den reich.
Wem gelnck ist weschert
Der ist doheim wo er fert.
Bl. 132*: Wil geluck nit zii dem man
So hilft nichts was er kan.
Nvn schnap aiif vnd las surren
Lang tagreiß machen boß gnrren.
AI werlt mocht wol veraagen
Seiut Schreiber pater uoster schreiben vnd jviden
betpücher tragen.
Es folgen drei Priameln ;
1. Ein pfaf mit dem pack.
2. Ein weib nach vnuncz als ich sag.
3. Wer jn zehen Jaren nit wirt kranck.
Dazwischen:
Der gerecht mensch vast durch got
Der gleischner durch der werlt spot
Der arczt das er wer alt
Der karg das er das gut wehalt.
V. 3 lies: Der acht das er werd nach Nttrnb. Hs. 5339", Bl. 310\
Dann die Priamel:
Von alter werden klein visch groß. Vgl. Priameln S. 12.
Bl. 133": Es ist komen in die weit
Vil schweben vnd boß gelt
Niemant weiß wol
Wie er ein gülden wechseln sol.
Fiind ich gefeild einen eissenhiit
Der do wer für liegen gut
Vnd ein schilt für schelten
Den wolt ich deuer gelten.
Bl. 134*: Ein tnren für trauren
Den wolt ich hoch aiif mauren
Ein haüß für vngemach
Das ließ ich nimer au ein dach
170
K. EULING
Für alter ein salben
Die strich ich allenthalben
Vnd für den todt ein schwort
Das wer daussent mark wert.
Wer meiner guter (r durchstrichen) freuntschaft wol hau
Der mut mich dreier ding nit an
Leihen
Geben
Vnd purg werden
Die drei ding sein mir nit eben.
Iß vnd drinck vnd leb mit eren
Dir mag doch nit mer werden
Den Pfenning vnd gewant
Bl. 134": Vnd den tod an band.
Dann die Priamel: Alter an Weisheit
Priamelartige Prosasprüche folgen:
Bl. 135^ Gotes vorcht
Demutigkeit
Barmherczigkeit
Miltigkeit
Barhaftig sein
Das recht lieb haben
Bl. 135";
die sechß zieren den adel.
Gabe
Lieb
Neid
Vorcht
Die vier machen ein valschen richter.
Arm hofFart
Reicher liigner
Alter vnkeiischcr
Krieg macher
Fleissigkeit \
Geudischeit
Uukeuschheit
Krieger
Die vier müssen gefallen got vnd den
leiiten.
Die vier ding Bringen armut.
Gotlich lieb
Vorcht der hol
Begerung der ewigen freuden j
Vgl. Priamel Nr. LXIX meiner Sammlung.
Vntrew \
Zorn
Geitigkeit
Die droM wehutcn den men
sehen jn guten werken.
Die drei jrren das recht.
HANDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIVERSITÄTS- BIBLIOTHEK. 171
Bucher lesseu I t-v- • / .\ i
17., 1 j r I Uie vier [so!) macheu den meuschen
Vu land erraren > ^ '
Vil geschehen ding boren J
!Weiste ] [ Erkennen |
Sterckste > man der sich | Vberwinden > kau.
Reichste j [ Genügen lasen j
Das Verhältniß der ersten gedruckten Sprichwörtersammlungen
zu den handschriftlich erhaltenen bleibt noch zu untersuchen; schon
aus dieser kurzen Sammlung erhellt, daÜ Manches direct in die ge-
druckten Sammlungen übergegangen ist.
Et cetera püntschuch.
Die henn die malt ein hnner duch
Vnd die ganß schraib ein meß puch
Ist das war {Rasur')
So wurckt ein essel {Rasur; dann mit anderer Tinte) ein
gute prücb auß eim pferßhar.
Bl. 136*: Das hat ein end.
Wurd den haußfreien der wein ju die hend
So wolt er driucken vnd sanffen
Das jm die äugen musten vber laiiflPeu.
Vgl. Keller, Fsp. 1183. 1161. 1183. 240, 15.
Deo gracias
0 wie fro ich was
Do ich schraib deo gracias.
Vgl.* Wattenbach, Schriftwesen 286.
Nach dem Register folgt noch von viel späterer Hand Bl, 138*
eine Variation der bekannten Priarael:
„Ein hübscher Weidmau und ein jeger."
Ein Weidtman vndt ein Jeger
Ein fauler vndt ein treger
Ein Tuncher vnd ein Weißer
Ein Lugner vndt ein Bscheißer
Ein Balbierer vndt ein Zwager
Ein Esel vnd ein Sacktrager
Ein Tuchmacher vnd ein Knapp
Ein Maulaff vnd ein Tilltapp
Ein Kist vndt ein schrein
Ein Sau vndt ein schwein
Ein Ochs vndt ein Rindt
Die sindt all Geschwistrigt Kindt.
Bl. ISS**: Jesuwitter, München vndt Pfaflfen,
Machen ihre Glaubensgenoßen zu Aflfen
172 K. ?:ULING, HANDSCHRIFT 1590 DER LEIPZIGER UNIV.-BIBLIOTHEK.
Mit gesehenden Augen bliudt
Ligen ihnen bey Weib vndt Kiudt,
Ist dz nicht ein ehrlos leben
Thuen jhnen noch Opfergelt dazu geben.
Wer mir gibt gute Wort, vnd meint es nicht
Vndt jchs anhör, vndt glaub es nicht,
Seindt sie dann erlogen
So bin jch doch vnbetrogen.
Bl, 139": Ich bin ein gut Gesell vndt muss mich ducken
Wanns gluckh regnet, so bleib Ich wohl trucken
Wanns aber Vngluck regnet oder schneit
So werdt Ich vil näßer als ander Leuth
Wer Armut ein ehr, so wer Ich ein Herr
Wer wenig vil, so hette Ich was Ich will
Doch hat mir nie Kein gelt gebrochen
Als am Sontag vndt inn der gantzen wochen.
Vgl. Anz. f. K. d. d. V. 1836, 342, wo aus einem Stammbuch zu Gent
der gleiche Schluß mitgetheilt ist. Die übrigen Blätter sind leer.
Schließlich möchte ich Gelegenheit nehmen, eine Anzahl Druck-
fehler in meinen Priameln nachzutragen: S. 7, Z. 25 lies: de pramh.
S. 21. 29. Nach S. 10, Z. 1 1 ist hinzuzufügen: kommt eine Priamel
zweimal vor, so ist K^ und K"^ gesetzt. S. 12, Z. 3 ist die Klammer
umzukehren. S. 14, Z. 12 1. schioererer. S. 17, Z. 10 ist die Abkür-
zung unvollständig; sie war zu schreiben p'amf)l', der Setzer war nicht
zum Rechten zu bewegen. S. 17, Z. 25 ist hinter erst einzuschalten:
abgesehen von den Folzischen. S. 23, Z. 26 1. 21—31. S. 26, Z. 4 1. imi
sut. S. 30, Z. 24 1. eim; 26 schür. S. 29, Z. 35 1. fließen. S. 32, Z. 5
ist nach schnler ein Doppelpunkt zusetzen. S. 37, Z. 29 1. D Bl. 405".
In den Lesarten zu Pr. I, 11 streiche posem F. Die betreffenden
Wörter der Lesarten schräg zu drucken, war der Setzer erst vom
4. Bogen zu bewegen. Den übermäßig großen Druck der Lesarten
überhaupt verschuldet ein zu spät bemerktes Versehen. In den Les-
arten zu II, 14 1. niendert f.- III, 2 1. darein: das Komma nach ^^acÄcn
zu tilgen. S. 47, Z. 15 1. /; V, 1 1. Haußkern und windeUvaschew^ nach
VI, 2 u. 7 ein Komma ausgefallen- ebenso nach arbeit I, 15, VIII, 1
nach Secht. In den Lesarten zu XI, 6 gehört kierchen C. vor imd
meß BC XVI, 6 i. fut. LH, 3 1. aJlerweist] nach 19 ein Strichpunkt.
LV, 5 hinter toeiln ein Komma. LVIII, 8 1. einhin. Nach LXIII, 14
ein Doppelpunkt. LXIV, 1 1. Richtersknecht. LXV, 5 nach kuchenspeis
ein Komma. LXVIIl, 5 1. kindermachen\ 7 1. loxtndenhauer. LXXIII, 4
NACHBILDUNG DER MANESSE'SCHEN HAND'SCHRIFT etc. 173
nach schwer und vil ein Komma. LXXVII, 6 1. Dem\ Den in die
Anmerkung. LXXX, 5 1. fleischhacken \ 67 kindermachen. LXXXII, 23
1. das er denselben-^ das demselben in die Anmerkung. LXXXIII, 12
1. Leiden als der flegel das körn feckt; die Wortfolge des Textes in
die Anmerkung. LXXXIX, 7 1. Gold^ silber; 20 hinter pfat ein Komma.
XC, 2 hie im Text zu streichen und in die Anmerkung aufzunehmen.
Dafs einige j im Anlaut eine Länge bezeichnen sollten, ist nicht aus-
o-eschlossen, aber unwalirscheinlich ; vgl. LXXXVIIf, 9. 10 im : grim.
DaherlmXCVIII,2. 6; XCT, 2; XC,3; LXVJII, 12. tVes LXXXI, 2.
mLXXVI/;13. Ferner XCVIII, 2 1. demselben] 4 widergellen. Im Ver-
zeichniß der Priaraelanfänge, das an mehreren unwesentlichen Schreib-
fehlern leidet, 'trage ich nach S. 99, Z. 22 Selig ist\ Z. 29 statt X
zu lesen L.
GÖTTINGEN. K- EULING.
DIE NACHBILDUNG DER MANESSE'SCHEN
HANDSCHRIFT IN HEIDELBERG.
Unter den zahlreichen Geschenken, welche der Heidelberger
Universität zur Feier ihres fünfhundertjährigen Bestehens am Morgen
des 3. August 1886 von den verschiedensten Seiten überreicht wurden,
ist dasjenige des großherzoglich badischen Ministeriums der Justiz,
des Cultus und Unterrichts für den Germanisten von besonderem
Interesse: die photographische Nachbildung der sog. Manesse'schen Hs.
Durch die Munificenz der großh. Regierung unterstüzt, haben bewährte
Kräfte auf dem Gebiete des Kunsthandwerks hiermit ein Prachtwerk
moderner Technik hergestellt. — Die 426 Blätter der Hs. — es sind
bei der photographischen Reproduction, um möglichste Gleichheit mit
dem Originale zu erzielen, auch die unbeschriebenen Blätter mit in-
begriffen worden — vertheilen sich auf vier Folianten , und zwar
folgendermaßen: Bd. I = Bl. 1—109; Bd. II = 110 (Bild Burkharts
von Hohenvels) bis 200; Bd. III = 201 (Bild des v. Wildonie) bis
322; Bd. IV = 323 (Bild Reinmars v. Zweter) bis Schluß. Die Höhe
der Bände beträgt 46 Ctm., die Breite 36 Ctm., die Dicke zwischen
10|- und 13 Ctm.; der schwerste (Bd. III) hat das ansehnliche Ge-
wicht von 17 Kgr. Große Sorgfalt wurde auf die stilj^erechte Her-
stellung der Einbände verwendet, die nach Angaben des Herrn Prof.
F. X. Kraus, Conservator der kirchlichen Alterthümer in Freiburg
i. Br. , von H. Buchbinder Scholl in Durlach ausgearbeitet wurden.
174 NACHBILDUNG DER MANESSE'SCHEN HANDSCHRIFT etc.
Die DeckelverzieruDgen, im Charakter des XVI. Jahrhunderts ge-
halten, wurden nicht nach moderner Art mit Schablonen auf die —
natürlich echten — Schweinslederüberzüge eingepreßt, sondern mit
alten Werkzeugen, die sich in der Familie des Verfertigers erhalten
hatten, aus freier Hand eingerollt. Ein schön stilisirtes gotisches Blatt-
ornament des 14./15. Jahrhs. in moderner Auffassung wurde zu den
Eckbeschlägen verwendet, die nach Gypsabgüssen galvanoplastisch in
Kupfer niedergeschlagen, versilbert und oxydirt wurden. Die Buch-
zeichen , gotischer Dreipaß mit eingeschriebenem M und seitlich aus
den Winkeln heraustretenden Spitzen (14./15. Jahrh.) sind in Bronze
ausgreführt. Genannte Metallarbeiten lieferte die Firma Erhard und
Söhne in Schw.-Gmünd. Schließlich sei noch erwähnt, daß die jeden
Band einleitenden Titelblätter („Die Manesse'sche Liederhandschrift
der Pariser Nationalbibliothek. Photographische Nachbildung des Ori-
ginals der Universität Heidelberg zur Jubelfeier ihrer Gründung durch
das großherzogliche Ministerium der Justiz, des Cultus und Unter-
richts tiberreicht. 1886. 3. August") von C. Wallau in Mainz nach
einer Mainzer Miniatur des 14. Jahrh. gearbeitet sind.
Die photographische Aufnahme wurde im Frühjahr 1886 durch
die Firma J. Krämer in Kehl in Paris ausgeführt und persönlich ge-
leitet von Herrn Prof. F. X. Kraus. Trotz des bereitwilligen Ent-
gegenkommens der französischen Behörden, besonders des Herrn
Generaladministrators L. Delisle, war sie mit vielen Schwierigkeiten
verbunden und nahm drei Monate in Anspruch. Außer dem der Heidel-
berger Universität dedicirten Exemplar wurde noch eines für Se. kön.
Hoheit den Großherzog von Baden angefertigt. Der fi'anzösischen
Regierung mußten gemäß dem Reglement zwei Pflichtexemplare ab-
geliefert werden, welche nun in der Bibl. nationale aufbewahrt sind.
Die Negative verblieben dem großh. badischen Ministerium. Weitere
Abzüge wurden nicht gemacht, da die Nachbildung speciell der
Ruperto-Carola zu Ehren veranstaltet wurde und außerdem die Kosten
nicht gewagt werden konnten. Aus denselben Gründen mußte die
Wiedergabe der ganzen Hs. durch Lichtdruck unterbleiben. Dagegen
wurden auf diesem Wege die Bilder allein vervielfältigt. Diese eben-
falls im Auftrage des genannten Ministeriums von Prof. Kraus be-
sorgte und unlängst erschienene Ausgabe^) macht zum ersten Male
') Die Miniaturen der Pariser Liederhandschrift ii. s. w. , herausgegeben von
Franz Xaver Kraus-Stra(iburg i. E. Karl J. Trübner 1887. Die Einleitung gibt u. A.
eine klare Darstellung der Geschichte der Mau. Hs. , wobei nachgewiesen wird, daß
Einiges auf Konstanz als Abfassungsort gedeutet werden könnte.
F. LIEBRECHT, NARRENGESELLSCHAFTEN. 175
die Gesammtheit aller Minialuren der Pariser Liederhandschrift allge-
meiner Benützung zugänglich.
So wäre denn in diesem Geschenke der Regierung der Ruperto-
Carola einigermaßen Ersatz geschaffen für das weggekommene
Original. Die Farben der Bilder freilich konnten nicht wiedergegeben
werden, nur die den König Wenzel darstellende Miniatur wurde
als Pendant zum Titelblatt des ersten Bandes colorirt vorangestellt.
Ebenso sind die verschiedenen Hände in der Photographie allein
nicht mit vollständiger Sicherheit zu unterscheiden. Für den Wort-
laut des Textes dagegen kann die Nachbildung fast durchweg mit
dem nämlichen Erfolg benutzt werden wie das Original. Ja Stellen,
welche in diesem ausradirt und ganz unleserlich geworden sind, lassen
sich hier wieder sicherer erkennen. So hat z. B. nach MSH und
Apfelstedt (Germ. 26, 215) die Hs. fol. 13> (zweites Lied des Mark-
grafen Otto von Brandenburg, Str. 2) hulde, wo die Photographie
trotz der Rasur ganz deutlich hulde zeigt. Es kann also innerhalb
gewisser Grenzen die Heidelberger Copie das Original vertreten, und
sie ist demnach nicht nur ein glänzendes Schaustück, sondern auch
ein geeignetes Object für textkritische Untersuchungen.
NARRENGESELLSCHAFTEN.
Es hat wohl zu allen Zeiten Menschen gegeben, die sich gern
sowohl über die Thorheiten Anderer wie über die eigenen lustig mach-
ten und, um diesen Zweck besser zu erreichen, sich in Gesellschaften
vereinigten. Die älteste dieser Art, die mir bekannt geworden, finde
ich erwähnt bei Athenaeus p. 614 Gas., der über sie Folgendes be-
lichtet: „In dem Heracleura der Diomeer^) versammelten sich ge-
wöhnlich sechzig Personen, die auch in der Stadt unter diesem Namen
bekannt waren; daher die Redeweisen 'die Sechzig haben das ge-
sagt' und 'ich komme von den Sechzig'. Zu ihnen gehörte z. B.
Kailimedon, beigenannt der Krebs, sowie Deinias; ferner auch Mna-
sigeiton und Menaichmos, wie Telephanes in seinem Buche über Athen
berichtet. Der Ruf ihrer beißenden Freimüthigkeit war so verbreitet,
daß Philipp von Macedonien ihnen ein Talent schickte, damit sie ihm
*) Diomeia war der Name eines Demos in Attika. Er hieß nach Diomes, dem
Liebling des Herakles, der auch zuerst den Dienst des letzteren hier einführte.
176 F. LIEBRECHT
die aufgezeichneten Lächerlichkeiten zuschicken sollten. Daß dieser
König aber dergleichen gern hörte, bezeigt Demosthenes in seinen
„Philippischen Reden". — Sehr nahe verwandt mit dieser athenischen
Gesellschaft scheint die Babinische Republik gewesen zu sein,
über welche Pierer berichtet, daß sie von dem witzigen Starosten
Psanka im Jahre 1508 mit Gleichgesinnten gestiftet wurde, besonders
mit Peter Casarius, Richter zu Lublin. Psanka's Rittersitz Babin
lag nicht weit von dieser Stadt, und aufgenommen wurden nur Solche,
die sich durch eine Lächerlichkeit auszeichneten. Man schraubte sich
gegenseitig und nahm nichts übel, gab sich Titel der Monarchie, z. B.
Kronjägermeister (wer zur Unzeit oder zu viel von Hunden sprach),
Rittmeister (wer oft vom Pferde fiel), Feldmarschall (wer im Kriege
davonlief) u. s. w. König Sigismund, der sie einst besuchte, ward zu
ihrem Könige gewählt. Staatsmänner, Soldaten, Richter, Geistliche
beeiferten sich, ihr beizutreten, und sie war lange die Ergötzlichkeit
aller Feste, der Schrecken aller Dummen und Schlechten. Sie bestand
bis 1677. Der Canonicus Szianiawski hat besonders über sie Unter-
suchungen angestellt. — Hierher gehört auch, was Reinsberg-Dürings-
feld mittheilt in seinem Buche Traditions et Legendes de la
Belgique 1, 372, wo es heißt: „Le jeudi apres la Pentecote etait
autrefois a Moerzeke dans le pays de Termonde un jour de grande
jubilation. — De tous les villages environnants on se rendait au Castel,
appel(j vulgaireraent 'Hoog Castelle' pour asisster ä la messe qui s'y
celebrait ce jour dans la vieille chapelle dedi^e a Notre-Dame. Apres
la cer6monie religieuse, avait lieu une fete d'un genre tout particulier.
On conferait d'abord des charges ridicules, comme l'emploi de rece-
veur a celui qui avait dissipe sa fortune ou qui, au service de la
commune, avait mal fait ses comptes de depense; celui de veneur
a celui qui, en poursuivant du gibier, etait tombe dans un fosse;
celui de conseiller ä celui qui avait donne quelque conseil ridicule
dans une affaire serieuse; celui de cocher ou de charettier a celui
qui avait vers6 en conduisant une voiture etc. etc. — Puis, une
dame grotesquement habille^ en grande dame ou 'Mevrouw', assise sur
un chariot, charge de furnier et train^ par quatre haridelles et accora-
pagnee d'une foule de jeunes gens, ä pied et a cheval, qui entour-
aient ou suivaient ce char de triomphe, faisait le tour de la place et
descendait de son char aux hu^es de tous les assistants. — Pour ter-
miner la festivitö, on exposait a ferme la chasse aux sauterelles, la
peche sur une raontagne sans eau, etc. — Tout paysan de la contree
qui raanquait de se rendre u cette fete, y etait conduit garott^ avec
SEEWASSER IN TEMPELN. 177
des liens de paille aux pieds et aux mains. — Mais Finvasion fran-
gaise mit fin k Ja chapelle aussi bien qu'k la fete populaire."
Von den mir bekannten Gesellschaften und Festen dieser Art
führe ich noch schließlich Folgendes an über das Regiment de la
Calotte, welches im 18. Jahrh. in Frankreich bestand. „Les actions
ridicules, les paroles d^plac^es, les sottises de quelques natures
qu'elles fussent, etaient i'objet des satires du regiment de la ca-
lotte .... il distribuait des brevets ä tous ceux qui avaient fait quel-
ques eclats par leur sottise .... il se melait aussi de politique. ...
L'eveque de Soissons, Languet, fut nomme historiographe du regi-
ment de la calotte pour son histoire de Marie Alacoque." Cheruel,
Dictionn. des Institutions, Moeurs et Coutumes de la France 1855.
I, 420.
LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT.
SEEWASSER IN TEMPELN.
Wir finden mehrfach Sagen und Berichte, wonach sich zuweilen
plötzlich in Tempeln und andern Heiligthümeru lautes Rauschen von
Seewasser und anderm Gewässer vernehmen oder auch dieses selbst
sehen ließ, obgleich die Localitäten sich weit vom Meere befanden.
Ich will im Folgenden mehrere derselben zusammenstellen, da es
immerhin interessant ist, die betreffenden, der Zeit und dem Orte nach
so weit auseinander liegenden Erzählungen neben einander zu finden,
so weit sie nämlich mir zur Kenntniß gekommen sind.
Zuvörderst finden wir bei Pausanias 1, 26, 6, daß er, von dem
athenischen Erechtheion sprechend, auch berichtet: „Vor dem Eingang
befindet sich ein Altar des Zeus Hypatos, wo man nichts Lebendes
opfert, sondern nur Backwerk hinsetzt und auch keinen Wein zu
brauchen pflegt. Der Eintretende sieht mehrere Altäre, einen des
Poseidon, auf welchem man einem Orakel zufolge auch dem Erech-
theus Opfer bringt; dann einen des Heros Butes; der dritte aber ist
der des Herakles. Auf den Wänden befinden sich Gemälde von dem
Geschlechte der Butaden. Denn dieses Gebäude ist ein zweifaches,
und es befindet sich darin Meerwasser in einem Brunnen. Dies ist
zwar kein großes Wunder ; denn von denen, die mitten im Festlande
wohnen, findet ein solches sich außer bei andern auch bei den aphro-
disischen Kariern ; dieser Brunnen jedoch bietet das Bemerkenswerthe,
daß er bei blasendem Südwind ein Wogenrauschen hören läßt; und
in dem Felsen befindet sich die Figur eines Dreizacks." Weiterhin
GERMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 12
178 F. LIEBREOHT
(8, 10, 2. 3) spricht Pausanias von dem Tempel des Poseidon Hippios
in Arkadien, nennt als erste Erbauer Agamedes und Trophonios, und
sagt unter anderm: „Indem sie die Menschen davon abhalten wollten,
denselben zu betreten, brachten sie zwar nichts an, was den Eintritt
verwehren konnte, sondern spannten bloß einen rothen Faden vor, dies
vielleicht bei der damaligen Gottesfürchtigkeit für eine hinreichende
Abschreckung haltend, oder weil vielleicht dem Faden eine besondere
Kraft innewohnte. Es scheint aber, daß Aepytos, der Sohn des Hip-
potes, ohne den Faden zu überspringen oder unten durchzukriechen,
sondern ihn zersprengend, in das Heiligthum eingedrungen sei und
dort Ruchlosigkeiten ausgeübt habe. Jedoch fiel ihm eine Meereswoge
in die Augen und machte ihn blind, bald darauf aber starb er. —
Daß aber in diesem Tempel sich eine Meereswoge gezeigt habe, ge-
hört einer alten Reihe von Erzählungen an; denn Ähnliches berichten
auch die Athener in Bezug auf die in der Akropolis erschienene
Meereswoge sowie die Karer, welche Mylasa inne haben , in Bezug
auf den Tempel des Gottes, den sie in der einheimischen Sprache
Ogoa nennen. In Athen aber ist das Meer in Phaleron ungefähr
zwanzig Stadien von der Stadt entfernt, sowie in Mylasa der Anker-
platz von der Stadt achtzig Stadien; in Mantinea jedoch kam das
Meerwasser aus großer Entfernung offenbar nach dem Willen des
Gottes."
In der Nialssaga c. 158 heißt es: „In Thvattä zeigte sich dem
Priester am Charfreitag eine Meerestiefe am Altar, und er sah darin
viele Ungeheuer, und es dauerte lange, bevor er die Hören singen
konnte."
Rochholz, Schv/eizersagen aus dem Aargau 1, 29, Nr. 16, er-
zählt: „Als vor vielen Jahren in Olsberg großer Wassermangel herrschte
und Mensch und Thier an Krankheiten zu Grunde ging, gaben die
Geistlichen dem Unglauben des Volkes die Schuld und ließen täglich
Bußpredigten und öffentliche Gebete abhalten. Während so einmal
der Kaplan am Klosteraltar die Messe las, meinte er plötzlich ein
lautes Rauschen und Sprudeln um sich zu vernehmen; die Ministranten
eilten betroffen hinter den Altar, als den Ort, woher jeuer Lärm drang,
und sahen mit allgemeiner Freude, wie ein vorher nie dagewesenes
Loch im Kirchboden voll tiefen Wassers anquoll. Man traf sogleich
Anstalten, die Quelle zu sammeln und leitete sie so gut, daß seither
die Olsberge gegen ähnliche Noth geschützt blieben. Jenes Loch ist
noch immer zu sehen unter dem Altar der Kirche u. s. w." Rochholz
bemerkt dazu: „In der Laibacher Dreifaltigkeitskirche sieht J. G.
EIN VOLKSVERS. 179
Kohl (Augsb. Allg. Ztg. 1851, Nr. 254) neben dem Altar ein Wasser-
loch mit einer Eisenplatte bedeckt, durch die man das Wasser herauf-
rauschen und, wenn es ruhig ist, die Fische plätschern hört. Dieser
Quelle zu Ehren Von der e kloaner bua troemt hat', wurde die große
Kirche erbaut."
Zuletzt eine raessinesische Sage, wonach jemand in einen Brunnen,
der sich unzugedeckt in einer Kirche befand, unvorsichtiger Weise
stürzte und ertrank. Die Seele kam in's Fegefeuer und sollte das-
selbe erst verlassen, wenn einmal für sie eine Messe gelesen würde,
was auch lange nachher geschah. S. Baring-Gould , The Silver-Store,
collected from mediaeval Christian and Jewish Mines. London 1868,
p. 107 gqq. Der Verf. bemerkt hierzu: „Several foreign cathedrals
have wells within the building. That in Strasbourg has been only
lately closed."
LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT.
EIN VOLKSVERS.
In Cleasby-Vigfusson's Icelandic English Dictionary s. v. Elska
heißt es: „Icel. have a playful rhyme referring to lovers running thus
„elskar hann (hün) mig | af öllu hjarta, ] ofrheitt | harla litid | og
ekki neitt", which calls to mind the scene in Goethe's Faust where
Gretchen plucks off the petals of the flowers with the words; er liebt
mich — er liebt mich nicht." Dieser Reim ist weitverbreitet und wahr-
scheinlich auch schon alt; s. Zingerle, Das deutsche Kinderspiel im
Mittelalter, S. 32 und die dort angeführten Schriften; in Schlesien,
wo ich ihn in meiner Jugend oft gehört, lautet er: „Er (sie) liebt
mich vom Herzen — mit Schmerzen — ein klein wenig — oder gar
nicht." Eine portugiesische Version habe ich in den Gott. Gel. Auz.
1883 (S. 24P) mitgetheilt. („Um zu wissen, ob man, liebend, wieder
geliebt wird, pflückt man eine Dotterblume (mal me quer) und rupft
die Blätter derselben nacheinander ab, wobei man abwechselnd sagt[
'mal me quer' (er [sie] liebt mich schlecht) und „bem me quer (er [sie:
liebt mich gut); wenn nun die Worte mal me quer' auf das letzte
Blatt treffen, so wird man nicht wieder geliebt; andernfalls aber er-
freut man sich der Gegenliebe des geliebten Gegenstandes.") — Von
der Feier des 1. Mai in Sicilien und den dabei unter Mädchen ge-
bräuchlichen Spielen heißt es: „Wenn sie müde sind, setzen sie sich
nieder, und indem jede von ihnen die Blätter einer Goldblume (Cri-
12*
180 F- LIEBRECHT, EIN VOLKSVERS.
santemo) eines nach dem andern abreißt, fragen sie dabei, ob sie einen
Mann bekommen werden oder nicht: 'ich bekomme ihn — ich be-
komme ich nicht; und ob der Liebhaber oder Bräutigam treu ist oder
nicht u. s. w. Die Antwort gibt das letzte Blatt, je nachdem es be-
jahend oder verneinend ausfällt." Archivio per lo Studio delle Tradi-
zioni popolari. Rivista diretta da Gr. Pitre e S. Saloraone- Marino.
Palermo 1883. II, 421. Was Spanien betrifft, so lesen wir in Antonio
Machado y Alvarez, Folk-Lore Espaüol. Madrid 1884. Tomo IV, p. 89:
„Um zu erfahren, ob wir Gegenliebe erhalten, reißt man von einer
Blume die Blätter einzeln ab und sagt dabei : viel — wenig — gar
nichts (mucho, poeo, nada). Das letzte Blatt bestimmt dann den Grad
der Liebe."
An der angeführten Stelle bemerkt Zingerle: „Die Blumen dienen
nicht nur zum Binden der Sträuße und Winden der Kränze^ sondern
auch zu Orakeln, wie uns die Kinder und das Gretchen in Faust zeigen.
Für das Blumenorakel, das im Mittelalter ebenso bekannt war wie jetzt,
fehlen mir Belege. Desto häufiger findet sich das Halmziehen er-
erwähnt. Dieses orakelhafte Halmziehen oder etwas Ahnliches findet
sich auch in China, jedoch bei anderer, obschon ähnlicher Gelegenheit.
So singt eine von ihrem Gatten getrennte Frau in ihrer Sehnsucht
nach ihm: „Mein Mann ist im Kriege, und mein Herz ist nieder-
geschlagen. — Wir sind jetzt seit einem halben Jahre getrennt, und
ich habe noch keinen Brief von ihm erhalten. — Ich habe vor Buddha
Weihrauch verbrannt, und vor Kuan-Yin, der Göttin des Erbarmens,
der Helferin derer, die in Noth und Bedrängniß sind .... — Ich
befrage die Weissager um Rath; ich flehe zu den Göttern, lasse mir
wahrsagen, wie es dem Entfernten ergeht. — Ich ziehe einen von
diesen Streifen (strips) und es ist ein langer; einer der
Gutes vor bedeutet. — Mann und Frau werden wieder mit ein-
ander vereint werden." George Carter Stent, The Jade Chaplet. A Col-
lection of Songs, Ballads etc. (From the Chinese.) London 1874, p. 55 sq.
Dieses Orakel ist eben auch leicht zur Hand und rasch befragt, ebenso
wie das der Blume.
LÜT'JICH. FELIX LIEBRECHT.
M. FK. BLAU, ZUR ALEXIUSLEGENDE. 181
ZUR ALEXIUSLEGENDE.
Ein Beitrag zur Entwicklung der Legende, nebst einer Untersuchung über
das Handschriftenverhältniß in der mhd. Redaction B.
I. T h e i 1.
Die Frage nach dem Ursprünge der im Mittelalter literarisch so
viel behandelten Legende vom heiligen Alexius ist von G, Paris in
der werthvollen Einleitung zur Ausgabe des altfranzösischen R*)
(Romania VIII, 163 ff.) endgiltig gelöst. Danach entwickelt sich eine
wohl wahrheitsgetreue, von allem Wunderbaren freie Erzcählung von
dem asketischen Leben eines reich- und edelgebornen Jünglings im
Gebiete der griechischen Kirche zu der Legende, wie sie uns, wenig-
stens in den Hauptzügen treu, auch noch in der lateinischen Fassung
vorliegt.
Die syrische Vita, die solchergestalt als Original und Ausgangs-
punkt der Legende erscheint, wird in Bälde von Herrn M. Amiaud ^) in
Paris herausgegeben werden, und gleichzeitig wird genannter Herr in
einer längeren Einleitung über das Verhältniß der vorhandenen syrischen,
griechischen und lateinischen Redactionen handeln. Ich bin deshalb der
Mühe überhoben, auf diese Frage näher einzugehen, da ich mich den
Ausführungen Amiauds fast durchgängig anzuschließen vermag; was
ich etwa an eigenen Resultaten in diesem Punkte, dem ich natürlich
vor dem Bekanntwerden mit Amiauds Schrift auch meine Aufmerksam-
keit bereits zugewendet hatte, gefunden habe, werde ich gelegentlich
anführen, wennschon ich nun nicht mehr den Anspruch erheben darf,
die Resultate zuerst veröffentlicht zu haben.
Meine Untersuchungen müssen sich also, wenn auch die grie-
chischen Bearbeitungen nicht unbesprochen bleiben sollen, im Wesent-
lichen auf die Darstellungen der Legende beschränken, welche das
') Für die Siglen verweise ich auf Brauns' : Über Quelle und Entwicklung der
afrz. Can^un de saint Alexis etc. Kiel 1^84, wo auf S. V — X eine — freilich nicht
ganz vollständige — Aufzählung der verschiedenen Bearbeitungen der Legende ge-
geben ist. Die von mir benutzten abendländischen Bearbeitungen finden sich in
Massmann: Sanct Alexius' Leben etc. Quedlinburg u. Leipzig 1843. G. Paris: La Vie
de saint Alexis. Paris 1872.
^) Ich unterlasse es nicht, Herrn M. Amiaud meinen wärmsten Dank an dieser
Stelle dafür auszusprechen, daß er mir in liebenswürdigster Weise die bisher gedruckten
Bogen seiner interessanten Arbeit zur Einsichtnahme überlassen hat.
132 ^- ^'K- BLAU
Abendland bietet, und meine erste Aufgabe wird sein, der Frage über
die Zeit der Einführung des Alexiuscultes in Rom näher zu treten.
Es ist wahr, Herr Abb^ Duchesne hat nach G. Paris' Angabe
(a. a. 0. 163) eine Monographie darüber geschrieben; aber da die-
selbe nach nunmehr zehn Jahren noch immer nicht veröffentlicht
worden ist, habe ich es nicht für unnöthig gehalten, Duchesne's Hypo-
these — denn als solche müssen wir doch seine Ansicht vorläufig
betrachten — auf ihre Wahrscheinlichkeit zu prüfen. Nach Duchesne^
dem sich G. Paris anschließt, ist der Cultus des Alexius bis zum Ende
des zehnten Jahrhunderts dem Abendlande unbekannt geblieben:
erst der aus Damascus vertriebene Metropolit Sergius führte ihn in
Rom ein, indem er die Legende gleichzeitig in nähere Beziehung zu
der ihm vom Papste Benedict VII. überwiesenen Bonifaciuskirche
brachte.
Schon Pinius, der Bearbeiter des Artikels Alexius für die Acta
Sanctorum (mens. Julii Tom. IV, p. 241), hat bemerkt, daß wir den
Namen des Heiligen in keinem der ältesten lateinischen Martyrologien
finden, weder in dem kleinen römischen aus dem achten Jahrhundert,
noch bei Beda, Ado, Usuard, noch im Kalendarium Romanum.
Freilich gibt er ebenda p. 250 an, daß die eine Hs. der gemeinen
Redaction der Legende (B) bereits aus dem neunten Jahrhundert
stamme, aber seine Begründung ist sicher mehr als fraglich. A. a. O.,
wo er die Hss. bezeichnet, die ihm vorgelegen haben, führt er auch
eine auf, welche Henschen im Jahre 1648 vom Kanzler von Geldern,
Hieronymus de Gaule, erhalten habe. Dieselbe enthält auch eine Vita
Erasmi, und da nun Henschen bei Herausgabe der letzteren (Aa. Ss.
Junü Tom. I, p. 211) von einer Hs. spricht, welche er nach dem
Charakter der Schrift ins neunte Jahrhundert setzt, so combinirt
Pinius, daß diese Hs. identisch sei mit der ihm selbst vorliegenden.
Dagegen ist aber einzuwenden, daß Henschen an besagter Stelle
auch nicht die geringste Andeutung betreffs einer näheren Bestim-
mung jener werth vollen Hs. macht, sondern sich damit begnügt zu
sagen: „acta habemus in quam plurimis codicibus Mss. quorum uuus
charactere vetustissimo a nongentis fursan aut saltem octingentis —
der betreffende Band der Aa. Ss. ist 1695 erschienen — annis exaratus
apud nos est." Der Schluß, den Pinius sich hier erlaubt, bloß darauf
hin, daß besagte Hs. eine Vita Erasmi und eine Vita Alexii enthält,
ist doch sehr kühn, zumal er ein eigenes Urtheil über die Hs. sich
nicht getraut und mit den allgemeinen Worten „vetustissimis litteris
exaratus" einer wirklichen Bestimmung des Alters der Hs. aus dem
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 183
Wege geht. Wir können ihm auf so unsicheren Boden der Corabination
nicht folgen und müssen deshalb die Existenz einer lateinischen Vita
S. Alexii aus dem neunten Jahrhundert für durchaus unerwiesen halten.
Ein anderer Gegner der Ansicht, daß der Alexiuscult im Abend-
lande so jungen Ursprungs sei, ist der Abt Nerini, welcher in einem
dicken Band von 600 Seiten über die den Heiligen ßonifacius und
Alexius geweihte Kirche und deren Geschichte geschrieben hat unter
dem Titel: De templo et coenobio Sanctorum Bonifacii et Alexii etc.
Romae 1752. Er ist ebenso, ja in noch höherem Grade Partei in dieser
Frage als Pinius, der sich auch nach seinen Kräften müht, den Alexius
und seine Legende so früh als möglich in Rom nachzuweisen: Nerini
ist nämlich selbst Abt des Klosters jener Heiligen.
Er hat also von Neuem die Arbeit aufgenommen, den Alexius
und seinen Cult seit frühester Zeit in Rom zu erweisen, und so bringt
er denn ziemlich reichliches Material zur Begründung seiner Ansicht
herbei, freilich ohne eigentliche Kritik.
Zuerst führt er an (p. 24) , daß diejenigen Texte des Usuard,
welche der Herausgeber Sollier (Aa. Ss. Junii Tom. VI) zur Classe der
vetustioris uotae mss. rechnet, den Alexius erwähnen; es sind die
folgenden: Tornacensis, Aquicinctinus, beide von Sollier sogar als
maxime probati bezeichnet (Praefatio LVI) und ferner diejenigen,
denen er den Titel der mediae notae zugesteht: Maximus Antverpiensis,
ültrajectinus, Leydensis, Lovanieusis, Albergensis, Dauieus und schließ-
lich noch der Bruxellensis und Hagenoyeusis.
Der Tornacensis ist geschrieben zwischen 1219 und 1252, wie
Sollier a. a. O. nachweist; den Aquicinctinus glaubt er nicht vor das
13. Jahrhundert setzen zu sollen (p. LVIII). Die ganze Reihe der
nächsten sechs Hss. fällt ins 15. Jahrhundert, der Bruxellensis aber
Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts, der Hagenoyensis,
durch seine besonderen Angaben übrigens für die Legende am interes-
santesten, wurde am 16. Juni 1412 beendet.
Hieraus ist also ersichtlich, daß diese Eintragungen, welche
sämmtlich erst in Hss. des 13. und der folgenden Jahrhunderte be-
gegnen, gar keinen Rückschluß auf das Original des Usuard gestatten,
von dem noch ältere und bessere Hss. existiren — s. Sollier a. a. O. —
die unseren Heiligen nicht kennen, und daß also Nerinis Behauptung,
Alexius sei um 875, wo Usuard schrieb, im Abendlande bekannt ge-
wesen, hinfällig wird. Aus dem Fehlen des Heiligen bei Usuard läßt
sich nun aber ein ziemlich sicherer Rückschluß darauf machen, daß
er auch bei Beda nicht'genannt war; Usuards Arbeit ruht ja in erster
184 M. FR. BLAU
Linie auf Beda, dessen Lücken er auszufüllen bestrebt ist. Und zu
dem Schlüsse, daß das Original des Martyrologiums Bedas den
Heiligen nicht nannte — einige minderwertbige Hss. bieten seinen
Namen — sind wir um so mehr berechtigt, als Ado (859 — 874 Erz-
bischof von Vienne), der Usuards directe Vorlage war und selbst
direct aus Beda schöpfte, den Heiligen gleichfalls nicht nennt, und
ebenso, um auch dies gleich hier zu erwähnen, Hrabanus Maurus, der
erste Erweiterer des Beda'schen Martyrologs, vom Alexius schweigt.
Das Martyrologium endlich , welches Notker der Stammler (f 912)
verfaßte, kennt ihn gleichfalls nicht.
Ebensowenig Glück hat Nerini mit einer andern Aufstellung, die
beweisen soll, daß mindestens im sechsten Jahrhundert Alexius in Rom
bekannt war. Er führt p. 13 ff. und 24 eine Stelle aus dem soge-
nannten Anastasius Bibliothecarius an, worin es heißt, daß ein Petrus
eine Kirche der heiligen Sabina in der Stadt Rom erbaut habe
„in moute Aventino juxta ... Monasterium S. Bonifacii, in quo et
S. Alexius jacet". Diese Stelle, zum Leben Sixius' HJ., er. 440 also,
wäre allerdings vernichtend für Duchesnes Hypothese, wenn sie wirk-
liche Zuverlässigkeit hätte. Aber dagegen spricht nun, daß in der
Erwähnung dieses Kirchenbaues — die übrigens als Fälschung zu
betrachten ist, da jene Basilika schon unter Papst Cölestin (f 432)
von einem Presbyter Petrus erbaut ist (vgl. dazu Piper: Einleitung in
die monumentale Theologie 1867, p. 322) — jener Zusatz „in monte
Aventino juxta monasterium S. Bonifacii, in quo et S. Alexius jacet"
nicht ursprünglich ist, obgleich er nach Nerini a. a. 0. in der Aus-
gabe des liber pontificalis von Vignoli 1724 Romae^) steht.
Schon Blanchini gibt den Zusatz in seiner Ausgabe des soge-
nannten Anastasius Bibliothecarius nicht im eigentlichen Text, sondern
nur in den Varianten mit der Bemerkung ex codice Regio Mazarino
et Thuano (vgl. Migne 128, sp. 227); nun sind aber nach Duchesne
— dem wir eine umfassende Arbeit über die Hss. des liber pontificalis
verdanken (Etüde sur le liber pontificalis par M. Tabbö Duchesne
1877 in der Bibliotheque des ecoles frangaises d'Athenes et de Rome.
Fascicule premier.) — ein Cod. Regius und ein Mazarinaeus, die
ungefähr die gleichen Varianten geben, beide erst im 15. Jahrhundert
geschrieben (nach p. 37) und gehören zur Gruppe M, zu den Über-
arbeitungen, die bis auf Martin V. fortgeführt sind. Erwägt man noch,
daß Vignoli (nach ebenda p. 120. 121) Unter Zugrundelegung einer
*) Mir selbst ist leider diese Ausgabe nicht zugänglich gewesen.
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 185
Hs. erst des neunten Jahrhunderts (Vatic. 3764) seine Zusätze aus allen
möglichen anderen ohne jede Kritik entnimmt, so ist es wohl nicht
zweifelhaft, daß der uns angehende Zusatz — den unter den so zahl-
reichen Hss. des liber pontificalis eben nur jene zwei bieten — dem
Original nicht angehört haben kann.
So sind also Nerinis Versuche, Alexius vor dem 10. Jahrhundert
nachzuweisen, als vergeblich zu betrachten: Beda, Usuard, der liber
pontificalis kennen den Heiligen nicht. Es lassen sich nun noch einige
Gründe anführen,, die direct dagegen sprechen, daß Alexius dem
Abendlande vor der von Duchesne angegebenen Zeit bekannt war.
Nerini führt p. 15 eine Notiz aus Ruinart an (Notitia de olea (sie!)
Sanctorura Martyrum qui Romae in corpore requiescunt), in der erzählt
wird, daß Gregor der Große (f 604) der Königin Theudelinde die
olea (!) der heiligen Märtyrer schickt, welche in Rom ruhen. Bonifacius
ist darunter, und gleich dabei steht „S. Hermetis", der nach Nerini
in derselben Kirche ruht. Ist es denkbar, daß der Papst zwei Heilige
dieses Klosters vor dem dritten (Alexius) bevorzugt habe, bei einer
Gelegenheit, wo ein Name mehr den Werth seiner Gabe und den Glanz
seiner Stadt nur erhöhen konnte? Und derselbe Papst hätte sich auch
bei einer anderen Gelegenheit unserem Alexius feindlich gezeigt? Als
er nämlich seinen Dialogus de vita et miraculis patrum Italicorum
verfaßte, eine Sammlung, die er unternahm, weil er das Legendenbuch
der morgenländischen Kirche, die sogenannten Vitas patrum, so hoch
schätzte. Alexius hat weder in dem einen, noch in dem anderen Auf-
nahme gefunden.
Eine andere Anführung Nerinis läßt sich gleichfalls gegen ihn
verwerthen: er bringt p. 45 wieder aus dem liber pontificalis eine
Stelle bei, nach der Papst Leo III. (795 — 876) der diaconia sancti
Bonifacii ein Geschenk maciit. Gerade, daß auch hier wieder der
Name des Alexius fehlt, spricht gegen Nerinis Ansicht, wennschon
streng genommen aus jener Stelle nur geschlossen werden darf, daß
zur Zeit Leo's III. die Kirche als officiellen Heiligen, der ihr den
Namen gab, nur den Bonifacius, noch nicht den Alexius hatte.
Ich darf am Schlüsse dieser Erörterung eine Stelle aus Nerini
nicht übergehen, aus der hervorzugehen scheint, daß bereits (im fünften
Jahrhundert) Alexius' Vater zur Bonifaciuskirche in nähere Bezie-
hung getreten sei. Er führt nämlich p. 33 ein Testament des
Euphemianus an, nach welchem dieser um seines lieben Sohnes
Alexius Willen dem Kloster eine fürstliche Schenkung macht. Es hat
aber mit dieser donatio Eufumiani (so lautet der Name in der Urkunde)
186 M. FK. BLAU
eine eigene Bewandtniß : nicht das Original ist erhalten, sondern
Nerini hat im Archiv die Abschrift einer Urkunde gefunden, in welcher
letzteren jenes Testament nach einem zum Theil kaum mehr lesbaren
Pergament buchstäblich treu wiedergegeben sein sollte. Jene Urkunde
soll aus dem dritten Jahre des Pontificates Silvesters II. (also 1002)
stammen und macht allerdings durchaus den Eindruck der Echtheit.
Nerini gibt sich mit Erfolg Mühe nachzuweisen, daß sie echt ist,
und die Frage der Unterschrift durch Benedictus Scrinarius Sanctae
Romanae Ecclesiae macht wohl auch keine Schwierigkeiten, wennschon
Jaffe in den Regesta Pontificum Romanorum (ed. sec. Tom. I, p. 496)
als Scrinarii S. R. E. für Silvesters IL Bullen nur Petrus, Antonius und
Johannes aufführt; denn Nerini weist mit Recht darauf hin, daß ein
Benedictus als Scrinarius S. R. E. unter Silvesters unmittelbarem
Vorgänger, Gregor V., zum Jahre 999 genannt wird und ebenso unter
seinem Nachfolger, Benedict VIII., zu den Jahren 1012 — 17.
Aber damit ist natürlich nur die Echtheit der Urkunde erwiesen,
laut welcher Benedictus Scrinarius S. R. E. in Gegenwart des Papstes
und seines Hofstaates, sowie des Stadtpräfecten und vieler hohen Herren
auf Bitten des Abtes Johannes vom Kloster der Heiligen Bonifacius
und Alexius einer von genanntem Abte aufgefundenen Schrift (eben
jener donatio Eufumiani) durch amtliche Abschrift den Werth als
Urkunde zu erhalten bemüht ist. Nerini spricht es ganz offen aus,
daß ihn vielerlei davon abhalte, an die Echtheit des von Johannes
aufgefundenen Testamentes, nach Angabe des Benedictus Scrinarius
S. R. E. in einem „thomus carticineus jam fere consumptus" überliefert,
zu glauben. Und die einzigen Gründe der Anerkennung sind ihm der
aus Urkunden (freilich einer über 500 Jahre späteren Zeit!) erweis-
bare Reichthum des Klosters und die Erwägung, daß die Anwesenheit
des Papstes und der anderen Herren bei der officiellen Anerkennung
jenes famosen Schenkungsinstrumentes doch den Zweifel an dessen
Echtheit verbieten. Ich führe aus der donatio, die wohl zweifellos
eine kecke Fälschung ist, eine Reihe sprachlicher Eigenheiten an, die
es meiner Ansicht nach unmöglich machen, an eine Abfassung der-
selben im fünften Jahrhundert zu denken, (b)eate (Bo)nifacii als
Vocativ; (in) eodem montem (A)ventinum — (u)sque in Septem viis —
supra circum (M)aximo — usque in predictain porta(m) Ostiense;
— rivus de Pilliotti — rivus de Bivario — . Dazu kommen die recht
modern klingenden Namen Pilliotti und Squizanellum. Wenn ich noch
anführe, daß der scrinarius Benedictus den Eufumianus ,,quondara
iirbis Rom .... Prefectus" nennt, welchen Titel er doch nur in der
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 187
donatio selbst gefunden haben konnte, ein Stadtpräfect dieses Namens
aber nach Nerinis eigener Angabe p. 373, not. 5 nicht nachzuweisen
ist, so glaube ich für die Unechtheit der donatio genügende Gründe
beigebracht zu haben.
Abgesehen von der oben angeführten Erwähnung der diaconia
S. Bonifacii im liber pontificalis zur Zeit Leo's III. (795 — 816) ist die
erste historische Nachricht, welche wir gut beglaubigt von dem Tempel
des Bonifacius besitzen, die Grabschrift des Sergius Damascenus, die
bei Nerini p. 68 zu lesen ist. Aus derselben ist ersichtlich, daß „Ser-
gius, einst Metropolit von Damascus, zur Zeit des frommen Papstes
Benedict (eine Zahl fehlt) nuraine perductus nach Rom kam, in einer
Kirche, welche der Stein mit martyris hoc templum bezeichnet, ein
Kloster nach der Regel des heiligen Benedict gründete, daselbst vier
Jahre lebte und im Jahre 981 verstarb", „martyris hoc templum" beweist
wiederum, daß Alexius das officielle Patronat der Kirche noch nicht
hatte, sonst hätte man ihn schwerlich neben dem martyr (Bonifacius)
unerwähnt gelassen. Ebenso nennt auch ein Grabstein aus dem Jahre
984 (Nerini p. 84) nur „limina sti martiris invicti Bonifatii"; erst eine
Grabschrift aus dem Jahre 1034 nennt beide Heilige (ebenda p. 325):
„haec, o Alexi, tibi, tibi creditur et Bonifati". Die Reste einer Inschrift
(auf den Tod einer diaconissa Stephania), die Nerini an den Anfang
der Sammlung stellt (p. 310) und ins Jahr 979 setzen will, erwähnen
den Alexius, aber die Annahme Nerinis betreffs der Zeit ist äußerst
willkürlich; denn die Indictio septena der Grabschrift kann sowohl
auf 1024, das Todesjahr Benedicts VIII. als auf 10.39 (Benedict IX.)
gehen, da der Papst Benedict der Grabschrift nicht näher bestimmt
ist. „Die Schrift weise gleichfalls ins zehnte Jahihundert", wogegen
man wohl einwenden darf, daß Nerini sich schwerlich getrauen dürfte,
die Schriftzeichen einer steinernen Grabschrift auf fünfzig Jahre früher
oder später mit Sicherheit zu datiren. Seine Angaben betreffs des
Amtes der Diaconissen endlich sind ganz falsch: nicht erst nach dem
zehnten Jahrhundert war das Amt einer Diaconissa in der römischen
Kirche veraltet, sondern sicher bereits im sechsten, denn der Gewährs-
mann Nerinis, Cabassutius, erzählt in seiner Notitia ecclesiastica
p. 26, daß Leo I. (f 461), Hormidas (f 523) und Johannes IL (f 535)
Verbote erließen, weiter die diaconae zu ordiniren, wodurch diese
nach den Worten des Cabassutius zu einem status vulgaris et sae-
cularis gemacht wurden. Wenn also die auf genanntem Grabsteine
aufgeführte diaconissa Stephania noch eine amtliche Stellung in der
Kirche gehabt hätte, müßte sie spätestens im sechsten Jahrhundert
188 M. FK. BLAU
gelebt haben; davon, daß nach dem zehnten Jahrhundert überhaupt
keine Diaconissen mehr existirt hätten, erzählt Nerinis Gewährsmann
nichts. Deshalb ei'scheint der Versuch der Datirung, wie ihn Nerini
bezüglich der Reste der erwähnten Inschrift wagt, durchaus unbe-
gründet und unhaltbar, und wir lassen die Grabschrift am besten
ganz bei Seite.
Zuerst historisch beglaubigt begegnet der Name des Alexius
neben dem des Bonifacius in einer Schenkungsurkunde , laut welcher
im Jahre 987 „Joannes Eminentissimus Consulus et dux" die insula
sub Aventino dem Kloster überweist; die betreffende Stelle lautet: „tibi,
Beate Bonifati, Christi Martir, simulque Alexi, Confessor Christi, ubi
sancte vestre (!) corpora requiescunt, in Mooasterio, quod situm est in
Aventino etc."
Ebenso bietet auch die interessante Urkunde, in der dem Abte
Leo vom Kaiser Otto III. der gesammte Besitz des Klosters bestätigt
wird , beide Namen (Nerini p. 372) ; die Urkunde kann nur auf das
Jahr 996 gehen (vgl. auch Jaffe a. a. O. IL ed., zu diesem Jahre).
Die folgenden Urkundea, die Nerini p. 381 ff. angibt, und die aus den
Jahren 987 (Benedictus S. S. R. E.), 1043, 1072 etc. stammen, nennen
immer beide Heilige.
Von Interesse ist noch eine Stelle aus dem Briefe des Petrus
Damiani an Papst Nicolaus IL (f 1061), worin es heißt: „Sergius etiam
Metropolita Damasci, ... qui Ecclesiam suam pro Christi amore de-
seruit et Romam peregrinus advenit; reperiensque B. B. Bonifacii et
Alexii basilicam sacerdotalibus paene officiis destitutam, Benedietum
Romanae Sedis Antistitem adiit atque ut sibi monasterialem ibi per-
mitteret regulam constituere precibus impetravit: ubi nimirum longo
post tempore religiöse degens vitam finivit" (Nerini p. 69) , aus der
ersichtlich, wie jedenfalls zu Petrus Damiani Zeit Alexius neben Boni-
facius Schutzheiliger des Klosters war, und wie man bereits das Factum
der noch ziemlich jungen Einführung des Alexiuscultes so weit ver-
gessen hatte, um sagen zu können, daß Sergius in der Basilika des
Bonifacius und Alexius ein Kloster eingerichtet habe.
Wir wissen also sicher, daß Sergius ein Kloster in der Boni-
faciuskirche gründete, und daß Leo im Jahre 996 Abt dieses Klosters
war, welches schon 987 als beiden Heiligen geweiht bezeichnet wird.
Welche Bedeutuog Sergius und dessen unmittelbare Nachfolger
gehabt haben , geht erstens aus den Schenkungsurkunden jener Zeit
hervor, besonders auch aus jenem Bestätigungsdocument Ottos HL,
das eioe stattliche Anzahl von Besitzungen aufzählt, darunter viele,
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 189
welche derselbe Abt Leo unter Otto I. erworben hatte; zweitens aber
zeigt es sich auch in dem Ansehen, welches das Kloster genießt:
bedeutende Männer des Abendlandes sowie des Ostens suchen in
seinen Mauern Erholung vom schweren Amte kirchlicher Verwaltung,
und die beiden Herren der Welt zeigen rege Theilnahme für dasselbe.
Von jenem Jahre 977, dem Grtindungsjahre des Klosters, be-
merken wir ein stetes Aufblühen: Otto I. bestätigt dem Abte Leo Erwer-
bungen, Papst Gregor, höchst wahrscheinlich V., 996 — 999, macht eine
Schenkung, dann wieder bestätigt Otto IIL demselben Abte den alten
Besitz und neue Erwerbungen (vgl. Urkunde I bei Nerini p. 372 ff.),
und der gleiche Kaiser schenkt nach der später zu erwähnenden Hs.
des Klosters Monte-Casino dem Altar gerade unseres Bekenners den
prachtvollen Mantel, den er bei der Kaiserkrönung getragen hat, und
es wird dabei ausdrücklich erzählt: „divae memoriae tertius Otto
Romanorum imperator Augustus locum hunc (sc. das Kloster der
beiden Heiligen Bonifacius und Alexius) toto mentis diligebat affectu,
cui dona multa largitus est."
St. Adalbert, der Apostel der Preußen, zieht sich, seines Waltens
als Bischof über die undankbaren Böhmen müde, auf fünf Jahre in
unser Kloster zurück (990 — 94), bis ihn der Ruf des Papstes seiner Ge-
meinde zurückgibt, ja er kehrt später noch einmal (995) dorthin zurück;
einem günstigen Zufalle verdanken wir es, daß uns gerade von ihm
eine Homilie über St. Alexius in der eben erwähnten Hs. des Klosters
Monte-Casino erhalten ist (abgedruckt in den Aa. Ss. a. a. O. p. 257)').
Auch S. Bonifacius, der martyr Russorum , war am Ausgange des
10. Jahrhunderts in diesem Kloster, wie uns Petrus Damiani bezeugt
(Nerini p. 155). Die anderen Persönlichkeiten, welche Nerini aus dieser
glänzenden Zeit noch aufführt, übergehe ich vmd erwähne nur, daß
Leo „abbas monasterii Sti Bonifacii urbis Romae", wie er in dem
betreffenden Actenstücke heißt — also Alexius ist noch nicht officiell
als Schutzheiliger anerkannt — (vgl- Nerini p. 94, am besten in den
Monumenta HI p. 690 zum Jahre 995) als Stellvertreter des Papstes
Johannes nach Gallien geschickt wird, um dort ernste Streitigkeiten
zu schlichten.
Solche Männer waren es, denen naturgemäß die Aufgabe zufiel,
für den neugefundenen Heiligen ihres Klosters Propaganda zu machen :
bei ihrer energischen Persönlichkeit und ihrem bedeutenden Ansehen
') Über St. Adalbert vgl. Monumenta Germaniae SS. IV, p. 574 ff., wonach
die eine Vita 999, die andere wenig später (1004) geschrieben ist.
190 M. FR. BLAU
ist es kein Wunder, daß sie bald Erfolge haben mußten. Diese zeigen
sich in dem bereits erwähnten materiellen Aufblühen des Klosters und
der Theilnahme der Größten der Erde für dasselbe und darin, daß
aus dieser Zeit eine Reihe von Wundern berichtet wird — (vgl-
Aa. Ss. a. a. O. p. 258 ff., neuerdings nach einer besseren Hs. in den
Monumenta IV, p. 619 ff. herausgegeben) — • die alle aus der Zeit vor
1012 stammen und nicht früher als in das Jahr der großen Seuche 1004
zu setzen sind.
Am wichtigsten für uns ist das Wunder, welches im Leben des
Meinwerk erzählt wird (Aa. Ss, a. a. O. p. 244 im Auszuge, am besten
in den Monumenta XI, 104 — 161), denn hier wird das erste Zeugniß
der Weiterverbreitung des Alexiuscultes gegeben. Alexius befreit das
in Rom lagernde Heer der Deutschen von der Seuche, und Meinwerk
erbaut dem Heiligen zum Danke dafür am Eingange der Stadt Pader-
born eine Kapelle; zugleich erzählt die Lebensbeschreibung, daß Mein-
werk dem heiligen Alexis hohe Verehrung gezollt habe, „S. Alexem (!)
magna devotione coluit". Die Zeit des Wunders ist das Jahr 1004,
wo Heinrich I. und mit ihm der Bischof in Rom war und wo Alexius
und Ronifacius auch an einem anderen Seuchenkranken ein Wunder
wirken, wie der vierte Abschnitt der Hs. von Monte-Casino berichtet.
Nach all dem Angeführten scheint es mir berechtigt, wenn wir
Duchesnes Ansicht zu unserer eigenen machen, wennschon wir freilich
nicht im Stande sind, durch Docuraente nachzuweisen, daß gerade
Sergius den Alexiuscult in Rom eingeführt habe. Aber es ist wohl
zu bemerken, daß den Mönchen von St. Bonifacius nichts daran ge-
legen sein konnte, dieses Factum zu überliefern, denn sie mußten ja
im Gegentheil wünschen, daß man die Verehrung des Heiligen seit
altersher an ihre Kirche geknüpft glaubte.
Daß Duchesne gerade den Sergius zum Apostel unseres Heiligen
macht, hat seinen Grund wohl darin, daß ein Bild der Gottesmutter,
im Alexiuskloster noch jetzt aufbewahrt, nach einer Inschrift in der
ihr geweihten Kapelle von Sergius nach Rom gebracht und dasselbe
Bild sein soll, welches in Edessa die Heiligkeit des „Mannes Gottes"
verkündete. Wie weit diese Inschrift, die sich nicht auf dem Bilde
selbst findet (Nerini p. 315 ff.), als Urkunde zu betrachten ist oder
nicht, kommt hierbei gar nicht zur Untersuchung: sie beweist jeden-
falls, daß eine alte Tradition den vertriebenen Bischof von Damascus
in enge Beziehung zu unserem Heiligen setzte, und diese alte Tradition
dürfen wir wohl als letzte Erinnerung an die von Sergius veranlaßte
Einführung des Alexiuscultes in Rom betrachten.
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 191
Einen sicheren Beweis für Duchesne's Ansicht vermag ich also
nicht zu erbringen, aber ich denke, es ist so viel sicher festgestellt,
daß der Name des Heiligen zum ersten Male im Abendlande in der
erwähnten Urkunde von 987 (s. o. S. 188) begegnet, und daß derselbe
in den nächsten Decennien zu großem Ansehen in Rom gelangt, daß
schließlich vielerlei dafür spricht, Sergius habe den ihm natürlich
bekannten, in Edessa hochgefeierten Bekenner in Rom bekannt gemacht.
Diese ganze längere Ausführung ist nicht ohne Vortheil für die
Betrachtung der Entwicklung unserer Legende, die eben bereits in
allen wesentlichen Zügen ausgebildet gewesen sein muß, als sie sich
in Rom einbürgerte.
Die syrische Vita des Heiligen, von der in den Aa. Ss. a. a. O. p. 262
die Rede ist, wird in kürzester Zeit, wie ich bereits erwähnte, durch
M. Amiaud herausgegeben werden: sie ist als der Ausgangspunkt
der Legende anzusehen und schließt mit dem Tode des heiligen
Mannes in Edessa. Die nächste Nachricht von dem Heiligen finden
wir dann in dem Kanon eines Joseph — (Aa. Ss. p. 247 ff. bieten
eine lateinische Wiedergabe) — der im neunten Jahrhundert lebte;
der Entscheidung über die Frage, ob jener Joseph derselbe ist wie
der gleichnamige Bischof von Thessalonich aus dem Anfange des
neunten Jahrhunderts, oder derselbe wie Josephus Hymnographus,
am Ausgange desselben Jahrhunderts lebend, können wir füglich aus
dem Wege gehen; sie ist für uns ohne Bedeutung; Pinius ist mehr zur
Identificirung mit dem zweitgenannten geneigt (a. a. O.). Die Legende
hat sich hier bereits weiter ausgestaltet und zwar entsprechend den
von G. Paris (Romania VHI, 164) gemachten Angaben. Ohne Zweifel
gab dem griechischen Bearbeiter der edessenischen Localerzählung die
Legende von Johannes Calybita Constantinopolitanus (fünftes Jahr-
hundert) den Anstoß und die Hauptgedanken einer Weiterführung
der ihm vorliegenden Lebensgeschichte. Wie Johannes Calybita mußte
der jetzt Alexis oder Alexius genannte „Mann Gottes" nach langer
Abwesenheit ins Haus der Eltern zurückkehren; wie Johannes mußte
er daselbst Jahre hindurch als Fremdling leben und zuletzt auch dort
in Niedrigkeit und Armuth sterben. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden
Legenden ist derart, daß man schon frühe auf den Gedanken kam,
beide Heilige zu identificiren, wogegen bereits Pinius (a. a. O. p. 238)
protestirt.
In dem Kanon des Joseph ist noch eine Stelle enthalten, die der
Legende von Johannes Calybita näher steht als alle anderen Bearbei-
tungen der Alexiuslegende : es heißt nämlich in der achten Ode „antea
192 M- FR. BLAU
incognitus parentibus fuisti tempore tuae peregrinationis, revelasti
ipsis arcanum in gloriam Dei nostri, o gloriose, te manifestans, qui
te magna gloria dignatus fuit". Das bedeutet doch, falls ich die nicht
fehlerfreie Construetion des lateinischen Übersetzers ') richtig verstehe,
daß Alexius sich selbst vor seinem Tode den Eltern offenbart habe;
es ist daran zu erinnern, daß ja auch Johannes Calybita (vgl. z. B.
Surius: Vitae sanctorum Tom. I, p. 233 ff.) sich seinen Eltern, zuerst
seiner Mutter, unmittelbar vor seinem Verscheiden zu erkennen gibt.
Daraus folgt aber für den Kanon, daß er auf eine Darstellung der
Legende zurückging, welche das an den Brief des Heiligen sich knü-
pfende Wunder nicht kannte: wozu hätte Alexius einen Brief über
sein Leben schreiben sollen, wenn er sich schon vor dem Tode seinen
Eltern zu erkennen gegeben hatte. Daß die Stelle in Ode 8 so auf-
zufassen ist, wie ich es gethan habe, dafür spricht, daß Josephus
den Brief nicht erwähnt, obschon er gerade über die dem Leichnam
erwiesenen Ehren ausführlicher berichtet, überhaupt in Bezug auf den
Tod seines Helden inhaltlich recht viel gibt. Es heißt da: „eine Stimme
verkündet ganz Rom den verborgenen Schatz, der im Bettlergewande
ruht und der seine Heilkraft ausströmt auf Alle, die ihm im Glauben
nahen. Auf Gottes Geheiß kommen zusammen principes populorum,
Imperatores et sacerdotes, um ihn zu bestatten, und erleben mit Staunen
gewaltige Wunder; Blinde werden sehend, Stumme erhalten die Sprache,
Teufel werden ausgetrieben und der Frommen Geist erhellt. Auch
kommen zu seinem Begräbniß Patriarcharum eximius (ö TiQoxQirog
Täv TcatQvaQiav) et Imperator Christi longe amatissiraus, principes,
ferner Greise und Jünglinge und die Chöre der Mönche, um sich Alle
zu heiligen durch die Berührung mit seinem Leichnam."
Wir haben wohl ein Recht anzunehmen, daß Josephus' Kanon
eine ältere Entwicklungsstufe der Legende darstellt, welche den Brief
noch nicht kennt, und daß die Scene später in der Weise ausgeführt
ist, wie sie alle übrigen griechischen und lateinischen Darstellungen
bieten.
In welcher Stadt haben wir nun dieses Alexius Heimat zu suchen?
Schon Papebroek beirrten die griechischen Namen und der Umstand,
daß die Verehrung des Heiligen früher im Osten als im Abendlande
nachweisbar ist (vgl. Aa. Ss. a. a. O. p. 238), aber er entschied sich
später für Rom, nachdem er den Kanon kennen gelernt hatte; denn
') Über das griechische Original, d, h. ob und wo es zu finden, ist mir leider
nichts bekannt.
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 193
wenn Constantinopel gemeint sei, hätte, meint er, doch stehen müssen:
Pcbfir] 7} Bcc6iUs, auch könne mit dem „eximius patriarcharum" nur der
Bischof von Rom gemeint sein. Ebenso argumentirt der Herausgeber
des ganzen Artikels Pinius (ebenda p. 239): entweder müsse stehen:
KovöravTivoTtokig fj naöcov BccGlllg xav tcoIecov oder doch wenigstens
„Roma secunda oder nova", wie es Constantin vorgeschrieben habe;
auch sei es undenkbar, daß Josephus den hochberühmten damaligen
Patriarchen von Byzanz, Johannes Chrysostomos , so unbestimmt mit
„eximius patriarcharum" umschrieben habe, denn ihm, dem Griechen,
müsse natürlich jener Name bekannt gewesen sein. Es ist klar, daß
die von den beiden BoUandisten vorgebrachten Gründe in keiner
Weise ausreichen, die Behauptung zu widerlegen, gegen die sie pole-
raisiren, dafs nämlich Alexius in Neurom gelebt habe. Wer will einem
Dichter zurauthen, immer vorschriftsmäßige Titel zu gebrauchen? Die
Benennung als „eximius patriarcharum" kam in den Augen eines Grie-
chen sicher dem byzantinischen Bischof mit gleichem Rechte zu, wie
dem der Petersstadt. Was schließlich die behauptete Undenkbarkeit
angeht, daß Josephus den Johannes Chrysostomus so allgemein be-
zeichnet habe, so ist dagegen zu bemerken: betrachtet man die ganze
Anlage des Kanons mit der steten und alleinigen Hervorhebung des
Heiligen, so darf das Fehlen jenes Namens nicht Wunder nehmen.
Für den Dichter existirt überhaupt nur eine benannte Person, alle
Übrigen treten dagegen in ein unsicheres Zwielicht, aus dem sich nur
ganz zufällig einmal der Name der Stadt Rom heraushebt; selbst
p]dessa bleibt unerwähnt, und dieser Umstand beweist ausdrücklicii,
daß der Dichter eben jene anderen Namen nicht nennen wollte, nicht
zu nennen für nöthig hielt, da den Hörern des Kanons die Legende
selbst bekannt war. Der „eximius patriarcharum'' könnte also an und
für sich recht gut Johannes Chrysostomus sein.
Wir dürfen nach der ganzen Art des Kanons, der ja nicht voll-
ständig die Geschichte des Heiligen erzählen will , sondern deren
Kenntniß bei den Hörern voraussetzt, auch nicht mit Pinius (a. a. O.
p. 239) annehmen, daß die Namen der Eltern erst von einem Autor
des 10. oder 11. Jahrhunderts herstammen, der das Leben des Hei-
ligen dramatisch ausschmückte. Im Gegentheil ist es mehr als wahr-
scheinlich, daß die Namen der Eltern, des Patriarchen und des Kaisers
in der dem Dichter vorliegenden oder bekannten Gestalt der Legende
bereits vorhanden waren. Im Übrigen beweist gerade das Fehlen des
Namens Edessa, daß wir dem Kanon überhaupt eine negative Beweis-
HKKMANIA Noiip lioilip XXI (XXXIII) Jnli 13
194 M. FR. BLAU
kraft in Nebenmomeuten nicht zumuthen dürfen; L. Brauns (in seiner
Dissertation: „Über Quelle und Entwicklung der altfranzösischen
Cangun de saint Alexis etc. Kiel 1884") hat also Unrecht (p. 3)^
Pinius zum Vorwurfe zu machen, daß er annehme, der Dichter habe
möglicherweise seiner Vorlage gegenüber eine ziemlich unabhängige
Stellung eingenommen. „Der Kanon berichtet nichts von den 3000
Dienern des Vaters, von der mehrfach wiederholten Stimme in Rom,
von den 17 in der Fremde und ebenso vielen im Vaterhause ver-
brachten Jahren, von dem Briefe des Todten u. s. w." Jawohl, aber
was haben die aufgeführten Züge (ausgenommen etwa die Briefscene
s. o.) denn für Bedeutung für den Lebenslauf des Heiligen, dessen
Lob Josephus verkündet? Der Grund, weshalb Brauns gerade dem
Kanon auch eine negative Beweiskraft zusprechen möchte, ist leicht
einzusehen; ihm ist, wie ja auch Pinius und mir, jener Kanon Aus-
gangspunkt der historischen Entwicklung der Legende, und deshalb
möchte er sich durchaus selbst überreden, daß im Kanon der Inhalt
der Legende vollständig bis auf alle auch weniger bedeutenden Züge
gegeben sei, wie sie damals bestand. Aber wir haben zu dieser Annahme
kein Recht, und das Fehlen des Namens Edessa spricht ganz energisch
gegen dieselbe; denn glauben zu wollen, daß die Legende factisch
einmal den Namen der Stadt, wo der Heilige in frommer Zurück-
gezogenheit lebte, nicht geführt habe, ist unerlaubt, da ja die alte
syrische Vita, von der schon Assemani eine Hs. des sechsten Jahr-
hunderts gesehen hatte, und die jetzt von M. Amiaud nach acht Hss.
des 6. — 13. Jahrliunderts herausgegeben wird, deutlich die historische
Persönlichkeit des frommen, in Edessa lebenden Bekenners beweist, und
die Legende ja nur von Edessa aus ihren Zug begonnen haben kann.
Doch zurück zu der Frage nach der Heimat des Alexius! Neuer-
dings hat sich G. Paris (Romania VIII, 164) ebenfalls gegen die Bol-
landisten, deren schwache Gründe wir auch nicht gelten zu lassen ver-
mochten, dafür entschieden, daß Alexius aus Constantinop el nach
Edessa gegangen und später nach Neurom zurückgekehrt sei. Aber
worauf stützt sich die Behauptung? So weit ich den Stoff überblicke,
finde ich auch nicht den geringsten Anhalt dafür. Josephus nennt
Rom, und das ist doch, wenn wir mit Wahrscheinlichkeiten überhaupt
rechnen wollen, weit eher das alte als das neue. Das zweite grie-
chische Zeuguiß für unsere Legende weist aber klar und
deutlich auf das alte Rom. Wir finden es unterm 17. März, dem Tage
des Heiligen in der griechischen Kirche, in dem Synaxarium Basi-
lianum, jener prachtvollen Sammlung, welche Kaiser Basilius Por-
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 195
phyrogenetus anlegen ließ, und die nach dem Urtheile des Ughelli
und des Leo Allatius vor dem Jahre 984 geschlossen ist ').
Danach stammt der „Mann Gottes" aus Rom und ist ein Sohn
des Patriziers Euphemianus, welcher ihn zur Vermählung veranlaßt.
Aber Alexius verläßt nach der Hochzeitsfeier die Braut, ohne sie
berührt zu haben, unter Zurücklassung des Traurings {dovg avxr rbv
KQaßovLJtbv daxtvhov). Er begibt sich nach Edessa und verweilt dort
18 Jahre vor der (unbenannten) Kirche. Durch seine Tugend bekannt
geworden, entschließt er sich zu fliehen. Bei seiner Rückkehr nach
Rom sucht er das väterliche Haus auf und bleibt dort unerkannt am
Thore wohnen im Anblick der Eltern, mißhandelt von den eigenen
Sclaven und ungerührt durch die stete Trauer seiner Eltern und seiner
keuschen Braut. Beim Herannahen des Todes verlangt er Pergament
und schreibt seine ganze Lebensgeschichte auf. Der Kaiser H onori us
nimmt das Schreiben aus der Hand des Todten , der es im Sterben
fest umschlossen hat, und liest es vor, während Alle zuhören. So wird
er erkannt und sein Leiliger Leib in dem Tempel des heiligen Apo-
stels Petrus begraben.
Die Angabe der Peterskirche und die Nennung des Weströmers
Honorius als Herrscher läßt keinen Zweifel darüber, welches Rom
geraeint sei. Überall sonst heißt die Heimat des Heiligen Rom, ja die
beiden griechischen Bearbeitungen ^ und § nennen ausdrücklich die
Pco^i] TtQEßßvtSQa.
Gegen Paris' Annahme, für die nichts beizubringen ist, spricht
nun aber noch eine Erwägung allgemeiner Art. Wohl ließe sich denken,
daß die Römer, als sie die Legende kennen lernten, aus „Neurom"
Altrom machten und dem Heiligen so bei sich Heimatrecht gaben,
aber die Möglichkeit scheint mir ausgeschlossen, daß Constantinopel
und die morgenländische Kirche sich darein ohne Widerstand gefügt
und sich den Heiligen hätten rauben lassen.
Zudem haben wir ja allen Grund anzunehmen , daß der Heilige
vor dem Ende des 10. Jahrhunderts noch nicht in Rom bekannt war.
Wir müßten also, wenn wir Paris folgen, voraussetzen, daß im Osten
selbst diese Einsetzung von Altrom für Neurom stattgefunden hätte,
da Altrom bereits im Synaxarium die Heimat des Alexius ist. Da für
einen solchen Vorgang absolut kein Grund erfindlich ist, können wir
getrost Paris' Annahme, der Brauns in seiner Arbeit ohne Prüfung
beipflichtet, gegen die übrigens M. Amiaud, wie aus einer gelegent-
*) Die Vita ist gedruckt in den Aa. Ss, Martii Tom. I p. 869 , und im dritten
Bande der Ausgabe: Menologium Graocorum Urbiuo 1727, p. 18. 19.
13*
196 M. FR. BLAU
liehen Bemerkung hervorgeht, auch Einwand erheben zu wollen scheint,
verwerfen: Alles spricht dafür, daß Alexius' Heimat in der Legende
immer das alte ßom war.
Das genannte zweite Zeugniß für die Legende ist übrigens wohl
auch nur als ein kürzender Auszug zu betrachten; fehlt doch hier die
bereits bei Josephus erwähnte göttliche Stimme beim Tode des Hei-
ligen, ebenso das schon bei Josephus erzählte Eingreifen der Gottes-
mutter, welche sein heiliges Thuu bekannt macht. In dem Auszuge
aber ist nun interessant der Beleg der Namen: (Alexius), Euphemianus,
Edessa, (Roma) und Honorius ßaGiXsvg] ferner ist der Bericht über
den Tod und die nachfolgenden Ereignisse sehr bemerkenswerth: bei
Josephus oflFenbart sich Alexius noch vor seinem Hinscheiden den
Eltern; hier haben wir schon ganz die Scene, wie sie uns in der
lateinischen Vita begegnet. Der Heilige zeichnet seine Schicksale auf
und wird so nach seinem Tode erkannt. Merkwürdig und wohl ent-
sprechend der Stellung des oströmischen Kaisers zum Patriarchen von
Byzanz ist es auch, daß nicht der letztere, sondern der Kaiser als
derjenige genannt wird, der den Brief aus der Hand des Todten nimmt.
Erwähnenswerth ist auch die Angabe, daß er in St. Peters Tempel
begraben wird. Endlich ist auch jene Stelle, nach der er seiner jung-
fräulichen Frau den Trauring vor seinem Scheiden gibt, von Bedeutung.
In die directe Entwicklungsreihe der verschiedenen Phasen der
Legende sind die übrigen zwei, beziehungsweise drei griechischen Dar-
stellungen derselben') nicht einzureihen; sie sind, wie sich mir bei
näherer Untersuchung, deren Resultat ich hier nur mittheilen kann,
ergeben hat, sämmtlich bereits von der lateinischen Gestaltung der
Legende beeinflußt'').
Freilich läuft ^ unter dem Namen des Symeon Metaphrastes,
aber das ist noch kein Beweis dafür, daß sie wirklich von ihm stammt;
denn es gibt wohl wenige Schriftsteller des Mittelalters, welchen so
viele Werke untergeschoben werden, wie gerade dem Symeon Meta-
phrastes. Zudem ist man noch nicht einmal klar, welchem Jahr-
hundert man diesen Schriftsteller zuweisen soll. BoUand freilich und Leo
Allatius setzten ihn ins 10. , aber Oudin ins 12. Jahrhundert. Er soll
127 Legenden verfaßt haben, aber es werden ihm noch viermal so
viel zugeschrieben, und der bei Migne 114, sp. 293 angegebene Katalog
nennt unter den 87 Vitae, die Symeon verfaßt habe, den Alexius nicht;
') Sie sind bei Massmann: Sanct Alexius Leben 1843 als ß., § iiiid ^i abgedruckt
(p. 172, 192, 201).
^) Aucb M. Aniiaud spriclit in seiner Arbeit die gleiebe Ansiebt aus.
ZUR ALEXIÜSLEGENDE. 197
freilich steht zum Unterschiede von diesem Coustantinopler Katalog im
Wiener (ebenda sp. 295) gleich zu Anfang „Historia vitae S. Alexii",
und diese Angabe geht wohl auf die griechische Redaction ^, die ja
von Busbeck aus Constantinopel nach Wien gebracht wurde. Aber
es ist wohl zu bemerken, daß nach der Beschreibung der Hs. in
Lambecii Commentaria IV, p. 137 (p. 315, wie Maßmann angibt, geht
auf die zweite Auflage) zu urtheilen, die Vita durchaus keine Hin-
deutung darauf enthält, daß sie von Symeon verfaßt sei, und daß
Lambeck nur auf die Autorität des Leo Allatius hin die Vita dem
Symeon zuschreibt. Es ist sehr zu bedauern , daß die wichtige Frage
des Symeon Metaphrastes noch immer ihrer Lösung harrt; Leo Allatius
hat ja nur geringe Vorarbeit geliefert. Um gleich noch zu zeigen,
wie mißlich ein Sichverlassen auf die Autorschaft Symeons sei, be-
merke ich, daß (5, das obgleich nur lateinisch überliefert, aus dem
Griechischen übersetzt ist (nach Surius a. a. 0. III, p. 208) und des-
halb mit hierher gerechnet werden muß, in der Überschrift ausdrücklich
als aus Symeon Metaphrastes entnommen bezeichnet wird ; Maßmann
hat dieses „ex Symeone Metaphraste" wohl unterdrückt, weil er glaubte,
.•p gehöre dem Symeon zu.
Ehe wir von den griechischen Darstellungen scheiden, möchte
ich noch einen bemerkenswerthen Zug hervorheben. Wir finden in den
griechischen Darstellungen, mit einziger Ausnahme von ^, nur einen
Kaiser erwähnt.
Bei Josephus scheint Ende der achten Ode „principes populorum,
Imperatores" dagegen zu sprech'en, aber es ist dem gegenüber zu er-
wägen, daß daneben einfach noch „sacerdotes" genannt sind, also hier
„Imperatores = /3a^tA£tg"^) allgemein bedeutet „Fürsten", hingegen heißt es
Ode 9: „ Patriarch arum eximius et. Imperator Christi longe amatissimus";
neben dem Patriarchen tritt also nur der Kaiser, nicht mehrere auf.
Das Synaxarium nennt nur den Honorius, (E imperator (ohne
Namen), 3: 6 ßaöilsvg (gleichfalls ohne Namen); dagegen spricht §
ausdrücklich von den rk Tfjg ßaGtlstag tots axfjTtXQa l&vvovrsg.
Wir haben wohl anzunehmen, daß noch im Osten der Name des
Kaisers Arkadius in der Legende Aufnahme fand, aber nur in der
Zeitangabe, wann das entbehrungsvolle Leben des Bekenners ein so
herrliches Ende nahm; es ist ja sehr begreiflich, daß einem Griechen,
') Daß |3affdfvs = imperator einfach „Prinz" heißen kann, was vielleicht auch
für unsere Stelle die beste Übersetzung ist, beweist z. B. Jac. Gretseri opera Tom. XV,
p. 195': „sacerdotes et juvenes Imperatores (senex enim domi manserat propter cor-
poris infirmitatem)" etc. bei Einholung des edessenischen Christusbildes.
198 M. FR. BLAU
der in der Legende nur von dem Kaiser Honorius hörte, der Gedanke
kam, die Zeit dieses weströmischen Herrschers dadurch näher zu be-
stimmen, daß er den gleichzeitigen oströmischen Kaiser mit erwähnte.
So finden wir denn auch in S und 3^ nur einen Kaiser als in der
Legende mitagirende Person aufgeführt, aber beide Darstellungen
geben bei der Datirung dieses Heiligenlebens den Arkadius und
Honorius, wohl zu merken in dieser Reihenfolge, die den Oströmer
voranstellt. S nennt am Anfang und am Schlüsse beide Kaiser, 3^ hin-
gegen am Anfange nur den Honorius, am Schlüsse den Arkadius und
Honorius mit dem Zusätze: (sTtl aQXadCov xal SvoqCov) tcov ßaöiXecov
Qäfirjs sxatsQKS.
Erst im Abendlande wurde dann die Nennung zweier Kaiser
mißverstanden, und so begegnen in allen Darstellungen des Abend-
landes als Mitspielende in dem pomphaften Schlußefi"ect zwei Kaiser;
auszunehmen ist das deutsche G (bei Maßmann a. a. O. p. 140),
aber der Dichter Jörg Zobel verräth komisch genug seine Eigen-
mächtigkeit, die den einen der beiden einfach strich, dadurch, daß
er den Kaiser „Archadius" nennt (v. 14).
Wann das syrische Leben die griechische Umarbeitung und Fort-
setzung erfuhr, deren wichtigste Züge G. Paris (Romania VHI, 164)
gibt, darüber möchte ich eine Vermuthung um so weniger zurückhalten,
als auch M. Amiaud an einer genaueren Datirung verzweifelt. Bei
dem außerordentlich regen Verkehr, der zwischen Rom und dem
Osten bestand, so lange der oströmische Kaiser Schutzherr des Papstes
war, will es mir nicht glaublich erscheinen, daß die byzantinische
Legende, d. h. die Ausarbeitung des syrischen Lebens, vor der Mitte
des achten Jahrhunderts entstand, wo ja der Exarchat aufhörte (752)
und bald darauf auch der Frankenkönig die Kaiserkrone annahm.
Wäre die griechische Legende früher entstanden, so ist gar nicht
abzusehen, warum sie nicht auch nach Rom, das ja naturgemäß das
größte Interesse für den Heiligen haben mußte, gekommen sein sollte.
Hingegen erklärt sich durch die Annahme einer solchen späteren
Abfassung der griechischen Legende allein das merkwürdige Factum,
daß sie nicht in Rom bekannt wurde: nachdem der Papst an einem
abendländischen Fürsten einen Stützpunkt gesucht und gefunden hatte,
minderten sich selbstverständlich die Beziehungen zum Osten, und
diese Thatsache bedingte auch eine Entfremdung auf kirchlichem
Gebiete, beziehungsweise dem Gebiete des Cultus.
Im neunten Jahrhundert ist im Osten ein großes Aufblühen des
Heiligencultes nachweisbar, besonders unter der Kaiserin Theodora
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 199
(Mitte des Jahrhunderts), wie schon Papebroek in den Aa. Ss. a. a. ü.
p. 239 bemerkt; da mag denn auch der bescheidene Bekenner aus
Edessa seine Wanderung durch die Welt begonnen haben.
Von der griechischen Legende unseres Heiligen haben wir —
abgesehen von jenen drei, durch die lateinische Fassung beeinflußten
Darstellungen — zwei Zeugnisse gefunden, die sich beide als unvoll-
ständig in mehr oder minder wichtigen Nebenmomenten erwiesen:
auch wenn wir nun die Legende hinüberbegleiten auf
abendländischen Boden, empfängt uns zuerst nicht eine aus-
führliche Wiedergabe der Legende, sondern wieder müssen wir uns
mit der Angabe der Hauptzüge und einzelner, nicht uninteressanter
Nebenmomente begnügen. Das erste Zeugniß nämlich für die Ver-
breitung des Alexiuscultes im Abendlande ist uns in einer Homilie
über den Heiligen erhalten, welche der heilige Adalbert verfaßt hat.
Baronius' Vermuthung, die Homilie sei in der Kirche des Heiligen
selbst gesprochen, ist unbedingt anzunehmen; wie sollte man sonst
die Worte des Einganges, welche von dem „pater noster Alexius, cuius
hodie venerandam assumptionis diem debita solemnitate recoluimus",
sprechen, und besonders die Worte des Schlusses verstehen: „nos nam-
que licet nee servi appellari digni, filii tamen ejus sumus (sc. Alexii),
quia nos inhanc suam dorn um sub monastica professione
pius apud deum intercessor congregavit?" Und wir wissen ja, wie ich
oben zeigte, daß Adalbert fünf Jahre und später noch einmal auf kürzere
Zeit in besagtem Kloster war.
Wir finden die Homilie Aa. Ss. a. a. O. p. 257 nach einer Ab-
schrift jener Hs. des Klosters Monte-Casino, die ja auch die Wunder
berichtet. Der Vortragende hatte hier nicht nöthig, seinen Hörern,
die gleich ihm dem Alexiuskloster angehörten, die Lebens- und Leidens-
geschichte des Heiligen ausführlich zu berichten. Sie war ja Allen
genau bekannt, und er durfte sich deshalb damit begnügen, des Ver-
ständnisses seiner Hörer sicher, auf das eine oder andere wichtige
Ereigniß aus diesem Leben anzuspielen.
Was von Bemerkenswerthem in der Homilie zu finden ist, ist
kurz Folgendes: Alexius wird in Edessa durch Gottes Stimme den
Menschen offenbart, er entflieht vor den Gefahren eitlen Erdenruhmes
und will nach Tarsus, um dort verborgen zu leben, aber durch Gottes
Fügung kehrt er nach Rom zurück.
Ferner heißt es: „quis enim narrare poterit, quantas tentationes
quantosve fluctus in sui sacratissimi pectoris arcano pertulerit, dum
patrem pro se tanto moerore affici conspiceret, sciret etiam matrem
200 M. FR. BLAU
nocte dieque in fletu et gemitu perdurare? Videbat insuper servos
proprios deliciis abundare, vestibusque pretiosis indutos iucedere et
se ab Omnibus contemptui haberi: tolerabat ad haec opprobria irri-
sionesque eorura et quasi iam raortuus seculo, solo tantum spiritu
Christo vivebat."
Schließlich wird noch ausdrücklich hervorgehoben, daß die Stimme
Gottes ihn „Homo Dei" genannt und verkündet habe, daß sein
Gebet für die Sünde des ganzen römischen Volkes angenommen sei,
woran sich ein langer Abschnitt über die Bedeutung des Ehrentitels
„Homo Dei" knüpft.
Wir finden hier also eine eingehende Schilderung des Lebens,
welches Alexius unerkannt im Hause seines Vaters führt; schon
Josephus erzählt davon in der siebenten Ode, aber bei Adalbert be-
gegnen wir dem wichtigen Zug der steten Trauer der Eltern. Auf-
fallend ist in hohem Grade, daß die Homilie in diesem Abschnitt
nicht ein Wort von der Braut sagt, und wenn wir dazu halten, daß
auch Josephus ihrer in diesem Zusammenhange nicht erwähnt, so
könnte man wohl geneigt sein anzunehmen, daß die Legende in der
damaligen Gestalt die Braut nach ihrer einmaligen Erwähnung völlig
aus den Augen verlor; dagegen würde der Satz des Synaxariums:
„er gab ihr den Trauring [zurück]", nicht sprechen, falls wir das als
symbolische Scheidung der Ehe verstehen wollen.
Was der lateinischen Legende ihr eigenes Colorit gibt, ist die
Verbindung des Heiligen mit dem Bonifaciustempel, die sich bereits
in der Homilie in den oben gegebenen Schlußworten zeigt.
Wie nun die byzantinische Legende nach Syrien zurückwanderte
und so der alten Lebensbeschreibung eine wunderbare Fortsetzung
gab — schon eine Hs. des neunten Jahrhunderts zeigt diese Zu-
sammenschweißung des Originals und der vermehrten zweiten Auflage
des Byzantiners, wie M. Amiaud angibt — , so eroberte sich auch die
lateinische Bearbeitung das Gebiet der byzantinischen Legende: die
drei griechischen Bearbeitungen (5, §, 3 kennen alle die Bonifacius-
kirche, und es ist schwerlich erlaubt zu glauben , daß die Erwähnung
dieser Kirche anderswo herstamme als aus der lateinischen Fassung.
Es sei übrigens bemerkt, daß bereits in der früher erwähnten Urkunde
vom Jahre 987 der Leib des Heiligen als in der Bonifaciuskirche
ruhend genannt wird.
Wichtig wird nun, besonders als ein Zeugniß für eine Reihe von
Nebenmomenten, eine Predigt des Petrus Damiani (f 1071), die
bisher noch Niemand beachtet hat, und die gerade auch für eine
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 201
chronologische Bestimmung der Entwicklung unserer Legende von
großem Werthe ist.
Die Predigt beginnt mit einer Lobpreisung der Eltern des Hei-
ligen (vgl. Migne 144, sp. 652 fF.) : „Nara cum tot referatur (heißt es
in diesem Sermo XXVIII de S. Alexio confessore) opibus et ttam in-
comparabilibus exuberasse divitiis ut tria milia puerorum eorum (d. h.
der Eltern) conspectui reverenter assisterent, qui et holosericis orna-
rentur induviis et aureis se praecingerent zonis, quotidie non cessabant
viduis ac pupillis et quibuslibet indigentibus sumptuosas parare mensas
edulii, cum ipsi semel in die solo pane et aqua essent plerumque
contenti."
Weiter wird erzählt, daß er 17 Jahre in Edessa, einer Stadt
Mesopotamiens, in Armuth und Entbehrung gelebt habe. Schließlich
gebe ich noch die Stellen, die von dem Leben des Heiligen im Hause
seines Vaters handeln: »domum patriam felici postlimio (soll heißen
postlimiuio) rediens durumque certamen aggressus inter uxorem utrum-
que parentem, inter vernaculos diversamque familiam, ut soll Deo
fieret veraciter notus, omnium fefellit aspectus .... illic post alapas
ac verbera servulorum, post subsannationes et contumelias irridentium,
post cachinnantium ac saevientium piagas , post intolerabiles denique
patientissime toleratae calaraitatis iniurias tandem feliciter obiit tanti-
que laboris immensa certamina beato fine complevit per spei caelestis,
quod mente conceperat, desiderium."
An einer anderen Stelle wird nochmals hervorgehoben „ut de
quotidiano conjugis parentumque conspectu tentationum fluctus im-
pingerent nee sternere potuissent", und nochmals: „cum intra paternae
domus atria degeret, cum carnales affectus undique cerneret, cum
parentum necessitudinem, cum certe, quod difficilius et intolerabilius
erat, venustam sponsae speciem a quotidianis mutuisque conspectibus
vitare non posset." Auch das Äußere des unerkannt bei seinem Vater
Lebenden wird beschrieben: „dum paupertas exterior inopem, pannosus
habitus et caesaries redderet inculta deformem ..."
Hier finden wir also die jungfräuliche Gattin erwähnt und zwar
nicht einmal, sondern wiederholt — ich bringe noch die vierte Stelle
„hunc (sc. Alexium) blanda mitis atque venusta facies impugnabat
uxoris" — und da nun auch die syrische Legende, d. h. die auf das
syrische Leben gepfropfte byzantinische Legende — deren älteste Hs.
ins neunte Jahrhundert zurückgeht, die Braut hier wieder auftreten
läßt (nach M. Amiaud) , so ist die oben bemerkte Auslassung bei
Adalbert nur zufällig, vielleicht auch durch die Rücksicht auf die
202 M. FR. BLAU
mönchische Zuhörerschaft veranlaßt: bereits der byzantinische Ei*-
weiterer hat die Rolle der Braut derart ausgeführt, wie auch schon
G. Paris a. a. O. p. 164 bemerkt. Für die gleiche Auslassung bei
Josephus läßt sich wohl auch ein hinreichender Grund angeben: wir
haben bereits oben gesehen, daß bei ihm die Verwandtschaft der Legende
mit der des Johannes Calybita am größten ist, und daß wir deshalb
die dort gebotene Gestalt für die älteste der Legende — abgesehen
natürlich von der syrischen Lebensbeschreibung — zu halten haben
werden. Wir müssen deshalb zwei griechische Weiterfülirungen der
Legende ansetzen: die eine, welche einfach zu der syi'ischen Vita
nach dem Muster der Legende des Johannes Calybita eine Fort-
setzung gab, worin sich der Heilige noch vor seinem Tode den Eltern
offenbart, und worin von der verlassenen Gattin nicht mehr die Rede
ist — wie bei Josephus — , die andere, die einige neue und originelle
Züge in diese Copie einer anderen Legende bringt, die Rolle der Braut
und die Briefscene, wie in der syrischen etc. Legende.
Ferner finden wir nun ganz ausdrücklich erwähnt die .3000
Diener in seidenen Gewändern und goldenen Gürteln, die reichen
Tische für die Dreizahl der Bedürftigen, Witwen, Waisen und sonstige
Arme, auch die fast mönchische Mäßigkeit der Eltern, die meist nur
Brot und Wasser genießen.
Daß auch hier, wie bei Adalbert, der ganzen dramatischen Scene
am Leichnam des Heiligen nicht gedacht ist, ist nicht weiter auffällig:
gerade diese Scene bot wenig Anlaß zu Lobpreisungen des Heiligen ;
da die Scene bereits im Synaxarium sicher bezeugt ist, so dürfen
wir nicht daran zweifeln, daß sie ebenso in der Adalbert und Petrus
Damiani vorliegenden lateinischen Legende enthalten war. Denn es
ist zweifellos als Grundsatz aufzustellen, daß bestimmte Züge, die in
älteren und dann später in jüngeren Redactionen begegnen, in da-
zwischen liegenden aber — aus leicht erklärbaren Gründen — nicht
gegeben sind, trotzdem in steter Überlieferung in der Legende ent-
halten waren.
Nach diesem Sermo des Petrus Damiani ist nun diejenige Gestalt
der lateinischen Legende aufzuführen, welche MaÜmann a. a. O. mit
^ bezeichnet, die kirchliche Legende.
Es ist höchst wahrscheinlich, daß dieselbe bereits dem Adalbert
und dem Petrus Damiani vorlag, aber da wir sie bestimmt erst als Vor-
lage des altfranzösischen Alexiusliedes, das nach G. Paris (La vie de
St. Alexis 1872, p. 136) gegen 1040 in der Normandie verfaßt soin
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 203
muß, nachweisen können, so findet sie wohl am besten hier ihren
Platz, um so mehr, als bisher keine ältere Hs. , als die von Stengel
(La Can^un de saint Alexis p. 253 in der Anmerkung zu p. 60) er-
wähnte Hs. Nr. 15436 der Pariser Nationalbibliothek bekannt ist,
diese aber (nach ebenda) aus dem 11. Jahrhundert stammt. Pinius'
Versuch , eine Hs. in das neunte Jahrhundert zu setzen, habe ich
schon früher zurückgewiesen.
Brauns in seiner bereits angeführten Dissertation (p. 3) hat es
nun unternommen, die Vorlage des französischen Dichters wenigstens
inhaltlich zu reconstruiren, und so eine ältere Redaction angesetzt:
53*, aus welcher erst ^, durch eine Reihe von Zusätzen erweitert,
geflossen wäre. Diesem 53* näher zu treten, muß meine nächste Auf-
gabe sein. Ich schicke voran, daß auch ich den Text, wie ihn die
Bollandisten geben (a. a. O. p. 251 ff., auch bei Massmann p. 167 ff.,
leider nicht ganz zuverlässig abgedruckt) nicht für durchaus gut halte,
und daß ich deshalb mit Brauns für das Original der „kirchlichen"
Legende, das also Sd* heißen soll, den Satz „et vocaverunt cum Ale-
xium" (vgl. Brauns p. 11) in Anspruch nehme, den ja die eben er-
wähnte Hs. des 11. Jahrhunderts in der Form „quem Alexi vocaverunt"
bietet (vgl. Stengel a. a. O.); Brauns hätte gleich noch die andere
von Stengel gegebene Stelle anführen können, daß nämlich die gleiche
Hs. und mit ihr zwei andere Hss. in der Rede des Vaters den Satz zeigen:
„quare tam crudeliter nobiscum egisti?" So weit stimme ich mit Brauns
überein, hingegen kann ich ihm durchaus nicht folgen, wenn er „der
älteren Redaction S*, der der französische Dichter nur gefolgt sein
kann", folgende ausführende Züge: die 3000 Diener des Euphemian,
die drei Armentische in seinem Hause und das Essen mit „religiösen
Männern", das Keuschheitsgelübde der Eltern nach der Geburt des
Alexius u. s. w. als jüngere Zusätze streitig macht.
Doch sehen wir zu, auf welche Gründe er diese Behauptung stützt.
Als entscheidend führt er die allgemeine Beobachtung an, „daß die
alten Poeten ihrer Quelle getreu , oft sclavisch folgen , sie lieber er-
weitern und darum nichts Wesentliches ausgelassen haben würden" ;
„namentlich, wenn sich die in Zweifel gezogenen Stellen in den ver-
schiedensten, von einander ganz unabhängigen Übertragungen und
auch in anderen lateinischen Redactionen nicht vorfinden, also nicht
gut zufällige oder absichtliche Auslassungen sein können". Der Beweis
für seinen allgemeinen Satz ist nach seiner Ansicht für die im Mittel-
alter so popixläre Legende vom heiligen Alexius durch einen Vergleich
der verschiedenen Bearbeitungen unschwer zu erbringen.
204 M FK. BLAU
Die Treue unseres ultfranzösischen Originaldiehters gegenüber
seinem lateinischen Texte ist nun schwerlich über allen Zweifel
erhaben. So macht er das berühmte Bild Christi zu Edessa, von
dem in ^ die Rede ist, zu einem solchen der Jungfrau Maria (vgl.
Strophe 18 des von G. Paris a. a. O. gegebenen Textes p. 143),
indeß wäre hier immerhin die Annahme möglich, daß Sß* jenes Bild
Christi gar nicht genannt habe. Eine andere Stelle hingegen zeigt
deutlich, daß entweder der Dichter seine Vorlage flüchtig angesehen,
beziehungsweise mißverstanden hat, oder daß die letztere nicht
lückenlos war. Es handelt sich um die göttliche Stimme, die vor des
Heiligen Tode erschallt: nach der allgemein üblichen Darstellung
erklingt zuerst die freundliche Mahnung des himmlischen Herrn:
, Kommet her zu mir Alle, die Ihr mühselig und beladen seid und
ich will Euch erquicken!" Als auf diese Worte Alle erschreckt auf
ihr Antlitz fallen und das Kyrie eleison anstimmen, erschallt zum
zweiten Male die Stimme: „Suchet den Mann Gottes, auf daß er für
Rom bitte; am Freitag, wenn der Morgen anbricht, wird er in Gott
seine Seele aufgeben." In dem altfranzösischen Alexiusliede fehlt nun
der erste Ruf der göttlichen Stimme vollständig und es ergeht sogleich
die Aufforderung, den Mann Gottes zu suchen. Die Stelle lautet
Strophe 59 und 60''-^' (bei Paris a. a. 0. p. 153):
59 En la samaine qued il s'en dut aler,
Vint une voiz treis feiz en la citet
Hors del sacrarie par comandement Deu,
Qui ses fideilz li at toz envidez.
Prest est la gloire qued il li volt doner.
60 A l'altre voiz lor vint altre somonse
Que l'home Deu quiergent qui gist en Rome,
Si li depreieut que la citet ne fondet,
Ne ne perissent la gent qui enz fregondent.
Wie man sieht, ist das „venite ad me omnes, qui laboratis et
onerati estis, et ego vos reficiam" zum Inhalt eines Relativsatzes ge-
worden: „aus dem Allerheiligsten erschallt dreimal eine Stimme auf
das Geheiß Gottes, welcher seine Getreuen alle zu sich geladen hat.
Nahe ist der Ruhm, den er ihnen geben will."
Dann geht es aber weiter: „Die Stimme erscholl von Neuem und
gab ihnen neuen Auftrag." Da nun aber vorher von dem Inhalte des
ersten göttlichen Rufes nichts gesagt ist, so ist klar, daß hier ein
Fehler vorliegt, den wir entweder der Vorlage oder dem Dichter zu-
zuschreiben haben werden ; für den letzteren Fall spricht Strophe 60*
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 205
„a l'altre voiz", woraus zu schließen ist, daß die Vorlage vor diesem
„iterum" auch wirklich den ersten Ruf der göttlichen Stimme hatte.
Übrigens zeigt gerade diese ganze Partie recht bedeutende Abwei-
chungen von der allgemein üblichen Darstellung 53, Abweichungen,
für die sich aber in anderen Redactionen keine Entsprechungen bieten.
Statt den Heiligen zu suchen , macht sich das Volk auf, um beim
Papste Innocenz sich Raths zu erholen. Auch fehlt die genauere
Angabe der Tage, wie wir sie in iö finden. Wie wenig aber diese
Abweichungen einer älteren Redaction zuzuweisen sind, geht daraus
hervor, daß bereits die syrische Darstellung des neunten Jahrhunderts
— wie der von Amiaud gedruckte Text zeigt — alle diese Züge in
der gleichen Ausführlichkeit wie ^ bietet. Ebenso ist das Verhältniß
betreffs der vom französischen Dichter fortgelassenen Angabe, daß
Alexius nach Tarsus — zum Tempel des heiligen Paulus — fliehen
will, was wir ja auch in der Homilie Adalberts erwähnt finden. Also
überstrenge Treue gegenüber seiner Vorlage dürfen wir dem Dichter
durchaus nicht vorwerfen, und es ist das bei einem wirklich frei
schaffenden Geiste — und als solchen erweisen den Dichter die poe-
tisch ausgeführten Klagen der Angehörigen an der Leiche des Hei-
ligen — durchaus nicht zu verwundern.
Der allgemeine Grund für die Ansetzung der von vielen Zusätzen
freien älteren Redaction ^* hat sich also als durchaus unzulänglich
erwiesen. Wie steht es nun mit den von Brauns als Zusätze be-
zeichneten einzelnen Stellen?
Brauns führt zuerst die 3000 Diener in seidenen Gewändern und
goldenen Gürteln an, die ja bereits dem Pinius verdächtig waren.
Wenn wir uns der Stelle aus Adalberts Homilie erinnern: „videbat in-
super servos proprios deliciis abundare, vestibusquc pretiosis indutos
incedere", so werden wir diese Angabe in Sd durchaus nicht für einen
späteren Zusatz halten können. Auf Petrus Damiani darf ich mich
hierbei nicht stützen, da er ja möglicherweise bereits eine mit allen
Zusätzen versehene Legende vor sich hatte. Dem Urtheile Brauns'
(p. 5) , daß „diese Prachtliebe und Verschwendung herzlich schlecht
im Einklang stehe mit dem vielgerühmten Woldthätigkeitssinn, de.i
Armenpflege und dem sonstigen bescheidenen Auftreten des Euplie-
mian", würden wir uns auch dann nicht anzuschließen vermögen,
wenn die Stelle ein jüngerer Zusatz wäre. Es heißt doch die Anforde-
rungen mittelalterlicher Etikette wenig kenneu, wenn man von einem
großen Herrn, der nach ^ sogar der Erste nach dem Kaiser ist, nach
Außen hin ein anderes als höchst glänzendes und prunkvolles Auf-
treten erwartet.
206 M. FR. BLAU
Eine andere Erweiterung der ursprünglichen lateinischen Vita
hob nach Brauns die Wohlthätigkeit des Euphemian hervor, und
Brauns setzt dazu nicht weniger als drei Interpolatoren in Bewegung,
was d"Och mindestens einen recht gekünstelten Eindruck macht. Auch
hier, wie an der ersten Stelle, läßt uns die syrische Legende im Stich,
da diese ja erst mit der Rückkehr des Alexius ins elterliche Haus
beginnt, und in der syrischen Lebensbeschreibung die Eltern durch-
aus als weltlich gesinnt geschildert werden, ohne daß aber etwa eine
genauere Angabe über ihren glänzenden Haushalt gemacht würde.
Zuerst ist hier Brauns factisch zu berichtigen, der die griechi-
schen Bearbeitungen von denen ausnimmt, welche den ganzen Ab-
schnitt über die Wohlthätigkeit der Eltern bieten.
Nur § weiß nichts daraus zu berichten, aber § hat überhaupt
mancherlei Kürzungen, z. B. gelegentlich der Angabe der Hochzeits-
feierlichkeiten. Hingegen finden wir in 3 und S, sogar mit kleinen
ausschmückenden Zügen, den ganzen Abschnitt wieder. Da nun
aber 3 in einer sehr alten Hs. steht, welche der Katalog^) als wahr-
scheinlich dem 10. Jahrhundert angehörig bezeichnet (saeculi X ut
videtur) , so ist damit bewiesen , daß der genannte Abschnitt bereits
sehr zeitig in der lateinischen Darstellung vorhanden war, welche ja
3 benützt hat. (Das unsichere „ut videtur" ist wohl ganz am Platze,
denn da ja die lateinische Legende nicht vor circa 980 entstanden
sein kann, ist die Wahrscheinlichkeit , daß noch vor Ende des Jahr-
hunderts die umgeformte Legende nach Griechenland zurückgebracht
ward, nicht eben groß). Jedenfalls spricht dieser Umstand, daß 3" den
ganzen Abschnitt zeigt, sehr dagegen, in diesem einen auf die Arbeit
dreier Interpolatoren vertheilten Zusatz zu erblicken. Daß der afrz.
Dichter davon nichts erzählte, ist doch recht begreiflich: ihn inter-
essirte der eigentliche Held der Legende und deshalb strich er
Erweiterungen, die nur geeignet waren, von dem Mittelpunkte des
Stoffes die Theilnahme auf Nebenpersonen zu lenken.
Einen weiteren Zusatz sieht Brauns in der Angabe, daß die
Braut aus kaiserlichem, beziehungsweise königlichen Geschlechte
stammte, „wozu dann als noch neuerer, leicht erklärlicher Zusatz die
Krönung des Paares in der Bonifaciuskirche" gekommen wäre. Hier
befindet sich Brauns sicher stark im Irrthura , denn diese Krönung
ist ein noch jetzt erhaltener Act der griechischen Kirche, so daß in
') Catalogus codd. mss. bibl. reg. bav. Volumiuis primi codd. graecos ab Ign.
Hardt receusitos cumplexi Tom. I. 18()G, p. 14.
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 207
Rußland noch heute die Trauung gewöhnlich Krönung genannt wird
(vgl. Andr. MurawiefF: Briefe über den Gottesdienst der morgen-
ländischen Kirche, übersetzt von v. Muralt 1838, p. 186). Wie alt
dieser Brauch ist, geht daraus hervor, daß er bereits bei Chrysostoraus
erwähnt ist (nach desselben Lexidion p. 83). Im Übrigen ist auf die
bei Pinius a. a. O. p. 252 zu der Stelle gegebene Bemerkung zu ver-
weisen. Wenn hier die einzelnen lateinischen und sonstigen Bearbei-
tungen schweigen, so ist das durchaus verständlich: die Sitte der
feierlichen Krönung des Brautpaares war dem Abendlande nicht, be-
ziehungsweise nicht mehr bekannt, und so ließ man eben die unver-
ständliche Stelle zumeist fort. Was die Herkunft der Braut angeht,
so ließe sieht vielleicht darüber rechten, da iudeß schon das grie-
chische 3 die Braut aus königlichem Geschlechte erwähnt {ix ßccGt-
ksLOv ccl'iiaros) , so werden wir besser in der Angabe keine spätere
Ausschmückung sehen.
Auch die nächste Aufstellung Brauns' (p. 7) läßt sich nicht halten,
zumal wohl auch noch ein Mißverständniß von seiner Seite mitspielt.
Die Stelle in 53: „et de domo mea accipiet haereditatem, ß: atque
etiam haereditatem accipiet e domo mea, ®: über erit dominus vnus
nee non mens heres, kann doch nicht so aufgefaßt werden, als ob
hier Euphemian dem Diener die Erbschaft seines Hauses , d. h. des
ganzen ungeheueren Reichthums verspräche. © freilich ließe eine
solche Deutung zu, obgleich sich dagegen einwenden läßt, daß ja
später von der Erfüllung dieses Versprechens dort nicht die Rede ist;
indeß hat !5) überhaupt nicht den Werth für uns wie 53, die „kirch-
liche" Legende und (S, die aus Symeon Metaphrastes (?) gegebene
Übersetzung. 55 und ß aber besagen doch nur, daß Euphemian dem
Diener von dem Hause eine Erbschaft verspricht. Dieselbe Zusage
finden wir nun auch in 3 {xal ^sqols oi)X ilaxiatov Klr]QOvo^s6si£ tijg
ovoiag (lov), und um Brauns endgiltig zu widerlegen, in der syrischen
Legende, wo es nach Amiauds Übersetzung heißt: „celui de vous qui
voudra servir cet etranger, je le jure par le Dieu vivant! sera affranchi
et recevra en heritage une part de mon bien." Der „unglückliche
Gedanke eines Interpolators" wird danach zu einem möglichen Miß-
verständniß in ®, das mit der ursprünglichen Fassung der Legende 55
nichts zu thun hat.
Wir haben also von vornherein den von Brauns aufgestellten
Grundsatz für die Wiedergewinnung einer älteren, von Zusätzen freien
Redaction ^* nicht annehmen können und dann auch im Einzelnen
erwiesen, beziehungsweise doch wahrscheinlich gemacht, daß die von
208 M. FJ^ BLAU
Brauns als spätere Zusätze bezeichneten Stellen altes Gut der Legende
sind; wir dürfen jetzt also den Versuch Brauns' als durchaus ge-
scheitert bezeichnen und die einfachere Gegenthese aufstellen, daß die
Legende, als sie nach Rom gebracht wurde, nicht nur in allen Haupt-
zügen, sondern auch in den charakteristischen Ausschmückungen im
Einzelnen durchaus fertig war, und daß im Abendlaude nur noch die
Beziehungen des Heiligen zur Bonifaciuskirche als letzte Zuthat in
den im Übrigen festgestellten Codex der Legende aufgenommen
wurden.
Höchst wahrscheinlich enthielt diese lateinische Legende, von
der wir in Sß eine im Allgemeinen gute Wiedergabe besitzen, außer
den oben p. 203 bereits genannten Abweichungen — die in der Hs.
von -53, die aus dem IL Jahrhundert stammt, übrigens überliefert
sind — noch einen Satz, den wir in unserem Sß vermissen, einen Satz
nämlich, der davon erzählte, wie Alexius im Hause seiner Eltern die
stete Trauer seiner Angehörigen um ihn ungerührten Herzens mit
ansah. Ich erinnere daran, wie schon Adalbert gerade das besonders
hervorhebt, wie Petrus Damiani auf dasselbe Moment, die siegreiche
Bekämpfung einer solchen Versuchung mehrfach zurückkommt, wie
schließlich der altfranzösische Dichter in Strophe 48 und 49 uns eben
davon erzählt. Möglich ist allerdings auch, daß wir bei allen Dreien
eine nur zu begreifliche Erweiterung, die Jeder von ihnen ganz unab-
hängig und selbständig fand, anzunehmen haben, wofür auch spricht,
daß 3, die griechische Darstellung, ebensowenig wie ^ etwas davon
erzählt. Im Übrigen aber haben wir kein Recht, als Vorlage für den
altfranzösischen Dichter eine andere, ältere und von vielen Zusätzen
freie Redaction der lateinischen Legende anzusetzen: So mit den
geringen eben genannten Abweichungen hat dem Dichter vorgelegen.
Ich habe nun auf diejenige Weiterentwicklung der Legende ein-
zugehen, welche Massmann mit 91 bezeichnet hat.
Massmann, dem die „bräutliche Sage" 21 viel werthvoller als „die
kirchliche Legende" ^ erschien, ist geneigt (p. 33), der lateinischen
Darstellung einen Deutschen zum Verfasser zu geben, indem er sich
besonders auf das Gepräge deutscher Art und die deutsche Empfin-
dungsweise stützt, die sie an und in sich trage, und außerdem auf
Ausdrücke, wie mundiburdum, tumba, senior hindeutet. Eine Dati-
rung hat er nicht versucht, denn der ohnehin unklare Satz (p. 37):
[„die griechischen und lateinischen Darstellungen haften am zwölften
Jahrhundert.] Konrad von Würzburg (3)) dichtete im 13. Jahrhundert,
unsere älteste Darstellung 21 ist demnach älter" ist durch einen Druck-
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 209
fehler noch unklarer geworden: es soll jedenfalls nicht 21, sondern A
heißen, wie Ja auch 3) falsch für D gesetzt wird. Demnach erklärt
sich wohl G. Paris' Opposition gegen eine Behauptung Massmanns,
nach welcher % älter sei als 53, aus dem leicht begreiflichen Mißver-
ständnisse jenes eben gegebenen Satzes. Gegen Massmanns Ansicht
betreffend den Vei'fasser der lateinischen Redaction 5t stellt nun
G. Paris Romania VIII, 165 die Gegenthese auf, daß 21 eine recht
junge Überarbeitung und ohne Zweifel specifisch italienisch ist (Pisa
und Lucca sind für Laodicea und Edessa des Originals einge-
setzt etc.) ; Brauns sowie Amiaud haben sich ihm angeschlossen,
und auch ich theile diese Meinung. Massmanns Verrauthung stützt
sich doch gar zu sehr auf uncontrolirbare Gründe; zudem wäre man
noch gezwungen anzunehmen, daß dieser Deutsche in Italien gewesen
sei, da er ja nicht bloß die Namen Pisa und Lucca kennt, ganz ab-
gesehen von seiner Erwähnung der „ecclesia beati Johannis latera-
nensis", sondern auch in Pisa das von Nikodemus gemalte Bild des
Heilandes. Dieses Bild war doch schwerlich so berühmt, daß in
Deutschland davon erzählt wurde. Die Annahme von G. Paris spricht
für sich selbst, so daß wir nicht eher an ihr zu zweifeln haben, als bis
sich ernsthafte Gründe dagegen finden lassen: nicht ohne Gewicht für
G. Paris* Annahme ist, daß ja noch in dem von Massmann p. 41 angeführten
späteren italienischen Gedichte der Hauptzug haftet, daß der Todte
nur der Braut den Brief anvertraut. Freilich werden wir das uns vor-
liegende 21 nicht ohne Weiteres als treue Wiedergabe dieser neuen
Redaction anzusehen haben. Zur Wiedergewinnung des Originals 21*
stehen uns die vier deutschen Darstellungen A, B, (S und H zu Ge-
bote. (5 und H, welche enger zusammengehiiren — höchstwahrschein-
lich ist die Prosa d die directe Vorlage für H gewesen — zeigen vor
Allem die merkwürdige Abweichung, daß sie von Pisa und Lucca
nicht ein Wort erwähnen, sondern den Heiligen von Rom direct nach
Edessa und von da ebenso nach Rom führen; auch in dem Rahmen
der Erzählung von B ist für jene beiden Städte kein Platz. Ander-
seits führen (S und H neben dem Ringe, welchen der scheidende Alexius
seiner Gattin gibt, auch ^den senkel ob dem gürteF (III, 20) auf, der
in 2t und A und B nicht genannt wird; und von dem Unwetter, ge-
legentlich dessen die Gottesmutter für den frommen Mann so über-
raschend eintritt, wissen auch nur (5 und H, sowie B, nicht aber 21
und A zu erzählen. Es ist demnach mehr als wahrscheinlich, daß die
lateinische Redaction 21* in ihrem Original der anderen lateinischen
Redaction 33, aus der sie ja doch geflossen ist, bedeutend näher stand,
GERMANIA. Neue Reihe. XXI. (XXXUI.) Jahrg. 14
210 M. FR. BLAU
als gerade unser 21. Denn woher stammt sonst in (SH der 'senkel ob
dem gürtel' und die Nichterwähnung von Pisa und Lucca? Auch die
Annahme, daß etwa die Vorlage von (SH von Neuem Sß in den Text
verarbeitet habe, ist doch wenig ansprechend; wie sollte sie darauf
verfallen sein, den wenig bedeutsamen und in seiner eigentlichen
Bedeutung unverstandenen 'senkel ob dem gürter neuerlich wieder
aufzunehmen? Über den senkel stüi'zt denn auch die Behauptung
Massmanns p. 21, daß (SH aus A direct abgeleitet sei; vielmehr ist
klar, daß 31 nur zufällig in unserer Überlieferung das „caput baltei"
ausgelassen haben kann, hingegen in dem dem 'heiligen leben' 1488
vorliegenden Exemplare diese Worte enthielt. Deshalb haben wir der
Vorlage von A, unser 21, und der von (SH, die wir (5* nennen wollen,
gemeinsamen Ursprung in 21* zuzuweisen, wobei aber @* der gemein-
samen Vorlage entschieden näher steht.
Freilich kürzt (5H stark, wie es denn z. B. einfach erzählt:
[Alexius bittet um Aufnahme bei seinem Vater] „des gewert er in
zehand [IX, 22] vnd bevalhe in eyni knecht, dz er allzeit wartet sein
[IX, 23]", während 21 hier ziemlich ausführliche Angaben macht, und
zwar, was von Bedeutung ist, übereinstimmend mit^: „conmotus ille
ad hec vocavit unura de servis suis et lacrimis profusus facie ob
recordationem filii commendavit eum adiecto sub iureiurando, quia
liberum et divitem te faciam, si sollicitara curam pauperis egeris."
Wir dürfen also nicht ohne Prüfung im Einzelnen bestimmte Züge,
die nur in 21, nicht in (5H belegt sind, als spätere Zusätze von 21
betrachten, die dem Original 21* fremd waren; indeß ist es nicht
unwahrscheinlich, daß Pisa und Lucca, die in ßH fehlen, auch im
Original 21* keine Stelle hatten, obschon ein Beweis dafür nicht zu
erbringen ist. Anderseits wird aber die Reise nach Jerusalem wohl
schon dem Original angehören. Ich verlasse hier diese Frage, in der
vorläufig noch Vieles dunkel ist, und wende mich zu einem Versuch,
für 2t* eine genauere Datirung zu gewinnen, da ja G. Paris' Angabe
„un remaniement assez r(5cent" dafür gar nichts bietet. Zu dieser
Datirung soll uns jener Interpolator i helfen, welchen G. Paris in
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 211
seiner Ausgabe des Alexiusliedes (La vie de saint Alexis 1872, p. 137)
als denjenigen ansetzt, der aus dem alten strophischen Gedichte ein
Epos in Tiraden von wechselnder Zeilenzahl macht (vgl. auch Brauns
p. 20. 21 und 22 ff.).
Es ist bereits von G. Paris (a. a. O. p. 205. 206) bemerkt, daß
zwei wichtige Interpolationen von i eine Entsprechung in 2t und dessen
Bearbeitungen haben, aber er erklärt das aus einem romantischen
Grundzuge, der in beiden Darstellungen zu den gleichen Resultaten
fährte. Diese beiden Interpolationen behandeln einmal den Verkehr
des Heiligen mit Mutter und Braut im Hause des Euphemian, von
dem S nichts erzählt, und zweitens das Wunder, das sich am Leichnam
des Alexius zur Verherrlichung seiner keuschen Braut begibt. Die
Annahme G. Paris', daß dieses Zusammentreffen lediglich zufällig sei
und nicht beruhe auf einer directen Beziehung der beiden Darstel-
lungen i und 51* untereinander, erschien mir von vornherein sehr
fragwürdig, und ich glaube, daß es mir gelungen ist, weitere Gründe
zu finden, die eine Beziehung zwischen i und 21* nicht nur wahr-
scheinlich, sondern sicher machen. Wenn wir in i und 21* nur den
einen gemeinsamen Hauptzug gefunden hätten, daß die Braut und
die Mutter mit dem fremden Pilger unter der Treppe sich unter-
halten, so ließe sich wohl einer Erklärung, wie sie G. Paris gibt,
zustimmen; wenn wir nun aber daneben auch den Zug finden, daß
die Braut bei der Scene am Leichnam die Hauptrolle übernimmt, so
muß man, meine ich, bereits bedenklich werden, ein so auffallendes
Zusammenstimmen zweier Darstellungen für zufällig zu halten. Die
Nothwendigkeit, beide Darstellungen, i und 21*, in directe Beziehung
zu bringen , ergibt sich nun aber aus folgenden Übereinstimmungen.
In Tirade 25 i (d. h. S) und den letzten zwei Versen von Tirade 24
läßt der Interpolator den Heiligen eine Reise nach Jerusalem machen,
wozu G. Paris p. 203 bemerkt, daß es in der Mitte des 12. Jahr-
hunderts undenkbar sei, daß Jemand, besonders ein Heiliger, nach
Syrien reise, ohne die heiligen Stätten zu besuchen. Nun kennt aber
auch 21 diese Reise nach Jerusalem. Haben wir hier wieder nur mit-
telbare Beziehung zwischen i und 21 durch den gemeinsamen Grund-
gedanken, den G. Paris an der eben citirten Stelle ausspricht, anzu-
nehmen? Daß (SH die Reise nach Jerusalem nicht erwähnen, ist bei
der kürzenden Darstellung von (5 durchaus noch nicht als Beweis
dafür zu verwenden, daß etwa in 2t* auch nicht die Rede davon war.
Die von Brauns p. 23. besprochene Abschiedsscene, bei welcher
die Braut in i nicht mehr eine stumme Rolle spielt, und die auch in 21
14*
212 M. FR. BLAU
zu finden ist, können wir vielleicht noch mit Gr. Paris aus dem in die
Legende gedrungenen romantischen Zug erklären, der eben die Braut
naturgemäß überall mehr in den Vordergrund rückte; ihre ersten Worte,
daß nun die Hochzeitsfreude in tiefer Trauer ende (Brauns p. 24),
sind so aus der Situation gesprochen, daß wir nicht an 21 zu denken
haben, das gelegentlich der Entdeckung von Alexius' Flucht sagt:
famulis et clientibus] gaudia nuptiarum quasi in funebres conver-
tuntur exequias.
Wie aber sollen wir uns erklären , daß bei dem Tode des Hei-
ligen alle Glocken zu läuten beginnen in i (vgl. Brauns p. 28) , wie
in 5t? Wenn man sich durchaus gegen jede Beziehung zwischen i
und 21 sträubt, müßte man annehmen, daß dieses Wunder, das ja auch
in anderen Legenden, z. B. der von S. Gregorius begegnet, unab-
hängig in beide Darstellungen kam.
Wenn wir aber unparteiisch diese fünf Momente, von denen jedes,
einzeln betrachtet, kaum beweisend ist, in ihrer Vereinigung über-
schauen, so müssen wir sagen, daß sie zu deutlich für eine directe
Beziehung zwischen i und 21* sprechen, als daß man eine solche mit
Hilfe recht künstlicher Erklärung leugnen sollte.
Die Frage, welche der beiden Darstellungen die ältere ist, be-
antwortet sich wohl nach allgemeinen Erwägungen aus der Scene an
der Bahre des Todten. Die alte Legende Sß läßt nur den Vater ver-
geblich den Versuch machen, den Brief aus des Sohnes Hand zu
nehmen, dann reicht auf das Gebet der beiden Kaiser Alexius den
Brief dem Papste dar. In der französischen Darstellung i ist der Gang
der gleiche, nur entschlüpft dem Papste dann der Brief und fliegt der
Jungfrau in den Busen. In 21 schließlich versuchen beide Kaiser und
der Papst es vergebens, den Brief zu erhalten ; erst die Jungfrau wird
dieser Gnade gewürdigt.
Ich glaube nun, daß eine Entwicklung, in der 53 den Ausgangs-
punkt darstellte, von welchem aus durch i hindurch 2t herstammt,
nicht anzunehmen ist, da das durchaus gezwungen ist; hingegen wird
bei der Annahme, daß der französische Interpolator, dem eine Bear-
beitung von S vorlag, 2t* gekannt und nun in i beide Darstellungen
zu combiniren versucht hat, sich Alles leicht und ohne Mühe erklären.
Zu streng kirchlich gesinnt, um dem Papste die Rolle des vergeblich
sich Mühenden zuzumuthen, bewahrte i hier die Darstellung von Sß
und passte dann, freilich nicht sonderlich geschickt, das in 21* Gebotene
nach Möglichkeit dem Gang der Handlung in Sd an.
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 213
Ich darf, um die Ansicht, daß i die Darstellung 51* gekannt
habe, noch mehr zu stützen, eine Anzahl unbedeutender Züge nicht
übergehen, welche i gegen S mit 2( theilt, beziehungsweise gegen das
altfranzösrsche Alexiuslied mit ^ theilt; denn im letzteren Falle finden
wir die einzig wahrscheinliche Erklärung darin, daß ja 21*, wie ich
bereits oben bemerkte, dem ^ bedeutend näher stand, als das uns
zufällig einzig überlieferte 21 erkennen läßt.
Der clers fällt dem Alexius zu Füßen (vgl. Brauns p. 25), wovon
das Alexiuslied nichts erzählt, was aber bereits iö berichtet „para-
monarius ad pedes eius procidens", in 21 freilich ebenso in A, (S, H
fehlt, aber in der vierten deutschen Darstellung von 21* in B erhalten
ist (v. 217/18 bei Massmann) :
er sprach im zuo mit gruoze
unt viel im do ze fuoze.
Ferner nennt S den clerc: Ermener v, 525 (vgl. Brauns p. 31),
was doch ganz deutlich auf „paramonarius'' weist — es ist daran zu
erinnern, daß Namen, besonders beim Schreiben nach Dictat, außer-
ordentlich leicht entstellt werden, so daß aus dem als Namen ver-
standenen „paramonarius" wohl Ermener werden konnte. Auch hier
zeigt 2f — begreiflicherweise kommen die deutschen Darstellungen,
welche daraus abgeleitet sind, nicht in Betracht — nicht para-
monarius, sondern das modernere „mansionarius", aber in 21* dürfte
es, wie in ^, enthalten gewesen sein.
Dasselbe S hat auch eine auffallende Angabe über den Ort,
an welchem die Trauung des Alexius stattfindet: v. 97 ens el mostier
Saint Jehan del Latran; wir erinnern uns, daß ja auch 2(, freilich in
einem anderen Zusammenhange dieselbe Kirche erwähnt; es heißt:
Alexius verschied „die ipsa qua^ad colloquium in ecclesia beati Jo-
hannis lateranensis palacii imperatores convenerunt" (Massmann
p. 163).
Daß wir diese beiden Namen nur in S, nicht aber auch in MQ
finden, darf uns nicht hindern, sie für das Original von i in Anspruch
zu nehmen; weßhalb die Namen in MQ fehlen, kann nicht unsere
Aufgabe sein festzustellen, obschon sich betreffs S v. 97 allerdings
ein solcher Grund angeben läßt, daß er nämlich in dem rein reimen-
den MQ nicht untergebracht werden konnte.
Weiter ist noch anzuführen, daß nach M 553 der clers den
canones dou mostier von der wunderbaren Einsprache des Mutler-
gottesbildes erzählt, was sich dann auch Q 90 wiederfindet, diesmal
aber in S fehlt. 21 zeigt an derselben Stelle „his autem (sc. exsilienti-
214 M. FR. BLAU
bus ex omni parte clericis) mansionarius, quomodo ad se de illo
vox divina sonuerit etc.", [narravit, das Massraann fortgelassen hat,
p. 161j.
Aus allem Angeführten erhellt, daß i die Redaction 9(* kannte,
aber es ist nicht wahrscheinlich, daß dem Dichter i wirklich eine
Niederschrift von 21* vorlag, da sich sonst im Einzelnen entschieden
mehr Ähnlichkeiten finden würden, z. B. besonders im Gespräche des
Heiligen mit der Braut. Der Dichter i wird jene Darstellung 2t* ein-
mal haben vortragen hören und dann die von seinem Gedächtniß
bewahrten Weiterentwicklungen derselben in das ihm vorliegende
Alexiuslied hineingearbeitet haben. Es ist deshalb nicht wunderbar,
wenn wir von i nichts über die Reise des Heiligen nach Pisa und
Lucca erfahren 5 selbst wenn wir nicht annehmen, daß diese beiden
Namen und die daran geknüpften Beziehungen überhaupt in 21* nicht
enthalten waren, wofür das Fehlen derselben in (SH und B sprechen
könnte. Mehr verwundern darf man sich, daß der Schluß der Legende
so strengen Anschluß an 33 zeigt, daß der Tod der Braut am Grabe
des Geliebten, mit dem sie nun ein Sarg umschließt, keine Erwähnung
findet. Aber dafür lassen sich auch zwei Gründe anführen, die wohl
beachtet zu werden verdienen.
Zuerst bemerken wir am Schlüsse des Abschnittes, der von den
Wundern am Grabe des Todten berichtet, den Satz in 21: „tot autem
et tanta ibi fiebant mirabilia ad tumbam beati uiri ut quisque
infirmus sanitatem reciperet prestante domino nostro Ihesu Christo
qui uiuit et regnat in secula seculorum Amen" (Massmann p. 165, 12
V. u.). Dieses Amen ist wohl geeignet uns stutzig zu machen, und
es liegt nahe, den ganzen folgenden Abschnitt vom Begräbniß der
Eltern und der Braut als späteren Zusatz anzusehen, der in 21* noch
nicht enthalten gewesen wäre, den z. B. auch B nicht zeigt.
Ferner aber ist es überhaupt nicht sicher, ob i mit seiner Arbeit
fertig geworden ist, ja es scheint Verschiedenes dagegen zu sprechen.
Nach der Stelle, wo die beiden Ringhälften als zu einander
passend sich erweisen, hören mit einem Male die Interpolationen von i
auf. S kennt von Vers 1443 an nur den alten Text: 1148/49 sind
aus der 72. Tirade (vv. 925/26) genommen; v. 1165 ist so unbedeutend,
desgleichen 1347/48 — die wohl in dem dem Schreiber von S vor-
liegenden Exemplar des Alexiusliedes für 1143/44 eingetreten waren,
um die fünfzeiligc Strophe voll zu machen — daß man um ihretwillen
schwerlich in diesem Theile von S noch eine Art Dichterarbeit am
alten Alexiusliede wird annehmen wollen.
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 215
Warum wird denn mit einem Male der Interpolator i müde, bei
der Wiedergabe des alten Textes in den Gang der Strophen gelegent-
lich Verse einzuschieben, um die strophische Gliederung zu zerstören,
was ja, wie G. Paris p. 201 bemerkt, die deutlich erkennbare Ten-
denz des Dichters und Interpolators i ist? Im ganzen S finden wir
bis Vers 1143 nur zwei Tiraden (unter 96), welche weniger als fünf
Zeilen bieten: Tirade 4, wo aber mit G. Paris nothwendig v. 55 aus
O zu ergänzen ist, und Tirade 73; hingegen zeigen sich im letzten
Theile nicht weniger als 13 (unter 44), die unter der Zahl von fünf
Zeilen bleiben: es sind die Tiraden 111, 112, 115, 117, 118 (wo die
Hs. wenigstens nur vier Zeilen bietet), 119, 120, 126, 129 (d. h, in-
sofern, als G. Paris eigentlich — gemäß der Strophentheilung in O —
129" mit fünf Zeilen und 129*" mit drei Zeilen hätte- ansetzen müssen),
131, 132, 134, 140.
Wir haben wohl anzunehmen, daß an jenen Vers S 1142 einfach
wieder das alte Alexiuslied gesetzt ward und zwar nach einer Hs.,
die ziemlich bedeutende Weglassungen, was sowohl einzelne Verse
wie ganze Tiraden angeht, sich erlaubt. Nur wenn wir so an den
unvollendeten Rumpf von i wieder das alte Lied fügen, erklärt sich
auch, wie nach S 1142 ganz geschmacklos Tirade 77 von O, erweitert
durch die wohl dem Schreiber von S gehörenden, bereits erwähnten
vv. 1147/48, antrat. Nach S Tirade 96 hat saint Ambroise bereits den
Namen des Todten, seiner Gattin und seiner Eltern verlesen. Dann
haben sich — letzte Interpolation von i — die beiden Ringhälften
als passend erwiesen, und unter dem Eindrucke dieser Entdeckung
ist die Braut ohnmächtig zu Boden gesunken. Der Schreiber von S
nahm nun also das alte O her, und da er fand, daß als letzte dessen
Strophe 76 Verwendung gefunden hatte, setzte er einfach die folgende,
77, an, ohne zu überlegen, welch albernen Eindruck es macht, daß
der Vater noch hören muß, wie Alexius nach Ausis (!) floh, wie das
Bild für ihn sprach und er vor der Ehre entwich und nach Rom
kam, ehe er begreift, daß hier sein Sohn todt vor ihm liegt. Solche
Geschmacklosigkeit brauchen wir dem Interpolator i, betreffs dessen
dichterischer Begabung wir G. Paris' p. 207 ausgesprochenes Lob
wohl annehmen dürfen, nicht zuzutrauen, eher hingegen dem Schreiber
der vorliegenden Hs. S.
In der Annahme, daß i nicht fertig geworden ist, müssen wir
nun bestärkt werden, wenn wir M betrachten: hier ist mit einem Male
von Einem die Rede, der sich den Bart rauft v. 1144, obgleich vorher
nur die Braut genannt ist. Wir entdecken nach 1143 eben die Naht,
216 M. FR. BLAU
die an i das alte Alexiuslied fügt: der Reimer M hat die Strophe
O 77 nicht aufgenommen, sondern gleich den Inhalt der ersten zwei
Zeilen von O 78 verarbeitet, dabei aber das Subject entweder ver-
loren oder aber verwechselt — man könnte nämlich eventuell ja den
cardonal, welcher den Brief verliest, für den halten, welcher sich
den Bart rauft und in großem Jammer die Stimme erhebt — . Nach-
dem er seine Laisse 94 geschlossen hat, führt er dann in der fol-
genden den klagenden Vater ein, der aber — und das beweist wohl
meine Aufstellung — das äußere Zeichen des Schmerzes, das Raufen
des Bartes, welches 0 78 ausdrücklich erwähnt, und das darnach
auch S 1151 erzählt, unterläßt. Zudem ist es sicher kein Zufall, daß
von 1148 an die Laissen ungefähr fünf Zeilen umfassen, d. h. dieselbe
strophische Form wie das Alexiuslied erstreben: es haben von den
gereimten Laissen 11 fünf Zeilen, 5 sechs Zeilen^ 2 vier Zeilen, von
den assonirenden 2 fünf Zeilen, 1 sechs Zeilen, 3 vier Zeilen, während
3 ganz unvollständig sind. Es folgt wohl daraus, daß der Reimer M,
nachdem er mit i fertig war und doch die Legende unbeendlgt fand,
nach einer Darstellung von O griff und dort so deutlich das Princip
der fünfzeiligen Strophe ausgeprägt fand, daß er auch seinerseits es
durchzuführen sich bestrebte: so enthalten die Laissen 95 — 124 (aus-
genommen 106) gereimte Strophen von circa 5 Versen, dann aber
scheint der Reimer es satt bekommen zu haben, die Assonanzen seiner
Vorlage in Reime umzuarbeiten, und er setzt die letzten Laissen, die
ungeheuer nachlässig sind, in Assonanzen, 115 — 123, aber wohlgemerkt
in Assonanzen, die durchaus nicht immer zu O stimmen, wennschon
man genau die Tiraden angeben kann, zu denen sie gehören.
Die auffällige Thatsaohe, daß M an der gleichen Stelle wie S
seine längeren Laissen aufgibt, ist, wie ich meine, nur in der von
mir vorgeschlagenen Weise zu erklären: denn falls i wirklich vollendet
war, etwa in der Art, wie uns S vorliegt, so ist gar nicht einzusehen,
wie der Reimer M, der doch bis dahin sich um die in i ihm vor-
liegenden Tiraden, was die Wahrung ihrer ursprünglichen Ausdehnung
angeht, gar nicht gekümmert hat — ich verweise auf M Laisse 64,
welche die beiden, auch in S Tirade 58. 59 erhaltenen Strophen von
O (48. 49) verarbeitet, und ferner auf Laisse 77. 78. 79 im Verhältniß
zu Tirade S 73. 74. 75 {= O 60. 61. 62) — wie dieser Reimer mit
einem Male darauf verfallen sollte, nur Laissen von circa fünf Zeilen
zu arbeiten, wenn nicht eben eine neue Vorlage, d. h. das zur Voll-
endung zu Hilfe genommene O, ihm diese Form nahegelegt hätte.
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 217
Für die Ansicht, daß M und S in diesem letzten Theile unab-
hängig von einander sind, spricht auch noch, daß M, obschon es gegen
Ende in beklagenswerther Vernachlässigung erscheint, trotzdem gegen
S im Anschluß an O noch den Rest einer Strophe bietet, die S nicht
kennt: nämlich Tirade 116 (= O 108), freilich nur in einer Zeile
vorhanden, resp. in drei Zeilen, da ja inhaltlich die letzten Zeilen von
Tirade 115 auch hierher gehören (vgl. die Anmerkung von G. Paris
zu M 1251). Die Vernachlässigung von M im letzten Theile von jener
oben genannten Tirade 95 an spricht gleichfalls für meine Ansicht,
denn da M im Allgemeinen eine bessere Hs. der interpolirten Dar-
stellung i zur Vorlage hatte (vgl. G. Paris p. 265) , so ist die hier
mit einem Male sich zeigende Verderbniß doch kaum anders zu er-
klären, als durch den Antritt eines neuen, freilich nicht besonders gut
überlieferten Gedichtes, d. h. durch Fortsetzung des Rumpfes von i
mit Hilfe einer schlechten Hs. von O.
Verschweigen will ich nicht, daß Zweierlei gegen die von mir
vorgetragene Ansicht spricht. Verse S 1355/56 lauten:
Tenons, signour, cel saint home en memoire,
(^ou li prions de toiis mals nous asoille.
und M 1269/70:
Signor, aies che saint en grant memore 5
Si li proies por Diu ke voB assoille.
Die gleiche Assonanz fällt auf, indeß werden wir diese Bindung wohl
für recht häufig halten dürfen, da sich der gleiche Gedanke ja am
Schlüsse jedes Gedichtes mit legendenhaftem Inhalt aufdrängte, und
er seinen Ausdruck in einer Art typisch begegnender Bindungen (in
Assonanzen) finden konnte, wie ja z. B. in mittelhochdeutschen Ge-
dichten gleichen Inhalts außerordentlich häufig am Schlüsse der Reim
daz ewige] leben : geben begegnet.
Ferner läßt sich gegen meine Ansicht noch anführen die Stellung
der Tiraden S 109 (nur in einer Zeile erhalten). 110. 111 und der
Laissen M 101. 102 gegenüber der Anordnung der Strophen O 89.
90. 91; wir hätten also eigentlich S 111. 110. 109, M 102. 101 zu
erwarten. Aber es ist zu bemerken, daß hier wiederum M außer-
ordentlich kürzt, so daß bei ihm weder O 90 noch 92. 93 eine Ent-
sprechung finden, was also mit der für die ersten 94 Laissen nach-
gewiesenen guten Vorlage (i) recht schwer in Einklang zu bringen
wäre. Im Übrigen könnte die von S und M benützte Darstellung von
O ja auf eine Handschriftengruppe zurückgehen, die die bemerkte
218 M. FR. BLAU
Umstellung vorgenommen hätte. [Q können wir in keiner Weise zu
dieser Untersuchung heranziehen, da es direct auf M zurückgeht und
mit diesem die gleichen Auslassungen u. s. w. zeigt.].
Nach dem Vorangeschickten ist es wohl wahrscheinlich geworden,
daß i niemals vollendet wurde und daß sich zwei Abschreiber, bezie-
hungsweise Bearbeiter von i veranlaßt sahen, als Fortsetzung das alte
Alexiuslied anzuheften. Aber wenn die Gründe für meine Annahme
auch nicht entscheidend genug scheinen sollten, so ist meines Erach-
tens die Bekanntschaft des Dichters und Interpolators i mit der jün-
geren lateinischen Darstellung erwiesen. Und wir haben deshalb 21*
als bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts in Frankreich bekannt
anzusetzen, da ja G. Paris p, 137 i gegen die Mitte des 12. Jahr-
hunderts entstanden sein läßt, was er p. 199 damit begründet, daß
die Assonanzen der durch den Neubearbeiter eingefügten Laissen noch
sehr frei sind.
Fassen wir hier noch einmal die Resultate dieses Theiles meiner
Arbeit zusammen, so ergibt sich Folgendes:
Der Name des Alexius ist im Abendlande zum ersten Male im
Jahre 987 aus einer Urkunde nachweisbar, und in den nächsten
25 Jahren ist ein schnelles Aufblühen des Alexiuscultes in Rom durch
Urkunden, durch Berichte über Wunder, welche in dieser Zeit nieder-
geschrieben sein müssen (vgl. Monumenta IV, p. 619), erwiesen. Wir
können deshalb die Hypothese Duchesne's, daß man erst gegen Ende
des 10. Jahrhunderts den Alexius in Rom zu verehren begonnen habe,
annehmen.
Die Legende selbst, entstanden aus einer wohl wahrheitsgetreuen
Lebensbeschreibung eines frommen , aus Reichthum und Ehre in
Arrauth und Elend geflohenen Mannes, ist in ihrer Fortsetzung nach
derjenigen des Johannes Calybita gearbeitet, wofür der Kanon des
Griechen Josephus noch das sicherste Zeugniß bietet. Und zwar
kehrte Alexius nicht nach Constantinopel, sondern nach Rom zurück:
Altrom ist von Anfang an die Heimat des Alexius gewesen. Die Fort-
setzung der syrischen Vita zur byzantinischen Legende ist wahr-
scheinlich im neunten Jahrhundert entstanden.
Als die Legende auf abendländischen Boden, nach Rom, ge-
bracht wurde, erhielt sie als einzigen Zusatz die Beziehungen des
Heiligen zur Bonifaciuskirche , und außerdem läßt sich erst in der
lateinischen Legende der historische Fehler nachweisen, daß Honorius
und Arkadius am Grabe des Heiligen zugleich mit Innocenz ihre
Andacht verrichten. Es ist also die Hypothese von Brauns, daß eine
ZUR ALEXIUSLEGENDE. 219
ältere, von vielen Zusätzen freie Redaction iÖ* existirt habe, welche
dem altfranzösischen Alexiusliede zur Vorlage gedient hätte, zurück-
zuweisen. Der altfranzösische Dichter von O hat seinen Stoff mit
einer gewissen Freiheit behandelt, dafür sprechen schon die wirklich
poetischen Strophen 78 — 99, zu denen ihm ^ nur Andeutungen bot.
Was schließlich die zweite lateinische Darstellung angeht, so ist
die uns in zwei Handschriften überlieferte Gestalt 91 nicht dem Original
gleichzusetzen, da 91 Auslassungen zeigt und wahrscheinlich auch
secundäre Zusätze bietet; das Original wird vielfach der „kirchlichen"
Legende näher gestanden haben, als 91 erkennen läßt. Und dieses
Original 91* ist bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts in Frank-
reich bekannt gewesen, so daß der Dichter i, dem es inhaltlich ge-
läufig war, daraus eine Reihe von Zügen in die Darstellung O hinein-
arbeiten konnte. Wahrscheinlich ist i mit seiner Arbeit nicht fertig
geworden, und so erklärt sich, daß wir nichts von dem in 9t berich-
teten Tode der Angehörigen des Alexius (in (SH wird nur der Tod
der Braut Sabina, in B gar nichts davon erzählt) in i erfahren. Ein
merkwürdiger Zufall ist es, daß in Q, welches auf das gereimte M
zurückgeht [vgl. G. Paris p. 137, genauer dargelegt bei Brauns p. 40 ff.],
die Braut zur Todtenmesse kommt, bei dem Leichnam des Geliebten
stirbt und nun mit ihm im Grabe endlich vereint wird. Da ein anderer
Stammbaum der Handschriften als der bei Brauns p. 20 nicht mög-
lich ist, man also Q nicht aus dem vollständigen i ableiten kann,
während SM aus einer unvollständigen Hs. von i herstammten, so muß
man annehmen, daß entweder 91* von Neuem auf Q eingewirkt hat,
oder aber, daß als Vorbild zu diesem Abschlüsse, auf den ja eigent-
lich der ganze Gang der Erzählung in i hindrängte, etwa der Tristan
diente, mit dem man den normannischen Dichter von Q, wohl vertraut
glauben darf.
Nachbemerkung. Die einzelnen Änderungen, welche die
Legende in den zahlreichen Bearbeitungen der abendländischen Litte-
raturen erfahren hat, habe ich nicht angeführt, da das meine Arbeit
auf das Doppelte hätte anwachsen lassen, und da ferner jene Ände-
rungen ohne jede Bedeutung für die oben gezeigte Gesammtentwick-
lung der Legende sind.
LEIPZIG. MAX FR. BLAU.
220 R- SPRENGER
ZU REINKE DE VOS.
Die neue Textausgabe des Reinke von Friedrich Prien (Alt-
deutsche Textbibliothek herausgegeben von H. Paul Nr. 8) Halle,
Max Niemeyer, 1887 bietet außer Einleitung und Glossar auch An-
merkungen, die ich im Litteraturblatt für german. und romanische
Philologie einer Besprechung unterzogen habe. Die folgenden Bemer-
kungen habe ich ebenfalls beim Studium dieser Ausgabe nieder-
geschrieben, doch beziehen sie sich sämmtlich auf Stellen, welche von
Prien nicht berührt sind.
503. Hir uth loyl ik denken dat beste.
Schröder erklärt: 'Das Beste davon will ich mir ausdenken'. Indem
er aber wohl selbst erkennt, daß diese Erklärung sich dem Zusammen-
hange wenig fügt, setzt er zugleich die Vermuthung hinzu, daß statt
üt zu lesen sei up: 'darauf will ich nach Möglichkeit {dat beste) be-
dacht sein'. Ich fasse hir uth = inde, daher: aus diesem Grunde will
auf das Beste bedacht sein.
2127. Nu machmen hören eynen nyen vunt,
(Reynkens losheit hadde nene grünt)
Wo he synem egen vader mede
Qiiad vnde unere ouer sede.
Schröder bezieht wo mede, welches er = womit faßt, auf riien vunt',
ebenso scheint es schon Lübben gefaßt zu haben (s. das Glossar unter
wo). Ich glaube vielmehr, daß wo als Relat. wie' zu fassen ist (vgl.
V. 166) ; mede steht für darmede (wie auch mhd. mite für da mite
s. Haupt z. Er.** 1060), vgl. 96, 2975, Überschrift vor 4803. Es ist
demnach zu übersetzen: Nun mögt ihr eine neue Erfindung Reinkes
hören, wie er seinem Vater damit Schlechtigkeit Schuld gab.
2583. Nu heft he dat hir ghedaen to hove
So vele dat ick ene nu love.
Hoffmann und Lübben wollten dat in V. 2583 (nach C) auswerfen;
Schröder erklärt: dat gedän so vele, so vielfach so gehandelt, sich
derart benommen, sich bei Hofe so verdient gemacht. Ich glaube,
dat ist pleonastisch wie in dat nä 1136, 1490, 5090, denn die An-
nahme Schröders, daß dies nur bei Verben der Bewegung stehe,
scheint mir nicht gerechtfertigt.
3141. De Iwpardus by deme konnynge stunt
(He was des konnynges nagheboren vrunt)
He sprak: ^^wat is doch dyt ghewerd,
Dat gy yw sus sere vorverd?
zu REINKE DE VOS. 221
AI ivere de konnygynne ock doet,
Latet varen desse ruwe groet.
Orypet eynen mod, yt is anders schände.
Schröder übersetzt V. 3145 f. richtig: wäre selbst die Königin todt,
solltet Ihr Euch doch nicht vom Schmerz so hinreißen lassen. Im
Reinaert 3401, bemerkt er weiter, heißt es besser: Ihr gebahrt ja,
als wäre die Königin todt! Nach Martins Ausgabe lautet die ent-
sprechende Stelle V. 3393 ff.:
doe spranc voort her Tirapeel
die lupaert (hi was en deel
des conincs maecli, hi dorst xoel doen)
ende sprac '^heer coninc Lion,
hoe drijfdi dus groot onghevoech?
ghi misliet u ghenoech^
al wäre die coninghinne doet.
laet varen desen rouwen groot
ende grijpi enen raoet: het is groot scande.'
Da al auch im Reinaert an dieser Stelle nur die Bedeutung Venn
auch' haben kann, so ist die Interpunction folgendermaßen zu ändern,
daß nach ghenoech ein Punkt, nach doet ein Komma zu setzen ist.
Danach berichtigt sich auch Schröders Bemerkung.
3462 f. (spricht die Königin) :
Ik heelt Reynhen tvyss unde vroet,
Ik hodde my nicht vor desseme rochte,
Dar umme halp ick eme^ dat ik mochte.
Bei der Erklärung dieser Stelle, für die aus Reinaert 3680 f. nichts
zu entnehmen ist', handelt es sich um die Auffassung von rockte.
Ltibben erklärt es an dieser Stelle durch 'Rufen, Geschrei'. Ebenso
Schröder, welcher V. 3463 erklärt: Ich kümmerte mich wenig um
diesen Ruf, d. h. in dem er bei Anderen steht. Nun findet sich das
Wort in dieser Bedeutung im Gedichte, aber nur in der schon oben
behandelten Stelle V. 1290; sonst bedeutet rockte, gerockte 'die laute
Anzeige eines peinlichen Vergehens, Anrufung der rich-
terlichen Hilfe', sik hoden hat hier die Bedeutung wie in Gl. III,
14, 3: en mysdeder, de myt loggen efte mit lossheyt loss wert ghegheuen,
desse schal denne nicht hastygen menen, dat god nicht en vynden kan eyn
ander wegen, edder dat eme syne myssedat nicht eyn ander ivegen wert
vor gülden; loente er he syk da vor hoth, so sendet eme god ouer eyn
ander wegen eyn unlucke efte eynen schaden den, de syk nicht heteren. —
er he syk dar vor hoth, d. h. ehe er sich dessen versieht. Auch V. 4522
222 ß- SPRENGER
we hodde sik vor desseme toege? ist zu erklären: Wer hätte wohl einen
solchen Streich vermuthet, hätte geglaubt, daß man sich vor einem
solchen Streiche zu hüten habe. Danach ist V. 3463 zu erklären :
Ich glaubte nicht, daß ich mich vor dieser Anklage zu hüten hätte,
versah mich dieser Anklage nicht,
3934. Vele prelaten synt gud unde gherecht,
Noch hlyven se darumme nicht umhesecht
Van der menheyt in dessen daghen,
De nu dai quade erst können uthvragen,
Unde se ok dar nicht hy vorgetten
Unde können ok dar meer tosetten.
Zu 3941 erklärt Schröder: se d. h. die guten Prälaten. Es ist
aber vielmehr nom. plur. und bezieht sich auf menheyt^ nicht ist
^=z nichts. Eine solche Wiederaufnahme des Subjects findet sich noch
4501 fi".: He sprack openhar vor dessen heren^ Dat in deme rentzel hreue
weren, De he myt Reynken hadde geschreuen, Unde he den syn hadde
uthghegeuen, wo es nicht nöthig ist mit Schröder vor he das in V. 4502
enthaltene dat nochmals zu ergänzen. Ferner Glosse II, 8, 3 ivente
sunte Jeronimus secht, dat den leyen nutter is unde dat se syck meer
heteren dar an, wan se seen dat leiient unde de werke eynes guden pre-
sters, wan dat eyn sundich boze brester behende unde kostlyken prediket
unde leret, und doch in den werken he suluen nicht gud is.
In V. 3940 ist ein Fehler der Überlieferung zu bessern, nämlich
uthvragen 'ausfragen'. Auch damals wird man sich wohl davor zu
hüten gewußt haben, das Böse durch Ausfragen aus sich heraus-
locken zu lassen. Es ist dafür zu schreiben: uthdragen. Dies ist in
der Bedeutung ausschwatzen, effutire im Mnd. Wb. zwar nur aus
den Hamburger Zunftrollen belegt, ist aber auch jetzt noch in dieser
Bedeutung gebräuchlich, wie auch das subst. utdregersche für ein altes
Weib, das die Neuigkeiten von Haus zu Haus schleppt.
4759. Baren unde wulue verderven de lant,
Se achten weynich, wes huss dar brant,
Mögen se syck by den kolen wermen.
Se laten syck ock nicht entfermen,
Mögen se men krygen vette kroppe;
Den armen laten se nauwe de doppe,
Wan se en der eyger hebben berouet.
Bei sämmtlichen früheren Herausgebern sowie im Mnd. Wb. ist krop
an unserer Stelle als ^Kropf' erklärt, auch Prien scheint mit dieser
Erklärung einverstanden, da er das Wort in sein Glossar nicht auf-
zu REINKE DE VOS. 223
genommen hat. Nun ist aber der Kropf eigentlich der häutige Hals-
sack körnerfressender Vögel; beim Menschen bezeichnet er die diesem
ähnliche Halsdrüsengeschwulst. In übertragener Bedeutung finde ich
nur: eynen guden krop drynken (Mnd. Wb. Nachtr, S. 188), aber nicht
eten. Wir müssen uns daher nach einer anderen Bedeutung des Wortes
umsehen. Da Bären und Wölfe im Gedichte durchaus mit mensch-
lichen Neigungen und Gewohnheiten gedacht werden, so dürfen wir
unter kroppe das bekannte Fastnachtsgebäck verstehen, welches seit
alter Zeit in Niederdeutschland gebacken wurde und z. B. in Braun-
schweiger Kämmereirechnungen vom Jahre 1385 (Mnd. Wb. H, S. 578)
erwähnt wird. Es waren wohl, nicht mit Fleisch, aber oft mit Süssig-
keit gefüllte, in reichlichem Schmalze gebackene Pfannenkuchen, wie
sie noch jetzt hier unter dem Namen Kröppel^ Fettkroppel zum Ver-
kauf kommen; vgl. auch Krause im Correspondenzblatt f. niederd.
Sprachf. XII, S. 46.
4879. He vorsteyt alle tungen unde sprake dorch
Van Poytroiü an wente to Lunehorch.
Lübben erklärt hier dorch als Murch und durch'; auch Schröder, der
hinter dorch ein Komma setzt, erklärt: alle tungen dorch, durchaus
alle Sprachen. Ich ziehe es zu dem Folgenden: Er verstand alle
Sprache die ganze Gegend von Pötrow bis Lüneburg hindurch. In
ähnlicher Verwendung findet sich dorch 5072.
mannyghe vromde ystorye uppe stunt,
under yslyker ystoryen de worde
mit golde dorch, so syk dat behorde.
Auch hier erklärt Schröder: durchaus mit oder von Gold, wäh-
rend Lübben dorchioracht schreibt. Ich glaube, daß dorch hier heißt:
die ganze Breite des Bildes entlang.
4639. Dar ghynck se waden unde se swam
So lange, dat se to deme ende quam.
Dar was yd wol deep, men doch nicht myn!
Dar heeth he den stert er hengen in ...
Lübben hat keine Interpunction nach mifi und übersetzt: es war da
freilich tief, aber nichtsdestoweniger. Diese Erklärung ist offenbar
richtig, nur daß nach min ein Gedankenstrich zu setzen ist: Da war
es wohl tief, aber gleichwohl — schwamm sie dahin.
Gl. III, 14 S. 195. Dat ander is, dat ein richter vaken wert be-
drogen, umme dat he syk voo'hopet, wes to krygen kleynbde edder andere
dult bottere, unde leih daricmme na de rechtferdicheyt efte eynen mys-
deder varen.
224 F. PETERS, MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN.
Lübben erklärt: dult hottere muß eine gewisse Quantität Butter
sein (wol = tulte ein großes Geschirr, Wanne, Kübel. Br. W. 5, 124).
Auch Prien schließt sich dieser Erklärung, wenn auch zweifelnd an.
Aber ganz abgesehen davon, daß es durchaus unsicher ist, ob dulte
wirklich unser heutiges Tulte ist, passt Butter hier gar nicht in den
Zusammenhang. Wir haben ohne Zweifel einen Druckfehler vor uns,
und ich vermuthe, daß hier ursprünglich dultbotere gestanden hat,
d. h. Entschädigungen, welche der Richter dafür empfängt, daß er
Geduld mit dem Verklagten hat, ihm Aufschub gewährt. Das Wort
ist zwar nicht weiter belegt, aber richtig gebildet, vgl. unser 'Lücken-
büßer' und mnd. hoterioort. Nach krygen ist ein Komma zu setzen,
so daß kl. e. a. d. b. als nähere Erklärung zu wes zu fassen ist.
6874. Dyn hedregent is ghewest to groet,
Dyn stoffkrassent, dyn pyssent, dyn scherent,
Dyne grote loggen^ dyn vette smerent.
Auf scherent in unserer Stelle ist bisher weder in Anmerkungen noch
Wörterbüchern Bezug genommen. Es kann nur heißen 'davonlaufen'
(s. Mnd. Wb. 4, 77) und geht auf die verstellte Flucht, welche R.
auf den Rath der Affin beginnt. Es ist das engl, to sheei% unser sich
scheren. Das Wort ist in dieser Bedeutung im Mnd. Wb. zuerst bei
Lauremberg belegt; hier hätten wir die vermißte Stelle aus einem
älteren Werke.
NORTH EIM, im Januar 1888. R. SPRENGER.
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN i).
1. Drei Sprüche.
(Im Auszuge.)
In einer Stadt lebt ein Mann in glücklichem Wohlstande mit
seiner jungen Frau und zwei Kindern , einem Knaben und einem
Mädchen. Es kommt aber feindliches Volk durch die Stadt und
schleppt ihn mit, bis er zuletzt in einem fernen Lande an einen
reichen Mann als Sklave verkauft wird. Er weilt dort lange Jahre
und wird gut gehalten, kann aber doch der Sehnsucht nach den Seineu
nicht Herr werden. Endlich lernt er einen alten Mann, der auch im
') Wir machen bei der Gelegenheit aufmerksam auf das Werk des Verfassers:
Aus Lothringen. Sagen und Märchen. Leipzig 1887. Carl Reißner. K. Bartsch.
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN. 225
Dienste seines Herrn steht und bei ihm sehr angesehen ist, durch
Zufall als seinen Landsmann kennen. Nachdem sie befreundet ge-
worden sind, verhilft ihm dieser nach langem Widerstreben zur Flucht.
Die Flucht glückt, und er hat nun eine sehr lange Wanderung vor
sich. Auf dieser kommt er an eine Stadt, an deren Thor angeschrieben
steht, daß dort ein sehr weiser Mann, ein „Rathsager" wohne. Diesem
gibt er Geld und erkundigt sich bei ihm nach seiner Familie und
seiner Zukunft, erfährt aber nur, daß er seine Reise glücklich voll-
enden werde, wenn er drei Sprüche immer beachte:
1. Was dich nicht angeht, da laß deinen Fürwitz.
2. Gehe nie von der großen Straße ab auf einen Richtweg.
3. Gib deinem jähen Zorn nicht nach.
Er ist sehr enttäuscht und bedauert sein Geld, da ihm diese
Lehren einfältig und überflüssig erscheinen.
Nach einer langen Wanderung kommt er in ein Land, das immer
noch weit von seiner Heimat entfernt ist und trifft dort in einem
Schlosse seine Schwester, die ihn wieder erkennt. Der Herr des
Schlosses nimmt ihn gastlich auf und ladet ihn zum Essen ein. Als
sie aber in den Eßsaal eingetreten sind, schließt er diesen ab und
steckt den Schlüssel zu sich. An einem langen Tische ist nur für sie
beide gedeckt ; am anderen Ende steht eine große verdeckte Schüssel
und daneben ein Federkiel. Als sie sich gesetzt haben, legt der
Herr Waffen neben sich bereit. Dem Wanderer kommt dies Alles
sehr unheimlich vor , und er will schon fragen , als ihm der erste
Spruch einfällt. Er gewinnt jetzt Vertrauen zu dem „Rathsager",
meint, daß der doch vielleicht die Zukunft vorausgesehen habe, und
beschließt, seiner Vorschriften streng eingedenk zu sein. Reichliche
und gute Speisen und Getränke werden ihnen durch ein Loch in der
Wand hineingeschoben, aber der Herr spricht über dem Essen kein
Wort. Auf einen Druck von ihm thut sich plötzlich in der Wand eine
Thür auf, und eine gespensterhaft magere und bleiche Frau schreitet
durch dieselbe auf die Schüssel am unteren Ende des Tisches zu,
füllt den Federkiel mit der Pastete, die in der Schüssel sich befindet
und ißt den Inhalt auf; dann schreitet sie sogleich zurück, und die
Thür fällt wieder zu.
Der Wanderer bemeistert auch während dieses Auftrittes seinen
Schrecken und seine Erregung und ißt ruhig weiter. Derr Herr wird
jetzt freundlicher und gibt ihm Aufklärung: Die Ihr eben gesehen
habt, ist meine Frau. Vor etwa einem Jahre habe ich sie mit einem
Liebhaber überrascht und diesen vor ihren Augen niedergestochen.
GERMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 15
226 F. PETERS
Dann habe ich in ihrer Gegenwart aus seinem Fleisch die Pastete
machen lassen, die dort unten auf dem Tische steht, und die Frau in
einem Zimmer hier neben an eingesperrt. Sie bekommt jetzt zu jeder
Mahlzeit einen Federkiel voll von jener Pastete, bis sie ganz auf-
gegessen ist. Überlebt sie es, so will ich sie wieder als meine Frau
annehmen. Hättet Ihr mich gefragt oder mir gar Vorwürfe gemacht,
so hätte ich Euch niedergestochen, wie schon etliche vor Euch.
Der Wanderer zieht nun wieder eine lange Strecke unangefochten
weiter, bis er eines Tages mit drei Burschen zusammentrifft und mit
ihnen auf einer heißen und staubigen Straße eine Strecke zurücklegt,
bis sie an einen kühlen schattigen Fußpfad kommen, den der Eine
genau kennen will und der den Weg erheblich abkürzen soll. Schon
ist er mit ihnen in den Pfad eingebogen, als ihm der zweite Spruch
einfällt und er trotz alles Spottes seiner Genossen auf die heiße Land-
straße zurückhehrt. Er erreicht die nächste Stadt glücklich, während
die Burschen von Räubern getödtet werden.
Nach einiger Zeit gelangt er endlich in seine Heimatsstadt und
kehrt in einem Gasthofe seinem Wohnhause gegenüber ein^ um dort
zu übernachten. Als er am nächsten Morgen aus dem Fenster schaut,
sieht er seine Frau und seine inzwischen erwachsene Tochter in die
Hausthür treten, ein Wagen fährt vor, aus dem zwei junge Männer
herausspringen, und einer umarmt und küßt die Mutter, der Andere
die Tochter. Schon will er in jähem Zorne hinübereilen und Frau
und Tochter niederstechen, als ihm der dritte Spruch einfällt. Er be-
zwingt sich jetzt und erkundigt sich beim Wirthe, von dem er erfährt,
daß der junge Mann, der seine Frau umarmt hatte, sein Sohn sei,
der die Priesterweihe erhalten und eben zum ersten Male Messe gelesen
habe, und der Andere der Bräutigam seiner Tochter. Darauf findet
dann glückliche Wiedervereinigung statt.
2, „Der Weihnachtsbub".
(Im Auszuge.)
Ein armer Knabe, der seinen illegitimen Vater nicht gekannt
hat, verliert auch seine Mutter, die am Tage vor Weihnacht begraben
wird. Gegen Abend kann er es vor Grauen in der einsamen Hiitte
nicht mehr aushalten und geht in den Wald. Als er sich in Finsterniß
und Schneewetter schon dem Tode nahe glaubt, sieht er einen Licht-
schimmer und findet, demselben nachgehend, ein Häuschen, in das
er eintritt. Es ist bewohnt von armen Eltern mit zwei Knaben, etwa
in seinem Alter, und einem Mädchen, das noch in der Wiege liegt.
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN. 227
Sie feiern gerade den heiligen Abend mit Christbäumchen und kleinen
Geschenken und nehmen ihn gastlich auf. Als sie am nächsten Morgen
erfahren, daß er ganz hilflos in der Welt steht, behalten sie ihn bei
sich. Die beiden Knaben, die sich sehr über den Zuwachs freuen,
geben ihm den Namen Weihnachtsbub, weil er gerade zu Weihnacht
in das Haus gekommen ist. Er wächst im Walde heran und bleibt
körperlich schwach , wird aber sehr klug und tbatkräftig. Von den
beiden Brüdern wird der älteste Schlosser und der zweite Schmied.
Der Weihnachtsbub erlernt in einer Stadt das Schneiderhandwerk und
hat viel Glück, folgt aber doch einem sehnsüchtigen Zuge und kehrt
in das Häuschen der Pflegeeltern zurück. Dort findet er die Pflege-
schwester halb erwachsen, und es erwacht der Wunsch in ihm, sie
zu heirathen. Thatendrang und der Wunsch, seinen Pflegeverwandten
sich dankbar zu erweisen, bestimmen ihn aber, zunächst den Versuch
zu machen, Reichthümer zu erwerben und zu diesem Zwecke auf die
Wanderschaft zu gehen. Die Pflegebrüder, die noch bei den Eltern
im Walde wohnen, bestimmt er, ihn zu begleiten, und weiß sie trotz
ihres Widerstandes in immer entlegenere Gegenden mit sich zu führen,
bis sie an ein verzaubertes Schloß kommen, über dessen Thür die
Worte stehen: „Wer in dieses Schloß einziehet und darin wohnen
bleibt, dem fällt es zu Eigenthum an mit allen Besitzungen und
Rechten, die dazu gehören." Trotz der Widerreden der Brüder betritt
der Weihnachtsbub mit ihnen das Schloß. Hier finden sie große Pracht,
aber auch eine Menge von vertrockneten Leichen, die in allen Zimmern
umherliegen. Sie machen jetzt eine große Grube und begraben die
Leichen während mehrerer Wochen; dabei bleiben sie, wegen der
Ängstlichkeit der Brüder, Tag und Nacht nahe bei einander. Als aber
die Leichen schon eine Weile unter der Erde sind und alles ruhig
bleibt, werden sie sicher und beschließen, daß immer Einer zu Hause
bleiben und Mittag kochen soll, während die Anderen auf Feldarbeit
gehen. Die erste Woche soll der älteste Bruder zu Hause bleiben,
die nächste der Zweite und dann der Weihnachtsbub. Wenn das
Essen fertig ist, soll mit einer Glocke, von der der Strang in die
Küche hängt, geläutet werden. Als der Älteste am ersten Mittag das
Essen bereitet hat uud eben zum Glockenstrange gehen will, hinkt
hinter ihm ein altes Weib vorüber auf den Kamin zu, indem sie sich
wie vor Kälte die Hände reibt und bei jedem Schritte sagt: „Schuck,
Schuck, was kalt." Sie hat ein schauerliches Aussehen und der Schlosser
fragt sie voll Furcht, wer sie ist und was sie begehrt. „Oh", antwortet
sie, „ich bin eine arme Bettelfrau und wohne dort hinten in dem
15*
228 *'• PETERS
großen Walde. Hu, wie mich friert! Schuck, Schuck, was kalt! Schuck,
Schuck, was kalt! Laß mich nur hier an dem Feuer mich wärmen
und gib mir ein wenig von Deinem Brei dort." Aus Furcht reicht
er ihr einen Teller mit Brei, zu dem ein Löffel gelegt ist. Sobald sie
den Teller in der Hand hat, läßt sie den Löffel zu Boden fallen und
verlangt von ihm, daß er ihn aufheben solle. Wieder aus Furcht ge-
horcht er, und als er sich danach bückt, springt sie ihm in den Nacken
und peinigt ihn so, daß er umzukommen vermeint, doch behält er
so viel Kraft, daß er auf allen Vieren zum Glockenstrange kriechen
und anziehen kann. Beim ersten Anschlage läßt sie ihn los und ist
verschwunden. Die Anderen kommen und finden ihn sehr bleich. Er
schämt sich aber, die Wahrheit zu gestehen, und sagt nur, daß ihm
unwohl geworden. Ais es ihm am nächsten Mittag aber wieder ebenso
ergeht, bittet er seinen Bruder, den Schmied, ihn abzulösen. Dieser er-
leidet zwei Mittage dasselbe Schicksal und wird dann vom Weihnachts-
bub abgelöst. Auch ihm erscheint die Hexe und bittet ihn in ganz
denselben Worten um Essen ; er reicht ihr einen Teller ; sie läßt wieder
den Löffel fallen und bittet ihn, denselben aufzuheben. Er fährt sie
aber barsch an: „Altes Scheusal, meinst Du, ich hätte nicht gemerkt,
daß Du den Löffel mit Vorsatz herabgeschüttelt hast? Gleich nimmst
Du den Löffel auf oder ich schlage Dir die Knochen zu Brei" *, und damit
greift er nach dem Schüreisen; als er aber auf sie zutreten will, ist
sie verschwunden. Jedoch ist sie am nächsten Mittag wieder da und
bittet mit den ständig wiederkehrenden Worten um Essen. Er packt
sie aber sogleich an der Kehle, indem er ihr zuruft, daß sie ihm
diesmal nicht entwischen solle, ehe sie ihm gezeigt habe, wo sie her
käme und wo sie hinginge. Sie erwidert: „Wenn ich Dir zeigen soll,
wo ich herkomme und wo ich hingehe, so sage es noch einmal; Du
darfst aber keine Furcht haben." Darauf wiederholt er furchtlos seine
Forderung und befindet sich nun plötzlich mit dem alten Weibe in
einem tiefen Keller vor einer hohen Wand, die sich auf einen Zauber-
spruch des Weibes öffnet. Dann wird er auf viel verschlungenen
Pfaden in einen prachtvollen Saal geführt, in welchem kleine graue
Männlein ') ihn empfangen und sehr glänzend bewirthen. Auf die
Mahlzeiten folgen Spiele, Jagd und Fischerei, bis dem Weihnachtsbub
die Brüder wieder einfallen und er zu einem der grauen Männlein
sagt, er müsse jetzt wieder hinauf, denn seine Brüder warteten auf
') Der Ausdruck „Zwerg" ist nicht bekannt, es heißt in der Volkssprache immer
„klines Gräumännel".
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN. 229
das Mittagessen. Darauf fragt ihn das Männlein lachend, wie lange
er denn meine, daß er bei ihnen sei, und als er antwortet, etwa eine
halbe Stunde, erfährt er, daß er gerade in diesem Augenblicke vor
zwölf Jahren in die Unterwelt gekommen ist. Er erschrickt hierüber
sehr und gedenkt sogleich seiner Pflegeeltern und seiner Pflegeschwester;
das Männlein kann ihm aber die beruhigende Versicherung geben, daß
Alle wohlauf sind und die Pflegeschwester noch unverheirathet ist.
Er will nun sogleich in die Welt zurückkehren, wird indeß belehrt,
daß nur die ihn wieder hin wegführen könne, die ihn hergebracht
habe. Er läßt sich nun sogleich zu der alten Hexe führen, diese aber
weigert sich hartnäckig, ihm behilfllich zu sein. Als er hierüber sehr
traurig wird, erklärt das Männlein, daß es ihm behilflich sein wolle
und gibt ihm folgende Aufschlüsse: vor 100 Jahren war das alte
Weib, das Dich hierher gebracht hat, eine wunderschöne, junge Prin-
zessin, und sie hatte einem schönen, jungen Prinzen versprochen, daß
sie ihn heirathen wolle; nun kam aber ein reicherer und mächtigerer
Prinz und hielt um sie an, und da brach sie ihr Versprechen und
verlobte sich mit dem. Darüber wurde der junge Prinz sehr zornig
und ging zu einem mächtigen Zauberer und bat ihn um seine Hilfe.
Und der Zauberer verwünschte die Prinzessin und das Schloß und
Alles, was dazu gehörte, und die Prinzessin ward eine scheußliche,
alte Hexe, wie Du sie gesehen hast, und an das Schloß wurde an-
geschrieben, daß es dem gehören solle, der es bewohne, denn Keiner
konnte es darin aushalten, und die Meisten kamen um, die es betraten.
Das kam aber so : die Prinzessin war nicht blos äußerlich zu einer
Hexe verwandelt, sondern auch innerlich, so daß sie Macht hatte wie
eine Hexe und nur Lust an Unheil. Die fiel nun über Jeden her, der
das Schloß betrat und saugte ihm das Leben aus; daher die vielen
Leichen, die im Schlosse lagen, als Ihr ankamt. Deine Brüder können
von Glück sagen, daß der Glockenstrang in der Küche hing, denn
vor dem Glockenschalle mußte sie weichen, sonst hätte sie ihnen
auch das Leben ausgesogen. Über Dich aber hatte sie keine Gewalt;
weil Du keine Furcht hast. Wir grauen Männlein haben nun die ganzen
100 Jahre hiedurch das Schloß unterhalten und das Vieh gefüttert
und aufgezogen und Alles so erhalten, wie Ihr es vorgefunden habt.
Wir Alle sind auch verzauberte Prinzen; wir können aber nicht mehr
erlöst werden, weil unsere Zeit vorübergegangen ist, ohne dass ein
Erlöser gekommen wäre. Wir müssen in alle Ewigkeit hier unten
bleiben und haben es wohl ganz gut, aber nicht so gut wie in der
Seligkeit im Himmel. Die Prinzessin aber kann noch erlöst werden;
230 F. PETERS, MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN.
Du brauchst ihr nur einen Kufi zu geben, so wird sie wieder wie sie
früher war, muß dann aber Deine Frau werden und Dich auf die
Erde zurückführen.
Wegen dieses letzten Punktes hat der Weihnachtsbub Bedenken;
das graue Männlein tröstet ihn aber, daß sich doch noch vielleicht
ein Ausweg finden werde. Er gibt nun der Alten den Kuß und hält
plötzlich eine schöne Prinzessin in den Armen.
Von dem Männlein erhält er jetzt einen großen Korb mit einem
langen Strick daran und ein Stäbchen mit folgender Weisung: wenn
Du mit der Prinzessin in den Korb steigst, werdet Ihr sogleich oben
auf der Erde ankommen. Wenn Du wieder zu uns willst, mußt Du
mit dem Stäbchen an einer bestimmten Stelle^) auf die Erde klopfen,
so wird sie sich aufthun, und dann müssen Deine Brüder Dich in
dem Korbe an dem Strick hinablassen. Der Strick wird zwar bei
Weitem nicht reichen, aber der Korb macht sich los und trägt
Dich hinab und hernach wieder nach oben bis an den Strick, und
dann müssen die Brüder Dich vollends hinaufziehen.
Er wird dann noch ermahnt, daß er sich ja nicht scheuen,
sondern in jeder Noth an die grauen Männlein wenden möge. Kaum
hat er, reich beschenkt, mit der Prinzessin den Korb bestiegen, so
stehen sie auch schon oben vor dem Schlosse. Hier erfährt er von
der Dienerschaft, daß das Schloß mit allen Besitzungen den Brüdern
zugesprochen worden ist und daß der Altere soeben in der nahen
Stadt mit der Tochter des Königs Hochzeit mache. Er begibt sich
sogleich mit der Prinzessin dorthin und wird freudig begrüßt. Die
Brüder haben die Eltern und die Schwester inzwischen vergessen ; er
aber denkt sogleich nach Beendigung der Hochzeitsfeierlichkeiten
wieder an sie, und wie er die Pflegeschwester statt der Prinzessin
heirathen könne. Das Herbeischaffen der Verwandten ist wegen der
großen Entfernung besonders schwierig. Er beschließt daher, das
graue Männlein '^j um Hilfe anzugehen, klopft mit dem Stäbchen^)
auf die Erde, und Alles geschieht, wie vorhergesagt.
Bezüglich der Heirath räth ihm das Männlein, er solle den un-
verheiratheten Bruder veranlassen, der Prinzessin ohne Weiters um
den Hals zu fallen und ihr zu sagen, daß er sie heirathen wolle; sage
') Die Stelle ist in der Erzähkuig nicht angegeben.
'■') Es ist bald von einem, bald von den Männlein die Rede; es scheint aber,
daß sich einer besonders seiner angenommen habe.
^) Der Ausdruck „Wünschelruthe-' i:<t unbekannt; es heißt im Dialekt „klines
Steckel" = Stöckchen oder Stäbchen.
ALBERT BACHMANN, BERICHT ÜBER DIE VERHANDLUNGEN etc. 231
sie dann zu, so dürfe sie dessen Frau werden. Dann solle sogleich
die Hochzeit gefeiert werden, und nach Beendigung derselben solle er
wieder zu einer bestimmten Stunde mit dem Stäbchen klopfen, dann
werde er, das graue Männlein, hinaufkommen und ihm helfen. Es
verläuft nun Alles nach Wunsch, und wie der Weihnachtsbub klopft,
kommt das Männlein herauf, bis an den Leib in großen Stiefeln
steckend und noch ein ebensolches Paar in den Händen haltend, das
Jener anziehen muß. Darauf erklärt er ihm, daß dies Stundenstiefel ')
seien, und daß sie mit denselben in einer Stunde bei dem Häuschen
im Walde sein würden. Richtig erreichen sie auch das Haus in so
kurzer Zeit, nehmen die Eltern und die Schwester auf die Schultern
und führen sie in ebenso kurzer Zeit zum Schlosse zurück. Hier
heirathet nun der Weihnachtsbub die Pflegetochter, und Alle führen
ein langes und glückliches Leben.
FINSTINGEN (in Lothringen). F. PETERS.
BERICHT
über die Verhandlungen der deutsch-romauischen Sectiou auf der XXXIX.
Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu Zürich.
(28. September bis 1. October 1887.)
Die constituirende Sitzung der Section fand am 28. Sept. , Mittags
12 Uhr, statt und wurde durch Prof. Tobler eröffnet. Prof. Martin (Straß-
hurg) schlägt vor: die Herren Professoren Drr. Tobler und Ulrich, beide
in Zürich , welche von der Gießener Versammlung mit der Vorbereitung
der Geschäfte beauftragt worden waren, zu Vorsitzenden zu ernennen. Der
Vorschlag wird einstimmig zum Beschluß erhoben. Als Schriftführer werden
gewählt die Herren Privatdocent Dr. Wetz-Straßburg und Dr. Bachmann-
Zürich. In das Album der Section tragen sich 34 Mitglieder ein: Gymnasial-
lehrer Dr. Bachmann-Zürich, Prof. Dr. Bächtold-Zürich, Stud. Bodmer-Zürich,
P. Brändli, 0. S. B. Engelberg, Dr. Bruppacher-Zürich , Privatdocent Dr.
Crüger-Straßburg, Gymnasialrector Ehemann-Eavensburg, P. Fischer, O. S. B.-
Sarnen , Prof. Dr. Götzinger-St. Gallen , Privatdocent Dr. Hartmann-Zürich,
Dr. Herzog-Aarau, Professor Dr. Hewett-New-York , Prof. Dr. Hirzel-Bern,
Dr. Jecklin-Chur, Prof. Dr. Kluge-Jena, Prof. Dr. Koch-Marburg, Privat-
docent Dr. Levy-Freiburg i. Br., Prof. Dr. Martin-Straßburg, Prof. Dr. Meyer
V. Knonau-Zürich, Prof. Dr. Morf-Bern, Prof. Dr. Motz-Zürich, Prof. Dr.
Reifferscheid-Greifswald, Gymnasiallehrer Dr. Schoch-Zürich, Prof. Dr. Soldan-
Basel, Dr. Staub-Zürich, Dr. Stickelberger-Burgdorf, Prof. Dr. Stiefel-Zürich,
Stud. Stutz-Zürich, Prof. Dr. Tobler-Zürich , Prof. Dr. Ulrich-Zürich, Prof.
') Der Ausdruck „Siebenmeilenstiefel" ist nicht bekannt.
232 ALBERT BACHMANN
Dr. Vetter-Frauenfeld, P. Wagner, 0. S. B. -Engelberg, Privatdocent Dr.
Weissenfels-Freiburg i. Br., Privatdocent Dr. Wetz-Straßburg.
Zur Vertheilung an die Mitglieder werden an diesem und den folgenden
Tagen aufgelegt: Von Prof. Dr. Koch: Koch und Geiger, Zeitschrift für
vergleichende Litteraturgeschichte und Renaissance-Litteratur. Neue Folge.
I. Bd. I. Heft. — Von Prof. Dr. Bächtold: Dessen Geschichte der deut-
schen Litteratur in der Schweiz. I. Lieferung. — Von Dr. Staub (namens
der Leitung des schweizerischen Idiotikon) : Die Vocalisirung des N bei den
schweizerischen Alemannen. Die Reihenfolge in mundartlichen Wörterbüchern.
Proben aus dem für das schweizerdeutsche Idiotikon gesammelten Materiale.
Das Brot im Spiegel schweizerdeutscher Volkssprache und Sitte. — Von dem
Verlagshändler Dr. Hub er und Dr. Th. Vetter in Frauenfeld: Chronick der
Gesellschaft der Mahler 1721 — 1722. Nach dem Manuscripte der Züricher
Stadtbibliothek herausgegeben von Th. Vetter (Bibliothek älterer Schriften
der deutschen Schweiz IL Serie, I. Heft).
In der zweiten Sitzung (Donnerstag den 29. September, Morgens 8 Uhr)
trägt Prof. Dr. Kluge -Jena vor über „Schweizerdeutsch und Schrift-
deutsch in ihren geschichtlichen Beziehungen". Der Vortrag ist
in dem inzwischen erschienenen Buche: Von Luther bis Lessing, sprach-
geschichtliche Aufsätze von Fr. Kluge-Straßburg 1888, S. 66 ff. der Haupt-
sache nach zum Abdruck gebracht, und es kann deshalb hier auf eine Wieder-
gabe des Inhalts verzichtet werden. In der an den Vortrag sich anschließenden
Discussion wendet sich Prof. Martin gegen die, wie ihm scheint, nicht ganz
gerechte Beurtheilung Luthers durch den Vortragenden. Prof. Götzinger
dankt dem Vortragenden dafür, daß er die ungerechten Ausfälle Rückerts
gegen die Schweiz zurückgewiesen habe. Prof. Morf glaubt, daß die räto-
romanische Syntax sehr dazu angethan sei, als Quelle für die Erkenntniß
syntaktischer Eigenthümlichkeiten des Schweizerdeutschen zu dienen. Der
Vorsitzende möchte namentlich schweizerische Forscher auffordern, das vom
Vortragenden in allgemeinen Zügen behandelte Thema zum Gegenstand ein-
gehenden Studiums zu machen.
Privatdocent Dr. Wetz -Straßburg hält einen Vortrag „Zur Psycho-
logie Heinrichs v. Kleis f. Die litterarische Kritik ist deswegen viel-
fach auf Abwege gerathen, weil die Kritiker bei der Beurtheilung von Dicht-
werken ihre eigenen psychologischen Anschauungen zu Grunde legten, anstatt
die Psychologie des Dichters festzustellen und davon ausgehend dessen Werke
zu betrachten. Dieses letztere Verfahren will der Vortragende zur Lösung
schwieriger Probleme aus Heinrich v. Kleists Dichtungen in Anwendung
bringen. 1. Kleists Ansicht, daß die Reflexion sowohl auf körperliche Be-
wegungen als auch auf moralische Handlungen von verhängnißvollem Einflüsse
sei, daß nur das Unwillkürliche schön, nur da Grazie möglich sei, wo das
Bewußtsein völlig schweige, daß Überlegung im Augenblick der Entscheidung
nur verwirren und schaden könne — diese Ansicht erklärt uns, warum Kl.
seine Personen mit Vorliebe den Eingebungen des Augenblicks gehorchen
läßt. 2. Kl. 's „Gesetz des Gegensatzes" ist die Übertragung eines bekannten
physikalischen Gesetzes auf das moralische Gebiet. So wie ein elektrischer
Körper in einem unelektrischen, auf den er einwirkt, die entgegengesetzte
Eleklricität hervorruft, „so kann im Gebiet moralischer Erscheinungen bei
BERICHT ÜBER DIE VERHANDLUNGEN etc. 233
entsprechender Einwirkung von Außen der Zustand der Indifferenz plötzlich in
einen anderen Zustand überspringen, welcher zu der empfangenen Einwirkung
in einem ähnlichen gegensätzlichen Verhältniß steht". Beispiele für die
Wirksamkeit dieses Gesetzes erbringt der Vortragende aus Kleists .,Erdbeben
von Chili", namentlich aber aus dem „Prinzen von Homburg'' (vgl. III, 5;
IV, 4). So läßt sich durch die psychologischen Theorien des Dichters das
Handeln der Personen seiner Schöpfungen erläutern.
Nach dem Vortrage, der zu keiner Discussion Anlaß gibt, laden der
Vortragende und Dr. Staub die Mitglieder zu einem Besuche der Sammlungen
für das schweizerische Idiotikon ein. Dai-auf wird die Sitzung aufgehoben.
Dritte Sitzung, Freitag den 30. September, Morgens 8 Uhr. Auf die
Mittheilung des Vorsitzenden hin, daß die nächste Versammlung deutscher
Philologen und Schulmänner in Görlitz stattlinden solle, werden die Herren
Professoren Drr. Weinhold und Gaspary, beide in Breslau, zu Vorsitzen-
den der deutsch-romanischen Section gewählt.
Professor Dr. Reiffer scheid-Greifswald spricht über die Windeck-
Ilandschriften in Zürich. In Bezug auf den Inhalt des Vortrages muß
auf die „Verhandlungen" und die „Göttinger Nachrichten" 1887, Nr. 18,
S. 522 ff. (vgl. namentlich S. 530. 533. 543) verwiesen werden. Der Vortrag
ruft eine kurze Discussion hervor, an der sich Prof. Dr. Meyer v. Knonau
und der Vorsitzende betheiligen. — Nachher hält Prof. Dr. Morf-Bern seinen
Vortrag über „die Untersuchung lebender Mundarten und ihre
Bedeutung für den akademischen Unterricht". Das Studium der
afrz. Sprache und Litteratur, wie es gegenwärtig auf den meisten deutschen
Hochschulen betrieben wird, sollte beschränkt werden zu Gunsten einer ein-
gehenderen wissenschaftlichen Beschäftigung mit der neueren Sprache und
Litteratur, namentlich auch mit den lebenden Mundarten.
Dieses letztere ist in doppelter Hinsicht nutzbringend: 1. Für die
Aussprache. Der Studirende muß sich daran gewöhnen, die Laute der
Mundart phonetisch genau zu fixiren und schärft so sein Ohr für eine richtige
Auffassung der fremdsprachlichen Laute , was ihm später bei seinem Auf-
enthalte im Ausland sehr zu statten kommt. Die große Bedeutung einer guten
Aussprache wird heute allgemein anerkannt. 2. Für die allgemein
sprachliche Bildung. Das Studium der lebenden Sprachen ist für den
Studirenden die beste Unterweisung in den Gesetzen des Sprachlebens.
Es bewahrt ihn davor, daß er sich an eine „abenteuerliche Lautcasuistik"
gewöhnt und in lautlichen Entwicklungen, die auf Grund eines doch nur
lückenhaft und unvollkommen überlieferten Sprachmaterials oft willkürlich
construirt worden sind, mehr als imaginäre, der Thatsächlichkeit entbehrende
Gebilde erblickt. Im romanischen Seminar der Universität Bern sind Übungen
an einigen Patois des ,.frankoprovenzalischen" Kantons Freiburg mit dem
besten Erfolge vorgenommen worden. Der Vortragende skizzirt kurz den
dabei befolgten Arbeitsplan. In der Discussion ergreift Prof. Dr. Sold an-
Basel das Wort. Er ist von dem hohen Werth der durch den Vortragenden
angeregten Übungen vollkommen überzeugt, macht aber auf die großen
praktischen Schwierigkeiten aufmerksam , die sich der Ausführung derselben
fast überall in den Weg stellen; denn nur wenige Universitätsstädte sind
in der günstigen Lage, ein geeignetes Forschungsgebiet in der Nähe zu haben.
234 LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN.
Professor Dr. Bächtold trägt vor über den „Ring" He.s »Schweizers
Heinrich Wittenweiler. Der Vortrag bildet einen Ausschnitt aus des Vor-
tragenden „Geschichte der deutschen Litteratur in der Schweiz", und zwar
aus der dritten Lieferung des Werkes; wir können deshalb hier von einer
Inhaltsangabe absehen.
Die Section beschließt, am folgenden Morgen noch eine vierte Sitzung
abzuhalten, um einen Vortrag des Privatdocentcn Dr. Crüger-Straßburg anzu-
hören über „Das Straßburger Theater von der Reformation bis
zum dreißigjährigen Kriege".
Vierte Sitzung, Samstag den 1. October, Morgens 9 Uhr. Dr. Crügcr
spricht über das angekündigte Thema. Er erwähnt zuerst solche theatralische
Vorstellungen, die sich aus dem Mittelalter in die Neuzeit hinübergerettet
hatten, z. B. die Ein- und Ausgangsscene der Schwerttänze, das Schreiner-
spiel, ein Abkömmling des mittelalterlichen Fastnachtspiels, welches Privi-
legium der Schreinerzunft geworden war u. a. Er geht sodann über zu den
eigentlichen dramatischen Erzeugnissen: Das protestantische Volks-
schauspiel hat in Straßburg keinen Dichter gefunden^ man führte schwei-
zerische und oberelsässi£3che Stücke auf. Das Auftreten der fahrenden Truppen
(in Straßburg um 1570) brachte eine Stoflferweiterung des Volksschauspiels
mit sich, komische Scenen drangen ein, an Stelle des geistlichen trat aucb
historischer und novellistischer Inhalt. Das geistliche Volksschauspiel fristete
schließlich nur noch ein kümmerliches Dasein in den Vorstellungen der
Meistersinger; in den Vordergrund traten seit dem Ende des 16. Jahrhunderts
die Aufführungen der englischen Comödianten. Das lateinische Schul-
drama fand einen vortrefflichen Vertreter an dem Pommern Brülow, der am
Straßburger Gymnasium wii'kte und als Dichter lateinischer Dramen ganz
Bedeutendes leistete. Seine Stücke wurden auch fleißig ins Deutsche über-
setzt. Übrigens hatte man schon um 1560 mit regelmäßigen Aufführungen,
aber nur altclassischer Stücke, begonnen.
Der Vortrag ruft keine Discussion hervor. Der Vorsitzende erklärt,
da die Tractanden alle erledigt sind , die Sitzung und damit die dießjährige
Versammlung der deutsch-romanischen Section für geschlossen. Prof. Dr. Hewett
spricht zum Schluß dem Vorsitzenden für dessen Bemühungen den lebhaften
Dank der Mitglieder aus.
ALBERT BACHMANN.
LITTERATUR,
Anzeigen.
Schürer, Heinrich, die Sprache der Hs. P des Rolandsliedes. Programm
des Communal-Gymnasiums zu Komotau. Komotau 1887. 46 S. gr. 8.
Das Ergebniß einer genauen Zusammenstellung der sprachlichen Eigen-
thümlichkeiten von S. ist zunächst, daß der sprachliche Charakter der Hs.
durchaus kein einheitlicher ist. Doch weist Vieles darauf hin , daß die Vor-
lage eine md. gewesen, Manches ist speciell ripuarisch. Daneben kommen
LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN. 235
oberdeutsche, und zwar bairische Züge vor. Die Frage ist nun , war der
Dichter ein Baier, der Schreiber ein Rheinfranke, oder umgekehrt? Eine
Prüfung der Reime ergibt, daß dieselben mit wenig Ausnahmen md. sind.
p]s unterliegt also keinem Zweifel, daß die Originalhs. im md., bezw. ripua-
rischen Dialekt abgefaßt und der Dichter ein Rheinfranke war. Trotzdem
hält der Verf. für keineswegs gewiß, daß das Werk in dem reinen Dia-
lekte der Heimat des Dichters abgefaßt war, sondern daß er mit Rücksicht
auf ein bairisches Publicum, Heinrich den Stolzen und seine Gemahlin, die
Sprache modificirfe. Ich weiß nur nicht, ob in diesem Grade das möglich ist,
wenigstens für jene Zeit.
Seifried Helbling. Herausgegeben und erklärt von Joseph ScemüUer.
Halle a. d. S. Buchhandlung des Waisenhauses 1886. CX, 393 S. 8.
Seit Martin nachgewiesen, daß Seifried Helbling nicht, wie Karajan
annahm, der Verfasser der hier vereinigten Lehrgedichte ist, pflegt man von
dem sogenannten S. H. zu sprechen, weil der Name einmal eingebürgert ist.
Auf einem Büchertitel würde sich das freilich nicht gut ausgenommen haben,
und darum hat der Herausgeber wohl einfach S. H. geschrieben. Aber cor-
recter und sachgemäßer wäre z. B. gewesen Die Gedichte des Verfassers
des deutschen Lucidarius , da eine Verwechslung mit dem prosaischen Luci-
darius des 12. Jahrhunderts dann wohl nicht möglich ist. Der Ausgabe ist
iMue sehr ausführliche Einleitung vorausgeschickt, worunter die zweite Chrono-
logie der Sammlung zunächst hervorzuheben ist. S. weist nach, daß die
überlieferte Reihenfolge der Gedichte nicht die ursprüngliche ist^ leider hat
er aber trotzdem jene beibehalten, wodurch die Benützung der Ausgabe sehr
erschwert ist. Weiter hebe ich den Abschnitt "^Littei-arische Einflüsse und
Darstellungsform hervor, worin mit großer Sorgfalt die literarische Kenntniß
lies Dichters nachgewiesen ist. Sehr ausführlich ist der Abschnitt Metrik
und Sprache behandelt, nicht minder der '^Überlieferung betitelte^ sie be-
weisen, daß der Herausgeber seine Aufgabe sich nicht leicht gemacht hat.
Dombrowski, Ernst Ritter von, die Lehre von den Zeichen des Rolh-
hirsches in ihrer stufenweisen Entwickelung bis zum Ausgange des
1 6. Jahrhunderts. Eine Studie. Blasewitz-Dresden 1886. P.WolfF. Separat-
abdruck aus 'Weidmann'. XVII. 35 S 8.
Die Lehre von den Zeichen des Rothwildes hat sich bis in die Gegen-
wart erhalten, während die Regeln über den Leithund, die Beize u. A. der
Vergangenheit angehören. Zuerst erörtert Verf. die Frage, wo und wann die
Lehre von den Zeichen des Rothwildes entstanden ist, und hier ergibt sich,
daß Spuren davon bis ins 12. Jahrh. zu verfolgen sind. Die ältesten Zeug-
nisse sind in einem ahd. Glossar, im Schwabenspiegel und in Hadamars Jagd.
Die Dichtungen des 12. und 13. Jahrh. liefern, so viel sie auch die Jagd
behandeln , kein Material zu der Frage. Eine Übersicht der Quellen von
Hadamar an bis ans Ende des 16. Jahrhs., die der Verf. S. 7 ff. gibt, drängt
zu der Frage nach dem Zusammenhange derselben, ob die hervortretende
Übereinstimmung auf mündlicher Überlieferung oder auf Abschriften beruht.
Das Ergebniß einer genauen Vergleichung ist, daß sie auf ein Werk über
die Hirschjagd zurückgehen, das etwa aus der Zeit Friedrichs II. stammt.
236 LITTERATUR. K. BARTSCH, ANZEIGEN.
Heeger, Georg, über die Trojanersage der Briten. Münchener Inauguial-
Dissertation. München 1886. R. Oldenbourg, 99 S. 8.
Der Verf. behandelt zunächst die britische Trojanersage vor Galfrid,
und die ältesten Spuren, die vermeintlich bis ins 9. Jahrh. zurückgehen
sollten , da sie in der Historia Britonum sich finden. Zu dem Zweck wird
die Hist. Brit. untersucht, deren ursprüngliche Gestalt durch spätere Zusätze
sehr entstellt ist. Die betreffende Erwähnung findet sich unter 30 Hss. etwa
nur in drei, ist also als Interpolation anzusehen. Daß dies der Fall, wird
durch Hugo von Flavigny (um 1090) gestützt (S. 37). An dritter Stelle
wird die Erwähnung bei Heinrich von Huntingdon (um 1135) behandelt.
Es ergibt sich , daß derselbe aus der Hist. Brit. geschöpft hat. Im zweiten
Haupttheil wird nun Galfrid von Monmouth (um 1136) erörtert. Sein Bericht
beruht in den Grundzügen auf der Hist. Brit., erscheint aber in einer mehr
als 25fachen Erweiterung. Diese beweist durch Beziehungen auf die Cultur
der Kreuzzüge (S. 65) ihre Nichtursprünglichkeit. Außerdem ist Virgil reich-
lich benützt. Es folgt die Trojanersage nach Galfrid, und zwar zunächst die
Historia Britanica, der welsche Brut i Tysilio, ferner Gaimar, Wace und
Giraldus Cambrensis. Die Untersuchung ist mit großer Sorgfalt und Besonnen-
heit durchgeführt, und es darf die Schrift als eine willkommene Bereicherung
unserer Kenntniß der Trojanersage bezeichnet werden.
Ortuer, Max, Reinmar der Alte. Die Nibelungen. Österreichs Antheil an
der deutschen Nationalliteratur. Wien 1887. Konegen. VIII, 356 S. g.
Der von jugendlicher Begeisterung für sein engeres Vaterland Öster-
reich erfüllte Verf. gibt uns ein Bild von der Sittenlosigkeit , die die Folge
der aus Frankreich eingedrungenen Cultur gewesen. Zwei Dichter seien dieser
Verderbniß entgegengetreten, ein Lyriker, Reinmar der Alte, und ein Epiker,
der Kürenberger. Der ganze Grundgedanke scheint mir ein verfehlter zu sein,
und namentlich auf Reinmars melancholischen, in sich versenkten Charakter
wenig zu passen. Eher ließe sich den Nibelungen ein solcher polemischer
Gedanke zu Grunde legen. Wenn übrigens in einem von der Verlagshand-
lung dem Buche beigegebenen Prospect gesagt ist, daß die leitenden Grund-
gedanken meine vollste Zustimmung gefunden , so ist dies nur in sehr be-
schränktem Maße richtig, da ich zu krank war, um das Ms. lesen zu können
und daher nur in einem Briefe der Verf. mir seine Ideen darlegte.
Fischer, Hermann, Lodwlg Uhland. Eine Studie zu seiner Säcularfeier.
Stuttgart 188 7. J. G. Cottasche Buchhandlung. 3 Bl. 199 S. 8.
Der Verf. hat versucht, in seiner Schrift, die als Festgabe zu Uhlands
hundertjährigem Geburtstag erschien, '^das äußere Leben des Dichters, über
das wir schon sehr ergiebige Quellen besitzen , nur kurz zu entwerfen, da-
neben aber ein Bild von seiner Eigenart als Dichter, als Patriot und als
Gelehrter' zu geben. Da die politische Thätigkeit Uhlands jetzt ganz der
Geschichte angehört und kaum noch mit einem ihrer Fäden in die Gegen-
wart hineingreift, da auch, wie F. hervorhebt, das Gebiet der Forschung,
das Uhland pflegte, mehr und mehr der Pflege des Sprachlichen gewichen
LITTERATUR: K. BARTSCH, ANZEIGEN. 237
ist, so läßt sich über das, was Uhland hier und dort geleistet, ein ab-
schließendes Urtheil abgeben. Dem Verf. kommt zu statten, daß er Germanist
von Fach ist und den gelehrten Arbeiten Uhlands ein feines Verständniß
entgegenbringt, daß er, wenn auch nicht Dichter, doch eines Dichters Sohn,
und mit feinem poetischen Verständniß ausgestattet, und daß er wie Uhland
in Schwaben geboren und erwachsen ist. So hat er für das speciell Schwä-
bische in Uhlands Wesen ein tieferes Verständniß , was ihn keineswegs zu
einer einseitigen Vorliebe, sondern nur zu einer richtigeren und tiefer gehen-
den Würdigung der bei Uhland hervortretenden schwäbischen Eigenart führt.
Auch hier sieht man, es ist der objective Forscher, der überall in der Beur-
theilung hervortritt. Unter allen aus Anlaß der Säculai'feier erschienenen
Schriften ist die des Verf. die gediegenste und gereifteste und verdiente
daher wohl dem kürzlich verstorbenen Fr. Vischer als Widmung dargebracht
zu werden.
Kahle, Bernhard, zur Entwicklung der consonantischen Declination im
Germanischen. Berlin 1887. Haude- und Spenersche Buchhandlung.
54 S. 8.
Nach einer Einleitung, in welcher der Verf. sich mit Kögel auseinander-
setzt, behandelt er zunächst die Masculina l./o^; 2. tunp-, tund--^ 3. wint{a)i';
4. naut--^ 5. m'enöp- , magap- (f.), bei denen hauptsächlich der Einfluß der
u- , i- und o-Declination vorwaltet; dann die Feminina: 6. hand- , wo der
Einfluß der M-Decl. erkennbar; l.müs-, gans, Einfluß auf c2 - Decl. : S. nakt-'^
9. b7-eust-, brüst -^ 10. burg\ diese drei Wörter, eine kleinere Gruppe für sich
bildend, die im ahd. , mhd. und vereinzelt auch im ags. auf Fem. der i-
Decl. eingewirkt haben; 12. bök-; 13. dur-; 14. tö-, kü] 15. brök-; 16. aik-;
endlich ein ursprünglich vocalisches Wort: mann-.
Becker, R., Ritterlichie Waffenspiele nach Ulrich von Lichtenstein. Jahres-
bericht des evangel. Realgymnasiums in Düren über das Schuljahr von
Ostern 1886—1887. (Progr. Nr. 458.)
Der Verf. stellt für die Ulrichs Liebesleben betreffenden Abschnitte
die Glaubwürdigkeit derselben in Abrede, indem hier durch romanhafte
Erfindungen stark aufgeputzt sei ; dagegen in den Turnierschilderungen habe
er volle Glaubwürdigkeit. Dem Beweis für diese Scheidung sehen wir ent-
gegen. Vorläufig beschäftigt er sich mit dem Ritterleben Ulrichs , und zwar
1. die Ritterschaft, den Buhurt; 2. Wafi"en und Waffenkleidung; 3. das
Stechen oder die Tjost; 4. den Turnei, der nach Ulrichs Schilderung die
Schlacht in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit nachahmt.
Gedichte Oswalds von Wolkenstein , des letzten Minnesängers. Zum ersten
Male in den Versmaßen des Originals übersetzt, ausgewählt, mit Ein-
leitung und Anmerkungen versehen von Johannes Schrott. Mit einem
Bildniß des Dichters und einem Facsimile seiner musikalischen Com-
positionen. Stuttgart 1886. J. G. Cotta'sche Buchhandlung. XXXII,
214 S. kl. 8.
Der Verf. hat eine schwierige Aufgabe mit Geschick gelöst, um so
schwieriger, als der Originaltext in der Ausgabe von Beda Weber reich an
238 LITTERATUR: K. BARTSCH, AUS ZEITSCHRIFTEN.
Mängeln ist. Die Vorliebe für seinen Gegenstand hat sein Urtheil über
Oswald, wie das so oft zu gehen pflegt, etwas beeiuträchtigt, und zu viel ist
es jedenfalls gesagt, wenn Oswald nicht bloß als ein Nachtreter der Minne-
sänger bezeichnet wird, was man unbedingt gelten lassen kann, sondern als
ein Dichter, der den Gedankenkreis der Minnesänger um Vieles erweitert,
ihre Kunst zur letzten Ausbildung gebracht und in gesunder und wahrer
Auffassung des menschlichen Lebens sie alle — mit wenigen Ausnahmen —
übertroffen hat. Seh. stellt 0. auch über Hugo von Montfort, weil er selbst
musikalisch begabt war und die Melodien zu seinen Liedern verfaßte, während
Hugo sich dazu der Hilfe seines Dieners Burk Mangolt bediente, und das ist
ein unleugbarer Vorzug. Der Verf. hebt 0. 's weitgezogenen Gedankenkreis her-
vor, der mit seinen Reisen dui'ch die Welt zusammenhängt. Er verdankte Alles
sich selbst, indem er in der rauhen Schule des Lebens lernte, was ihm
frommte. Er war ein selbstgewordeuer Mann und stand immer auf eigenen
Füßen.' Wenn man diesem Urtheil gern zustimmen wird, so ist doch wohl
wieder eine Hyperbel, wenn S. sagt: "^ Seinen hohen Gönnern gegenüber
bewahrte er stets eine edle Selbständigkeit, und niemals versank er in jenen
weinerlichen Supplicantenton , der uns bei Walther von der Vogelweide so
bedauei'lich anmuthet' (!). S. vergißt hier ganz die Verschiedenheit der Ver-
hältnisse und der Zeiten ^ 0. war ein wohlsituirter Herr, der daher auch
'^ein guter Hausvater sein und ein hübsches Vermögen hinterlassen konnte,
weit entfernt von dem unpraktischen Sinne Walthers und so mancher anderer
leichtlebiger Minnesänger'. Ich glaube, wenn Walther an Oswalds Stelle
gewesen , hätte er vielleicht ebenso wie dieser gehandelt. Doch abgesehen
von solchen Ausschreitungen ist die Charakteristik zu loben. Mit Recht wird
seine Bedeutung für die Geschichte der Musik hervorgehoben, was schon
Kenner wie Ambros und Dommer gethan. Danach ist Oswald, wenn nicht
einer der frühesten Mitbegründer der neueren Musik , doch wenigstens ihr
Vorbote gewesen. Was nun die Übersetzungen betrifft, so muß die große
Gewandtheit hervorgehoben werden , mit welcher S. die meist schwierigen
Formen des Originals wiedergegeben hat.
Aus ^Zeitschriften.
Mittheiluügen des Vereins für Lübeckische Geschichte und Alterthumskunde.
1885.
2. Heft, Nr. 1. W. Stieda, Der Nachlaß eines hansischen Kaufmanns.
Aus dem 15. Jahrh. Culturgeschichtlich anziehend. — Seelmann, Der
Lübecker Unbekannte. Der Drucker des Reineke Vos u. s. w. Vei-zeichniß
der Drucke. Seelmann vermuthet, daß es Mathäus Brandis gewesen. —
A. Hagedorn, Zahleuräthsel. Ein deutscher Reimspruch, der auf das Jalir
1453 zu deuten; ein zweiter lateinisch auf das Jahr 1410.
Nr. 2. Schwiening, Mittelalterliche Malereien in den Kirchen Lübecks.
Mit zwei Tafeln Abbildungen in Farbendruck.
Nr. 3. A. Hagedorn, .Johann Stricker, Prediger an der Burgkirche.
Urkundliche Nachrichten. Stricker (Sfricerius), der Verfasser des 'Düdeschen
LITTERATUR: K. BARTSCH, AUS ZEITSCHRIFTEN. 239
Sloemer'. — W. Biehmer, Geschenk an Dr. Bugenhagen. Vom Jahre 1532,
als B. zum zweiten Male nach Lübeck kam.
Nr. 4. Brehmer, W., Zur Geschichte der Befestigung der Stadt (mit
nd. Urkunden). — Hack, Th., Aus dem culturhistorischen Museum: Ein
Siegelstock des 14. Jahrhs. Ein Messer- oder GabelgrifF des 13. oder 14. Jhs.
— Stiehl, C, Lübeckische Spielgreven.
Nr. 5. Hagedorn, A., Aus lübischen Handschriften. Nd. Reimsprüche
des 15. Jhs.
Nr. 6. Stieda, W., Lübische Bernsteindreher oder Paternostermacher.
Hervorgehoben wird, daß unter den Ostseestädten Lübeck vor Allem durch
industrielle Verwerthung des Bernsteins sich auszeichnete. Schon um 1366
begegnet eine Zunft der Paternostermacher. — Kopp mann, Aus Lübischer
Handschrift. Mit Bezug auf 2, 79.
Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. XXVL Vereins-
jahr 1886. Salzburg, Selbstverlag der Gesellschan.
Grienberger, Theodor von, die Ortsnamen des Indiculus Arnonis
und der Breves Notitiae Salzburgenses in ihrer Ableitung und Bedeutung
dargestellt. S. 1 — 78.
Eine wichtige Quelle für ahd. Namen , darunter einige romanischen
Ursprungs.
Im-Hof, Rup., Freih. von, Beiträge zur Geschichte des salzburgischen
Jagdwesens aus archivalischen Quellen gesammelt. S. 131 — 179. 219 — 307.
Unter den benützten Quellen befinden sich auch einige auf die Jagd bezüg-
liche Weisthümer.
Quartalblätter des historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen. 1886
bis 1887. Darmstadt.
1886, 1. Heft. Kofier, der Pfahlgraben im Horloffthale zwischen
Hungen und Echzell in Oberhessen, — Kofi er. Vorrömisches, Römisches
und Nachrömisches im Großherzogtum Hessen. — Vorgeschichtliche Funde
bei Friedberg.
2. Heft. M. Rieger, Siegfriedssage bei Caldern. Der isländische Abt
Nikolaus fand auf seinem Wege zwischen Stadtbergen an der Diemel und
Mainz einen Ort Kiliandr, zu dem er bemerkt, da ist die Gnitaheide, wo
Sigurdhr den Fafnir schlug . Caldern lautet urkundlich Calantra , offenbar
:=: Kiliandr. Vom Fortleben der Sage gibt Pfarrer Bang Zeugniß, der in
seiner Predigt 1868 Siegfrieds Kampf mit dem Drachen erörterte. Ein Trupp
Bauern begleitete ihn auf dem Heimwege , wo er erzählte , daß man sage,
der Siegfried habe hier in der Nähe des Rimberges den Drachen erschlagen.
Als zweiter Zeuge tritt Pfarrer Kümmell in Caldern hinzu , der von Bauern
in Kernbach hörte, ein alter Mann sage, einen Büchsenschuß von der Höhle
am Rimberg liege ein großer Stein, auf dem sich der Drache gesonnt, das
habe ihm sein Großvater erzählt.
3. Heft. F. W. E. Roth, Beiträge zur Geschichte des St. Petersstiftes. —
Wimpfen, aus der Hs. 229 in Darmstadt, bringt zunächst daraus ein Renten-
verzeichniß mit vielen Namen (13. Jahrb.), S. 146 der Name Parcifal ; —
240 LITTEKATUR: K. BARTSCH, AUS ZEITSCHRIFTEN.
Frohhäuser, Bauernduell, Mittheilung über das Fortleben desselben bis ins
17. Jahrh. in Lampertheim.
4. Heft. Kofier, der Pfahlgraben im Horloffthale zwischen Bisses und
Staden. Gotisches Skulpturwerk in Leeheim. In der dortigen Kirche ein Christus-
bild, wohl aus dem 15. Jahrh.
1887, 1. Heft. Anthes, der Schnellerts. Mit einem Plan. Eine der
Bergbauten im Gersprenzthal beißt der Schnellerts, an welche die Volkssage,
namentlich in Verbindung mit dem Rodensteiner, sich vielfach angelehnt.
2. Heft, Kofi er, der Pfahlgraben in der Wetterau. Mit zwei Tafeln. —
F. W. E. Roth, zur Bibliographie der heil. Hildegardis; in der Anlage findet
sich unter Nr. 2 ein Gedicht über Hildegardis Prophezeihungen aus der Darm-
städter Hs. 2194. 4*^. 15. Jahrh., in niederdeutscher Sprache. Es beginnt
Uns hait sante Hildegart vil gesacht .
3. Heft. Kofi er, der Pfahlgraben von der hessischen Grenze bei
Marköbel bis Bisses. Mit drei Tafeln. — Decker, gereimte Inschriften auf
der Roualburg bei Büdingen (l6. Jahrh.).
Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte. Neue Folge. 5. Bd.
1. Heft.
Ehrenberg, R., zur Geschichte der Hamburger Handlung im 16. Jahrh.
S. 139 — 182. Mittheilungen aus alten Handlungsbüchern des 16. Jahrhs.,
die einen Einblick in den Hambm-ger Handel jener Zeit gewähren.
Mittheilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte. Neunter Jahrgang
1886. Hamburg 1887.
Walther, C, Runenstein bei Hamburg S. 10 f. Es ist ein erratischer
Block, und sehr zweifelhaft, ob die Zeichen darauf Runen sind.
Walther, P., zu offen utc. Rebus auf 2 f. bestehend, die 1426 die
Krieger mit einem Kamm auf dem Arme als Zeichen trugen, von W. ge-
deutet: oiFen Kamm , d. h. alle über einen Kamm; Mahnung an den Tod.
S. 16 f.
Urkunde des Herzogs Johann zu Sachsen-Lauenburg und des Bischofs
Johann zu Ratzeburg vom 17. Sept. 1459. S. 30 — 32.
Sillem, W., Aus Joachim Westphal's Briefwechsel. S. 51 — 62. Cha-
rakteristische Mittheilungen über Westphal, der hier in sehr günstigem Lichte
erscheint.
Walther, C, zum Gelagsgruß. T. 63 f. Reimspruch zur Begrüßung
bei einem Gelage.
Bahrfeldt, M. , Kleine Beiträge zum Hamburgischen Münzwesen
S. 75 ff.
Gaedechens, G. T., über die Hamburgischen Burgen und Schlösser
S. 121 ff.
Hübbe, H. W. C, Ortsnamen bei Hammerbrook. Ortebrook, Lehen-
berg, Dala, Bokle. S. 162 f.
LITTERATUR: K. BARTSCH, AUS ZEITSCHRIFTEN. 241
Zeitschrift des Harzvereins für Greschichte und Alterthumskunde. 20. Jahrg.
1887. Wernigerode.
Dieselbe enthält auf S. 329 — 382 eine die Germanisten angehende
Abhandlung. — Paul Zimmermann, Georg Thyms Dichtung und die Sage
von Thedel von Wallmoden (nur in Sonderabdruck vorliegend). Zuerst be-
handelt Z. das Leben Thyms, dann seine Werke, die durchaus zu den Selten-
heiten gehören. Die Zahl der ihm mit Sicherheit zuzuschreibenden Werke
ist 14, die bis auf zwei von Z. alle eingesehen wurden und genau beschrieben
werden. Speciell geht er dann auf die Dichtung von Thedel von Wallmoden
ein, deren Stoflf Thym nach Z. wahrscheinlich aus mündlicher Überlieferung
schöpfte; die Ausgaben werden genau beschrieben, dann eine Inhaltsangabe
beigefügt; der letzte Abschnitt behandelt die Sage, die eine Gestaltung der
von Heinrich dem Löwen ist. Bei der Gelegenheit sei auch Z.'s Ausgabe von
Heinrich Gödings Gedicht von Heinrich dem Löwen , bei Paul u. Braune,
Bd. XIII, erwähnt, wo Z. zuerst Göding als Verf. des für anonym gelten-
den Liedes nachweist.
Am Urds- Brunnen. Mittheilungen für Freunde volksthümlich-wissenschaft-
lieber Kunde.
Bd. 3. Jahrgang .5. 1886. Nr. 6. Das Urkultussystem. Einem nach-
gelassenen Werke von G. Unruh entlehnt.
Nr. 7. Schluß des vorigen Artikels. — Carstens, C, Ortsnamen:
Wick-Kiel, — Knoop, Kleine Mittheilungen. 1. Keule mit Inschrift.
2. Begräbnißgebräuche.
Nr. 8. Höft, F., Mythologische Streifereien. 1. Der Nobiskrug bei
Rendsburg. — Hartmann, H. , der Teigtrog und Backofen des Teufels
und der Süntelstein. — Winkler, J. , Niederländische Beleuchtung zur
Erklärung norddeutscher Ortsnamen (Delf, Delve-Kiel). — Kleine Mit-
theilungen. Suck, J. H., Bastlösereim.
Nr. 9. Rabe, A., Rhapsodie von der gewaltigen Schlacht Odins
(Hrafnagaldr Oclins). Unter Zuhilfenahme des Keltischen (!) übersetzt. —
Saubert, B., ein deutsches Märchen (Der Zwerg von Ralligen). — Wink-
ler, J., Fortsetzung. (Wijk.) — Höft, F., mythologische Streifereien.
2. Die Isingeroder im Nobiskruger Gehölz und auf der Thyraburg bei
Schleswig. — Kleine Mittheilungen. Hahnschlagen. — Schwarzerde. —
Die Pferdeköpfe an den niedersächsischen Bauernhäusern. — Der Pfingst-
hammel. — Mittel gegen das Versehen der Schweine. — Wetterzauber. —
Ohrenklingen.
Nr. 10. Höft, F., Mythologische Streifereien. 3. Isis und Osiris.
Geht von den Sagen über den Nobiskrug aus (!). — Carstens, H., Lunden,
Lindon, Lund. S. 116. — Frahm, L., Klaus Störtebeker, ein Held der Sage.
S. 116 — 118. — P eter s en, Job. , eine Rheinsage. S.llSf. — Carstens, H.,
Kleine Mittheilungen. Die Unterirdischen in den Hollenbergen : Den rothen
Hahn aufs Dach setzen. Umsingen zu Ostern. Aasstücke und Aaskuhl.
Mittel gegen Lahmheit eines Rindes. Umschwärmen. Sonnenschein und Regen.
Nr. 11. Höft, F., Mythologische Streifereien. 4. Der Apis, Serapis,
Bakis, Zeus als Stier, Dherma, Feridun, Widar. S. 121 — 126. — Frahm,
GERMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 16
242 LITTERATUR: K. BART8CH, AUS ZEITSCHRIFTEN.
Kl. Störtebeker. (Forts.) S. 126 — 129. — Frahm, L. , Heilige Flammen.
Gruppirt. S. 129 — 131. — Carstens, H., Vom Feuermanu und Ohnekopf.
5. 129 — 1.53. — Derselbe, Ortsnamen (Nord, Ort, Örtjen. S. 133—134.
— Kabe, Zauberformeln. Aus "^Albertus Magnus', natürlich alles keltisch
gedeutet. S. 134 f. — Carstens, kleine Mittheilungen : Kosakenball ; Kassal-
tüiich. — Großer Reichthum (Dage). — Schatzgräber. — Das Wieder-
erscheinen Verstorbener. S. 136.
Nr. 12. Höft, F., Mythologische Streifereien. 5, Die Weltgebiete im
Urkosmos mit den Himmels- und HöUenrcgionen. S. 137 — 141. — Rabe,
Zauberformeln. (Forts.) S. 141 — 143. — Carstens, H. , die Sternsinger
(Weihnachtsbrauch). S. 143 f.
Bd. 4. Jahrg. 6, Nr. 1. 1886. Höft, F., Mythologische Streifereien.
6. Biford (Bifand) im Rendsburger Nobiskrug. S. 1 — 7. — Hartmann, H..
die heidnische Cultusstätte an der Porta. S. 7 f. — Carstens, H., Kinder-
spiele. (Die Königstochter im Thurm.) S. 10 — 12. Bemerkungen dazu von
F. Höft S. 12—14. —Kleine Mittheilungen: Brot und Pferdekopf —
Pfingstkerl. — Nachgeburt der Kühe abtreiben. — Nestchen suchen (Kinder-
spiel). — Aberglauben beim Buttermachen. — Der Schmetterling als Wetter-
prophet. — Locknamen für Thiere in der Altmark. S. 14 — 16.
Nr. 2, Höft, F., Mythologische Streifereien. 7. Griechisch-römische
Mondgöttinnen. S. 17 — 24. — Rabe, Zwei Inschriften auf Urkunden. S 24
bis 26. Natürlich keltisch gedeutet. Mit Schrifttafel. — Saubert, des deut-
echen Volkes Weihnachtsbaum. S. 26 — 31. — Carstens, H., die Sternsänger
(Nachtrag). S. 31 f.
Nr. 3. Knoop, 0., die deutsche Walthersage und die polnische von Wal-
ther und Helgunde. S. 33 — 41. — Schulenberg, W. v., die Mittagsstunde
(Sagen). S. 42 — 45. — Rabe, der Fund von Plön. Ein Bronzegefäß mit
drei Schriftzeichen, die keltisch gedeutet werden. S. 45 f. — Carstens,
Ortsnamen (Isern, Istere, Jern, Jarn). S. 46 f. — Horns, der Feuermann
(Sage). S. 47 f.
Nr. 4. Knoop, die deutsche Walthersage (Schluß). S. 49 — 55. —
Lidzbarski, Jüdische Sagen aus Rußland und Polen. S. 55 — 61. Fort-
leben deutscher Sage bei den Juden. — Carstens, H., Nochmals die
Königstochter im Thurm. S. 61 — 64. — Carstens, H., Kleine Mitthei-
lungen : Peter, sett an ! (Kinderspiel).
Nr. 5. 1886/h7. Höft, F., Mythologische Streifereien. Die Prälunarchin
(Mondgöttin) im Wendenlande an der mecklenburgischen Ostseeküste. — Einige
Bemerkungen zu dem Aufsatze '^Der Fund von Plön'. — Fiölvinnsmal (Lied
vom Jahresfeste des Bardenstuhles). Unter Zuhilfenahme des Keltischen (!)
übersetzt von A. Rabe. Danach bilden keltische Verhältnisse und Einrich-
tungen den Hintergrund des Gedichtes.
Nr, 6. Höft, F. Mythologische Streifereien. 9. Urstier, Moloch, die
goldenen Kälber, Baalssäulen, Aschera, Ascuthoreth. S. 81 — 84. — Trog, C,
Friedrich der Große in der Sage. S. 84 — 91. — Rabe, A., Fiölvinnsmal.
Lied vom Jahresfeste des Bardenstuhles. Unter Zuhilfenahme des Keltischen (!)
übersetzt. (Schluß.) S. 91 — 95. — Kleine Mittheilungen: Woher hat
der Walfisch seinen Namen ? — Egypten.
MISCELLEN. 243
Nr. 7. Höft, F., Mythologische Streifereien. 10. Der Sublunarch als
Geliebter der Nobiskruger Prinzessin : Dionysos-Bakchos, Attes (Atys), Adonis,
Rammns , Ganescha, Heimdali, Rigr, Bragi , Gunnar, Günther. S. 97 — 105.
Wieder ein Beleg der zügel- und methodelosen Art des Verf. , wovon wir
schon so viele kennen gelernt. — Trog, Friedrich der Große. (Schluß.)
S. 105 — 108. — Rabe, die Inschrift des Ruhenthaler Steines. Mit Abbil-
dung. S. 108 — 111, — Kleine Mittheilungen: Jemanden barbiren,
Er muß auf dem breiten Stein stehen. Peter, sett an! S. 111 f.
Nr. 8. Eine historische Denkschrift Rendsburgs vom Jahre 1457. S. 1 1 3
bis 117. — Frahm, L., Wilen Peter, De Ditmarscher Landes Viendt.
S. 117 — 122. — Carstens, H. , das Beckenbrennen. S. 122 — 125. —
Derselbe, Ortsnamen: Gar, Gaard, Gaarde, Garden, Garding. S. 125 f. —
Kleine Mittheilungen: Heilspruch gegen Verrenkung. Heilspruch gegen
den Brand. Bastlösereime aus Nordböhmen. Vlämischer Ringelreihen. Mai-
käferfliege. Krune Krane wickle Schwane. S. 126 — 128.
Nr. 9. Sohnsey, H., Was man in der Gegend des Sollinger Waldes
am Johannstage heute noch zu sagen und zu thun pflegt. S. 129 — 132. —
Freytag, L., Hexenwesen und Hexensagen in den Alpen. S. 132 — 138. —
Dur Name Kiel und die wagrische Bevölkerung. S. 138 — 140. — Car-
stens, H. , Die Königstochter im Thurm. S. 141 — 143. — Kinder. Ver-
schollene Namen und Ausdrucksweisen. S. 143 f.
MISCELLEN.
Einige Beiträge zur Geschichte der Frauen.
(Schluß.)
Herabrutschen der Weibspersonen. ,,En Plouer, non loin du
Pont-Iiay, et pr6s de hi route de Plouer k Pleslin, se trouve la Roche de
Lesmon : eile est sur un tertie oü se voient parmi les ronces d'autres rochers
hruts en quarfz blanc. Les Alles ont ete de tout temps ,,s'dru3ser (se laisser
glisser) ä cu nu" sur la plus haute pierre qui est un enorme bloc de quartz
bianc en forme de pyramide arondie .... Cette röche est bien polie, sur-
tout du cote oü l'on s'örusse. On pretend que ce sont les fiUea de Plouer
qui, en se laissant glisser, ont opere le polissage. Maintenant encore, lorsqu'
une fille veut savoir si eile se mariera dans Tann^e, eile se laisse ,,ernsser
ä cu nu" et si eile arrive au bas sans s'dcorcher, eile est assuree de trouver
Ijientöt un mari." Säbillot, Traditions et Superstitious de la Haute-Bretagne.
Chap. n. Paris (Maisonneiive). Die schwangeren Frauen in Athen rollen
sich, um leicht entbunden zu werden, von einer glatton Anhöhe herab, die
sich in der Nähe des Nymphenberges befindet. Bartholdy, Bruchstücke zur
näheren Kenntniß Griechenlands S. 553. Wachsmuth, Das alte Griechenland
im neuen, S. 71.
Hirschgeweih in Cons tan ti n op el. Von dem griech. Kaiser An-
dionicus Comnenus (1183 — 85) erzählt Niketas Choniatas p. 418 sq., ed.
16*
244 MISCELLEN.
Bekker, ,,daß er die Ge wei h e der von ihm auf der Jagd erlegten Hirsch e,
wenn es Zwölfender waren und sie etwas Ungewöhnliches boten , an den
Schwibbogen des Forums (zu Byzanz) aufhängen zu lassen pflegte, dem
Anscheine nach, um mit der Größe des von ihm getödteten Wildes zu prunken,
in der That aber, um die Bewohner der Stadt zu verhöhnen und sich über
die Zuchtlosigkeit ihrer Weiber lustig zu machen."
Hinterer der südafrikanischen Weiber. ,,Alle Welt weiß, daß
die Frauen in Südafrika in den Augen der Männer ihrer Heimat um so
reizender und anmuthiger, oder streng genommen um so anlockender und an-
ziehender sind, je mehr ihr Hinterer sich in größerer Fülle zeigt, und
da diese Frauen, die sich um so schneller verheiraten, desto häufiger sich
vermehren, so verschwindet die Fettansammlung, womit die Natur ihre Hinter-
backen auszustatten für gut findet, keineswegs von einer Generation zur andern,
sondern erhält sich im Gegentheil vollkommen, und Kraft des Gesetzes der
Vererbung und der fortschreitenden Überlieferung, die von diesem Gesetze aus-
geht, entwickelt sich jene Ansammlung zwar langsam, aber um desto mehr."
Ladisla Netto in der Revista da Exposi^ao Anthropol. Brazileira, Rio de
Janeiro 1882, p. 17.
— bloßer, der Mutter beim Entwöhnen, ,, Beim Entwöhnen muß
sich die Mutter sobald zur Kirche geläutet wird, mit dem bloßen Gesäß auf
einen Stein (Grenzstein) setzen, so bekommt das Kind steinharte Zähne
(Schles., Thür., Altmark., Ostpreußen)." Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube
der Gegenwart. 2. A. Berlin 1869. §. 601, S. 369.
Indische Mädchen und ihr Ehegelübde. Wenn in dem Reiche
Narsynga in Hyderabad ein Mädchen sich in einen jungen Menschen verliebt,
den sie zu heiraten wünscht, so thut sie ein Gelübde, ihrem Gotte ihr Blut
darzubringen. Erreicht sie ihren Wunsch, so bestimmt sie einen Tag, um ein
gewisses Fest zu veranstalten; man nimmt einen großen mit Ochsen bespannten
Wagen und steckt darauf eine Stange wie einen Pumpenschwengel, an dessen
Spitze sich zwei scharfe eiserne Haken befinden. Sie verläßt dann das Haus
in Begleitung ihrer Verwandten und Freunde, Männer und Frauen, nebst hellen
Instrumenten, sowie Sängern und Tänzern und Lustigmachern. Vom Gürtel
aufwärts ist sie entblößt, unten aber mit baumwolleneu Tüchern bedeckt ; und
sobald sie ans Thor gelangt ist, wo der Wagen bereit steht, läßt man den
Schwengel herab und bohrt ihr die Haken in die Lenden , wobei man ihr
auch in die linke Hand einen kleinen Dolch gibt; dann zieht man von der
andern Seite den Schwengel unter lautem Geschrei in die Höhe , ohne daß
sie irgend welchen Schmerz bezeigt, vielmehr mit dem Dolch lustig umher-
ficht, während sie oben hängt und ihr das Blut an den Beinen herabläuft
und sie den Bräutigam mit Citronen wirft. So bringt man sie nach dem
Tempel, wo sich das Götzenbild befindet, dem sie das Gelübde gethan, an
dessen Pforte angelangt man sie herabläßt und ihrem Gemal übergibt, worauf
sie ihrem Stande gemäß unter die Braminen und Götzen große Geschenke
und Almosen austheilt, allen ihren Begleitern aber ein herrliches Mahl bereiten
läßt. Livro de Duarto Barbosa (f 1521) vol. 11, p. 304. Über dieses Buch
siehe die Colleccao de Noticiaa in meinem Buch „Zur Volkskunde'',
s. vni.
MISCELLEN. 245
Juugfiau Maria. Sie will die Seele eines süiidigen Maunes uicht in
deu Himmel einlassen, den seine Frau dorthin bringt. ,,Das mache ich dir
nicht zum Vorwurf, sagt letztere, doch dachte ich, du dächtest daran, daß
andere so gebrechlich sein können wie du; oder erinnerst du dich uicht, daß
du ein Kind gehabt hast, dessen Vater du nicht nachweisen konntest?" Maria
wollte nicht mehr hören, sondern machte die Thüre so rasch wie möglich zu.
Aruason Islenzkar J^jödsögur 2, 39 f.
— ihre vulva. ,,A personal friend of mine told me that he had seen,
in a church in Paris, a relic of very especial sanctity, which was said to be
the pudeuda muliebria Sanctae Virginis." Inman , Ancient Faiths. London
1872. 1, 114.
Jungfern, alte, deren Beschäftigung nach ihrem Tode nach eng-
lischem Volksglauben. ,,To lead apes into (or in) hell. This phrase, which
is still in common use, never has been (and never will be) satisfactorily ex-
plained. Steeveus suggests: that women who refused to bear children, should
after death be condemned to the care of apes in leading striugs, might have
been considered as an act of posthumous atribution. Percy's Folio Manu-
script II, 46.
Jungfrauschaft hat geringen Werth bei den Naturvölkern. ,,Wie
gering der Werth ist, den man auf die Keuschheit der Mädchen setzt, geht
daraus hervor, daß z. B. die Spi-ache der Buschmänner Mädchen und Weib
gar nicht unterscheidet (Lichtenstein I, 192). Dasselbe wäre nach Burchell
(II, 378 not.) auch bei den Betschuanen der Fall, doch ist dies schwerlich
richtig. Im Norden von Peru soll ein Mädchen sogar um so mehr F'reier
erhalten, eine je größere Anzahl von Liebhabern sie vorher schon gehabt hat
(Ulloa I, 343); ebenso in Wydah — eine Erscheinung, die sich bei Des Mar-
chais (Voy. en Guinee. Amst. 1731) erklärt findet. Ausschweifungen der
Mädchen vor der Ehe geben bei vielen Völkern dui'chaus keinen Anstoß."
Waitz, Anthropol. der Naturvölker. 2. A. von Gerlaud. Leipzig 1877. I, 353.
- — durch Lattich erkannt. ,,D'apprfes le livre de secretis
mu Herum attribue h Albert le Grand, par la laittue ou peut juger si une
jeune fille est encore vierge. Accipe fructum lactucae et pone ante nares ejus;
si tunc est corrupta, statim mingit. De Gubernatis, Mythologie des Plantes
II, 63.
Kopf einer kranken Frau abgeschnitten und wieder auf-
gesetzt. Ael. V. H. 9, 33. Mariatale, Gemalin des Dschamagiui und Mutter
des Parasurama, hatte die Kraft, das Wasser, in eine Kugel geballt, zu tragen.
Einst erblickte sie dabei die Gandharvas und ließ sieh dadurch zur Lust-
begierde verleiten; sogleich verlor Mariatale jene Kraft, und Parasurama hieb
ihr auf Befehl des Vaters den Kopf ab. Zur Belohnung für seinen Gehorsam
bat dieser um die Gunst, die Mutter wieder lebendig zu machen; aber in der
Eile setzte er ihren Kopf auf den Rumpf eines eben hingerichteten Verbrechers,
und so besaß nun Mariatale die Tugenden einer Göttin und die Laster eines
Übelthäters. Sie ward als Unreine aus dem Hause gejagt und beging nun
alle Arten von Grausamkeiten, doch gaben ihr die Götter die Macht, die
Kinderblattern zu heilen. Unter dem Namen Parwadi ist sie die Gemalin des
Schiwa, ; unter dem der Mariatale wird sie an der Küste nur von den niedrigsten
Kasten angebetet. Vgl. Benfeys Orient und Occid. 1, 721 f., cf. 2, 972.
246 MISCELLEN.
Kasten, Frau im — , de u noch untreu. Benfey's Pantschatantia
1, d60. Ralston, The Songs of the Russian People. London 1872. 2 od.
p. 59 flf. Rambaud, La Russie Epique. Paris 1876, p. 49 f.
Krebs an der F u t. ,,A "vife who was pn-gnant wanted a crab. Her
goodman bought one and put it in tlie jordan. It cauglit liolii of hiü wife.
He blew on it to inake it let go and it pinned Ins nose to bis wife. So he
calied the ueiglibours in to part theni. Bishop Perey's Folio Manuscript. Edited
by Haies and Furnival, Loose and humorous Songs. 1867. IV, 99 f.
Keuschheitsproben der Frauen. Percy, Folio Mss. II, 301:
„The boy and the mantle."
Kinder gemacht — Schauspiel für Götter. ,,Les Giagues [auch
Schaggas] croient qu il y a des Dieux bienfaisans et des Dieux malfaisans ;
que les uns sont rejouis par les plaisirs des hommes, au lieu que les autres
se plaisent ä les voir se hair, se persecuter, se dechirer et s'dgorger. Les
Giagues sont ordinairement gouvernes par une Reine. Lorsqu eile est obligee
de faire la guerre, et qu'elle est prete k livrer une bataille , pour mettre
les Dieux malfaisans dans son parti, eile fait jurer ä ses soldats qu'ils seront
sans pitie, qu'ils n'auront egard ni ä Tage, ni au sexe, et qu'ils r^pandrout
le plus de sang qu'ils pourront. A peine la ceremouie de ce serinent est ello
acheve, qu'on entend une musique tendre et voluptueuse; eile annonce le spec-
tacle qu'on va presenter pour rejouir les Dieux bienfaisans et se les rendrc
favorables; cent jeunes filles choisies parmi les plus belies du Royaume,
et cent jeunes guerriers s'avancent eu chantant et en dansant; l'impatience
de leurs d^Jsirs est peinte dans leurs yeux; la Reine frappe des mains , c'est
le signal; ils se livrent ä leurs transports h la vue de toute l'armee. Saint-
Foix, Essais Historiques sur Paris. Nouv. ed. Londr. 1759. V, 213.
— gemacht als Ersatz für einen Sterbenden. ,,Chez les Sifans
[Land zwischen den chinesischen Provinzen Setschuan und Schensi , Tibet,
der hohen Bucharei und der Wüste Kobi] , quand le chef d'un cantou est
k l'agonie, ou etend des fleurs et des herbes odoriförantes tout le long de
sa cabane; douze jeunes gar^ons et douze jeunes filles qu'on choisit, entrent,
et chacun de ces douze coujjies, ä un certain signal, travaille avee ardeur
k la production d'un enfant, afin que l'äme du mourant, en quittant son corps,
en trouve aussitot un autre, et ne soit pas longtemps errant." 1. c. V, 176.
Der vorgegebene Bruder. II Convento notturno schildert ein
ebenso gewöhnliches oder noch gewöhnlicheres Ereiguiß als das folgende, nämlich
ein nächtliches Stelldichein zweier Liebenden, woraus ich nur Einen Zug hervor-
heben will. Der Vater des Mädchens nämlich belauscht das Pärchen und fragt
von seinem Fenster aus das Töchterlein, wer denn bei ihr wäre, worauf sie
antwortet, es wäre ihre Schwester Catherina, welche bei ihr schlafen wolle.
Hier also wird die Schwester vorgeschoben, sonst tritt dafür auch ein Bruder
oder Vetter oder sonstiger Verwandter ein, was schon ein sehr altes Aushilfs-
mittel sein muß, wie z. B. aus Tzetzcs zu Lycophr. v. 403 erhellt, wo er
den Beinamen der Aphrodite Kastnia, ihn von xüatg ableitend, also erklärt:
„Ti]V 'AcpQOÖCtrjv xrjv (lOixCav , xaatvCav ds cc8£l(ponot6v xovg yuQ ihovg adsXcpovs
xat cpiXovg rk SQcarrKCi noLovavv. Ol yccQ SQävtdg (poQa&svxsg h'yovai,v: HSshfog
fiov t] avyyevijg (lov haxiv."^ Der wackere Commentator hat nun zwar von dem
betreffenden Epitheton sowie von dem gleich darauffolgenden MiUvaia eine
MTSCELLEN. 247
unrichtige Erklärung gegeben, jedoch aber bei dieser Gelegenheit ge/.eigt,
daß er nicht bloß mit Scholicn und ähnlichen Dingen allein Bescheid wußte
oder wenigstens seine praktischen Lebenserfahrungen für dieselben mit mehr
oder minder Glück zu verwerthen suchte.'' Aus meiuer Anzeige von Balzac's
Canzoni ropolari Comasche in den Heidelb. Jahrb. 1867. S. 181.
Kleine Frau, kleines Übel. Plutarch, de fraterno amore , c. 8
(angeführt von Oesterley zu Kirchhofs Wendurauth 3, 708); andere Nachweise
von demselben zu Shakespeare's Jest Book. Lond. 18(36, c. 63, p. 103.
Ich erinnere mich, es auch in den Poesias del Arcipreste de Hita in Sanchez's
Colleccion II, 9 sqq. gelesen zu haben.
Kuß von einer Herzogin einem Fleischer gegeben. ,, Georgina
Cavendish, Herzogin von Devonshire, Tochter des Grafen Spencer, geb. 1741:
zu London, vermalt 1774, war eine der berühmtesten Schönheiten ihrer Zeif,
zugleich vermögend und geistreich. Sie gab den vornehmen Damen Englands
das gute Beispiel, ihre Kinder selbst zu stillen. Fox's Wahl zum Parlaments-
deputirten für Westminster unterstützte sie so leidenschaftlich, daß sie einem
Fleischer einen als Lohn für seine Stimme bedungenen Kuß gab u. s. w.
Pierer s. v. Devonshire Nr. 18.
Kyrene, die Z wöl f küns tier i n. ,,Sine causa huc referri puto
Cyreuen quandam äcodsxanrjxccvov dictam. Videtur enim meretricula illa duo-
decim Veneris figuras non tarn scripto quam facto expressisse. Suidas in
Ja)8ixa{iSxccvov. Aristophanes in Eauis 209. Antonii Panormitae Hermaphroditus
ed. Forberg. Coburg 1824, p. 209.
Luua — Lunus. Seltsamer Aberglaube. ,,Scieudum doctissirais quibus-
que id inemoriae traditum, atque ita nunc quoque a Carrenis praecipue haberi
ut qui Lunam femiueo nomine ac sexu putaverit nuncupandum, is addictus
mulieribus semper inserviat: at vero qui marem Deum esse crediderit, is
dominetur uxori , neque uUas muliebres patiatur iusidias." Spartian. Cara-
calla 7.
Lot'sFrau ei n e Salzsäule. ,, Des Lot konnte nicht gedacht werden,
ohne auch von der zur Salzsäule gewordenen Ehehälfte desselben zu
sprechen, und bei dieser Gelegenheit werden uns interessante Einzelheiten in
Betreff der am Bacher Lut, d. h. Lotssee, wie die Araber das todte Meer
neuneu, in der Wiuterzeit hier und da eintretenden Stürme mit Salzregen
mitgetheilt. Ein Schaf, das von Pierotti versuchshalber solchem Regen über
Nacht ausgesetzt wurde, stand am andern Morgen todt und ganz von Salz
überzogen." Augsb. Allgem. Zeitung, Beilage zum 29. März, S. 1440, nach
Ermete Pierotti, La Palestine actuelle. Paris 1865.
Liebhaber auf und in dem Schrank. ,,Eiue junge Frau läßt
unwillkürlich einen Fremden ins Haus, und da es eben klopft und sie die
Heimkunft ihres Manues befürchtet, so versteckt sie jenen iu einen Schrank,
dann den nachher anlangenden Liebhaber, für den sie einige Leckereien be-
reitet hat, bei gleicher Veranlassung auf den Schi-ank, gibt hierauf dem heim-
kommenden Ehemanne einige derselben, schiebt aber das übrige in den Schrank.
Duich einen Zufall veranlaßt, kommen die Beiden auf und iu dem Schrank
in Streit, und der Ehemann, hierüber erschrocken, stürzt aus dem Hause,
v/orauf die Frau jene hinausläßt und, letzterem nachlaufend, ihn durch eine
Lüge beruhigt, indem sie ihn auf die Geister ihrer stets zankenden Eltern
248 MISCELLEN.
verweist." Thorburu, Buiiiiu or oiir Afgluin Frontier. Lond. 1876, p. 212.
Hiermit verwandt Coelho, Cuentos Populäres Porteguezes, Lisboa 1879, Nr. 67.
Leichen beschlafen. ,, Clemens von .\lexandiien behauptet, daß die
von Arges und Lakouieu nicht bloß der Aphrodite Peribasia , sondern auch
der Tymborychos dienten (Protreptr. p. 24 D. der uneigentliche Name aus
Abscheu an der Sache) , worunter er die Lust an frischen Leichen versteht,
die den egyptisclun Paraschisten bekannt war (Herod. 2, 89) und in unseren
Tagen Personen, deren vornehmer Name geräuschvoll dui'ch die Welt gegangen
ist, z. B. in Wien. Die gelehrte, oft ekelhafte Pedanterei läßt dies den
Thersites dem Achilleus in Bezug auf Penthesilea vorwerfen (Tzetzes ad.
Lycophr. 999)." Welcker, Gr. Götterl. 2, 715 f.
Margaret ha von Schweden (geb. 1353, gest. 1412) ist zwar als die
Scmiramis des Nordens bekannt, doch trug sie auch den Beinamen munke-
deja (Mönchshure) wegen ihres Umganges mit dem Abte zu Sora, und Broklös
(sanscnlotte), weil sie eben keine Hosen trug.
Meeseritz, das Städtchen, hat Anlaß gegeben zu der schmutzig-
witzigen Charade: Die ersten sind ein Loch, die letzte ist ein Loch und das
Ganze ist ein Loch. Sanders, Wörterbuch der deutschen Sprache. II, 1, 268.
Metiche, die Hetäre, trug den Beinamen die Uhr, da sie ihrem
Handwerk jedesmal nur so lange oblag, bis jene abgelaufen war {snsiSjj tiqös
x).BipvSQttv avvovaici^Bv). Athen, p. 567 Gas.
Menstruationsblut. Auf Neuseeland glaubt man, daß die aller-
gef ährlichsten Geister die seien, welche aus Vernachlässigung des Menstrual
blutes, welches den Menschenkeim enthält, entstehen, wenn es nicht sorgfältig
bei Seite geschafft wird. Waitz , Anthropologie der Naturvölker, fortgesetzt
von Gerland VI, 306. ,,Noch strenger Tabu waren die Embryonen, welche
im Menstrualblut enthalten waren, wie man annahm; und da die Maoriweiber,
die mit diesem Blut befleckten Lappen häufig in das Plechtwerk der Wände
steckten , so wagte es Niemand in Neuseeland sich an eine Wand zu lehnen,
damit er nicht dies Tabu bräche." A. a, 0. 346 f. ,,Wann eine Frau ihre
Menstruation hat, so durfte sie keine unreinen Arbeiten vornehmen, noch auch
irgend ein unreines Thier berühren." Eskimoiske Eveutyr og Sagn med Supple-
ment etc. Kjöbenhavn 1871, II, 197.
Messali nische Bürger fr auen zu Lübeck. ,,Uns ist urkundlich
bezeugt, daß um 1476 vornehme Bürgerinnen, das Antlitz unter dichtem
Schleier bergend, Abends in die Weinkeller gingen, um an diesen Orten der
Prostitution unerkannt messalinischen Lüsten zu fröhnen." Scherr's deutsche
Cultur- und Sittengeschichte. 4. A. Leipzig 1870. S. 221. — Vgl. denselben
S. 329: ,, Durch bodenlose Unsittlichkeit zeichnete sich am Ende des 16. Jahr-
hunderts der Hof von Jülich Kleve aus, wo des blödsinnigen Herzogs Johann
Wilhelm III. [l. VI (IV) s. Pierer s. v. Johann Nr. 159] Gemalin, Jakobäa
von Baden, den ihr schuldgegebenen messalinisch-unzüchtigen Lebenswandel
auf Betreibung ihrer gleich zuchtlosen Schwägerin Sibylle mit dem Tode büßte."
Minnespiel. Maßmann (Heidelb. Jahrb. 1827, S. 1077): „Natürlich
laufen alle dort genannten Spiele, so mannigfaltig sie klingen, auf Ein Spiel
hinaus, nämlich auf der Minne Spiel." Das mittelhochdeutsche Gedicht ist
wiederabgedruckt in Hoffmanns von Fallersleben Horae Belgicae VI, 188,
der Maßmanus Auslegung der 54 Benennungen dieses Spiels nicht begreift (?).
MISCELLEN. 249
Zu der Beiienuiiiig Nr. 2 „zwei die brachen Rosen" kann man vergleielicn
Uhland, Walther von der Vogelweide (Schriften V, 53): ,,Wic es mit dem
Hlumenbrechen gemeint sei, verräth ein weiteres Lied u. s. w." Vgl. ebend.
S. 124: „Solches Blumenbrechen vor dem Walde oder auf ferner Aue gilt
für bedenklich, und der Ausdruck wird nicht doppelsinnig gebraucht u. s. w."
Zu den Benennungen des Minnespiels füge ferner noch Germ. XXI, 207,
V. 93 flP.
Mütter, zwei, haben Einen Sohn. ,,Der König Bhagadatta war
im Bunde mit dem König von Kä^i, dessen zwei Töchter seine Mütter waren.
Jede der zwei Frauen gebar nur die Hälfte eines Kindes, welche sie durch
die Ammen auf die Straße werfen ließen ; die ßäxasi Gara fügte beide zu-
sammen, ... Die Garä brachte dem König das Kind.'' Lassen, Ind. Alter-
thumskunde 1, 609 (nach dem Mahabharata).
Nackte Mädchen beim Einzug Ludwigs XL ,,A l'entree de
Louis XI (ä Paris) en 1461, on imagina un spcctacle tres-agreable. Dcvant
la Fontaine de Pouceau etaient plusieurs helles filles en Sirenes, toutes nues,
lesquelles en faisaut voir leur beau sein, chantaient de petits motets et Ber-
gerettes. — II paroit qu'ä l'entree de la reine Anne de Bretagne [1496],
on poussa l'attention jusqu'ä placer de distance en distance de petites troupes
de dix ou douze personnes avec pots de-chambre pour les Dames et Demoiaelles
du cortege qui se trouvaient pressees de quelque besoin. J'oubliois de dire
qu' alors ä toutes ces ce-iemonies, le cri de joye et d'acclamations n'etoit pas
vive le Roi, mais Noel , Noel." Saint-Foix, Essais Historiques sur Paris.
Nouv. ed, Londres 1759. I, 118 f.
Nonnen als Geliebte von Rittern. Im Jahre 1434 fand zu Medina
del Campo ein Turnier statt zwischen zwei Rittern, Namens Lope de Estuniga
und Frances Davio. ,,Les deux champions fournirent vingt-trois carrieres:
A la suite de cela, messire Frances dit devant plusieurs Chevaliers qui l'enten-
dirent, qu'il faisait voeu k Dieux de ne plus jamais de sa vie aimer une
religieuse; que jusque-la il en avait aime une pour l'amour de qui il
etait venu h faire cette joute, mais que dorenavant, si quelqu'uu apprenait
qu'il aimät une nenne, il le pourrait traiter de foi mentie sans qu'en aucun
lieu il put r^poudre ä l'injure." Hierzu findet sich aus dem Cancionero
gener al die Frage eines Dichters angeführt, „lequel valait mieux servir,
une demoiselle, une femme, une veuve ou une religieuse." Le C'*^ de Puy-
maigre , La Cour Litteraire de Don Juan II, roi de Castille. Paris 1873.
II, 137.
Nonnen, Wettstreit der. Germania XVIII, 183, zur Zimmer. Chron.
III, 384.
Oletum. ,,Sacerdotula in sacrario martiali fecit — ." Festus s. v.
Ohrlöcher. S. Germ. XXX, 354. Zu dem daselbst Angeführten vgl.
auch noch das spanische macho und macha (hembra); letzteres portug.
femea; neugr. &i^kv Knopfloch^ gxqocplSl uqgsvmov und d-rjlvnbv^ ebenso das
span. jarro und jarra.
Pf äff eufr aueu, -huren. S. Joh. Wilh. Wolf, Niederl. Sagen
Nr. 258 ,,Die wilde Jagd"; und dazu Aum. S. 690; dessen Mythol. Ztschr.
III, 314'^'^ Nr. 60, 316*"'; Nr. 86; Evangile des Quenouilles IV, 5; VI. 11;
250 Ml S GELLEN.
Mfuiiiliardt, Gennan. Myrheii S. 711; dossen Wald- und Feldculte II, 95 ff. 5
Gott. Gel. Anz. 1865, S. 1476.
Phallen in weiblichen Mumien. ,,Die Feige ist das Sinnbild des
Weiblichen in der Natur; das männliche Princip kann im Winter nicht mehr
hervortreten, verbirgt sich aber im Weiblichen, wird durch dasselbe erhalten.
Dieser Symbolik gehören auch die Feigenphallen an, die man in weiblichen
Mumien der altegyptischen Gräber stecken gefunden hat, was so viel sagen
will als: ,,wie Isis im Winter das Wiederbelebungsprincip des Jahres in sich
birgt, so soll die Leiche im Grabe dasselbe Princip als Gewißheit der Auf-
erstehung des Leibes bewahren." Wolfgang Menzel, Die vorchristliche Uu-
öterblichkeitslehre. Leipzig 1870. I, 25. — Hiermit zu vergleichen J. W, Wolf,
Beiträge zur deutschen Mythologie. Göttingen und Leipzig 1852. l, 109:
,,Die als Amulete getragenen Phalli der Römer wie der Egypticr sind eben
nur Phalli, nicht aber ganze Figuren von Menschen, noch weniger von Thieren.
Sie erinnern uns dagegen an die indische Sitte, dem Todten Lingambilder
mit ins Grab zu geben (N. Müller, Glaube der Hindu, p. 555; Nork, Myth.
Wörterb. IV, 5l)." Dazu die Anmerkung: ,,Vivant Deuou, Voyage dans la
Basse et Haute Egypte III. Atl. pl. XCVIII, Nr. 35 theilt die Zeichnung
des einbalsamirfen Phallus eines Stieres mit, der bei den Geschlechtstheilen
einer weiblichen Mumie gefunden wurde."
Pilger innen werden oft zu Huren. In Agustin Duran's Koman-
cero General. Madrid 1854 (Bibliot. de Autores Es{)anoles. Tomo decimo)
I, 497, Nr. 760 findet sich die Stelle: ,,las romeras a veces — suelen
fincar en rameras."
Pissen der Frauenzi mme r. ,,Frawen list, verborgen ist, — sie seiud
freundlich im hertzen, — sie können weinen, lechlen, — pin ekeln wenn
sie wollen u. s. w." Ambraser Liederbuch Nr. XCIII, 4 (Bibl. des Litter.
Vereins XII).
Polyandrie. ,,Carvcr (The people of India vol. I, p. 2) racoute
que tandis qu'il vivait chez les Naudowessies, il remarqua Icurs egards pour
une des femmes de la tribu; il apprit qu'on la considerait comme une per-
sonne de haute distinction, parce que, dans une certaine occasion, eile avait
invit^ les quarante principaux guerriers de la tribu k se rendre dans sa
tente, leur avait donne un festin et les avait tous traites en maris.
En reponse k ses qucstions, on lui dit que c'etait une vieille coutume tombee
en desuetude et qu'ä peine une Ibis par generation il se trouvait une femme
assez osee pour donner cetle fete, bieii qu'un mari du plus haut rang epousät
toujours Celle qui l'avait donnee avec succes." Lubbock , Les Origines de la
Civilisation, traduit de l'Anglais. Paris 1873. p. 116. — ,,A woman (unter
den arabischen Hassaniyeh südlich von Khartum) when she marries does not
merge her identily entirely in that of her husband, but reserves to herseif
oue fourth of her life. Consequently , on every fouith day slie is released
from her marriage-vows , and if she happens to take a fancy to any man,
the favoured lover may live with her for four-and twenty hours, during which
time the husband may not enter her hut. With this curious exception , the
Hassaniyeh women are not so immoral as those of many parts of the worM.*
J. G. Wood, The Natural History of Man. Africa. Lond. 1868. p, 765. —
,,Bci den Damaranegern nehmen nach dem Berichte von Francis Galton manche
MISCELLEN. 251
Weiber ... in jeder Woche einen aucleru Mann." Kulisclier, Die eommiinale
Civilehe, im Archiv f. Anthropol. 1878. S. '216 (uacli Reich, (iesch. des ehe-
lichen Lebens S. 221).
Pimp-teniire. ,,Willielmus lloppeshort tenet diniidiain virgatani terrae
in eadem vilhi [Bociihampton] de domiuo Rege, per servitiuni custodiendi
domino Rege [1. Regi] sex damistUas, sc. meretrices, ad cnstuni domini Regis.
This was calied piinp- te n ur c. Jacob's Law-Dict. , s. v. Pimp. Tenure."
Kölbiug, Englische Studien III, 10.
Feder Paars IV. B. 1 S. ,,Ey! Op med tjkiörteme! med iiuxerne
herned! — saa giorde Faedrene. Jeg deerom veed Beskeed."
Ring einer schwangeren Ehefrau bannt fest. ,,Comme le
ddmon, autrement le faux lilleul, poiissait des cris affroux et essayait de sortir
du feu; on fit venir une jeune femrae portant [i. e. enceinte de] son preraier
enfant, et, avec son anneau de mariage quelle lui presentait ä l'ouverture du
four, quand il voulait sortir, eile le for^a d'y rester.*' La Princesse de Tron-
kolaine (Conte de la Basse Bretagne) Sebillot, Coutes lies Provinces de France.
Paris 1884. p. 45.
Rogers. Auf einem Tiiürschild stand: ,,Sally Rogers" (für letzteres
Wort kann auch gelesen werden ,,rogers") und ein Vorübergehender schrieb
unter das Schild ,,So does Mary."
Reis über die Braut gescliüttet. „Die Chinesen schütten Reis über
die Braut bei ihrem Eintritt in das Haus, das sie künftig bewohnen wird
(^her future home)." Denuys, The Folk Lore of China. Lond. 1876. p. 15.
Vgl. hiermit die tibetanische Sitte: ,,Le repas fini, les membres des deux
familles prennent la fiancee par le bras pour la mener h. pied k la maison
du futur. Oll, si c'est loin, ils la couduisent k cheval. On jette des grains de
froment ou d'orge grise sur la fiancee etc." Nouv. Journal asiat.
IV, 252. — „The bridegroom now [nach der Verlöbniß] leads bis bride to
his home. On the top of the steps leading iuto the house bis father and
mother meet the young couple, and bless them with bread and salt, while
some of the other relatives pour over them barley and down, and
give them fresh milk to drink etc.*' Ralston, The Songs of the Russiau
Peöple. Second ed. Lond. 1872. p. 280.
Rhein, über den — fahren. Herzog Ernst, herausgegeben von
K. Bartsch. Wien 1869. S. 219. ,,Es geht aus Bartsch's Anmerkung deutlich
hervor, daß ich die Redensart ,,ül)er den Rhein fahren" in Pfeiffers Germania
XIV, 399 (zur Zimmerischen Chron. IV, 51, 3) ganz richtig erklärt habe
u. s. w." S, meine Anzeige in den Gott. Gel. Anz. 1870. S. 1232. Also
diese Redensart bedeutete das Minuespiel.
Schönheiten der Frauen, dreißig; s, meine Bemerkung in den
Gott. Gel. Anz, 1868. S. 1919. Andere Dichter freilich wußten deren sechzig
aufzuzählen; s. Reiffenberg zu Philippe Mouskes II, 825 v" Beautö und
875 v"* Vallant, an welcher letzteren Stelle jedoch Nevizanus mit Un-
recht als Verfasser des betreffenden lat. Gedichts genannt ist; s. Bayle, Dict.
Crit. v°. Helene, Note B. S, meine Bemerkung in den Heidelb. Jahrb. 1871.
S. 548. Noch andere Volkslieder sind viel bescheidener und sind mit sieben
Schönheiten der Frauen zufriedtn. ,,Sete belezze deve aver le dona" beginnt
ein ViceiUinisches. S. überhaupt Antonio Ive, Canti Popolari Istriani. Torino
1877. p. 39 f.
252 MISCELLEN.
Schmeißen. Jemand von seiner Fray. gefragt, ob er sie auch lieb
hätte, antwortet: ,,Ich habe dich so lieb wie ein gut schmeißen." Kirch-
hof, Wendunmuth IV, 195. — Vgl. hierzu Eubulos in dem Lustspiel KiQxanss
(Athen, p. 417 Cas.):
MsTK^rccvxa ©rjßag fjl&ov ov xrjv vvxd'^ oktjv
snl rede d"VQatg snaarog, ov nXrjQSL ßQOxm
ov/i sgtI (isZ^ov ayci&dv (bg ^s^rjxi&v
fiaxQccv ßadi^av, noXku 6' ka&icov avtjQ^
Säxvav TU %siXifj, nayysXoiog sax^ lÖslv.
Über schmeißen s. Sanders s. v. I.
Schloß, Schlößlein, Sicilianisches Volkslied. ,,La Chiavi e la
Toppa" — „Gnuri Minien, mittitivi 'n susu. — Gnura Minica, pirchi? —
Vi ficcati 'ntra 'u pirtusu, — E faciti 'nzi-zi-ti-nzi." (Signor Domenico, mette-
tevi SU. — Signora Domenica, perchfe? — Vi ficcate nel pertugio. — E fate
nzi-ri-x;hi-tinzi.") — Si puö tirare benissimo ai due sensi dell' aprire la toppa
ferrea e la toppa feminile. L'ultimo verso ha il suono imitativo)." Vgl. Hoff-
mann von Fallersleben Horae Belg. XI, 294 ff. (Antw. Liederb. Nr. CXCI).
— Das Schlößlein in Uhlands ,,Graf Eberstein'* ist dagegen in dem Sinne
von bürgelin zu fassen, welches gleichfalls den Doppelsinn hat. S. meine
Anzeige in Ebert-Lemcke's Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. XII, 342, 15.
Schuhe vom Teufel einem alten Weibe an einer Stange
gereicht. Conde Lucanor c. 48. S. Dunlop, Gesch. der Prosadicht. S. 503*;
Kirchof, Wendunmuth I, 366.
Säuferin Myrto in einem Faß begraben. Anthol. Gr. VII, 329.
MvQxädu, XTjV hQcdg [is ^ioovvaov ticcqu Xtjvolg
ätf&ovov anQ^xov (mccaaafisvtjv xyAtxa,
ov yisv&8L (p&L^fVTjv ßaiTj növLg' akla nid-og jxoi,
GVfißolov sv(pQoavvrjg, xsQnvög snsaxL tücpog.
Vgl. Gundlings Grab.
Stallbruder von einem Frauenzimmer. Sveud Grundtvig, Dan-
marks Gamle Folkeviser Nr. 7 7, Str. 2l: „Har thu thett, stalten Blidelild! —
och kerre st al broder mynn: — thu feige meg tili den herres land, —
och gi0r thett for erre dynn." Vgl. Nr. 3, Str. 2; Nr. 197, Str. 7. S. auch
Zachers Ztschr. f. deutsche Philol. V, 373 f. meine Bemerkung zu Staal-
b r o d e r.
Stellvertretung des Ehemannes durch einen andern. ,, Zweck
der Ehe war Erzeugung eines echten Erben. Blieb die Frau unfruchtbar, so
durfte sich der Mann von ihr scheiden. Lag es am Unvermögen des Mannes,
so konnte vor Alters auf andere Weise Rath geschafft werden: der Ehemann
hatte die Befugniß, sich einen Stellvertreter zu wählen." Grimm, Deutsche
Rechtsalterthünier 2. A. S. 443 f. Vgl. Gierke, Der Humor im deutschen
Recht. Berlin 1871. S. 56 f.
Schuh der Frauen als aphrodisisches Symbol. S. meine Be-
merkungen in Benfeys Orient u. Occid. III, 372, Nr. 7. J. W. Wolf, Beiträge
z, deutschen Mythol. Göttingen u. Leipzig 1852. I, 211, Nr. 98, wo es auch
heißt: ,,In der Bergstraße und dem Odenwald empfängt die Braut Bänder
von ihi-en Freundinnen. ... Bei der Hochzeit ist es Sitte ihr einen Schuli
MISCELLEN. 253
auszuziehen und daraus zu trinken." Mit letzterer Sitte steht wohl
in keiner Verbindung: ,,Har ett barn fatt hore-skerfvan , genom att bli sedt
pä hart bröst af en lönda-hora, sä botas dett genom att fä drieka ur en
lönda-horas sko." Hylten-Cavallius, Wärend och Wirdarne. Stockholm 1864.
I, 402. Über lönda-hora s. ebend. p. 377 f.
Schloß, seltsames, an der vulva. S. meine Mittheilung in der
Germ. XXV, 295 f. „Ein seltsames Schloß."
Schamhaare der Frauen. Zum Putz weggeschnitten: „KoQao 5' sv
ä^ntsxövaLg TQixccntOLgf ccQricog — rjßvXhcaGat , >iai ra qÖöu xexaQfisvat. xtl
Athen, p. 269 Gas. (Aus einem Lustspieldichter.) — Mit Bändern geputzt,
,,La Marquise d'Estrees, mere de la belle Gabrielle, fut tuee dans une sedition
ä Issoire en Auvergne; aparemment que son corps resta dans la rue tres —
indecemment exposee, puisqu'on s'apperQut d'une mode qui s'etoit introduite
depuis quelque temps parmi les femmes du graiid monde: ce n'etoient pas
seulement leurs cheveux qu'elles tressoient avec de la nompareille de diflfe-
rentes couleurs." Saint-Foix, Essais Historiques sur Paris. Nouv. ed. Londres
17.59. II, 327 sq. — Falsche Schamhaare gebraucht; ,,A health to all Ladyes
that never used Merkin!" (Dazu die Anmerkung: ,, Merkin, counterfeit hair
for a woman's privy parts") Percy's Folio matiuscript. Ed. by Haies and
Furnival. IV ' vol. (Loose and humorous Songs besonders herausgegeben.)
Lond. 1867, p. 113.
Schwur der Geschwächten. ,,Si un homme commet un viol et
ensuite le nie: Qu'il y ait serment de cinquante hommes, tous Cambriens
et franc-tenanciers pour le disculper. Si la femme persiste dans l'accusation :
Qu'elle jure la main droite sur les reliques ... et membro virili sinisträ pre-
henso, quod is per vim se isto membro violaverit . . . II y a des juges qui
n'admettent nulle denegation coutre un pareil serment. Robert p. 136."
Michelet, Origines du Droit fran^ais p, 49.
Speien des Inca in die Hand ei n er Hof dame. Humboldt, Natur-
anschauungen II, 381, Nr. 13. Die Hand der Letzteren diente also als Spucknapf.
Todtenhemd von der Frau zum Gastmahl mitgenommen für
möglichen Gebrauch für die Leiche des Mannes. ,,Gamla hustrur
ännu berätta , att de aldrig följde sine man i gästabäd, med mindre de togo
ett svepe-lakan med sig att svepa sins man eller söner uti; ty de voro intet
säkra om de med lifvet kommo derifrän." (Nach Rudbeck gegen Ende des
17. Jahrh.) Hylten-Cavallius, Wärend och Wirdurne II, 386. Gleiches fand
bei den alten Dithmarschen statt, wo ,,Dodentüg" d. h. Todtenhemd hieß;
s. Deutsche Romanzeitung 1877, Nr. 28; S. 319, und ebenso Thelemark :
,,Konerne toge Ligskjorten med til Gjaestebudet." Landstad, Norske Folke-
viser. Christiania 1853, p. 687 und Jörge Moe, Samlede Skrifter. Kristiania
1877: ,,Kvinderne til Gilde — Bar Ligskjorten med, — Hvori de künde
laegge — Sin husbonde ned etc."
Tochter säugt den Vater, S. Heidelb. Jahrb. 1868, S. 92, Nr. 15
meine Anzeige von Henderson und Wilkinson's Folk-lore; und Gott. Gel. Anz.
1871, S. 1409, Nr, 8. „Tic aiviy(i(xt(x."- Füge hinzu Preller, Rom. Mythol. 2. A.
S. 625. Cf. Gesta Roman, ed. Oesterley. Berlin 1872 c 215 n«>bst Anm.
S. 744.
254 MISCELLEN.
Tasche bedeutet 1, cunims ; 2. Weibsbild (Sanders Bd. III, S. 1288,
Nr. 3 c. und 5). Tasclie bedeutet in der Eskimosprache bei den Angakoks
„Muttor" (hvem har du lil Pose [d. e. „Moder" i Angakok-sproget). Rink,
Eskimoiske Eventyr og Sagn. Kjabenh. 1866. I, 280. Tasche (taske) bedeutet
dän. 1. Tasche; 2, Hure.
Urin von Frauen zum Ausspülen des Mundes. ,,Un dtranger,
qui arrive chez les Tschuktsches, a droit de choisir celle qui lui plait le plus:
la femme qu'il a choisie, lui präsente une tasse de son urine, dont il doit
se rincer la bouche : on le regarde comme ami , s'il surmonte cette epreuve,
et comme ennemi s'il n'accepte (Rel. de Muller)." Demeunier, L'esprit des
usages et des coutumes des differents peuples. A Londres et k Paris 1786.
II, 287.
Venus mascula cum fem i na.
&^Xvg SQCoe xocXhatog svl Q'vrjTolai rsrvxTai,
öcaoig sg (piXirjv os^vög evscn vöog.
i-l 8h %cä ccQGSvixöv GTSQyeig no&ov^ olSa dv8c<^c(i
qxxQ^ciKov, (p navasig T/rjv dvGtQcora vöaov.
aTQfipag MrjvocpiXccv avio%Lov bv (pQsalv sXnov
uvvöv E%SLV Y.öXiioig uQGSva MijvöcpiXov.
Anthol. Gr. V, 116.
Wunde, die nie heilende. S. Ebert, Jahrb. f. roman. u. engl. Liter.
III, 338: ,,Zii Rabelais" von Reinh. Köhler. P^'üge hinzu Angelo de Guber-
natis, Le Novelline di Santo Stefano. Torino 1869. p. 60. Nov. 34: „II Dia-
volo e il Contadino."
Wöchnerinnen, gestorbene, im Paradies. Der Glaube der Mar-
kesasinsulaner, daß gestorbene Wöchnerinnen ins Paradies kommen, findet sich
nicht nur auch bei den Grönländern (Rink, Eskimoiske Eventyr og Sagn. Supple-
ment. Kjöbenhavn 1871, S. 186), sondern auch in Deutschland (Leoprechting,
Der Lechrain, S. 45); s. meine Anzeige in den Gott. Gel. Anz. 1872, S. 1544 f.;
auch im alten Mexico, J. G. Müller, Gesch. d. amerikan. Urreligionen, Basel
1855, S. 660; in der chinesischen Provinz Yunnan, Tylor, Primitive Culture
2 ed. London 1873, II, 83, N. 3; auch in Schottland, Walter Scott, Min-
strelsy of the Scott. Border, Clerk Saunders, wo es heißt: ,,women, — I wot,
who die in strong traivelling, — Their beds are made in the heavens high —
Down at the foot of our good Lord s knee — Weel set about wi' gillyflowera."
Witwen in Rom heiraten in den feriae. Macrob. I, 15: ,,Ver-
rium Flaccum iuris pontificii peritissimum dicere solitum refert Varro, quia
feriis tergere veteres fossas liceret, novas facere ius non esset, ideo magis
viduis quam virginibus idoneas esse ferias ad nubendum." Angeführt von
Bachofen , Die Sage von Tanaquil. Heidelberg 1870, S. 313, Anm. 5, der
hinzufügt: ,,Die physische Grundlage der sabinischen Cluacina, einer Form
Aphroditens, ist dieselbe."
Weiber in Europa nicht vorhanden. ,,Le8 Peulhs du Senegal,
les Gallas de l'Afrique et les Australiens croyaient que lue blancs ne poii-
vaient reproduire leur espöce et que, par consequent, il n'avaient point de
ni6re. Un Esquimau demanda si les Europeens avaient des femmes. Les Arri-
cara« des. rives du Missouri, voyant les blancs acharnes apr^s leurs femmcs,
etaient convaincus (ju'ils n'eii avaient pas dans leur pays. Dans la Polynesie,
MISCELLKN. 255
les naturels de l'ile Ouitoui, du groupe des iles du Desappointement, cacbaient
leuis femmes, afin qu'elles ne fussent pas enlevees par les blancs, car ceux-ci
n'cn avaient aucune cliez eux." Gaidoz und Rollands Melusine II, 559, wo
auoli die Helege angeführt sind.
Zweimal verheiraten eine große Thorheit. Athen, p. 559 Gas.
Kay.bg KUKÜg y^voiQ-' 6 yr'jfias devztQog
&V7JTCÖV. O ^hv yaQ TtQcorog ovdsv ijStyiSL'
ovnco yccQ ^Idoig oinog, olov rjv ■accy.bv^
fXd^ßavsv yvvaZj['- 6 8' vgtsqov Xaßcov,
Big TtQOVTCTOv slSag avrbv hvsßaliv ■natibv.
Aus dem Komiker Aristophon. Vgl. Sliakespeare's Jest P)Ook cd. by Oesterley-
Lond. 186G, p. 41, Nr. XXI, wo vor dem Heiraten einer dritten Frau
gewarnt wird; der Schwank schließt mit den Worten: ,,Tliys tale is a warn-
yng to them that have ben e twyce in parell to beware how they come tberin
the thyrd tyme."
LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT.
Aus alten Handschriftenkatalogen.
Gustav Becker hat in seinen dankenswerthen Catalogi bibliothecarum
antiqui (Bonn 1885) eine Eeihe von alten Handschriftenverzeichnissen ab-
drucken lassen, die auch manches deutsche enthalten. Die ältesten Notizen
sind die bekannten in den alten Reiehenauer Katalogen : De carminibus
Theodiscse vol. (S. 9), in dem Verzeichniß von 822; und in dem von 842
verfaßten: In XX primo libello continentur XII carmina theodiscae linguae
formata . In secundo libello habentur diversi paenitentiarum libri a diversis
doctoribus editi et carmina diversa ad docendum theodiscam linquam, et de
inventione corporis S. Benedict! et caetera' (S 22).
Unbekannt dagegen ist die Notiz in dem Verzeichniß von St. Riquier
(831), wo sich unter Nr. 206. 207 findet passio domini in theodisco et in
latino (S. 28), ein nicht erhaltenes Werk jedenfalls, ob Prosa oder Poesie,
ist unbestimmbar.
In dem Weißenburger Verzeichniß des 9. Jahrhs. befand sich Evan-
gelium theodiscum (S. 37). Die Notiz de carminibus theodiscae vol. I findet
sich auch in dem Verzeichniß einer incognita Bibliotheca. saec. X (S. 75)
das Hermann Hagen aus einem Genfer Codex des 8. Jahrhs. hat abdrucken
lassen Offenbar haben wir hier ein anderes Exemplar des alten Reiehenauer
Cataloges vor uns, wie Becker S. IV für wahrscheinlich hält. Die beiden
Aufzeichnungen ergänzen sich mehrfach , und Hagens Lesung wird oft be-
richtigt. Daß in dem Genfer Verzeichnisse, das dem 8. Jahrh. angehört,
einige Codices fehlen, ist nicht befremdend, wie umgekehrt in dem zweiten
Theile desselben, der im 10. Jahrh. geschrieben ist, verschiedene Hand-
schriften mehr als in dem Verzeichniß von 822 sind.
In dem Weißenburger Katalog von 1043 findet sich 'psalt theutonice
in III uoluiri. (S. 133), was doch wohl Notkers Psalmenübersetzung ist.
In der Bibliothek der S. Maximinkirche in Trier, deren Katalog aus
dem 11./12. Jahrh. ist, befand sich ein 'liber theutonicus' (S. 181), über
dessen Inhalt leider nichts angegeben ist.
256 MISCELLEN.
In dem Cataloge von Pfäffers (1155) wird verzeichnet cantica canti-
corum mctrice et theutonice composita , (S. 208), also Willirams Übersetzung.
Die Bibliothek von S. Emmeram in Regensburg, deren Katalog nach
1163 verfasst ist, enthält sermones ad populum teutonice (S. 222).
Endlich hat Becker S. 228 auch die Stelle aus dem Briefe des Ber-
told von Andechs über das deutsche Buch von Herzog Ernst abdrucken
lassen.
Von englischen Sachen kommen in einem englischen Katalog des
12. Jahrh. vor uitae sanctorum anglicae (S. 216) und Elfredi regis Über
anglicus (S. 217). In dem Kataloge von Durham (12. Jahrh.) folgende libri
anglici: Omeliaria vetera duo. Unum novum. Elfledes Boc historia Anglorum
anglice. Liber Paulini anglicus. Liber de nativitate sanctae Mariae anglicus.
Cronica duo anglica.
Die zahlreichen lateinischen Dichtungen übergehe ich, nur auf die
Handschriften des Waltharius sei zum Schluß aufmerksam gemacht. In dem
Katalog einer unbekannten Bibliothek aus dem 10. Jahrh. in einer Berner
Hs. finden wir Waltarium zwischen einem Avian und Aesop (S. 62); in
dem von Toul (vor 1084) Waltarius vol. I (S. 152), ferner Avianus cum
Esopo et Hincmaro et Waltario vol. I (ib.) und Waltarius per se vol. I (ib.).
In dem Katalog von Pfäffers (1155) Waltarius zwischen Cato, Avian und
Homer (d. h. wohl dem Pindarus Thebanus (S. 208) in der Bibliothek auf-
gestellt. In Muri endlich (12. Jahrh.) 'duo libri de Walthario' (S. 252).
Mittheilungen.
Dr. R. Kögel in Leipzig ist zum außerordentlichen Professor ernannt
worden.
Die jährliche Bibliographie der Germania wird in Zukunft von Herrn
Dr. Gustav Ehrisraann bearbeitet werden.
Ich werde für das Wintersemester einem Rufe nach Gießen Folge
leisten ; für mich bestimmte Sendungen bitte ich von Anfang October dorthin
zu richten. O, Behaghel.
EINUNDZWANZIG FABELN, SCHWANKE UND
ERZÄHLUNGEN DES XV, JAHRHUNDERTS.
In der St. Galler Papierhandschrift 643, XV. Jahrh., Boners
Fabeln (S. 1—89), eine alte Züricher Chronik von 1313—1433 (S. 131
bis 157) nebst anderen Schweizergeschichten v. 1460 — 77 (S. 159 — 201)
enthaltend, stehen S. 89 — 128 unmittelbar nach Boners Fabeln die
folgenden, noch ungedruckten Fabeln, Schwanke und Erzählungen.
Vgl. G. Scherrers Verzeichniß der Handschriften der Stiftsbibliothek
von St. Gallen S. 210. Sie rühren von einem Schweizerdichter des
XV. Jahrhs. her. Der Eingang dazu sowie Nr. 11 (Holzhacker und
St. Petrus) ist abgedruckt von Lassberg in Mones Anzeiger 1836e
S. 192 ff.
Der Abdruck hier erfolgt genau nach der Vorlage. Die Über.
Schriften stehen in der Handschrift nicht.
Zu Nr. 4 vgl. Wendunmuth 1, 366; sodann die Nachweise bei
Goedeke, Dichtungen von Hans Sachs 1, 195. — Zu Nr. 6 halte die
ähnliche Fassung in Lassbergs Liedersaal 2, 547, Nr. LXXIV, Gesammt-
abenteuer 2, 219, Nr. XXXV; vgl. auch Gesammtab. 3, 724. — Zu
Nr. 8 vgl. die Nachweise von H. Kurz in Burkhard Waldis Esop
Bd. 2, Anmerkungen S. 139. — Zu Nr. 9 vgl. Gesammtab. 2, 337,
Nr. XLIII, Quellennachweis und Bearbeitungen, u. a. auch von
Boccaccio VH, 8, daselbst 2, S. XLII ff. — Zu Nr. 10 Vers 59 vgl
Boner 22, 36. — Zu Nr. 12 vgl. J. Ayrers Mönch im Käskorb 1598. —
Zu Nr. 13 Gesammtab. 2, 109, Nr. XXVH, Boccaccio VH, 7. - Zu
Nr. 14 vgl. reiches Material bei Braunholtz, die erste nichtchristliche
Parabel des Barlaam und Josaphat 1884, S. 72 ff. — Zu Nr. 16 Gesta
Roman. Cap. 119.
ZÜRICH, Mai 1888. J. BAECHTOLD.
Sid dis buch ein ende hat es dunkt mich ouch selbs torlich
so wil ich ouch ein toren tat getan
in dis buch schriben doch mag ich es nit vnderwegenlan
ob ich nu möcht beliben 10 min naren wort müs ich hier inn
5 an hinderred umb dis sach hau
dz ich ouch byschafft mach vn wil es schriben hie in
vnd doch nit witzen dar zu han sölt loch ich iemer ein tore sin
GEBMANIA. Neue Eeihe XXI. (XXXm.) Jahrg. 17
258
J. BAECHTOLD
doch wem es nit geualle wol
dem ratt ich dz er sol
15 vndei'wegen lassen sin lesen
vnd sol mich euch lassen gnesen
also heb ich es an
es sy ioch wol ald übel getan
1. Fuchs, Wolf und Eimer.
[E]insmals kam ein fuchs gerant
da er einen galtbruiien fand
er lüget vil fast dar in
er gedacht was mag das sin
5 zweu eimer dar ab hiengen
die vff vil nider giengen
in einen eimer er do sprang
der eimer mit dem fuchs nider
trang
der ander eimer gieng übersieh do
10 des ward der fuchs gar vnfro
wan er müst beliben dar in
das WZ gar sin vngewin
ein wolf kam dar zu gelouffen
er sprach ina woffen woflfen
15 sag an lieber geselle min
mich wundert wie dz müg sin
dz du in dem tieffen loch list
vnd dir doch nüt gebrist
[90] der fuchs hoftlichen sprach
20 do er den wolif erst an sach
lieber wolf ich sag dir dz
dz mir all min tag nie so wol wz
der wolf sprach lieber geselle min
hilff mir ouch zu dir hin in
25 er sprach vff min eid dz sol sin
won du bist der best geselle min
tritt in den eimer dz rat ich dir
so kunst wol her ab zu mir
der wolff in den eimer sass
30 da von der fuchs vil fro wz
won der wolff zoch mit dem eim'
nid'
damit kam der fuchs herwider
der wolff müst in dem brunnen sin
das was gar sin vngewin
35 do er nebent den fuchs kam
do rufft der fuchs in faltschlich an
vnd sties in dar vmb ,
dz er im nit endrunn
vnd dester faster wägi nider
40 der fuchs sprach nu hin ich kum
nit wid'
vil lass dir vil wol wesen
ich bin nu wol genesen
*-? wer allen zungen geloubet wol
der wirt vil dik hertzleidz vol
45 vil wirt betrübt an sinem hertze
vfi müs liden grossen schmertzen
valsche zunge stifftet das
das brüder bruder wirt gehas
das selb der vatter ouch tutt
50 böse wort werdent niem' gut
den valschen tüchte wie es
gschäche
dz er sin fründ in kumer säehe
durch dz erinfröideu mocht wesen
vor im kan nieman genesen
55 wer wil sin in der wolnust
die im nit erkant ist
vil si nit erkenne wil
vü nit sieht ob es sy ein gewüs
spil
vn gälich dar zu ziechen wil
60 genüst er des das ist nit vil
wer zücbet ab einer guten statt
da er sich mit eren wol begat
vn er do vil wol möcht bestan
der dunkt mich ein vnwiser man
65 im möcht wol als dem wolf be-
schechen
doch wil ich da wider nit me
iechen
ob einer zücht an ein statt
da er sich mit eren wol begat
vil sy im ist vil wol kunt getan
70 vli bewert von mängem biderman
hätt der wolff also getan
so möcht er noch wol sin leben
han
35 uebentj nemeut Hs^
FABELN, SCHWANKE UND ERZAHLUNGEN DES XV. JAHßHS. 259
2. Falke und Eule.
[91] [E]in valk floug in einen wald
der fieng gar schnell vn bald 40
vil vogel die er do vand
er WZ der ülen wol erkant
5 zu dem valken kam die üle do
mit iro wortten vü sprach also
ach valk küug vii herre min
möcht es an üwern gnaden sin *^ 45
sid ir der voglen so vil vachent
10 so bit ich üch dz ir nit gachint
vn mir mine kind nit esind
der trüw wil ich niemer vergesse
der valk sprach wer sint dine kint 50
sy sprach die schönschte die im
wald sint
15 die sint min
er sprach wolhin das sol sin
die schönschte wil ich lassen gan 55
vn wil die vngeschaffnen alle van
vn wil sy essen alle gar
20 der falk floug hin an alle var
vii kam zu der ülen kind
er sprach ich sich wol dz die sint
die vngeschaffnesten die man fint 60
si sint nit der ülen kind
25 won sy sp'ch es werint die
schönschte vögelin [92]
die in dem wald möchten sin
der valk all iung ülen verschland 65
die er in dem wald iena fand
die alt ül kam zu dem valken do
30 gar truriklich vil sprach also
0 her wie hant ir min vergessen
mine kind hant ir alle gessen 70
vH hant enkeines hin lan komen
der valk sprach als ich han ver-
nomen
35 so han ich es nit getan
die schönschten han ich lassen gan
vn han die vngeschaffnesten
fressen
si sprach dz kan ich niemer ver-
gessen
die ir assent die warent min
mich wundert wie dz muge sin
ich wand sy werint die schönschte
kint
nu merk ich das sy sint
die vngestaltesten vögelin
die in dem wald mügent sin
sölicher lütten man ouch vil vint
der vngezogen sint ir kint
vfl dar zu enkeinen wandel hant
vii ouch selten in Schönheit stant
vii ouch niemer kunnent werden
vü doch wend dz vff erden
kein schöner kreentur müg sin
denn dieselben kindelin
vri wz sy tund dz dunkt sy gut
sy hant sicher ein turnen müt
vii vieng ein ander kind dz
halbz an
dz ir kint hant getan
si schryent offenlich über sy
secht wie wonet dem bosheit by
si sprechent sy tund niend' gut'
e man sol sy schlachen mit d'rüt
ich sich an irem wandel wol
dz sy werdent aller bosheit vol
wie ist ir vatter ouch ein man
dz er die kint nit ziechen kan
er ist ouch zwar ein böswicht
ds er inen das Übersicht
also wend die lütte
die frömden gar vernütten
vnd dunkt sy niemer gut
WZ diser oder der tut
vn wänet dz niemen mug sin
gelich iro kindellin
sächent sy si aber recht an
si sprächent mich hat betröge
min wan
25 vögelin] vögel Es. 36 han] an Ils. 52 kindelin] kinelin Es.
17*
260
J. BAECHTOLD
10
15
20
25
30
[93]
35
40
45
3. Schüler
[E]in schuler über felde gieng
ellent herbürg er enpfieng
als noch mängem me beschicht
der nach der lere vicht
er kert zii einem puren hin
vn bat dz man in
gehielti über nacht durch got
von dem purn leid er spott
ia kum her lieber schüler min
ein gut bet sol din eigen sin
dar vff solt du ligen Übernacht
bis dz du nit me schlaffen macht
er gieng hin vii ass vn trank
dem puren seit er grossen dank
darnach sassent sy vff die benk
der pur geriet da stanken
ein grossen furtz lies er do
vn sprach zu dem schuler also
schuler dz ist dz bette din
der schuler sweig vn lachet sin
der pur stankt aber als e
schüler ich gib dir aber me
der furtz ist ein lilach gut
vor frost bist du wol behut
der schuler lachet aber als ee
der pur stankt aber me
vii lies ein furtz der wz gros
den schuler do des schimpfs verdroß
er spch dz ist das oberlilachen
noch wil ich dir teke vnd küsse
machen
vii lies aber ein furtz als e
er sprach schüler hie her ge
vü leg dich an dz bettelin
vü las dir vii wol sin
er leit sich nider vff den bank
sin bett wz gemacht von stank
der pur gieng mit sim wib nider
vS spch da lig vntz dz ich her-
wider
kora vii schlaff gnüg vü fast
der pur gieng do an sin rast
der schuler begond sich do flissen
wie er den puren sölt beschissen
er scheiss hinder den offen hin
vnd rilfft do dem wirtte sin
aldey wirt got dank üch
wen ich wider vff die vart züch
und Bauer.
dz bett vn die lilachen
die ir mir nacht hant gemachet
han ich hinder den ofen geleit
50 der pur zu der frowen seit
gäbt du dem schuler lilachen vii
küsse
das solt du mich lassen wüssen
nein ich werlich sam mir got
der schüler tribt mit dir sin spot
55 er lies den schüler sinen weg gan
schier begond er ouch vf stan
vn gieng her ab in die stuben sin
vn sass hinder dz öffelin
vnd sass eben in den drek
60 er sprach pfuch wz ich hie schmek
es stinkt har inne harte vast
pfuch ich han weder rüw noch rast
er stund vff vn sach vndersich
pfuch ich han beschissen mich
65 sprach der pur hie lit ein drek
pfuch wie übel er nu schmekt
wib du solt wüssen
der schüler hat mich beschissen
vss furtze hat ich im ein bett
gemacht
70 dar in solt er ligen über nacht
dz hett er alles gelesen zesamen
vn het es hinder den offen getan
dar VS ist worden ein grosser drek
der hie als übel schmekt
75 er het mir ytel recht getan
des müs er ein gut iar han
"^ wider gelt wart nie verbotte
wer spottet des sol man spotten
wer den and'n tören wil
80 der wirt vii dik der torn spil
vii wirt geschant in kurtzer frist
als disem purn geschechen ist
wer der lütten spotten wil
so es denn kumpt vff dz zil
85 so wirt er lasters vii spottes vol
wirt er betrogen dz ist wol
hett der pur nit gespottet sin
an laster wer er wol kome hin
vii wer nie in die schmacht komen
90 ich han es noch me vernomen
[94] das man den bösen geschenden sol
der da spottes ist so vol
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 261
4. Ein böses Weib
[Ejin man der hat ein wib
die hat er als lieb als sin Hb
dz selb sy im ouch tett
jeklichs das ander lieb hett
5 das was lutzefier gar leid
er bub an vnd seit
zu dem andn gesellen sin
ob enkeiner wer vnder in
der die liebe könd gescheiden
10 vn die liebe möcht bringe in leid
do WZ einer vnder in
vii sprach ich wil derselbe sin
vn wil sy verwiren gar
lucifier dz sag ich dir für war
15 lucifier sprach nu far hin
vn mach gros leid vnder in
er für hin in des mans hus
er lüfi" dik in vnd vs
ob er die liebi mocht scheiden
20 er schüff nüt dz wz im leide
do kam er zu einer frowen alt
die kont boßheit mänigfalt
er gi-iitz sy vn sprach zu ir
zwen schlich wil ich geben dir
25 ob du die liebi kanst scheiden
vnder den menschen beiden
si sprach ia dz kan ich wol
ich weis wol wie ich es tun sol
gist mir die schu so tun ichs gern
30 die liebi kan ich in leid verkern
er sprach so gang hin
vnd mach gros leid vnder in
so wil ich dir die schuch geben
ob du es schaffest eben
35 sy gieng hin zu dem man
weist du nit wz da het getan
din wib ein andrer lit by ir
für war sag ich es dir
so du gast vss dem hus
40 so loufft sy an stett hin vs
vii heist ir bul zu ir komen
für war hau ich es vernomen
der man wand es wer war
[95] do für dz altwib aber dar
45 vn gieng zu siner frowen
die liebi wolt sy zerhowen
si sprach sag an mir
ist din man ietz nit fyent dir
scheidet eine Ehe.
ia werlich er tut gelich
50 als ob er fast hasse mich
dz alt wib begond do iechen
ein gutten rat wil ich dir gebe
ein schökly har ist im in sim nak
den solt du bald howen ab
55 so vergat im sin zorn
tust es nit so bist verlorn
si volget der valsche frowe lere
des kam sy in laster vn in vnere
dz alt wib gieng aber hin do
60 zu dem man vu sprach also
din wib wil dich haben tod
volgest mir nit du kunst in not
so du heim kunst ze nacht
so merk wie dich din wib en-
pfacht
65 si spricht kum har zu mir
so wil ich lusen dir
so nimpt sy in ir hant ein schär
vn wil dir abrissen die kein gär
do er ze nacht heim kam
70 die frow die schär in die hant nam
sy sprach kum ich wil dir lusen
den man begond grusen
er leit sich do in ir schoss
die liebi wurdent sy bede blos
75 dz schökly wolt sy im abhowen do
er sprang vff vii sprach also
pfuch pfuch du bös wib
woltest du verderben minen lip
frilich dz müs dir werden leit
80 es was mir wol vorgeseit
die liebi wart zerstöret gar
des nam der tüffel vii eben war
er geriet vii bald louffen
dem alten wib die schü kouffen
85 an einer stangen bot er ir do
die schlich vn sprach zu ir also
se hin ich wil fliechen dich
wan du bist vii böser den ich
du hast volbracht ein boßheit
90 dar an han ich grossen flis geleit
vii kond es doch nie geschaffen
die liebe hast du ze leid gemachet
sit du denn böser bist den ich
so solt die schuch von mir en-
pfache nicht
262
J. BAECHTOLD
95 denn an einer stanngen
'^ man mag es wol sagen in allen
landen
das nüt böser ist denn ein bös
wib
dz wirt bewert noch hütbezitt
dz der tüffel nit volbringe mag
[96] 100 dis bossheit weder ze nacht
noch ze tag
vii doch dis wib hat verbracht
vnd so bald hat erdacht
dz sy die liebi kond scheiden
vii sy verwerrti beide
105 bös wib machet leid vn zorn
von der frowen wurdent sy
vrworn
dar vm so rat ich
dz nieman sol keren sich
an böse wib well er genesen
HO vii in fröiden well wesen
hette der also getan
so möcht er sin wih mit fröide
han
nieman als bald gachen sol
er sol die mär erfarn wol
115 ob es war oder erlogen sy
so mag er wol sin leides fry
5. Respi
[E]in edel man in einer stat saß
gen dem trüg ein bürg' grose haß
er waz im fyent vm etwz sach
nu merkent wz dar nach geschach
5 der burger tot den edel man
sin sun gedacht wie er wölt
fache an
dz er den burger erstäche
vnd sinen vatter räche
ein mals kam im in sin mut
10 dz er lerte scheren dz wer im gut
vn dz er gieng in frömde land
bis dz man inn nit me bekant
vn sölt denn da heim ein scherer
wese
den burger wölt er nit lan gnesen
15 vn wenn der burger kam vnd' in
dz er im schäre den harte sin
so wölt er im abrissen die kein
vn wölt sich dann vö danne stein
er für da hin in frömde land
20 er wuchs dz man in nit bekaut
vii lert scheren vii für hein
in bekant weder gross noch klein
er ward ein scherer in der statt
do kam der burger der do hatt
25 ertött den lieben vatter sin
er gedacht er wölt in richtö da hin
ce finem.
vii wolt im nemen sin leben
in sorgen begond er streben
nu WZ es sitt in der statt
30 dz ieklicher burger hat
[97] ein rimen an dem gewande sin
der WZ gemacht in latin
der selb vers wz also gedieht
wend ir wüssen dise schrifft
35 Quidq agis prudent' agas & re-
spice fine
also WZ er geschriben in latin
des verses sin wz dz ieder man
allweg betrachtet solt han
in sinem hertzen wz er wölt
tun
40 dz da von kam kein vnsün
vn das er solt betrachtn in sin
hertze
ob dar vs kam fröid oder smertze
der scherer disen vers las
er gedacht wz ist das
45 vii bald begond er betrachte de
rimen
der da wz geschriben in latine
er hat betrachtung in sinem
hertzen
töd ich in so kam ich in schmertzen
111 der] dir Es.
35 Quid'q agis] agas Hs.
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 263
vii han min leben verlorn
50 ich wil von mir lassen disen zorn
vn wil es vnder wegen lassen
got der kan in selb wol straffen
ertöd ich in so miis ich sterben
got sol in selb verderben
55 ich wil in weder schlache noch
stechen
got kan es selb rechen
do er ob im stund also
der burger sprach zu im do
lieber scherer sag mir
60 WZ ist hie geschechen dir
ich sich wol du bist in leid
lieber scherer wol gemeid
sag mir wz ist din schmertzen
den du treist an dinem hertzen
65 er seit im do dise mer
dz er des edlen mans sun war
vii wölt sin vatter han geroche
vn wolt in han erstochen
*7 dise bischafft vns ein lere git
70 vn spricht wz man tu in dem zit
so sol man sich vor betrachten wol
das man dar nach nit werd leides
vol
in des dings anefang
so sol man gedenken wz dar nach
gang
75 ob es Übels oder guttes sy
vnd ob man da müg sin aller
sorgen fry
[98] vnd solt dz ende ansechen
ob fröid ald leid da kunn ge-
schehe
betracht vii wol wz da kom von
80 dz du bestandist an den eren
schon
man wirt von mänger sach leids
vol
dz man vor hat verkomen wol
in allen dingen solt betrachte dich
als der iungling hat betrachtet sich
6. Von Buhl Schaft und treuer Liebe.
[E]in koufFraan in grossen eren sas
der hat ein bulen als ich las
den hat er lieber den sin wib
sin wib hat er in grossem kib
5 so er vss für nach gewin
so koufFt er dem bulen sin
alles dz ir hertz begert
sin wib wz im gar vnwerd
ein mals für er vs vff gewin
1 0 do sprach die frowe sin
e lieber man kouff mir ein sekelin
so müs mir wol dester bas sin
vii da ein pfennwert witz in sy
so wirt ich alles leides fiy
15 der kouifman sprach dz sol sin
ob ich nit vergiss din
gan frankfurt für er hin
vff nutz vn vff gutten gewin
er koufFt mänger ley schätze
20 siner frowen er vergasse
do er in sin wirtz hus gieng
der wirt in vii wol enpfieng
mit enander assent sy ze nacht
der koufFman sich do bedacht
25 ob er hetti vergessen icht
dz er käme hein dar ane nicht
der koufman zu dem wirte sprach
do er sich also bedacht
nu han ich noch vergessen ein ding
30 dz kostet kum dry pfenning
es ist mit witzen ein sekellin
dz solt ich han koufFt der frowe min
nach dem sekel hat sy gros begir
d' wirt spch lieb' gast nu saget mir
35 wz ist üwer gefert da heim
dz üwer frowen kram ist so klein
er seit im dise mär
[99] wz im vn siner frowen wer
vnd euch wie er einen bulen hat
40 da heimen so nach by der stat
der wirt sprach nu volgent mir
so wirt erfüllet der frowe begir
so ir wellent hein farn
so sond ir üwer gut wol bewarn
264
J. BAECHTOLD
45 vn sond bös ghäs legen an
vnd sond zu üwerm bulen gan
vn sprechent zu ir alsus
so ir koment für dz hus
ach liebes lieb nu las mich in
50 won ich so gar verdorben bin
ich han verlorn als min gut
dar vm han ich gantz niena müt
dz sond ir benüte lan
ir sond ouch ze üwer frowe gan
55 vii sond sprechen ze ir
0 wib wie gar sint verdorbe wir
ich han verlorn als min gut
dar vb' han ich verlorn min mut
tünd ir dz so wirt wol schin
60 wa die recht liebi mag sin
üch wirt zwar deil bekant
wa ir die rechten liebi hant
der koufman sprach vff min ere
gern sol ich volgen üwer lere
65 also für er da hin
vnd bewart wol dz gutte sin
vil leit an gar bös gewant
vn gieng da er sin bülen vand
er klopfet an vn sprach ze ir
70 0 hertz lieb lass mich zu dir
ich bin worden ein arme man
sit ich min gut verlorn han
si sach her vs vn sprach zu im
blib duss won ich vnmvissig bin
75 tritt vom hus verr hin dan
mit dir ich nüt zeschaffen han
also ward er von ir empfange
vil bald kam er ouch gegange
für sin hus vn klopfet an
80 vil bald sin wib do kam
vil bald sprach er zu ir
0 wib wie sint verdorben wir
flOO] ich han verlorn als min gut
dar viü so bin ich vngemüt
85 si lüff her ab bald zu im
lieber man laß din truren sin
bis frölich vn hab gutten müt
ich han noch vil verborges gut
wir hant noch gnug die wil wir lebe
90 got kan vns noch wol me geben
in sin hus gieng er do
die frowe wz des vil fro
das ir man was komen
des kam sy zu gut vn ze fromen
95 der kouffman schikt do vm sin gut
sin bul wart do vngemut
dz si in nit lies in
si wand er het verlorn dz gutte sin
sin frow in aber wol enpfieng
100 dar vmb es ir dester bas gieng
*7 mänger findet bülen vil
all die wil er geben wil
so er aber von dem geben lat
so wüss er dz die liebe zergat
105 die liebe wirt zerstöret gar
wenn er die gaben nit me bütet dar
die liebe wert lange zitt
die wil er pfennig von im git
mänger sin antlit in der täschen treit
110 der mit vngestaltnus ist bekleit
gekouffte liebe wirt niemer gut
er hat zwar ein tumen müt
wer ein biderb frowen hat
vnd sich an torecht frowe lat
115 die frowen minnent die riehen man
den armen lant sy sicher gan
wem min gut lieber ist denn ich
vn zu mir gesellet sich
vmb dz das im werd dz gelte min
120 der sol zwar nit min geselle sin
7. Von einem Sohn, der dem Vater die Nase abbeißt.
[W]as der man gewonet hat
dz ist ein wunder ob er dz lat
WZ in der iuget gewonet dz
kind
als man an den buchen geschri-
ben fint
5 dz selb tribt es in dem alten iar
dz gloubent es ist sicher war
101] als ein man mich hat ermant
do er so sere wart geschant
von sinem sun den er hat
10 übel gezogen in einer statt
46 ghäs := Kleidung. 75 verr] ver Ha.
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 265
was er tett dz geniel im wol
des ward er dar nach leides vol
do begond der selb sun
in allen dingen vnrecht tun
15 rouben vnd stelen kont er wol
da von ward der vatter leids vol
doch ward es im dik vorgeseit
das der sun verbracht vil bosheit
dz wolt er aber nit glouben
20 des wurden naß sine ougen
do ward nit lang an im gespart
won das der sun gefangen wart
won gar schädlich wz sin leben
do wart vrtel gegeben
25 über in er sölte hangen
dz hat er mit stelen begangen
man fürt in vs vnd wolt in henkf?
der dieb do begond gedenken
dz jn sin vatter hat gezogen also
30 vil lut rufft der dieb do
lieber vatter kum her zu mir
was ich well sagen dir
ich bin leider in grosser not
ich wil dich küssen vor minem tod
35 der vatter do zu dem sun gieng
den sun er vil bald vmbefieng
der sun tett als ob er wölt
küssen in
vnd beis im ab die nasen sin
der vatter schrey we vn ach
40 owe dz das ie geschach
ich wand du wöltist mich küssen
du hast mir aber abgebissen
8. Der Wolf
[H]ie vor in einem wintter zitt
so sehne vnd rifFen lit
do dinget ein wolff ein knecht
dem geschach dik gar vnrecht
5 der knecht ein fuchs wz
als ich an einem buche las
der fuchs solt dem wolff helffen
stein
vn solt es vor den lütten verhelu
der selb wolff wolt alle iar
10 dem fuchs geben ane var
die nasen dz ist mir leid
der sun zu dem vatter seit
4.5 vatter ich han dir getan itel recht
WZ ich tett dz wz schlecht
du soltest mich bas gezogen han
an mir hast du übel getan
WZ ich tett dz gefiel dir wol
50 des bist du worden leides vol
der sun ward erhenkt do
der vatter gieng dannen vn wz
vnfro
"7 wer nit well werden leides vol
von sinen kinden der sol
55 sy wennen in der iugent
dz sy stellent vff er vn vff tugent
man sol sy lernen sitten gut
vn inen nit verbeugen iren mut
man sol durch nütte lassen
60 vmb vnrecht sol man kint straffen
man sol kind dar nach halten
wann sy beginuent alten
das sy syent in gütter hüt
vnd das gerecht sy jro mut
65 [102] won was der man gewonet
hat
in der iugent vil kum er dz lat
wenn er kunt zu sinen tagen
so müs er dz selb tragen
das er gewonet hat
70 dar vmb so gib ich den rat
dz man kind zieche in der iugent
dz sy stellent vff er vil vfi' tugent
als Fischer.
acht guldin vn sin essen dar zu
er solt im dienen spat vii fru
do der dienst wol gefestnet wart
do hub sich der fuchs vff die fart
15 vnd fieng ein gans die wz gut
er zoch hein frölich wz sin mut
er rüfft dem wolff dem meister
sin
wol her nim die ganse hin
der wolf teilt die gans do
20 an dry teil vnd sprach also
14 vnrecht tun] vnrechtun Hs.
2 sehne] sehe Hs. 13 wol] wolg Hs.
266
J. BAECHTOLD
los fuchs WZ ich sage dir
der erst teil gehört mir
der ander gehört den kinden min
der drit sol mines wibs sin
25 der wolf sprach fuchs ich han
vergessen din
louff aber me dahin
vnd bring ettwas me
dz wir gebüssent des hungers we
der fuchs zoch vff dz feld hin dan
30 do sach er ein geis gan
in einer wisen sy wz klug
sy WZ gar eben des fuchs fug
er fieng da die geis ze band
vnd gieng da er fand
35 sin meyster vil bald er kam
die geis er ouch teillen began
er teilt an drü stuk dieselben geis
vil fräslich er dar in beis
er sprach der erst teil ist ouch min
40 der ander sol der kinden sin
der dritt gehört miner frowen
der fuchs begond den wolff an
schowen
vnd sprach das ist ein bös recht
das ir verteillent üwern knecht
45 der wolff do antwurt jm
[103] vnd sprach wenn ich voll bin
so sorg ich nit wie es dir ge
louff bring vns aber me
der fuchs gieng aber da hin
50 vnd gedacht jn dem sinne sin
wie er den wolff wölt beschissen
des begond er sich vast flissen
zu dem wolff begond er aber traben
wolff meister hör wz ich sage
55 ich weis ein wyer vischen vol
da wil ich üch lernen wol
dz ir die visch vachent alle
dz begond dem wolf wolgefallen
er sprach so für mich dahin
60 da der wyer müge sin
zu dem wyer giengent sy do
der fuchs zu dem wolff sprach also
74 verr] ver Hs.
her wolf wilt du volgen mir
so hör was ich sage dir
65 den schwantz in dz wasser tu
so louffent die vische alle zu
vn hangent dir dar an
enkeiner mag dir engan
so denn die vische koment dar an
70 so solt du by nütte lan
du solt den swantz her vs ziechen
vnd da mit an dz land fliechen
der wolf volget der lere sin
vn stiess den swantz verr hin in
75 do gefror im der schwantz hartte
vast
dz er mit keiner krafft
noch mit keinen dingen
den swantz mocht her vs bringen
jn dem wyer must er sin
80 bis das ein man kam da hin
der schlug do den wolf ze tod
dz schaff der fuchs dz tett jm not
^ wer den and'n betriegen wil
genüst er des das ist nit vil
85 wer mir wil tun dik vnrecht
des ding sol niemer werden
schlecht
wer mir abbricht min rechtn Ion
mag ich den betriegen dz wil ich
tun
wem ich thun i-echt vnd wol
90 vnd den mir nit lonet als er sol
den wil ich bringen in leid vii
in we
vnd wil im dienen niemer me
als der fuchs hat geton
do im der wolf den rechten Ion
95 [104] vmb sin dienst nit wolt
geben
er bracht den wolff viTi sin leben
sölicher lütten man noch vil fint
wenn sy wol gespiset sint
so achtent sy nit wz eim and'n
gebrist
100 dz sy gescheut werdeut in kurtz'
frist
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 267
9. Die listige Frau.
[E]s hat ein man ein iunges wib
die hat er als lieb als sine Hb
doch ir trüw sy an im brach
eins mals do sy ein pfafFen ersach
5 do kam dem pfatFen in sin sinne
dz er sy bat vmb die minne
sy sprach wie wöltin wir es
fachen an
wan ich han so ein häfFtigen man
vernäm er von mir söliche mär
10 so wüssent das ich verlorn wer
doch kan ich es wol vachen an
das sin nit wirt innen min man
ein schnür wil ich binden an die
füsse min
wenn den üch dunkt dz es zit
söle sin
15 so züchent dz seil dz ich erwach
so vernimpt min man nit dise sach
vilicht spricht denn min man
so wil ich daü zu üch gan
war ich welle so sprich ich
20 in dem buch krimet mich
mich dunkt möcht ich ze stule gan
min schmertz müst ein ende han
so wannet min man es sy war
so kum ich denn zu üch dar
25 der pfaff sprach der siil ist gut
des ist erfröwt aller min müt
da mit gang lieber bül da hin
wenn mich dunkt dz es zitt söl sin
so kum ich vnd züch dz seil
30 got der geb vns dar zu heil
die frow gieng hein jn ir hus
si assentze nacht vnd sprach alsus
zu irem man mir ist gar we
dar vm sond wir gan schlaffen
dester e
35 dz ich kom zu der gesuntheit wider
also giengent sy do nider
die frow erlöscht dz liecht zehant
die schnür sy an die füsse band
vn leit sich an ir gütten gemach
40 nu merkent wz do da geschach
do die frow entschlieff do wolt
der man
sin harn wasser von im lan
an die schnür sties er sich
dz dücht in gar wunderlich
45 in wundert wz die schnür tätte da
der schnür ende gieng er na
[165] bis das er an der frowen füsse
kam
vil gros wunder er dar ab nam
er getacht wz die frowe meint
damit
50 jn bedacht es betütte güttes nit
dz seil band er selb an die füsse sin
er gedacht wer wil kommen her in
ze band kam der pfaff gegangen
an die schnür begond er hangen
55 vn zoch fast der man stund vfif
vn gieng hin ab in dz hus
do fiel der pfaff an den selben man
er wand er sölt sin bülen han
der man vmb fieng den pfaffen
60 vn sprach wz hast du hie ze-
sch äffen
du bist ein minner dz sich ich wol
der minne dir gnüg werden sol
vil bald rüfft er der frowen sin
stand vf liebe husfrow min
65 es ist ein dieb in dem hus
der wolt dz vnser tragen vs
vil bald zünt ein liecht an
er müs ie sin leben hie lan
die frow stund vffvnd wz leides vol
70 vil bald blies sy an ein kol
sy sprach dz liecht wil brünnen nit
dar vmb so bitt ich dich
dz du selbs enzündest dz liecht
vnd gib mir die wil den dieb
75 jn min band ich wil in vast han
dz er mir nit kan engan
der man blies selb an den brand
die frow nam den pfafFen an die
band
37 erlöscht] erlöst Ha, 49 damit] damitte Ha.
268
J. BAECHTOLD
vn sties in für dz hus hin dan
80 vil bald sy do einen esel nam
vnd hat den vast jn ir hant
vn do der man hat enbrant
dz liecht do kam er gelouffen
die frow sprach ina woffen woffen
85 [106] wie bist duso ein vnsinniger
man
dz du ein esel für ein dieb
vallest an
zwar ein man
gewesen
lassen genesen
dem hus gelan
die hant getan
er sprach es ist
hie
den hast du
vn hast den vss
90 vnd den esel in
dar vm so gang vs du böses wib
du hast verschmachet minen lip
vii woltest haben ein and'n man
des must du vss dem huse gan
95 die frow lüff für dz hus hin dan
zu einer alten frowen sy do kam
von gräwe wz wiss ir har
si sprach liebe frow nement war
ich wil üch trülich klagen
100 min man hatt mich vsgeiaget
dar vm wil ich üch geben Ion
dz ir wellent für dz hus gan
vn da wellent weinen vor dem hus
so wil ich gan hin vs
105 zu minem herrn wie er sich gehab
ob er enkeinen gebresten trag
dz alt wib sprach ich wil es tun
gebent mir ein käs vn ein htm
si sprach ich wil üch noch me
geben
110 dz ir die Sachen vollbringent eben
dz alt wib sass für dz hus hin dan
vil fast weinen sy began
do lüif der man her vs
vil schlug dz alt wib vor dem hus
115 vn sneit ir ab ir grawes har
er wolt wannen sicher für war
dz es were sin eliche frow
dz bare gehielt er do
jn ein tuch schön vi! vin
120 vnd band es gar sicher dar in
do nu der schön klare tag har kam
do lüff der selbe man
125
[107
130
135
140
145
150
155
IGO
vii lud die fründ siner frowen
vnd wolt sy lassen schowen
dz mord dz jm sin frow hat getan
da hin kament frowen vn ouch man
die ir fründ solten sin
er gab inen fleisch brot vii dar
zu win
] do sy also trunken vü asent
vnd ob dem tische sassent
do trüg der man hin in
dz selb har in eim tuchelin
vü sprach ir fründ ich wil üch klage
vü von miner frowen ettwz sagen
si hat mir armen man
gar ein gros vntrüw getan
nacht ze nacht mit einem man
den wolt sy by ir schlaffen lan
vii seit den fründen also die mär
wie es ergangen war
er sprach lieben fründe nement
war
ich schneid ir ab ir har
ze einem Wortzeichen vü durch dz
dz man es geloupti dester bas
er nam her für dz selb har
do WZ es ittel grawe gar
dz har sachent die fründe an
die frow sprechen do began
sechent lieben fründe min
der man mag wol vnsinnig sin
min har ist gelw vii grawe nicht
nu sechent wie mir mit im ge-
schieht
nacht fieng er ein esel für ein man
vnd schrey den für ein dieb an
des har het er abgesnitten
vnd wil mich nun geschenden
damitte
die fründ wandent alles wer also
vii sprachent allsament do
der man ist vnsinig dz sieht man
wol
vil bald man im hellffen sol
sy schiktend nach einem priest'
zehant
der die lüt besweren kond
der beswur do den armen man
sy warent alle jn dem wan
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 269
165 der man wer vnsinnig gewesen
*^ nu merkent wer nu müg genesen
vor böser valtscher wiben list
owe sälig er nu ist
der mit bösen valscben wiben
170 sin leben nit sol vertriben
sy betörent mängen wisen man
vor inen sich ieman kum liütten kan
wer nu kunt in ir band
von inen kunt er kum ane schand
175 er wirt betöret an allen wan
also geschach disem armen man
er müst ie vnsinnig wesen
[108] ich han noch me gelesen
10. Die Katze
[E]ines mals dz geschach
dz ein katz ein mus louffen sach
in ein loch wz spinn wupp vol [
die katz tett als ein katz sol
5 vn lufF in dz loch nach der mus
vnd fieng sy vn do sy kam her vs
do lag ir ein spinn wup vff dem
houpt
die katz do für war geloupt
si trüg ein wiler vff irem houpt do
1 0 in irem sinne gedacht sy also
ich bin ein nunn dz sich ich wol
der müsen ich nit me vachen sol
ich wil alle zit geistlich leben
den müsen wil ich nit me nach
streben
15 ich wil tun dz ein frow tun sol
ich hoff mir solle wer len wol
als ein nunn kan ich wol gebarn
zu and'n nunnen wil ich farn
ein andre sol die müse vachen
20 in ein kloster wil ich gachen
vii do sy in dz kloster kam
zu den nunnen lüff sy hin dan
vn wolt ouch ein nünne wesen
do kond sy weder singe noch lesen
25 die nunnen die katzen an Sachen
si wanden sy wölt müs vachen
vn beschlussent sy in ein kornhus
dar inn lüff vil manig mus
die müst die katz vachen vs
30 do WZ ir nunnhcit alle vs
das salomon ein wiser man
180 den wiben ouch nit kont engan
vfi samson vn allexander
die kament all in schände
von böser valschen wiben list
aber ein zart biderb wib ist
185 ein kreentur vor allen dingen
wa man die mag finden
si ist gold vil aller eren wert
kein besser ding weis ich nu vff erd
denn ein zart biderb frowen
190 alles leid kan sy zerhowen
man sol sy loben vfi zieren
vnd jn aller ere füren
als Nonne.
in dz kornhus ward sy beschlossen
dz tett ir we vnd verdrossen
109] sy müst ie wesen dar inne
do gedacht sy in irem sinne
35 wie bin ich so gar hie beti'ogen
sid mir ist der wiler vff geflogen
es rüwet mich vn müt mich ser
dz ich ie bin komen her
ich wand ich sölt ein nunne sin
40 dz ist nu nit dz ist wol schin
die müs müs ich vachen als vor
nu merk ich dz ich bin ein tor
*5 sölicher torn man noch mänge fint
so sy ein wenig gezieret sint
45 so wend sy glich dem keiser wesen
vor inen kan denn nieman genesen
von ir glich wichent sy zehand
als ob sy sy nie habent erkant
doch so sy sich sond herlich ge-
barn
50 so stand sy als ander naren
vü müsent sin dz sy warent vor
die katz branget fast enbor
ir gespilen verschmachet sy ze-
hant
als sy sy nie habent bekant
55 sy wand sy wer edel von recht' art
do tratt sy bald vff die vart
vfi wolt ein kloster frow wesen
doch zelest mocht sy nit genesen
si WZ ein katz als sy vor wz
60 vor schänden &j do kum genas
270
J. BAECHTOLD
11, St. Petrus und der
[H]ie vor fugt es sich an einem tag 45
dz ein priester bredige pflag
dar zu kament der lütten vil
als ich üch sagen wil
5 er sprach wer mit arbeit neret sich
vn die arbeit tut getrülich
vnd ir pfliget allzit wol
als ein getrüwer man tun sol 50
der mag liecht betten vn vasten
dar zu
10 vnd andre gutte ding thün
110] arbeittet er nu mit rechtem flis
er kunt als wol in dz paradis
als einer der da bettet alle zit
vnd sust kein arbeit dar zu litt
15 do er nu gesprach dise wort
vil bald es ein holtzhaker erhört
er behatt die wort gar wol
er gedacht der bredgi ich volge sol
ich wil nu zwar allen tag
20 arbeitten wa ich kan vn mag
er arbeitet vast vn tett darzü
sust kein gut weder spat noch frü
er wand er tätt gnüg
dz er arbeit vn doch kein gut
25 dar zu tett dz betrouch in zwar
da er gesturb er ward sin gewar
er wand an alle pin
behalten werden durch die arbeit
sin
vn wolt gan himel farn zehant 70
30 den schlegel vn die ax er vff die
gürtel bant
vn do er kam an dz himel tor
sant peter sprach wer ist da vor
er sprach ich bin ein man
der all sin tag vil arbeit hat gehan 75
35 ich han mich mit arbeit ernei't *?
als denn mich ein pfaffe lert
der sprach wer da arbeit trülich
der magwol komeniedz himelrich [111
sant peter sprach nu sag an
40 hast du got ie kein dienst getan 80
oder sant maryen der mütter sin
oder andn helge dz tu mir schin
ald bekennest iemä im himelrich
dz er got hätte für dich
55
60
65
Holzhacker.
oder hast du got ie kein gut getan
dz solt du mich wüssen lan
er sprach ich han gehept gi'os
arbeit
als ich dir vor han geseit
mit holtz schitten han ich mich
ernert
als mich der pfaff hat gelert
sust gedienet ich nie gott
sant peter sprach an allen spott
best du dar zu kein ander gut
getan
so furcht ich du musest von hinne
gan
best du nit gehalten gottes gebott
vn hast ouch nitt gebetten gott
dz er dich behütti vor der hellen
vnd vor lucifiers gesellen
vn best ouch got nit geeret
ich weis dz dich der pfaff leret
wer da arbeit grösklich
vnd mit arbeit erneret sich
vil die arbeit mit trüwen tut
vn sich sust vor Sünden behut
der bedarff nit als vil betten vn
fasten
als einer der alle zitt rüwetvii rastet
wan wer musig ist vii nit arbeit
vn dar zu lidet deheines leid
der ist schuldig von recht
dz er got diene als ein ein getrüw'
knecht
mit betten vasten vii wachen
vn mit mängen andn Sachen
aber so vil ist er schuldig nicht
wer da alle zitt der arbeit pflicht
vn sy mit gantzen trüwen tut
do sprach diser mit erschroknem
müt
das han ich leider nit getan
I ach herregot wie sol es mir ergan
het ich die bredgi recht verstanden
so wer ich ietz ledig der schänden
vnd wurd behalten ewenklich
ach her sant peter nu bitt ich dich
dz du mir hcllffest vs disem leid
sant peter zu dem mane seit
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 271
85 gib mir in die band den schlegel
din
mag ich dich denn ziechen her in
so solt du wol hie beliben zwar
den schlegel bott er sant peter
dar
vnd hangt sich dar an
90 vii do er an den obresten Staffel
kam
do hüb sich kumers vil
wan vss dem schlegel viel der stil
dar an sich hüb der arm man
do gieng erst sin liden an
95 mit dem stil viel er do
her ab des ward er vnfro
in die helle nam er den val
alle sin fröide wurdent smal
siner arbeit hat er enkeinen Ion
100 das er sich mochte fröwen da
von
12. Der Pfaff im Käskorb.
[Ejin pur hat ein stoltzes wib
die hat er lieb als sin eigö lib
doch ir trüw brach sy an im
wan ein pfaff lag ir in dem sin
5 den hat sy lieber denn ir e man
vnd WZ sy güttes mocht han
dz WZ dem pfaffen bereit
vnd wenn der pur von huse reit
so sant die frow nach dem pfaffen
10 den ließ sy denn mit ir schaffen
WZ nu sin hertz begert
des wart er von ira gewert
doch kam es vff ein tag dar zu
dz der pur ze müle für
15 vil bald aber der pfaffe kam
als er vor dik hat getan
do bereit im die frow ein essen
wan sy hattent sich vermessen
si wöltind ein fryes müttli han
20 do kam von der müli der man
vn klopfet an dz hus ze hant
die frow dz do wol bekant
das es was ir man
zu dem pfaffen sprechen sy began
25 0 herr wie sol ichs heben an
won es kumpt min elicher man
wirt er üwer gewar
er erstichet vns bedi zwar
ze band sprach der pfaff" zu ir
30 sich frow gefiel es dir
so wölt ich in den käskorb stigen
wan dar in wil ich wol beliben
das es niemer innen wirt din man
[112] sy sprach ia dz wer wol getan
35 mügent ir dar in endrunnen
für war er wirt üwer niem' inne
ze hant er in den käskorb spraang
der pur do zu der tür in trang
zehant die frow sprechen began
40 ach setz dich nider min lieber
man
vn laß vns haben ein guten müt
ich han gekochet zwey essen gut
die laß vns mit enander essen
so han ich mich ouch vermessen
45 ich well vns dar zu bringen win
der pur sprach frow dz sol sin
ich iß vnd trink als gern als du
trag vns nun gnüg her zu
bringst mir gütz ich hilff dir essen
50 vn do sy ze tische warent gesesse
do aß der pur gar ser
aber die fifow sach hin vii her
do sach die frow dz
dz jn dem korb ein loch was
55 da durch hieng dem pfaffen das
dz jm by sinen beinen ge-
wachsen WZ
dz WZ wol einer spange lang
die frowen do die sorg betwang
dz si erdacht in irem sin
60 dz es der pfaff' züge zu im
hinin in die käsborn
won sy vorcht ir mannes zorn
zehand sprach sy do zu dem man
e lieber man nu sag an
65 was went wir morn thün
so der pfaff wirt mit dem krütze gan
272
J. BAECHTOLD
went wir nit ouch mit im singen
dz wir lob für ander lüt gewünnent
ia sprach er es gefalt mir wol
70 ich sing wz ich singen sol
ich hillff dir singen vff min eid
die frow do zu dem puren seit
ich kan ein gesang dz ist fin
do sprach der pur liebe husfrow
min
75 so heb an vn lern es mich
si sprach so los ich lern es gern
dich
also hub sy an vn sang
das es jn dem gantzen hus erklang
^+±
i I ^ I ^ ^ ^
f ^ ii
I ^ 1^ I
Ynser her der pfarer in ein kesbore"
=±
tili-.
entran do hienge^t im die hoden
i il^'il. .Ilil^ll
±±e
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vnden ver hin dan n'ii tund es durch
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mine wille^ vn ziechentz hin uff basß
i I ^ I i I 4- ;
±=^
±
wurd es der meyer inen er wurd
vns gehasß ky-ri - e ley-son
do der pfafF dz gesang vernam
80 ze band geriet er wol verstau
dz sin ding hieng durch dz loch
vil bald er dz hin in zu jm zoch
vil beleih dar inn vntz dz der man
ward von dem huse gan
85 [113] do sprang er bald zu dem
korb her us
vnd lüff wider hein in sin hus
damit wz er wol endrunnen
'^ ich gloub dz vnder der sunnen
niena sy kein listigers tier
90 den ein wib sy erdenket schier
einen list in irem hertzen
dz sy kunt vs not ane smertzen
so ein frow hat getan
mit vnzüchten wider iren man
95 wirt loch sin der mä halbe weg
innen
si erdenkt denocht in irem sinne
dz sy wol kunt an not dar von
als dise frow ouch hat getan
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 273
13. Von Fr
[B]y einem kloster gelegen was
ein bürg dar vif ein herre sass
der hat ein froweu edel vii fin
dero kam einsmals in den sin
5 dz sy wölt spacieren gan
in dz selb kloster sy do kam
vii spacieret in dem gartten grün
dar in wz manig blümli schön
dar in sy grossen lust enpfieng
10 ein stigel über einen zune gieng
dar über solt die frowe tretten
do kam des klosters koch vn-
gebette
vn haltf der frowen über den stig
lieblich trukt er sy an sinen lib
15 vii vmbfieng sy gar lieblich
des wundert die frowe sich
vnd sprach zu dem koch do
wie meinst du es also
dz du mich vmbfachest so lieblich
20 dz sag mir dz bitt ich dich
er sprach frow dz sol sin
ich trukt üch an dz hertze min
von rechter liebe die ich hab
zu üch gehebt vii mängen tag
^5 in minem hertzen han ich üch
getrag"«
doch torst ich es nie gesagen
si sprach koch ist das war
des wil ich dir Ionen zwar
kum in vnsern hoif vif dise nacht
30 doch solt wol haben acht
dz man dich nit seche dar inne
so wil ich erdenken einen sinne
dz du by mir belipst die nacht
gnad frow do der koche sprach
35 wes ich nu lang han begert
des wirt ich also von üch gewert
also schied sy do von dan
vnd do sy vff die bürge kam
vnd es ward nachen der nacht
40 [114] die frow do an den koch
gedacht
vn wartet sin vn do er kam
vii bald sy in zu ir nam
GERMANIA. Neue Reihe. XXI. (XXXIIl.) Jahrg.
a u e n li s t.
vnd fürt in an ir bestes bet
vii tougenlich si zu dem koche rett
45 vn sprach an dz bet leg dich nider
da beit bis dz ich kum her wider
las dir die wil nit lang sin
also gieng si do hin
in die stuben da spilt der herr
50 also nam si den widerker
vii leit sich zu dem koch hin dan
der koch die frowen fragen began
ob der herr wer in dem hus
oder ob er wer geritten vs
55 si sprach mit den knechte spilt
er in de brett
zehant do der koche rett
frow ist der herr in dem hus
für war so wil ich gan hin vs
wan ergriift er mich her inne
60 er gibt mir zwar der minne
si sprach koch belib hie bi mir
furcht dir nit dz gebüt ich dir
leg dich an dz ort hin dan
vä gebar dich als ein manlich
man
65 acht niemans vn hab gütten mut
furcht nit wz der herre tut
also bleib der koch by ir
mit sorg ward erfült sin begir
vn do nu der herre kam
70 an dz bett leitt er sich hin dan
doch gesach er nie den koch
wan die fedren giengent für in
so hoch
das er in nit sechen kond
die frow so sprechen do begond
75 her sol ich üch nit sagen
vii von des klosters koche klagen
do ich hüt wz in dem gartten
vii ser begond er vff mich warttn
vn do er mich aleine fand
80 zu mir kam er ze band
vn batt mich dz ich lag by im
do sprach ich koch das sol sin
wart min ze nacht by dem zun
so wil ich dinen willen tun
18
274
J, BAECHTOLD
85 vn wil komen zu dir
vnd wil erfüllen din begir
also gloubt er ze hande mir 125
vnd sprach frow so koment schier
so wil ich üwer wartten
90 hie in disetn schönen gartten
also gieng ich von im
also wänet er noch in sinem sin 130
ich welle zu im komen da hin
dar vmb lieber herre min
95 legent an dz gewande min
vH gant hin ab vn wartent sin
in dem garten by dem zun 135
der herr sprach dz wil ich gern
tun
gib her din Schleyer vn gewand
100 ich louff hin ab ze band
vn wil sin wartten gar eben 140
der minne wil ich im gnug geben
mft einem stecken sichex-lich
also bekleidet der herre sich
105 mit siner frowen gewand
vn gieng hin ab zu dem zun zehaud
vud do er vss der kamer kam 145
[115] der koch sprechen do began
o frow wie hant ir mich betrogen
1 1 0 üwer trüw hat mir ser gelogen
irwend mich bringen in grosse not
mir wer Wäger der bitter tod 150
die frow sprach koch hab glitten
müt
din ding sol noch werden gut
115 vil bald leg an din gewand
vii nim ein steken in din band 155
vnd gang hin ab zu im
vnd gebar in dinem sin
als ob du wänest für war
120 das ich sy komen dar
vnd welle tun den willen din
ze band solt du sprechen zu im 160
ach frow du schamliches wib
dar an hett ich gesetzt min lib
dz ir ein sölichs getörstint tun
wider üwern fromen man
ich wand ir werind trüwe vol
dz ist nu nit dz sich ich wol
also leit er an sin gewand
vil gieng da er den herren fand
mit eim stecken tratt er zu im
als ob er wand es wer die frowe sin
vn sprach o frow du vntrüwes wib
dar an het ich gesetzt minen lib
dz ir ein sölichs getörstint thün
wider üwern bider man
ich wand ir werind trüwe vol
dz ist nu nit dz sich ich wol
mit listen ich üch erfäret han
dz wil ich sagen üwerm man
dar zu wil ich üch ouch schlachen
der herr sprach o koch du solt
nit gach(3
ich bin der herr vii nit die frow
der koch sprach zu dem hern do
o herr wie mag dz sin
ich wand ir werind die frowe min
die wolt ich erfäret han
er sprach du hast im recht getan
ich sich wol sy ist mir getrüw
min trüw sol ouch werden nüw
gen ir wan ich sich wol
dz sy ist aller trüwen vol
vnd du bist ouch des glichen
dar viii solt niemer von mir wiche
in minem hof solt du bliben
by mir vn by minem getrüwen wibe
der koch also by dem hern bleib
mit der frowen er sin müttwillen
treib
vii WZ denochtder liebst sines hern
dz sach die frow ze mal gern
14. Von zwei Bettlern.
[1 1 ü] [Zjwen bettler giengent über feld
die hatten weder brot noch gelt
dar vfn liden si hungersnot
si wanden si müsten ligen tod
do sprach der ein ach got berate
mich
5
wan grossen hunger lid ich
der ander sprach so beratte mich
der her der da gewaltig ist
über dis land ze diser frist
10 der mag mir gehelffen wol
von dem hunger den ich toi
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 275
also fugt sich das
das ein diener da by was
der dem selben hern dienet do
15 vn do er die rede bort also
von den bettlern do reit er
hein vnd seit dem hern die mär
vfi do der herr die rede vernam
zehant hieß er den pfister her gan
20 dz er bald buche zwey brot
der pfister tett wz er im gebot
vü do die brot warent gebachen
do hieß der herr in dz ein ver-
mache
hundert gülden vnd dz ander solt
25 beliben an silber vn an gold
mit den zwey brotten sant er hin
den selben knecht vn hiess in
dz er gab dem dz liechter brot
der da hat gebetten got
30 dz swärer brot solt er dem andn
gebe
vn sprach blib da vii merk eben
ob ich den minen berate bas
den got den sinen vn do das
der knecht erhöret hat
35 zehand er zu dem bettler tratt
vn gab dem ersten dz liechter brot
der da bat dz in berietti got
vn dz brot mit den guldin
bot er dem andern bettler hin
40 der da bat dz in der herr berieti
der dz selb land rengnierti
do dz brot hat genomen der bettler
do dücht es in vil ze swär
dar viTi sprach er zu dem gesellen
sin
45 ach wie swär ist dz brotte min
es ist nit gebachen gnüg
15. Wolf u
[M]an findet vff erden mängen man
der sich mit siner stime kan
den lütten so süsse machen
in allen sinen Sachen
5 dz man wänt er sye vol
süssikeit dz spürt man wol
an einem wolfF do der kam
eins tags gegangen vff ein plan
der ander sprach gibs mir es ist
min fug
wan ich iß gern lindes brott
ze hant er es im dar bott
50 also do der Wechsel geschach
vn diser dz brot vff brach
do fand er die gülden dar inn
vil bald sprach er zu dem gsellen
sin
mich hat got beratten wol
55 wan das brott ist guldin vil
do nu diser bettler die sach vernam
er sprach ach wz han ich getan
dz brot WZ ze erst geben mir
nu sich wie bin ich betröge so
schir
60 es mag mir iemer wesen leid
der erst bettler do ze im seit
ich bat dz got beriette mich
so bat du aber dz dich
der irdisch herr berietti
65 der das land hie regierti
dar vm so mag man merken daby
welher ein besser beratter sy
also gieng do der knecht ze band
[117] da er sinen hern fand
70 vnd seit im eben die mär
wie es ergangen war
*? do sprach der herr nu sich ich wol
dz sich kein mensch vermessen sol
dz er welle tun bas denn got
75 wan es ist sicher ein spot
dz ist an mir wol worden schin
won ich wolt ein besser beratter sin
denn got dz ist nu nit geschechen
der warheit müs ich selber iechen
80 WZ got wil dz geschieht
dz gloub ich nu vnd änderst nicht
n d Geige.
da er ein gigen fand
10 an die gigen greiff er ze band
mit sinem fusse vil sere si klang
vil wol gefiel im dz gesang
von der stime ward er fro
vnd gedacht in sinem sinn also
15 sid diss ding singet so wol
so ist es ouch süsser spise vol
18*
276
J. BAECHTOLD
dar vm so han ich mich vermessen
ich welle sin gnüg essen
also beis er ie dar in ze hand
20 vil bald er do wol befand
dz es hertes holtze was
ze hant sprach er wz sol das
dz da hat so süssen ton
vn doch kein gut kunt da von
25 es hat sicher mich betrogen
sin stime hat mir gelogen
won si wz süss do wand ich
si were ouch süsser spise rieh
dz ist aber nit wan si ist vol
30 hertikeit dz spür ich wol
'^ diser gigen sint glich
es syent arm oder rieh
es syent frowen man iung oder alt
die ir wort mänigfalt
35 künnent sprechen mit süssigkeit
vn do der selben bitterkeit
dar in verborgen habent
vii valscheit dar by vergraben
wer den selben glouben wil
40 der wirt betrogen dik vü vil
das ist an dem wolf worden schin
[ll8]do ir stime wz süss vnd fin
vnd doch daz holtz wz hertte gar
als bald er sin ward gewar
45 er sprach süsse ist din ton
aber kein nutz kumet da von
du bist hert vii bitter dar zu
ein vngehüre stim hat ein kü
vn ist denocht besser denn du
50 dar vm so merk ich nu
dz ich nit sol gelouben der stime
ich werd denn vor der gütte inne
16. Der dankbare Lindwurm.
[E]in küng in grossen eren sass
der hat ein Schaffner als ich lass
gwido WZ der Schaffner genant
eins mals reit er über land
5 do benachtet er in einem wald
vnd kam geritten bald
vff ein hol dz er doch nit sach
dar inne geschach jm vngemach
wan er viel dar inne ze hant
10 vil schier er ouch da fand
einen lintwurm der an dem tag
was ouch gefallen in dz grab
er kond weder mit list noch sin
her vs komen vn do in
15 der wurm sach vil bald floch er
in ein ort der herre zoch her
in ein ander ort er da bleib ')
ietweder forcht den andern ser
vii do nu der tag kam da her
20 do kam ein armer man gefarn
nach holtze mit sinem karn
vff die grüben kam er do
gwido sach in vfi wz fro
vii bat in dz er im da von
25 hülffe won gütten Ion
wölt er im geben sicherlich
vh wölt im ouch von dem küngrich
gnad vii hilff erwerben
zug er inen also vs der erden
30 zu dem herrn der pure sprach
ach herr dz brächt gros vngemach
mir vü den armen kinden min
sölt ich üt lenger von in sin
wan sy lident grossen hungersnot
35 kum ich nit schier so sint sy tod
dar vüi ich mich nit langer sum^
kan
do sprach aber in der grub der man
nit tu also erledge mich
von diser not so wil ich
40 dich machen rieh an gold
dar vüi so wirt dir ouch hold
der küng des Schaffner ich bin
[119] hillflest mir es wirt din gewin
dar zu den kleinen kinden din
45 sol ouch geschechen hillffe schiii
der pur erhört sin gebett
vil bald er von dem karn tett
ein starkes seil vii bot es dar
des nam der wurm eben war
*) Ein Vers ausgefallen.
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHEHS. 277
50 an dz seil sprang er do
er kam her vs vii wz gar fio
dz er also endrunen was
der herre bat aber bas
dz er im ouch bütte dz seil
55 da durch sölt im geschechen heil 100
dz seil er im ouch dar bott
vn do er kam vss der not
do sprach er zu dem man
grosse hilff hast du mir getan
60 dar vfn kum morn gen hof zu mir 105
so wil ich wol dancken dir
der hilff die du mir hast getan
also schieden sy do von dan
nu mei'kent eben wz ich sag
65 do nu kam der mornig tag llO
do kam der pur gan hof gegang»^
vn wand er sölte wol enpfange
werden von dem hern sin
vil sere fragt er nach im
TO zu einem hofman er do kam 115
den bat er dz er wölt gan
sagen des künges Schaffner
das der man komen wer
der im halff von siner klag
75 do er in der grüben lag 120
der man tet dz er in batt
zi\ dem Schaffner er do tratt
vnd seit im die märe
dz der pur komen were
80 der Schaffner antwurtimvii sprach
den purn ich nie gesach 125
ich weis nit wer er ist
sag im in diser frist
dz ich in bekenne nicht
85 kein gut im von mir beschiebt
der hofman wider vmb gie
zu dem purn vn seit im wie 130
der herr hette antwurt geben also
der pur aber batt do
90 den selben hofman dz er
aber gieng zu dem Schaffner
vnd in bas ermante 135
dz er sin not erkante
wan wer der pur nit by jm ge-
wesen
95 vor dem wurm wer er nie genesen
der hofman seit dem Schaffner dz
das er sich besinnte bas
wan der pur seit im vil vn me
er het im gehullffen vs iamer
vil we
der schafner gab antwurt als vor
vil sprach er mag wol sin ein tor
wan ich in han gesechen nie
der hofman wider vmbe gie
zu dem purn vn seit im als ee
[120] der pur bat in aber me
dz er es durch got tätte
vn den Schaffner bas bätti
dz er selber kam zu im dar
vn des mannes näme war
der hofman wz ein willig man
vn bat in dz er wölti gan
selber zu dem armen man
in zorn do der Schaffner bran
vil zornig wart er in sinem mut
vi! hies dz man den purn gut
vom hof mit knütlen lagen
wan er wöltz im nit vertrage
dz er nach im fragte icht
wan er sprach er bekant in nicht
des Schaffners gebot wart nit ge-
spart
vil übel der pur geschlag»^ wart
an Ion kam er hein gegange
sin frow in sere hat belanget
nach irem man wan sy wand
im sölte werden wol gelond
von dem hern doch es nit ge-
schach
an irem man sach sy vngemach
waa er kam lär vii wz geschlage
si begond schryen vn klagen
die kind litten hungers not
si baten weder müs noch brot
in armüt warent sy gar
nu fügt es sich in dem iar
dz der selbe pur kam
in den wald da er nam
vss der grub den schafner
do sach er bald komen her
den wurm der ouch by jm wz
vil do er kam hin zu bas
278
J. BAECHTOLD
140 doließder wurm vss dem mund sin
valle ein stein wz schön vn vin
dar nach gie der wurm vö dan
den stein hub do vff der man
in sin hend er gefiel im wol 190
145 aller fröiden wart er vol
denselben stein er do trüg
zu einem man an künsten klug
vii bat in durch sin meist'schafft
dz er im seite des steines krafft 195
1 50 der meister beschowetdo den stein
do WZ sin krafft nit klein
[1"21] dem purn seit er vff der vart
diser stein hat die art
wer in by im hat wirdenklich 200
155 der wirt für alle lüte rieh
an silber vn euch an gold
dar zu werdent im die lüte hold
do dis red der pur vernam also
wolgemüt ward er vn fro 205
160 vn nam wider zu im den stein
damit zoch er wider hein
vnd ward da by so rieh *-l
dz iederman wundert sich
wannen har im käme so gros gut 210
165 etlich gedachtent in irem müt
er het es gestoln od' aber geroubt
einer gutz der ander böß gloubt
für den küng kament die mär
das ein pur worden wer 215
170 so rieh der vor arm was
der küng sprach ist war das
so fürent in her zu mir
so wil ich erfarn schier
wannen her im dz gut kom 220
175 vil schier ward der pur so from
gefürt für den hern do also
der küng fragt in do
wie es hette gefugt sich
dz er wer worden also rieh 225
180 vil schier seit er im die mär
von dem wurm vn di^ Schaffner
vn wie in der schaffn' hat en-
pfangen
do er kam gan hof gegangen 230
do nu der küng erhört dise mer
185 vil schier sant er nach dem
schaftner
vn fraget in ob es wer also
ia sprach der Schaffner do
nüt änderst getar ich iechen
wan die ding sint also gescheeh"
do der küng vernam die sach
zu dem Schaffner er do sprach
din hertz ist aller vntrüw vol
vn bosheit dz merk ich wol
diser man hat dir wol getan
des soltest in han geniesen lau
vn dankbar an im sin gewesen
wan du durch in wart genesen
dz hast du aber nit getan
dar vm so müst du schamlich gan
von dinem gut vnd gewalt
won an trüwen bist du kalt
dem der dir tet wol
hast du geschlagen streichen vol
dar vm so müst du gestiaffet sin
vn Verstössen von dem gewalte din
dz ellent müs dir sin bereit
dz machet din vndankbarkeit
hie bi mag man merken wol
dz ieder man sin sol
dankbar gen dem man
der im güttes hat getan
tut er des aber nicht
bilich im denn oueh geschieht
als des küngs Schaffner
[122] do er wz so vndankber
gegen dem gütten armen man
der inen vs der grüben nan
dar vm müst er farn lan
wz er hat vn ie gewan
wan der küng erkant das
dz der wurm der vnvernüftig was
gern dankber wesen wolt
sinem güttätter als er solt
wan er vergass nit siner not
denn er wz gefangen vff den tod
da von half im der arm man
dar vm wolt er nit ablan
er wolt im des tanken wol
mit dem steine krefften vol
das er da mit wurde rieh
oueh hieby so merk ich
Avz güttes hie vff ertrich geschieht
das lat got vngelonet nicht
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHKHS. 279
dz ist hie wol worden schin
235 dar vm so sond wir alle sin
zu gütten werken alweg bereit
so wirt vns vnser arbeit
von got gelonet sicherlich
hie wider merk aber ich
240 wa ieman vntrüw geschieht
das belibt vngerochen nicht
dar an gedenk ieder man
vnd tu als er well Ion enpfau
[I]ch wölte gerne dichten
ob mir es nieme wölt vernichten
ze rimen ettliche wort
als ich ein bredgi han gehört
5 mänig byschafft sagen
ich wil sin uit me getagen
wie wol das doch nu ist
dz mir der künste vil gebrist
vn ich ouch ze einfaltig bin
10 so nim ich es euch für mich hin
in gottes namen vn bitt ouch in
dz er mir hier in hellffent welle
sin
vn mir sin vil götliche krafft
verliehe vernufft vri ouch macht
15 dz min gedieht werd vollbracht
vil in glitten werken werd ge-
dacht
"l wem nu min gedieht nit wol ge-
falt
er si wib man iung oder alt
der laß mit züchte ab sin lesen
20 wil er so laß ouch mich gnesen
vn wa dis buch gebresten hab
vff keinen sin den nem er ab
dz ist min begirde gut
er sol vinden wer wol tut
17. Der beichtende Schüler
123] [Z]e paris gewesen ist
ein Student als man list
der hat ein grosse sünd getan
da von er ze grossen sorgen kan
5 in der schul hett er lesen
dz nieman mocht behalten wesen
vn ouch nit werden gottes kint
wer nit bichtete sine sünd
sin hertz dz betrachtet wol
10 als noch iederman tun sol
betrachten sine sünde gros
ob er wel werde d' behaltnen gnos
er gedacht dz wer ein grosse pin
soltist du iemer verdamnet sin
15 sin sünd er bichten wolt
als er von recht tun solt
er tratt für den bichter hin
vil wolt bichten die sünde sin
von rüwe er weinen began
20 dz er nit bichten kan
der bichter sprach zii im
mich wundert wie dz müg sin
dz du mir nit kanst sagen
vn dine sünde klagen
25 er sprach min sünd ist so gros
dz ich sy nit kan sagen also blos
der bicht' sprach die sünd mir
vschrib
dz si nit vngebichtet blib
er schreib sy an ein brieffelin
30 vn gieng wider für den bicht' sin
er aber weinen began
dz er im den brief kum bietten kan
er laß den brieff do zehant
büs er im nit geben kond
35 er gieng für den Christen zehand
vn tett im dise wort bekant
vn sprach mir hat gebichtet ein
man
dem ich nit bus geben kan
nement hin dz brieffelin
40 dar an ist geschriben die sünde sin
er nam den brieff zu im dar
der brieff wz getilket gar
er sprach ich weis nit wie im ist
an dem brieff sich ich kein ge-
schrifft
45 der erst bichter sprach vff min
trüw
er hat gehept so grosse rüw
dz ich es nit sagen kan
got hat im sin sünd abgclan
280
J. BAECHTOLD
vn sin sünd vergeben gar
50 er ist ledig von den Sünden zwar
*^ by diser bischaflFt merkt man wol
dz iederman rüw haben sol
vin sin sünd klein vn gros
ob er wel werden ein behaltner
gnos
55 kein sünd ist so gros nit dz gloub
mir
best du rüw got vergit sy dir
dar an nieman zwiflen sol
got ist aller gnaden vol
bist du ledig von gantzer rüw
60 vn bitest got vfi* min trüw
so wil dir got din sünd vergebe
vn dar zu verliehen ewig leben
ich sprich es vff min trüw
dz nüt besser ist denn gütte rüw
65 [124] hätti diser nit gerüwet vii
gebichtet wol
grosser pin wer er worden vol
vn musti verdamnet iemer wesen
mit gütter rüw ist er sust ge-
nesen
nu sond wir alle gedenken
her an
70 vn sond vm vnser sünd rüwe
han
18. Die ges toh
[V]on brug ein halb mil von baden
han ich gehört sagen
wie dz ein dieb gestoln hat
ein mastrantz in der statt
5 da warent dry offleten in
die nam der dieb mit im hin
vu Schutt sy vor der statt in ein
bach
ein gros wunder da beschach
do der hirt vstreib dz vech sin
1 0 vn kam für dz bächly hin
dz vech wolt nit danen gan
won das es der hirt müst danne
schlau
es vil ouch vfi" sine knü
als ob es bettite mit gantzer rüw
15 vil bald ouch der hirt die ofFleten
sach
Sweben enmiten in dem bach
vn sach vfi" iettlicher sunderbar
dry blüt tropfen klar
die pfaffen rüfft er bald an
20 das si mit im söltint gan
zu dem bach ze band
das wunder tett er inen bekant
si giengent mit im balde dar
vn nament des grossen wunder
war
lene Monstranz,
25 vii gehieltent die ofileten mit
wirdikeit
des kam der dieb in grosses leid
die ofileten mit dem lebenden
gottesbliit
mit wirdikeit man in die stat
trug
vn gehieltent den vil wirdig<^ sold
30 mit wirdikeit als man solt
nu wil ich ouch sagen
war man sy hab getragen
ze Zürich man die eimn hat
brug die ander nit von ir lat
35 die dritt ist an dem rin
ze basel in der richstat vin
*3 hieby so weis ich wol
dz dar an nieman zwiflen sol
dz sich der allmächtig gott
40 selber berge in dz heiig brot
dz die priester niessent all-
gemein
dz fleisch vil dz blütte rein
vnd ouch alle cristenheit
die ir gelouben dar an leit
45 wer gottes Hb hier inne nit ge-
wesen
ein sölich zeichen wer hie nit
geschechi?
FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN DES XV. JAHRHS. 281
19. Von einem häßlichen Pfaffen.
vss einer houpt
[125] [V]ff dem land ein pfaffe sass
gen dem trug ein herr grossen
hass
won der pfaff vngeschaff"en was
da von er vor im kum genaß
5 hinder im wolt er nit ze meß stan
er sprach got ist nit ein sölich man
dz er kom in kein lib so vn-
geschaffen
ich ker mich nüt an disen pfaffen
von im wirt kein gut werk ver-
bracht
10 ich wil im niemer louffen nach
er wand dz kein vngeschaft'en
pfaff-^
mit gott üt guttes künne ge-
schaften
vn kein vngeschafien lib
möchte vollbringen guttes üt
15 disen glouben wolt gar nit ver-
trag-
eins mals do er vss für lagen
der herr mit sinen hunden
so kunt er vfF der stunde
ze einem bach schön vnd vin
20 er sprach wie mag das sin
vff min trüw dz müs ich iechen
dz ich hie nie kein brun han
gesechen
ich wil niemer erwinden
sin vrsprung wil ich finden
25 do er kam zu des brunen end
do sach er vil behend
das der brun da vs gieng
vn sinen vrsprung da enpfieng
schudelen vn-
getan
30 dz sach er alles an
er sprach wie kan dz sin
dz das schön briinnellin
vss dem vngeschafFnen dinge kunt
ein engel wz do hie zestund
35 vn sprach zu disem man
dis wunder solt du sechen an
sich dz ein vil schöner bruii kunt
vss einem vngeschaffnen grund
du wilt versch machen dinen pfaff?
40 dar vm dz er ist vngeschaffen
gütti werk er wol volbringen kan
dz macht du wol sechen hier an
dz ein vil schöner brufie kunt
vss einem vngeschaffnen grund
*?45der mensch sy iung oder alt
vngeschaffen oder wolgestalt
oder WZ jm gebrist
oder wie er ge^^chaffen ist
[126] gutti werk mag er wol verbringen
50 mit betten vn mit aud'n dingen
ist loch ein mensch vast vngestalt
got erhört in als bald
als einen menschen schön vn klar
das gloubent es ist war
55 ein armer mensch got lieber ist
denn der rieh dem nüt gebrist
het loch ein mensch vngestalt-
nuss vil
got in nit verschmachen wil
vn wil in erhö-cn beider zwar
60 denn den riehen dz ist war
20. Von einer Büßerin.
[E]in gut brüder in einem walde wz
der hat ein schwöster als ich las
die lüff in dem offnen leben
da müst der brüder wider streben
wan sin gesellen strafften in
war vnl er die schwöster sin
nit vss dem wilden leben näm
vn si zu gütte nit machte zäm
^ins mals do gieng er vs
10 vnd kam für das frowen hus
sin schwöster fand er da stan
vil weder stuch'^ noch gürtlen
viühan
er tratt für die swöster sin
vil sprach liebi swöster min
15 du solt kern vss diesem kranke
leben
vn dich got gäutzlich ergeben
282 J- BAECHTOLD, FABELN, SCHWANKE UND ERZÄHLUNGEN etc.
vnd solt im dienen alle fiist
won dis h:ben so zerganglich ist
stuibist du also so werist verlorn
20 wan du hast bewegt gottes zorn
de sprach die schwöster sin
ach sag mir lieber bruder min
wölte mir got noch min sünd
vgebe
so Avölt ich mit dir gar balde
streben
25 swöster das solt eicher sin
got wil dir vergeben die sünde diu
ob du bichtest vn rüw enpfachst
vnd von der sünde last
si sprach so wil ich benütte lan
30 vil bald wil ich mit dir gan
er sprach so nim bald din gewand
vn gang mit mir zehand
si sprach kam ich wider in dz hus
so kam ich vilicht kum wider
her vs
35 ich wil es vnder wegen lan
vn wil vil bald mit dir gan
mit enander giengent sy jn den
wald
do hortent sy vil bald
lüt an dem wege gan
40 er sprach liebi swöster wolgetsin
du solt in die studen schlichen
[127] vnd den lütten entwichen
si züchent änderst alle mich
das ich hab beschlalFen dich
45 die süöster in die studen gieng
vil grosse rüw sy do enpfieng
von rüw sy so leidig ward
das si sich an den toinen zerzart
das sy nider viel vnd wz tod
50 des kam der bruder in grosse not
do er die lüt nit me sach
der schwöster rvifft er vn sprach
kum her liebi swöster min
die lüt sint recht alle da hin
55 die swöster im nit entsprach
won si in den studen tod lag
er gieng in die studen hin
vnd sucht bald die swöster sin
er fand sy ligen also todt
GO da hüb sich gros iamer vii not
er gieng für bas in den wald
sincn brüd'n er die not erzalt
vnd bat sy tugentlich
dz sy got hätten ernstlich
65 das er inen tätti schin
ob sy behalten oder verlorn sölti sin
vil bald ein engel zu inen kam
der sy ab dem wunder nam
vil sprach si ist behalten sicherlich
70 won si hat vast gekestget sich
vn het gehept so gi-osi rüw
vn hat got gebetten mit gantz' trüw
dz er ir vergab ir sünde
da von ist sy worden gottes kinde
'^l 75 0 Sünder du solt bald rüwen
mit gantzem ernst vn trüwen
so wil dir got din sünd vergeben
vn dar zu liehen ewig leben
du siehst wol hier an
80 vn hättist alle sünd getan
rüwest vn bichtest sy luttei-lich
so wil got reingen dich
von dinen sünden allen
das du nit kanst ze helle fallen
85 tust du aber das nicht
so bist du sicher das es beschicht
das du must iemer verdamnet sin
vn must liden alle heischen pin
21. Göttliche Strafe.
[I]n friesenland das geschach
das dz mer vngestüm vsbrach
Tii versankt des landz ein michel
teil
dz geschach von der lütten vn-
hcil
5 als ich üch sag hie nach
[128] in dem rat als dis geschach
erschein vnsri frow die reine
magt
einer kloster frowen die lept in
helikcit
J. J. BÄEBLER, EIN TAGELIED.
283
zu der sprach sy in disem land
10 Avart ein priester geschant
mit mines kindes fronlichnain
zii einem siechen vn do im be-
kam
ein man der von hier trunken wz
mit bier bracht er ein glas
15 vn bot es dem priester dar
vii sprach des bieres nement war
vnd trinkent sin zu mit mir
land Sechen ob ich bas trink od' ir
do der priester die red vernam
20 mit züchten wolt er dannen gan
mit dem sackrament als im ge-
zam
do wart zornig der trunken man
vii warfF dz heiig sacrament
dem briester vss einer hend
25 dz es an der erden glag
der priester do vfflesens pflag
vn trug es mit wirdikeit
wider hein won im wz leid
ZÜRICH.
des helgen sacrameiitz vner
30 dar vm hat got gezürnet so ser
das er hat vii landes versenkt
vn dar zu vii gütz ertrenkt
von diser enterung wegen also
schied vnsri frow vö dannen do
"1 35 dis zeichen lert frowe vnd man
das sy glouben söllent han
an das heiig sacrament
das gottes f'ronlichnam ist genent
vii dz sy es erint loblich
40 won es ist aller sälten rieh
wer vnere dar an leit
vii wenig im dz got vertreit
er geschendet in vn alle die
die im des verhengent hie
45 wer im aber erbütet er
der wirt leben iemer mer
hoch in der himel tron
dar vm so haltent schon
das sacramänt in wirdikeit
50 so wirt üch ewig fröid bereit
J. BAECHTOLD.
EIN TAGELIED.
1.
Eruianen dut si mich so grim,
und ist mir gar ein schwere pin,
wenn ich erhör des Wächters stim,
so wirt betrupt das herze min,
Er düt mir kund
die ersten stund
das ich der zit
nit uberbeyt
die mir so bald zuo banden stät,
er jdt und trypt ')
mit mir kurzwil,
0 frow gib mir in truwen rät.
2.
laß nun nit ab herzliebster gesell,
derselbig schmerz duot mir och we,
mir ist erst leid din ongefell,
gelob furwar des min ist me,
wie kanst im dun,
nit hin den Ion,
den ich han zuo dir,
wend nit von mir,
die andre stund düt meiden das,
laß dich daran
wenn-ichs wol kan
und suochs by mir nach diner beger.
Si gipt mir fröd und hohen müt,
die schönste frow in aller weit,
dardurch ir lieb mich trösten düt,
furwar ich habs vor ofFgemelt,
nim minen gunst,
den ich umbsust
nun han zuo dir,
wend nit von mir.
der wachter ruft zum dritten mal.
') Am Rande steht sjiiU.
284 J. J. BAEBLER
0 ennger hört, 5.
merk uff die wort, ^„n bleuet dich got der mich ge-
si schnidend mich recht wie der stral. schuff
du krenkest mich mit ganzer macht.
*• Ich hör des wachters lettsten ruff,
So trost dich still, das wer mir not, die funffte stund nauch mitternacht.
wenn all min fröd sind mir vergift — 0 frow nit gach,
O ennger hört o wer ich tod du mich umfach.
wenn scheiden du hast mir mort gestift do si das sach,
0 frow mit schmerz wie leid si sprach
wo ist din herz Kein scheiden lag mir me so hartt.
dardurch mit gemüt ich bitt dich eins;
haut gschwept und gwebt gewer mich encleins
Ich hör des wechters vierden hal, und spar mirs nit zur widerfartt.
der mich durchdringt,
das mir geschwintd.
er nimpt mir all min fröd und schall.
Im Rathsmanuale der Stadt Aarau (Schweiz) , welches die Jahre
1492—1497 umfaßt, findet sich auf Seite 147—148 das raitgetheilte
Tagelied. Die Schrift stimmt mit den übrigen Eintragungen überein;
diese sind entweder amtlich oder bloße Ausfüllungen offenen Raumes
und gehören einer Zeit an, als das Manual außer Gebrauch gekommen
war. So steht auf Seite 63:
was darfs vil wort gen dir min hört
und höchster schätz du weist den satz und wie.
An verschiedenen Stellen sind lateinische Verse und Sentenzen ein-
geschoben, so auf Seite 81:
Locutum me sepe penituit tacuisse vero nunquam.
Sis velox ad audiendum tardus vero ad loquendum.
Proximus est deo qui seit ratione tacere.
Seite 38 enthält ein Bewertt Arcny wider die pestilentz:
Nim dry loffell vol knobloch, dry löffell vol geprantz win, dry
loffell vol essich, ein lot dreack^) und das duo durch ein ander vnd
wen ein die pestilentz ankumptt, so gib im ein loffell vol.
Seite 61 — 62 sind ausgefüllt mit zwei Abschnitten aus einem
Rituale; das eine hat keinen Anfang, das andere kein Ende.
In der ersten Strophe unseres Liedes ist er ylt und tri'pt mit mir
kurziüil sinnlos. Der Wächter verkündet die erste Stunde und mahnt
zum Scheiden, er treibt also nicht Kurzweil, vollends nicht mit der
Frau; er nimmt die Kurzweil; die ursprüngliche Fassung ist nicht
mit Sicherheit herzustellen. In der zweiten Strophe läßt sich die ver-
') Tberiak, eiu eiubchläferiides Mittel.
EIN TAGELIED. 285
dorbene Stelle mit hin den Ion aus dem entsprechenden Verse der
dritten Strophe nim minen gunst umändern in nim minen Ion. Der
einschließende Reim verlangt zum Schlußworte der zweiten Strophe
becjer — die ander stund düt melden er. Das Mittelstück der vierten
Strophe ist ganz verschrieben. Zunächst fallen die zwei mit in die
Augen; das eine hat das andere nach sich gezogen; erhält das erste
die richtige Form, so ist auch die zweite gevvonnen. Die Frau ist in
dieser Scheidungsstunde zugleich des Geliebten Schmerz; die Stelle
lautet demnach: o froiv min schmerz; es ergibt sich von selbst min
grnuet. Der Reim verlaugt Umstellung der Wörter: dardurch hat ge-
schivept min gmuet und gwebt. Zweifelhaft bleibt die vorletzte Zeile
von Strophe 5.
Die zweisilbige Senkung in wenn scheiden du hast mir mort ge-
siifft in der vierten Strophe darf nicht geduldet werden. Der Vers
lautete wohl: dein scheiden hat mir mort gestijft.
Die Strophe besteht aus zwölf Versen ; die ersten vier enthalten
je vier, die folgenden je zwei Hebungen ; im letzten Drittel schließen
zwei längere Verse die beiden kürzeren ein. Die Reimstellung ist
dreifach; das erste Drittel hat kreuzweisen, das zweite Drittel paar-
weisen, das dritte einschließenden und paarweisen Reim.
Der Wächter ruft den Tag an, ohne mit den Liebenden in Ver-
bindung zu stehen; so in der älteren Alba der Troubadours, so noch
bei Wolfram von Eschenbach'). Aber Wolfram schon zieht ihn ins
Geheimniß und er erhält das Amt zu warnen. In der Regel vernimmt
die Frau zuerst die warnende Stimme und häufig führt sie ein Zwie-
gespräch mit dem Wächter, ohne daß der Gesell zu Worte kommt.
In dem Liederbuche der 'Clara Hätzlerin' 1471) ist der Wächter zu seiner
ursprünglichen Aufgabe zurückgeführt, die Stunden zu rufen, und damit
ist auch die einfachere Volksweise wieder zum Rechte gekommen.
So erscheint der Wächter auch in unserem Tageliede, und nur so
erklärt es sich auch, daß in jeder Strophe ein neuer Stundenruf ertönt
und diese Nachtarbeit mit der fünften Stunde geschlossen ist.
Mit dieser fünffachen Wiederholung des Stundenrufes weicht das
Tagelied von anderen ab, sowie auch darin, daß der Mann den
Wächter hört und nicht die Frau. Auf diese Fünfzahl ist das Gedicht
aufgebaut. Der erste Ruf erweckt die Klage des Mannes, daß er eilen
•) Karl Bartsch, Die romanischen und deutschen Tagelieder, in den „Gesam-
melten Vorträgen und Aufsätzen". Freiburg i. Br. und Tübingen 1883. [Über die
Entwicklung des Tageliedes ist jetzt die Leipziger Dissert. von de Gruyter zu ver-
gleichen. O. B.]
286 J- J- BAEBLER, EIN TAGELIED.
müsse. Ihm entgegnet die Geliebte mit erhöhtem Schmerze und einer
nutzlosen Andeutung, den Wächter zum Schweigen zu bringen: icia
kanst im duon, und fordert ihn auf, um so wonniger die Frist zu be-
nutzen; denn schon ertönt der zweite Ruf Die dringende Mahnung
der Geliebten findet ebenso warmen Dank in den gleichgewählten
Worten der dritten Strophe; um so schmerzlicher schreckt den Mann
der dritte Ruf auf. Mit der zunehmenden eiligen Erregtheit beginnt
auch der raschere Wechsel der Rede; die vier ersten Verse der vierten
Strophe gehören der Frau, die übrigen dem Manne zu; auch hier
tönen die entsprechenden Worte aus der dritten in die vierte hinein.
Die fünfte Strophe läßt die Worte der Frau durch den Geliebten unter-
brechen; der Abschied ist leidenschaftlich; darum theilt sich die letzte
Strophe dreifach. Durch das ganze Gedicht geht eine correspondirende
Bewegung in Rede und Gegenrede , und nur an einer einzigen Stelle
schiebt sich die Erzählung ein, am Schlüsse, um gleichsam die herbe
Trennung nachdrücklicher vorzubereiten. Auch hierin nähert sich das
Tagelied dem Volksliede. Vielleicht weist das seltene „enger" hört')
auf frühere Zeiten zurück. Nun scheinen freilich unzarte, unpoetische
und triviale Wendungen nicht zum edleren Volksliede zu stimmen,
und wir müssen stehen bleiben bei einem Verfasser, der wohl das
Kleid des Volksliedes wählt, aber der Empfindung einen vergröberten
Ausdruck gibt**).
Ein Gedicht also mit schönem Aufbau, musikalischem Rhythmus,
erinnert au das Volkslied vielleicht des XIV. Jahrhunderts; störende
Wendungen jedoch schieben es in eine rauher gewordene Zeit hinunter.
AARAU. J. J. BAEBLER.
') vridauk: ein wiser herre gerne hat witen viiunt und engen rat.
') V. Schluß der zweiten Strophe; in der dritten Strophe furwar ich habs vor
offgemelt; in der vierten das mir gschwintd (die Sinne schwinden mir).
A. JEITTELES, ALTDEUTSKE GLOSSEN AUS INNSBRUCK. 287
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK.
Die Handschrift der Innsbrucker Universitätsbibliothek Nr. 355,
vormals dem Cistercienserkloster Stams in Tirol angehörig, hat Mone
im Anzeiger f. Kunde d. d. Vorzeit ßd. 8, S. 99 verzeichnet und
daselbst die ersten Anfänge der wichtigeren altdeutschen Bestandtheile
mitgetheilt. Es ist dieselbe Handschrift, aus der ich in Germania
XXIX, 338 verschiedene Färbemittel und Recepte, deren Mone keine
Erwähnung thut, veröffentlichte. Ich schicke mich nun an, auch die
übrigen werthvolleren Stücke bekannt zu machen.
Die Handschrift enthält I. (Blatt 13''— 16") die im deutschen Mittel-
alter vielverbreiteten, auf die Thier- und Baumnamen bezüglichen lateini-
schen Gedächtnißverse mit deutschen Interlinearglossen, II. (Bl. 17" bis
18") 67 lateinisch-deutsche Hexameter, theils juristischen, theils ge-
mischten Inhalts, III. (ßl. 86'' — 93") ein lateinisch-deutsches Pflanzen-
vocabular, in das überdies vereinzelte mineralogische, zoologische,
ökonomische und chemisch -technische Ausdrücke eingestreut sind.
Erwähnenswerth ist ferner, daß auf Bl. 1* — 9* eine lateinische Abhand-
lung über die Art und Weise^ wie sich der Beichtiger gegenüber dem
Beichtkinde zu benehmen hat, enthalten ist, worin zu den besprocheneu
Sünden des Beichtenden öfter die deutschen Synonyma gefügt sind.
Der Codex, auf Pergament geschrieben, 18 Vg Cm. hoch, 14 Cm.
breit, enthält auf der Innenseite des Vorderdeckels die Worte: Iste
lib* datur e monastUo sei Johis in Stams a ven^abili düö Ludwico de
Rämüg ob meöriale ppetuü salutis aie sue.
Diese Sammelhandschrift gehört dem 14. Jahrhundert an; die
altdeutschen Bestandtheile entstammen höchst wahrscheinlich dem Jahre
1434^) oder 1435. Die Gründe, die für diese Zeitbestimmung sprechen,
sind folgende: 1) Auf Bl. 70" — S'2^ stehen mit lateinischen Glossen und
mit Commentar versehene lateinische Disticha, an deren Schluß die
Worte angemerkt sind: Anno dui millJnö CCC°XXXIIII'' in die beate
Lucie virginis conpletus est autor iste nomine Cornutus p manus
Rüdolffi Scolaris in Tyrol. 2) Auf Bl. 99" befindet sich am Schlüsse
einer auf das Pflanzenvocabular folgenden latein. Abhandlung mit der
Aufschrift 'Von Priester Johan', deren Schriftzüge jenen des Voca-
bulars gleichen, die von anderer, wahrscheinlich jüngerer Hand her-
') Auch Mone setzt sie ins Jahr 1434, ohne Beweisgründe dafür beieubringen.
288 A. JEITTELES
rührende Angabe: Sub anno domini MCCCXXXV die ultimo Maij
natus est Engelinus filius meus. Coopatres mei Dns AlbHus de Vellen-
b*ch, Dös Jacobus Griffo de Mays, milites, Engelmannus Auztruncli,
Ciuis de Merano. 3) Auf Bl, 102" — 132'' stehen lateinisch geschriebene
'Epistolae Pharaonis', hinter welchen das Datum eingetragen ist: Anno
dni MCCC"'°XXXV** die Sabbati proximo post ascensionem dni mensis
maij in Tirol in domo Nolariorum conplete sunt XX Epistole pharao-
nis p manus Rüdolffi Scolaris de mSmo, do walther sein hütel verlos.
Was die Heimat der deutschen Stücke anlangt, so unterliegt es
kaum einem Zweifel, daß sie in Osterreich entstanden, beziehungs-
weise geschrieben sind. Auf die österreichische (bairische) Mundart
weisen nämlich die häufige Anwendung der Diphthongen ei und au
für i und m, das Vorkommen von eu für in {hunffieug , ceul) , von p
für h im Anlaut, von ch für yt, c im An-, In- und Auslaut, die Wort-
formen holer (= holder, hohiwler) , gleimel u. a. hin. Dem gegenüber
sind vereinzelte mitteldeutsche Wortformen wie scene, stake, herte
(= Jnrte), smerlekin und das alemannische hurzeli, sandelt ohne Belang.
Bringt man ferner die Provenienz der Hs. und die mehrfach darin
enthaltenen localen Beziehungen in Anschlag, so dürfte man kaum
fehlgehen, wenn man ihr tirolischen Ursprung zuerkennt.
In dem folgenden Abdruck habe ich sämmtliche Abkürzungen
("mit Ausnahme von i. = idem) aufgelöst und die mit übergeschrie-
benem e bezeichneten Umlaute von a, o und 6 in ä, ö, ce sowie die
mit V, 0, e überschriebenen o und i(, in ou, uo, ue aus typographischen
Gründen, weil nämlich die betreffenden Schriftzeicheu in der Druckerei
mangeln, umgewandelt. Auf den in der Hs. beliebten Wechsel im Gebrauch
der Majuskel und Minuskel nehme ich keine Rücksicht, ebensowenig auf
die bisweilen vorkommende Trennung der einzelnen Glieder zusammen-
gesetzter Wörter. Die in I und II der Hs. in der Mehrzahl der Fälle
rothgeschriebenen deutschen Glossen sind von mir durch Cursivschrift
gegeben, desgleichen die deutschen Namen des Vocabulars. Die meisten
dieser Worte finden sich in Diefenbachs Glossarium lat.-germanicum
mediae et infimae latinitatis und in dessen Novum Glossarium, häufig
jedoch, wie die unten befindlichen Verweise zeigen, mit mehr oder
weniger wechselnden lateinischen oder deutschen Bezeichnungen. Es
ist mir gelungen, sehr vieler solcher abweichenden Formen habhaft
zu werden; manche Wörter waren aber trotz angestrengtester Be-
mühung nicht aufzufinden, was darin seinen Grund haben mag, daß
die sonst sauber geschriebene Handschrift nicht wenige verderbte
Formen und viele Schreibfehler aufweist. Diese unaufgefundenen
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK. 289
Wörter sind theils in den Anmerkungen besonders besprochen, theils
— und das ist in dem Vocabular mehrmals der Fall — durch ein
vorgesetztes Sternchen kenntlich gemacht. Zur Erleichterung des
Lesens führe ich die Interpunction durch. Abkürzungen : D. = Diefen-
bach, Glossarium. DNGl. = Diefenbach, Novum Glossarium. Nemnich
= Allgemeines Polyglotten-Lexikon der Naturgeschichte *). u. = unter.
I.
Aus der von Zacher in der Zeitschrift für deutsche Philologie
Bd. 11, 299 ff. gegebenen chronologischen Übersicht über das auf die
Nomina volucrum* etc. bezügliche Handschriftenmaterial ergibt sich
daß unsere Hs. sich durch reicheren Text von den meisten übrigen
veröffentlichten Hss. vortheilhaft unterscheidet, indem die Nomina
ferarum, die anderwärts bloß 12—13 Verse umfassen, auf 21 Verse
ausgedehnt und die sonst gewöhnlich bloß mit 2 oder höchstens 4
und nur in der Frankfurter Hs. (Zacher a. a. O. unter Nr. 14) mit
13 Versen bedachten Fischnamen in 6 Versen behandelt sind, an
welche sich überdies weitere 472 Verse ™i*^ Namen von Insecten und
Hundearten reihen. Nur muß bei letzteren Versen in unserer Hs. auf-
fallen, daß die Insecten bereits unter den *Nomina paucarum ferarum'
Erwähnung fanden. Ebenso auffällig ist der Umstand, daß die 'Nomina
piscium' mit den Worten 'Hie etiam' den Anfang der Gedenkverse
machen. Hält man damit zusammen, daß die Hs. , wie oben bemerkt
wurde, ungeachtet ihrer österreichischen Färbung mehrere mittel-
deutsche Elemente und sogar zwei specifisch alemannische Wortformen
in sich schließt, so gelangt man zu der Annahme, daß sie aus zwei
oder vielleicht sogar aus mehreren Vorlagen compilatorisch hervorgieng.
Auch in Hinsicht auf die Beschaffenheit und insbesondere die
Anordnung der Verse herrscht in der Innsbrucker Ha. Verschieden-
heit. Im Übrigen ist auch sie, gleich den übrigen Versionen, reich an
Entstellungen und Irrthümern.
*) Das Werk ^ on Nemnich finde ich an verschiedenen Orten, z. B. in K. Eegels
Mittelniederdeutschem Gothaer Arzneibuch, mit vier Bänden citiert. Mir lag das
Exemplar der hiesigen Universitätsbibliothek vor, das in drei Bänden gebunden ist
und wovon Bd. I den Titel führt 'Allgemeines Polyglotten-Lexikon der Naturgeschichte.
Von Philipp Andreas Nemnich.' Hamburg 1793, Bd. II die selbständig paginierte,
allein des Titels entbehrende Fortsetzung dieses Werkes ist, Bd. III endlich ein be-
sonderes Werk darstellt mit dem Titel: 'Wörterbücher der Naturgeschichte'. Hamburg
(1798). Von einem weiteren Bande konnte ich weder in der k. k. Universitätsbibliothek
noch in der kaiserlichen Hofbibliothek eine Spur entdecken, obwohl in Kaysers und
in Heinsius' Bücherlexikon auffallender Weise allerdings vier Bände verzeichnet sind.
GERMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 19
290 A. JEITTELES
(fol. IS"") Hie etiam pisces et eorum nomina disces:
hehte sleye alnr vorhe asch
Lucius et tincus, capado, trota, tymallus,
hcerink walr lachs al lampred
Allee, balena uel esox, angwilla, raorena,
rcet stur rutte huse sahn
Coracinus uel rembus, allopida, staurus, echynus,
nas prächs stainpeiz
5 Mulus, spirna, cluma, saxatilis indeque porca,
schorp grundel stidan
Scorpius, astacus et fundula, balba, suacus,
wefse mukke fliug Jiurnouz keuer grille
Vespa, Culex, musea vel oester, scaba, cycada
humel huntsmuk weinmuk chnefin
Ac atacus, cinifex, bibiones, gurguliones,
zweiualter wisel keuer
Cantarides, fucos dicas in fineque brucos,
jaghunt winde rüde spwhunt mistpelle
10 Siluius et veiter, molossus, clancula, perper,
prakke vogelhunt weif
Listicus, cisper, catulus
Hier sind in der Hs. 7 Zeilen leer gelassen, darauf folgen von
der gleichen Hand 21 lateinische Hexameter, die ich, um keine Lücke
zu lassen, ebenfalls zum Abdruck bringe.
(f. 14'') Burdonem generat sonipes conmixtus aselle,
Mulus ab archaideis et equina matre creatur,
2 capado] Vgl. Capito bei D. 97. trota] D. 599 u. Tructa. 3 lampred]
Dafür haben andere Hss. die sonderbar entstellte Form lantfride, vgl. D. 372 u.
Murena. 4 rcet] 1. rot. rembus] 1. rhombus. staurus] Bei Mone, Anz. 8, 98 die
Glosse: scaurus Mise. Vgl. D. 551 u. 558 u. Staurio, Sturio. salm] Ebenso bei Mone
8, 98, hingegen bei D. 196 hüse. 5 Mulus] 1. Mullus. spirna] Vgl. spirena bei
D. 547, wo aber die deutsche Benennung abweicht. 6 balba] Soll es für barba
i. e. barbus stehen und Barbe bedeuten? suacus sudmi] Von diesen Thiernamen
kann ich nirgends eine Spur entdecken; wahrscheinlich liegen stark entstellte Formen
vor. 7 Die Benennung kever kann ich für scaba anderwärts nicht belegen. 8 Cinifex]
D. 119 u. Cimex. gurguliones] Bei D. 163 u. Curculio andere Bedeutungen.
9 Cantarides] Bei D. 96 andere deutsche Benennungen. wisel] wahrscheinlich ent-
stellt für wispel, wespel, vgl. D. 250 u. Fucus. 10 Siluius] Bei D. 534 Silveus.
clancula] Bei D. 125 clanculus. Was aber perper (Hs. pper) bedeuten soll, weiß ich
nicht; man wäre versucht es für Entstellung von prsepes zu nehmen, aber dazu
stimmt die Glossiernng mistbelle (Mhd. Wb. 1, 126. Lexer 1, 2176) nicht. 11 Listicus]
:= Liciscus, s. D. 328 u. Lycisca. Cisper weiß ich nicht zu belegen.
2 archaideis] Ein für mich dunkles Wort, das übrigens schon darum verdächtig
ist, weil es nicht in den Vers passt. Am nächsten läge an asellis zu denkon und dios
für die ursprüngliche Lesart zu halten.
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK. 291
Tytirus ex ovibus ast yrcus erit pater eius,
Musionem capra veruecis semine gignit,
5 Apris atque sue focosus nascitur yber,
Sed lupus et catula faciunt coeundo liciscam.
Vt balatus ouis sie est rugiere leonis,
Vt latrare canis barritus sie elephantis,
Est hinitus equi nee non ruditus aselli,
10 Est mugiere boum, sie est vllulare luporum,
Sic grunire suis data vox, vncare sed vrsis,
Sibila dat anguis, sed tu, wulpecula, gannis.
Cum turdus crutilat, tunc sturnus pusicat ore,
Cacabat liinc perdix et graticat improbus anser,
15 Accipitres pipant, miluus lupit oris hyacu,
Curcurrire solet gallus, gallina gracillat,
Pullulat et pauo nimium, vaga crissat yrundo,
Psitacus humanas depremit uoce loquelas,
Ponpilat ore legens munera mellis apra,
(f. 14'') 20 Porro stercumit anas vaga luxuriam per undas,
Mus auidus mintrit, rana coaxat aquis.
Hunc uolucres celi referam sermone fideli:
habich sparwer plafuoz storche spehte
Accipiter, nisus, capus atque ciconia, picus,
taube holfztaube
Natura sterilis hie stare, columba, palumbos,
3 yrcus] i. e. hircus. Der Vers ist um einen Fuß zu kurz; vielleicht ist für eius
zu lesen: eiusdem. 4 Musionem] i. e. Musmonem, musimonem. 5 yber] i. e. ibex,
D. 283, 6 catula] Bei D. 107 catulus welff. 8 barritus]Vgl. Wackernagel, Voces
variae animantium 27, Dief. 69 u. Barridus. 10 vllulare] Vgl. Wackernagel ebd. 30.
11 vncare] Wackernagel 27. 12 Sibila] Vgl. Wackernagel 31. D. 532. 13 crutilat]
Sonst trutilare, truculare, s. Wackernagel 23; im Vocabularius rerum (S. 1., t. et a. n.)
:'' rutilare. pusicat] i. e. pusitat. Wackern. 26. 14 Cacabat] Wackern. 26. graticat]
i. e. gracitat oder gratitat. S. Wackernagel 24. Vocab. rerum 3 2*". 15 pipant]
Wackernagel 24. lupit] ebd. 26. Lyacu] 1. hiatu. 16 Curcurrire] 1. Cucurrire.
D. 161. gracillat] ebd. 24. 17 Pullulat] Wackern. 25. crissat] Sonst trissare,
Wackern. 26. Vgl. D. 158. yrundo] i. e. hirundo. 19 Ponpilat] i. e. bombilat.
Vgl. Wackern. 30. apra] Der Sinn des Verses und der Ausdruck bombilare, der
nur von der Bitne gebraucht wird, weist auf Entstellung von apra für apis, apes.
21 Die letzten drei Hexameter sind gestört, der zweite ist für mich unverständlich.
2 plä/uoz] Bei D. 99 andere Bedeutungen. 3 Wieder ein arg entstellter
Vers; statt sterilis ist pariles, statt stare ist state zu lesen, wie aus anderen Versionen
hervorgeht. palumbos] D. 408 u. Palumbus.
19*
292 ^- JEITTELES
raiger turteltauhe hauwe iahe ff^yer
Ardea uel turtur seu bubo, monedula, wultur,
ceul vinke nahtrab goltamh'
ö Noctua, frigellus sev nocticorax, amarellus,
swan idem star eisuogel troschel idem
Cingnus, olor, sturnus, mergus turdelaque, turdus,
krcench wisgo phawe habech stocarn
Grus et pellicanus, pauo uel anus, alictus,
heher dorndrosel
Graculus aut deerit, fusarius hie residebit,
gukke idem sUech grille
Sic cuculus, fulica, psitacus atque cycada,
alster laauaer idem man weht. i. cicönia
10 Pica, merops meropis, larus atque loaficus, ibis,
am kuniglein valche
Jungitur hijs aquila, puristulus erodiusque,
rappe chra widhopf sucht rephuon
Coruus edax, cornix, vpupa, viscedula, perdix,
wege mayse horntaube ganser eher
(f. 15'') Miluus et iude parix, anocratulus, anser et ornix,
wahtil amsel faisan pirchhuon
Quiscula cum merula, fasianus et ortigometra,
eisuogel idem listra worgel
15 Aurifficeps, cupide, sepicedula cruticulusque,
haselhuom pirkhuon hagelgans strauz
Spatulus, attage, mullifiga cum strucione.
vledermaus swalbe
Vel, verspertilio uel yrundo, non recitabo,
smerlekin grasvink
Tu michi dulcisona cape, smirle celer, filocena,
6 Ciuguus D. 118 u. Cygmis. 7 anus] 1. anas. Wie aber die Glossierung habech
entstanden sein mag? alictus] 1. alietus, 8 aut] 1. haut, fusarius] Bei diesem
Worte fragt Diefenbach (S. 254): 'avis?', weist aber richtig auf furfarius. 10 In
anderen Hss. wird merops durch gruen- oder dornspeht, larus durch müser glossiert. Die
Form man kann ich sonst nicht finden, weht] Bei D. 334 speht und wech. 11 am]
Dieser Plural scheint ein Rest der gewöhnlichen und älteren Lesart 'His assunt aquile'
zu sein. puristulus] D. 413 u. Paristulus. 12 viscedula] D. 233 u. Ficedula,
sueht] entstellt für sneph. 13 anocratulus] 1), 396 u, Onocratulus. horntaube] ver-
derbt und umgedeutet für hortübel, wie in andern Versionen richtig steht. 14 faisan
mit durchschlagendem i des lat. phasianus. Eine volksetymologische Umbildung des
letzteren ist fasihuon Altd, Bll. 1, 348, Gerbert, Iter alemannicum, Anhg. p. 137.
15 cupide] D. 163 u. Cupuda. sepicedula] D, 627 u, Sepicecula. cruticulus] 1. iiu-
riculus. Bei D. 164 curruca, warg-^ worgengel; aus letzterem obiges icorgel entstellt.
16 Spatulus] I. Sparulus, mullifiga] D. 370 u. Mullis. Die Form strucio für strntio
ist nach D. 557 die gewöhnliche, 17 Vel] 1. Te, wie sich aus andern Versionen
ergibt. verspertilio] 1. vespertilio. yrundo] i. e, hirundo. recitabo] l.reticebt).
18 dulcisona .... filocena] 1. dulcisonam .... filonienam. smirle] Vgl. D. 22 u.
Alietus,
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK. 293
Iccrche cleilen
Laudula nulla fugit vecucedula raptiim,
spatz
20 Nullus te passer fugiat, licet hunc tegat asser.
nahtuogel 2^^^^^^^^^^'-'
Sic et lustiniam cum lustinio cape paruam;
stiylitz. disielvink
Versu Stare nequid carduellus, quique recedit.
Noraina paucarum sunt hec socianda ferarum.
lewe i. rex
Sed leo stat primus qui cunctis est basileus,
panthir tigertier lebürt
Hinc panthera, tigris coraitantur cum leopardis,
ainhotvi olhent
Rineteros seuus comprehenditur atque camelus,
wisnt eint hart waltesel est genus cameli
(f. lö*") 5 Bubalus, alx, pardus, onoger ueloxque dromellus.
helfant vurvi
Hinc etiam validos elephantes iunge uel vros,
per ebir hirzs
Vrsus, aper, ceruus auide sumuntur in vsus,
hindelkalp reh rehpok äffe merkatz
Hinnulus et caprea, capricornus, symea, spinga,
19 Laudula] D. 20 u. Alauda. vecucedula] Bei D. 117 cicindela .... vecice
dula. raptum] Dafür gebraucht die in den Carmina Burana von Schnieller p. 175
aljgedruckte Münchener Hs. das kaum sinnentsprechendere Wort tactum. cleilen
scheint entstellt aus gleimel (Lexer 1, 1031). Übrigens ist der Vers arg verderbt; die
richtige Lesart geht aus dem in den Altd. BU. 1, 349 befindlichen Vers der Straß-
burger Hs. hervor: Laudula nulla tuum fugiat ne (lies: nee) cicendula cantum (1. rap-
tum). Aber auffällig bleibt auch dort, mithin in einem Denkmal, das nach W. Grimm,
Z. Gesch. des Reims 141 noch dem 10. Jahrb. angehört, die Glossierung von cicendula
dvircb glei7H , denn wie Lerche und Glühwürmchen dazu kommen in Zusammenhang
gebracht zu werden, ist eigenthümlich genug. Ich vermuthe, daß hier eine bis in graues
Alterthum reichende Verwechslung von cicindela und ficedula (Nebenform : cicendula
D. 233, Schnepfe, Drossel u. s. w.) zu Grunde liegt. 21 lustiniam] D. 340 u.
Luscinia. lustinio] Bei D. 337 lucilia. 22 quique] = quisque, s. D. 480.
Unterhalb recedit steht in der Hs. : stellio, mit der darüber gesetzten Verdeutschung
moltwerf. Wie diese außer dem Bereich der Verse befindliche Glosse zu deuten ist,
weiß ich nicht. Vielleicht sollte sie ein Nachtrag zu dem später (Bl. 16*) vorkommenden
stellio , talpa sein und ist durch Versehen des Schreibers an unrechte Stelle geratheu.
4 Rhineteros] Allerdings bei der großen Ähnlichkeit des handschriftlichen t und c
vielleicht auch Rhineceios zu lesen. 5 onoger] Bei D. 396 onager. dromellus]
Bei D. 191 dromeda(us). 6 vurm] Bei D. 630 vuorin, Altd. BU. 2, 214 vrn; beides
stark entstellte Formen für urrint. Vgl. u. a. die Glosse Vrus Vrind in dem gleich-
alterigen Vocab. optimus ed. Wackernagel p. 45. 7 vsus] Die andern bekannten
Hss. gebrauchen dafür die jedenfalls richtigere Lesart esus. 8 hindelkalp] Bei
DNGl. 204 hinnenkalb.
294 A. JEITTELES.
martharm olter piber zobel
Martalus et migale, luter castorque, trabellus,
luchs wolf Jias fuchs fohe dachs
10 Linx, lupus atque lepus, wulpes, wulpecula, melos,
maus wisel reithe rathe eint toantlaus
Mus, mustela, sorex, glis gliris hienaque, cinex,
aichom
Copulo spriolum, reliquorum do tibi nullum. —
peye fliege niz laus
Hinc apes et musca cum lende, pediculus extra,
chlain floch viuJc zwiualder Jceuer
Parua pulex cinifesque, pulex fisicula, brucus,
ch7-atUwurm huntfleug haberwurm
15 Hijs similia eruca, cinomia sunt, locusta,
wesp wibil humel pei
Scabro cum vesta, scarabeus, fucus, orestes,
zwiualder pei idem gleim idem
Papilio, scitus uel apis, citendula, costrus.
milwe sneJcke amaiz natir hrote
Tinea, testudo formicaque, vippera, buffo,
slange vrosch eudechs vaimil scher
(f. 16*) Serpens et rana, lacertus, stellio, talpa
20 Hinc secernantur, pro reptilibus teneantur
Vel quod eis noraen natura dedit uelud omen.
Ecce stilo digna referara compestria ligna:
zederpaum cyprespaum lorpaum mirchpoum
Cedrus, cypressus, laurus, pariter quoque mirtus,
l* Die Glosse martharm scheint dadurch entstanden , daß wahrscheinlich in der
Vorlage mart (Nebenform von viarder, Lexer I, 2045) über niarialus, ha7-m (Hermelin)
über migale geschrieben war und nachher beide Wörter irrthümlich in ein Wort zu-
sammengezogen wurden. Im Zusammenhange mit dieser Verderbniß steht die Schreibung
Otter über migale statt über luter, piber über luter statt über castor. trabellus] Bei
D. 590 trabenus. 11 reithe] verderbt für rate, rat (D. 548). cinex] D. 119 u. Cimex.
12 spriolum] D. 54 u. Aspriolus. 14 cinifes] D. 119 u. Cimex. fisicula halte ich
für Attribut zu pulex als Gegensatz von parva pulex; aber was heißt es? Man ver-
gleiche die ähnliche Glossierung bei Mone 4, 94: fiszula zwivalder. 15 haber-
wurm] Bei D. 335 haberschreck. 16 Scabro] D. 154 u. Crabro. vesta] wohl ver-
derbt für vesca. wibil scheint irrthümlich über vesta statt über scarabeus ge-
schrieben zu sein. humel steht zwischen scarabeus und fucus in der Mitte. pei]
Bei D. 400 bremme. 17 scitus] Diese lateinische Bezeichnung für Biene habe
ich nirgends gefunden. citendula] D. 117 u. Cicindela. 19 vaimil] Bis zur Un-
kenntlichkeit entstellte Form für vSchmol (bunte Eidechse), Lexer III, 37. 20 se
cernantur (Hs.).
1 compestria] 1 cauipestria. 2 mirchpoum] Bei D. 363 mirtelboum.
ALTDEUTSCHE GL-QSSEN AUS INNSBRUCK. 295
papilpoum paljjoum spinlpaiini seuinpoum
Populus et palma, fusarius atque sauina,
pfersichpouvi pflaumpouin Icerspouvi aphoUer kriehpouvi
Persicus et prinus, cerasus malusque cinusque,
niiz tanne forhe chienpoum pirpoum mispelpoum
5 Nux, abies, picea, pinus, pirus, esculus alta,
ahorn pirclie puchspoum aiche idem
Cum platano fibex, cum buxo quercus et ibex,
eschpown linde puoche Jiagenpotim ölpaum
Fraxinus et tilia, fagus, lentiscus, oliua,
leine mazelder leinpaum hasel haimptwche hailpoum
Vlnus, acer, cornus, corulus, capenus et optus,
haselnuz mandüpaum kestinpoum
Vos auellane uel amigdola castaueeque
i. lorperpaum
10 Et licet ignotum non pretereo terebintum,
espe hagen dorn veigpouvi
Cum tremula tribulus, cum spina taxus et alnus,
holer holerpaum kranwitpoum huntpfalder
Liscus, sambucus cum junipero, palinitus,
cevelwer welwer
(f, 16") Vimina uel salices vincire ualent tibi vites,
chtätenpatim moulpaum i. ßcus fatua sicomorum
Cum ratono morus morique soror, sicomorus.
niesen snarchen heschen imdlen
Ossito, sternuto, singulto, nauseo, sterto,
3 palpouni\ Ebenso Diut, 2, 273: palma palboiivi. 6 Daß für ibex die gleiche
Bedeutung mit quercus angesetzt ist, beruht entweder auf Verwechslung von eiche
und eibe oder, was wahrscheinlicher, da andere Versionen darauf hinweisen, von
ibex und ilex. 8 Vlnus] D. 624 u. Ulmus, aber leine fehlt; vgl. dagegen Nemnich
3, 354 unter Leimbaum. cornus] Verwechslung für ornus, vgl. Zs. f. d. Ph. 11, 296
Anm. 12; ebd. 316 Anm. 21. Dieselbe Verwechslung auch anderwärts, z. B. Altd. BIl.
1, 360, Mone Anz. 5, 467, Germ. 19, 436. capenus] D. 103 u. carpinus. optus
hailpoum] Beide Formen wahrscheinlich verderbt. In anderen Hss. steht dafür ornus
mit der Glossierung arlezboum, harlzboum; es scheint aber sorbus torminalis (Eberesche
Elsebeere) geroeint zu sein , s. Nemnich 3, 30 unter Ärlsbeere. 9 Vos] Verderbniß
für Nux anzunehmen Hegt nahe, aber alle veröflentlichten Hss. haben Vos. 10 Über
diesen Vers vgl. Zacher a. a. O. 11 veigpouvi] irrthümlich über taxus statt über
alnus geschrieben. Vgl. alnus bei D. 25. 12 holer] Bei D. 333 holdrich. palinitus]
Bei D. 406 palintus , paliurus, hiefholdra, hiphalder. 13 cevelwer] = zem/elber, wie
die Glosse vimina cemwide in den von Mone im Anz. 4, 95 mitgetheilten Leipziger
Glossen lehrt. Vgl. Zacher a. a. O. 317 Anm. 25. tibi] In anderen Hss. sibi, was
fehlerhaft. 14 ratono] verderbt für cotano, coctano, cutino i. e. cydonia, vgl. Altd.
Ell. 1, 350. 2, 214. 216; Mone Anz. 5, 463. 8, 97; Z. f. d. A. 5, 415. 9, 390 u. s. w.
fisus sicomorum] i. e. fic. sicomorus, der Maulbeerfeigenbaum; durch fatua soll wohl
der fade Geschmack der Früchte zum Unterschied von jenen der echten Feige an-
gezeigt werden.
1 ossito] D, 402 u. oscitare, aber niesen fehlt.
296 A. JEITTELES
rustren rulzen »ufUn /mosten ropzin
Excreo, corizo, suspiro, tussio, ructo,
Tiuosten cheioen ginen slinden ropzin
Tussio, masticans, yo, gulcio ructoque, screo.
rosseherte siveinherle
Mango caballorum est porcorumqvie subulcus,
viaulherle gaizherte
Mulio mulorum dux emoycusque caprarum,
schaffer
20 Nam caper ennos ouium, fit opilio pastor
esiltreiber rinderherte
Et asinorum pastor agazo boumque bubulcus.
II.
Die von Mone (Anz. 6, 435) gewählte Bezeichnung juristische
Glossenverse' ist unrichtig. Allerdings behandeln die Verse 2 — 10
juristische Begriffe, dagegen beginnt mit Vers 11 ein gemischter
Inhalt. Der Text unserer Hs. ist ein von den bisher veröffentlichten
Texten vielfach verschiedener, überhaupt nur in den zehn ersten
Hexametern einigermaßen übereinstimmend. Bezüglich der metrischen
Beschaffenheit der Verse bemerke ich ein- für allemal, daß auch hier
wie in I mehrere derselben gestört sind.
Über die 'Termini juristarum' und das Vorkommen derselben in
Handschriften des 14. — 16. Jahrhunderts vgl. Zacher in der Zeitschrift
f. d. Philologie 11, 317 ff.
(f. 17") Istis scriptores errare solent aliquando.
Est feodum leheguot nee non depaccio dinge,
Sed census est zins, sed diuolucio anual,
Obstagium iniigen, post hec precaria "pete,
5 Obsides geisel, diffidare widersagen,
Wen ich bekunde, reor illum, non ane sache.
Vngelt angaria, wara vore, exaccio est schos,
16 Excreo] D. 520 u. screare. corizo] Vgl. 'coryza, naütropfe bei D. 151 und
mhd. rütze, rotz. 17 gulcio] 1. glutio. 15—17 Dieselben Worte ohne Versverbin-
dung mit nur theilweise veränderten deutschen Glossierungen, sogar mit derselben
"Wiederkehr des Wortes tussio finden sich in dem von Birlinger in den 'Altdeutschen
Neujahrsblättern' veröffentlichten Vocabularius latino-silesiacus, S. 62.
2 d' pacco (Hs.). 3 diuolucio] 1. deuolucio, D. 178. 7 Vngelt] Vgl. dar-
über Zacher a. a O. 321. wara] Ein in Kechtsurkunden gar nicht seltenes Wort)
das bei Du Gange und Diefenbach mangelt. Es ist aus mhd. väre (verderbt vöre)
herzuleiten und bedeutet 1. insidiae, fraus, dolus, 2. juricapium, das Recht Personen
oder Paclion in Beschlag zu nehmen. Vgl. Haltaus, Glossarium germ. Col. 435 unter
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK. 297
Rcditus est reht gelt, sit banirium tibi haniei\
Thelonius est zol, pactum permissio voti,
10 Ära est maischatz, anathema bananoneie. —
Mit disen icappen ziemt sich milites mit den knajjpen:
Est fiolum henfnir tibi sit lumbaleque senftnyr,
Lictium spaldnir, extat thenuina[rium] et hcerschnyv,
Sed nebris kolnir, perichelides armleder extat,
15 Ilalsperk lorica, sed torax sit tibi plate,
Nam fidia hvbelhuot, mitrabia sit pekelhaube.
Dextrarius hausros uel örs tibi naraque vocatur,
Egder sit epikarius, nam dromedarius olbend,
Nam mulus sit maid, est emissarius stuetpfert,
20 Asinus est esil, est equaricia nam stitot.
Frenum zaicm, sistit cbamus halfterque, capistrum^
Lupatum sit piz, sed lora sit tibi zugel,
Furbueg antela postela sit afterraifqne,
Cingula sit darngurt, sed subciogalia pintriem,
25 Mantica sit wasanc uel subsaccinula dicas,
Pharetra sit kocher, sed sit substellia spangurt,
Gladius swert, sistit capulus knouf, rumphea sit,
(!. 17'') Ensis dat mitteltail, sed mucro sit tibi spizze.
Segucius iaghimt , tibi sit rüde namque molossus,
30 Listicus nam prake, sed sit tibi clancuia spurhunt,
Für uud Mhd. Wb. 3, 267.6. Dieselbe Glosse ('vara uo»-') begegnet auch iu der vou
Wackernagel in Haupts Zs. 5, 413 ff. veröifentlichten Straßburger Hs., Vers 26.
schos = schoz. Lexer 2, 780. D. 213. 8 banirium] Bei D. 67 baneiium. 9 The-
lonius] D. 575 u. Telonium. 10 Ära] i. e. arra, arrha, worüber zu vergleichen ist
Zacher a. a. O. 323. bananoneie] Der Sinn ist klar, die Form weiß ich nicht zu
deuten; sollte es Entstellung von bann-einunge (vgl. Haltaus 95) sein? 12 fiolum
= tihnn? henfnir — senfinyr] Nicht zu belegende Formen. 13 Lictium] Vgl.
D. 328 u. Licium. spaldni?-] Lexer 2, 1063 u. spaldenier. thenüinä oder themünä
(Hs.), ein für mich unauffindbares Wort; am wahrscheinlichsten dürfte es thenuina-
rium i. e. tenuiarium heißen. Vgl. Forcelüni, Totius latinitatis Lexikon. Editio nova.
Prati 1858. T. VI, 58 u. Tenuiarius. harschnyr i. e, herseniei-, s. Lexer 1, 1263.
14 kolnir i. e. golier. Lexer 1, 1045. 16 hubelhuot] Bei D. 641 peckenhube.
mitrabia] D. 364 verzeichnet bloß mitra. 18 epikarius] D. 208 u. Erpicarius.
•20 equaricia] D. 206 u. Equaria. 24 darngurt] 1. darmgurt. subcingalia] Bei
D. 120 bloß cingula. 25 wäsanc] 1. loätsac, s. D. 347 u. Manlica. subsaccinula]
I. subsaccinulam. Bei D. 506 bloß saccina. 26 substellia] D. 559 u. Subcellium,
(las aber durch satel glossiert wird. 27 rumphea] D, 500 u. Romphea. 28 mittel-
tail] fehlt bei D. 203 u. Ensis. 29 Segucius] Es ist offenbar canis sagax, Jagd-
hund (Nemnich 1,719); die Form segucius kann ich nicht nachweisen. 30 Listicus]
Bei D. 328 lycisca, litiscus. clancuia] Bei D. 125 clanculus.
298 A. JEITTELES
Cisper sit vogelhunt, catulus weif namque uocutur,
Sed volter sit winde, canis omnibus est generale.
Satellus sivertchneht, sed sit sjDartarius sperchnappe,
Hofchneht vernaculus, sed ivcefner sitque phasallus.
35 Est territoriurn gemerch, sit stracia namvxirf,
Predium est aigen hofstat, sit et area namque,
Allodium vorwert, feodum lehen, affiocus sit
Summa de domibus que datur denariorum,
Pedagium sit zol de ponte quod accipiturque,
40 Sed sit thelonium quod emptores dare solent.
Homagium manscliaft, verleihen sit feodare,
Nara plebisscitum lantdinch quoque sepe vocatur.
Est ygnen hegdrnos, glans druos, aiter tibi sit pus,
Ayz apostema, prurigo iukche vocatur.
45 Damphigui asmaticus, hiizsuhtik cardiacus sit,
Ernodius ruptus, sed tysis sit tibi cheichen,
Gehüllt sit regularis morbus, sed suht sit acuta,
Tohsuhtik frenesis, gegiht paraliticus extat.
Gippus sit houer in pectore qui solet esse,
50 Sed gibbus hoker in dorso crescere solet,
Contractus chrupil, sed raancus ainhandik extat.
Est colus ain rokhe, sed sit uberruk epistilum,
Nam fusus spinle, sed sit apprechque fusale,
31 Cisper] S. oben. 33 Satellus] Bei D. 513 satelles. spartarius] Ein
höchst wahrscheinlich aus dem deutschen sper gebildetes mittellateinisches Wort, das
ich aber sonst nicht nachweisen kann, denn an das lat. Spartarius (vgl. Du Gange ^
VI, 314: 'qui ex sparto restes texit vel qui spartum vendit') kann nicht gedacht
werden. 34 hofchneht] Bei D. 613 bloß kneht. phasallus] Bei D. 607 u. Vasallus
andere Bedeutungen. 35 gemerch] Bei D. 580 u. Territorium andere Glossie-
rungen. 36 aigen hofstat] Bei D. 453 u. Predium andere Benennungen. 37 vor-
wert] 1. vorwerch. affiocus] Käthselhaftes, wahrscheinlich stark verunstaltetes Wort,
dessen Entzifferung mir nicht gelang. 43 ygnen] 1. inguen. 45 Damphigus]
Komischer Schreibfehler, der für die Unachtsamkeit des Schreibers bezeichnend ist,
für Damphiger. Vgl. D. 56: Asthmaticus, ein damp/ßger, Vocabular Niger Abbas
herausgeg. von M. Flohr in den Straßburger Studien 3, 25: Asmaticus , kickender
oder demphiger. Asmaticus] 1. Asthmaticus. hitzauhtik] 1. herzsuhtik, D. 200.
46 Ernodius] Dieses unauffindbare Wort beruht wahrscheinlich auf Verwechslung mit
herniosus, tysis] Bei D. 585 mit anderer Verdeutschung. 48 Tobsuhtik] Wohl
Schreibfehler für Tohsuht, wie das folgende frenesis anzeigt. gegiht] sonst gegihtig.
DNGl. 280, Lexer 1, 782. 49 gippus] D. 262 u. Gibber. 52 epistilum] Sonst
heißt uberruk d. i. überrücke: epiculiuin (Lexer 1, 1()52). Vgl. D. 205 Epicolium.
68 apprech] Lexer 1, 15, Vgl. D. 253 u. Fusale, wo diese Benennung fehlt.
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK. 299
Est alabrum haspü, vertebrum sit nam et änspinn^
(f. 18*) 55 Girgilluni garnrok, sed glomus sit tibi chleioel.
Follis sit pkespalch, ciybanum, scoria sinder^
Forceps sit tibi zang, sed lima sit tibi veile.
locus sit anpoz, sed malleus sit hamer ain (jroz,
Huefeisen est babatum, sed gumphus huofnagl extat,
60 Sit tibi ferrugo hamerslah, sed roest quod rubigo.
Angarium notstal est et lapsorium tibi sUfstain,
Parma sit chlainschilt, sed pelta sit tibi der schilt,
Clipeus ein gemainschilt, scutus pukler sit unus,
Pfalera sit decke, sed sella sit tibi satil,
65 Spado castratus, sit enuchus tibi maydem,
Drottarius drafner, sed sit zeiter ambulator,
Pulledrus vole uel pullus namque uocatur.
III.
(f. 86'') Artemesia, hyhouz oder 15 Agarus, tannenswan.
hukel oder schosmalte oder Aliopiades, zigelinge.
himelker. Alleum, chnohloch.
Anisium, anis. Abrotanum, ahruten oder qertel.
5 Atramentum, atrament scripto- Acalipha, aiternezzel.
rum. 20 Agarucum, idem.
Aloes, aloe. Alcanna, erdöphel.
Alumen, ahm. Agramen, eberwurze.
Adyantea, nesselwurze. Acorus, swertel.
10 Anagallieura, pvnge. Anacardus.
Adragma, hitrgelle. 2b Affodillus, edera idem.
Amantisia, haldrian. Asa vel asarum, gundrebe.
Armorata, bibnelle. Aristologia longa, ringelwurze
Apiastellura, bramdchrut. oder bievenvurze.
56 ciybanum] Vgl. D. 127 Clibanus. 60 roest] I. rost. 63 scutus] Bei
D. 522 scutum. 64 Pfalera] Bei D. 223 falera. 65 sit enuclius] 1. sed eunuchus
sit etc. maydem] Fehlt bei D. 215 u. Euuuchus. S. darüber Lexer 1, 2071 , DWb.
5, 1899 u. meideni, meiden. 66 Drottarius, drafner kann ich sonst nicht nachweisen.
Vgl. trotare, drahen bei D. 599. 67 Pulledrus] D. 444 u. Poledrus.
5 scriptorum gehört offenbar zu Atramentum und ist aus Versehen an unrechte
Stelle gerathcn. HD 14 u. Adragis 12 D. 27 u. Amantilla. 13 D. 49
u. Armoracia. 14 D. 40 u. Apiatellum. 15 D. 17 u. Agaricus. 1. tannenswam.
16 D. 22. 637 u. Alypum. 19 D. 636 u. Acalephe. 26 Asa fehlt bei D., ebenso
fehlt DNGl. 87 u. Asarum die Benennung gundrebe, wofür die Glosse hasehourz ge-
braucht ist. Es scheint Verwechslung mit Acer unterzuliegen. 27 Die Bezeichnung
ringelvmrze kann ich anderwärts nicht finden.
300
A. JEITTELES
Aristologia rolunda, holtourze.
30 Arabactara, hasehvurze.
Auespertemia, hasetiber.
Anaucia, hasemourze.
Armonaca, hordrich.
Amaripta, hundes pluome.
35 Atrapassa, holdevpluomdn.
Alleluia.
Altca, jbische.
Acus musmataca, kranichsnabel.
(f. 87") Arontilla, zagemzagel.
40 *Armigecies.
Ambustum.
Atriplex, malte.
Amigdala, mandelchcrn.
Atropasta, mistelber.
45 Acantum, nezzelsame.
Ardeuia, idera.
*Arsenicum, hnschel.
Auripigmentum, ktqjherment.
Amurca, ölhephen.
50 Asparago, ochsen.
Agi'imonia, hrachkraut.
Argentum viuum, qneksllber.
Aureola vel angelia, engehvurze.
Auenio, rotman.
55 Antera, rosensam.
Alga, raingras.
Acedula, ampher.
^Archicontidos, cranioitbtv.
Absinthium, ivermuet.
60 Antira.
Artinca, steindiöteL
Agaone, vochwurze.
*Aaron, zukke.
Asclepia, cranichswurze.
65 Allogallicum, encian.
Archangelica, aiternezzel.
Antusa, agleye.
Asinima, papel.
Amatistus, bluotstain.
70 *Albuga.
Alna, alant.
Asa, stercus dyaboli.
Anagasus vel vngula cabalii,
rosseshuof.
75 Apium, ephfe.
Asarum vel baccara vel wul-
gago vel voulgama, hasehvurze.
Ballieia, hnflatich.
Bulaquilon, alrune.
80 Balota, hagdorn.
Balsamus, arbor.
*Balsamum, guma.
30 D. 53 u, Asarum. 31 D. 18 u. Aguispeima. 32 Schreibfehler für
Avancia. 33 D. 49 u. Armoracia. hordrich i. e. hederich. 34 Bei D. 28 Ama-
rusta. 38 1. Acus muscata. 39 Bei D. 10 Aconcilla, arcontilla u. a. Formen, zagens-
zagel] 1. katzenzagel. Abermals ein Schreibfehler, der auf grobe Unachtsamkeit des
Schreibers hinweist. 44 D. 57 u. Atrapassa. 46 1. Ardenia. D. 12 u. Adiantos.
48 Bei D. 62 operment. 50 Bei D. 54 ochsenaug. 54 1. Anemo (D. 637). 57 D. 7
u. Accedula. 61 D. 49 u. Arnica, 62 Vgl. D. 17 u. Aganoe und ebd. 636
Agaones, aber vochwurze fehlt. 63 Sumerlaten hg. v. Hoffmann, S. 54 enthält die
Glosse: Aaron, ruche. 64 Bei D. 53 trachenwurz, Schwalbenwurz. ,65 D. 24
u. Allogellica. 66 Bei D. 45 großnessel. 67 1. Anchusa. 68 Bei D. 21 Azima
(u. Alcea). Vgl. ferner die Glosse 'asinina popele Zs. f, d. Ph. 9, 199*. 69 Ver-
derbt aus Ematites = Haematites, s. D. 199. 70 S. Albuca bei Nemnich 1, 149.
71 Die regelmäßige Form ist Enula, s. D. 130. 73 Wahrscheinlich Schreibfehler
für Anagallus, s. D. 32 u. Anagallis. 78 Bei D. 67 Ballina. 80 Bei D. 67
Ballote mit der Glussierung andorn.
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK.
301
Borax, Loras.
Borago, borätscJie.
85 Bleca, hiezze oder mangolt.
Bacus, hramelstok.
Betonica, batonie.
Bi'unella, hrunwurze.
Baldemonia, vlsenitz.
90 Benedicta, henedicte.
(f. 87'') Branca ursina, hernda.
Bolus, bruchstem.
Berula, hieuerbluom.
Bombata, boumwoUe.
95 Balsamata, vischminze.
Basilica, hasilie.
Boras, hrantstain.
Brandana, graslouche.
Barsameta, grasmitze.
100 Blugilla vel *blanca, JumJes-
zunge.
Brandana, hufclette.
Brionia, hailigher.
Beonia.
105 Barba iovis, hausiourze.
Boletus, haiisswam.
Botamia, ysern,
Bismalva, jbisch.
Bolotus, crebesiourtze.
110 Barbaricon vel bacca lauri,
lorber.
Baucia, mörhen.
Basilia, meterwurze.
Basilicus, idem.
115 Buglossa vel basilicon, ochs^en-
ziing.
Brasica, romisch choele.
Bosrago, borrätsche.
Brancheos, sevenhoum.
120 Bruscus.
Begula, wuetkraut.
Bassara, loüdraut.
Bulmago, idem.
Bedegar, loisdorn.
125 Blanconia, idem.
*Bilbus, zwiboUe.
Brunella^ brunelle,
Bubalia, singruene.
Bistoria, naterwurze oder rot-
130 naterwurze.
Bursa pastoris,saguinaria idem.
*Brasa, selhail.
Blandonica, wulrae.
Calcantum, atrament.
135 Centaurea minor, aurin.
85 Bei D. 72 Beta, Bleta. 86 D. 65 u. Baccus. 92 Bei D. 78 blut-,
(joltstain. 93 Bei D. 72. 638 andere deutsche Benennungen. 95 Bei D. 67
Balsamita. 97 Bei D. 78 Borax mit anderer Verdeutschung. 98 D. 68 u. Bar-
dana. 99 Bei D. 67 Balsaraita mit der Glossierung: kraut- , kraus- , garb- , gart-,
grantmyncz ; obiges grasmitze also jedenfalls wenigstens im zweiten Theile der Zusammen-
setzung verderbt. 100 1. Bugilla. 107 S. D. 79 u. Botanica. 109 1. Boletus.
110 Barbaricon fehlt bei D. 115 basilicon fehlt bei D. 119 Bei D. 80 Brac-
teus .... barctenus. 121 D. 77 u. Bogula, wo aber die Verdeutschung wuntkraut
lautet, 122 D. 75 u. Bisora. 124 DNGl. 55 mit anderer Glossierung. 127 D. 469
u. Prunella. 128 Bei D. 84 Bugilon, bulia. 129 Bei D. 75 Bistorta. 132 sel-
hail] wahrscheinlich für ielphail, s. Lexer 1, 868, Nemnich 3, 539, wo es aber Pru-
nella vulgaris bezeichnet. 133 vmlvie = wulne'i Vgl. D. 46.
302
A. JEITTELES
Calcatrepa, agen.
Gremium, leinvloke.
Consolida maior, baimoelU.
Calca, hinsouge.
140 Cassilago, 'pilie.
Castoreum, hihergaü.
Cerusa, hliwiz.
Cinamomum, zimin.
Cubebe, cuhehen.
145 Cedoarium, citivar.
(f. 88*) Canfora, caffer.
Costum, coste.
Ciminum vel carium, kumeL
Castanee, ehesten.
150 Carica, truken veige.
*Cortex buxie, erisip.
Cinum, cigebart.
Cucurbita, curhiz.
*Clyn, de.
155 Cepa^ cipolle.
Coriandrum, coriander.
Colophonia, criechisch pech.
Cardones, carten oder distel.
Cardus benedictus^ crvzewurze.
160 Coconidium vel iaureola, zilant.
Carparus.
Condisia, ditamne.
Camasian, distel.
Crassula minor, blatloz.
165 Crassula maior, stainpheffer.
Cucumer, ertai^pfel.
Crux Christi, ainher.
Centaurea maior, maferey.
Centimorbida, egelgras.
170 Cardopacia, eberwurze.
Canapus, hanif.
Caput galli, hanenchopfe.
Cortula fetida, Jiundespluome.
Coriandrum, hedervmrze.
175 Calamus aromaticus, hennen-
zitwar.
Circe, hertzblat.
Cinoglossa, hundeszunge.
Cepetonium, hollouch.
180 Cicorea, Mmellouch.
Centrum galli, hanenkamp oder
scharley.
Corulus, hasel.
Cartarupa, karte.
185 Cerifolium, keruelen.
Crispila, crispil.
*Caheuma, lederchal.
Coagulum, lap.
*Cisolocamia, mistelmelde.
190 Capillus veneris, minnenlöber
oder stainfarn.
Camomilla, maidbluome.
Codion, magenkopf.
Cameliunca, mistel.
195 *Colopricia, naterwurze.
136 D. 89 u. Calcatrippa mit der Glossierung akaleye, agleie. 137 D. 156
n. Crenium, aber leinvloke fehlt. 140 Bei D. 104 bilse, Z. f. d. Ph. 9, 200* bille.
145 D. 634 u. Zeduarium. 146 D. 639 u, Camphora. caffer] 1. canfer. 154 = Cli-
ton? Vgl. D. 127. 160 D. 129 u, Cocconidium, 162 D, 140 u. Condisum.
163 D. 92 u. Camacion. 168 materey] könnte auch macerey gelesen werden.
173 1. Cotula. 177 D. 103 u. Carue. 180 D. 118 u. Cichorium mit der ver-
änderten Bezeichnung hintlanff; ebenso bei Nemnich 3, 250. 184 Entstellte Neben-
form von Calcatrippa. 185 D. 114 u. Chserephyllon. 186 D. 168 u. Crispinus.
187 lederchal = lederchalcl 190 Bei D. 97 minnenhär .... stein/am. 192 D. 92
u. Chamaemelum. 194 D. 92 u. Camaleuca, das aber durch distel glossiert wird-
Vgl. Camaleonta D. 638. 195 Vgl. Colubrina bei D. 133.
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK.
303
Concordia, odermänie.
Coctanum, kutten,
*Celitonus.
(f. SS**) Capparls, pipawe.
200 Cocodia, phedeme.
Calendula, ringel,
Canna, vor.
Celidonia, schelleiourze oder
grintiourze.
205 Calcamentum, sfainmintze.
Crocus, saffran.
Cicuta, totietschärlinch oder
schärlinch oder kelherscraut.
Catapucia , sprtnkwurtze oder
210 scheiswurtze.
Cathimia, silber schäume.
Cathinia, sinder.
Cronica, trakemvurze.
Coscute, toter.
215 Cardamus, wilder cresse.
Carthe, wildkumel.
Colocasia, wildmintze.
Ceutonica vel pilosella, wurm-
krut.
220 Centinodia, loegtret.
Cina, tüeppe.
*Canulenta, louchhlasen.
Capparus, encian.
Chymolea, creide oder stain-
225 schleif.
Corriola volubilis, hoppfe.
Centum [^rana vel herba
cancri, crebsenioiirtze.
Calcadippa, kart.
230 Columbina, i, dracontea.
CUbanura, i. thns.
Ditamnus, ditamne oder wis-
wurtze.
Dragantum, dragant.
235 Dracontum, drakenwurfze.
Dyodela.
Daucos, pastenak.
Dydomo, hasenore.
Demetria, bernhart.
240 Damasoniura, zoassercresse.
Daffunda, lorher.
Dyadema, papel.
Discopella, schutiourzp.
Dionisia, toegioartbluome.
245 Draguntea, drakenivurtze.
Dragantea, nateriourtze.
Enula, alant.
Ebolus, atich.
*Enfola, hrachwurtze.
250 (f. 89") Emicedo, hlatlonch.
Emantes, hluotstain.
*Elleuboncr., centauria.
Endiuia, scharlei.
Edera, ephoive.
255 Erba venti, garwe.
197 D. 118 u. Cydouia. 205 1. Calamentum und s. Calamintha bei D. 88.
•208 Die Giossierung kelherscraut fehlt bei D. 211—212 D. 87 u. Cadmia.
214 D. 104 u. Cassutha. 216 D. 103 u. Carue. 221 D. 119 u. Cyme
(= Cyma). 222 Vgl. die Glosse Canulenta lochuesen Zs. f, d. Ph. 9, 200".
224 D. 119 Cimoleya; aber die Benennung creide fehlt. 226 Bei D. 153 winde,
wegtvinde. 2J7 D. 112 hat u. Centigrana die Benennung kobizwurtz. 229 D. 89
u. Calcatrippa. 2.32 D. 180 u. Dictamnus. 238 D. 180 u. Didimus, 289 Bei
D. 172 durch eisenhart glossiert. 241 D. 166 Daphne. 243 Bei D. 185 schyle-,
slicwort. 245 — 246 D. 291 u. Dracontea. 249 Höchst wahrscheinlich entstellt
aus Eusola, Esula (D. 213). 250 D. 200 u. Emicedo. Es ist entstellt aus Ematites
= Haeniatites, s. Nemnich 3, 78 u. Blutstein. Für hlatlonch hat D. hrachlouch.
253 Bei D. 202 mit anderer Glossierung. 255 D. 275 u. Herba venti.
304
A. JEITTELES
Endiuia, zaundistel
Edera terrestris, gundreh.
Ercularis, grensich.
Euforbium, huneswurtze.
260 Epatica, leberwurtzcraut.
Eufrasia, hiß.
Ekesmon, mintze.
Escule, mispeln.
EUeborus albus, nieswurtze.
265 Equimenta, rosmintze.
Eliotropie, tinkel.
*Erunche, schelleiourtze.
Elycopia, sprinchiourtze.
*Esorium, scdbeihluom,
270 *Esusa, looJfcraut oder scheis-
lüurtz.
EUeborus niger, heiligen crist-
lourtz.
Eruca, weisser senif.
275 Eufrasina, wuntcraut.
Eupatoriura, schärley.
Eupatorium, wilder salbei.
Erafolium, eribernhlat.
Eleutropium, hilber.
280 Eleborus niger, suterwurtze.
Ermodactilis, hailhopfe.
Ellifagus, i. saluia.
Entropia, ringelbluome.
Fnux, alant.
285 Flaraula, burdcraut.
Fulsa, benedicte.
Faba, bone.
Fu, haldrian.
Ficedula.
290 Furaus terrestris, ertrouch,
bochespart oder taubencropf.
Fragula vel ragula, ertcraut.
Fraga, erther.
Fructus quercinus, aicheln.
295 Flanulum, aiterbirne.
Filix, varn.
Fenugrecum, criechisch hoioe.
Fenum, howe.
Fabaria.
300 Fulfules, lainpheßer.
Folium musca[tum], ßleme.
Febrifuga, stabiourtze oder gert-
würze.
256 Bei D. 202 durch saudistel glossiert. 259 = hundesvnirze? Aber dieselbe
Form bei D. 641 aus andern Quellen. 261 Bei D, 212 die jedenfalls richtigere
Glossierung lucht. Vgl. Nemnich 1, 1548 u. Euphrasia: 'weiße Leuchte, Tagleuchte'.
262 Bei D. 198 Elikosmon, ecosmen, entstellt aus gr. Tjdvoafiog. 266 Bei D. 198
ringel, ebenso Zs. f. d. Ph. 9, 202'', wornach obiges tinkel richtig zu stellen ist.
267 Sollte es aus Erundina (D. 210) entstellt sein? 270 Esusa wahrscheinlich ver-
derbt für Esula (D. 211). Vgl. Nemnich 1, 1544 — 1545 unter Euphorbia esula und
Euphorbia lathyria. 278 D. 245 u. Fragifolium. 279 D. 198 u. Eliotropium ;
hilber scheint entstellt für hinther. 281 D. 276 u. Hermodactilus. 282 i. e.
Lilifagus (D. 329). 283 D. 198 u. Eliotropium. 284 Entstellt aus finix i. c.
filix (D. 235). 285 Bei D. 238 burn-, bi-enn-, brantcraut, obiges burdcraut demnach
verunstaltet. 288 i. e. Valeriana Phu; vgl. Zs. f. d. Ph. 9, 203" und s. Nemnich
2, 1548 U.Valeriana. 291 Die Bezeichnung taubencropf ie\\\t bei D. 641. 293 Bei
D. 245 ertberena-ud. 295 Wahrscheinlich entstellt für Flammula, s. letzteres bei
D. 288. 297 D. 230 u, Fenum grecum. 300 Vgl. Fulvalabia bei D. 251.
301 D. 241 hat eine andere Glossierung. 302 Bei D. 228 andere Benennungen.
Nach Nemnich 8, 190 ist durch Gertwurz und Stabwurz Artemisia abrotanum be-
zeichnet.
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK.
305
(f. 89^) Farina, mal.
305 Filipendula, stainprech.
Fulfel, sioaizpfeffer.
Ferrugo, rost.
Fungus, swamme.
Fornella, siechwurtze.
310 Frutex, stude.
*Flaura, rittersporn.
Feniculus, fenichel.
Flos campi, friedelsouge.
Flamen, wolle.
315 Fargia.
Fulfulabia, weisser pfeffer.
Fenugenes, vüspene.
Festuca, age.
Flos syriacus, pfaffenhlnomen.
320 Fraxinus, eschiboum.
*Faruos, merlitisen.
Fagus, buoche.
Far, tinkeh
Fibex, pirke.
325 *Foel, cardamomura maius.
*Foil, cardamoraum minus.
Fei terre. Centaurea idem.
Gariofilata, benedieta.
Geron, kranwurtze.
330 Genciana, gencian.
Galla, aichappfel.
Glandes, aichel.
Gamandreos, gamandre.
Galanga, galgan.
335 Germen, kemin.
Gesilia, nesselwurtze.
Gladiolus, swertel.
Grana solis, sunnenhirs.
Gira solis, sunnenkreis.
340 Gipsus, sperchalch.
*Granocinita, aiternezzel.
Granum, chorn.
*Graciosa, vnser frawen flahse,
Gallitricum, scharley.
345 Genesta, i. minor galgana bene
redolens.
Galbanum est quod d'a (?),
gummi.
Hermodactilus, zeitlose.
350 Herba betanica, hemerwurtze.
Herba thuris, olsnit.
Herba rubriei, Orual.
Herba perforata, brachhail.
Herba sancti Petri, verhis-
355 cene.
Herba violaria, violcraut.
(f. 90*) Herba canicularis, hilse.
Hedera, toütweide.
*Herba bona, i. feniculus,
360 fenichd.
Humulus, hopfe.
Ivsquiamus, bilse.
Ipericon, ueltcraut.
306 Vgl. D. 251 u. Fulvalabia. 314 D. 238 u. Flaraon. 316 D. 251
u. Fulvalabia. 317 1. Ferrugines. Vgl. Ferrugo bei D. 231 und Ferrigines ebd. 641.
319 D. 240 u. Flos siliaci mit der Verdeutschung bapilnblumen. 328 D. 101 u.
Cariophyllata. 330 D, 260 u. Gentiana. 332 1. aicheln. 333 D. 92 u.
Chamaedris. 334 D. 256 u. Galganum. 336 1. Geiisia (D. 258). 338 Bei
D. 263 sunnenkorn. 341 Wahrscheinlich = Granatica und dieses = Urtica gra-
natica, D. 630. 343 Vgl. Nemnich 1, 76 und D. 269 u. Gratia. 345 Bei D. 259
andere Benennungen. 350 Damit ist wohl Herba britannica gemeint, vgl. dieses
bei D. 274, aber die Glossierung ist verschieden. Nach Neiimich 3, 241 bedeutet
Hemmerwurz Veratrum, vgl. aber Lexer 1, 1246 u. hemere. 352 D. 275 Herba
rubea. 353 Bei D. 274 andere Benennungen. 363 D. 277 u. Hypericon.
REUMANTA. Nenp Rmhf TXI (XXXIII.) Jahrg. 20
306
A. JEITTELES
Ipericium, harthowe.
365 Incuba, wegwart.
Ysopus, ysop.
Imui, mordistel.
Iris, swertel. Ireos idem.
luncus, sämede.
370 lacea nigra, swartzkumel.
luniperus, wechkalfer.
lube.
Icalica, wolfsschopf.
Tarus, zukch.
375 Ipoquistidos, boggeshart.
luliana, poley.
Kardus albus, Wolfsmilch.
Kalendula, ringet.
Kinu,
380 Kimiakarii, gartkumel.
Krollo, sprinkwtirtze.
*Karabe, sant Johans pi'ot.
Kakabre, brennst a in.
Lfiureola, kelrshals.
385 Lolium, raten.
Lingua ceruina, hirszunge.
Lanceolata, rippe.
Lappa, clette.
Lauendula, lauengel.
390 Latuca, latuch.
Larus, lorboum.
Lapis lazuli, lazzurstein.
Lemptuas, auripigment.
Lentus, popiliom.
395 Lactarido, sprin[g]korn.
Lactulella, saudistel.
Lapacium, stripfwurze,
Lilifagus, salbeipluom.
Labium ueneris, sant Marien
400 distel.
Litargirum, silberschaume.
Lingua auis, vogelsznnge.
Lupini, xoikhonen.
*Leucia, violen.
405 Leporina, sländelwurtze.
Legumen, smalsat.
Ligistra.
(f. 90*^) Limaces, sneken.
*Limaria, mancraut.
410 Linaria.
*Linxalis, luhse.
Limones, fructus cuiusdam
arboris.
Lubisticum, lubstikel.
415 Mandragora, alrun.
Mentastrum, vischmintze.
Marobati, bramber.
Mellelotum, binsauge.
Marrubium album, andom.
420 Marrubium nigrum , gotver-
gezzen.
Maiorana, lebenkla.
*Marrago, druoswurtze.
365 D. 306 u. Intuba. Nemnich 1, 1038. D. 306. 366 i. e. Hyssopus offici-
iialis. 367 D. 287 u. Imei. 368 D. 309 u. Ireos. 369 Man wäre versucht
Imicus zu lesen. 372 Vgl. Juba bei Nemnich 2, 258. 373 D. 310 u. Italia.
374 Bei D. 283 »uehe. 375 D. 278 u. Hippoboscides. 377 D. 101 u. Cardus.
379 1. Kimi. 380 D. 119 Cyminum. Vgl. 145. 381 Bei D. 159 Krolla. 383 1. 6cm-
stein. Vgl. D. 86 u. Cacabre. 390 D. 315 u. Lactuca. 391 1. Laurus. 393 Bei
D. 323 Lempinas. 394 popiliom, Entstellung aus popelboum'i Vgl. aber D. 324.
395 D. 321 u. Lathyris. Hs. spnkom. 396 Bei D. 315 Lactucella. 403 Bei
D. 339 Lupina. 404 Wohl dasselbe wie Leueoium (Nemnich 1, 387). 414 D. 327
u. Libisticum. 417 D. 367 u. Mora. 418 Bei D. 364 Mellilotum. 422 Bei
D. 344 eine andere Glossiening. 423 Mit dem Namen Drüswnr« wird bei Nemnich
ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK.
307
Millefolium, garwe.
425 Maratrum, venv-hel.
Malamancia, holtzapfel.
Morella, rasenher.
Maguder, kcelstok.
Melisa, meiere.
430 Mora celsi, miirher.
Mastix, mastikel.
Mirtus.
Malua, bappel.
Melones, phädem.
435 Millemordia, trnosianrtze.
Mala citonia, kntlen.
Milium solis, sunnenchorn.
*Marta, sioartzwurze,
Mercurialis.
440 Muscus, hisem.
Marsilium, ivikgen.
Marabeum, venicheJsame.
Morsus dyaboli, vorhizze.
Mulsum, loein vncl honik.
445 Mulsus, laein vnd met.
Mulsa, mef vnd hier.
Mellicratum seu ydromel,
ivasser vnd honik.
Macis, muschathliwtne.
450 Mirica, Jiaide.
Malagma, i. emplastrurn siue
pinguedo.
*Melalago, mensa (?).
Magnesia.
455 *Markasita aurea,
golt.
Markasita argentea, loismat.
Meu, köppherin oder kuppfer-
rauch.
460 Mumia, smaltz daz auz dem
triiifet, der gehalsamt ist, i.
haidnisches smaltz.
Matrisilua, i. matren.
*Miconum et papauer idera.
465 (f. 91") Nimphea, grensich.
Narciscus, holtzlUie.
Nasturcium, wassercresse.
Nigella, raten.
*Natea, ratensame.
470 Nepita, cornmintze.
Nepta, katzencraut.
Nitrum, spat.
Nenufar, seh/.uome.
Nitrum, lautersaltz.
475 *Nimphora, colerwurtze.
Oximel, honik., ezzich vndioasser.
Oculus consulis, bachmintze.
Osinum.
Opium, swartznansat.
480 Origanum, ret coste.
Oroboz, vogelwike.
3, 115 tbeils Kanunculus bulbosus, theils Oenanthe fistulosa bezeichnet. 426 13. 341
u. Macianum. 427 Morella hat bei ü. andere deutsche Namen. 431 Bei D. 350
mastich. 435 Bei D. 361 Millemorbia. 436 Bei D. 124 chiton, kithe. 442 Schreib
fehler für Maratrum? 443 Bei D. 368 abbiß. 450 D. 358 u. Merica. 457 Vgl.
D. 350 u. Martasicci. 458 DNGl. 275 verweist von Meu auf Ostrucium, aber
letzteres ist eine Pflanze mit der Benennung meisterwortze. 463 Vgl. D. 98 u.
Caprifolium. 467 Bei D. 375 gartenkresse, aber auch bei Nemnich 3, 631 'Wasser-
kresse' ^ Sisymbrium nasturcium. 470 Bei DNGl. 263 Nepeta. 471 D. 378
u. Nepeta. 478 Vgl. D. 402 Osymium und ebd. 642 Ocimum. 479 Bei D. 398
magensat, swartznansat := awarz magensdt? 480 1. rot coste. Bei D. 400 und
DNGl. 273 rot koste, rote dosten; bei Nemnich 2, 788 'Dosten, rote Doste*. 481 Bei
D. 401 Orobus.
20*
308
A. JEITTELES
Oliua, olhoum.
Oculus Christi, vnsers Jierren
äuge.
485 *Occora, sunklie.
Ocimum, girgel.
*Oculus populi, i. zappfen eius-
dem arboris.
Porocasti, aschelovch.
490 Piretrum, pertram.
Pipinella, hibnelle.
Portulata, hurzeli.
Peruin ca, singruen.
Peonia, heonie.
495 *Pix naualis, weizzes pech.
Poteritilla, grensich.
Prassium, gotuergezze.
Peucedanum , harstranch oder
olsnich.
500 Priraula veris, Idmehchluzzel.
Pilosella, mauscere oder ivurm-
kraut.
Prunellum siue pruneta, i^«'-
swtdstcraut.
505 Pinus, chienJ>ouin.
Pastinaca, mörhen,
Polegium, polay.
Pepones, phädem.
*Pranum, roshluome.
510 Pigamon, rutensaume.
Pisicaria, rätich.
Palpmes, rehenstok, i. weinrehe.
Pranpinus, rehenhlat.
Polipodium, stainiourtze.
515 »Partula.
Philatrum, saiphe.
Poligonia, loegtret.
(f. 91*') VlsiTatago , iveghraityelweg-
rih.
520 Portastrum, loilder senif.
Pentaphüon, ßvnfpleter.
Policaria, w'dtiourze oder donr-
wurz.
Peonia, wiltman.
525 Pinea, cliienapphel.
Politriciim, stavivarn.
Pentastrum, rosinmtz*>.
Pestinacia, icolfsleher.
Propoleos, lüisioache.
530 Paricaria, naht vnd tag.
Portula, phrislauch.
Pertenaca, morötz.
Petroleum^ i. oleum fetens.
Polipodium, engelsuezze.
535 Qvinqueneruia, weghrem.
Quercula maior, gamander-
hluom.
Quercula minor, gamander.
Quebarus, reghar.
483 Bei D. 393 frauwenmintz. 486 Bei D, 392 Ocimus. 492 D. 449
u. Portulaca. 497 D. 451 u. Prasiura. 499 olsnich fehlt bei D. 432. Vgl. die
Glosse 'peucedonum ahincTi Zs. f. d. Ph 9, 206^ 601 D. 437 u. Pilosa.
503 Bei D. 469 andere Glossierun^. 507 D. 471 u. Pnlegium. 510 D. 421
u. Peganum. 511 1. Persicaria (D. 439). 512 D. 407 u. Palmas. 513 1. Pam-
pinus. 516 D. 470 u. Psilothrum. 522 Bei D. 444 statt wiltxjourze die Benennung
unntkraut. 524 Bei D. 424 andere Verdeutschungen. 526 D. 445 u. Poly-
trichum. 528 Bei D. 415 u. Pastinaca die Benennung wulvesbete. 529 Bei D. 466
Propoles. wiswache entstellt aus ic^zwachal 530 D. 413 u. Parietaria. 531 Bei
D. 448 Portul. 532 Bei D. 415, DNGl. 282 u. Pastinaca andere Benennungen.
536 Bei D. 480 wegrich. 539 Bei D. 479 Quibarus, ingeber.
ALTDEUTSCHK GLOSSEN AUS INISSBRUCK.
309
540 Quisquilia, hallen.
Quin quefoliuiii, fiimfpleter.
Rumicedo, bratlouch.
Rubtis, Staude,
Rapistium, hederich.
545 Reumatica, cranchensnahel.
Rubea maior, korber oder lid-
lüurze.
Raphanus, merrätich.
Radix, rätich.
550 Rostrum porcinum, saudistel
oder sunnenwirhel.
Ragadi, struden.
Rum ex, brame.
Rampmus.
555 *Rorastrum vel beonia, päter-
wurze.
Resta bouis, frawentrit.
Rumicedo, bramloup.
Simphoniaca, bilse.
560 Senacion, brunnecresse.
Sinphindria, bachmintze.
Strucium, cholsame.
Sentes, dorne. Spina idem.
Sigillum Salomonis, ainber.
565 Sauguinaria, bluotwurtze oder
gen^ecresse,
Satureia, herba paralisis,
pfeffercraut.
Semperviua, hauslouch.
570 Solsequium, wegwart.
Spinacia, spiucetz.
Spina alba, hagdorn.
Sigillum sancte Marie , vnser
frawen lilie.
blb Scolopendria, hirszunge,
(f. 92*) Storich, cupferrauch.
Salgemma, lutersaltz.
Serpentina, naterwurtz.
Solatrum, nahtschat,
580 Sandaraca, ruschgel.
Solsequium minus, pipawe.
Solsequium maius, ringel.
*Sandria, retich.
*Stincus, rainuan.
585 Satirion, stendelwurze.
Satira, stinkel.
Solatrum mortale, kopfwurze.
Saxifraga, stainprech.
Sinapis, senif.
590 Scabiosa, grintiourtze.
Soloraga, sterneßuch (sie).
540 ballen fehlt bei D. 541 Bei D. 479 ßinffingerkraut. Es dürfte damit
potentilla reptaus gemeint sein, s, Nemnich 3, 174. 542 Bei D. 200, DNGl 148
u. Emicedo die Glossierung brachlouch. 644 1. Rapistrum. 546 korber wohl
fehlerhaft für kleber, s. D. 501, Nemnich 3, 304. 552 Bei D. 483 Rhagades, rha-
gadia(ie), schrunden, ebenso bei Nemnich 3, 521 'Schrundenkraut' = Lapsana raga-
diolus, obiges striiden daher entstellt aus schru/nden. 554 Bei D. 483 und DNGl.
313 Rampnus. 555 In den Leipziger Glosssen Z. f. d. Ph. 9, 207* findet sich die
Glosse: Rorastrum roe. 557 Bei D. 495 lorowencrik. 558 D. 200 u. Emicedo.
560 D. 526 u. Senecium. 561 D. 635 u. Simphidria, das aber durch brachmintze
glossiert wird. 562 D. 667 u. Struthium. 564 Bei D, 533 enbern, Zs. f. d. Ph,
9, 208" Einberencrüth. 567 D. 514 u. Satureia, ebd. 274 Herba paralysis mit
anderer Verdeutschung. 573 Bei D. 533 vnser frowen brüt (!). 576 Bei D. 554
Storax, storith, 683 Zs. f. d. Ph. 9, 207*": Sandria Budech. 584 Kann Stincus
und Scincus gelesen werden. 586 Bei D. 513 Satyrion. 587 Bei D. 540 stock-
vmrtz. 590 Bei D. 515 grintkraut; ebenso Nemnich 3, 210. 591 D. 619 u,
Scolopendria mit anderer Glossiernno^.
310
A. JEITTELE8, ALTDEUTSCHE GLOSSEN AUS INNSBRUCK.
Scariola, scharlei.
Sapo, saiffe.
Sinonimum, syleos, sylermon-
595 tanum, silermontan.
Spatula, scene.
Sudes, stake.
Spica celtica, crotenwurtz.
Sanguis draconis, trachenhliiot.
600 Sponsa solis, sunnenicirhel.
Sisimbrium, hracJimintz,
Serpinum, veltkumich.
Scordion, wilder knohlouch.
Sticados, winterhluome.
605 Stafisagria, niesumrtze.
Sarcinia, wildkeruel.
Saliünca est herba, hirszvnge.
Samaria vel sanicia, sanikel.
Samsucus, lauendel.
610 *Stignum, roemich.
Silumbrium, balsamit.
Symphica, gachheil oder pain-
welle.
*Siclosa, hundeszunge.
615 Scirpus, saif.
Sandalis, lignum al.ru.ni(?),
sändeli.
Saliua, spaichel.
SaluJa, salbet.
620 Serapina, i. rapistrum, höder-
ricli.
Sanamunda, i.gariofilata, hene-
dict.
Starea siluestris, centrum galli
625 sunt idem.
Senecion, rotkcel.
Salices, salhel.
Stera, i. matrix.
Titimallus, brachwurze.
630 Timüs, binsauge.
Toris, brärae.
(f. 92^) Trifolium, de.
Tima, clebleter.
*Tubricula, geriwurzf.
635 Timbra satureia, carthouel,
pfeffercraut.
Tapsus barbatus, cuniges-
kerze.
Tanacetum, ralnuan.
640 Tartarum, weinstain.
Tuthie, tuthian.
Timentum, vischmintze.
Tremulus arbor, aspe.
Taxus est animal, dachs.
645 *Tragimena.
Tribulus, distel.
*Toscolana herba, dragel.
594 i. e. Sinonum, vgl. D. 535 Sinonus, ebd. 533 Siler. 596 Bei D. 545
schene. 600 D. 547 u. Spina solis. 601 Bei D. 538 bachmintze. 602 Bei
D. 530 Serpillum. 603 D. 520 u. Scordium. 606 1. Sarminia. Bei D. 513 Sar-
minea. 608 Samaria i. e. Sanaria (D. 511); sanicia fehlt bei D. Diese Pflanze ist
gemeint mit dem von K. Regel im 'Mittelniederd. Gothaer Arzneibuch' S. 34 als
räthselhaft bezeichneten Namen syneckel. 609 D. 510 u. Sampsuchus. 611 Bei
D. 538 Sisymbrium. 612 i. e. Symphytum (D. 535). 1. gauchheil. 614 Hunds-
zunge heißt bei Nemnich 3, 267 Pleuronectes cynoglossus. 615 Bei D. 518 andere
Benennungen. 616 Bei D. 510 Sandalum. 620 Serapina fehlt bei D.
622 1) D. 511 u. Sanicula, 2) D. 101 u. Caryophyllata. 626 Bei D. 526 rotescal.
627 Bei D. 508 aalhen. 634 Vgl. D. 600 Tubera, ertuxurz, womit obiges Tubricula
wahrscheinlich identisch ist. Erdwurz und Gertwurz .•sind nach Nemnich 3, 190 die
deutschen Namen für Artemisia abrotauum. 635 Bei D. 583 gardccel. 641 Bei
D. 600 Tucia. 642 Bei D. 583 weys mincz, bifmynte. 644 D. 166.574 u. Daxus.
J. H. GALLÄE, ZUR LEGENDE DER HEIL. KUMERNUS etc. 311
Tanum.
Tortuca, schiltkrot.
650 Testudo terranea, idem.
Tubura, ertnus.
Tormentilla, sigiourtze.
Üinagra, iveinezzich.
Vinea, loeinveher.
655 Vipres, brame.
Vincella.
Vertipedum, hindeke.
Virgapastoris, karte oder wolfs-
zagel.
660 Viscus, mistel.
Viperina, nateriourtze.
Vngula caballina, kvtenlatich.
VJpieium, ramese.
Verucaria, cingele.
665 Vlua, schelph.
Vicia, wiken.
675
Vua lupina, saltrian.
Vmbilicus ueneris, ainher.
Vlnus arbor, erle.
670 Vitreolum, galitzenstain.
Vicetoxicum, tag vnd naht.
*Vinea, agresse.
Xristiana, Christian.
*Xilocassia, cassia lignea.
*Xilorarata, lignum cornutum.
*Xiloaloes, lignum aloeos.
Xilobalsamum, lignum bal-
sami.
Ypericon, sant Johans craut.
Ysopus, ysop.
Ygridia, nezzel.
Zvkarum, zuker.
Zinziber, ingber.
Zeodarium, zitwan.
685 Zizania, raten.
680
649 Bei D. 574 schiUpadde. 651 D. 600 u. Tubera. 655 1. Vepres
(D. 621). 657 Bei D. 615 ysendeke. 658 Bei D. 621 n. DNGI. 383 wolfstral.
663 Bei D. 625 hollauch, großer knoblauch. 664 D. 614. 644 u. Verrucaria mit
der Benennung ringel. 672 ägraz, aus mittellatein. agreste, ist Brühe aus unreifem
Obst, unreifen Weinbeeren. Lexer 1, 28. Schm. 1', 53. Nemnich 3, 17 u. Agrest.
679 D. 277 u. Hypericon. 680 Vgl. 366. 681 D. 277 u. Hygrida. 682 D. 563
u. Succarium. 683 D. 635 u. Zingiber. 684 Bei D. 634 Zeduarium.
WIEN. AD ALBERT JEITTELES.
ZUR LEGENDE DER HEIL. KUMERNUS ODER
WILGEFORTIS.
Germania XX N. R. S. 461 ff. hat K. Rehorn einen Beitrag zur
Geschichte dieser Heiligen gegeben. Seiner Meinung nach ist sie ein
weibliches, Thor zur Seite stehendes, göttliches Wesen, eine mütter-
liche Gottheit, welche selbst im Dunkel bleibt aber Leben spendet
und Leben zurückfordert. An die Stelle dieser Göttin und Götter-
mutter wäre Maria getreten. Eine solche Maria hätten wir auch in
Kumernus zu sehen. Uralt sollen bei der Heiligen nur Gürtel und
Schuh sein , und der Becher und der Geiger würden nur neben-
312 K. HAAS, DER SCHELCH IM NIBELUNGENLIEDE.
Sächliche Bedeutung haben. Ich glaube jedoch, daß mit dieser Be-
hauptung der Gegenstand nicht erledigt ist, zumal da Verf, von der
Prämisse ausgeht, daß über den Cultus nirgendwo Genaueres zu er-
fahren sei als in den Alpenthälern Tirols. Die etymologische Deutung
des Namens Wilgefortis aus got. fairguni (Berg)', also eine herg-frid
oder foi'd scheint mir nicht ohne Bedenken. Besser ist mit Kern und
Mr. L. A. J. W. Baron Sloet (De heilige Ontkommer of Wilge-
fortis s'Gravenhage, M.Nyhoff [1884]) anzunehmen Wilgifortis = Regin-
fredis, wonach Wilgi, altn. Wilgi, sowie Regln, sehr, groß bedeuten
würde. Es fehlt mir die Zeit, die ganze Geschichte der Legende mitzu-
theilen; es ist auch unuöthig, da Sloet das in seinem Buche mit einer
unübertreflFlichen Genauigkeit und Vollständigkeit gethan hat. In den
Ergebnissen bezüglich der mythischen Person, an deren Stelle die heil.
Wilgeforthis oder Ontkommer getreten sein soll, ist er nicht so weit
vorgedrungen wie Rehorn; die verschiedenen Seiten ihres Wesens hat
er aber mehr zu ihrem Rechte kommen lassen ; namentlich die Attribute
und die vielen Namen , worunter die Heilige verehrt wird.
UTRECHT. J. H. GALLEE.
DER SCHELCH IM NIBELUNGENLIEDE^).
Der grimme Scheich ist kein Tragelaphus (eine recente, zierlich
gebaute Antilopenart) , sondern wohl der Riesenhirsch Megaceros hiber-
nicus (Claus, Zoologie, 2. Auflage, S. 821; Hörnes, Paläontologie,
S. 540; Neumayr, Erdgeschichte II, 610).
Ein kurzer Hinweis darauf, daß der ür (Bos primogenius) ein
Ahnherr unseres Rindes, nun auch ausgestorben ist, und daß der jetzt
noch in Rußland lebende Bison europaeus, der Wisent, fälschlich
Au er ochs genannt wird, wäre überaus nützlich, da wohl die meisten
Leser, die nicht zoologisch geschult sind, unter dem Auerochs nichts
anderes als den Wisent verstehen werden.
WIEN. Dr. KARL HAAS.
') Zu dieser Bemerkung erinnere ich au Pfeiflfers Aufsatz mit der Abbildung
eines Riesenhirsches Germ. 6, 225—231. Schröer.
R. KÖHLER, MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN. 313
MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN.
Unter obiger Überschrift habe ich vor vielen Jahren in dieser
Zeitschrift (VI, 368 — 72) einen Aufsatz über den Spruch veröffentlicht,
den Mone von einem alten Buchdeckel abgeschrieben und in seinem
Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit IV (1835), Sp. 207*), also
herausgegeben hatte:
Ich leb und waiß uit wie lang,
ich stirb und waiß nit wann,
ich far und waiß nit wahin,
mich wundert, das ich frölich bin.
haec magister Martinus in Bibrach. 1498.
Ich erklärte in jenem Aufsatz, der Spruch scheine mir unter den
vielen schönen deutschen Sprüchen, die in rechter Stimmung einmal
gelesen sich für immer dem Gedächtniß einprägen, in erster Reihe
zu stehen, und wies darauf hin, daß W. Wackernagel in sinniger
Weise mit ihm sein Altdeutsches Lesebuch geschlossen habe. Dann
theilte ich eine längere Stelle mit aus Luthers Schrift 'Das 14. und
15. Capitel Johannis gepredigt und ausgelegt', in der der Reformator
den 'Reim' anführt, bekämpft und abändert, und wies hierauf den
Spruch — mit unwesentlichen Abweichungen — aus zwei Hand-
schriften des 15. und 16. Jahrhunderts und als Inschrift eines Ge-
mäldes einer Kirche in Heilbronn nach, ferner als Elsässer Kinder-
spruch und endlich — in eigenthümlich veränderter Fassung — als
Inschrift, die Heinrich von Kleist, als er 1801 eine Zeit lang am
Thuner See lebte, an einem Hause jener Gegend fand und über die
er an seinen Freund Heinrich Zschokke schrieb, der 'Vers' gefalle
ihm ungemein, und er könne ihn nicht ohne Freude denken, wenn
er spazieren gehe. Mein Aufsatz schließt mit dem Abdruck des Ge-
sprächs zwischen Varus und der cheruskischen Alraune in Kleists
Hermannsschlacht, da ich es für nicht unwahrscheinlich hielt und
noch halte, daß der von Kleist so belobte Vers nicht ohne Einfluß
auf dies Gespräch gewesen ist^).
') Nicht 307, wie in meinem Aufsatz verdruckt ist.
') Viel später hat auch Ph. Kohlmann im Archiv für Litteraturgeschichte VIII
(Heft I, 1878), 133 bemerkt, es könne keinem Zweifel unterliegen, daß bei den drei
Fragen des Varus an die Alraune dem Dichter der Vers vorgeschwebt habe. Kohl-
niann hat von meinem Aufsatz nichts gewußt, ebensowenig Schnorr von Carolsfeld, der
im genannten Archiv XII, 474, an Kohlmanns Bemerkung anknüpfend, die oben er-
wähnte Luther-Stelle mittheilt und auf Wanders Sprichwörter-Lexikon II, 1849 verweist.
314 R. KÖHLER
Mein Aufsatz ist, wie es scheint, wenig beachtet und bald ver-
gessen worden; es hätte so manchesmal auf ihn hingewiesen werden
sollen, aber es ist meines Wissens nie geschehen.
Ich dagegen habe ihn nicht vergessen und den Gegenstand des-
selben nicht aus den Augen verloren. Ich habe daher im Laufe der
langen Jahre viel über Verbreitung und Beliebtheit des Spruches,
sowie über seine Herkunft gesammelt, und ich glaube, daß es an der
Zeit ist, Alles dies hiermit einmal zu veröffentlichen, wie ich bereits
vor fast vier Jahren im Archiv für Litteraturgeschichte XII, 640 ver-
sprochen habe.
Ich mache zunächst auf einen Irrthum aufmerksam, der mir
zuerst bei J. von Radowitz, Die Devisen und Motto des späteren
Mittelalters, Stuttgart und Tübingen 1850, S. 86, begegnet, aber in
neuerer Zeit mehrfach wiederholt worden ist. Radowitz sagt a. a. O.:
Kann das Räthsel des Lebens und Sterbens eigenthümlicher aus-
gesprochen werden als in der Grabschrift des Magisters Martinus von
Biberach zu Heilbronn aus dem Ende des 15. Jahrhunderts?' — und
gibt dann den Spruch so, wie ihn Mone a. a. O. mitgetheilt hat, nur
in V. 1 und 3 ohne 'und und mit einigen orthographischen Abwei-
chungen, Radowitz hält also den von 'Magister Martinus in Biberach'
1498 in einen Buchdeckel geschriebenen Spruch für des Magisters
Grabschrift in Heilbronn. Ebenso führt 0. Sutermeister, Schweizerische
Haussprüche, Zürich 1860, S. 70, zur Vergleichung mit einem Haus-
spruch aus Turbenthal ') die 'Grabschrift des Magisters Martinus von
Biberach zu Heilbronn 1498' an, und zwar auch wie Radowitz ohne
und' in V. 1 und 3. Aus Sutermeisters Büchlein ist die 'Grabschrift'
in eine Miscelle A. Kuhns in seiner Zeitschrift für vergleichende
Sprachwissenschaft XIV (1865) 457 *) und daraus wieder in einen kleinen
Artikel Max Müllers in der Londoner Wochenschrift 'The Academy',
23. August 1884, S. 122, übergegangen'^). Endlich bezeichnet auch
') Der Mensch gar lichtlich falt zu Grund,
Muli sterben und weiß nicht in welcher Stund.
^) Kuhn liat auf die Übereinstimmung der angeblichen Grabschrift mit einem
englischen Spruch in den Altdeutschen Blättern II, 142, den ich weiter unten mit-
theilen werde, hingewiesen.
•') M. Müller kannte damals auch nur die 'Giabschrift* und den englischen
Spruch, und vermuthete eine gemeinsame lateinische Quelle beider. I should be glad'
— schrieb er — if one of your [i. e. the Academy's] readers could point out ilie
probably Latin source from whicli the English poet of the thirteeuth Century and the
Swiss flies: 'Suabian'!] poet of the fifteenth Century have both derived their In-
spiration.' Erst in der Academy vom 24. Januar 1885, S. 63, erfolgte der erhoffte
I
MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN. 315
H. Draheim, Deutsche Reime — Inschriften des 15. Jahrhunderts und
der folgenden, Berlin 1883, S. 20, der Radowitz, aber auch Mone
citirt, ihn dennoch als 'Grabschrift'. Ich weiß nicht, ob Radowitz
den Irrthum einem Vorgänger nachgeschrieben oder ihn selbst zuerst
begangen hat, aber wer auch der Urheber des Irrthums sein mag,
wie kam er dazu, den Spruch für eine Grabschrift zu halten, wozu
er sich doch gar nicht eignet, und die Grabschrift nach Heilbronn
zu verlegen? An letzterem ist vielleicht die oben erwähnte Inschrift
eines Gemäldes in einer Kirche zu Heilbronn, auf die ich auch weiter
unten noch zurückkomme, Schuld gewesen.
Ich theile nun mit, was mir seit meinem ersten Aufsatz vom
Vorkommen des Spruches in Handschriften und Büchern des 15. bis
17. Jahrhunderts bekannt geworden ist.
Auf dem zweiten Vorsetzblatt einer Maihinger Handschrift ist er,
wie G. Schepss im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1878,
Sp. 88, mitgetheilt hat^), wohl im Anfang des 16. Jahrhunderts folgender-
gestalt niedergeschrieben worden :
Ich leb vnd wayß nit wie lang
Ich stirb ich waiß nit wan
Ich far vnd wais nit wohin
Mich nimpt wunder das ich so frolich bin.
Nach A. von Keller, Fastnachtspiele aus dem 15. Jahrhundert,
Nachlese (Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart, XLVI),
S. 326, findet sich der 'Spruch Martins von Biberach' auch in einer
Augsburger Handschrift aus dem zweiten Jahrzehnt des 16. Jahr-
hunderts.
Luther hat den Spruch nicht nur an der in meinem ersten Auf-
satz mitgetheilten Stelle, sondern, wie mir seitdem bekannt geworden,
noch an zwei anderen Stellen citirt und bekämpft. In seiner Predigt
aus dem Jahre 1526: 'Die Epistel des Propheten Jesaia, so man in der
Christmesse lieset, ausgelegt und gepredigt'^) sagt Luther:
Nachweis durch Fr. Novati, der einen Spruch aus seinen 'Carmina latina medii sevi'
und eine Stelle eines dem Walther Mapes zugeschriebenen Gedichtes beibrachte (siehe
unten S. 326 und 328).
') Maihinger cod. lat. , in folio — nicht wie im Anzeiger steht: in 4" — '
uum. 103. Herr Dr. Schepss hatte die Freundlichkeit, mich auf seine Veröffentlichung
des Spruches hinzuweisen und zugleich diese Berichtigung beizufügen.
*) M. Luthers sämmtliche Werke, 15. Bd., 2. Aufl. [= Luthers Kirchenpostille. II.
Evangelienpredigten. Herausgeg. von E. L. Enders, 6. Bd.] Frankf. a. M. 1870, S. 108, —
J. A. Heuseier, Luthers Sprichwörter, Leipzig 1824, hat S. 30, Nr. 117, diesLe uther-
Stelle benutzt, sowie S. 109, Nr. 370 die der Predigt über das U. Capitol des .Johannes.
316 R- KÖHLER
Wir fahren aus diesem Leben in die Hände des Vaters, ja dem
Vater in den Schooß Darumb ist der Reim und Spruch bei den
Christen nicht wahr, da man spricht:
Ich lebe und weiß nicht, wie lange;
Ich sterbe und weiß nicht, wenne;
Ich fahre und weiß nicht, wohin;
Mich wundert, daß ich so*) fröhlich bin.
Solchs sollen sagen alle Ungläubigen, bei welchen solchs alles wahr ist,
Aber ein Christ weiÜ wohl, wo er hinfähret, nämlich in eines**) Vaters
Schooß; so weiß er auch wohl, wie lange er lebt, und wenn er stirbet
denn er ist schon todt und der Welt abgestorben, und acht das Leben
für nichts. Darum ists Wunder, wo er nicht fröhlich ist, und ist so
groß Wunder, als daß der Gottlose fröhlich kann sein. Aber wie des
Gottlosen Freude das Herz nimmer recht erfähret, also ist das Trauren
eins Christen auch nimmer recht im Grunde des Herzen.
Luthers dritte Äußerung über unsern , Spruch ist zuerst in
Druck erschienen in der von Georg Rörer (Rorarius) herausgegebenen
Schrift 'Vieler schönen Sprüche aus Gottlicher Schrifft auslegung,
daraus Lere vnd Trost zu nemen, Welche der ehnrwirdige [sie!] Herr
Doctor Martinus Luther seliger, vielen in jre ßiblien geschrieben.
Dergleichen Sprüche von andern Herrn ausgelegt, sind auch mit ein-
geraenget. (Wittemberg, Hans Lufft 1547, 4*^.) In dieser Schrift, die
mehrfach einzeln gedruckt und auch in die Gesammtausgaben der
Werke Luthers aufgenommen worden ist, findet sich von dem Spruch
'So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen
ewiglich folgende Auslegung^):
Wie gros vnd mechtig ding ists, vmb einen Christen, der da
glaubt. Dem mus auch der Tod, Sünde vnd Teufel, weichen. Vnd er
fehet auch hie in dieser zeit das ewige Leben an. Das macht (Christus
Gottes son, an welchs Wort er gleubt.
Drumb solte ein Christ in diesem Reim,
Ich lebe, vnd weis nicht wie lang,
Ich mu8 sterben, weis auch nicht wann.
Ich far von dann, weis nicht wo hin,
Mich wundert, das ich bo frdlich bin.
•) »0 fehlt in einem der ältesten Drucke.
') Zwei der ältesten Drucke haben seines.
*) Ich gebe die Stelle genau nach der Originalausgabe (Ö. x iij" und x iv) In der
Fraukfurt-Erlanger Luther-Ausgabe steht die Stelle Bd. LII, S. 362. Vgl. auch 'Dich-
tungen von D. Martin Luther. Herausgeg. von K. Goedeke', Leipzig 1883, S. 139. —
In Johannes Aurifabers Schrift 'Au-ilegung etzlicher Trostspriiche, so der Ehrwirdige
MICH WUNDRRT, DASS ICH FRÖHLCH BIN. 3t 7
die letzten zwen Vers endern , vnd mit frolichem raund vnd hertzen
so reimen.
Ich far. vnd weis, Gott lob, wo hin,
Mich wundert, das ich so trawrig bin ').
Gut wers, das vnbusfertige sichere Leute diesen Reim, wie er
von Alters laut, jmer für äugen hetten. Ob sie der mal eins da durch
erinnert, klug weiten werden, das ist, in sich schlagen vnd bedencken,
das sie sterblich vnd keins augenblicks jres Lebens sicher weren
Vnd also bewegt wiirden, Gott zu furchten, Busse zu thun vnd sich
zu bessern. Wie denn Mose in seinem Psalm, alle Adams kinder, zu
Gott also zu beten, ernstlich vermanet. Lere vns, HERR, bedencken,
das wir sterben müssen, AufF das wir klug werden.
Mart. Luth.
Mit der hier von Luther vorgeschlagenen Änderung steht der
Spruch in einer Handschrift der großherzoglichen Bibliothek zu
Weimar (0,67, S. 110"), welche am Ende des 16. Jahrhunderts ge-
schrieben ist und besonders geistliche Lieder und Sprüche enthält'^).
Ebenso führt ihn A. Paudler, Nordböhmische Volkslieder, B.-Leipa
1877, S. 44, an als Von Bartholomäus Schürer auf Grünwald im Jahre
1625 niedergeschrieben'^), und steht er nach M. Toppen, Volksthüm-
liche Dichtungen, zumeist aus Handschriften des 15., 16. und 17. Jahr-
hunderts gesammelt, [aus der Altpreußischen Monatsschrift, Bd. IX,
besonders abgedruckt], Königsberg 1873, S. 77, Nr. 23, mit der Unter-
schrift 'Lutheri rythmus^ in einem Stammbuch der Gymnasialbibliothek
zu Thorn (R. octavo 14)*).
Herr, Doctor Martinus Luther, jnn seiner lieben Herrn, vnd guten Freunden Bibeln
vnd Postillen, mit eigener handt (zu seinem gedechtnis) geschrieben (o. O. u. J. 4")
kommt die Auslegung nicht vor.
*) Luthers Änderung des Reims in der in meinem ersten Aufsatz vollständig
mitgetheilten Stelle aus seiner Predigt und Auslegung des 14. und 15. Capitels Jo-
hannis lautet:
Ich lebe und weiß wol wie lang.
Ich sterbe und weiß wol wie und wenn.
Ich fahre und weiß wol wohin,
Mich wundert, daß ich noch traurig bin.
^) Z. 2 lautet hier; Ich mus sterben, weis nicht wann.
^) Die beiden ersten Zeilen lauten hier:
Ich lebe und weiß doch nicht wie lang.
Ich muß sterben und weiß nicht wen.
'*) Z. 2 lautet hier: Ich sterbe uudt weiß nicht wan. — In Z. 4 fehlt 'so'. —
Toppen verweist auf die Wittenberger Ausgabe der Sammlung 'Viel schöner Sprüche
... Auslegung' vom Jahre 1559, S. 135^
StS R- KÖHLER
In einer Handschrift des 15. Jahrhunderts, welche Gebete und
anderes enthält, steht, wie mir ihr Besitzer Dr. Oswald Zingerle
freundlichst mitgetheilt hat, auf einem ursprünglich leergelassenen
Blatt von einer Hand des 17. Jahrhunderts nebst anderen Versen auch
unser Spruch, von Magister Martins Niederschrift nur orthographisch
und durch 'Ich far dahin und "^so frelich abweichend.
Auch in der Sprichwörtersammlung *^Der Teutschen Weißheit
von Fridericus Petri, Hamburg 1605, dritter Theil, Seite Rrr viij",
weicht der Spruch von Magister Martin nur durch die Rechtschreibung
und durch 'nicht' und 'sterb* ab.
Dagegen lautet er in Christoph Lehmanns 'Florilegiura Politicum'
nach Hoffmann von Fallersleben, Spenden zur deutschen Litteratur-
geschichte I, Leipzig 1844, S. 77 (vgl. auch des Letzteren 'Find-
linge I, 463):
Ich lebe, weiß nicht wie lang,
Ich sterbe, weiß nicht wann,
Ich fahre, weiß nicht wohin.
Mich wundert, daB ich noch so fröhlich bin.
Ebenso , nur mit 'leb', 'sterb , 'fahr' und Weglassung von 'so',
gibt ihn K.F.W. Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon II, Sp. 1849,
Nr. 56, und verweist dazu auf Gruter [Florilegium ethico-politicum,
Frankf. 1610—12] III, 52; Petri [Der Teutschen Weisheit] III, 7;
[Simon] Pauli, Postilla 11, 235''; Heuseier [Luthers Sprichwörter] 117
und 370; Simrock [Die deutschen Sprichwörter] 2811'. Sodann gibt
Wander noch Luthers Änderung des Spruches aus dessen Predigt über
das 14. Capitel Johannis und schließt mit folgendem Citat, das ich
leider nicht nachschlagen kann:
'Vor Zeiten haben die Klosterleute gesagt: Ich lebe, und weiß
nicht u. s. w.' Herberger [Hertz Postille, Leipzig 1612] II, 216.
Zu dem Vorkommen des Spruches mit fehlender erster Zeile
(Germania VI, 370) habe ich jetzt Folgendes nachzutragen. In einer
ohne Ort und Jahr — wahrscheinlich zu Tübingen 1501 — erschienenen
Sammlung von Schriften Heinrich Bebeis, welche der 'Liber hymno-
rum in nietra noviter redactorum' eröffnet, befinden sich auch 'Ver-
siculi quidam Henrici Bebelii lustingensis egregias sententias in se
continentes , d. h. in lateinischen Hexametern und Distichen verfaßte
Übersetzungen von zehn deutschen Reimsprüchen, welche letztere
mmer der Übersetzung nachfolgen. Darunter lesen wir — nach G. W,
MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN. 310
Zapf, H. Bebel nach seinem Leben und Schriften, Augsburg 1802^
S. 136*) — an zweiter Stelle:
Cur ego mortalis possum letarier unquam?
Tempus enim, quo sum vel moriturus, etil.
Sed quando immineat, nunquam cognoscere possum,
Et quo perveniam, nescius atque miser.
Ich stirb vnd waiss nit wan,
ich far vnd waiss nit wa hin,
mich nempt wunder, das ich frelich bin.
Genau dieselben drei Zeilen und mit der Unterschrift "^Heinrich
Bebel in Tübingen 1497* gibt Wilhelm Krühne unter anderen deutschen
Volksdevisen aus dem 14., 15., 16. und 17. Jahrhundert aus hand-
schriftlichen Stammbüchern' in Westermanns Jllustrirten Deutschen
Monatsheften Nr. 78, März 1863, S. 620.
Ich wende mich nun zu dem Vorkommen unseres Spruches als
Inschrift.
Schon im ersten Aufsatz (S. 370) konnte ich nach E. Meier,
Schwäbische Volkslieder S. 268, mittheilen, daß er, um zwei Verse
vermehrt, früher sich als Gemäldeinschrift in der — 1688 von den
Franzosen verbrannten — Franziskanerkirche in Heilbronn befunden
hatte. Hierzu habe ich Jetzt folgende interessante Nachträge.
Die königliche öflfentliche Bibliothek in Stuttgart besitzt zwei
Exemplare einer handschriftlichen, 1729 — 31 von Friedrich Ludwig
Künzel verfaßten Geschichte Heilbronns, das eine (Cod. histor. 4",
134) in lateinischer und deutscher, das andere (Cod. histor. fol. 528)
nur in deutscher Sprache. In letzterem findet sich (Bl. 40) eine Zeich-
nung des Gemäldes mit unserem Spruch, von der ich hier eine Wieder-
gabe'^) nebst dem, was Künzel dazu schreibt, folgen lasse:
Ob dem Eingang der kirchen gegen westen war in eben dießem
gewölb [d. h. in dem mit bemalten Bretern beschlagenen Decken-
') Vgl. auch W. H. D. Suringar, H. Bebeis Proverbia Germanica, Leiden 1879,
S. 164.
') Sie ist nach einer Durchzeichnung gefertigt, die Herr Bibliothekar Dr. Her-
mann Fischer in Stuttgart [jetzt Professor in Tübingen], nachdem er mir von Künzels
Handschrift freundlichst Nachricht gegeben und ich ihn um ein Facsimile der Abbil-
dung gebeten hatte, die große Gefälligkeit gehabt hat selbst zu machen.
320
R. KOHLER
gewölbej ein besonders gemählt zu sehen, umb welche [sie!] dieüe
reimen zu lesen waren:
^iihmh-^dßn^^^
Eß sind zwar dieße reimen wohl in der gantzen Christenheit bekand,
wenige aber auch von den Gelehrten wißen, daß diese Kirch der
orth geweßen, von welchen [sie] sie ursprünglich hergekommen sind.
Künzel verweist dann noch auf den andern Theil der Memo-
rabilium des Johannes Wolfius pag. 822 — d. h. auf Johannes Wolf,
Lectionum memorabilium et reconditarum tomus II, Lauingae 1600 —
mit dem Bemerken, daß die von Wolf beigefügte Figur völlig nicht
accordire und die zwei letzten Verse ausgelassen seien. Die Worte
Wolfs, der seine letzten Lebensjahre in Heilbronn verbrachte und
daselbst im Jahre 1600 starb, mögen hier als Seitenstück zu den
obigen Äußerungen Luthers einen Platz finden, ebenso wie der allerdings
von Künzels Abbildung sehr abweichende Holzschnitt. Wolf schreibt:
Dubia Salus Concilii Tridentiui.
De salute aeterna et redemtore suo dubitandum esse Christianis,
huc usque docuerunt Papistse: immemores statuti, quod, dubius sit
habendus pro infideli: et hanc doctrinam suam eos non puduit tam
verbis quam publicis scriptis et picturis passim exprimere: ut in
MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN.
321
exemplum huius reperitur in quadam primaria ad Neccaram urbe
tigura cum rhythmis sequentibus, in templo Franciscanorum ad sup-
rema laquearia depicta. Sed huius blasphemi in Salvatorem, et quod
a quibusdam etiam lesuitis improbatur, commenti causas mox
audiemus.
Auch in der von dem königlichen statistisch- topographischen
Bureau in Stuttgart herausgegebenen 'Beschreibung des Oberamts
Heilbronn' (Stuttgart 1865) ist des Bildes und seiner Inschrift gedacht,
und letztere mitgetheilt. Es heißt da S. 182:
GERMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 21
322 K- KÖHLEE
'Arn westlichen Portal waren Christi Marterwerkzeuge dargestellt
mit der Inschrift: Ich leb, und weiß nicht wie lang,
Eine Inschrift, die später weithin verbreitet worden ist/
Nach der 'Beschreibung' a. a. O. hatten die Mönche 1517 die
Kirche mit Deckengemälden, acht Heilige darstellend, versehen lassen.
Man wird wohl annehmen dürfen , daß auch unser Gemälde damals
gemalt worden ist, also zu einer Zeit, wo der Spruch schon lange
bekannt und verbreitet war.
Im Schlosse Tratzberg in Tirol, und zwar in dem ältesten Zimmer,
das von Alters her, auch in Inventarien, das Maximilianszimmer
geheißen hat, ist unser Spruch an das Wandgetäfel mit Kreide also
geschrieben : ICH Leb Waiß Nit Wie Lang
Und Stürb Waiß Nit Wan,
Mueß Fahren Weiß Nit Wohin,
MICH Wundert Daß Ich | So Freiich Bin.
Die Tradition schreibt die Inschrift dem Kaiser Maximilian zu,
der oft in Tratzberg geweilt hat, und die Schrift ist deshalb vor etwa
vierzig Jahren sorgfältig erneuert worden. Nach Herrn Dr. Oswald
Zingerle kann aber der Spruch von Kaiser Maximilian nicht ge-
schrieben sein, da der Charakter der Schrift vielmehr auf das Ende
des 16. Jahrhunderts hinweist*).
Mehrfach hat man in neuerer Zeit den Spruch als Inschrift an
Häusern nachgewiesen.
So erzählt Karl Blind in 'The Academy' vom 30. August 1884,
S. 139, daß er ihn vor mehr als vierzig Jahren an einem Bauernhaus
in der Rheinpfalz in folgender Fassuog gefunden habe:
Ich leb, ich weiß nicht wie lang,
Ich sterb, ich weiß nicht wann,
Ich fahr, ich weiß nicht wohin,
Mich wundert, daß ich so fröhlich bin.
In der gleichen Fassung, nur mit der Variante 'und weiß' statt
'ich weiß' und mit der Unterschrift 'Michael Dengel. Anno 1766' ist
') Mein Freund Professor Dr. Ernst Kuhn in München hat mich zuerst auf die
Inschrift in Tratzberg hingewiesen. Er hatte in einem Exemplar der Germania zu
meinem ersten Aufsatz die handschriftliche Notiz eines Unbekannten gefunden, daß
Kaiser Maximilian den Spruch in einem Zimmer des Schlosses Tratzberg mit Kreide
an die Wand geschrieben habe. Das Nähere erfuhr ich dann durch gütige Vermittlung
des Herrn Professors Dr. Ignaz Zingerle von Herrn Grafen Hugo von Enzenberg,
einem der Besitzer von Tratzberg, und von dem Sohne Ignaz Zingerles, Herrn
Dr. Oswald Zingerle , welcher letztere die große Güte hatte, sich eigens nach Tratz-
berg zu begeben und den Spruch mir abzuschreiben.
MICH WUNDERT, DÄSS ICH FRÖHLICH BIN. 323
der Spruch von einem Haus in Kelling in Siebenbürgen mitgetheilt.
(Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen. Kleinere Schriften von
Josef Haltrich. In neuer Bearbeitung herausgegeben von J. Wolf.
Wien 1885, S. 437.)
Nach K. Mündel, Haussprüche und Inschriften im Elsass, Straß-
burg 1883, S. 21, steht an einem Haus in Sulzern im Kreis Colmar:
O Mensch, o Mensch, bedenk Dein End, denn Du wisse, daß
Du sterben musst.
Ja ich lebe und ich weiß nicht wie lang,
Ich muß sterben und weiß nicht wann,
Ich fahr und weiß nicht wohin,
Mich wunderts, daß ich so freudig bin.
Die kleine Sammlung "^Deutsche Haussprüche aus Tirol, gesammelt
von W. O.', Innsbruck 1871, S. 28 ') bringt den Spruch vom Domanig-
Wirthshaus vor dem Schönberg und aus Telfes in Stubai also:
Ich leb', weiß nicht wie lang,
Ich sterV und weiß nicht wann,
Ich fahr', weiß nicht wohin.
Mich wundert, daß ich so fröhlich bin.
Ganz ebenso, nur mit 'Wie kommts' statt 'Mich wundert', hat
H. Draheim a. a. O., S. 20, den Spruch mit der Bemerkung: 'Noch
heutzutage an Häusern in Schwaz und im Stubaithal.'
Endlich findet sich in der Sammlung 'Deutsche Inschriften an
Haus und Geräth', Berlin 1865, S. 9, fünfte verbesserte Auflage, Berlin
1888, S. 16, der Spruch in folgender Gestalt:
Ich lebe und weiß nit wie lang,
Ich sterbe und weiß nit wan,
Ich fahre aus und weiß nicht wohin,
Darum ich stets in Sorgen bin.
Ein Fundort dieser Fassung des Spruches ist in der 1. und 2. Auflage
nicht angegeben, aber in der 5. — die 3. und 4. sind mir nicht zu-
gänglich — steht Heilbronn unter dem Spruch**).
') Aus bester Quelle weiß ich, daß die Buchstaben W. O. die Gebrüder Wolfram
und Oswald Zingerle bedeuten.
') In derselben Sammlung findet sich zuerst in der 2. Auflage S. 14 (:=: 5. Aufl.
S. 16) nachstehende Umänderung des Spruches, die mit der einen Luthers (s. oben
S. 317) fast ganz übereinstimmt:
Ich lebe und weiß wol wie lang,
Ich sterbe und weiß wol wann.
Ich fahre aus und weiß wol wohin,
Mich wundert, daß ich noch traurig bin.
Als Fundort ist Eisenach genannt, aber ich habe bisher vergeblieh zu ermitteln ge-
sucht, wo der Spruch in Eisenach zu finden ist.
21*
324 R- KÖHLER
Dem Eisleber am 13. März 1616 gestorbenen Buchdrucker Jacob
Gaubisch schrieb ein Johannes Ende eine längere, dem Verstorbenen
in den Mund gelegte Grabschrift, die so beginnt:
Ich leb und weiß je nicht wie lang,
Muß sterben zwar und weiß nicht wann.
Ach wie gehts doch so elend zu,
Hab ich doch weder Rast noch Ruh.
S. die Zeiischrift des Harz -Vereins für Geschichte und Altertums-
kunde XIX (1886), 373.
In neuerer Zeit hat Franz Hirsch unsern Spruch recht hübsch
als Refrain in einem Gedicht verwendet, welches in der Deutschen
Dichterhalle, Bd. V, Leipzig 1876, Nr. 14, S. 221, veröffentlicht worden
ist und hier wiederholt werden mag.
Der Vagant vor Mailand.
(Mit Benutzung eines alten Refrains.)
Sie fragten mich, warum ich so froh, Euch tönt mein Sang laut und leis,
Wann ich geboren und wie und wo ; Laut in den Zelten bei Würfel und
Woher mein Brot, wohin mein Weg, Wein,
Wohin mein müdes Haupt ich leg! Leise tönt's nächtlich im Kämmerlein:
Pfaffen und Laien, Ritter und Knecht Ich leb', ichjweiß nicht wie lang, u. s. w.
Hören mein Lied, es ist ihnen recht ^
Walther bin ich, der Erzpoet. Doch Eins in Welschland hat mich
Wißt ihr, wie mir der Glaube steht? gekränkt:
Ich leb', ich weiß nicht wie lang, Daß man den Wein mit Wasser ver-
leb sterb', ich weiß nicht wann, mengt,
Ich fahr', ich weiß nicht wohin, Und daß bei den Frauen zu jeder Frist
Mich wundert, daß ich fröhlich bin. Säßzüngelnd ein gelblicher Pfaffe ist.
Dich grüß' ich, deutsches Geländ' am
König Friedrich, ruhmreicher Krieges- Rhein,
held, Wo man den Rothen rein schenkt ein.
Italiens Sonne bestrahlt dein Zelt; Fort Heimweh! Töne Vagantenlied,
Mailandbezwinger, ich folge dir; Das sehnend über die Alpen zieht:
Eia, wie flattert dein staufisch Panier! Ich leb', ich weiß nicht wie lang, u. s. w.
Lombardische Mädchen, schwarz und
weiß,
Ich lasse nun einige alte Umbildungen unseres S[)ruches folgen.
In der Münchner Handschrift Clm 9b04 aus dem 15. Jahrhundert
hat mein Freund Dr. Franz Weinkauff in Köln folgenden Spruch
gefunden:
Ich leb ich wais nicht wie ignis
vnd arbait ich wais nit wann terra
vud stirb ich wais nicht wen aer
vnd var ich wais nich wo hin aqua
Welt dar nach rieht dein sinn.
MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN, 325
Was die Beischrift der lateinischen Worte für die vier Elemente be-
deuten soll, darüber unterlasse ich Vermuthungen zu äußern, dagegen
kann ich die Vermuthung nicht unterdrücken, daß Z. 2 '^loem (statt
'vvann^) und Z. 3 'wann (statt 'wen') gelesen werden muß.
In der oben S. 317 erwähnten weimarischen Handschrift folgt
S. 111* — unmittelbar nach dem Sprucii mit Luthers Änderung der
beiden letzten Verse — nachstehende Umarbeitung:
Du lebst dahin, weist nicht wie lang,
Must auch sterben, vnd weist nicht wan,
Du fahrst, weist kaum, wo ein,
Schau zu, wie führst das leben dein.
In einer Heidelberger Handschrift des 15. Jahrhunderts steht —
nach K. Bartsch, Die altdeutschen Handschriften der üniversitäts-
bibhothek in Heidelberg, S. 26, Nr. 62, 6P — :
Ein gar gute kurtze nütze lere.
Wirp umb gut du enweist weme Stirp du enweist wenne Var
du enweist aber nit war.
Endlich ist noch zu erwähnen, daß an einem Haus in dem
Tiroler Dorf Schupfe (Nr. 97) folgender Spruch steht (Deutsche Haus-
sprüche aus Tirol, S. 28):
Ich stirb und reis*, weiß nicht wohin,
Das kommt, weil ich nicht wachtbar bin.
Dies ist es, was ich über die Verbreitung und mannigfache Ver-
wendung unseres Spruches gesammelt habe. Jetzt wende ich mich
zu seiner Herkunft.
Es war mir, als ich meinen ersten Aufsatz schrieb, entgangen,
daß W. Wackernagel in der 1853 erschienenen zweiten Abtheilung seiner
Geschichte der deutschen Litteratur, S. 288 (§. 81), Anm. 37, ganz
kurz bemerkt hat:
'Auch der Spruch M. Martins von Biberach LB. 1, 1071 aus
dem Lateinischen: Aufseß und Mones Anzeiger 3, 32, 12.'
An genannter Stelle hat nämlich Mone unter anderen lateinischen
Versen *aus dem 16. Jahrhundert von Buchdeckeln' folgende leoni-
nische, der lateinischen Prosodie Hohn sprechende Hexameter mit
getheilt:
Tria sunt vere, quae faciunt me semper dolere,
primum est durum, quia scio me moriturum,
secundum timeo, quia nescio tempus quando,
tertium hinc flebo, quia ignoro, ubi manebo ^).
*) Suringar, a. a. O. S. 598, bemerkt zu diesen Versen: 'Violato metro, quo
singuli versus laborant, si quls mederi volet, scribere poterit:
326 E- KÖHLER
Von diesen lateinischen Hexametern kann ich jetzt noch sechs
andere, unter sieh in einzelnen Worten und Wortstellungen ab-
weichende Texte beibringen.
In der englischen Übersetzung der Gesta Roraanorum, welche
in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts (British Museum , MS.
Harl. 7333) erhalten ist, liest man in der diesem englischen Texte
eigenthümlichen 'Moralite' zur Geschichte von den drei Kästchen *)
nachstehendes:
And J)erfore saide a certayne saynt, in vitis patrum, this in verse,
Sunt tria, que vere me faciunt sepe dolere.
Est primum durum, quoniam scio me moriturum;
Est magis addendo moriar, set [sie !] nescio quando ;
Inde magis flebo, quia nescio quo remanebo.
This is to say,
Thre thinges ben, in fay,
That makith me to sorowe all way:
On is that I sball henne;
An othir, I not neuer when ;
The thirde ist my most care,
I wot not whethir I shall fare.
Secundum illud in vitas patrum, Ther ben iij. thingis J)at I drede;
On is, J)at I shall passe; ano))er is, I not when, and come afore jje
dorne; the third is, I not whedir J)e sentence shall go for me or
agenst me.
Zu dieser Stelle bemerkt der neueste Herausgeber der englischem
Übersetzungen der Gesta Romanorum, daß sich in einer Handschrift
der Cambridger Universitätsbibliothek ('MS. li, VI. 4, If. 153, back')
folgende 'slightly diflFerent version' der lateinischen Verse finde:
Sunt tria, que vere me faciunt sepe dolere.
Est primum durum, quia nosco me moriturum,
Est aliud dando planctum, quia nescio quando,
Et tercium flebo, quod nescio quo remanebo.
Eine vierte Version hat Francesco Novati in den 'Carmiua medii
Kvi', Firenze 1883, S. 43, aus einer Handschrift der Stadt Siena ver-
öffentlicht. Sie lautet:
Sunt tria nam vere, faciunt quae me usque dolere:
Est primum durum, quoniam scio me moriturum;
Tum sequitur, timeo, quia nescio tempora quando ;
Postremum, flebo, quod nescio tum ubi maiiebo.'
') The Early English Versions of the Gesta Romauorum. Formerly edited by
Sir F. Madden for tlie Koxburghe Club, and now re-edited . . . . by S. J. H. Herr-
tage. London 1879, S .304.
MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN. 327
Sunt tria, quae vere faciunt me sepe dolere :
Est primum durum, quod scio me moriturum ;
Est gemitus dando, quod moriar nescio quando ;
Posterius flebo, quod nescio quo remanebo.
Einen fünften Text enthält ein im Britischen Museum befindlicher
Holzschnitt des 15. Jahrhunderts , der die sieben Lebensalter nebst
der Vota vite que fortuna vocatur' darstellt*). Am Fuße dieses Holz-
schnittes stehen folgende Verse:
Est hominis Status in flore significatus,
Flos eadit et periit, sie homo cinis erit.
Si tu sentires, quis esses et unde venires,
Nunquam rideres, sed omni tempore fleres.
Sunt tria, que vere faciunt me sepe dolere:
Est primum durum, quod scio me moriturum;
Secundum timeo, quia hoc nescio quando;
Hinc tercium flebo, quod nescio ubi manebo.
Eine sechste Fassung aus dem 16. Jahrhundert steht an dem
Chorgestühle der Schäßburger Bergkirche und lautet (J. Haltrich,
Zur Volkskunde der Siebenbttrger Sachsen, S. 472) :
Sunt tria vere que faciunt me sepe flere :
Est primum durum, quod scio me moriturum,
Gemo secundo, quod morior nescio quando,
Tertio magis flebo, quod nescio ubi manebo.
Endlich eine siebente Fassung kenne ich nur aus Julius Wegeier,
Philosophia patrum, versibus praesertim leoninis, rhythmis germanicis
adiectis, iuventuti studiosae hilariter tradita, ed. HI, Confluentibus
1874, no. 2824, = ed. IV, 1877, no. 3280. Leider hat Wegeier nicht
angegeben, wo er die Verse her hat. Sie lauten;
Tria sunt vere, quae me faciunt flere:
Primum quidem durum, quia scio, me moriturum;
Secundo me plango, quia morior et nescio quando;
Tertium autem flebo, quia nescio, ubi manebo.
Dies sind die mir bisher bekannt gewordenen verschiedenen Texte
der lateinischen Hexameter von den drei Dingen, die den Sprecher
der Verse oft traurig machen. Nach der obigen Stelle der englischen
Gesta Romanorum liegt ihnen der daselbst in englischer Prosa mit-
getheilte Ausspruch der Vitae Patrum zum Grunde, den ich leider
bis jetzt nicht aus dem Original nachweisen kann.
') John Winter Jones hat in seiner Abhandlung 'Observations on the division
of man's life into stages prior to the 'Seven Ages' of Shakspere', London 1853 (Separat-
abdruch: aus 'The Archaeologia', Vol. XXXV, p. 167—189), S. 22 flf. den Holzschnitt
besprochen und ein Facsimiie gegeben.
328 R- KÖHLER
Hier möge gleich noch eine Stelle aus einem lateinischen Ge-
dicht 'de mundi miseria', welches dem Walter Mapes beigelegt wird,
folgen '). Sie ist ebenfalls auf den Spruch der Vitae Patrum zurück-
zuführen und lautet:
Qui de morte cogitat, mirum quod laetatur,
cum sie genus hominum morti deputatur,
quo post mortem transeat homo, dubitatur,
unde quidam sapiens ita de se fatur:
Cum de morte cogito, contristor et ploro ;
unum est quod moriar, et tempus ignoro,
tertium est quod nescio quorum jungar choro,
sed ut suis merear jungi. Deum oro^).
Kehren wir zu den leoninischen Hexametern zurück. Zu ihnen
verhält sich, wie man auf den ersten Blick sieht, der deutsche Spruch
nicht wie eine eigentliche Übersetzung, sondern wie eine Nach-
dichtung oder vielmehr Umdichtung, in der nicht nur die Form eine
andere geworden, sondern auch der Gedanke geändert ist, denn dort
sagt der Dichter, die drei Dinge machten ihn oft traurig, hier;
er wundere sich, daß er trotzdem fröhlich sei.
Eine wirkliche Übersetzung der Hexameter in hochdeutsche
Sprache findet sich als Anfang einer 1614 zu München gedruckten,
S. M. unterzeichneten Dichtung 'Klag Menschliches Lebens: Samt
treuhertziger Warnung, wie sich ein Christ darinne solle verhallen'
in Emil Wellers Annalen der Poetischen National-Literatur der Deut-
schen im XVI und XVH Jahrhundert H, 217=*). Sie lautet:
Au£f dieser Erden in gemain,
Drey ding ich furnemblich bewain :
Das erst ist hart, gewiß kein spott,
Daß mich hinnemen wirdt der Todt.
•) The Latin Poems commonly attributed to Walter Mapes, collected and
edited by Th. Wright, London 1841, S. 150.
') Die letzten vier Verse hat auch Wegeier a. a. O. ed. III, Nr. -2825, = ed.
IV, Nr. 3281, ohne Quellenangabe und mit den Varianten: 'De morte dum cogito' —
'sed tempus ignoro' — 'tertium quod nescio'. Dazu folgende wol entstellte unvoll-
ständige Übersetzung — in Gänsefüßchen eingeschlossen zum Zeichen , daß es eine
alte ist — :
„Das eine das ich sterben sal
Und nit en weis der zite val,
Das dritte ist mir gar unkuud
Wa hin min vart den werde kundt.''
') Karl Lucä in Marburg hat die Freundlichkeit gehabt, mich auf diese Stelle
in Wellers Annalen hinzuweisen.
MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN. 329
Das auder krankt mir mueth vnd sinn,
Weil ich kein stundt nicht sicher bin.
Das dritt bekümmert mich darumb,
Daß ich nit waiß wohin ich kumb.
Diese Übersetzung wird doch wohl eigens für das Gedicht, dessen
Anfang sie bildet, gemacht und nur wenig bekannt geworden sein.
Dagegen gab es bereits im 15. Jahrhundert eine Übersetzung
der leoninischen Hexameter in niederdeutsche Reime, die sich bis
ins 17. Jahrhundert erhalten hat und von der mir vier Texte bekannt
geworden sind. Zweier Texte Kenntniß verdanke ich dem vortreff-
lichen Werke C. M. Wiechmanns 'Meklenburgs altniedersächsische
Literatur', II, Schwerin 1870, S. 131. Daselbst sind aus Nicolaus
Gryses, Predigers zu Rostock, 'Spegel des Antichristischen Pawest-
doms, vnd Luttherischen Christendoms', Rostock 1593, einige Stellen
zur Probe abgedruckt und darunter auch die folgende (Bl. 120*):
Im 46. Cap.: eres Bokes, welckes se einen Spegel der Christen
Hinsehen nomen, tho Lübeck dorch Georgium Rickhoff Anno 1501.
gedrucket, im Titel, van viffTeken, darby men einen guden Christen
erkennen schal, befehlen de vortwyfeleden Papisten einem yderen Min-
schen also twyfelhafftigen thosprekende.
Dre dinge weth Ick vorwar,
De vaken myn Herte maken swav.
Dat erste besweret mynen moedt,
Wente Ick jiimmer steruen moeth.
Dat ander besweret myn Herte mehr,
Dat Ick nicht weth wenehr.
Dat drüdde besweret my bauen all.
Ick weth nicht wor ick varen schal ^).
Dazu bemerkt Wiechmann : 'Man findet diesen Spruch häufiger
in Gebet- und Beichtbüchern aus dem Ende des 15. Jahrhunderts,
z. B. in dem Lübecker Druck: Van dem steruende mynsschen j Vnde
dem gülden seien trode, 4", Bl. IP; Geffcken, Bildercatechismus des
15. Jahrhunderts (1855), Th. 1, S. 110.'
In dem genannten Büchlein 'Van dem steruende mynsschen etc.,
welches mir in dem vqn Geffcken nachgewiesenen Exemplar der Leip-
ziger Universitätsbibliothek vorgelegen hat, steht der Spruch ganz
unvermittelt am Ende des XIV. Capitels und lautet:
Dre dynck weeth ick vorwaer.
De vaken maken myn herte swaer.
*) Diese Verse sind auch abgedruckt in 'De Lüttje Strohoot', Kiel 1847, S. 86,
mit der Überschrift: Ut dem Speegel der Christen. Von Georg Kickhoff. Lübeck 1601.
330 R. KÖHLER
Dat, erste beswaret my minen moeth,
Wente ick iummer steruen moth.j
Dat ander beswaret myn herte seer,
Wente ick nicht enweet wanneer.
Dat derde beswaret my bouen al,
Ich enweit nicht wur ick hen varen schal ').
Dieser Text ist nur darin minder gut als der zuerst mitgetheilte,
daß er V. 5 seer statt mehr und V. 2 die unschöne Aufeinanderfolge
vaken maken hat. Im Übrigen unterscheiden sich beide Texte nur
durch die Schreibung und das e« in V. 6 und 8 und das hen in V. 8.
Mehr abweichend ist die folgende Stammbucheinzeichnung einer
Frau ^Anna Margryt Elven , Wedtwe Ryckel von Bullekoum* vom
Jahre 1622 (A. M. Hildebrandt, Stammbuch-Blätter des norddeutschen
Adels, Berlin 1874, S. 99):
Drey dyngen weys ych vorwaer
dey mier mein hertz machen swaer
das ehrsten wan ych gedeynck an den doet
den ych weys das '*) ych sterwen moedt
das zweyde noch vyll me')
das ych nicht weys wann e
das drytte boe£Fen all
das ych neit weys waer ych faeren^) sali.
Ist schon diese Fassung etwas entstellt, so ist dies noch viel
mehr der Fall mit derjenigen, welche F. Schnorr von Carolsfeld im
Archiv für Litteraturgeschichte XIV, 224 aus Georgius Barts, Pre-
digers zu Lübeck, sehr seltenem 'Gespreke van der vnstarfflicheit der
Seele' (Lübeck 1552) mitgetheilt hat :
Dre dinge weit ick vorwar,
De my myn herte maket swar.
Dat erste, dat ick steruen modt,
Tho dem, weit nicht wen kumpt de dot.
Dat leste beswert my auer all,
Ick weit nicht wor ick faren schal.
Schon oben S. 326 sind wir auch einer englischen Übersetzung
der leoninischen Hexameter in sechs gereimte Verse begegnet. Von
dieser Übersetzung kenne ich noch zwei, zum Theil abweichende
Texte, beide aus Handschriften des 13. Jahrhunderts. Die eine ist
*) Die Interpunction rührt von mir her. Der Druck hat weiter keine Inter-
puuctioD als ein Punctum am Ende der 3. und 7. Zeile.
') So ist zu lesen statt den.
^) So ist zu lesen statt dyll mek.
*) So ist zu lesen statt farren.
MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN. 331
von Th. Wrjght in den Altdeutschen Blättern II (1840), 142 und in
seinen und J. 0. Halliwells Reliquiae Antiquse I (1841), 235 aus Ms.
Arundel Nr. 292 des British Museum*), die andere von R. Morris in
seinem 'An Old English Miscellany', London 1872, S. 101 aus M. 29
der Jesus-College- Bibliothek zu Oxford herausgegeben. Erstere lautet:
Wanne i denke dinges dre,
Ne mai hi nevre blide ben ;
de ton is dat i sal awei,
de toder is i ne wot wilk dei,
de dridde is mi moste kare,
I ne wot wider i sal faren ").
Die andere:
Vyche day me cume}) tydinges jireo.
For wel swipe sore beojs heo.
Ipe on is J)at ich schal heonne.
)3at o)5er Jsat ich noth hwenne.
pe jiridde is my meste kare.
)3at ich not hwider ich scal fare"*).
Man wird bemerkt haben, daß 'ubi (quo) manebo (remanebo)'
im Niederdeutschen und Englischen übereinstimmend 'wohin ich
fahren werde' übersetzt ist, und daß auch im hochdeutschen Spruch
die dritte Zeile lautet:
Ich fahre und weiß nicht wohin.
Diese Übereinstimmung ist aber wohl nur ein zufälliges Zusammen-
treffen. Jedenfalls ist es sehr unwahrscheinlich, daß die niederdeutsche
Übersetzung nach der englischen oder die englische nach der nieder-
deutschen gemacht sei, es werden vielmehr beide ganz unabhängig
von einander und unmittelbar aus dem Lateinischen gemacht sein.
Weniger unwahrscheinlich dagegen wäre es, daß der Dichter des
hochdeutschen Spruches die niederdeutsche Übersetzung der lateini-
schen Hexameter gekannt habe, doch halte ich diese Annahme nicht
') Auf die Altdeutschen Blätter hat, wie oben S. 31i erwähnt, A. Kuhn in seiner
Zeitschrift XIV, 457 hingewiesen, auf die Reliquise Antiquae, sowie auf 'Maddens
Gesta Romanorum p. 245', auf Kuhns Zeitschrift a. a. O. und auf das Archiv für
Litteraturgeschichte XII, 474, F. J. C. in der Zeitschrift 'Notes and Qaeries', 6. Series,
Vol. X (1884), 2.39.
^) D. h. : Wenn ich drei Dinge bedenke, mag ich nimmer fröhlich sein; das
eine ist, daß ich hinweg soll; das andere ist: ich weiß nicht welchen Tag; das dritte
ist meine meiste Sorge: ich weiß nicht, wohin ich fahren werde.
*) D. h. : Jeden Tag kommen mir drei Zeitungen, gar sehr schmerzlich sind sie.
Die eine ist, daß ich von hinnen soll, die andere, daß ich nicht weiß wann, die dritte
ist meine meiste Sorge, daß ich nicht weiß, wohin ich fahren werde.
332 R- KÖHLER, MICH WUNDERT, DASS ICH FRÖHLICH BIN.
für nothwendig, auch er kann unabhängig vom Niederdeutschen ganz
von selbst auf das Wort 'fahren' gekommen sein.
In der Tragödie des Hans Sachs 'Der hürnen Seufrid' (V. 298
in E. Götzes Ausgabe nach der Handschrift des Dichters) schreit
Crimhilt, als sie der Drache entführt: 'Ich far und wais doch nit
wo hin.' Ob Hans Sachs dabei wohl an unsern Spruch gedacht hat?
Zum Schluß noch eine Bemerkung. Vergleicht man die ver-
schiedenen Fassungen unseres Spruches, so ergibt sich, daß sie —
abgesehen von sonstigen vereinzelten kleinen Abweichungen — sich
hauptsächlich dadurch unterscheiden, daß in den drei ersten Zeilen
entweder 'und weiß' oder 'ich weiß' oder 'weiß' oder 'und ich weiß',
und in der vierten entweder 'fröhlich' oder 'so fröhlich' oder 'noch
so fröhlich' steht. Ich halte es für das natürlichste und einfachste,
daß es und weiß' und 'fröhlich' heißt, und möchte daher glauben,
daß so auch der Spruch ursprünglich gelautet hat.
WEIMAR, Januar ]888.
Nachträge.
Meinem Freunde Jakob Bächtold in Zürich verdanke ich den
überraschenden Nachweis, daß unser Spruch auch als Inschrift an
einem Richtschwart angebracht worden ist. In Castans Panopticum
in Berlin findet sich das Richtschwert von Ettlingen aus dem Jahre
1550 mit der bildlichen Darstellung einer Hinrichtung und eines Ge-
hängten und mit der Inschrift:
Ich leb, weis nit wie lang.
Ich starb und weis nit wan,
Ich far, nit weis wohin,
Nimbt mich wunder, das ich so frelich bin.
Vgl. 'Führer durch Castans Panopticum', Berlin o. J., S. 31, Nr. 406,
wo die Inschrift 'theilweis nur leserlich' genannt und mit den Lese-
oder Druckfehlern 'gar (statt 'far'), "nimh , 'grelich' gedruckt ist.
M. Grünbaum hat kürzlich in der Zeitschrift der Deutschen Morgeu-
ländischen Gesellschaft, XLII. Bd., H. Heft, S. 277 (vgl. auch S. 275)
bemerkt, daß eine Stelle in des im 11. Jahrhundert lebenden spanisch-
jüdischen Dichters Ibn Gabirol Gedichte 'die Königskrone' an unseren
Spruch erinnert. Sie lautet:
Er (der Mensch) kommt auf die Welt und weiß nicht wozu,
er freut sich und weiß nicht worüber, er lebt und weiß nicht wie lange.
WEIMAR, September 1888. REINHOLD KÖHLER.
F. PETERS, MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN, 333
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN.
2. Der Soldat und das Kind.
In einer schweren Kriegszeit lebte einst eine arme Witwe mit
ihrem einzigen Sohne Philipp. Der Philipp war ein sehr guter, braver
Bub und half seiner Mutter schon frühzeitig, so daß sie sich gut
durchbringen konnten; als er aber völlig herangewachsen war und
der Mutter so recht als Stütze hätte dienen können , da mußte er
auch fort in den Krieg. Darüber war die Mutter sehr traurig; er
suchte sie aber zu trösten, so gut er konnte und sagte, daß der Krieg
wohl nicht mehr lange anhalten werde, und daß er bald gesund heim-
kehren und ihr ganz gewiß etwas Kostbares mitbringen werde. Als
er aber in Feindesland kam, gab es für ihn nicht viel zu erobern;
Andere machten wohl hin und wider Beute, aber er hatte kein Glück
oder er war auch wohl zu gut und mochte Niemand gern schädigen.
Kindlich wurde einmal eine Stadt erstürmt und sollte von den Sol-
daten ausgeplündert und ausgebrannt werden. Er drang auch mit
Mehreren in ein großes Schloß ein, in dem es genug zu holen gab,
er aber bekam doch wieder nichts^ denn Andere kamen ihm immer
zuvor. Zuletzt kam er allein in ein kleines Zimmer, in dem lag ein
kleines Knäblein in der Wiege und weinte; als er aber herantrat,
freute es sich und lachte ihn freundlich an , und griff mit den Händ-
chen nach seinen blanken Waffen. Wie er das Kindchen so ansah
und daran dachte, daß es schon in wenigen Stunden jämmerlich um-
kommen sollte, denn die Häuser neben dem Schloß brannten schon
und das Schloß selbst mußte auch bald in Flammen aufgehen, da
überkam ihn das größte Mitleid, so daß er es nicht über das Herz
bringen konnte, es zu verlassen. So nahm er es denn auf den Arm
und trug es hinaus, und ein Papagei, der im Zimmer war, flog ihm
nach und setzte sich ihm auf die Schulter. Als die anderen Soldaten
ihn so sahen, hatten sie ihren Spott darüber, und der Eine rief:
„Philipp, bist Du denn ein Narr geworden?'^ Und ein Anderer: „Du
gibst eine schmucke Kindsmagd ab, heute Abend wollen wir Dir auch
ein fläubchen aufsetzen." Und ein Dritter: „Du solltest dich lieber
gleich als Amme verdingen, Philipp." Der Philipp machte sich aber
nichts daraus, sondern trug das Kindchen aus der brennenden Stadt
hinaus ; und als sie am anderen Morgen weiter zogen , steckte er es
in seinen Hafersack und ließ es vom Sattelknopf herabhängen. Die
334 F. PETERS
Anderen hatten wohl noch eine Weile ihren Spott mit ihm; weil er
aber ein guter Soldat und ein starker Manu war, so brachte er sie
bald zum Schweigen. Und das Glück wollte es, daß sie keine Ge-
fechte mehr hatten und der Krieg bald zu Ende ging und sie Alle
in ihre Heimat entlassen wurden. Nun ließ er das Kindchen an der
Hand neben sich gehen, und wenn es müde war, nahm er es auf den
Arm und trug es, und überall folgte der Papagei ihnen nach.
Als sie in dem Dorfe ankamen, in dem seine Mutter wohnte,
brachte er das Knäblein und den Papagei zu einer Verwandten und
ging allein zu ihr. Er traf sie im besten Wohlsein und die Freude
war sehr groß, wie sie ihn wiedersah. Als sie sich aber eine Weile
ausgesprochen hatten, sagte sie im Scherz: „Du wolltest mir ja etwas
Kostbares mitbringen; daraus ist wohl nichts geworden, denn sonst
hättest Du es mir wohl schon gezeigt." „Ach", antwortete er, ein
wenig verzagt, „mitgebracht habe ich wohl etwas, aber etwas Kost-
bares ist es gerade nicht." „Nun, was ist es denn?" fragte sie. ^Ein
schönes Knäblein und ein Papagei", entgegnete er Da schlug sie die
Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Ist das aber ein Ge-
schenk! Wir haben selber kaum unser Brot und nun bringst Du mir
noch ein Kind ins Haus." „Oh", entgegnete er, „wenn Du es siehst
und ich Dir erzähle, wie Alles zugegangen ist, dann wirst Du sagen,
daß ich recht gethan habe und wirst Dich mit mir über das Kindlein
freuen." Und damit ging er fort und holte es. Wie sie nun das schöne
Knäblein sah und er ihr erzählte, daß es hätte verbrennen müssen,
wenn er es nicht an sich genommen hätte, da hatte sie auch volles
Mitleid und sagte, daß sie es gern bei sich behalten und aufziehen
wollte, so gut sie es vermöchte.
Der Philipp ging nun sogleich wieder fleitiig an die Arbeit und
die Mutter blieb rüstig und konnte Haus und Garten gut besorgen.
So wuchs denn das Knäblein, wenn auch in Dürftigkeit, so doch
gesund und munter heran; und als es das Alter hatte, wurde es auch
in die Schule geschickt und lernte fleißig. Als es schon ein stattliches
Bürschchen war, gab eines Tages die Herrschaft, die in dem Schlosse
bei dem Dorfe wohnte, ein großes Fest, zu dem viele vornehme Leute
von Nah und Fern herbeikamen. Alle mußten an dem Häuschen der
Witwe vorüber, und zuletzt kam auch ein Eiiepaar zu Fuß, die Pferde
und Diener vorausgeschickt hatten. — Weil es schönes , warmes
Sommerwetter war, hing der Papagei in seinem Käfig vor dem Fenster,
und als er das Ehepaar vorübergehen sah, rief er: „Herr, Herr! guten
Tag, Herr!" Wie der Herr das hörte, ward er stutzig und sagte zu
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN. 335
der Dame: „Hör' einmal, der ruft gerade so wie unser Papagei früher."
„Ach", erwiederte die Dame, „sprich mir doch von so Etwas nicht,
ich muß dann immer an unser armes Kind denken und kann den
ganzen Tag nicht wieder froh werden"; und damit gingen sie weiter-
Nach einigen Tagen kamen sie wieder an dem Häuschen vorüber und
der Papagei hing wieder am Fenster und rief: „Herr, Herr! guten
Tag, Herr!" Da blieb der Herr wieder stehen und sprach: ,,Ich muß
doch einmal in dem Häuschen nachfragen, vielleicht bringt uns der
Papagei auf eine Spur; Du kannst hier einen Augenblick auf mich
warten." Die Dame wollte es wohl nicht recht zugeben, aber der
Herr ging doch hinein. Im Hause traf er die alte Frau allein. Sie
erschrack über den hohen Besuch und, nichts Gutes vermuthend,
nahm sie sich vor, daß sie recht auf ihrer Hut sein wollte. Der Herr
fragte sie sogleich, wo sie den schönen Papagei her hätte. „Den
habe ich schon lange", erwiederte sie. „Nun, wenn Ihr ihn auch schon
lange habt", sagte der Herr, „so müßt Ihr ihn doch zuletzt irgendwo
her haben". „Ja", entgegnete sie. „Wollt Ihr mir denn nicht sagen,
woher Ihr ihn habt", sprach der Herr. ..Nein", erwiederte sie. Der
Herr wollte nun zornig werden, al)er doch bedachte er wieder, daß
man mit guten Worten immer noch schneller ans Ziel kommt als mit
bösen ; deshalb drückte er ihr ein Stück Geld in die Hand und sprach :
„Ich habe ja nichts wider Euch und will Euch gewiß nichts Böses
zufügen, mir liegt nur viel daran, zu erfahren, wo jener Papagei her
ist, und wenn Ihr mir es sagt, so gebe ich Euch noch ein solches
Geldstück." „Wenn Ihr es denn durchaus wissen wollt", antwortete
sie, „mein Sohn hat ihn aus dem letzten großen Kriege mitgebracht".
„Aus welcher Stadt denn?" fragte der Herr. Da nannte sie die Stadt,
und der Herr rief: „Dann ist es mein Papagei, der zugleich mit meinem
Söhnchen fortgekomen ist. „ Als sie das hörte, erschrack sie sehr, denn
sie hätte sich um alles in der Welt nicht mehr von dem Knäblein
trennen mögen, und sie nahm sich vor, nun gewiß nichts mehr zu
verrathen, und sprach: „Wenn der Papagei Euch gehört, so nehmt
ihn nur in Gottes Namen sogleich mit fort; mir liegt an dem Vogel
nichts, denn er kostet nur unnütz Futter, und Ihr habt mir schon
mehr Geld gegeben, als er werth ist." „An dem Vogel liegt mir auch
nichts'', entgegnete er, „aber sagt mir doch, habt Ihr keine Kinder
bei Euch im Hause?" „Ja", sagte sie, „einen Sohn, so groß wie Ihr."
„Ei", meinte der Herr, „wem gehören denn die kleinen Schuhe dort
unter dem Bett?" „Die gehören einem kleinen Mädchen aus der Nach-
barschaft", sagte sie. „Wem gehören denn aber die Höschen, die dort
336 F- PETERS , ; ,
an der Wand hängen?" fragte der Herr wieder. „Ich weiß, wem die
Höschen gehören", entgegnete sie, „aber was Ihr hier zu suchen und
mich auszufragen habt, das weiß ich nicht; Ihr thätet mir wahrlich
einen Gefallen, wenn Ihr ginget". „Ich gehe nicht", sagte der Herr,
„ich will erst sehen, ob ich hier nicht erfahren kann, wo das Knäblein
geblieben ist, das zugleich mit dem Papagei von einem Soldaten fort-
getragen worden ist, als die Stadt niedergebrannt wurde". — Jetzt
hörte sie das Knäblein draußen mit den Holzschuhen klappern und
sah den Philipp vom Walde heimkehren , und da rief sie : „Machet
Euch jetzt schnell fort, denn mein Sohn kommt jetzt herein, und
wenn er Euch hier träfe, so möchte es Euch wohl übel ergehen."
Er sprach aber: „Ich fürchte mich nicht vor Eurem Sohne. Und in
dem Augenblicke kam auch schon das Knäblein herein und dicht
hinter ihm her die fremde Dame, und die rief: „Ah, sieh' doch nur
den Knaben da, wie sehr der Dir gleicht und unserem armen Kindlein."
Jetzt kam auch der Philipp herein, und die Mutter rief in großer Angst:
„Ach, Philipp, schaff' doch die fremden Herrschaften fort, sie wollen
uns unser Bübchen nehmen". Der Herr sprach aber zu Philipp:
„Dieses Knäblein ist aus unserem Schlosse und der Stadt fortgetragen
worden, als sie im Kriege niedergebrannt wurde, und, wie mir scheint,
habt Ihr es fortgetragen." Da bekam der Philipp große Angst, denn
er sah, daß er es mit einem vornehmen und mächtigen Herrn zu thun
hatte, und besorgte, daß er nun gar noch für seine Grutmüthigkeit
ins Unglück kommen sollte, und so sprach er: „Ach, Herr, ich habe
das Kindlein ja nur aus gutem Herzen mit mir genommen. Die An-
deren haben Euer Schloß geplündert und Alles fortgetragen, was Werth
hatte, ich aber habe dies Kindlein gefunden und nur das allein mit
mir genommen, weil es mich jammerte, sonst wäre es sicherlich ver-
brannt." Der Herr entgegnete: „Wer sagt denn, daß Ihr nicht aus
gutem Herzen das Kind mitgenommen habt? Ihr habt sehr gut und
rechtschaffen gehandelt; aber uns werdet Ihr es doch wohl nicht ver-
denken, wenn wir unser einziges Kind wieder an uns nehmen wollen."
Da rief die alte Frau: „Oh, nehmt mir doch das Kindlein nicht fort,
ich kann ohne dem Knäblein nicht mehr leben." Der Herr aber berieth
sich mit der Dame und sprach dann: „Da wir das Knäblein mitnehmen
wollen, Ihr es aber nicht lassen wollt, so wird es wohl am besten
sein, wenn Ihr und Euer Sohn mit uns geht; und da wir Euch großen
Dank schuldig sind, so werden wir dafür Sorge tragen, daß Ihr gute
Tage habt." So geschah es denn auch, und Philipp und seine Mutter
hatten von da ab das glücklichste Leben.
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN. 337
3. Das Gelübde.
In alten Zeiten lebte auf einem Schlosse ein vornehmes und
reiches Ehepaar. Sie hatten an Allem Überfluß und lebten so recht
im Glücke dahin; nur um eines härmten sie sich — sie bekamen
keine Kinder. Der Mann war anfänglich wohl gut und freundlich zu
seiner Frau ; wie aber die Jahre dahingingen und sie immer noch
kinderlos blieben, wurde er nach und nach mürrisch im Hause,
wandte sich von ihr ab und machte sich auswärts viel zu schaffen.
Darüber ward sie gar traurig, denn sie hatte ihren Mann sehr lieb.
Und eines Tages, an einem Jacobustage, betete sie zum heiligen Jacob
und machte ihm ein Gelöbniß: „Heiliger Jacob", gelobte sie, „wenn
mir ein Knabe bescheert wird, so will ich mit meinem Manne zu Fuß
zur St. Jacobscapelle wallfahrten und das Kindlein will ich auf
dem ganzen Wege auf den Armen tragen." Die St. Jacobscapelle war
aber eine weite Strecke, viele Tagereisen, vom Schlosse entfernt.
Als sie das Gelübde gethan hatte, fühlte sie sich sogleich wunderbar
gestärkt und bekam wieder Hoffnung. Und richtig, gerade ein
Jahr später, wieder am Jacobustage, bekam sie ein Knäblein, und
das erhielt in der Taufe den Namen Jacob. Nun war wieder eitel
Freude und Glück im Schlosse. Als aber eine Zeit vergangen und das
Knäblein schon entwöhnt war und essen konnte, sagte die Frau dem
Manne von dem Gelöbniß. Der Mann hielt aber sehr wenig von Wall-
fahrten und ähnlichen Dingen, doch mochte er ihr nicht geradezu
entgegen sein und sprach: „Da Du es einmal gelobt hast, werden wir
wohl zur St. Jacobscapelle wallfahrten müssen, aber jetzt ist unser
Knäblein noch zu zart, es könnte leicht auf der Reise krank werden
oder gar sterben. -Oh", meinte die Frau, „der heilige Jacob wird es
schon in seinen Schutz nehmen." „Das möchte er wohl thun", ent-
gegnete der Mann, aber das kann er später noch ebenso gut wie jetzt."
So hatte er immer Ausreden. Bald paßte die Jahreszeit nicht, bald
war er nicht gesund genug, bald der Knabe nicht. Darüber verging
Jahr um Jahr, und Jacob wurde immer größer und schwerer, so daß
es für die Frau schon schier nicht mehr möglich gewesen wäre, ihn zur
Capelle zu tragen. Zuletzt wurde sie auch gleichgiltig, denn sie lebten
in großem Glücke und meinten, es müsse immer so fortgehen. Inzwischen
wuchs der Jacob fröhlich im Schlosse heran und wurde ein sehr schöner
und starker Bursche. Als er aber schon in das Alter kam , daß er
bald ans Heiraten denken konnte, fiel der Mutter ihr Gelöbniß wieder
schwer aufs Herz, und die Gedanken quälten sie so, daß sie Tag und
Nacht keine Ruhe mehr fand. Da ging sie eines Tages zu ihrem Beicht-
GKRÄIANIA. Nene Eeihe XXI. (XXXIH.) Jahrg. 22
338 F. PETERS
vater und gestand ihm, was sie gelobt, und daß sie ihr Gelöbniß nicht
gehalten habe. Als der Beichtvater sie angehört hatte, wurde er sehr
ernst und sprach: „Da habt Ihr Euch einer schweren Sünde schuldig
gemacht und Euch undankbar gezeigt gegen den Heiligen, der Euer
Gelübde angenommen und Euer Gebet erhört hat." „Was soll ich nun
aber thun", sprach die Frau, „meinen Sohn kann ich keinen Schritt,
geschweige denn viele Tagereisen weit tragen." „Das kann ich Euch
sogleich nicht sagen", entgegnete der Beichtvater, „kommt aber morgen
wieder, ich will über den Fall nachdenken und Euch eine hinlängliche
Buße auferlegen". Als sie am anderen Tage wieder kam, legte er ihr
große Bußen auf an Geldopfern und Gebeten, und sprach: „Wenn
Ihr das Alles ausgeführt habt, so müßt Ihr dennoch mit Eurem Manne
und Eurem Sohne zur St. Jacobscapelle, das kann ich Euch nicht
erlassen. Da Ihr nun aber einmal die Wallfahrt nicht mehr so aus-
führen könnt, wie Ihr gelobt hobt, so möget Ihr nach Eurem Belieben
reiten oder fahren. Die Frau nahm nun alle Bußen auf sich, und dann
ließ sie ihrem Manne und ihrem Sohne keine Ruhe mehr, bis sie sich
mit ihr auf den Weg machten. Als sie schon viele Tage gereist waren,
kamen sie an den Königshof. Dort hatte die Frau eine Freundin, die
in hohem Ansehen beim Könige stand, und bei der beschlossen sie
einige Tage zu bleiben und auszuruhen. Sie wurden von der Freundin
sehr gut aufgenommen und prächtig bewirthet, und auch zum Könige
wurden sie mehrmals eingeladen. So kam es, daß sie viel länger
blieben, wie sie anfänglich beabsichtigt hatten. Gleich am ersten Tage
hatte sich eine der Hofdamen in den Jacob, der ein sehr schöner,
blühender Jüngling war, verliebt und sich seitdem alle Mühe gegeben,
ihm zu zeigen, wie es ihr ums Herz war. Der Jacob war jedoch zu
einfältig und merkte nichts, sie aber glaubte, daß er nichts merken
wolle. Und als nun schon der Tag der Abreise bestimmt war und sie
einsehen mußte, daß alle ihre Hoffnungen und Wünsche unerfüllt
bleiben würden, da verwandelte sich ihre Liebe in Haß, und sie sann
auf nichts Anderes mehr, als wie sie den Jacob ins Unheil bringen
könne. Da fiel ihr ein, daß in einem der Zimmer des Königs ein
goldener Becher stand und der Jacob den in Gegenwart des Königs
sehr bewundert hatte. Diesen Becher nahm sie nun fort und steckte
ihn dem Jacob an dem Morgen , als er mit seinen Eltern abreiste,
in den Reisesack. Als sie eine Weile fort waren, ging sie wie zufällig
in jenes Zimmer und kam dann eilends und als ob sie sehr erschrocken
wäre, wieder heraus und rief laut, daß der goldene Becher ver-
schwunden sei. Wie der König das hörte, wurde er sehr zornig und
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN. 339
befahl, daß überall auf das genaueste nachgesucht werden solle. Die
Hofdame aber trat zu ihm und sprach: „Ich glaube, daß der Jacob
oder seine Eltern den Becher gestohlen haben, denn sie sind gestern
längere Zeit in jenem Zimmer allein gewesen; und habt Ihr nicht
gesehen, wie sehr sich der Jacob über den Becher verwundert hat?"
„Ach was", erwiederte der König, „die sind doch wohl zu reich, als
daß man ihnen so etwas zutrauen könnte*" Als aber der Becher nir-
gends zu finden war, willigte er doch ein, daß ihnen ein Trupp Reiter
nachgeschickt werde. Wie die nun die Wallfahrer eingeholt hatten
und ihre Sachen durchsuchen wollten, wurden sie sehr zornig und
wollten es nicht leiden, zuletzt aber mußten sie es sich doch gefallen
lassen, und da wurde der Becher in dem Reisesack des Jacob gefunden.
Der beschwor es nun hoch und theuer, daß er nicht wisse, wie der
Becher dorthin gekommen sei, und die Frau weinte und bat, und der
Mann wollte schier vergehen vor Zorn und Scham ; aber es half ihnen
alles nichts, sie mußten mit zurück zum Königshof. Der König wurde
sehr zornig und sprach zu Jacob : „Ist das der Dank für all' die
Gastfreundschaft und die Ehre, die ich Euch angethan habe? Solltet
Ihr Euch nicht schämen, ein Sohn von einer solchen Familie, zu stehlen,
wie ein gemeiner Dieb ! Nein, hier will ich keine Gnade gelten lassen ;
noch in dieser Stunde Averdet Ihr gehängt." Jacob mochte nun seine
Unschuld beschwören, und die Mutter mochte weinen und flehen so
viel sie wollte, Alles half nichts, der Jacob wurde gehängt. Der Mann
wollte nun so schnell wie möglich von der Unglücksstätte fort, aber
die Frau war vor Trauer und Schmerz so elend, daß sie nicht reisen
konnte und sich bei ihrer Freundin zu Bette legen mußte. Den Tag
und die ganze Nacht kam kein Schlaf in ihre Augen, aber gegen
Morgen schlief sie doch ein wenig ein, und da hatte sie einen schreck-
lichen Traum. Sie sah wie ihr Sohn vom Galgen herabstieg und an
ihr Bett herantrat. Und, er sah aus wie ein Leichnam, aber dennoch
lebte er und rief überlaut: „Ach Mutter, Mutter! ich bin ja unschuldig,
und ich lebe noch, ob ich gleich am Galgen hänge. Oh, so gehet doch
zum König und bittet ihn, daß er mich abschneiden läßt, so wird
meine Unschuld ans Licht kommen." Als sie das im Traume gehört
hatte, fuhr sie jäh aus dem Schlafe auf und kleidete sich sogleich an,
ging zum Könige und rief: „Oh, lasset doch meinen Sohn vom Galgen
abnehmen; er ist mir im Traume erschienen und hat mir gesagt, daß
er unschuldig ist und daß er noch lebt. Der König erwiderte aber:
„Ihr seid eine Närrin! Wer einen ganzen Tag am Galgen gehangen
hat. der lebt nicht mehr und mögt Ihr noch so Wunderbares von ihm
22*
340 F. PETERS
träumen." Damit wandte er ihr den Rücken, und so viel sie auch bat
und jammerte , mußte sie doch unverrichteter Sache fortgehen. Da
wurde es ihr wieder so schwach, daß sie sich niederlegen mußte.
Es ging nun wieder gerade so wie in der vorigen Nacht. Erst gegen
Morgen schlief sie ein , und da erschien wieder ihr Sohn und rief:
„Ach Mutter, Mutter, ich bin ja unschuldig und lebe noch, ob ich
gleich am Galgen hänge. Oh, so geht doch zum Könige und bittet
ihn, daß er mich abschneiden läßt, so wird meine Unschuld ans Licht
kommen." Sie fuhr wieder aus dem Schlafe und ging sogleich zum
Könige und bat ihn flehentlich, aber der schickte sie fort wie das
erste Mal. In der dritten Nacht erschien ihr Sohn wieder und rief:
„Ach Mutter, Mutter! ich bin ja unschuldig und ich lebe noch, ob
ich gleich schon drei Tage am Galgen hänge. Oh, so geht doch zum
Könige und bittet ihn, dal.*» er mich abschneiden läßt, so wird meine
Unschuld ans Licht kommen. Und daß er Euch endlich Glauben
schenkt, soll ein Wunder geschehen. Geht morgen nicht in der Früh
zu ihm, sondern erst, wenn es Essenszeit ist. Wenn Ihr eintretet,
wird eine Schüssel voll gebratener Tauben vor ihm stehen, und wenn
Ihr ihn dann wieder bittet und er Euch wieder nicht glauben will,
so sprecht: 'So wahr als diese Tauben, die todt und gebraten vor
Euch liegen, leben und davonfliegen werden, so wahr lebt mein Sohn
und ist unschuldig.' Alsdann werden die Tauben auffliegen und er
wird Euch Glauben schenken und mich abschneiden lassen." Als sie
darauf erwachte, fühlte sie sich sehr gestärkt und konnte es nun
kaum erwarten, daß die Essenszeit herankam. Wie sie dann beim
Könige eintrat, hatte er richtig eine Schüssel voll gebratener Tauben
vor sich stehen. Sie betheuerte nun wieder, daß ihr Sohn unschuldig
und am Leben sei, und sprach von ihrem Traum und bat ihn, daß
er ihn vom Galgen möchte herabnehmen lassen ; er aber sprach :
„Ihr seid eine Närrin!. Wer drei Tage am Galgen hängt, der ist
sicherlich todt. So wahr wie diese Tauben hier in der Schüssel todt
und gebraten sind und nicht mehr aufleben , so wahr ist auch Euer
Sohn am Galgen todt und wird nicht mehr lebendig." Sobald er das
gesagt hatte . flogen die Tauben von der Schüssel auf und flatterten
ihm um den Kopf und schlugen mit den Flügeln und Krallen nach
ihm und pickten ihm mit den Schnäbeln ins Gesicht, bis er rief:
„Ja, der Jacob soll abgeschnitten werden; jetzt glaube ich selber,
daß er noch lebt, ob er gleich schon drei Tage am Galgen hängt."
Als er so sprach, flogen die Tauben zum Fenster hinaus.
MÄRCHEN AUS LOTHRINGEN. 34 1
Nun gab es große Aufregung im Schlosse, der König ging selber
hinaus zum Galgen und der ganze Hofstaat folgte ihm, auch die
Hofdame, die sich in Jacob verliebt hatte; sie sah dabei aber so
bleich und verzagt aus, dali es Allen auffällig war. Als sie sich nun
Alle um den Galgen versammelt hatten ließ der König den Jacob
abschneiden. Der fiel zuerst auf den Boden wie ein Leichnam; als
sie ihm dann aber die Schlinge abgenommen hatten, richtete er sich
auf, sprang sogleich auf die Füße und sah so frisch und gesund aus,
wie wenn er nach einer gut verbrachten Nacht aufgestanden wäre
und nicht drei Tage am Galgen gehangen hätte. Wie die Hofdame
das sah, stieß sie einen Schrei aus und fiel ohnmächtig nieder. Nun
hatte wohl Jacob nichts gemerkt, Andere aber, die ' gescheiter waren,
hatten es recht wohl Avahrgenommen, wie sehr sie in ihn verliebt
gewesen und wie zornig sie hernach geworden war, als sie hatte ein-
sehen müssen, daß sie ihren Willen nicht haben sollte. Da nun auch
sie es gewesen war, die den König auf den Verdacht gebracht hatte,
daß Jacob den Becher gestohlen hätte, und da sie in so schreckliche
Aufregung gerathen war, als sie von dem Wunder gehört hatte, und
daß Jacob wieder ins Leben zurückkommen sollte, so sprachen Alle:
„Sie ist es gewesen und niemand andere, die dem Jacob den Becher
in den Reisesack gesteckt hat." Und als sie aus ihrer Ohnmacht er-
wachte, trat der König an sie heran und sprach: „Ihr habt dem Jacob
den Becher in den Reisesack gesteckt, denn Ihr wart verliebt in ihn,
und er hat es nicht geachtet, und deshalb habt Ihr ihn ins Unglück
gebracht." Sie antwortete: „Ja, es ist Alles wahr wie Ihr sagt, so
straft mich denn, wie ich es verdient habe." Da ließ sie der König an
demselben Galgen aufhängen, von dem der Jacob soeben abgeschnitten
worden war. Jacob und seine Eltern aber vollendeten die Wallfahrt
zur St. Jacobskapelle und dankten dem Heiligen recht inbrünstig,
daß er sie wohl gestraft und ihnen seine Macht gezeigt hatte, daß
er aber doch wieder Gnade und Barmherzigkeit geübt und es nicht
zum Äußersten hatte kommen lassen.
FINSTINGEN (in Lothringen). F. PETERS.
342 FT. V. WLISLOCKI
DER VERSTELLTE NARR.
Unter diesem Titel hat der hochverdiente Forscher Felix Lieb-
recht („Zur Volkskunde" S. 141 ff.) eine Reihe von Erzählungeji
verschiedener Länder und Völker besprochen, worin dargestellt wird,
„wie es einem Liebhaber gelingt, dadurch, daß er sich närrisch stellt,
seinen Zweck zu erreichen". Als die bislang älteste Fassung dieses
Stoffes führt Liebrecht das orientalische Märchen „Äose et Cypres'-''
(Gul o Sanaubar) an , von welchem sechs hindustanische Versionen
vorhanden sind und welches von Garcin de Tassy tibersetzt, in dessen
,^ Allegories , Recits (poetiques et Chants populaires traduits de l'arabe,
du persan, de l' hindoustani et du turc'^ (Seconde Edition. Paris 1876,
p. 423 ff., früher noch in der Revue Orientale et Americavne, Paris 1861)
erschienen ist. An dies orientalische Märchen, dessen Hauptinhalt
Liebrecht mitgetheilt hat, lehnt sich eng das neugriechische bei Hahn
Nr. 114: „Die heiratsscheüe Prinzessin", obwohl es den „Zug der vor-
gegebenen Narrheit des freienden Prinzen nicht enthält und auch
sonst mancherlei Abweichungen bietet" (Liebrecht a. a. O. S. 144;
s. auch das böhmische Märchen bei Benfey, Pantschatantra I, XXV
Anm.). Einerseits an das orientalische Märchen, anderseits aber an
das neugriechische lehnt sich ein Märchen der transsilvanischen Zelt-
zigeuner (Stamm Leila), das ich 1886 aufgezeichnet habe und dessen
inedirter Originaltext also lautet:
0 Locolico te e shukdre thagdreskro rdklyi^).
Yekvdr dvlds yek hdro thdgdr, kdske dvläs yekd mdy shukdre pcen,
ke the dikhel nd dvlds sdhddis nikeske. Ko kerel dddles — kdnd rom
dvlds, — kdske kdr cingerend te pro toronis kdrßnend, kay pcdndles
dvlds e rdklyi; te yekd romni dvlds, Idke ydkhd dvripusdvend. Bute ter-
necärd simddyends shukdre rdklyd dndrdl temlicd t/ie kdldvel, uvd niko
kerelds te pro toronis hüte kd.rd dvnds, kdnd yek shukdr ternecar dshune-
Ids vdsh thagdreskro rdklyi te Id the kdldvel kdmelds. Yov upro pro
drom jidlds dndre thdgdreskro foros te tdlyiveläs yek ndshvdlo jiukld-
nushes, ko ddbhe jdnelds the jidl. 0 ternecar mar kdmelds the ndshdvel,
te 0 jiukldnush leske penelds: „Äc tu, oh mdlleyd! Me nd kdmdv tute
') Was die Orthographie betrifft, so entspricht c dem Laute tsch, c = ch,
j=dsch, n = nj, sh =: seh, y=j (s. meine „Sprache der transsilvanischen Zigeuner",
Leipzig 1884, S. .3).
DER VERSTELLTE NARR. 343
dukh the kerel! Ja te sdstyär man te me hüte ddv hde!'"'' 0 ternecdr
dcelds te dtunci o jmkldnnsh penelds: „Me o Cdrdnd. ddhhe muddrelds
vdsh yekd romnt te nie merdv, kdnd mdnge xinicerd pityd tiro rdteskro
upro pro m're cib tu nd dds! Kdnd tu mdn andre hihdct sdstydres, me
tute som slugddjis ein me jiddv!^ O ternecdr Idvelds leskre shuri te
dndre dnguskto cingerelds, kdnd o rdt tdvdelds^ unicerd pityd upro pro
cib jiukldnusheskro delds, käske nevo jidipen te leskro sor mosht dvlds.
Kdnd 0 ternecär leske penelds^ the yov shukdre tJidgdreskro rdklyd the
kdldvel kdmelds, o jiukldnush penelds: „Tu nd lokes keres! E thdgareskro
rdklyi yekvdr Locolicenge penelds, hoi yek Locolices kdmel^ kdnd Idke
jimdstdr shiikdripen yon den. Kdnd yekvdr leskre pcrdl LocoUcestdr dik-
helds, muddrelds dddles te pcdndelds dndre tm'onis shukdre rdklyd!
Avricingerd tu mdnge dndrdl pori trin hdld te kdnd andre bibdct tu sdl,
bald shungdrdd te me dkor kiyd tute sikovdv!''^ Kdnd ternecdreske frin
hdld dndre vdst dvnds, o jiukldnush siklovelds dndre leskre holyihd, odoy
dndre themlin, te o ternecdr, Anrush jidlds dndre titdgdreskro foros.
Dopas hersh mar dvlds te Anrush nd jdnelds, hoi kiyd shukdre
thdgdreskro rdklydke jidlds. Atunci. yekvdr kiyd lenori heshelds, ke tdv-
delds kiyd toronis thdgdreskro rdklydkri te gindelds, hoi yov kerel, the
kiyd Idke yov jidl, te leske kdr nd yon cingerend. Atunci bares dselds,
te nriperid hesecdrelds te dndrdl hfori jidlds sdr yek dilo te hicihdkro
kiyd thdgdreskro rdklydke. Kdnd o thdgdr dshunelds, yov penelds: „Hei,
dddles mdy Idces hin! 0 dilo nd miseces hin te me kdmdr, hoi yov kiyd
m're pcendke the dveld>i^) , te leskre sohd sildvelds te leskre uripend!"
Am'Hsh mdy voyikerelds , te jivese tdysd kiyd mdy shukdre thdgdreskro
rdklydke yov dvlds. Bicihdkres te sdr o dilo sildvelds sohd te uripend
shukdre rdklydkri te dvelas dilos , kerelds yov mesdlyi te thdgdres yov
djukdrelds. Kdnd dilos dvlds, dvelds o thdgdr yek hdro jiuklehd kiyd
shukdre rdklydke. Beshelds kiyd mesdlyi te delds jiukleske legfeder cdhen,
te upro teyeri leskre pcendkri dvlds shero Locoliceskro , kds yov dikhelds
yekvdr kiyd Idke. Kdnd o jiuklo Idces cdvelds, dkor dvridvelds o thdgdr
te kiyd rdklydke yov penelds: „Cd, dddles del tute o jiuklo, uvd tu sdl.,
horsheder sdr yeka gerdle jiukli!" Atcuni rovelds tdysd e thdgdreskro
rdklyi te Anrush Id mdy sunuvelds. Kdnd yekvdr o thdgdr dvridvelds,
yov penelds kiyd shukdre rdklydke: „Me nd som bicihdkres te diles!
Me cd kerdv sdr bicihdkres te diles, hoi kiyd tute me dvdv ; uvd me
kdmdv tut the kdldvel, kdnd tu kdmes!'' Atunci penelds e shukdre thd-
gdreskro rdklyi: „Tu nd lokes keres, uvd hüte mdnushd kerend te nikeske
') 3. sg. Präs. conj. von som = ich bin.
344 H. V. WLISLOCKI
Idces kerelds!^ 0 ternecdr ndni peneläs te jidlds andre udvdrd te trin
hdld jiukldnusheskro yov shung drdelds. Atunci trocmelds dndre levegöve
te o jiukldnush dvelds. „So kdmes tn?''^ penelds yov ternecdr eske. Arirui^h
penelds leske leskre dukh. ,,Ldces! me sdstydrdv turnen''^, peiields dfiinci
0 jiukldnush, „me dndv turnen dndre durodune fhem; uvd pendv tute:
tu odoy meg misdl hdctdles!'' Te Anrush. nd gindelds te dnelds o jiuk-
ldnush les te ihdgdreskro rdklyd sdr hdrvdl. Andere durodune them len
vpro pro pcuv didds te mutdtelds shiikdr^, hdre ker te penelds: ^^ Andre
ker turnen heshen te odoy hin .-dvc^ so turnen kdmen!^ Atunci dvridoelds
0 jiukldnush te Anrush te shukdre ihdgdreskro rdklyi dndre hdre ker
dvend, kay hüte somndkdlf te rup hin. Jidend lokes te hdctdles sdr yek
mdnush te romni. Atioici yekvdr penelds A)irush kiyd leskre romnäke:
„Gule, me nd jdndv te sdr hin, tdysd detehdrd t're punrd te vdstd sdr
pdcos shidres hin!"' Leskre romni penelds: „Me ushcdv detehdrd te dvri
dndre udvdrd cik keräv'"'^). Anrush yekvdr rdciye nd sovelds, uvd kere-
Ids^ hol Sovel te dtunci dikhelds, hol leskre romni dndrdl pddd dndre
udvdrd dvrijidlds. Anrush dvelds kiyd ferdstrd te dikhelds Id andre citmu-
teskro ydkh deshuduy Locolicensd. Sik trin hdld jiukldnusheskro lävelds
te shungdrdelds len. Kdnd dvelds o jiukldnush, yov mutdtelds leske de-
shuduy Locolicen. Akor o jiukldnush ävridvelds te cingerelds deshvdrsel
ddrdhd dndrdl leskre bimdld, dndrdl Lecolicd te dnelds dndre pdni. Kdnd
dtunci dvelds^ kiyd Anrusheske yov peneld'i: „Me kdldvdv tut Locoliccndar,
äddlenge tire romni dvlds! Atunci dndre pdce jiden turnen te mdn turnen
ndni kämen!'' Te sdr ävlds ! Anrush ein merihen dndre hdct te pdce
Jidelds leskre mdy shukdre romndhd ....
In genauer Übersetzung lautet dies Märchen also:
Der Locholitscho'-') und die schöne Königstochter.
Es war einmal ein mächtiger König, der hatte eine wunder-
schöne Schwester, die kein Mensch ansehen durfte. Wer es that,
dem wurde — wenn er ein Mann war — das 'Glied' abgeschnitten
und an den Thurm genagelt, in welchem die wunderschöne Königs-
tochter gefangen saß; war es aber eine Frau — so wurden ihr die
Augen ausgestochen. Schon viele Jünglinge hatten es versucht, die
*) Umschriebene Wendung = mache Koth.
'■*) Der Locholitscko ist ein Nachtgespenst von der Gestalt eines Affen, das
besonders den Frauen nachstellt und sie nothzüchtigt. Vgl. das hebräische Naclit-
gespenst Lilith, bei Esaj. 34, 14, das nach der Rabinensage 8 Knäbleiu und 20 Töchterlein
erwürgt. Philo, Magiologia, Bäselaugst 1675, p. 795 und Kochholz, Alemannisches
Kinderlied und Kinderspiel S. 289.
DER VERSTELLTE NARR. 345
schöne Königstochter aus der Gefangenschaft zu befreien, aber keinem
war es gelungen, und der Thurm war schon dicht belegt von den
abgeschnittenen 'Gliedern', als auch ein schöner Jüngling von der
Königstochter hörte und sie befreien wollte. Er machte sich also ein-
mal auf den Weg nach der Königsstadt und begegnete in einem
Walde einen kranken Hunderaenschen '), der kaum gehen konnte.
Der Jüngling wollte schon davonlaufen, als der Hundemensch ihm
nachrief: „Bleib' stehen, o Freund! Ich will dir kein Leid zufügen!
Komm' und helfe mir, Und ich werde dich reichlich belohnen!" Der
Jüngling blieb stehen, und da sagte der Hundemensch: „Mich hat der
Vogel Tscharana'^) wegen einem Weibe beinahe getödtet, und ich
werde sterben, wenn du mir nicht einige Tropfen deines Blutes auf
meine Zunge tröpfeln läßt! Hilfst du mir in der Noth, so will ich
dir gerne mein Lebelang dienen !" Der Jüngling nahm sein Messer
hervor und schnitt sich in den Finger; als das Blut zu fließen begann,
ließ er davon einige Tropfen auf die Zunge des Hundemenschen
fallen, der dadurch neues Leben und seine alte Kraft erlangte. Als
ihm nun der Jüngling erzählte, daß er die schöne Königstochter be-
freien wolle, da sprach der Hundemensch: „Das wird gar schwer
gehen ! Die Königstochter hat einmal den Locholitscho-Leuten ver-
sprochen, einen von ihnen zu heiraten, wenn sie ihr ewige Schönheit
verleihen. Als nun einmal ihr Bruder sie mit einem Locholitscho er-
tappte, da tödtete er diesen und sperrte die schöne Maid im Thurm
ein! Reiß' mir aber aus dem Schwänze drei Haare heraus und wenn
du in Noth bist, so speie sie an, und ich werde dir dann zu Hilfe
eilen!" Als der Jüngling die drei Haare in der Hand hatte, eilte der
Hundemensch in seine Wohnung, hoch oben ins Gebirge hinauf,
während der Jüngling, den man Anrus (Ambrosius) hieß, in die Stadt
des Königs eilte.
') Der Hundemensch [jiukldnush wohl aus jiuklo (Hund) und manush (Mensch)
zusammengesetzt] ist „halb Mensch, halb Hund und besitzt eine außerordentliche
.Stärke, so daß „er hundert Männer mit einem Schlage vernichten kann" ; er kann wie
der Blitz so rasch fliegen. Die Hundemenschen wohnen auf den höchsten Spitzen
der Gebirge und sind die Diener des Nebelkönigs. Wenn einer von ihnen stirbt,
dann hört man ihr Geheul als Donner auf Erden, und der Blitz ist das Zucken der
Peitsche, mit deren Schlägen der Nebelkönig sie züchtigt. Das Blut der Menschen
verleiht ihnen stets neue Kraft, wenn sie krank sind.
*) Dieser mythische Vogel der Zigeuner lebt 999 Jahre und muß dann sterben,
wenn er nicht jede Nacht an der Brust ein und desselben Weibes saugt; vgl. das
Märchen; „Der Fischer und die Urrae" (in meiner Sammlung: „Märchen und Sagen
der transsilvanischen Zigeuner", Berlin 1886, S. 21).
346 H. V. WLISLOCKI
Ein halbes Jahr verging, und Anrus wußte noch immer nicht,
wie er zur schönen Königstochter gelangen solle. Da saß er denn
einmal am Ufer des Flusses, der vor dem Thxirme der Königstochter
vorheiflofi und dachte nach, wie er es anstellen solle, um zu ihr zu
gelangen, ohne daß man ihm das 'Glied' abschneide. Da lachte er
auf einmal hell auf, zog seine Kleider aus und gelangte^ den Fluß
durchschwimmend und sich als Narr und stumm anstellend, zur Königs-
tochter. Als der König hievon Kunde erhielt, da sprach er also:
„Nun, das trifft sich gerade gut! Der Narr ist nicht gefährlich und
ich will ihn bei meiner Schwester lassen, damit er ihr Zimmer fege
und ihre Kleider reinige!" Anrus freute sich nun gar sehr, denn er
konnte von nun an den ganzen lieben Tag bei der wunderschönen
Königstochter weilen. Stumm und sich als Narr geberdend, reinigte er
die Zimmer und die Kleider der schönen Maid, und wenn der Mittag
kam, da deckte er den Tisch und erwartete den König. Tagtäglich
zur Mittagszeit kam der König mit einem großen Hunde zur schönen
Maid. Er setzte sich an den Tisch und gab dem Hunde die köst-
lichsten Speisen zu essen, loährend er auf den Teller seiner Schwester
den abgeschlagenen Kopf des Locholitscho stellte, den er einmal mit ihr
ertappt hatte. Wenn der Hund sich satt gegessen, dann ging der König
weg und sagte im Gehen zur Maid: r,Friß das, was der Hund übrig
gelassen hat, denn du bist schlechter als eine räudige Hündin!"
Da weinte stets die Königstochter und Anrus bedauerte sie sehr.
Einmal, als der König bereits weggegangen war, sprach er zur schönen
Maid also: „Ich bin weder stumm noch ein Narr! Ich habe mich
stumm und närrisch gestellt, um zu dir zu gelangen, denn ich will,
so du willst, dich befreien!" Hierauf versetzte die schöne Königs-
tochter: „Das wirst du nicht können, denn schon Viele haben es
versucht, und noch Keinem ist es gelungen!" Der Jünglig sprach
kein Wort, sondern ging hinaus in den Hof und spie die drei Haare
des Hunderaenschen an. Da sauste und brauste es in der Luft, und
der Hundemensch erschien. „Was willst du?" fragte er den Jtingling.
Anrus erzählte ihm nun sein Leid. „Gut! ich will euch helfen!" sagte
hierauf der Huudemensch, „ich will euch in ein fremdes Land führen;
aber das sage ich dir: du wirst auch dort nicht glücklich sein!"
Und ehe sich Anrus versah, brauste der Hundemensch mit ihm und
der Königstochter windschnell durch die Luft. In einem fremden
Lande setzte er sie auf die Erde, und indem er ihnen ein schönes,
großes Haus zeigte, sprach er: „In diesem Hause könnt ihr wohnen,
und Alles, was ihr euch wünscht, werdet ihr da finden!" Hierauf ver-
DER VERSTELLTE NARR 347
schwand der Hundemensch, und Anrus zog mit der schönen Königs-
tochter in das große Haus, wo sie unendlich viel Gold und Silber
fanden. Sie lebten nun als Mann und Frau ohne Kummer und Sorgen.
Da sprach einmal Anrus zu seiner Frau: „Liebe, ich weiß nicht wie
das geschieht, aber jeden Morgen sind deine Füße tmd Hände so kalt
loie das Eis!^'' Seine Frau antwortete: „/cä stehe in der Frühe auf und
verrichte draußen im Hofe meine NothJtirft." Da konnte in einer Nacht
Anrus nicht schlafen, that aber, als ob er schliefe, und da bemerkte
er, daß seine Frau sich aus dem Bette entfernte und hinaus in den
Hof ging. Anrus schlich sich ans Fenster und sah da im Mondlicht
seine Frau mit zwölf Locholltscho- Leuten kosen. Er nahm eilig die
drei Haare des Hundemenschen hervor und spie sie an. Als der
Hundemensch erschien, zeigte er ihm die zwölf Locholitscho-Leute.
Da stürmte der Hundemensch hinaus und zerriß in tausend kleine
Stücke seine Feinde, die Locholitscho-Leute, die er dann in den Fluß
warf. Als er zu Anrus zurückkehrte, sprach er also: „Ich habe dich
von den zwölf Locholitscho-Leuten befreit, denen sich deine Frau
hingeben mußte! Nun könnt ihr in Frieden leben; mich werdet ihr
nicht mehr brauchen!" Und so geschah es denn auch! Anrus lebte
nun bis zu seinem Tode in stetem Glück und Zufriedenheit mit seiner
wunderschönen Frau ....
Die durch cursiven Druck hervorgehobenen Stellen sind es auch
in der Erzählung von Gül und Sanaubar, sowie auch bei Benfey,
der letztere im Zusammenhang mit andern im Pantschatantra Bd. I,
§. 106, S. 443 — 454 ausführlich besprochen hat. Mit Übergebung
anderer auch in unserem zigeunerischen Märchen wiederkehrender
Züge erwähne ich nur, daß dasselbe auch gleich der Erzählung vom
Prinzen Almas, aus zwei ursprünglich von einander unabhängigen
Märchen zusammengesetzt ist, obgleich sich hier die Vereinigung nicht
so leicht wahrnehmen läßt, wie bei der erwähnten hindustanischen
Fassung. Was uns hier am meisten und in erster Reihe interessirt,
das ist der Zug „vom verstellten Narren", der sich auch in einer
ungarischen Erzählung vorfindet, die ich 1883 im Csiker Comitat
(im Osten Siebenbürgens) in mehreren Szekler-Gemeinden hörte ').
') Vgl. die Überein.stimmuug des Eingangs zu dem hier zuerst mitgetheilteu
Zigeunermärchen mit dem Anfang des oben erwähnten böhmischen Märchens und
eines mongolischen im Ardschi Bordschi (s. Benfey a. a. O. XXIV und Liebrecht
a. a. O. S. 145; vgl. hiezu auch meinen Aufsatz: „Die Episode des Gottesgerichts
in Tristan und Isolde unter den transsilvanischen Zeltzigeunern und Rumänen" in
Max Koch's Ztschr. f. vergl. Litteraturgeschichte II. Bd., S. 457 ff.)-
348 H. V. WLISLOCKI
In genauer deutscher Übersetzung lautet diese ungarische Erzäh-
lung also:
Die beiden lustigen Kameraden.
Wo es war und wo es nicht war, dort lebten zur Zeit, als man
noch die Flöhe mit Hufeisen versah, zwei gar gute Kameraden, von
denen der ältere bereits verheiratet und Familienvater war, der jüngere
aber als Junggeselle lustig in die Welt hineinlebte. Da traf es sich
einmal, daß der König ein blutiges Schwert durch das Land tragen
ließ und alle Männer aufforderte, mit ihm gegen den türkischen
Kaiser zu Felde zu ziehen. Auch die beiden lustigen Kameraden,
von denen der ältere Dakancsos^ der jüngere aber Drahancsos hieß,
mußten mit dem König in den Krieg ziehen. Da traf es sich in einer
Schlacht, daß die Türken unsere armen Leute so arg hernahmen,
daß sie wie Ähren vor der Sichel fielen. Bakancsos und Drahancsos
blieben zwar unversehrt, aber sie geriethen in türkische Gefangenschaft
und mußten nun als Sclaven dem türkischen Kaiser dienen. Sie arbei-
teten den ganzen Tag über in einem wunderschönen Garten, in welchem
ein prachtvolles Haus stand. In diesem Hause wohnte die Tochter des
türkischen Kaisers, eine wunderschöne Maid, die oft aus der Ferne
den Arbeiten der beiden Sclaven zusah. Bei einer solchen Gelegenheit
sprach einmal die schöne Königstochter zu ihrer Bedienerin: „Ich möchte
doch gerne wissen , was diese beiden Ungarn sich den ganzen Tag über
erzählen können! Der Jüngere scheint ein sehr lustiger Geselle zu sein,
denn er springt wie ein Narr von einer Stelle zur andern und scheint
dabei recht lustige Dinge zu erzählen, denn sein Kamerad lacht in
einem fort über seine Streiche." „Ihr scheint, hochedles Fräulein," ant-
wortete die Bedienerin, „wohl recht zu haben! Mir kommt es auch
so vor, als ob der Jüngere nicht ganz bei Trost wäre!" Dies Ge-
spräch hatte Drahancsos, der unbemerkt unter dem Fenster der
Kaiserstochter stand, mit angehört. „Halt!" dachte er bei sich, „da
gibts was zu fischen ! Nun, ihr sollt Beide Recht haben ! Dem Narren
gehört die Welt!" Mit diesen Worten zog er seine Stiefel aus und
warf die Beinkleider von sich. Er wußte zwar recht wohl, daß bei
Todesstrafe kein Mann es wagen durfte, das Haus der schönen Kaisers-
tochter zu betreten, aber er stürmte laut lachend in das Zimmer
hinein, und während er nackt vor der schönen Maid und der
Bedienerin stand, geherdete er sich wie ein Narr, und wenn ihn die
Beiden etwas fragten, so stammelte er nur die Worte: Rüt a rüdam!'^
(Häßlich ist meine Stange.) Bei diesen Worten besah er stets seine
DER VERSTELLTE NARR. 349
beiden Beine und das, was zwischen den Beinen steht, — und das
war wahrlich eine tüchtige 'Stange'! „Das ist ein Narr!" rief die
schöne Kaiserstochter, „was sollen wir mit ihm anfangen?" — «Ich
wüßte es schon!" versetzte die junge Bedienerin, aber ich fürchte
mich, daß der Narr es ausplaudert!" Hierauf versetzte die Kaisers-
tochter: „Laß dich nicht auslachen! Der weiß ja nicht, was mit ihm
geschieht! Sieh' nur, ich will es dir gleich zeigen!" Und sie ent-
zündete eine Kerze und hielt die Flamme derselben an den Hintern
des Drabancsos. Dieser verzog keine Miene, sondern lachte hell auf
und rief: „Rdt a rüdam!" Da umarmte ihn die Bedienerin und zog
ihn zu sich aufs Lager. Das war wohl dem lustigen Drabancsos nicht
gerade recht, denn er hätte gerne die schöne Kaiserstochter unter
sich gehabt; aber — er machte seine Sache gut, und als dann später
auch die Kaiserstochter unter ihn kam, da gings noch besser zu.
Nun folgten für Drabancsos gar herrliche Tage! Er bekam von der
schönen Kaiserstochter die besten Speisen und Weine, von denen er
tagtäglich auch seinem lieben Kameraden Bakancsos einen Theil mit
ins Gefängniß nahm. Dieser fragte ihn gar oft, wo er diese Sachen
hernehme, doch er antwortete ihm stets ausweichend, bis er ihm end-
lich gestand, daß er mit der Kaiserstochter allerlei Kurzweil treibe.
Sie habe ihm heute auch einen Schlüssel gegeben , mit welchem er
die Kerkerthüre öffnen könne. Heute Nacht wolle er wieder zu ihr
und werde sich mit ihr und der Bedienerin gütlich thun. Und wahr-
lich so geschah es auch. Als Abends der Kerkermeister die beiden
Gefangenen in ihre Zelle einsperrte und sich entfernte, da nahm
Drabancsos seinen Schlüssel hervor und eilte zu den Weibern. Seinem
Kameraden, dem armen Bakancsos, wurde es inzwischen kalt und
heiß, und schließlich wollte er der Sache ein Ende machen, indem
er bei sich dachte: „Wo drei sind, da hat auch der Vierte Platz!"
Und er schlich auch hinaus ins Freie, stellte sich unter das Fenster
der Kaiserstochter und klopfte leise an die Fensterscheiben. Da
erschraken die Drei dort drinnen im Zimmer. Drabancsos aber —
der schon längst nicht mehr den Narren spielte — erkannte, als er
behutsam hinausblickte, seinen Kameraden und dachte bei sich:
„Warte nur, Kerl, du sollst für diese Störung büßen!" Eröffnete das
Fenster und flüsterte seinem Freunde zu: „Heute kannst du nicht
hereinkommen! Aber wenn du willst, so legt sich die Kaiserstochter
ins Fenster und erlaubt dir, daß du sie küssest!" — „Vorderhand auch
gut", versetzte Bakancsos, „wenn der Hund kein Fleisch bekommen
kann, benagt er auch die Knochen!" Inzwischen sprach Drabancsos
350 H. V. WLISLOCKI
ZU seiner Geliebten, der schönen Kaiserstüchter: „Süßes Lieb, wir
sind verrathen und verloren! Wir können unser Leben nur dadurch
retten, daß du deinen blanken Hintern zum Fenster hinaussteckst
und ihn von meinem Kameraden küssen läßt!" Was blieb da Anderes
übrig! Die Kaiserstochter that also und der arme Bakaucsos küßte
mehrmals ihren blanken Hintern; er suchte mit seinen Lippen nach
ihren Lippen, und als er sie gefunden zu haben glaubte, da rief er
geärgert aus: „O du verfluchter Hund ! du bist es ja!" Da verschwand
das vermeintliche Gesicht, dessen Bart er eben erwischen wollte,
vom Fenster und zwei Arme packten ihn von hinten: ..Nein, ich bin
hier, Freundchen!" flüsterte ihm Drabancsos zu, „doch jetzt haben
wir keine Zeit zu unnöthigen Erörterungen {szöszaparitds = Wort-
vermehrung)! Vor dem Hause stehen vier Pferde mit Schätzen be-
laden. Ich, die Kaiserstochter und ihre junge Bedienerin fliehen in
meine Heimat; wenn du willst, so komme mit!" — „Na freilich komme
ich mit", versetzte freudig Bakancsos. Kurz , sie entflohen und er-
reichten glücklich ihre Heimat. Doch da sah es recht traurig aus!
Die Türken hatten Alles verwüstet, und die Gattin des Bakancsos
war gestorben. Nun er tröstete sich und wollte die schöne Kaisers-
tochter heiraten, aber sein Freund Drabancsos sagte: „Die wird
meine Frau! heirate du die Bedienerin, denn es schickt sich nicht,
daß ein Mann ein Weib heirate, dessen blanken Hintern er geküßt
hat!" Nun wußte der arme Bakancsos Alles, was er zu wissen brauchte.
Er ergab sich in sein Schicksal und heiratete die Bedienerin, während
Drabancsos die Kaiserstochter ehelichte und bei sich dachte: „Ja, der
Narr hat das Glück ! "
Diese ungarische Erzählung ist aus mehreren Gründen, die ich
hier nur kurz anführen will, interessant. Vor Allem ist ihre Verwandt-
schaft mit dem Gedichte des Grafen Wilhelm von Poitiers, welches
anfängt mit den Worten: „En Alvernhe part Lemozi" (in Bartsch's
Provenzal. Lesebuch H. Ausgabe, s. Liebrecht a. a. 0. S. 146) und
in welchem der Verfasser erzählt, „wie er als Narr und stumm sich
stellend, wobei er unartikulirte Töne (Tarrababart etc.) ausstößt, von
zweien Edelfrauen in ihr Haus aufgenommen und am Avärmenden
Feuer mit Speise gepflegt wurde, worauf sie ihn entkleideten und,
um sich zu überzeugen , ob seine Narrheit keine angenommene wäre, ihn
von einer Katze tüchtig kratzen ließen; er indeß hielt Stand und
genoß alsdann die Gunst beider Damen." Den Zug des zweiten Theiles
dieser Erzählung finden wir in der deutschen Erzählung vom Bäcker,
welche A. v. Keller in seinen Fastnachtspielen III, 1446 (Bibl. des
DER VERvSTELLTE NARR. 351
litter. Vereins Bd. 29) aus einer Handschrift des 15. Jahrhs. in den
ersten 32 Versen mittheilt, Felix Liebrecht (a. a. O. S. 147 ff.) aber
die noch übrigen ergänzt hat. Der Bäcker — gleich dem Villain in
dem Fabliau Berenger au long cul (Liebrecht a. a. O. S. 149) — muß,
von der als Ritter verkleideten Dame beim Holzdiebstahle ertappt —
„?w dat ßach antlit^^ küssen; er rächt sich später, indem er als Narr
verkleidet und unter dem steten Ausruf jo je, je jo' sich bei ihr ein-
führt, wo er an den Ofen gesetzt wird und dann sein „kunter" die-
selbe Wirkung hervorbringt, wie die „rüdam", in welcher freilich der
Kuß ins blanke Antlitz ganz anders motivirt ist; in dieser Beziehung
lehnt sich diese ungarische Erzählung an die „Erzählung des Müllers"
in Chaucers Canterbury-Geschichten an, und ich glaube mich nicht zu
irren, wenn ich nebenbei bemerke, daß diese ganze Erzählung unter
dem Einfluss von Chaucers Canterbury-Tales entstanden ist, besonders
da auch die „Erzählung des Ritters" sich mehr oder weniger in ihren
Grundzügen hier nachweisen ließe. Ich will hier noch eines beson-
deren Umstandes gedenken: es gibt nämlich in der ungarischen
Litteratur ein Poem aus dem 15. Jahrliundert unter dem Titel:
„Szilägyi 6s Hajmäsi" (herausgegeben von Fr. Toldy 1822; noch
früher aus dem Manuscript ins Deutsche übersetzt und unter dem
Titel: „Die Kaiserstochter, oder die Historie des Michael Szilägyi
Ladislaus Hagymäsi" veröfTentlicht in Hormayr-Mednyänszky : Taschen-
buch für vaterländische Geschichte 1822, S. 453 — 456), das sich, wie
ich mich in jüngster Zeit überzeugt habe, auffallend an die „Erzäh-
lung des Ritters" in den Canterbury-Geschichten anlehnt (vgl. die
siebenbürgischen Verwandten aus meiner Sammlung bei A. Herrmann
in den : Ethnologischen Mittheilungen aus Ungarn I. Bd., S. 63). Dies
Poem ist jedenfalls unter dem Einflüsse Chaucers entstanden, und die
hier mitgetheilte Erzählung „von den beiden lustigen Freunden" ist
eine etwas ungeschickte Vereinigung der erwähnten Canterbury-
Geschichten.
Noch näher zum deutschen „pe/c" und zum erwähnten französi-
schen Fabliau ^Berenger au long cul"' steht ein Volkslied der trans-
sylvanischen Rumänen, dessen Originaltext Herr Prof, A. Moga mir
gütigst mitgetheilt hat. Es lautet deutsch also :
War ein Bursche schön und Manche Frau hat ihm bestellt
jung, Speis' und Trank auch ohne Geld.
Lebte ohne Anstrengung, Ja warum? o darum!
Lebt' stets in den Tag hinein Wenn der Winter aber kam,
Sonder Schmer/, und sonder Pein ! Kalt' und Frost ihm doch benahm
352
H. V. WLISLOCKI
Seine Lust und seine Freud'.
Nicht wie andre arme Leut'
Sucht' er Holz zur Sommerszeit-,
Nur wenn er beinah erfror,
Er den Pfarrhof sich erkor,
Wo er Holz und Bretter stahl —
Hin und wieder, manchesmal!....
Einmal die Frau Pfarrerin
Ihn belauscht, springt vor ihn hin!
„And're Frauen hast du lieb,
Kommst zu mir doch nur als Dieb!
Laß' dich führen vor Gericht:
Küßt du meinen Hintern nicht!"
Was denn sollt' der Bursche thun ?
Wollt' im Kerker ja nicht ruh'n, —
Ihren Hintern er drum küßt;
Doch die Schmach ward bald ge-
büßt!
Unser Bursch färbt Wang' und Haar
Sich und machte wie ein Narr,
Als er kam zur Pfarrerin,
Die mit ihrem Töchterlein
Einst zu Haus war ganz allein.
Unser Bursch zum Ofen hin
Stellt sich, lacht mit närr'schem Sinn.
Zieht sich spiegelnackt dann aus,
Setzt sich hin zum Abendschmaus.
„Tochter, du bist sechzehn Jahr',
Bist zu jung noch, ja fürwahr!
Solche Sachen anzuseh'n;
Sollst drum in die Küche geh'n!"
Ging hinaus das schöne Kind,
Pfairerin nun streichelt lind
Unsres Burschen festes „Bein";
Irgendwohin paßt's hinein !
Ja wohin? ja dorthin!
Als der Bursche fertig war,
Sprang er ganz so wie ein Narr
In die Küch' zum schönen Kind,
Macht' mit ihr die Sach' geschwind ;
Zog sich an und lief davon.
„Pfarrerin, das ist der Lohn!" —
Schrie er laut aus voller Kehl',
„Wer ich bin: ich's nicht verhehl'!
Hab' den Hintern ich geküßt,
Hat's die Vord're drum gebüßt!"
Die verwandten Züge ergeben sich selbst bei flüchtiger Verglei-
chung; ich will hier nur noch des Umstandes erwähnenj, daß in den
meisten der hieher gehörigen Erzählungen sich der „verstellte Narr" an
den „Ofen" begibt oder — wie im „pe/c" — von den Frauen zum Ofen
geführt wird , ^dasz im die wermd anschin ded hasz, Wan er gar fast
erkaltet was (vgl. Wilhelm von Poitiers angeführtes Gedicht „En Al-
vernhe part Lemozi", das Fabliau „Berenger au long cul" und
V. d. Hagens Gesammtabenteuer Nr. X „Die halbe Birne"), während
in der Eingangs erwähnten Märchenreihe die „kalten Hände und
Füße" einen gemeinschaftlichen Zug bilden.
Hinsichtlich des charakteristischen Zuges der in Rede stehenden
Märchenreihe bemerkt Liebrecht (a. a. 0. S. 146), daß auch Masello
da Lamporecchio bei Boccaccio Decam. HI, 1 sich als närrisch und
taubstumm anstellend zum Gärtnerdienst in einem Frauenkloster ge-
langt, dann aber auch in anderer Beziehung alle Nonnen bedient,
endlich sogar die Äbtissin selbst, die ihn eines Tages im Garten unter
einem Baume schlafen sieht e avendogli il vento i panni davanti
levati indietro, tutto stava scoperto. La quäl cosa riguardando la
donna e sola vedendosi, in quel medesimo appetito cadde che eadute
erano le sue monacelle: e destato Masetto, seco nella sua camera
DER VERSTELLTE NARR. 353
nel menb.' Einestheils an diese, anderntheils an die oben erwähnte
Erzählung: „Die halbe Birne" (in v. d. Hagens Gesammtabenteuer
Nr. X) lehnt sich eine Erzählung der Böhmen in Oberungarn|, die
mir der leider früh verstorbene Karl Miltscher so freundlich war
mitzutheilen. Miltscher, der viele Jahre hindurch Erzählungen sammelte,
die mit Boccaccio's Decamerone verwandte Züge aufweisen ^) , hinterließ
ein reiches folkloristisches Material. Diese böhmische Erzählung lautet
in Miltschers Übersetzung also:
Die erzürnte Geliebte.
Es lebte einmal ein armer Edelmann, der das Obst für sein
Leben gerne aß. Er war sehr arm und lebte bald hier, bald dort bei
den adeligen Familien des Landes. Da traf es sich einmal, daß er
auf eine Burg kam, deren Besitzerin eine schöne Jungfrau, Marinka
genannt, war. Sie lebte von der Welt zurückgezogen und wollte in
ein Kloster gehen, um dort in Frieden und Ruhe zu leben. Der arme
Edelmann gab sich alle Mühe, die Gunst der Dame zu gewinnen,
und mit der Zeit brachte er es auch so weit, daß Marinka ihren
Plan, ins Kloster zu gehen aufgab und nahe daran war, den Liebes-
worten des Edelmannes Gehör zu schenken. Da traf es sich aber
einmal, daß der Edelmann einen Apfel aß, den er im Garten von
der Erde aufgehoben hatte. Marinka schmähte ihn deshalb und
sprach: „Meine selige Mutter hat doch Recht gehabt! Sie sagte stets,
daß die Männer Schweine sind! Ich gehe lieber ins Kloster, als daß
ich mich an einen Schweinemagen binde!" Diese Worte verletzten
den armen Edelmann gar schwer, und scheinbar zog er von dannen.
Als er am nächsten Tage aber auf die Burg zurückkehrte, da war
Marinka schon fort ins benachbarte Kloster. Da erlebte der arme
Edelmann gar trübe Tage. Kummer und Gram entstellten sein Ant-
litz, seine Beine schlotterten, sein Gang wurde schleppend und langsam.
Sein treuer Diener bemerkte mit Bangen die Veränderung an seinem
Herrn. Einmal sprach er zum Edelmann: „Herr, ich habe einen Plan!
Wenn Ihr ihn befolgt, so könnt Ihr vielleicht noch die Burgfrau als
Gattin heimführen! Die Klosterfrauen benöthigen einen Gärtner, doch
muß derselbe ein Narr sein. Zieht zerfetzte Kleider an, besudelt euer
Antlitz, und stellt euch als stummer Narr! So könnt Ihr in die Nähe
der geliebten Dame gelangen und vielleicht wieder ihre Liebe er-
*) Vielleicht werde ich diese Erzählungen aus dem Nachlasse Miltschers bei
Gelegenheit veröffentlichen.
6EBMANIA. Neue Beihe XXI. (XXXUI.) Jahig. 23
354 H. V. WLISLOCKI
werben!" Der Edelmann that auch also, und als er schon einige
Tage im Kloster als Gärtner bedienstet war, schlief er einmal zur
Mittagszeit im Garten unter einem Baume. Da kamen einige Kloster-
frauen heran, darunter auch seine Geliebte, — und eine sprach zu
ihrer Schwester: „Mit dem früheren Gärtner haben wir gute Zeiten
verlebt! Auch dieser ist ja ein Narr und kann nichts ausplaudern!
Kommt, laßt uns ihn wecken und uns unterhalten!" Sie weckten den
Edelmann auf und führten ihn in ein Gartenhaus. Nun, als die Unter-
haltung begann, machte er den Anfang mit seiner Geliebten, und als
er fertig war, sprach er zum Schrecken der Nonnen also : „Erinnerst
du dich, Marinka, an den schmutzigen Apfel? Jetzt ist geschehen,
was geschehen ist, und verläßt du das Kloster nicht willig, so werde
ich es der ganzen Welt erzählen, und man wird dich mit Schmach
und Schande beladen aus dem Kloster jagen!" Marinka erschrak und
verließ noch am selben Tage das Kloster. Sie wurde die Frau des
armen Edelmannes und Beide hatten ihre Wahl nicht zu bereuen,
denn sie lebten in Glück und Frieden bis an das Ende ihrer Tage . . .
In allen hier^ angeführten Erzählungen finden wir als Motiv: die
Bezwingung der weiblichen Sprödigkeit und des Hochmuths, während
eine andere Erzählungsreihe gleichsam „das Widerspiel dazu bildet"
und „die Anerkennung der weiblichen Obergewalt" zum Gegenstand
hat. Im geraden Gegensatz zu der besprochenen Erzählungsreihe steht
— wie Liebrecht (a. a. O. S. 150) bemerkt, — die achtzehnte Erzäh-
lung des Siddhi-Kür (bei Jülg, Mongol. Märchen, die neun Nachtrags-
erzählungen des Siddhi-Kür und die Gesch. des Ardschi-Bordschi
Chan S. 23 ff.: „Die verrätherische Trompete"), auf deren Verwandt-
schaft mit dem oben erwähnten Fabliau '^Berenger au long cuf^ bereits
Benfey, Pantschatantra Bd. I, S. XXV hingewiesen hat. Ich will hier
nur noch, als weitere Ergänzung dieser Erzählungsreihe, ein Mär-
chen der Siebenbürger Sachsen (aus Urwegen) mittheilen (zugleich
als Nachtrag zu meinen: „Märchen des Siddhi-Kür in Siebenbürgen"
in der Zeitschrift der deutschen morgenländ. Gesellschaft Bd. XLI,
S. 448 ff.). Dies Märchen, das ich im Herbste 1887 aufgezeichnet
habe, lehnt sich auch an den Märchenkreis „Von den drei Frauen"
(s. meinen Aufsatz in der Germania Bd. XX N. R. S. 442 ff.) einiger-
maßen an, und lautet also :
Der Dumme hat das Glück,
Es lebten einmal in einem Dorfe zwei Schwestern, die das Glück
hatten, von zwei recht duimnen Brüdern geheiratet zu werden. Der
DER VERSTELLTE NARR. 355
Ältere hatte trotz seiner Dummheit ein großes Glück im Leben, denn
was er immer begann, hatte Erfolg, und so kam es, daß er in einigen
Jahren ein reicher Mann wurde, während sein Bruder in Noth und
Elend seine Tage verlebte. Einmal saßen die beiden Schwestern bei-
einander und sprachen über die Dummheit ihrer Männer. Da sagte
die Jüngere: „Mein Mann ist doch viel dümmer als der deine! Glück
würde er auch schon haben, aber womit sollen wir einen Handel
beginnen? Wenn ich nur wenigstens einen Metzen Weizen hätte, ich
würde ihn damit in die Stadt zu Markt schicken, und gewiß bekäme
er dafür einen zehnfachen Werth!" Hierauf versetzte die Altere: „Nun
gut, ich will euch einen Metzen Weizen geben!" Am nächsten Tage
also machte sich der Jüngere mit dem Metzen Weizen auf den Weg
und kam gegen Abend in einen Wald, wo er ein verlassenes Häus-
chen fand. Er dachte bei sich: Ich will meinen Weizen ins Häus-
chen stellen und die Nacht auf einem Baume zubringen, damit mich
die Wölfe nicht fressen. Die Thüre des Häuschens nehme ich mit
mir hinauf auf den Baum, denn es könnten Räuber kommen und die
Thüre absperren , dann könnte ich morgen meinen Weizen nicht heraus-
holen! So dachte der Mann und handelte in seiner Dummheit auch
also. Er zog mit schwerer Mühe die Thür auf den Baum und band
sich mit dem Hosenriemen an einen dicken Ast an, damit er nicht
herabfalle, und schlief nun ein. Spät in der Nacht wachte er durch
einen großen Lärm auf und sah unter dem Baume vierzig Räuber
gelagert, die viel Geld, goldene und silberne Geräthe, die sie zu-
sammengeraubt hatten, untereinander vertheilen wollten. Als der
Dumme das viele Geld sah, da lachte sein Herz vor Freude, und er
dachte bei sich: Hei! wenn das mir gehören sollte! Da stieß er zu-
fällig mit seinem Fuße an die schwere Thüre, die polternd und kra-
chend vom Baume herab auf die Erde stürzte. Die Räuber liefen nun,
wie wenn der Blitz unter sie gefahren wäre, kopfüber von dannen
und ließen die vielen Schätze am Boden liegen. Der dumme Mann
stieg nun vom Baume herab, leerte seinen Weizen aus und füllte den
Sack und alle seine Taschen mit Gold und Silber und ging dann
nach Hause, wo er seiner Frau erzählte, er habe im Walde den Teufel
begegnet und ihn an einen Baum gebunden. Der Teufel habe ihm
die vielen Schätze gegeben, deren Rest er morgen abholen wolle.
Dies glaubten ihm nun die beiden Schwestern nicht, und seine Frau
sprach zu ihrer Schwester: „Jetzt glaubst du es vielleicht, daß mein
Mann doch viel dümmer ist als der deine! Morgen wollen wir ihm
nachschleichen , und dann sollst du dich von seiner schrecklichen
23*
356 H. V, WLISLOCKI, DER VERSTLLTE NARK.
Dummheit überzeugen!" Am nächsten Tage ging der Dumme hinaus
in den Wald^ um den Rest der Schätze zu holen. Die beiden Frauen
aber schwärzten ihr Gesicht mit Ruß und schlichen ihm nach. Als
sie den Dummen sahen, wie er die Schätze der Räuber sammelte,
traten sie hinzu, und seine Frau sprach also: „Wir sind zwei Teufel,
und uns gehören diese Schätze! wir werden dich jetzt in Stücke zer-
reißen, wenn du nicht unsern Hintern küssest!" Am ganzen Leibe
zitternd, sprach der Dumme: „Bitte gar schön, meine gnädigen
Herren, ich will sie ja gerne küssen!" Als er den Hintern der Frauen
geküßt hatte, liefen diese lachend davon, und als der Dumme mit
den Schätzen nach Hause kam, da fragten ihn die Frauen, wie der
Teufel aussehe? Er sagte: „Heute habe ich gar mit zwei Teufeln zu
thun gehabt! Nun, der Teufel sieht einer Frau ganz ähnlich aus,
doch hat er im Hintern zwei Löcher!" Da lachten ihn die Frauen
aus und dachten bei sich: Ja, der Dumme hat das Glück ....
Dies das Märchen der Siebenbürger Sachsen. Welches die ur-
sprüngliche Quelle dieser ganzen Märchenreihe sei, läßt sich vorder-
hand wohl kaum entscheiden; so viel aber ist gewiß, daß sie im
Orient zu suchen ist, besonders da die griechische, noch mehr aber
die zigeunerische, sich an die Erzählung vom Prinzen Almas anlehnt,
die wohl auch nicht die ursprüngliche Quelle ist, nachdem sie „in
ihrem weiteren Verlauf durch Verflechtung mit der Erzählung von
Gül und Sanaubar Einbuße erlitten zu haben scheint" (Liebrecht
a. a. O. S. 151). Jedenfalls werden in verschiedenen Ländern und
au verschiedenen Orten noch Erzählungen, die zu dieser Reihe ge-
hören, umlaufen und noch zum Vorschein kommen, die dann vielleicht
die ursprüngliche Quelle zu bestimmen helfen werden.
MÜHLBACH (Siebenbürgen), 1. Februar 1888.
Dr. HEINRICH v. WLISLOCKI.
O. GLÖDE, DIE REIMBRECHUNG IN GOTTFR. V. STRASSBURG TRISTAN. 357
DIE REIMBRECHUNG IN GOTTFRIEDS VON
STRASSBURG TRISTAN UND DEN WERKEN
SEINER HERVORRAGENDSTEN SCHÜLER.
In der Einleitung seiner Tristanausgabe ^) p. XL — XLII handelt
R. Bechstein über den Stil und die Metrik Gottfrieds von Straßburg
und weist im Einzelnen nach, daß, obgleich uns im Tristan nur ein
Torso erhalten ist, dieser doch so mächtig und reich ist, daß wir an
ihm den Künstler völlig erkennen und bewundern können. Die glatte
und flüssige Diction Gottfrieds wird außer durch die vielen und feinen
Wortspiele auch nicht wenig verschönt durch die Anwendung eines
Princips — das der Verfasser an dieser Stelle nicht berücksichtigt —
nämlich der sogenannten Reimbrechung. Näher ausgesprochen hat sich
R. Bechstein über die Reimbrechung in der Einleitung zu seiner Aus-
gabe des Tristan von Heinrich von Freiberg '^) und vor allen Dingen
in seinem Aufsatz „Der Heliand und seine künstlerische Form" mit
einem „Excurs zur Reimbrechung im Heliand"^). Vereinzelt finden
sich dann noch Notizen über die Reimbrechung in den Einleitungen
zu Ausgaben, wie in Behaghels Ausgabe 'der Eneide Heinrichs von
Veldeke u. a. , sonst aber beschäftigen sich die größeren Metriken
nicht eingehend mit diesem Capitel der Verslehre; so vermisse ich
auch in J. Schippers altenglischer Metrik (Bonn 1881) jede Erörterung
über Reimbrechung. Mir scheint es aber durchaus noth wendig, daß
diese Erscheinung bei den einzelnen mittelalterlichen Dichtern untersucht
wird, da sie in neuester Zeit als Kriterium gebraucht wird zur Datirung
von Denkmälern, zur Feststellung des Verfassers von uns ohne Autor-
namen überlieferten Stücken*), zur Anordnung der Werke eines
Schriftstellers^) — allerdings immer zusammen mit vielen anderen
Kriterien, und das mit vollstem Recht, denn auf sie allein wichtige
') Deutsche Classiker des Mittelalters Bd. 7 und 8. 2. Auflage 1873,
') Deutsche Dichtungen des Mittelalters Bd. V.
') Jahrbuch des Vereins für nd. Spr. X, 1884, p. 133—148.
'') In seiner Schrift „Heinrich von Freiberg als Verfasser des Schwankes vom
Schrätel und vom Wasserbären (p. 19 — 21)" räumt Jul. Wiggers der Reimbrechung
einen bedeutenden Platz ein.
*) Das Kriterium der Reimbrechung stellt Hartmanns armen Heinrich an die
letzte Stelle. Ob diese Stellung die richtige ist? Vgl. K. Stahl, Die Reimbrechung
bei Hartmann von Aue. Rostocker Diss. 1888.
358 O. GLÖDE
Schlüsse bauen, ist durchaus unzulässig. Die Reimbrechung ist ein
ästhetisches Princip, dessen Geschichte wir, wie die des Enjambe-
ments an den Erzeugnissen unserer Literatur verfolgen können. Um
dasselbe vollständig zu erkennen, bedarf es vor allen Dingen Einzel-
untersuchungen, und wir wollen eine solche bei Gottfried und Hein-
rich von Freiberg anstellen. Die Reimbrechung ist das Streben, am
Schlüsse eines Gedankens die Reimworte nicht, wie man erwarten
sollte, zusammenzuhalten, sondern sie auf die letzte Zeile des den
Gedanken ausdrückenden Satzes und die erste Zeile des folgenden
zu vertheilen. Dieser Bruch der für Ohr und Auge zusammengehören-
den Reimworte ist ein künstlerisches, verbindendes Mittel, um die
rein äußerliche Nebeneinanderstellung einzelner Gedanken und dadurch
eine gewisse Einförmigkeit zu vermeiden und der Diction den An-
strich des Ganzen, Zusammengehörigen und Fließenden zu geben.
Bei der Frage nach dem Brechen der Reime kommt als Satz-
ganzes nicht der Theil der Rede in Betracht, nach welchem w ir einen
Punkt oder Strichpunkt zu setzen pflegen, sondern bloß was durch
Über-, beziehungsweise Unterordnung zu einer unlösbaren Einheit
verbunden ist; was paratactisch durch und, oder etc. angereiht wird,
ist ein neues Satzgebilde. Doch wird man immer verschiedene Grade
in der Stärke der Reimbrechung unterscheiden können, je nach der
Tiefe des logischen Einschnitts zwischen den beiden Sätzen. (Behaghel,
H.'s V. Veldeke Eneide, Einleitung S. CXX.)
Wie bei Gottfried das lyrische Princip, die bestimmte Abwechs-
lung von Hebung und Senkung noch durchaus uicht systematisch
streng durchgeführt ist, wie noch die Senkung bei ihm oft fehlt, wie
noch bei ihm jambischer und trochäischer Rythmus wechseln, so ist
er auch in der Anwendung der Reimbrechung durchaus natürlich, nur
von seinem Kunstgefühl geleitet, ohne in irgend einer Weise erkünstelt
zu erscheinen. Dieses „von Gottfried mit bezaubernder Grazie durch-
geführte ästhetisch schöne Princip" ') war da, es war vor ihm ange-
wendet und ist auch nach ihm nicht ausgestorben, aber in den meisten
Fällen wirkt es durch die regelmäßige Wiederkehr und äußerliche
Anwendung auf die Dauer ermüdend. Man kann bei manchen Dichtern
sofort angeben: in diesem Falle wendet er die Reimbrechung nie an
oder in jenem immer, gegen welche Regel dann in allen seinen Werken
fast nie gesündigt wird, ein Verfahren, das die belebende Wirkung
der Reimbrechung geradezu aufhebt.
') R. Bechstein, Heinrichs von Freiberg Tristan p. XV.
DIE KEIMBKECHUNG IN GOTTFRIEDS VON STRASSBURG TRISTAN etc. 359
Ich will als Typen für diese Erscheinung nur zwei bedeutende
Dichter herausgreifen, einen Vorgänger und einen Schüler Gottfrieds,
Heinrich von Veldeke und Konrad von Würzburg. Durch Vergleichung
mit beiden wird uns Gottfrieds wahres Dichtertalent erst recht in die
Augen fallen.
Bei Heinrich von Veldeke*) geschieht das Brechen der Reime
immer nur innerhalb der einzelnen Abschnitte. Daß der erste Vers
eines Reimpaares den Schluß, der zweite den Beginn eines Abschnittes
bildet, kommt in der Eneide gar nicht, im Servatius nur einige Male vor.
Also die Reimbrechung hat sich dem Zwange eines gewissen
Gesetzes unterwerfen müssen! Aber das Streben nach dem Brechen
der Reime geht doch wieder so weit, daß sogar am Ende von Ab-
schnitten es gerne vermieden wird, zwei zusammengehörige Reime
demselben Satze zuzutheilen, sondern oft schließt mit dem vorletzten
Reime des Abschnittes der Satz, und der letzte Vers bildet einen
Satz für sich. Dieselbe Eigenthümlichkeit auch bei Eilhart. [Ausgabe
von Lichtenstein, Einl. p. 113,]
Wiederum ein Gesetz, welches allerdings öfter durchbrochen
wird als das erste.
Konrad von Würzburg als gelehriger Schüler Gottfrieds folgt
dem gleichen Princip der Reimbrechung, aber er treibt es im Verlaufe
seiner Dichterthätigkeit immer mehr auf die Spitze, hebt dadurch den
Vortheil der Spruchform für die Erzählung gegenüber der Strophe
völlig auf und verurtheilt sich selbst zu einer athemlosen Geschwätzig-
keit. Allerdings sucht Konrad das Gleichgewicht dadurch wieder-
herzustellen, daß er bei Abschluß der Gedankenreihe, bei den Absätzen,
wie wir zu sagen pflegen, allemal das Reimpaar zusammenhält, aber
auch diese absichtlichen Pausen machen in ihrer regelmäßigen Wieder-
kehr einen ermüdenden Eindruck^).
Gottfried dagegen legt seine Sprache nicht in Fesseln, er hält
sich durchaus fern von aller solcher, die Eintönigkeit befördernder
Regelmäßigkeit. Es handelt sich bei ihm eben nicht um Regel und
Ausnahme.
Man sollte meinen, daß Gottfried am Ende jener großen und
tiefen logischen Einschnitte, die in der Bechstein'schen Ausgabe als
Capitel bezeichnet sind, die Reime zusammengehalten hätte, weil sie
gleichsam kleine selbständige Geschichten im Rahmen des Ganzen
') Heinriclis von Veldeke Eneide, ed. O. Behaghel Einleitung p. 120.
') Vgl, Becbstein, Heinrichs von Freiberg Tristan, Einleitung p. 16,
360 O- GLÖDE
bilden. Unter den 30 Capiteln, die wir finden, hat der Dichter auch
29 Mal die Reime nicht getrennt, aber zwischen Cap. XI und XII
finden wir eine Reimbrechung. Cap. XI schließt:
er (Tristan) fuor von dannen z'Engelant,
von Engelanden al zehant
ze Kurnewäle wider heim.
Cap. XII beginnt:
Nu Marke sin oeheim
und daz lantliut vernam,
daz er gesunde wider kam etc.
Die Brechung ist hier allerdings nicht so bedeutend als am
Schlüsse vieler anderer Abschnitte, was besonders das sm (Cap. XII,
v. 1) und er (Cap. XII, v. 3) beweisen, die sich auf das er (Cap. XI)
beziehen.
Man könnte annehmen, daß Gottfried in der That die Absicht
hatte, bei so einschneidenden Abschnitten die Reime zusammenzuhalten)
und nur hier, wo der Einschnitt nicht so tief ist, durch die Reim-
brechung die beiden Gedanken verbinden wollte.
Ein anderes Mittel, die Reimbrechung am Ende dieses Ab-
schnittes fortzuschaffen, wäre noch das, daß man den Anfang des
XII. Capitels verlegte, und zwar, was am nächsten läge, nach v. 8314,
wo der horizontale Strich der Ausgabe eine tiefe logische Pause be-
zeichnet. In diesem Falle müßten wir aber eine mindestens ebenso
starke Reimbrechung zugeben, wie die weggeschaffte.
Der einzige Ausweg bliebe nur der, den Anfang von Cap. XII
nach V. 8305 zu verlegen. Dann würde Cap. XI mit dem Preise der
Schönheit der jungen Isolt schließen:
sie zieret unde kroenet
wip unde wiplichen namen.
V. 8304 des ensol sich ir deheiniu schämen.
Auch dem Sinne nach scheint mir diese Trennung mindestens
benso gut möglich als die in unserer Ausg abe.
Cap. XII, V. 8305:
Nu Tristan haete gesaget
von siner frouwen der maget
si haeten alle muot da van.
Jetzt ein einfacher Absatz:
Der wol gemuote Tristan
der greif do wider an sin leben.
Reimbrechung.
DIE REIMBRECHUNG IN GOTTFRIEDS VON STRASSBURG TRISTAN etc. 361
Dies würde der Manier Gottfrieds entsprechen; man vergleiche
die Anfänge von
Cap. V: Nu kom es in kurzer stunde.
Cap. VI: Nu Tristan der ist ze hüse komen
unwizzende, als ir habet vernommen.
Cap. XIII: Nu Tristan der ist ze fride komen.
Besonders Cap. XIX:
v. 13101 Nu Tristan was gemuothaft.
V. 13107 so ez an der zit also geviel | Reimbrechung wie in unserem
In den ziten kom ein kiel j F^ll«
ze Kurnewäle in Markes habe.
Mir scheint nur das dem Stile Grottfrieds angemessen , daß er
die angeführten 29 Mal frei, ungesucht und natürlich durch den zweiten
Reim den Gedanken zum Abschluß gebracht hat und sich anderseits
nicht scheute, bei dem Absätze, der in unserer Ausgabe die Grenze
von Cap. XI und XII bildet, die Reimbrechung eintreten zu lassen.
Eine andere Art von logischen Pausen sind die, die innerhalb
der einzelnen Capitel durch einen horizontalen Strich bezeichnet sind.
Deren finden sich im ganzen Tristan 12, wovon 7 ohne und 5 mit
Reimbrechung sind. Betrachten wir nun zunächst rein äußerlich, wie
diese 12 Fälle auf die einzelnen Capitel vertheilt sind, so finden wir
nichts Gesetzmäßiges.
(8) (12) (7) (5)
Capitel. Abschnitte. Ohne Reim- Mit Reim-
brechung, brechung.
n 3 3 0
X
1
1
0
XII
1
0
1
XIII
2
1
1
XVIII
1
1
0
XXVII
1
0
1
XXIX
1
0
1
XXX 2 1 1
Unter diesen 5 Reimbrechungen finden sich zwei besonders starke;
Cap. XIII, v. 9624:
Wie sie Tristan pflegen sollten, daz was ir meiste
unmüezekeit.
Hier under haete michel leit
sin kiel und sin geselles chaf t.
Reim-
brechung.
362 O. GLÖDE
Cap. XXX. V. 18689.
V. 18687 si dienten ime ze manchen tagen
turnieren, birzen unde jagen,
swaz kurzewile er wolte pflegen.
Eeimbrechung.
Nu was ein herzentuom gelegen
zwischen Britanje und Engelant,
daz was Arundel genant.
Größer und daher für die Beobachtung maßgebender ist die
Anzahl der kleineren, durch Einrückung bezeichneten Absätze inner-
halb der einzelnen Capitel, die mehr oder weniger abgeschlossene
Satzperioden darstellen. Ich habe hier alle 30 Capitel durchgeprüft
in Bezug auf die Anwendung und Nichtanwendung und auch auf die
Schwere der Reimbrechungen, aber auch nur ein annähernd allgemein
giltiges Gesetz aufzustellen ist unmöglich.
In den Capiteln I und XXVI z. B. linden wir die Reimbrechung
auf den Absätzen gar nicht angewendet. In Capitel I sind die 15 Aus-
gänge der vierzeiligen Strophen in Abzug zu bringen, in denen der
Dichter, wie in allen Strophen des Gedichts, die Reime mit Absicht
zusammenhält. Solche Strophen, die nach dem Ende des Gedichts zu
abnehmen, finden sich im ganzen Tristan 24. In den übrigen 5 Ab-
sätzen des I. Capitels findet sich keine Reimbrechung. Ebenso fehlt
in Cap. XXVI, wo die Verbannung Tristants und Isolts in einfach
epischer Darstellung ohne eingeschaltete Strophen geschildert wird,
jede Art der Reimbrechung auf den Absätzen.
Hält also Gottfried in diesen beiden Capiteln die Reime bei ein-
schneidenden Pausen immer zusammen, so finden wir anderseits
solche, wo die Reimbrechungen in diesem Falle überwiegen, wenn
auch kein Capitel mit lauter Reimbrechungen auf den Absätzen vor-
kommt. Z. B.:
Cap. XXII 7 Reimbrechungen und 2 ohne Reimbrechung.
Cap. VI 7 n 77 6 n n
Cap. XIX 7 77 77 5 J7 77
Die verschiedensten Verhältnisse von Reimbrechungen und Nicht-
reimbrechungen finden wir vertreten.
In Capitel X doppelt so viele Reimbrechungen als Nichtreim-
brechungen (24-12), in Capitel XX gleichviel von jeder Art (4-4),
in den drei Capiteln V, XVIII und XXV zufällig 6 Reimbrechungen
und 13 Nichtreimbrechungen.
DIE REIMBRECHUNG IN GOTTFRIEDS VON STRASSBURG TRISTAN etc.
Tabelle A.
363
Summa .
Capitel
Anzahl
der
Absätze
Absätze
ohne
Reimbr.
Absätze
mit
Reimbr.
Capitel
Alizahl
der
Absätze
Absätze 1
ohne
Reimbr.
Absätze
mit
Reimbr.
I
21
21
0
XVI
11
9
2
II
35
28
7
XVII
15
11
4
III
8
6
2
XVIII
19
13
6
IV
15
8
7
XIX
12
5
7
V
19
13
6
XX
8
4
4
VI
13
6
7
XXI
17
12
5
VII
22
14
8
xxu
10
3
7
VIII
13
11
2
XXIII
14
9
5
IX
22
15
7
XXIV
20
13
7
X
36
24
12
XXV
19
13
6
XI
30
17
13
XXVI
5
5
0
XII
19
12
7
XXVII
16
10
6
XIII
30
22
«
XXVIII
11
8
3
XIV
25
16
9
XXIX
19
12
7
XV
17
12
5
XXX
24
14
10
...
••
••
••
30
545
366
179
Im Allgemeinen überwiegt, wie aus der Tabelle hervorgeht, das
Zusammenhalten der Reime. Aber überall folgt Gottfried nur seinem
Künstlersinn, nie wird er regelmäßig oder schablonenhaft. Dies zeigt
sich auch in der Anordnung der Reimbreehungen innerhalb der ein-
zelnen Capitel. Keine regelmäßige Abwechslung von Reimbrechung
und Zusammenhalten der Reime in irgend einer Weise. Reimbrechung
folgt auf Reimbrechung und Zusammenfassung der Reime auf Zu-
sammenfassug und beide gemischt in beliebigen Verhältnissen.
364 O. GLÖDE
Betrachten wir z. B. das Capitel XXII, so zeigt der erste Absatz
keine Reimbrechung, dann folgen 7 Absätze mit Reimbrechung und
endlich der letzte ohne Reimbrechung. In Capitel XX, wo sich Reim-
brechung und Nichtreimbrechung die Wage halten, sind sie so ver-
theilt: 2 Reimbr. — 3 Nichtreimbr. — 2 Reimbr. — 1 Nichtreimbr.
In Capitel 11 folgen von den 7 Reimbrechungen, die auf das sehr
umfangreiche Capitel vertheilt sind, 3 aufeinander (v. 1605, v. 1635
und V. 1653).
Ich komme zu den Reimbrechungen, die innerhalb der Absätze
einzelne Sätze mit einander verbinden. Man könnte meinen, daß der
Dichter dieses, seine Diction so sehr verschönernde technische Mittel
gegen Ende des Gedichts mehr ausgebildet hätte als zu Anfang, aber
es findet keine Zunahme und Vervollkommnung statt, wie ich an
einigen beliebig ausgewählten Capiteln nachweisen will. Ich wähle
die ersten 200 Verse der Capitel TI, V, VIII, XVI, XX, XXVI und
XXX.
Auf 200 Verse kommen 20 starke Reimbrechungen.
« 200 V n 37 n »
n 200 n 1^ 23 « »
V 200 >i n 25 n 7)
77 200 t: p 40 n n
r 200 77 r 18 n n
77 200 77 77 24 « 7,
Die beiden Capitel V und XX, welche in den ersten 200 Versen
bedeutend mehr Reimbrechungen zeigen als die übrigen, tragen diesen
Charakter bis zum Schlüsse.
Das Capitel V, wo uns die Jagdkünste Tristans in herrlicher
Darstellung vorgeführt werden, ist auch an den Stellen, wo der rein
epische Ton herrscht, reich an Reimbrechungen; doch wegen der
zahlreich eingestreuten Dialoge will ich über dieses Capitel später
handeln.
Das Capitel XX, diese kleine, hübsche, rein in Hartmanns Weise
erzählende Episode von der Belauschung Tristans durch den Truchseß
Marjodo wimmelt von Anfang bis zu Ende von Reimbrechungen, von
denen viele sehr stark sind. Fast bei jeder größeren Pause finden
wir sie angewendet; Zusammenhalten der Reime ist äußerst selten.
In 221 Versen 43 Reimbrechungen. Besonders der Anfang häuft Reim-
brechung auf Reimbrechung.
V. 13455 Tristandes lob und ere
die bluoten aber dö mere
Cap.
II
Cap.
V
Cap.
VIII
Cap.
XVI
Cap.
XX
Cap.
XXVI
Cap.
XXX
DIE REIMBRECHUNG IN GOTTFRIEDS VON STRASSBURG TRISTAN etc. 365
ze hove und in dem lande.
_, . > Reimbrechung,
si lobeten an iristande
sine fuoee und sine sinne. , „ • ,
" . \ Reimbr.
er und diu künigiune j
si wären aber fro unde fruot. ] „ • .
. \ Keimbr.
si gaben beide ein ander muot, J
so si iemer beste künden. 1 „ • ,.
\ Keimbr.
In den selben stunden etc. j
Doch hält sich Gottfried auch hier fern von aller erkünstelten
Übertreibung; laut vorgelesen ist das Capitel von der wohlthuendsten
Wirkung für das Ohr. Umgekehrt sind auch diejenigen Capitel, wo
die Reimbrechung weniger angewendet ist, von derselben Schönheit,
denn der Leser und noch mehr der Hörer hat immer das Gefühl,
daß das Zusammenhalten der Reime ungesucht geschieht.
Durch die vorhergehende Betrachtung hoflfe ich nachgewiesen
zu haben, wie wenig regelmäßig Gottfried in der Anwendung der
Reimbrechuug ist, und dies ist gewiß ein großer Vorzug seiner Diction.
Aber auch positive Schönheiten verleiht dieses künstlerische Princip
seiner leichten und gewandten Sprache. Die Reimbrechung ist das
verbindende Band, das die schön und glatt gebauten Verse zusammen-
hält. Man muß doch annehmen, daß anziehende Episoden aus dem
herrlichen Gedichte Gottfrieds an den Höfen vorgelesen wurden, und
da gerade zeigt sich die Wirkung der Reimbrechung für das Ohr.
Die Sätze reihen sich unmerklich zu einem harmonischen Ganzen
aneinander in einer Weise, die keiner von des Tristansängers Kunst-
genossen erreicht hat, nicht Hartmann, keiner von seinen Schülern
erst recht nicht der ihm in manch anderer Beziehung vielleicht über-
legene Wolfram, dessen gehackte Diction, mitveranlaßt durch die
seltene Anwendung der Reimbrechung in den an sich schon kurzen
und knappen Sätzen, Gottfrieds Talent besonders hervortreten läßt.
Einen äußerst künstlerischen und effectvollen Gebrauch macht
unser Dichter von der Reimbrechung bei der Einführung von Mono-
logen oder Aussprüchen abwesender Personen, sowie hauptsächlich im
Dialog, der im Tristan oft die schlichte epische Darstellung unter-
bricht.
Ich habe alle Stellen aus dem Gedicht ausgezogen, und wenn
auch Gottfried sich hier wiederum keinem Zwange fügt, so läßt sich
doch von dem Vorherrschen einer bestimmten Manier sprechen.
Der erste Vers des Monologs oder der einfach angeführten Aus-
sage eines Dritten steht gewöhnlich in Reimbrechung mit dem vorher-
366 O- GLÖDE
gehenden, der die directe Rede einleitet. Innerhalb der Rede wird
dann, um sie als Ganzes erscheinen zu lassen, die Reimbrechung
ziemlich häufig angewendet, wenn überhaupt längere Sätze vorkommen.
Vielfach repräsentirt jeder Vers in der leidenschaftlichen Sprache einen
Frage- oder Ausrufesatz, die dann nebeneinander stehen, ohne daß
man gerade von Reimbrechung sprechen könnte. Am Ende des Mono-
logs — besonders des viele Verse umfassenden — werden dann die
Reime sehr oft zusammengehalten.
Man vergleiche z. B. den Monolog [v. 980 — 1074, also 94 Verse]
der Blanscheflur:
V. 979 und (Bl.) sprach vil dicke wider sich: 1 „ . v.
^ ^ r- I Reimbr.
(Cap. II) „owe, got herre, wie leb ich! j
wie unde waz ist mir geschehen?
ich hän doch manegen man gesehen,
von dem mir nie kein leit geschach;
Es folgen nun ziemlich viele Reimbrechungen in dem Capitel (II),
das sonst durchgehends eine beschränkte Anwendung derselben zeigt
(auf 200 Verse 20), bis dann am Schlüsse die Reime zusammengehalten
werden.
V. 1071 der süeze herzesmerze,
der vil manc edele herze
quelt mit süezem smerzen, \ t, ■ , ,^
^ ' l Keime zusammengehalten.
v. 1074 der liget in minem herzen." J
V. 1075 Nu daz diu hövesche guote etc.
Füllen die Einführungsworte wie hier — und sprach vil dicke wider
sich — einen ganzen Vers aus, so finden wir die Reimbrechung fast
immer. Z. B. :
V. 10489 Brangaene diu sprach aber z'ir: 1 ü . ,
o f I Keimbr.
„nu, liebiu frouwe, volget mir
I
v. 2791 sprach aber der hövesche Tristan: 1 Reimbr
„lät stgn! durch got, waz gät ir an? j
V. 3041 Aber sprach der guote Tristan: | ^ .^.^
„nü nemei iuwer hüt hin dan etc. j
Füllen die Einführungsworte keinen Vers aus, sondern ist das ^sprach
er' oder 'sprach si' einfach in den ersten Vers der directen Rede ein-
geschaltet, so tritt sehr häufig keine Reimbrechung mit der vorher
gehenden Erzählung ein. Z. B»:
DIE REIMBRECHUNG IN GOTTFRIEDS VON STRASSBURF TRISTAN etc. 367
V. 3273 den Jäger den besande er dar | Keine Reim-
„sage an", sprach er, „wer ist diz kint j brechung,
des wort so wol besniten sint?"
V. 3165 Sus komen si zem bürgetor:
Tristan gehabete do da vor. i rr • d • ,,
'^ ' Keine Keimbr.
„ir herren", sprach er aber do z'in, J
„ich enweiz, wan ich iu fremede bin,
wie iuwer keiner ist genamet.
Ich habe gesagt: es tritt keine Reimbrechung mit der vorher-
gehenden Erzählung ein 5 gehen directe Worte vorher, so ist das
Verhältniß anders, wie wir beim Dialog sehen werden. Diese Beob-
achtungen, die sich aber auf den ganzen Tristan, auf jedes beliebige
Capitel in gleicher Weise anwenden lassen, beziehen sich also nur
auf die Einführung des Monologs und der vereinzelt in die Erzählung
eingestreuten Worte eines Dritten; vom Dialog kommen die Worte der
zuerst redenden Person hinzu, die sich an die Erzählung anschließen.
Die übrigen Theile des Dialogs sind von Gottfried mit großer
Meisterschaft behandelt, künstlerisch im höchsten Grade und doch
natürlich, dem Leben und seinem Verkehr abgelauscht. Frage und
Antwort, Rede und Gegenrede werden durch die Reimbrechung zu-
sammengehalten. Der Hörer wird schon durch den letzten Vers der
Frage auf den ersten der Antwort vorbereitet, und das Ende des
Dialogs schließt dann häufig mit dem Zusammenhalten der Reime.
Die Beispiele für diese wichtige Erscheinung, welche durch den
ganzen Tristan zu verfolgen ist, entnehme ich dem XVII. (das Ge-
ständniß) und dem V. (die Jagd) Capitel, die besonders reich an Dia-
logen sind; doch will ich auch Beispiele anführen aus den Capiteln II,
XVI etc. Z. B.:
Tristan und Isolt gestehen der Brangaene ihre Liebe.
V. 12082 Si (Brangaene) gesaz in eines tages bi
heinlicben unde lise Keine Reimbr.
diu stolze^ diu wise: \ zwischen Er-
V. 12085 „hie ist niemen", sprach si, „wan wir driu: | ^g^ Beginn
saget mir ir zwei, waz wirret iu? des Dialogs.
ich sihe iuch z'allen stunden
mit trabte gebunden,
siuften, trüren unde klagen." 1 r • h '
höfsche, getorste ich'z iu gesagen, j
ich sagete ez iu", sprach Tristan. | r • br '
„ja herre, vil wol sprechet an;, j
368 O. GLÖDE
swaz ir weit, daz saget mir!" \
„saelegiu, guotiu", sprach er z'ir, j
Reimbr.
i'n getar niht sprechen vürbaz,
im gewisset uns e daz
mit triuwen und mit eiden,
daz ir uns armen beiden
gUOt unde genaedic wellet wesen: ] Zusammenhalten der
T ^ ^ . ,, > Reime am Ende des
anders so sin wir ungenesen." j Dialogs,
Ferner Cap. V:
V. 3095 Tristan erzählt seine Abkunft.
V. 3121 i'ne weiz, wie'z iu gevalle."
V. 3122 „ä trüt kint", sprachen s'alle
Reimbr. !
Reimbr.!
V. 3133 „din hövescher vater, wie nante er dich?"
V. 3134 „Tristan", sprach er, „Tristan heiz' ich."
V. 3153 „ei", sprach er, „lieber meister min,
saget waz bürge mac diz sin?
diz ist ein küniclich kastei." 1 r. • t, i
l Keimbr. !
der meister sprach: „(deist) Tintajoel." J
„Tintajoel? ä welch kastei! | p ■ u i
de te sal, Tintajoel |
und allez din gesinde!" \ r • b '
„ä wol dir siiezem kinde" j
sprachen sine geverten do
„wis iemer saelic unde fro
und dir müez' alse wol geschehen, | Zusammenhalten der
1 ^ ., . , 1 «a > Reime am Ende des
also vil gerne wir z gesehen! | Dialogs.
V. 3167—3187 spricht Tristan:
V. 3187 und ob ez iu eevalle." 1 t^ . , .
*= l Reimbr.!
„ja, trüt kint", sprachen s'alle J
-swie so du wilt, als wellen wir." 1 „ • , .
" ' l Reimbr. !
„diz sl, sprach er, nu lihet mir j
In Capitel V finden sich noch mehr Beispiele.
Capitel IL Die Stelle, wo Isolt ihrer Erzieherin ihre Liebe zu
Tristan gesteht:
V. 1211 ir hende si zesamene vielt,
flehliche si die vür sich hielt:
„ach mines iibes!" si do sprach,
„ach", sprach si, mines Iibes, ach,
i
DIE REIMBRECHTJNG IN GOTTFRIEDS VON STRÄSSBURG TRISTAN etc. 369
ach, herzeliebiu meisterin,
nu tuo mir dine triuwe schin,
der vil und wunder an dir ist!
I
Reimbr.
1223 dune helfes mir, so bin ich tot."
„nu, frouwe, waz ist iuwer not
„ei, trut, getar ich du- z gesagen r' ) eine Zeile umfaßt)
„ja, liebiu frouwe, sprechet an!"
„mich toetet dirre tote man,
von Parmenie Riwalin:
ich engän dir niemer nihtes abe, \ Zusammenhalten der
V. 1236 die wile und ich daz leben habe. j Reime.
In derselben Art finden wir die Reimbrechung angewendet in
CapitelXVI (Minnetrank), v. 11576 ff.; ferner v. 11962, 12127 u. s. w.
Daß aber Gottfried bei der Anwendung der Reimbrechung auch
in diesem Falle nicht nach einer bestimmten Regel seine Kunst ge-
handhabt hat, zeigen viele Beispiele in denselben Capiteln neben den
vorher angeführten. Besonders fällt dies auf am Schlüsse des Dialogs,
wo in den bisher angeführten Beispielen die Reime meist zusammen-
gehalten waren. Doch finden sich viele Fälle, wo der Schluß des
Dialogs mit der folgenden Erzählung in Reimbrechung steht, z. B.
V. 1423, V. 1563 (starke Reimbrechung zwischen dem Schlüsse des
Dialogs und der Erzählung), v, 1635 etc. Im Allgemeinen überwiegt
das Zusammenhalten der Reime in diesem Falle.
Weit besser als alle Schüler Gottfrieds hat nun der fast 100 Jahre
später dichtende Heinrich von Freiberg dem Meister die kunstvolle
Anwendung der Reimbrechung abgelauscht. Im Ganzen ist das Princip
seltener als Schmuck der Diction benutzt, im Übrigen läßt sich kein
Unterschied constatiren, wie die folgende Tabelle zeigt.
GERMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) Jalirg. 24
370
G. EHRISMANN
Tabelle B.
Capitel
Absätze
ohne
Reirabr.
Anzahl
der
Absätze
Absätze
mit
Reimbr.
Capitel
Anzahl
der
Absätze
Anzahl
der
Absätze
Absätze
mit
Reimbr.
I
26
27
1
VII
5
6
1
II
11
11
0
VIII
13
17
4
III
20
21
1
IX
4
5
1
IV
15
16
1
X
16
17
1
V
3
8
5
XI
15
20
5
VI
4
7
3
XII
19
24
5
• •
12
151
179
28
Summa
Wie Gottfried ist Heinrich frei von jeder Künstelei, und wie
sehr er auch in anderer Beziehung hinter dem unsterblichen Meister
zurücktreten mag, den künstlerischen Gebrauch dieses metrischen
Pi'incips hat er bis in die Details erfaßt und auch dadurch seiner
Sprache den Gottfriedischen Charakter gegeben.
WISMAR, 2. November 1887. O. GLÖDE.
ZUM SEIFRID HELBLING.
Der neueste Herausgeber hat sich bei der Herstellung des Textes
der Überlieferung möglichst treu angeschlossen und ist damit der
ursprünglichen Fassung näher gekommen. Doch scheinen mir, auch
nach den Besprechungen von Martin (Anzeiger f. deutsches Alterthum
XIII, 152—155) und Paul (Literaturblatt 1887, 154—158) in Text
und Anmerkungen einige Besserungen und Nachträge nöthig.
V, 13—14:
So mir die Unger nement re,
so vert er jagen hin ze le.
Karajan führt als Lesart der Hs. an (Zs. 4, 120): „rex, lex", See-
müller: „rex (oder rep?) , lex (oder ZepV)" . Es ist offenbar rep '. lep
ZUM SEIFRID HELBLING. 371
anzunehmen, und dies entspricht der Mundart des Dichters, denn lo
wird bairisch im Auslaut zum Verschlußlaut. Im Vokalspiel ist zwar
le, re mit ge^ sie, me gebunden, aber dessen Reime beweisen nichts
für die Aussprache des Verfassers (vgl. Paul, Literaturblatt 1887, 154).
VI, 9 Martins Besserung: geriht als ein gert (Anzeiger XIII, 154)
ist einleuchtend. Die Gerte als Bild für aufrechte Haltung: Konrads
Trojanerkrieg V. 20006. 7 (Keller) und Gr. Myth.* 814. Derselbe Vers,
aber ruote statt gerte im Engelhard, V. 3000 und Haupts Anmerkung.
VI, 150: 8i givunnen sust und gerne wol.
Die Lesart der Hs. sust ungern (Karajan sus viiga") gibt einen guten
Sinn: Wenn es zum Kriege käme, so würden sie nicht leicht wohl
Weizen und Korn bekommen. Gern in der Bedeutung 'leicht, wohl,
vielleicht' ist allgemein obd., vgl. Schmeller Fr. I, 936, Schöpf, Tirol.
Idiot. 187, Schmid, Schwab. Wb. 228, Staub-Tobler II, 427, fürs
mhd.: Mhd. Wb. I, 535 und Behaghels Anmerkung zu Eneide 7518.
Das Gegentheil ist ungerne = nicht leicht', vgl. Staub-Tobler a. a. O.
XIII, 80—86. Derselbe Gedanke bei Suchen wirt X, 74—85.
Bei der schablonenmäßigen Manier der Wappendichtung ist es denk-
bar, daß dieses Motiv ein öfter angewandtes war, und es braucht
also nicht angenommen zu werden, daß es Suchenwirt direct aus
S. H. entlehnt hat.
XIII, 129 üfgehrieren wird mit J. Grimm, Zs. f. d. Alt. 4, 281
zu hrhen gestellt. Dem Sinne nach paßt besser üfbriuwen aufrühren,
anstiften (Lexer, 2, 1689). Auch lautlich ist diese Participialform er-
Ikärlich als Nachbildung der im Bairischen sehr beliebten r-Formen
schriren, spiren (Weinhold, bair, Gramm. §. 268).
XHI, 154 Stanthtderßetschen wird doch wohl von Ilinzgrap an-
geredet, das Anführungszeichen gehört also vor St.
I, 175: oben sam neyger drauch.
Mit neyger — nabiger (Karajan, Zs. f. d. Alt. 4, 6) ist nichts anzufangen,
auch wenn man drüch in der sonst unbelegten Bedeutung = sivertes
chilz (Schönbach, Mittheilungen aus altd. Hss. I, 23) nimmt. Es ist wohl
einfach verschrieben aus: sam in eyner drück. Ahnlich ist in mit dem
folgenden Worte zusammengeschmolzen I, 851 mainem statt in einem.,
VIII, 787 mosterlandt corrigirt in Inosterlandt. Es bedeutet dann:
er ist so festgeschnürt wie in einer Falle, vgl. Walthers Vokalspiel
e daz ich lange iti seiher drü beklemmet wcere. In diesem Falle ist nicht
die Gestalt des muoders — denn um dieses handelt es sich, wie
V. 176 — 177 zeigen — sondern die Wirkung des engen Einschnürens
24*
372 C. EHRISMANN
gemeint (vgl. Karajan Zs. 4, 251 in tantum etiam artabant fere omnes
tunieas u. s. w.). Damit kann auch cheuerpeunt V. 177 in Einklang
gebracht werden, eine Peunt für einen Käfer, so eng, daß nur ein
Käfer darin Platz hat. Es mag dabei auch an den eng geschnürten
Leib mancher Käfer gedacht sein. Man braucht dann cheuerpeunt
nicht für einen Eigennamen zu halten, wodurch außerdem die Stelle
nicht klarer wird, noch mit Seemüller in tioerpivnte zu ändern.
I, 184 — 185: hert tsen unde grehel,
örter zuo den slozzen.
Grebelörter scheint ein Wort zu bilden. Enjambements sind bei S. Helb-
ling häufig (Einl, S. LXXV). Nicht die ganzen Grebel (Werkzeug,
Rüben auszugraben, Schmeller Fr. I, 982), sondern nur die eisernen
Spitzen tragen sie in den Ärmeln. XIII, 163 ist dann für das hand-
schriftliche Grölnörtt statt Grebelhart mit leichterer Änderung Grebelort
einzusetzen. Dafür spricht auch, daß ein anderer Schnapphahn den
Namen eines weitern in den Ärmeln verborgenen Instrumentes Geiz-
fuoz trägt. (Xni, 171 := I, 189). Auch Hertisen wird als ein Wort
aufzufassen sein. Und zwar ist es wohl das nämliche wie aerdisen
in Karajans Sprachdenkmalen 6, 16 (Mhd. Wb. I, 756). Beide aber
scheinen Entstellungen aus arttsen (vgl. arthouioe Lexer I, 757), das so
viel ist wie pßuocisen, wie sich aus der Stelle bei Karajan ergibt.
I, 282: diu kornsät hat im gevaelt.
Der Schreiber hatte Ney Thorn satt geschrieben, welches der Ver-
besserer in Deu chorn satt änderte (Karajan Zs. 4, 9). Ney führt auf
ney = nein: Keine Saat hat ihm fehlgeschlagen. Oder ist ney ver-
schrieben aus w?/e?
I, 400 klurikel. Es sind folgende drei Wörter zu unterscheiden:
1. lumhus, lumbel. 2. Die Lanken (Schmeller Fr. I, 1493). Beide be-
deuten nicht nur Lende, sondern auch Nieren, dann überhaupt Ein-
geweide. 3. Lungel (pulmo), Glüng = Lunge und sämmtliche edlern
Eingeweide (Schm. I, 1493). Durch die Ähnlichkeit in Laut und Be-
deutung entstehen Mischformen, z. B. lungelhräte = Lendenbraten
(Lexer I, 1984); nebeneinander Lungenbraten, Lungelbraten , Lunken-
hraten (Schmeller a. a. O.). Auf ähnliche Weise scheint klunkel zu
erklären aus Lvugel und Glüng mit Einwirkung von Lanken, also
ein Gericht aus den Eingeweiden, das nämliche wie beischerl I, 1014.
I, 430: ich viselet iu ein ohsendiech.
Hs. viselieht Der Überlieferung näher steht: ich visel eht iu. Das
ZUM SEIFRID HELBLING. 373
veraltete eht wurde von dem Abschreiber des XVI. Jahrhs. nicht mehr
verstanden.
I, 657. Die Lesart der Hs. kann beibehalten werden: daz man
im niht des enlie : Rinder, schäf, swin und lamp u. s. w., „daß man ihm
nicht Folgendes" oder „nichts von Folgendem ließ". Dann ist der
Satz mit V. 662 abzuschließen.
I, 789—790:
die vind einen Scherben
habent niht gesocht vor im.
Hs. „geusacht (oder -socht)'*. Mit leichter Änderung ergibt das passende
gevlceht. Die Vorlage hatte wahrscheinlich geulöht, l hielt der Ab-
schreiber für langes /, wie umgekehrt f für l in imilt statt im ift
II, 354, Nicht das Geringste haben die Feinde vor ihm in Sicherheit
gebracht. Ahnlich Parz. 419, 24 ine gevloehe nimmer vor iu huon.
I, 994—995:
'frou, daz ist billich, zeiner stunt
so spis in Itht iuwer munt.
Die Lesart der Hs. so leiihe speise in eurn munt führt eher auf sol
iht spise in iuivern munt. iht war dem Abschreiber unverständlich.
Die Magd billigt das Verfahren der Hausfrau, hinter dem Rücken
des Gemahls es sich wohl sein zu lassen.
I, 1149 und Anmerkung S. 313 ,^vihel ist wohl ein Stückchen
Filz, mit dem die Wange gerieben wird". Als Deminutiv zu vilz wird
es auch im Mhd. Wb. und bei Lexer angegeben. Aber sowohl an
unserer Stelle als an der von Bech Germ. 28, 385 beigezogenen kann
es nur ein rothes Schminkemittel sein. Als solches faßt es offenbar
auch Bech auf (Luxusartikel zum Schminken). Es ist wohl eine volks-
thümliche Umbildung des italienischen verzino, venetianisch verzelä,
fleischfarbig, das Diez Wb.^ I, 82 für identisch mit hrasil hält. Dieses
„Holz zum Rothfärben" wurde aus dem Orient bezogen (Diez a. a. O.
81). Denkt man sich Venedig als den Stapelplatz für die öster-
reichischen Lande, so erklärt sich leicht die Entlehnung des Wortes
aus dem Italienischen,
IIj 16 gerner, Hs, gerne. Über gerne — danne für gerner — danne
vgl, Rückert Anm. zu König Rother V. 1575 und Lambel, Steinbuch
Anm. zu V. 518. (Ebenso ags. thonne nach Positiv, vgl. Zs, f, d. Phil.
IV. 193, Anglia I, 185. 0. B.)
II, 73. und Anm. S, 317. stampßiart ist das nämliche wie St an
fort (bei Schultz, Höfisches Leben I, 271) und demnach ein Ursprung-
374 G- EHRISMANN
lieh in England verfertigter Stoff (Stanford, Grafschaft Lincoln); vgl.
auch Lappenberg, Engl. Geschichte I, 623.
n, 370: umh diu durchgründen wart.
In der Anmerkung zu Reuaus V. 279 (Wagners Archiv S. 239) citirt
Lambel aus Rosenblüt ,^der aller creatnr ist ein hefrider, dem durch-
gründen si all sein glider'"'' : Die Hassigen und Neidigen verleumden
und beschimpfen selbst die Glieder Gottes, durchwühlen sie bis zum
Grunde, um an ihnen schlechte Eigenschaften zu finden. Oder ist
durchgrinden zu lesen? Vgl. Reuaus 281 ff. Es nennt auch ein zornig
man Das got nie an im geioan^ So er sfricht unglück^ laus und grint,
Die an got nie kumen sinf. Dann wäre es hergeleitet aus der Be-
schimpfung grint und beeinflußt durch grmen. Das Schwören bei den
Gliedmaßen Gottes wird in der altengl. Literatur mehrfach erwähnt,
vgl. Mätzner, altengl. Sprachproben I, 129, 11 und dessen Wörter-
buch 2. Abth. S. 185% übrigens wird man an unserer Stelle lesen
müssen: umh diu durchgründunden wort, woraus sich die handschrift-
liche Entstellung leicht erklärt.
II, 407 — 412. Das Geschichten, aus Gregors Dialogen, wird aus-
führlich erzählt im Renner 13, 686 — 711.
II, 1044: daz ir M iu selben sit.
Zur Erklärung muß VIII, 819 — 820 verglichen werden: ich her allen
mmen sin, daz ich hi mir selben bin. An dieser Stelle passen die Auf-^
fassungen Pauls (Literaturblatt 1887, 157) und SeemtiUers (Anm. zu
II, 1044 erste Hälfte) nicht. Auch VIII, 819 hat zu wenig Charakte-
ristisches, so daß die Bedeutung der Phrase nicht scharf umrissen
hervortritt. Eine sinngemäße Übersetzung wäre, im Anschluß an das
nhd. 'bei sich sein', nur prägnanter: "^bei richtiger Besinnung sein,
genau wissen oder überlegen, was man zu thun hat, so daß man sich
auf sich selbst verlassen kann, mit sich selbst im Reinen sein.* Dies
würde der zweiten Auffassung Seemüliers nahe kommen, jedoch ist
der Ausdruck in II, 1044 so gut wie VIII, 820 allgemein zu fassen
und an eine historische Anspielung nicht zu denken. — Bi sich selben
sin = bei Sinnen sein ist zu vergleichen mit: zime seibin comen, ze (sinen)
sinnen komen bei Kinzel, Lampr. Alex. Anm. zu V. 1816, wo u. a. noch
auf D. Wb. 5, 1669 verwiesen ist. Hildebrand hat dort die Begründung
der Ausdrucksweise schön auseinander gesetzt. Vgl. noch daselbst
von im selben kumen, ferner I, 1349 bei sich sein und I, 1031 aus
sich sein,
II, 1296. Rüebentunst als Spottname für die Spielleute. Man
vergleiche hiezu die Fabel Heinrichs von Mügeln (W. Müller, Nr. III,
ZUM SEIFRID HELBLING. 375
S. 12), worin die anmaßlichen und stümpei'haften Singer gerügt wer-
den : Ein gans die sprach , si ivere ein meister aller kunst : si sorget
kleine vor den sioeren ruhen dunst, loie das ir muter drinne gesäten were.
II, 1448: ein valsck ros erhunken.
Seemüller hat mit Unrecht die Conjectur Bechs (valwez ros, Germ.
28, 386) verworfen, vgl. Jahns, Roß und Reiter I, 46: „Für die schlech-
testen Pferde galten die Falen", worauf eine Reihe Belege folgen, u. a.
Sprichwörter und Priameln. Ebenso in Nr. LIII der von K. Euling
herausgegebenen Sammlung (Hundert noch ungedruckte Priameln des
XV. Jhs., Göttinger Beiträge II, 1887). Also gerade in den Priameln
war ein fahles Pferd ein üblicher Terminus. Auch Cundries mül ist val
(Parz. 312, 7). Endlich gibt noch eine Menge von Citaten das D. Wb.,
Bd. IIT, 1240 und 1267-1268.
ni, 125 und Anm. Über roter munt in der Bedeutung Mädchen,
Frau vergleiche außerdem A. v. Keller: die altdeutsche Erzählung vom
rothen Munde, Anm. zu V. 353; auch Strauch, Anm. zu Marner II, 46.
m, 163 und Anm.:
siüte so ich arme taet.
Hs. dem arme kann bestehen bleiben: Wenn ich so mit dem Arme
umgienge, daß sich von ihm aus eine Geschwulst hinaufblähte bis
an meine Wangen.
IV, 12 — 15 ist zu interpungieren : lounderlich was der kneht, mir
ze liden sivaere sin frage, siniu maere wären lounderliche. Das beweist
IV, 139: Id dir min frag niht loesen swaer.
XV, 69 — 71. Folgende Interpunction scheint mir vorzuziehen :
zem sumer einen zendäl under einem huote, hin zetal einen roc an suk-
keme. Während der Winterhut mit Pelzwerk versehen ist (veher huot
V. 66), wird beim Sommerhut Zendal verwendet, underm huot be-
deutet den underzoc (vgl. Anm. zu III, 371), das Futter, wie auch
II, 67 underm huot an haerin tuoch (ohne Pelzwerk). Möglich ist, daß
dieses Zendalfutter noch weit über den Hut hinausreichte, dann würde
hin zetal noch zu der Beschreibung der Kopfbedeckung gehören. Doch
ist an die spätem Sendelbinden noch nicht zu denken.
XV, 330 — 331 Interpunction:
daz setze got ze huoze
aller unser vordem sei!
Wenn unsere Vorfahren unsere Schande schauen würden, so wäre
dies für sie eine Strafe, so groß, daß sie damit einen Theil ihrer
Sünden abbüßen könnten (wize V. 335). Möge Gott es ihnen als Buße
376 G. EHRISMANN
in Anrechnung bringen. Der Sing, sei in Bezug auf einen Plural, wie
in Ezzos Gesang V. 12, erklärt sich als festgewordene Redensart wie
got st mmer u. s. w. unserer sele etc. g7medic.
XV, 456 und Anm.:
der hof wirt entlendet,
daz man in siht hlozen.
Die Erklärung entlenden =■ ausschiffen ist zu künstlich. Dem Dichter
schwebte als Bild die Entblößung der Lende vor, und er bildete sich
dazu nach dem Muster von enthoupten, enthenden, aber sprachlich in
diesem Falle nicht ganz richtig, das Zeitwort entlenden. Correcter
wäre entlendenieren.
XV, 853: des haut geschuof den ersten man,
der tuo uns aller sorgen an. Amen.
sieht aus wie der Schlußzusatz eines Schreibers.
VIII, 212—213:
zioiu möht sie spü gewunnen
wägen, daz ir viele wol?
Die Übersetzung in der Anmerkung „das ihr zugefallen wäre" gibt
den Sinn nicht ganz entsprechend wieder; es heißt, wie Jänicke
Zs. 16, 416 überträgt: das für sie günstig ausgefallen ist. Das Bild
ist vom Wurfzabel genommen, die Würfel sind icol gevallen, im Gegen-
satz zu vervallen (Lexer 3, 285 und Mhd. Wb. IP, 500''). — Das gleiche
Bild, aber vom Schächzabel, in Lutwins Adam und Eva 487 — 498.
VIII, 443: die liute sint so benzlich.
Hs. loensleich. Seemüllers Änderung wird von Martin (Anzeiger XIII,
154) verworfen. Auch alle andern bisherigen Conjecturen genügen
nicht. Ich möchte venzltck vorschlagen, als Ableitung zu vanz, nehulo.
Vanz berührt sich eng mit fant, »Knabe, Bub, gern mit dem Neben-
sinn eines leichtfertigen Menschen, Schalkes uud Gecken". Über beide
und deren Ableitungen D. Wb. 3, 1318—1321 und 1527, Schmeller Fr.
I, 738 — 740. Unter letzteren stehen venzlioh nahe: fantlicht ('Schm.
734) stutzermäßig und fänzig galant etc. vgl. Schm. 735, wo die Bei-
spiele gerade von besonders eleganter Kleidung, mit dem Nebensinn
des Übertriebenen, genommen sind; Schmid, Schwab. Wb. 1, 176
fänz machen prahlen. Wind machen; Höfer, Etym. Wb. I, 197 fanzen
kindisch thun, ebenso Schöpf, Tirol. Idiot. 119.
VIII, 657—672. Die Erklärung der Stelle gibt Roth von Schrecken-
stein, Die Ritterwürde und der Ritterstand S. 324 (nach Seemüllers
Ausgabe erschienen). Gold zu tragen ist ein Vorrecht der Ritter, den
ZUM SEIFRID HELBLING. 377
Knechten ist nur Silber erlaubt. Der Edelknecht von 30 Jahren sollte
aber Gold tragen, d. h. Ritter sein. Die in der Anmerkung zu V. 660
ausgesprochene Vermuthung trifft also nicht das Richtige. Auch ist
unter dem Goldschmuck nicht zunächst die Schwertfessel zu verstehen
(Anm. zu V. 667), sondern das hauptsächlichste Abzeichen des Ritter-
standes, die goldenen Sporen, dann der goldene Ring und die Spangen
am Gewände, vgl. den von Bartsch md. Gedichte herausgegebenen
Ritterspiegel, Einleitung S. XXVIII ff. und, unter andern Versen, be-
sonders V. 850, 1249 ff., 1583 f., 1660; den technischen Vorgang
zeigen 1695 — 96 Wo man vorgulte spangin macht, Daz golt man uf
daz silhir sied. Die Schmuckgegenstände sind also nicht aus reinem
Gold, sondern silbervergoldet. Die Beispiele dafür, daß Gold das
Abzeichen des Ritterstandes ist, sind häufig; außer den in der An-
merkung zu V. 667 citirten Versen Suchenwirts z. B. : L. L. S. II, 11,
V. 15—20 (vom Teichner) und III, 305 ff., Neidhart S. 231 und
Strauch, zum Marner IX, 19. 20; fürs XV. Jahrh. Krieg, deutsches
Bürgerthum im M. A. S. 581, V. 133; fürs XVI. Birlinger, Aus Schwaben
II, 457.
VIII, 1061 — 65. Das Gerücht, daß Hermann, Herzog von Öster-
reich und Steiermark und Markgraf von Baden eines unnatürlichen
Todes gestorben, hatte weitere Verbreitung, siehe Reusner opus geneal.
kath. (Francofurti MDXCH) fol. 513: obiit ... non absque suspicione
veneni. Gegen Reusner, offenbar gerade gegen die angeführten Worte,
polemisirt Sachs, Einleitung in die Geschichte der Marggravschaft
Baden I, 368: „Ja es haben einige Schriftsteller sich nicht gescheuet
zu melden, er sey eines gewaltsamen Todes durch beygebrachtes Gift,
gestorben." Zu V. 1064 vgl. Diemer, D. Gedichte Anm. zu V. 220,
2 — 3 (am Schluß): Da von noch niemant waiz Vber al der loelt chraiz,
Wa chuenig Etzel ye hin cham.
Vni, 1203 — 1229. Ich glaube nicht, daß diese ganze Partie als
Rede des Knechtes aufgefaßt werden darf. Der Herr schildert die
wichtigsten Ereignisse der letzten Jahrzehnte. Ausführlich verbreitet
er sich über König Rudolf. Da fällt ihm der Knecht in die Rede
V. 1204—1207. Aber der Herr fährt in der Erzählung von Rudolfs
Thaten ruhig fort und kommt auf die jüngste Vergangenheit zu spre-
chen mit V. 1221: nü ist der ander künic tot urnh disiu laut, daz ist
ein not, und ein werder herzog — hier hält der Herr plötzlich ein,
er scheut sich, über die unerquicklichen Zustände der Gegenwart
offen zu reden. Darauf der Knecht, dies merkend: lieber herr, so iuch
378 G. EHRISMANN, ZUM SEIFRID HELBLING.
hetrclg, so Idt diu maer an der stunt u. s. to. Ist dies richtig, so redet
der Knecht V. 1204—1207, der Herr 1208—1223, darauf wieder der
Knecht 1224 — 1229. In dieser Annahme bestärkt mich eine Änderung,
die mir im Texte nothwendig erscheint. Nämlich V. 1219 da sag dem
kiinic niemen van hat die Hs. mem^ und dieses ist diesmal in niene zu
bessern, nicht in niemen, wofür es allerdings sonst in der Hs. sehr oft
steht. Die Aufforderung an den Knecht, von diesen letzten Dingen dem
König nichts zu sagen, entspricht ganz der Situation ; der Herr heißt
ihn ja dem König diese ganze Geschichte vortragen.
IX, 59 und Anmerkung, lancleben ist, wie die Wörterbücher
zeigen, nicht so selten, vgl. auch v. Monsterberg-Münckenau, der
Infinitiv in den Epen Hartmanns von Aue S. 173. Abschreiber lassen
es für älteres lanclip eintreten, so Freidank 177, 5 die Hs. B, Renner
V. 23770 die Hss. I'^Bg. Umgekehrt setzen neuere Herausgeber lanc-
Up ein für lancleben, bezw. langez leben: Rech, arm. Heinrich 720,
Bartsch, Albr. v. Halberstadt XVI, 192.
X, 85: jube, domne, benedicere!
ist aus dem Brevier; die Vorschrift lautet: Si autem post Vesperas
immediate sequatur Completorium, dicto Fidelium animae . . . incipitur
Versus Jiä)e, domne, benedicere. Die Bedeutung dieser Worte erklärt
in mystischem Sinne Hugo v. St. Victor spec. eccl. HI, 342 (Migne);
ferner Honorius Aug. gerama animae Sp. 618 (Migne), im deutschen
Lucidarius (Karlsruher Hs. aus St. Georgen Cod. pap. Germ. LXX,
fol. 25'') Da, sprich der leser Jube dne bndice Damit betutt er Daß nie-
man predigen sol an vrlob. Dem Dichter konnten die Worte schon
aus dem kirchlichen Gebrauche bekannt sein , Einwirkung des deut-
schen Lucidarius braucht nicht angenommen zu werden.
VII, 12 mirabilis deus ist aus Psalm 67, 36. Vgl. übrigens Schröder,
Sanct Brandan S. 44.
VH, 290: wer mac der ander vient sm?
Hs. voe7it (nach S. LXXXVI). Die Vergleichung mit 270 ff. und 304 ff.,
wo immer zuerst der Fahnenträger genannt ist, macht wahrscheinlich,
daß vener statt vient zu lesen ist. Die Vorlage mochte vaenr gehabt
haben, woraus die Entstellung in voent leicht abzuleiten. V. 928 hat
die Hs. richtig venr.
VH, 537 : so füert die fünften schar bereit.
Man erwartet breit, denn dieses ist das gewöhnliche nur des Reimes
wegen gesetzte Epitheton zu schar, so V. 291, 462, 561, 574, 654,
824; schar bereit nur V. 348, aber hier als charakterisirender und
ED. DAMKÖHLER, ZU REINKE DE VOS. 379
wohl begründeter Ausdruck. Vgl. übrigens Kinzel , Anm. zu Lampr*
Alex. V. 3760.
VII, 273: nz Abrahames geren.
Hs. guetten. Es muß heißen: Abrahames garten. Darunter wird auch
sonst das Paradies verstanden, vgl. Mhd. Wb. I, 5, Gr. Myth.^, S. 1020,
1039, Nachtrag S. 371, HMS. III, 223" und nach einem andern Drucke
in etwas anderer Fassung bei Robertag, Narrenbuch 244, 2612.
PF OEZHEIM, 27. Mai 1888. G. EHEISMANN.
ZU REINKE DE VOS.
Bei den nachfolgenden Bemerkungen citire ich nach der Aus-
gabe von Prien.
214. ^Ja, sprak Isegrym, 'eyn gud morsel
Hebbe ik dy vorioaret, holt unde eth,
Begnage yd wol, yd is wol veth.
Schröder erklärt holt = hol ü, was unmöglich ist. Es ist entweder
= holt it oder wahrscheinlicher = holt von holden : halt (nimm) und iß.
808. He leep, dar he ivelke honre loyste;
Der nam he eyn unde leep ok seer
AI nedderioert by deme siduen reuer.
He dede syne 7naeltyd mijt deme sulften hoen
Unde ghynck vort, dar he des hadde to don,
Na deme reuer unde dranck ok tho.
Schröder erklärt dar he des hadde to don ""als er das Bedürfniß danach
fühlte'. Ich vermuthe, es soll heißen wo er es zu thun pflegte'. Die
Thiere des Waldes haben ihre bestimmten Stellen, wo sie zur Tränke
gehen.
1002. Spyse gheyt hir gantz rynge to.
togan wird von allen Herausgebern mit 'vorhanden sein, vorkommen,
sein' übersetzt, was den Sinn ja trifft, aber warum nicht wörtlicher
mit 'zugehen, gelangen'? =: "^hierher gelangt, kommt'. Vgl. Gerhard
von Minden 21, 32: se geit mit kraft mi jutto to.
2300. Wo luttyk wüste he, dat de deue
Em synen schat hadden ghenomen !
Ja, haddet em ok mögen vromen
Alle de werlt to den stunden,
He en haddes nicht eynen pennynck ghevunden.
380 ED, DAMKÖHLER
Hoffmann übersetzt: Ma, hätte es ihm auch eben jetzt die ganze
Welt, Alles verschaffen können.' Ebenso Lübben: 'hätte es (nämlich
das Geld) ihm auch jetzt die ganze Welt verschaffen können'. Ganz
ähnlich übersetzt Schröder, d. h. alle machen alle de werlt zum Objecte.
Einen bessern Sinn aber gibt es, meine ich, wenn man alle de loerlt
zum Subjecte macht. Der König ahnte nicht, daß die Diebe ihm
seinen Schatz genommen hatten; ja, hätte auch die ganze Welt es
ihm (wieder) verschaffen wollen, er hätte keinen Pfennig davon ge-
funden, nl. so sicher war der Schatz geborgen.
2326. Dar twalff hundert kempen hy namen
Van Isegryms magen al in stunden,
Litbben erklärt tioalf für eine holländische Form, und Walther scheint
ihm hierin beizupflichten, denn in seinem Aufsatze „Mundartliches im
Reinke Vos" im nd. Jahrbuch I, p. 92 — 101 hat er auf Seite 100,
wo die Formen mit ä statt mit e behandelt werden, tioalf nicht mit
aufgeführt. Beide irren jedoch, twalffe kommt mehrfach im Ilsenburger
Urkundenbuche vor. Ob diese Form auch heute in der Gegend von
Braunschweig, Wernigerode und Helmstedt üblich ist, kann ich freilich
nicht sagen, wohl aber sind andere mit a gebräuchlich, namentlich
fafteine, z. B. in Lochtum bei Vienenburg und in der Umgegend von
Oschersleben. Auch spägel = Spiegel, s. meine Schrift „Die pro-
nominalen Formen für „uns" und „unser" auf dem nd. Harze etc.",
p. 20. Weitere Formen habe ich im Correspondenzblatt f. nd. Sprachf.
X, p. 83 angeführt.
2978. He hyndert my nicht eynen kattensterd,
Den eyd mene ick, vorstaet my recht.
Ick hlyue hir, so gy hebten ghesecht.
Ick hehbe to Rome nicht vele vorloren.
Ja, hadde ick ock teyn eyde ghesworen,
Ik en kome ock nummer to Jherusalem.
So interpungiren Schröder und Prien. Lübben setzt hinter Vers 2980,
2981, 2982 jedesmal ein Komma. Richtiger hat schon Hoffmann inter-
pungirt, der hinter Vers 2980 und 2981 ein Komma, hinter 2982 ein
Semikolon setzt. Es ist offenbar zu verbinden: 'Ich bleibe hier und
hätte ich auch zehn Eide geschworen.' Hinter V. 2982 wird besser
ein Punkt gesetzt.
3822. Seet, neue, nu hehbe ick yw vortelt
AI wat ick toeet van myner myssedaet.
Id, is myslyck, wo yd my nu gaet
zu REINKE DE VOS. 331
To houe; wente nu hyn ick sunder vaer
Unde dar to van mynen sirnden klaer.
Daß ivente als Causalpartikel "^denn, weir hier keinen Sinn gibt, wird
von allen Herausgebern zugestanden, und daher haben auch Hoffmann
und Schröder Textesänderungen vorgenommen. Lübben möchte icente
als Adversativpartikel fassen, da eine Hinneigung des Wortes zu
dieser Bedeutung nicht ganz zu leugnen ist, und Prien setzt wente
= 'aber' im Glossar an. Wenn man jedoch icenie nicht adversativ
nehmen will, so läßt sich, da ein Mißverständniß der klaren Worte
im Reinaert:
misselic (ist) hoet mi vergaet
te hove; nochtan hen ic sonder vaer,
want ic hen nu der sonden ciaer.
seitens des Übersetzers nicht anzunehmen ist, vielleicht vermuthen,
daß der Übersetzer die Vorlage ein wenig ändernd schrieb : id is my
glyck, wo yd my nu gaet. Vgl. V. 1160: Id was em lyke vele , wat he
bedreff. Heute ist glik sm gleich, einerlei sein', sehr gewöhnlich^).
3937. Vele pi^elaten synt gud unde gherecht,
Noch hlyven se dammme nicht iimhesecht
Van der meenheyt in dessen daghen,
De nu dat quade erst können uthvragen
Unde se ok dar nicht hy vorgetten
Unde können eck dar meer tosetten.
In Vers 3940 nimmt Sprenger Germania XXXIII, p. 222 einen Fehler
der Überlieferung an; er will uthdragen statt uthvragen lesen, denn
„auch damals wird man sich wohl davor zu hüten gewußt haben,
das Böse durch Ausfragen aus sich herauslocken zw lassen". Es liegt
kein zwingender Grund vor, hier an ein Ausfragen der angeklagten
Personen selbst zu denken. Viele Prälaten sind gut und gerecht, des-
wegen bleiben sie aber noch nicht unangeklagt, unverleumdet von
dem gemeinen Haufen heutzutage. Warum denn nicht? Nicht die Prä-
laten sind schuld daran, sondern die menheit, deren Eigenthüralichkeit
es ist, daß sie „mm dat quade erst können utvragen^. Wenn wir uth-
dragen lesen, wie soll dann nu — erst übersetzt werden? jetzt — erst'?
'nie — erst*? Beides ist ohne Sinn. Außerdem ist das Ausschwatzen
nicht bloß der menheit eigen, sondern das ist ihr eigen, daß sie auf
guten Glauben , urtheilslos und mit einer gewissen Schadenfreude als
') Änm. Ist nicht einfach wente nu = bis jetzt? O. B.
382 'P^^- DAMKÖHLER
wahr hinnimmt, was sie über andere, selbst gute Leute hört, ohne nach
dem wahren Sachverhalte zu fragen, dat quade uthvragen heißt 'durch
Fragen, Nachforschen feststellen , ob das quade auch vorhanden oder
erlogen ist'. Vgl, V. 4838 de klenode uthvragen. nu erst = nie — erst,
dar — % = bei dem beseggen. uthvragen halte ich also für das Richtige.
4759. Baren unde wulue verderven de lant,
/Se achten weynich, wes huss dar hrant,
Mögen se syck hy den holen wermen.
Se loten syclc och nicht entfernten,
Mögen se men kr y gen vette kroppe;
Den armen laten se nauwe de doppe,
wan se en der eyger hehhen herouet.
Sprenger will a. a. O. p. 222 gegen alle Herausgeber die Bedeutung
von krop als ^^Kropf nicht gelten lassen, sondern es durch 'Kröppel,
Fettkroppel', in reichlichem Schmalze gebackene Pfannenkuchen tiber-
setzen. Formell läßt sich wenig dagegen einwenden. Wenn aber
Sprenger geltend macht, daß in übertragener Bedeutung sich nur:
einen guten krop drinken (mnd. Wb. Nachtr. p. 188) , aber nicht eten
finde, so ist dieser Grund hinfällig. Bekannt genug ist die Stelle aus
"Wolframs Parz. 132, 2: ein guoten kröpf er az. Sollte eine Wendung,
die sich im Mhd. findet, nicht auch im Mnd. möglich sein? Sie ist
sicher erst von Thieren auf Menschen übertragen. Von Gänsen, auch
von anderem Federvieh, ist „sek nen krop freien" heute am Harze
ganz gewöhnlich. Außerdem paßt in die allgemein gehaltene Schilde-
rung, wie Bären und Wölfe das Land verderben, nicht die Anführung
eines ganz speciellen Gebäckes, die einen seltsam komischen Ein-
druck hervorruft. Es kann meiner Ansicht nach nur heißen: Sie lassen
sich nichts zu Herzen gehen, wenn sie nur reichlich zu leben haben,
wenn sie sich nur en fet mül mäken können, wie man heute am
Harze sagt.
5072. Mannyghe vromde ystorye uppe stunt,
Under yslyker ystoryen de worde
Mit golde dorch, so syck dat behorde.
Sprengers Erklärung von dorch a. a. O. p. 223 ist offenbar richtig;
dorch findet sich auch heute noch gern nach den Präpositionen von,
under, oj/pe., meist von diesen getrennt, bisweilen damit verbunden.
So steht auch bei Jacobs, Urkundenbuch des Klosters Ilsenburg,
Nr. 367: vehr morgen then uppen Sarxtedeschen grauen uppedorp^ wo
dorch statt dorp zu lesen ist.
zu REINKE DE VOSS. 383
5524 ff. Abweichend von allen Herausgebern interpungire ich
folgendermaßen:
Id IS war, Rpynke, du hyst besechf,
Dattu weest van Lampen dode,
(Weilte ick vorloss Lampen node,
Vorwar ik hadde Lampen leff!)
Wo Bellyn dat myt eme dreff,
He brachte uns hir syn hovet.
Lk hedrouede my meer, wan yennich louet.
5714. Men se leep dar na so ghyrichlyk,
Up dat se dar draden mochte komen,
Do se de vyssche Jiorde nomen.
So enhelt nicht den ivech noch de loyse;
So interpungiren Lübben und Prien. Schröder setzt hinter V. 5716
ein Kolon, Hoffmann ein Komma. Ich würde hinter V. 5715 einen
Punkt, hinter V. 5716 ein Komma setzen.
6455. Ik beghere ok nergens vor yio to leyden.
Hoffmann las ju to beleden und übersetzte : *ich will euch für nichts
beleidigen, Leid zufügen, Lübben verwarf diese Erklärung, weil
leiden oder beleiden im Sinne von 'beleidigen' nicht nachweisbar ist.
Latendorfs Erklärung : 'ich begehre nirgends vor euch das Geleits-
recht auszuüben' hielt Lübben für möglich, aber nicht für wahr-
scheinlich, weil nirgends gesagt ist, daß der Wolf dieses Hoheits-
recht gehabt und der Fuchs dieses Recht gekränkt habe. Lübben
selbst nimmt leiden im Sinne von 'verleiten, verführen' und übersetzt:
'ich will euch aus keinem Grunde verleiten und verführen.* Schröder
übersetzt: 'ich begehre auch um keinen Preis {nergens vor) euch zn
verleiten', fügt aber hinzu, 'vielleicht wäre es noch eine Verbesserung,
zu lesen: ''nergens to ju verleiden, ich begehre auch zu nichts euch
zu verleiten. Das fehlende to bei legere vorleiden wäre unanstößig,
da dasselbe wenigstens bei einfachem gern (begehren) nicht selten
fehlt; vgl. Mhd. Wb. I, 533'''. Prien bespricht diese Stelle weiter nicht,
leiden übersetzt er mit 'verleiten'. Mich wundert es einigermaßen,
daß alle Herausgeber von dem ik begherde des Druckes abgewichen
sind und ik begere lesen. Das ist vielleicht ein Grund mit gewesen,
warum diese Stelle so schwer verständlich schien. Mir scheint sie
weniger schwierig. Reinke Vos bietet dem Wolfe als Sühne V. 6442
bis 6454: L alle seine Freunde, sein Weib und seine Kinder sollen
in Gegenwart des Königs ihn demüthig grüßen und bitten , er möge
384 MISCELLEN.
dem Reinke vergeben und ihn am Leben lassen. 2. Reinke will offen
bekennen, daß er Unwahres gesprochen nnd schändlich auf den Wolf
gelogen und ihn betrogen habe. 3. Reinke will auch einen Eid
schwören, daß er nichts Böses von dem Wolfe weiß. In V. 6455
bietet Reinke ein viertes als Sühne, das aber nicht in einem Wunsche,
dessen Erfüllung erst in der Zukunft liegt, bestehen kann, sondern,
wie das Präteritum 'ik begherde' richtig andeutet, sein früheres Ver-
halten gegen den Wolf betrifft. Daher ist es mir auch wahrscheinlich,
daß 'vor gar nicht mit '^nergens" zu verbinden ist, was an sich ja
möglich ist, sondern ^früher' bedeutet. Noch handelt es sich um die
Bedeutung von 'leiden . Aus dem mhd. leiden = betrüben (Mhd. Wb.
I, 983*) glaube ich an unserer Stelle doch ein 'leiden = betrüben,
Leid zufügen' folgern zu dürfen, da diese Bedeutung besser paßt als
Verleiten', wozu man noch eine nähere Bestimmung erwartet. Ich
übersetze also: 'auch wünschte (wollte) ich euch um keinen Preis
(nirgends früher) zu betrüben, Leid zuzufügen.' An dieses pater pec-
cavi schließt sich nun vortrefflich V. 6456 an:
Wat kan ik yw grotter soene hedenf
BLANKENBUKG a. H. ED. DAMKÖHLER.
Mittheilungen.
Der außei-ordentl. Professor Dr. Kögel in Leipzig ist an Stelle des
nach Gießen übersiedelnden Professors Behaghel nach Basel berufen worden.
Dr. Theodor Siebs hat sich an der Universität Breslau für ger-
manische Philologie habilitirt; ebenso Dr. W. Golther an der Universität
München.
Dr. F. Holthausen hat sich an der Universität Göttingen für eng-
lische Philologie habilitirt.
Berichtigung. In Heft 2, S. 256 fehlt die Angabe, daß die Mit-
theilung „Aus alten Handschriftenkatalogen" von K. Bartsch herrührt.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON
JOHANSDORF.
A. Person des Dichters (Name, Heimat, Stand, Wappen,
Leb en).
Der Name des in folgender Darstellung zu behandelnden Dichters
lautet Albrecht von Johannesdorf in der Weingartener, Albrecht von
Jansdorf in der Heidelberger, von Johansdorf in der Pariser, jetzt
Heidelberger Liederhandschrift (cf. MF. S. 269). Die Strophe Rein-
raars von Brennenberg in der Heidelberger Hs. 350 (Bl. 43') schreibt
ihn Johannisdorf, In Urkunden kommen außerdem noch die Formen:
Jahensdorf (f) z. B. Monumenta Boica 29, 2, 363, Jahinsdorf Mon. Boic
29, 2, 252 und Janestorf Mon. Boic. 4, 268 vor (cf. MF. S. 269).
Der Vorname schwankt zwischen Albertus und Adalbertus (so
in der letzten der angeführten Urkunden).
Nicht zu verwechseln sind mit dem Geschlechte unseres Dichters
die Herren von Jonstorff, welche bisweilen in derselben Urkunde
neben den Johansdorfern erscheinen (z. B. Hund, Metropolis Salis-
burgensis 2, 293, Ausg. von 1719).
Wo der Ort Johansdorf liegt, bez. gelegen hat, darüber scheint
eine Gewißheit nicht zu erlangen zu sein. Nur so viel steht fest, daß
derselbe nach Baiern, wahrscheinlich nach Niederbaiern gehört. Förste-
mann ') verlegt ihn in die Nähe von Wolfersdorf westlich von Mos-
burg; doch bezeichnet Freudensprung**) denselben von Förstemann
„auf einer alten Karte" als Jehensdorf gelesenen Namen als Jägers-
dorf (cf. Förstemann a. a. O.). Röhricht in seinem Kreuzfahrerkatalog
^Ztschr. f. d. Phil. VH, 155) folgt Förstemann.
In der Festschrift des Bischöflichen Klerikalseminars St. Stephan
zu Passau: Das historische Alter der Diöcese Passau in ihrem gegen-
wärtigen Umfange (1880) S. 25 wird der Weiler Jahrsdorf an der
Vils, Pfarrei Dornach, etwa 20 Km. südöstlich von Osterhofen, als
') Altdeutsches Namenbuch II, 931.
^) Die im I. Tom. der Meichelbeck'schen Historia Frisingensls aufgeführten,
im Königreiche Baiern gelegenen Örtlichkeiten. Freising 1856. S. 43.
QERMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 25
386 J- HORNOFF
Stammsitz der Edlen von Jalienstorf bezeichnet '). Nun gibt es aber
ein Geschlecht von Jarstorf. Im Urkundenbuch des Landes ob der
Enns S. 240 cod. trad. Kanshof. kommt als Zeuge ein Albo de Jars-
torff et filius eins Fridericus c. 1180 vor, S. 223 in demselben Tra-
ditionscodex als Zeuge ein Hartmannus de Jarrestorf c. 1140. Das
Wappen der Jarsdorfer '^) stimmt mit keinem der von den Jolians-
dorfern überlieferten Wappen überein (cf. unter Wappen S. 390), und
Seyler, der Bearbeiter des VI. Bandes von Siebmachers Wappenbuch
bemerkt ausdrücklich S. 149 unter Jagensdorf, daß die Jarsdorfer
ebenso wie die Jagensdorfer durchaus verschieden von den Johans-
dorfern, Jahensdorfern seien, so oft auch die Namen durcheinander
geworfen würden. Ortschaften mit dem heutigen Namen Jahrsdorf
kommen drei in Betracht: eines ist das in der angeführten Festschrift
genannte; ein anderes liegt in der Oberpfalz bei Hiipoltstein, ein
drittes in Österreich ob der Enns bei Braunau, also dicht an der
baierischen Grenze. Die Hei-ren von Jahrsdorf, denen das Wappen
in Siebmacher Bd. VI, T. 114 angehört, werden als ansässig bezeichnet
in der Herrschaft Hiipoltstein (ebenda S. 114). Als Güter derselben
werden außerdem Hausen, Amerfeld und Zell in der Herrschaft Heideck
(in derselben Gegend der Oberpfalz) aufgeführt. Daß das bei Hiipolt-
stein gelegene Jahrsdorf nach ihnen benannt ist und ihnen gehört
hat, ist demnach zweifellos. — Dagegen weisen die als Zeugen in
Ranshofener Urkunden auftretenden Albo und Fridericus de Jarstorff
und Hartmannus de Jarrestorf auf das in Osterreich etwa eine Meile
ostnordöstlich von ßanshofen gelegene Jahrsdorf hin. Das Geschlecht
der Jabrsdorfer muß also auch nach dem Süden des Herzogthums
Baiern verbreitet gewesen sein, und auch das in der Festschrift ge-
nannte Jahrsdorf an der Vils hat zweifellos diesem Geschlechte gehört^).
Danach muß die Ansicht, daß dieser Ort Stammsitz der Johansdorfer
gewesen sei, als beseitigt gelten.
Trotzdem werden auch sie aller Wahrscheinlichkeit nach in dem
südöstlichen Theile Baierns ihre Besitzungen gehabt haben. Darauf
*) cf. Keinz, Alte Passauer in der deutscheu Literaturgeschichte.
') Siebmachers großes und allgemeines Wappenbuch in Verbindung mit meh-
reren neu herausgegeben und mit historischen, genealogischen und heraldischen
Motiven begleitet von Dr. Otto Titan v. Hefner. VI. Bd. Abgestorbeuer Jjair. Adel,
bearbeitet von Seyler. Nürnberg 1884. Taf. 114.
^) Aber „Stammsitz" kann es auch von diesem Geschlechte nicht gewesen sein,
da die Jahrsdorfer nach Kneschke's Allgemeinem deutschen Adelslexikon Bd. IV
(Leipzig 1863) und nach Siebmacher (Ausgabe von l(JUö und 1667) ein fränkisches
Geschlecht waren.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 387
weisen, abgesehen von dem später zu besprechenden Umstände, daß die
Johansdorfer Passauer Ministerialen waren , noch deutlichere Spuren
hin. In den Mon. Boic. 29, 2, 219 findet sich folgende Traditions-
urkunde:
Haec exposuerunt (= haben ausgethan, zu Lehen gegeben,
bez. die von den Grundstücken zu erhebenden Einkünfte übertragen)
Uli de Janstorj}li iili, qui dicitur Steinpuhel. Da zv Zidellmb I lehn
soluit VI solidos et XXX caseos. Daz lehn hinterm hove dimidium
talentum et XV caseos. Zu der holten linden I Cui'ia dimidium talen-
tum et XXX caseos. Zv Golderpach 1 Curia et I lehn XII solidos
et LX caseos. In Pirchech I huba. Zv Immelholuesheim I huba, ubi
faber sedit. Jahrzahl fehlt.
Den hier verzeichneten Ortsnamen dürften folgende moderne,
in Nieder- und Oberbaiern liegende Ortschaften entsprechen:
Zidelhnb = Zitterhuh, Einöde in Oberbaiern, Landgericht Mühldorf.
Zu der hohen linden = Hohenlijiden , Pfarrdorf in Oberbaiern,
IV4 Meile nördlich von Ebersberg.
Golderpach = Gollerbach, zwei Ortschaften gleichen Namens in
Niederbaiern, eine im Landgerichtsbezirk Eggenfelden, die andere in
dem von Pfarrkirchen.
Pirchech. Orte mit dem Namen Birkach gibt es heutzutage eine
größere Anzahl, über ganz Baiern zerstreut, Birha mehrere in Nieder-
baiern: eine Einöde bei Gangkofen, Landgericht Eggenfelden, eine
andere Pircha ebenda, Landgericht Griesbach , Pirka, ein Weiler in
derselben Gegend. Man hat also hier die Wahl. Auf die Variante
Pirka für Birkach ist zwar von Rudolf (Ortslexikon S. 3408 unter
Pirka) hingewiesen, dieselbe aber am citirten Orte nicht nachgewiesen,
doch werden wir sie unbedenklich annehmen dürfen, da die bedeuten-
dere Abweichung Birken für Birkach und Pirken für Pirkach belegt ist
(Rudolf, Ortsl. S. 329 unter Birken und 3408 unter Pirkach).
Ein moderner Ort mit dem Namen Immelholuesheim kommt nicht
vor, aber ein Immeisheim, ein Weiler im Landgerichtsbezirk Pfarr-
kirchen, Pfarrei Trifteru, ein Immelsöd, Einöde ebenda.
Die vier genannten Städte Mühldorf, Eggenfelden, Pfarrkirchen,
Griesbach, in deren Umgebung die fraglichen Orte liegen, lassen sich
durch eine etwa neun deutsche Meilen lange Bogenlinie verbinden,
welche von Südwesten nach Nordosten gehend drei Meilen süd-
westlich von Passau endet. Am weitesten ab liegt Ebersberg, noch
bedeutend südwestlicher als Mühldorf.
25*
388 J- HORNOFF
Die in Betracht kommenden Orte fallen nun nicht alle in die
Grenzen der Diöcese Passau (der alten D.) hinein; nur Pircha (Pirka.
Birka), Immeisheim, Gollerbach; dagegen liegt Zitterhub in der Salz-
burger Diöcese, doch ziemlich nahe an derj Passauer Grenze, Hohen-
linden in der Freisinger Diöcese. Doch will dies auch wenig besagen,
da sich weltlicher Besitz und Diöcesanbezirk eines Bisthums nicht
decken. So gehört der ganze Umkreis von Osterhofen, obwohl in der
Passauer Diöcese gelegen, doch dem Bamberger Bisthum an. Und
außerdem brauchen die Johansdorfer die genannten Ortschaften ja
gar nicht von Passau zu Lehen getragen zu haben. Die Identität von
Golderpach mit Gollerbach bei Pfarrkirchen gewinnt dadurch in hohem
Grade an Wahrscheinlichkeit, daß auch andere Güter der Johans-
dorfer in der Nähe von Pfarrkirchen gelegen haben. Nach Mon. Boic.
V, 364 vertauschte der Canoniker Eberhardus de Jahenstorf seine
Güter in Padersberg bei St. Mariakirchen und sein stark vernach-
lässigtes Gut in Diepoldingen (Rudolf: Diepolting) bei Pfarrkirchen an
das Kloster Aldersbach gegen einige Güter in Kohlsdorf bei St. Maria-
kirchen und ein Gut in Grube bei Pfarrkirchen (cf. Festschrift S. 25).
Mariakirchen liegt 2^1^ Meilen nördlich von Pfarrkirchen.
Der Reichsministerial Heinrich von Johansdorf (Jahansdorf) ver-
zichtet auf eine schon früher dem Kloster Ranshofen geschenkte Hufe
zu Retenpach (Urk. ob der Euns I, 267) und auf zwei Güter in Per-
herbing (Urk. ob der Enns I, 251). Orte mit dem Namen Rettenbach
gibt es eine große Zahl in Ober- und auch in Niederbaiern (bei den
Städten Deggendorf, Grafenau, Kötzting, Passau, Vilsbiberg). Per-
herbing dürfte vielleicht das heutige Perbing in Niederbaiern, 2 Meilen
südöstlich von Landau, oder der bei Wegscheid gelegene Weiler, oder
auch Berbing 1^74 Meilen nordöstlich von Passau sein.
Sicherlich also ist das Geschlecht der Johansdorfer
im südöstlichen Baiern ansässig gewesen, und es ist nicht
unwahrscheinlich, daß die genannten modernen Ortschaften zu ihrem
Besitze gehört haben.
Stand. Nur in B wird Johansdorf als 'Her' bezeichnet. Die
Urkunden bestätigen, daß derselbe ritterlichen Standes war und zwar
Ministerial der Passauer Bischöfe Diepold (nach Ebeling ') 1172—1190),
Wolfker (1190-1204), Manegold (1206-1215), cf. Haupt MF. S. 269.
Es werden aber auch Johansdorfer als Ministerialen des Bamberger
Bisthums urkundlich erwähnt und gleichzeitig als Passauer Mini-
') Die (leuischen Bischöfe. Leipzig 1858. II. S. .362.
DEE MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 389
sterialen. In der von Haupt (a. a. O.) beigebrachten Urkunde des
Bischofs Hermann von Bamberg vom Jahre 1172 werden erwähnt:
Albertus et frater eius Eberhardus de Jahenstorff (Hund, Metrop. Sah
3, 9,: Mon. Boic. 12, 344). Nun aber bringen Mon. Boic, 4, 264 eine
von Diepold von Passau ausgestellte Urkunde, welche fälschlich auf
1155 datirt ist, mit den Zeugenunterschriften: Adalbertus et frater eius
Eberhardus de Janestorf. Diepold regierte 1172 — 1190; die Urkunde
könnte demnach sehr wohl in das Jahr 1172 fallen und die als Zeugen
auftretenden Personen dieselben sein wie in der Bamberger Urkunde
(der Herausgeber des Urkb. des Landes ob der Enns I, 591 datirt die-
selbe Urkunde auf 1190). Der hier bezeugte Albertus, bez. Adalbertus
wird ferner mit dem in einer Passauer Urkunde von 1185 an erster
Stelle genannten Albertus (datis testibus Alberto de Janestorf et filio
suo Adalberto Mon. Boic. 4, 268) identisch und demnach der Vater
unseres Dichters gewesen sein. Der an zweiter Stelle genannte ist
dann der Dichter (cf. Haupt a. a. O.) , und nichts hindert, auch die
1188 mit dem Namen Albertus de Jahenstorf unterzeichnete Urkunde
des Bischofs Otto von Bamberg (Metr. Sal. 3, 10) auf ihn zu beziehen.
Man hat also nicht nöthig, wie Wolfram') dies thut, sich für die
Bamberger oder Passauer Lehnsmannschaft zu entscheiden. Der
Dichter war eben Lehnsmann beider Bisthümer. Aus dem Umstände,
daß Johansdorf gelegentlich des sogenannten dritten Kreuzzuges sich
in der Gefolgschaft des Passauer Bischofs Diepold wahrscheinlich
nicht befindet, möchte ich durchaus nicht, wie Wolfram, schließen,
daß derselbe nicht Passauer, mithin Bamberger Ministerial war,
gerade darum nicht, weil der Bamberger Bischof an dem Zuge über-
haupt nicht theilnahm. Konnten denn nicht Krankheitsrücksichten
oder sonst dringliche Angelegenheiten den Dichter am augenblick-
lichen Aufbruch hindern und ihn veranlassen, seinem Passauer Lehns-
herrn mit einem Nachzuge zu folgen? Die Möglichkeit abei-, daß der
Dichter Bamberger und Passauer Ministerial zugleich war, ist schon
dadurch gegeben, daß das Bamberger Bisthum in der Passauer Diöcese
Ländereien besaß.
Neben den Bamberg-Passauer Ministerialen erscheint ein Johans-
dorf als Reichsministerial, welcher offenbar einen vornehmeren Zweig
desselben Geschlechtes repräsentirt. Urkb. ob der Enns I, 267. Cod.
trad. Ranshof. : Heinricus de Johannistorf ministerialis regni a. 1215,
derselbe ohne diese Bezeichnung S. 251 c. 1230, wo Jahansdorf
geschrieben steht.
») Kreuzpredigt und Kreuelied Ztschr. f. d. Alt. XXX, lU.
390 J- HORNOFP'
Das Wappen unseres Dichters, welches die Pariser Handschrift
gibt, ist von v. d. Hagen Minnesinger 4, 252 und Bildersaal S. 253
beschrieben, doch zeigt sich zwischen der einen und der anderen
Beschreibung ein Widerspruch. In MSH. heißt es: der Schild^ des
Minnesängers ist quer getheilt und hat oben in rothem Felde zwei
schwarze fünfblätterige Rosen mit weißem Mittellcreis und fünf weißen
Spitzen; unten von der Mitte wie Strahlen ausgehend drei abwechselnd
goldene und blaue Felder, Eben solche drei Rosen mit Stielen und
Blättern stehen auf dem geschlossenen Helme.
Im Bildersaal werden die Rosen als „silbern (jetzo schwartz)"
in silbernem Felde bezeichnet, die Felder der unteren Schildhälftc
als roth und blau.
In Wirklichkeit ist die obere Schildhälfte roth, die untere zerfällt
in silberne und blaue Felder. Die Blüthenblätter der Rosen sind
silbern, umrändert und netzförmig tiberzogen von weißen Linien (meist
vier zu vier Linien auf jedem ßlüthenblatt). Der Fruchtboden (ohne
Andeutung der Staubfäden und des Stempels) erscheint golden und
mit einem Kreise von weißer Farbe umgeben. Zwischen den Blüthen-
blättern ragen fünf grüne Kelchblätter hervor. Das bei der Malerei
verwandte Silber ist hier wie fast in allen Bildern der Handschrift
schwarz geworden^).
In der Weingarteuer Handschrift ist am Rande nur das Bild
des Helmes nachgetragen. Das Kleinod besteht ebenfalls aus drei
Rosen, deren mittelste dicht unter der Blume noch zwei Blättchen hat.
Dagegen fehlen die je zwei Blättchen am Fuße der beiden äußeren
Rosen, welche C hat. Die Rosen sind roth, P^ruchtböden, Stengel,
Blättchen gelb.
Grünenberg bringt auf Tafel CXXVIIl unter zehn Wappen auch
das von „Her Aulbrecht von Jansdorff" ^}. Über seine Quelle spricht
er sich folgendermaßen aus: „Item dis nachgende wappen hau Ich
funden In aim Buch, schacz Ich wol acc Jar alt". Stillfried ver-
muthet, daß es heißen soll: an C Jar (also c. 1383) und identificirt
die Person des Wappenträgers mit unserem Minnesänger. Der Schild
zeigt auf weißem Felde drei Rosen mit Stengeln und Stengelblättern
(die äußere drei, die mittlere zwei). Die Blumen sind roth, Blätter
') Ich verdanke die genaue Beschreibung der Wappeufarben der gütigen Mit-
Iheilung des Herrn Oberbibliothekar Professor Dr. Zaugemeister in Heidelberg.
') Des Konrad Grünenberg Ritters und Bürgers zu Konstanz Wappenbuch aus
dem Jahre 1483. In Farbendruck neu herausgegeben von Dr. R. Graf Stillfried-
Alcantara und Prof. A. M. Hildebrandt. 3 Bände. Frankfurt 1883.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 391
und Stengel grün, Fruehtböden weiß. Das Kleinod entspricht voll-
ständig der Schildfigur, nur daß die Fruchtböden gelb sind. Helm-
decke grün und weiß; die Helmzier würde also im Wesentlichen der
in B und C gezeichneten gleichen. Die Figur stimmt wenigstens im
Gegenstande mit C überein.
Ein vollständig anderes, sehr einfaches Wappen bringt Sieb-
macher in seinem Wappenbuche: der Schild hat auf weißem Felde
zwei rothe Balken. Das Helmkleinod besteht nach den Ausgaben von
1605 (S. 82) und 1667 (I, 82) in einem weißen Flug mit ebenfalls
zwei rothen Balken. In der neuesten Ausgabe (VI, 1, Taf. 44) ist
dasselbe nach dem Helmsiegel Alberts von Jahenstorf a. 1321 (vgl.
S. 45 des Textes ebenda) in einen Mannesrumpf, welcher die Hände
emporhält, umgeändert. Helmdecken sind roth und weiß.
Das Helmkleinod ist durch das Siegel sicher verbürgt. Für den
Schild fehlt offenbar eine ebenso sichere Quelle, doch grundlos wird
die abweichende Darstellung desselben auch nicht sein. Angenommen
nun, daß dieses letztere das wirkliche Wappen der Johansdorfer war,
so brauchen wir unserem Dichter dennoch das ihm in Grünenbergs
Wap])enbuche zugeschriebene mit den drei Rosen nicht zu entziehen.
Möglich ist doch, daß Johansdorf sein angestammtes Wappen geändert
habe. Solche Wappenänderungen kommen in älterer Zeit vor. Motivirt
erscheint dieselbe im Parzival (Ausgabe von Lachmann) I, 14, 12.
II, 10, 17, wo Gahmuret für das Stamm wappen des Hauses Anjou
(Panther) ein anderes Wappen (Anker) sich beilegt, so lange er nicht
regierender Fürst des Hauses ist. v. d. Hagen, der schon die Abwei-
chung bemerkt, sagt Bildersaal S. 254: ^aber bei den älteren edlen
Dichtern zeigt sich solche Abweichung öfter als bei späteren'. Nach
seiner Darstellung freilich scheint es, als ob das Wappen der Johans-
dorfer (nach Siebmacher) das eines noch in Baiern lebenden Ge-
schlechtes sei. MSH. S. 252: Es gibt ein baierisches Geschlecht dieses
Namens, dessen Wappen jedoch von dem in der Manesse'schen Hand-
schrift verschieden ist.' Ähnlich im Bildersaal S. 254. Aus Siebmacher
Band VI, welcher die Wappen der abgestorbenen Geschlechter bringt,
geht hervor, daß dasselbe nicht mehr existirt.
Von dem Leben unseres Dichters wissen wir nur sehr wenig.
Zu den von Haupt aufgeführten ui'kundlichen Belegen aus den Jahren
(circa) 1185, 1201, 1204, 1209 kann ich nur noch eine Urkunde Die-
polds (1172 — 1190), welche, ohne Jahreszahl, die Zeugenunterschrift:
Albertus de Jahinstorf enthält, hinzufügen (Mon. Boic. 29, 2, 252).
392 J- HORNOFF
Vom Jahre 1209 an verschwindet unser Albrecht in den Urkunden,
dagegen tritt seit 1212 ein Otto und seit 1220 ein Eberhardus de J.,
seit 1220 öfter beide in derselben Urkunde auf. Letzterer ist Passauer
Canoniker und bekannt durch das traurige Ende, welches er gelegent-
lich eines Streites des Bischofs Gebhard von Passau mit den Canoni-
kern im Jahre 1232 fand*). Entschieden nicht dieselbe Person mit dem
1172 (und 1190?) bezeugten, welcher der Oheim unseres Dichters
ist, könnte er, ebenso wie Otto, ein Bruder oder ein Sohn desselben
gewesen sein.
Aus Albrechts Liedern geht hervor, daß er an einem Kreuzzuge
theilgenommen oder wenigstens die Absicht gehabt habe, an einem
solchen theilzunehmen. Geschichtlich nachweisen läßt sich diese Theil-
nahme uicht. Nun hat aber Wolfram (a. a. 0. S. 111 f.) gezeigt,
daß die Lieder eine Reihe von Anklängen an die Bulle Gregors VIII.,
welche am 27. März 1188 zu Mainz zur Verlesung gelangte, ent-
halten, und daraus geschlossen, daß die betreffenden Lieder bald
nachher entstanden seien, Johansdorf also dem sogenannten dritten
Kreuzzuge beigewohnt habe. Aus Anspielungen in den Liedern auf
eine bevorstehende Meerfahrt schließt Wolfram weiter, daß unser
Dichter nicht unter dem Heere Friedrichs L, welches den Landweg
wählte, und dem auch der Passauer Bischof Diepold folgte, im Jahre
1189, sondern unter dem Leopolds von Osterreich, das im Sommer
1190 zur See nachzog, sich befunden habe. Ich kann diesen Ausfüh-
rungen nur beipflichten. Hiermit ist aber auch Alles erschöpft, was
sich tiber das Leben Johansdorfs ausfindig machen läßt.
B. Lieder.
I. Überlieferung. Die Lieder unseres Dichters sind in den
drei großen Liederhandschriften A, B, C tiberliefert:
in A 6 Strophen unter Johansdorf, 3 unter Niune (48 — 50), 4 unter
Gedrut (20—23);
in B 18 Strophen
und in C 39 unter dem Namen des Dichters, C wiederholt Str. 39
als erste Rubins von Rüdeger.
Nur in A finden sich 4 Strophen: A 3—6 = MF.^86, 25 bis
87,28;
nur in C 15 Strophen: C 21—35 = MF. 91, 22—35. 92, 7 bis
94, 14.
") Ebeling a. a. O. S. 363; genauer bei Huad, Metr. Sal. I, 209 f.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 393
BC gemeinsam sind 18 Str.: B 1—18. C 2— 19 = MF. 86, 1—24.
87, 29—88, 4. 88, 19-91, 21. 91, 36—92, 6;
AC gemeinsam 6 Str.: A3, C 1, letztere am Rande nach-
getragen := MF. 86, 25; A Niune 49, C 20 = MF. 88, 5; A Gedrut
20—23. C 36-39 = MF. 94, 15-95, 15;
ABC gemeinsam 4 Str.: A 1. 2, B 1. 3, C 2. 4 = MF. 86, 1.
17; A Niune 48. 50, B 4. 6, C 5. 7 = MF. 87, 29. 88, 19.
Bei näherer Betrachtung zeigen sicli fünf Gruppen der Über-
lieferung.
1. Gruppe, BC, deren Zusammenschluß sich aus der gleichen
Reihenfolge der Strophen und der gleichartigen Textüberlieferung A
gegenüber ergibt. I. B 1—3, C 2—4 =■ MF. 86, 1—86, 24. II. B 4,
C 5 = 87, 29. III, B 5, C 6 = 88, 33. IV. B 6, C 7 = 88, 19.
V. B 7. 8, C 8. 9 = 89, 9. 15. VI. B 9-11, C 10—12 = 89, 21 bis
00, 15. VII. B 12. 13, C 13. 14 = 90, 16. 24. VIII. B 14. 15, C 15.
16 = 90, 32. 91, 1. IX. B 16. 17, C 17. 18 = 91, 8. 15. X B 18, C 19
= 91, 36. — Zehn Lieder, (18 Strophen) von denen vier den Kreuz-
zug erwähnen und kurz als Kreuzlieder bezeichnet werden mögen im
Gegensatz zu denen, welche nur von Minne handeln, schlechthin Minne-
liedern. 91, 36 ist während der Abwesenheit des Dichters von der
Geliebten, schwerlich auf dem Kreuzzuge entstanden.
2. Gruppe, C. I. C 20 = MF. 88, 5. II. C 21. 22 = 91, 22. 29.
III. C 23 = 92, 7. IV. C 24-26 = 92, 14 -34. V. 27. 28 = 92, 35.
93, 5. VI. C 29—35 = 93, 12—94, 14. Sechs Minnelieder (16 Strophen).
— 92, 7 beziehe ich nicht auf den Kreuzzug. Die den Anfang der Gruppe
bildende Strophe C 20, welche in der Sammlung BC fehlt, aber in A
unter Niune der Str. 48 = B. 4, C 5 angeschlossen ist, kann allen-
falls wie Haupt annimmt, mit dieser ein Lied gebildet haben, nöthig
ist dies aber durchaus nicht.
3. Gruppe, AC. L A Gedrut 20, C 36 = MF. 94, 15. IL A Gedrut
21, C 37 = 94, 21. III. AGedrut 22. 23, C 38, C 39 («) [C Rubin
von Rüdeger l^^^] =: 94, 35. 95, 6. — Drei Kreuzlieder, (4 Strophen),
so nehme ich mit Burdach ^) im Gegensatz zu Haupt an, welcher die
4 Strophen zu einem Liede verbindet. C^^^ stammt aus einer anderen
Q.uelle als C^'\ A hat mit beiden Überlieferungen der Strophe Stellen
gemein.
') Burdach, Reinmar der Alte und Walther von der Vogelweide. Leipzig 1880.
S. 78.
394 J. HORNOFF
4. Gruppe, A^ I. A 1. 2 = MF. 86, 1. 17. II. A3 = 86, 25.
III. A 4—6 = 87,5—28. — Drei Lieder (6 Strophen), von denen
zwei Kreuzlieder (86, 25. 87, 25).
5. Gruppe, A2. A Niune 48. 49 = MF. 87, 29. 88, 5. IL ANiune
50 — MF. 88, 19. — Zwei, eventuell drei Kreuzlieder (cf. S. 393
(3 Strophen). Im Ganzen haben wir 42 Strophen, die sich zu 20,
resp. 21 Liedern, 11 Minneliedern und 9 bezw. 10 Kreuzliedern ordnen.
Von ihnen insgesamrat sind 7 resp. 9 einstrophig: 86, 25.
87, 29 (?). 88, 5 (•?).88, 19. 88, 33. 91, 36. 92, 7. 94, 15. 94, 25;
8 resp. 7 zweistrophig: 87, 29 (?). 89,9. 90, 16. 90,32. 91,8.
91, 22. 92,35. 94, 35;
4 dreistrophig: 86, 1. 87, 5. 89, 21. 92, 14;
1 siebenstrophig: 93, 12.
Was nun den Werth der einzelnen Handschriften anlangt, so
bietet A, wo es mit BC oder C zusammensteht, im Wesentlichen den
besseren Text, allerdings ist es lückenhaft: in dem dreistrophigen
Liede 86, 1 läßt es die mittlere Stroplie weg, in Str. 88, 5 (A Niune
49) läßt es 4 Verse fehlen.
In der dreifach überlieferten Strophe 95, 6 verdient AC^^^ vor
C(^) den Vorzug.
Das nur von A gebotene Lied 87, 5 ist lückenhaft und schlecht
überliefert, Vers 17 trümmerhaft, die Verse 18 und 19 fehlen ganz.
Eine gewisse Eigenthümlichkeit in BC besteht im Weglassen der
Negation en') 86, 6. 7, 87, 38. 88, 24. C allein in 86, 10. 16. 91, 4)
und im Beibehalten des zweisilbigen Auftakts (89, 10, 22. 36. 90, 8.
C allein in 87, 2. 88, 6. 92, 23. 26. 31. 36. 93, 3. 4).
Von der Lachmann -Haupt'schen Textrecension weiche ich in
folgenden Punkten ab :
Die 2. plur. ind. oder imp. praes. erscheint in MF. bald auf -t
bald auf -nt ausgehend: 88, 3 s'prechent (ABC), 88, 28 merkent (A),
94, 18 dienent (A, verdienent C); dagegen 89, 19 sprechet (BC), 89, 38
lät (BC), 94, 21 Itdet (A, lident C). — Das Lied 93, 12, in welchem
die Form auf -nt durchgeführt ist, lasse ich als unecht außer Be-
tracht'^). Der Dichter hat selbstverständlich nur eine Form gebraucht,
und man kann nicht einmal mit A Itdet (94, 21) und dann wieder mit
derselben Handschrift dienent (94, 18) schreiben. Da aber die Form
*) Eventuell ne, niht,
*) Bartsch, Deutsche Liederdichter, II. Ausg. 1879, XI, 16 tt'. setzt überall die
Form auf -t.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHA.NSDOKF. 395
auf -nt vorzugsweise alemannisch ist und demnach unserem Dichter
nicht zukommt, so schreibe ich überall die Form auf -t.
In gleicher Weise verhält es sich mit den Worten vröide (vröude),
ivan (man), c/m' (durch).
Mit dem Diphthong öi geschrieben findet sich das ei'stere Wort:
86, 3 (ABC); 87, 8 (A); 92, 30 (C); 93, 7 (C);
mit öu: 86, 15 (BC); 88, 17 (AC); 90, 23 (BC). 31 (BC) ; 91, 1
(BC); 92, 14 (C). 16 (C); 94, 20 (AC). .38 (AC); vrömo-en 91, 2 (BC).
Ich schreibe überall ön, außer in den von mir für uneclit ge-
haltenen Liedern 92, 14 flf. und 92, 35 ff., wo ich es dahingestellt sein
lasse ').
tvan findet sich zweimal: 88, 37 (BC) und 89, 20 (BC), man nur
einmal: 95, 8 (AC). Ich schreibe man^).
dttr findet sich öfter als durch, und zwar 87,23 (A). 33 (AC);
95, l (AC); 95, 15 (AC) ; 88, 2 (AC);
durch: 86, 25 {C gegen A), 89, 21 (BC).
Da dur vorzugsweise alemannisch ist^), so ziehe ich durch vor"*).
seihen, als in dem unechten Liede 93, 12 (v. 27) stehend, behalte
ich bei.
Den Vers 91, 5 bringe ich auf 6 Hebungen durch Synkope von e
in lachen und gendde. Ich sol ze mäze lachen unz ich ir genade erkenne.
Die Synkope in dem letzteren Worte findet sich bei Albrecht sonst
nur einmal 87, 12 gnedic (wo A die einzige Überlieferung bietet) und
zwar gegen den daktylischen Rhythmus, weshalb Lachmann-Haupt und
Bartsch gencudic schreiben, und gewiß mit Recht. Doch ist dies bei
dem geringen Material kein Beweis für das Unstatthafte der Syn-
kope an obiger Stelle. Dasselbe gilt für das einzig dastehende lachen.
In V. 90, 8 ich gedenke also vil manege (C mange) naht [BCJ be-
seitige ich den doppelten Auftakt durch Streichung der Vorsilbe ge
in gedenke. Haupt läßt also vil weg und tilgt damit den Auftakt
überhaupt, welcher nach der Mehrzahl der Fälle in den ersten Stollen-
vei'sen dieses Tones doch gefordert wird.
Für die Lachmanu-Haupt'sche Recension entscheide ich mich in
87, 5 ff. gegen Bartsch, welcher den daktylischen Rhythmus mög-
') Weiuliold, Alemannische Gramm. §. 69 a; Baier. Gramm. §. 98. .
^) Weinhold, Aleman. Gramm. §. 166''; ßaier. Gramm. §. 136. ^'^^
3) Weinhold, Aleman. Gramm. §. 236.
*) Vgl. zu allen drei Worten Pfeiffer, Germ. III, 504.
396 J- HORNOFF
liehst genau herzustellen sucht, dabei aber willkürlich verfährt'):
87, 6 ander{e)s. v. 8 (wand ich si hän zeiner vröude erhorn gegen die Wort-
stellung in A:) icand ich zeiner vröude si hän erkorn. v. 14 diu (vil)
guote. V. 15 (mir). 22 iemer (me). Dagegen 87, 14 ziehe ich die Conjectur
von Bartsch vor: daz kriuze do sprach diu guote e (MF. do) ich gie;
und 87, 27: daz meine ich, so die sele xoerden gevdge (MF. beseitigt so).
87,9 ändern Lachmann, Bartsch und Weißenfels 'erarn iren' in:
erarne ir^) , nur wünschen die beiden ersteren daktylische Lesung
und führen damit Hiatus ein, während Weißenfels trochäisch liest
und auch die sonst vorkommenden Hiatus mit Ausnahme eines Falles
zu beseitigen sucht ^), was ihm nicht gelingt, cf. unter Elision.
n. Echtheit. Zunächst werden die Strophen, welche entweder
nur in einer Handschrift oder bei mehrfacher Überlieferung in der
einen unter fremdem Namen auftreten, zu prüfen sein.
Unter Niune sind uns in A drei (87, 29- — 88, 34) , unter Gedrut
vier Strophen überliefert (94, 15 — 95, 15), von denen die letzte C
auch unter Rubin von Rudeger bringt. Da unter den beiden ersten
Namen die Lieder der verschiedensten Dichter gesammelt sind, so
werden wir nicht nöthig haben, die außerdem in BC, eventuell C,
Johansdorf zugesprochenen Lieder diesem zu entziehen, wenn sie
sonst ihrer Form und ihrem Inhalt nach den Stempel der Echtheit
an sich tragen. Und das ist allerdings der Fall, man müßte denn
94,25 wegen der hier auftretenden Personification (der Minne), welche
sonst nur in einem entschieden unechten Liede (92, 35) verwandt wird,
beanstanden. Daß die letzte Strophe noch unter Rubin von Rudeger
sich findet, will ebensowenig besagen, da anderseits die letzte der
vier unter diesem Namen in C überlieferten Strophen eine echte
Neithartstrophe ist (Neith. ed. Haupt 65, 37), cf. HMS. 4, 250. 254*).
Von den nur in einer Handschrift überlieferten Strophen ent-
sprechen die drei in A (87, 5. 13. 21) durchaus dem Charakter von
Johansdorfs Dichtung, lassen also keinen Zweifel, hingegen fordern
die von C allein gebotenen (91, 22—35. 92, 7 — 94, 14) größtentheils
ernste Bedenken heraus.
') Weißeufels, der daktylische Eliythmus bei den Miimesingern. Halle 1886.
S. 2 u. 34 flP.
') Und mit Recht; cf. Weinhold, Mittelhuchd. Gramm. ^ §. 481.
») a. a. O. S. 36.
*) Ev nhold Becker dagegen (der altheimische Minnesang. Halle 188?. S. 164)
hält 92, '>q is zum Schluß, also auch die unter Gedrun überlieferten .tjieder für
unecht.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 397
Obwohl die Form und Inhalt betreffenden Fragen erst weiter
unten ihre Lösung finden sollen , so sei doch für diese Lieder das
Ergebniß vorausgenommen. Bei der ferneren Untersuchung werden
die Citate aus den als unecht befundenen Liedern durch Sternchen
bezeichnet.
Am verdächtigsten erscheinen 92, 14 ff. 92, 35 ff. (Ton XI).
93, 12 ff. (Ton XII). Ton XI deckt sich mit dem von Carm. Bur.
102* und Reinm. 193, 22, nur daß nach Beckers Recension ') der
Letztere den fünften und siebenten Vers der Strophe trochäisch bildet,
dagegen Johansdorf und Carm. Bur. den fünften und sechsten. Für
Carm. Bur. trifft dies allerdings zu, bei Johansdorf aber stimmt die
Überlieferung damit nicht überein. Doch auch abgesehen davon würde
die Veränderung des Tones nur eine sehr geringe sein, und Becker
behauptet, daß auch eine auf diese Weise begrenzte Nachahmung
nur selten vorkomme, also nicht beliebt gewesen sei. Es ist nicht
anzunehmen, daß Johansdorf, der doch sonst ziemlich selbständig ist,
wenigstens nie sklavisch nachahmt, dies in dem einen Falle gethan
haben sollte. Viel eher dürfen wir das einem Vaganten zutrauen,
welchen Becker als Verfasser vermuthet (S. 219). Dafür spricht nicht
nur der fröhlich freche Ton, der fromme Leichtsinn, sondern auch
die gewandte Handhabung der poetischen Technik, das Hereinziehen
von Bildern aus der geistlichen Dichtung (93, 4) und vor Allem die
Strophe Carm. Bur. 102* selbst. Hinsichtlich der Häufung poetischer
Kunstmittel verweise ich auf die Responsion 92, 21 : 25. 22 : 24.
30 : 32, den parallelen Bau der Bedingungsperioden in 92, 28 ff., die
parallele Stellung der Nebensätze der zweiten Periode, zwischen die
der Nachsatz tritt, die doppelte Anwendung der Personification in
92, 35 ff., 93, 11. Auch der Umstand, scheint beachtenswerth, daß der
Dichter von 92, 14 ff. die Dame sofort direkt anredet, was Johans-
dorf nie thut, so sehr auch das Lied auf die Kenntnisnahme der
Dame berechnet sein möge, wie z. B. 91,8 ff., v. 16. Das eine Mal,
wo dies aber geschieht, wagt es der Dichter erst in der dritten Strophe
und motivirt es durch den fingirteu Dialog. 87, 21.
Was das in Frage kommende dritte Lied 93, 12 anlangt, so
finden wir gleich in der ersten Zeile den bei Johansdorf sonst nicht
belegten Ausdruck huote. küneginne kommt nur in dem unechten 92, 35
(v. 93, 1) vor als Bezeichnung der Sselde, wie hier der Geliebten.
Der sonst nicht gerade seltene siebenhebige Vers zeichnet sich hier
') a. a. O. S. 223.
398 J- HORNOFF
durch die streng beobaclitete (abwechselnd männliche und weibliche)
Cäsur nach der vierten Hebung aus. Eine genaue Respousion geht
durch die ganze Stroplienreihe, indem die beiden ersten Zeilen die
Rede des Ritters, die zwei folgenden die der Dame enthalten, die
beiden letzten Ritter und Dame wechseln lassen. Das Lied wäre auch
das einzige Denkmal bei Johansdorf für eine so lange ausgesponnene
Conversation , die sich zwar in den glättesten, höfischen Ausdrücken
bewegt, aber ohne tiefere Empfindung ist. Alle anderen Lieder endlich
übersteigen nie die Strophenzahl drei.
Zweifellos unecht erscheint auch das Lied 92, 7 , vorausgesetzt
dafs man es, wie Burdach'), erst auf der Kreuzfahrt entstanden sein
läßt; denn ein so elendes Machwerk, ein solches Zusammenstoppeln
von Minnephrasen dürfen wir Johansdorf in einer Zeit, wo sein dich-
terisches Können bereits vorgeschritten war^ nicht mehr zutrauen.
Schon die Strophenform, welche höchst unregelmäßig ist und nur
mühevoll die Dreitheilung erkennen läßt, würde auf eine frühe Ent-
stehungszeit hinweisen. Nun aber erst die Gedanken und der Gedanken-
ausdruck: 92, 9. Ich. engetorste ir nie gesingen disiu lief, tcmr si vil reine.
niet und alles loandels fri. Es ist, als ob sich der Dichter wegen seiner
Liebe entschuldigen wollte. Wie paßt nun dazu: si sol mir erhaben, daz
ich von ir tilgenden spreche'} Und auch der letzte Gedanke ist wenig-
stens schief ausgedrückt. Anstatt: Mich loundert^ ist si mir doch nUit
ein wenic hi, icaz si an mir reche, müßte es heißen: M. lo., bin ich ir
doch niht ein ivenic hi elc. = Mich wundert, was sie an mir zu strafen
hat, da ich ihr in Folge meiner Abwesenheit doch keine Gelegenheit
dazu gebe. Soll aber der erste Satz stehen bleiben, so muß der zweite
geändert werden, etwa: wie sie sich an mir reche = wie sehr sie mich
strafe. Abgesehen von dieser Ungeschicktheit des Ausdrucks ist es
kaum glaublich, daß Johansdorf zu einer Zeit, wo er schon ernste
Kämpfe mit der Geliebten bestanden (87, 29), auch harten Tadel gegen
sie nicht gescheut hatte (86, 9 ff.), endlich aber (nach 94, 35 ff. zu
schließen) zu einem innigen Verhältnisse mit ihr gelangt war, noch
in so höflich-kaltem Tone zu ihr gesprochen haben sollte (92, 11 si
sol mir erhüben, daz ich von ir tugenden spreche). Gehört das Lied
Johansdorf an, so fällt es in die früheste Periode seines Dichtens
und ist nicht auf dem Kreuzzuge, sondern gelegentlich einer anderen
Entfernung von der Geliebten außer Landes entstanden.
IIL Rhythmik und Metrik, Bei meiner Untersuchung habe
ich die Schrift von Richard M. Meyer, Grundlagen des mittelhocii-
') a. a. 0. S. 41.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 399
deutschen Stropbenbaues (Straßburg 1886) , die ein vollständig neues
System einführt, unberücksichtigt gelassen, da nach seinem eigenen
Ausspruche seine Aufstellungen noch der Discussion bedürfen.
Gottschau hat in einem Anhange zu seiner Abhandlung über
Heinrich von Morungeu (Beiträge VII, 408) die Perioden des Minne-
sangs vor Walther von der Vogelweide behandelt, worin er die älteren
j\linnesänger nach ihrer Technik zu drei Gruppen ordnet, deren mittlerer
Johansdorf zugewiesen wird.
Strophenbau. Die Lieder Johansdorfs vertheilen sich auf
13 Töne in der Weise, daß drei Töne einmal wiederholt sind (86, 1
in 86, 25 mit geringer Veränderung: Auftakt in den Versen des Ab-
gesangs; 91, 8 in 91, 22; *92, 14 in *92, 35), ein Ton doppelt (94, 15
in 94, 25 und 94, 35) und ein Ton doppelt, bez. dreifach wiederholt
ist (87, 29 in 88, 19 und 88, 33 bez. in 88, 5, wenn man diese Strophe
als selbständiges Lied auffaßt).
Innerhalb der einzelnen Strophenschemata werden wir zwischen
wenig- und reichgegliederten zu unterscheiden haben, zwischen solchen,
deren einzelne Theile organisch fest zusammengeschlossen sind, und
solchen, wo der Zusammenhang derselben nur ein loser ist oder ganz
aufhört, üb 92, 7 überhaupt gegliedert ist, erscheint zunächst zweifel-
haft; die Strophe soll besonders besprochen werden.
Zu den wenig gegliederten Strophen, bei denen die Verse alle
gleich jsind und die Gliederung nur durch den Reim bewirkt wird,
gehört die nach romanischem Muster gebildete 87, 5; ferner 91, 8, wo
der füufhebige Vers nur durch eine dreihebige Waise im Abgesange
unterbrochen wird. In 86, 1. 86, 25 und 90, 32 ') sind Auf- und Ab-
gesang bereits je durch eine besondere Versart bezeichnet. Die
übrigen Strophen zeigen eine reichere Gliederung.
Was nun den Zusammenhang zwischen Abgesang und Stollen
anlangt, so ist ein solcher nicht vorhanden
in 86, 1 und 86, -25: öa 5b | 4c - 4d 4c - 4d =
in 89, 9: 3a - 6b | 7 c 7 c, in 93, 12: 3a ^ 5b | 4c 7 c,
in 90, 32: 7a 7 b | 6c - 6x^j 3c -.
Genau wird der ganze Stollen nur im Abgesange von 92, 14
wiederholt. Als Zusatz tritt der erste Stollenvers an den Anfang des
Abgesangs:
4a 3b - I 4c 4c 3b - (1. Str.: 4a 3b - | 4a 4a 3b -).
') Hier weicht allerdings schon der letzte Vers des Abgesangs ab.
^) Der Stollen wird nur einfach bezeichnet, der Auftakt überhaupt nicht.
^j X = Waise.
400 -T- HORNOFF
Nur theilweise oder verändert findet sich der Stollen im Ab-
gesange von 87, 29 und 89, 21. Im Abgesange von 87, 29 fällt der
zweite Vers des Stollens (4a 3b 5a 3b) hinweg, der letzte erhält
klingenden Ausgang und zu Anfang und Ende des Abgesangs tritt ein
Zusatz, welcher keine Verwandtschaft mit Versen des Aufgesangs zeigt:
6e 4e 5f 3'g ^ 5g - 6f.
In 89, 21 wird der erste Vers der Stollen um eine Hebung ver-
mehrt und erscheint im Abgesange als Waise, der letzte erhält eben-
falls klingenden Ausgang; der mittlere Stollenvers wird als Zusatz
am Anfange des Abgesangs, mit verändertem Ausgange zweimal wieder-
holt: 4a 6b - 4c I 6d 6d 5x 6f - 4f -.
Der umgekehrte Stollen wird ohne Zusatz wiederholt in 91, 36,
verschieden vom Aufgesange außerdem durch den Inreim und durch
den umgekehrten Ausgang der Verse.
7a 5b ^ I 5d 7c -
= . . I (3c ^ 4-2d) (4d -f- 3c ^).
Nur der mittlere Vers der Stollen wird am Anfange des Ab-
gesangs wiederholt in 94, 15 :
3a 6b 4c I 6d — 5d 5e 7e.
In allen den bisher genannten Strophen ist der Theil des Ab-
gesangs, welcher den Stollen nachahmt, außer in 92, 14 nicht durch
die Reime mit diesem verbunden. Der Zusammenschluß zwischen
beiden Theilen erscheint im Ganzen ziemlich lose; vollständig erreicht
wird er allein in 92, 14.
Die Stollen selbst sind mit Ausnahme von 87, 29 und des noch
zu besprechenden 92, 7 einander gleich gebildet. In 87, 29 sind aber
die Reime verschieden: ab ab | cd cd|]; ganz ebenso Hartmann
209, 55.
Was den Umfang der Stollen anlangt, so ist die gewöhnliche
Zahl der Stollenverse zwei, nur zweimal finden sich drei Verse: 89, 21
und 94, 15'), einmal vier: 87, 29.
Das Verhältniß der Stollenverse zu denen des Abgesangs ist
meist: 2:2:3 (90, 32. 91, 8. 91, 22. 92, 14. 92, 35), 2:2:4 (86, 1.
86, 25. 87, 5. 90, 16) und 2 : 2 : 2 (89, 9. 91, 36. 93, 12); außerdem
kommt vor: 3:3:4 (94,15), 3:3:5 (89,21), 4:4:6 (87,29).
Schwierigkeit bereitet die Auffassung der Strophe 92, 7, deren
Schema nach der Versabtheilung in MF. folgendermaßen aussieht:
4a 3a 6a | 6b 7c - | 6b 3c -.
') Über das spärliche Vorkommen dreiversiger Stollen bei den älteren Minne-
sängern vgl. Lehfeld, Friedrich von Flausen Beitr. II, 37G.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 401
Wir erhalten somit eine unregelmäßige Dreitheilung, bei welcher die
sich annähernd entsprechenden Theile am Ende statt am Anfange
stehen; es würde demnach eine Vertauschung von Auf- und Abgesang
stattgefunden haben, die allerdings Schneider^) für möglich hält, wo-
gegen sich aber Meyer (a. a. O. S. 126) ernstlich erklärt. Ich schlage
eine andere Abtheilung vor, durch welche die Stollen ihre natürliche
Steile behalten. Auf- und Abgesang sind durch den Reim getrennt,
die Gruppirung der Stollen wird durch die Wiederholung des drei-
hebigen Verses gegeben:
4a 3a | 6a 3a||3b 7c - 6b 3c -.
Der Satz : wcer si vil reine niet \ und alles wandeis fri wird freilich
zerrissen und zwischen Auf- und Abgesang vertheilt; doch kommt
dieser Fall auch sonst vor, cf. Reinm. 190, 27. Auch die Thatsache,
daß beide Stollen gleiche Reime haben und in einzelnen Versen un-
gleich sind, ist anderweitig belegt. Beide Unregelmäßigkeiten weist
Veldecke 62, 11 auf: 3a2a|4a2a||,wo die Wiederkehr des zwei-
hebigen Verses die Gruppirung ermöglicht. Der Abgesang wiederholt
die drei Versgattungen des Aufgesangs in derselben Reihenfolge:
ij 3c 4c 2c. — Ungleiche Zahl der Hebungen in einem Stollen verse
hat Morungen 143, 22 (Tagelied): 4a3b|3a3b||.
Für den ersteren Fall, daß beide Stollen gleiche Reime haben,
vergleiche man noch Rugge 102, 27: 4a «-^ 4a ^ i 4a -- 4a ^ N 4a ^
3 b 7 b, wo allerdings in Folge des gleichen Baues der fünf ersten
Verse die Dreitheilung aufgehoben wird. Ich werde aber später zu
erweisen suchen, daß diese Strophenform auf ein dreigliedriges Schema
zurückgeht. Zum Beleg für den zweiten Fall, Ungleichheit der beiden
Stollen, können auch diejenigen Strophen herbeigezogen werden, in
denen der eine Stollen von dem anderen um einen ganzen Vers ver-
schieden ist, die Dreitheilung aber in Folge der Reime unverkennbar
bleibt. Der überschüssige Vers erscheint als Waise im zweiten Stollen,
entsprechend der Waise des Abgesangs, bei Hausen 42, 1 :
4a 4b I 4b 4x1 4a || 2a 4c 4x'' 4c,
als Reiravers zum ersten oder zweiten Stollen gehörig: Veld. 64, 10:
4a ^ 4b ■- |4b - i 4b^ 4a ^ || 4c 4c,
zum ersten Stollen gehörig 67, 25:
5a 5a 5a | 4b - 4b - || 4a 4b -,
wo auch noch die Zahl der Hebungen differirt.
') Dr. Johann In)manuel Schneider, Systematische und geschichtliche Dar-
stellung der deutschen Verskunst von ihrem Ursprünge bis auf die neuere Zeit.
Tübingen 1871, S. 31 u. 190.
GERMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 26
402 J- HORNOFF
Hebungenzahl und Reime sind ungleich, ohne doch eine gewisse
Entsprechung vermissen zu lassen, bei Reinmar 180,28*), nach der
Recension von Regel (Germ. XIX, 163 f., 168):
6a 5b - 6a I 6a 5b - 5b - ||5c 5c.
Noch unregelmäßiger ist das S<5hema nach der Recension von
Lachmann-Haupt: 6a 5b - 6a | 5a 5b - 5b - || 5c 5c.
Im Hinblick auf so viele Unregelmäßigkeiten anderer Strophen,
bei denen die Dreitheilung dennoch vorhanden ist, werden wir auch
unserer Strophe dieselbe nicht absprechen dürfen.
Auch für die übrigen Töne Johansdorfs sollen Analoga gesucht
werden. Denselben Strophenbau wie 87, 5:
4a - 4b I 4b 4a - 4b 4a -
haben Veld. 57, 10 und Hausen 53, 31, nur daß die Verse nicht
Daktylen sind und bei Letzterem auch der abwechselnd klingende
Ausgang mangelt. Vgl. auch Hausen 49, 37, Veld. 60, 29. Qö, 28. Mor.
140, 32. 133, 13. Der vierhebige daktylische Vers wird als strophen-
bildend verwendet von Hausen 53, 15; Fenis 80, 1. 25. 82, 26. 83, 11.
25. 36; Öutenburc 77, 36 ff.; Rugge 101, 15. 108, 22; Horheim 113, 1.
33. 114, 21. 115,3. 27; Steinach 118, 1; Hartm. 215, 14; nur theilweise
Hausen 43, 28; Mor. 129, 14. 135, 9. 141, 15. 37; bis auf einen Vers
die ganze Strophe einnehmend in 140, 32 und 133, 13.
Annähernd gleiche Reime wie 87, 5 hat auch Johansdorfs Lands-
mann Rute 116, l:a-b|ba-b(= Steinach 118, 19).
Jo,h. 86, 1 und 86, 25: 5a 5b | 4c - 4d 4c - 4d.
Die Reimstellung ist nicht selten anzutreffen: Rugge 103, 3;
Mor. 130, 31; Adelnburc 148, 1; Reinmar 151, 1.
Die Vertheilung von fünf- und viermal gehobenem
Vers auf die Stollen einerseits, der Abgesang andererseits
findet sich sonst nicht. In den Stollen durchgehend fünf hebige
Verse hat auch Reinm. 175, 1 und 190, 3; den viermal gehobenen Vers
durchgehend im Abgesang Eist 34, 19. 36, 5. 39, 30; Reinm. 191^34.
192, 2ö. 203, 24; Mor. 125, 19.
Joh. 91, 8: 5a 5b | 5c 3x 5c.
90, 32: 7a 7b | 6c - 6x 3c ^.
Die Reimstellung ab | cxc lindet sich ungemein häufig bei Reinm.
170, 1. 170, 36. 175, 1. 178, 1. 184, 31. 191, 34; 197, 15. 198, 28; auch
bei Mor. 140, 11. 142, 26. 144, 17; Eist 36, 34.
*) Nach Pauls Recension (Beiträge II, 544): öaöb^ 5a|5a5b^ 5b^||..
Weißenfels nimmt wieder Silbenzählung an (a. a. O. S. 5 — 13), was höchst unwahr-
scheinlich ist.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 403
Den Vers von fünf Hebungen durch die ganze Strophe gehend
haben Hausen 47, 9; Fenis 81, 30; Rute 116, 1 = Steinach 118, 19;
Reinm. 194, 18; Hartm. 205, 1; die Verbindung mit dem Verse von
drei Hebungen im Abgesange allein Mor. 131, 25:
5a - 5b 1 3c 5d - 2d - 5c.
Wechsel zwischen sieben, sechs- und dreihebigen, wenn auch in
anderer Folge als 90, 32 hat ebenfalls nur Mor. 134, 6:
6a 7b ( 7b 7a 3a 6b.
Job. 89, 9: 3a - 6b j 7c 7c.
*93, 12: 3a - 5b | 4c 7c.
Die Reimstellung ab | cc finden wir ausschließlich bei Reinraar:
168, 30. 169, 9. 171, 32. 177, 10. 182, 33. 185, 27. Meist erscheint bei
ihm ebenfalls der längere Vers an zweiter Stelle im Stollen und Ab-
gesang. Den umgekehrten Stollen von 89, 9 hat Mor. 138, 17: 6a ^
3b I , Reinm. 168, 30: 6a 3b ^\. Das ganze Strophenschema ist mit
geringer Veränderung gleich Mor. 143, 4: 4a 6b | 7b 7b.'
Ebenso ist das Schema von 93, 12 nur wenig modifizirt bei
Reinm. 171,32: 4a 5b 1 4c 7c. 182,34: 4a - 5b | 4c 7c; der Stollen
umgekehrt in 185, 27: 5a 4b j 4c 7c. Der Abgesang von 93, 12:
4c 7c findet sich auch Eist 40, 19; Reinm. 201, 33. Den Schluß der
Strophe resp. des Abgesangs bildet die Verbindung des vier- und
siebenhebigen Verses bei Rute 117, 1; Reinm. 195. 10. 197, 15; Hartm.
209, 5. Den umgekehrten Stollen von 89, 9 verbindet mit dem Ab-
gesange von 93, 12 Reinm. 168, 30:6a3b^|4c7c.
Job. 90, 16: 4a - 5b | 3c - 2c - 5d 5d.
Der vierversige Aufgesang mit abwechselnd vier- und fünfmal
gehobenem Verse kommt vor bei Eist 34, 19; Mor. 130, 31; Reinm.
155,27. 171,22. 172,23. 191,34. 192,25. 162,7: 4a5b|ccdxd.
Stollen umgekehrt 163, 23: 5a 4b | ccdxd. Auch die Ausgänge der
Stollenverse entsprechen genau denen von 90, 16 bei Mor. 125, 19:
4a - 5b, ebenso 147, 4; Reinm. 182, 34.
Die Reimordnung ab | ccdd ist vertreten bei Eist 39,30;
Hausen 52, 37; Rugge 101, 7; Horheim 115, 3; Mor. 138, 17; Reinm.
190, 3; Hartm. 212, 13. 215, 14.
Job. *92, 14: 4a 3b ^^ | 4c 4c 3b -,
aber in der ersten Str.: 4a3b^|4a4a3b--'.
Den Ton der übrigen Strophen hat Reinm. 193, 22, den der
ersten ganz annähernd Veld. 61, 18, nur der letzte Vers hat hier vier
Hebungen. Denselben Aufgesang hat Eist 36, 5. 39, 30; Veld. 60, 13;
26*
404 J- HORNOFF
61, 25; Hartm. 209, 5. Seinen ersten Stollen bildet das Morungensche
Tagelied (143, 22) ebenso.
Die Reime des Tones 92, 14, abgesehen von der ersten Strophe,
bietet Mor. 126,8, nach der Schematisirung von Gottsehau') ab |
(Inreim b) c c b.
Joh. 91,26: 7a 5b - 1 5d 7c - [= (3c - + 2d) (4d + 3c-)].
Der Stollen und die entsprechenden Verse des Abgesaugs finden
sich umgekehrt bei Mor. 132, 27: 5a 7b [ 7b 5a . . .,
fünf- und siebenhebiger Vers gebunden am Schluß des Abgesangs
bei Reinm. 190, 3. — Die Bindung der Reime c d d c als Endreime
findet sich ziemlich häufig, der erste und dritte als Inreim sonst nur
noch bei Reinm. 179, 8 ff."").
Joh. 89, 21: 4a 6b - 4c | 6d 6d 5x 6e - 4e -.
Der Vers von vier ist mit dem von sechs Hebungen sonst nur
im zweiversigen Stollen gebunden: 4a 6bj: Mor. 127,34; 129,5;
Reinm. 165,1. 166,16. 174,3. 194,34. 197,15; Hartm. 216,1;
6a 4b: Reinm. 173, 6. Diese Verbindung auch im Abgesange durch-
geführt Reinm. 156, 27: 4a6b|4c6c6d4e4e6d. — Nur im
Abgesange Mor. 140, 11: | 4c 4x 6c. 127, 1 | ... 6x 4d -.
Die Reimordnung a b c im dreiversigen Stollen ist durchaus die
gewöhnliche. Veld. 58, 11. 67, 33 und sonst. Die ReimorduuQg des Ab-
gesangs d d X e e ist sehr selten und kommt nur noch ein einziges
Mai bei Hartmann 214, 34 bei zweiversigen Stollen vor. Statt dessen
findet sich bei Reinmar mit kleiner Umstellung häutig die Form
ddexe 165, 1. 10. 166, 16 etc., auch ddeee 159,1, überall bei
zweiversigem Stollen.
Joh. 94, 15: 3a 6b 4c ( 6d 5d 5e 7e.
In anderer Ordnung wiederholen sich die Verse des Stollens bei
Mor. 130, 9: 4 a 3 b 6 c, bei Reinm. 186, 19: 6a 3b 4c-. Verbindung
von sechs- und dreimal gehobenem Verse im^ zweiversigen Stollen
Mor. 138,17; Reinm. 168,30. Zu dem Abgesange von 94,15 vgl.
Mor. 145, 1: | 6b 5a - öa - 6b.
Reinm. 189, 5: | . 6c 5d - 4x 7d -.
Über die Reimordnung d d e e ist schQn unter Joh. 90, 16 gehandelt.
Joh. 87, 29: 4a 3b 5a 3b | 4c 3d 5e 3d || 6e 4e bi 3g -
5g- 6f.
Jeder Stollen zerfällt dem Reime nach in zwei einander gleiche,
denen des anderen nur congruente Theile; ebenso Hartm. 2o9, 25:
') Beiträge VII, 366,
'} Bartsch Germ. III, 484.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 405
4a 2b 4a 2b | 4c 2d 4c 2d. Verschiedene Reime in den beiden
Stollen auch sonst, doch in anderer Anordnung cf. Fenis 84, 37;
Reinm. 199, 25; Steinach 119, 13. Derselbe hat vierversigen Stollen?
ebenso wie Fenis 83,25. 36; Rugge 102,1; Mor. 123,10; Reinm.
187, 31 ; Veld. 62, 25 (?). Die gewöhnliche Reimstellung im vierver-
sigen Stollen ist a b c d.
Die Versverbindung 4a 3b 5a 3b, doch auf beide Stollen ver-
theilt, hat Johansdorfs Landsmann Rute 117, 26. Sonst wechselt der
vier- mit dem drei- und fünfmal gehobenen Verse nur im dreiversigen
Stollen ab: Reinm. 160, 6. 167, 31.
Anordnung der Reime im Abgesang c c d e e d auch Mor. 127, 34;
Reinm. 151, 33. 156, 27, sonst nicht.
Überblicken wir noch einmal das Ganze, so sehen wir, wie trotz
der vielen verwandtschaftlichen Beziehungen hinsichtlich des Strophen-
baues, die Johansdorf mit den übrigen älteren Minnesängern ver-
binden, und wie sie sich nothwendiger Weise einstellen mußten, der-
selbe doch seine Selbständigkeit bewahrt.
Ganz allein bei ihm findet sich der vier- und fünfmal gehobene
jambisch-trochäische Vers auf Stollen einerseits, auf Abgesang anderer-
seits vertheilt.
Eigenthümlich ist ihm ferner die Versverbindung 4 a 6 b ^ 4 c
im Stollen (89, 21).
Gewisse Berührungen finden mit Hartmann, Reinmar, Morungen,
Rute und Fenis statt, die theils auf Zufall, theils auf freier Nach-
ahmung beruhen können. Aber nur in einem einzigen Falle und zwar
in den unechten Liedern 92, 14. 35 zeigt sich vollkommene Gleichheit
mit einem anderen Tone. — Die übrigen bedeutenden Berührungen
stelle ich hier kurz zusammen:
1. Job. 87, 29. Die Versverbindung 4a 3b 5a 3b bildet einen
Stollen, Rute 117, 26: 4a 3b | 5a 3b beide Stollen.
2. Job. 87, 5: 4a - 4b | 4b 4a - 4b 4a ^, Daktylen.
Fenis 83, 11: 4a - 4b | 4b 4a - 4b, Daktylen.
3. Joh. 89, 9: 3a - 6b | 7c 7c.
Mor. 143, 4: 4a 6b | 7b 7b.
4. Joh. 91,36: 7a 5b ^ | 5d 7c ^.
Mor. 132, 27: 5a 7b | 7b 5a . .
5. Joh. 94, 15 Aufgesang: 3a 6b 4c;
Mor. 130, 9 Aufg.: 4 a 3 b 6 c.
Reinm. 186, 19 Aufges. : 6a 3b 4c.
6. Joh. 94, 15 Abges.: 6d 5d 5e 7e.
Mor. 145, 1 Abges.: 6b 5a- 5a- 6b.
406 J- HORNOFF
7. Der fünfhebige Vers bildet die Strophe mit einmaliger Untei*-
brechung durch den dreihebigen Vers. Joh. 91, 8: 5a 5b | 5c 3x 5c.
Mor. 131, 25: 5a - 5b | 3c 5d '-" 5d - 5c.
8. Wechsel von sieben-, sechs- und dreihebigem Verse bei Joh.
90,32: 7a 7b i 6c - 6x 3c - und Mor. 134, 6: 6a 7b ] 7b 7a 3a 6b.
9. Geradezu auffallend ist, daß die allereinfachste Reimbindung
ab I cc Johansdorf nur mit Reinmar, die folgende: ab j cxc nur mit
Reinmar und Morungen (einmal auch Eist 36, 34) , die Reimbindung
d d X e e im Abgesang nur einmal mit Hartmann (214, 34) gemein hat.
Man muß annehmen, daß diese Verbindungen gerade wegen ihrer
Einfachheit nicht beliebt gewesen sind, die genannten Dichter aber
sich nicht daran gekehrt haben. Auch die Reimordnung im Abgesang:
ccdeed haben außer Johansdorf (87,29) nur Morungen (127,34)
und Reinmar (151, 33 und 156, 27). — Weniger nimmt es wunder,
wenn bei dem seltenen Vorkommen des vierversigen Stollens Joh. (87, 29)
nur mit Hartmann (209, 25) in der Reimstellung abab | cdcd zu-
sammentrifft.
Die Strophenform des unechten Liedes *93, 12: 3a- 5b | 4c 7c
hat mehrere Seitenstücke bei Reinmar, 171, 32: 4a 5b | 4c 7c.
182, 34: 4a 5b ] 4c 7c. 185, 27: 5a 4b | 4c 7c. Das Lied gehört
aller Wahrscheinlichkeit nach in die Reinmarsche Schule.
Zu *92, 14: 4a 3b'-' I 4| 4f 3b - ist außer Reinm. 193,22 noch
Veld. 61, 18: 4a 3b - | 4a 4a 4b - zu stellen.
Unter den Berührungen der echten Lieder mit fremden verdient
diejenige von Joh. 89, 9 mit Mor. 143, 4 die meiste Beachtung.
Nach der größeren oder geringeren Kunst des Aufbaues nun
könnte man die Töne Johansdorfs etwa folgendermaßen gruppiren:
I. Gruppe: Zweiversiger Stollen, a) Eine Versart beherrscht die
ganze Strophe. 87, 5: 4a - 4b | 4b 4a -^ 4b 4a -. Im Abgesang
tritt eine ungleich gebaute Waise hinzu. 91, 8:5a5b|5c3x5c.
h) je eine Vei'sart beherrscht den Auf- und den Abgesang.
86, 1. 86, 25: 5a 5b | 4c - 4d 4c - 4d; ein ungleich gebauter Vers
im Abgesang: 90, 32: 7a 7b | 6c - 6x 3c -.
IL Gruppe: Zweiversiger Stollen. Verschiedene Versarten ge-
mischt. 89, 9: 3a - 6b | 7c 7c. *93, 12: 3a - 5b | 4c 7c. *92, 14:
4a 3b - ! 4| 4^ 3b-. 90, 16: 4a - 5b | 3c - 2c - 5d 5d. 91, 36:
7a 5b - I 5d (mit Inreim) 7c - (mit Inreim).
III. Gruppe: Mehrversiger Stollen. Verschiedene Versarten ge-
mischt. 89, 21: 4a 6b - 4c | 6d 6d 5x 6e - 4e -.
94, 15: 3a 6b 4c | 6d 5d 5e 7e.
87, 29: 4a 3b 5a 3b \ 4c 3d 5c 3d || 6e 4e 5f 3g - 5g - 6f,
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 407
Gehen wir nun zu der Besprechung der einzelnen Versarten über.
Vers von zwei Hebungen
findet sich nur einmal als zweiter Vers des Abgesangs, jambisch
mit klingendem Ausgange, gebunden mit dem dreihebig-trochäischen
in 90, 16.
Vers von drei Hebungen:
a) stumpf: in den Stollen als erster Vers 94, 15, trochäisch,
abwechselnd mit dem jambisch-stumpfen Verse von sechs und vier
Hebungen; als zweiter und vierter Vers 87, 29, jambisch mit Aus-
nahme von 87, 30 und 88, 20, abwechselnd mit dem jambisch-trochäi-
schen Verse von vier und fünf Hebungen mit stumpfem Ausgange";
als zweiter Vers in 92, 7, jambisch, im ersten Stollen mit dem vier-
hebig-jambischen , im zweiten Stollen mit dem sechshebig-jambischen
Verse gebunden.
Im Abgesange steht der dreimal gehobene Vers als erster 92, 7i
jambisch, durch tiberschlagenden Reim mit dem sechshebig-jambischen
verkettet; als zweiter Vers in 91,8, Waise, jambisch, ausgenommen 91,27;
h) klingend: in den Stollen als erster Vers 89,9, trochäisch,
ausgenommen v. 89, 11, abwechselnd mit dem trochäischen, eventuell
jambischen (89, 10) Verse von sechs Hebungen mit stumpfem Aus-
gange; als erster Vers auch in *93, 12, trochäisch, ausgenommen 93, 12,
abwechselnd mit dem trochäisch-stumpfen von fünf Hebungen; als
zweiter Vers in 92, 14, jambisch, abwechselnd mit dem jambisch-
stumpfen Verse von vier Hebungen;
im Abgesange als erster Vers 90, 16 trochäisch; als dritter
Vers in 90, 32, trochäisch, gebunden mit dem Verse von sechs Hebungen,
getrennt durch die sechshebige Waise; an dritter Stelle ebenfalls in
92,14, jambisch, gebunden mit dem gleichgebauten Stollenverse; als
vierter Vers in 87, 29, trochäisch, ausgenommen 89, 6, gebunden
mit dem fünfhebig-jambischen, eventuell trochäischen (88, 17) Verse;
an gleicher Stelle in 92, 7, trochäisch, durch überschlagenden Reim
mit dem siebenhebig-trochäischen gebunden.
Vers von vier Hebungen:
daktylisch^): in 87, 5 durchgehend, abwechselnd klingend (der
erste, dritte, sechste und achte Vers der Str.) und stumpf (zweiter,
') Weißenfels sucht nachzuweisen, daß Johansdorf das Princip der Silbenzählung, ,
angewendet habe. Bei dem geringen Material aber und der lückenhaften und un-
sicheren Überlieferung des einzigen, in Betracht kommenden Liedes scheint mir bei
diesem Dichter eine sichere Entscheidung, ob Silbenzählung oder ob Daktylen, nicht '
zu gewinnen zu sein. Ich fasse die Verse als Daktylen auf.
408 J. HORNOFF
vierter, fünfter und siebenter Vers). Auftakt steht ganz unregelmäßig.
Weißenfels hat-nachzuweisen gesucht (a. a. O. S. 34 ff.), daß in diesem
Liede die romanische Silbenzählung angewandt sei.
Der jambisch-trochäische Vers steht:
a) stumpf: in den Stollen als erster Vers 87, 29, jambisch,
ausgenommen 88, 37, durch überschlagenden Reim mit dem fünfhebig-
jambischen, eventuell trochäischen (87, 31. 88, 11) gebunden; als erster
Vers auch 92, 14, jambisch, abwechselnd mit dem jambisch-klingen-
den Verse von drei Hebungen; an dritter Stelle 94, 15, jambisch, ab-
wechselnd mit dem jambisch-stumpfen Verse von sechs und dem tro-
chäisch-stumpfen von drei Hebungen ; als erster und dritter Vers in
89,21, jambisch, mit Ausnahme von 89, 23. 35. 90, 10, den jambisch-
klingenden Vers von sechs Hebungen umgebend; nur im ersten Stollen
von 92, 7 an erster Stelle, jambisch, gebunden mit dem dreihebig-
und sechshebig-jambischen;
im Ab ge sänge von 86, 1 und 86, 25 an zweiter und vierter
Stelle, wechselnd 'mit dem vierhebig-klingenden an erster und dritter
Stelle, in 86, 1 trochäisch, in 86, 25 jambisch; als erster Vers in 93, 12,
trochäisch, abgesehen von 94, 13, gebunden mit dem siebenhebig-
trochäischen ; als zweiter Vers in 87, 29, jambisch, gebunden mit dem
sechshebig-jambischen, eventuell trochäischen (88, 13. 89, 3) Verse;
als erster und zweiter Vers in 92, 14, mit einander gebunden, jam-
bisch, ausgenommen 92, 18. 19. 92, 33. 93, 2.
b) klingend: als erster Stollen vers in 90, 16, jambisch in der
ersten, trochäisch in der zweiten Strophe, abwechselnd mit dem tro-
chäisch-stumpfen Verse von fünf Hebungen;
im Abgesange als erster und dritter Vers in 86, 1. 86, 25, mit
dem vierhebig-stumpfen wechselnd, in dem ersten Liede trochäisch,
im zweiten jambisch; als fünfter (letzter) Vers des Abgesangs 89,21,
jambisch, gebunden mit dem sechshebig-jambischen.
Vers von fünf Hebungen:
a) stumpf: In den Stollen von 86, 1 und 86, 25 durchgehend,
jambisch; ebenso 91, 8, trochäisch, mit Ausnahme von 91, 11. 18;
als zweiter Vers 90,16, trochäisch, mit dem jambisch- trochäischen
Verse von vier Hebungen und mit klingendem Ausgange wechselnd;
ebenso 93, 12, trochäisch, mit Ausnahme von 93, 21, mit dem (jambisch-)
trochäischen von drei Hebungen und mit klingendem Ausgange wech-
selnd; als dritter Vers 87, 29, jambisch, ausgenommen 87, 31 und 88, 11,
durch überschlagenden Reim mit dem (jambisch-) trochäischen Verse
von vier Hebungen gebunden ;
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 409
im Abgesange an erster Stelle 91, 36, trochäisch, mit dem
trochäisch-klingenden Verse von sieben Hebungen durch Inreim gebun-
den; an erster und dritter Stelle 91, 8, trochäisch, abgesehen von
91, 21, mit einander gebunden, getrennt durch die dreihebige Waise;
an zweiter und dritter Stelle 94, 15, in ersterem Falle trochäisch
und gebunden mit dem trochäischen Verse von sechs Hebungen, im
zweiten Falle jambisch, ausgenommen 95, 14, und gebunden mit dem
siebenhebig-jambischen Verse; an dritter Stelle 87, 29, jambisch, durch
umschließenden Reim mit dem sechshebig-jambischen Verse gebunden');
an dritter Stelle 89, 21 als Waise, trochäisch, dagegen 90, 2 jambisch;
an dritter und vierter Stelle 90, 16, trochäisch, ausgenommen viel-
leicht 90, 22 (wenn man so ist nicht mit Synaloephe liest), beide Verse
mit einander gebunden.
b) klingend: als zweiter Stollenvers 91, 36, im ersten Stolleu
trochäisch, im zweiten jambisch, abwechselnd mit dem trochäisch-
stumpfen Verse von sieben Hebungen;
als fünfter Vers des Abgesangs 87,29, jambisch, mit Aus-
nahme von 88, 17, gebunden mit dem dreihebig-trochäischen, eventuell
jambischen (89, 6) Verse;
Vers von sechs Hebungen:
a) stumpf: in den Stollen als zweiter Vers 89,9, trochäisch,
nur 89, 10 jambisch, abwechselnd mit dem trochäisch- resp. jambisch-
klingenden Verse von drei Hebungen, an gleicher Stelle in 94, 15,
jambisch, zwischen dem trochäisch-stumpfen von drei und dem jam-
bisch-klingenden von sechs Hebungen; als erster Vers des zweiten
Stollen von 92, 7, jambisch, gebunden mit dem drei- und vierhebig-
jambischen Verse;
imAbgesang von 87, 29 als erster Vers, jambi-sch (87, 37. 88, 27)
und trochäisch (88, 13. 89, 3), gebunden mit dem vierhebig-jambischen;
in demselben Liede als sechster Vers den Abgesang beendigend, jam-
bisch und durch umschließenden Reim mit dem fünfhebig-jambischen,
eventuell trochäischen (? 89, 5) gebunden ; als erster Vers noch in
94, 15, trochäisch, gebunden mit dem fünfhebig-trochäischen ; als erster
und zweiter Vers in 89, 21, jambisch (dagegen 90, 12 trochäisch), mit
einander gebunden; als zweiter Vers in 90,32, trochäisch, Waise;
als dritter Vers in 92, 7, jambisch, durch überschlagenden Reim mit
dem dreihebig-jambischen gebunden.
') In V. 89, 5 fehlt entweder eine Hebung (es sind statt fünf Hebungen nur
vier) oder man muß „die" als taktfüllend betrachten und den Vers trochäisch lesen.
410 J- HORNOFF
b) klingend: als zweiter Vers der Stollen in 89, 21, jambisch,
umgeben von dem trochäisch-jarabischen Verse von vier Hebungen
mit stumpfem Ausgang;
im Abgesange desselben Tones als vierter Vers, jambisch, ge-
bunden mit dem jambisch- vierhebigen; als erster Vers in 90, 32, tro-
chäisch (90,36) und jambisch (91,5), gebunden mit dem dreihebig-
trochäischen, durch die sechshebige Waise getrennt,
Vers von sieben Hebungen:
a) stumpf: durch den ganzen Auf ge sang von 90, 32, im ersten
Stollen trochäisch, im zweiten jambisch; als erster Vers der Stollen in
91, 36, trochäisch, abwechselnd mit dem jambisch-trochäischen Verse
von fünf Hebungen mit klingendem Ausgange;
den zweiversigen Abgesang bildend in 89, 9, trochäisch, mit
einander gebunden; als zweiter Vers des Abgesangs in 93, 12, tro-
chäisch, gebunden mit dem (jambisch-) trochäischen Verse von vier
Hebungen; an vierter Stelle in 94, 15, jambisch, gebunden mit dem
fünfhebig-jambischen, eventuell trochäischen (95, 14) Verse.
b) klingend: als zweiter Vers im Abgesang von 91, 36, tro-
chäisch, durch den Inreim des vorhergehenden fünfhebigen, trochäisch-
stumpfen Verses gebunden; an zweiter Stelle des Abgesanges auch in
92, 7, trochäisch, durch überschlagenden Reim mit dem dreihebig-
trochäischen gebunden.
Den breitesten Raum nimmt der fünfmal gehobene Vers mit
stumpfem Ausgange ein (klingend nur im Aufgesange von 91, 36
und im vorletzten Verse des Abgesangs von 87, 29). Es folgt der Vers
von vier Hebungen', überwiegend stumpf, der von drei, gleich-
mäßig stumpf und klingend, schließlich der sechs- und siebenmal
gehobene, welche beide den stumpfen Ausgang bevorzugen. — Die
Waise hat drei, fünf, sechs Hebungen und ist immer stumpf.
Johansdorf bindet oft lange mit kurzen Versen oder läßt sie mit-
einander abwechseln. Der Vers von drei Hebungen tritt neben den
sechsmal gehobenen 94, 15 f. und entsprechend in den übrigen Strophen,
89, 9 f. 90, 36 ff. 92, 9 f. 12 f., neben den siebenmal gehobenen Vers
92, 10 f. — Der Vers von vier ist mit dem von sieben Hebungen
gebunden *93, 16 f.
Nicht immer stellt der Dichter die kürzeren Verse in die Stollen,
die längeren in den Abgesang, um so einen breiteren Abschluß zu
gewinnen. Im Gegentheil wird 90, 32 der Aufgesang von siebenmal
gehobenen Versen gebildet, der Abgesang läßt auf zwei Verse von
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 4U
sechs einen von drei Hebungen folgen. — Auch wenn man den Ab-
gesang für sich betrachtet, bilden nicht immer die längeren Verse den
Beschluß. So 89, 21: 6d 6d 5x 6e ^ 4e ^. 92,7: 3b 7c ^ 6b 3c ^.
Auftakt. Unbedenklich dürfen wir einsilbigen überall an-
nehmen, da diejenigen Stellen, wo zweisilbiger erscheint, leicht geändert
werden können, durch einfache Synkope von u: Jer{u)salem 89, 22;
durch Synkope von e mit Auflösung des vorhergehenden Consonanten :
gegen in gein *92, 23. 36; durch Synaloephe: daz ist in deist 89, 19,
siist \n sist *93, 4; durch Apokope: swenne *92, 31; durch Inclination
mit verbundener Apokope: sone *92, 26. 93, 3, mit verbundener Syn-
kope: ichn 87, 38, dem 88, 24, desn 88, 6, ezyi 89, 36; durch Kürzung
des Stammvocals in memer 88, 13: Ine erivache nimer ezn si mm
erste segen\ durch Beseitigung der Vorsilbe ge- 90, 8: ich {ge)denke
also vil manege naht.
Was die Anwendung des Auftakts anlangt, so ist Johansdorf
sehr frei verfahren. Geregelt ist sein Vorkommen nur in Ton I (86, 1),
wo er durch den ganzen Aufgesang angewandt ist, einmal auch im
Abgesang (86, 15); ferner in Ton XIII (94, 15), wo ihn die zweiten
und dritten Stollenverse und der dritte und vierte des Abgesangs
haben, mit der einzigen Ausnahme von 95, 14. Die Modification des
I.Tones (86,25) zeigt nur jambisch gebildete Verse, trochäisch durch-
geführt ist Ton *XI (93, 12), mit Ausnahme von *93, 12. 21. *94, 13.
Alle drei Fälle lassen sich leicht beseitigen, wenn man mit Bartsch
in dem zweiten und dritten Verse die kürzere Form für die 2. pers.
plur. wählt: *93, 21 ir mugt iuiver klage wol läzen sin, *94, 13 ivie
meint ir daz fromme gHot, im ersten Verse (*93, 12), wenn man si
streicht und damit den Parallelismus aufgibt: ich vant äne hüote die
vil minneclichen eine stau. — Nur in den Stollen regelmäßig erscheint
der Auftakt in Ton *XI (92, 14); im Abgesang von Ton VI (90, 16)
hat ihn regelmäßig der zweite Vers.
Der jambische Rhythmus überwiegt. Von 312 Versen sind 172
jambisch (die daktylischen Verse sind unberücksichtigt gelassen).
Ausgang der Verse. Nur stumpfen Ausgang haben die Verse
von 91, 8. 94, 15.
Der Aufgesang wird aus Versen von nur stumpfem Ausgang ge-
bildet in 86, 1. 86, 25. 87, 29. 90, 32. 92, 7.
Stumpfer Ausgang durch den ganzen Abgesang in 89, 9. *93, 12.
Der stumpfe Ausgang wechselt mit dem klingenden ab.
a) durch Auf- und Abgesang: 91, 36;
h) in den Stollen: 87, 5. 89, 9. 90, 16. *92, 14. *93, 12; in dem
412 J. HORNOFF
dreiversigen Stollen von 89, 21 hat der mittlere Vers den klingenden
Ausgang;
c) im Abgesang: 86, 1. 86, 25. 87, 5. 92, 7.
Der stumpfe zwischen zwei klingenden Ausgängen 90, 32.
Zwei Versen mit klingendem folgen zwei mit stumpfem Ausgange
90, 16.
Zwei Versen mit stumpfem folgt einer mit klingendem Ausgange
*92, 14;
drei Versen mit stumpfem zwei mit klinf];endem Ausgang 89, 21.
Von den Versen des Abgesangs in 87, 29 sind die Ausgänge des
dritt- und vorletzten klingend.
Bevorzugt erscheint demnach der stumpfe Ausgang. Nur
etwa ein Viertel sämmtlicher Verse sind klingend.
Reim. Die bei Gottschau (Beitr. VII, 418 flf.) zerstreuten Be-
merkungen stelle ich zunächst zusammen:
Vocalisch-unreiner Reim: a: ä: hegan : hän 86, 1 : 3. war : gar
88, 6 : 8. Mn : Jean 89, 32 : 35. bräht : naht 90, 5 : 8. gar :jär 92, 4 : 5.
Consonantisch-unreiner Reim: h : g'. hesnahen : gevage (Conjectur
von Haupt) 87, 25 : 27. nn : rum küneginne : gimme *93, 1 : 4.
Übergreifendes n: genomen : kome 86, 25 : 27. haben : grabe : be-
snaben : gevage 87, 22 : 24 : 25 : 27. sere : keren 87, 26 : 28. wichen
: himelrwhe *92, 24 : 27.
Übergreifendes t (von Lachmann hergestellt): gemüete : wüetet
: güete *92, 15 : 17 : 20.
Ich füge nun weiter hinzu: erweiterter Reim findet sich:
87, 25 : 27 hesnaben : gevage. 90, 24 : 26 gerungen : gesungen. 95, 2 : 3
geleben : gegeben.
Erlaubter rührender Reim'): 87, 21 (: 23) : 26. sere (: ere)
: sere. *92, 16 (: 18) : 19. lit (: strit) : Ut 92, 7 (: 8 : 9) : 10. iiiet (: schiet
: liet) : niet.
Inreim begegnet, abgesehen von 94, 24 : 22, wo der außerdem
rührende Reim als Zufall erscheint, bloß einmal: 92, 3 ff., als solcher
von Bartsch (Germ. III, 483) zuerst erkannt, in MF. noch als End-
reim aufgefaßt. Die beiden Verse des Abgesangs reimen kreuzweise,
ein Wort innerhalb jeder Zeile reimt mit dem Schlüsse der andern:
swer si vor mir nennet der hat gav
mich ze friunt ein ganzez Jdr, het er mich j och verbrennet.
*) Schneider a. a. O. S. 149 unter c).
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 4] 3
Beispiele für diese seltene Art des Inreims sind von Bartsch^)
bei Ulrich von Winterstetten (MSH. 1, IGS"), Keinmar (MF. 179, 8)
Ulrich von Liechtenstein (ed. Lachmann 456, 27) nachgewiesen.
Selten fällt der Inreim bei dem trochäisch- stumpfen Verse von,
fünf Hebungen auf die dritte Hebung und Senkung, sondern gewöhnlich
auf die zweite (Bartsch a. a. O. S. 166 c), doch hat Bartsch auch für
ersteren Fall mehrere Beispiele nachgewiesen (S. 168) '^). Der Regel
ist wenigstens insofern entsprochen, als zu stumpfem Endreim klin-
gender Inreim steht. Der zweite Vers, trochäisch-klingend mit sieben
Hebungen hat den Inreim an der gewöhnlichen Stelle, auf der vierten
Hebung (Bartsch S. 171); dem klingenden Endreim entspricht stumpfer
Inreim.
Ich habe oben dem Tone 87, 29, wie auch Lachmann-Haupt,
vier versigen Stollen zugeschrieben und nach der gegebenen Über-
lieferung mit Recht. Ich will aber hier wenigstens die Möglichkeit
einer anderen Auffassung nicht unerwähnt lassen, bei welcher wir
Inreim erhalten würden. Es lassen sich nämlich allemal zwei Verse
der Stollen in einen zusammenfassen, abgesehen von 87, 29. 30, da
der letztere Vers keinen Auftakt hat. Zu dieser Auffassung stimmt
auch die Interpunktion vorzüglich. Wir würden dann in jedem Stollen
einen sieben- und einen achthebigen Vers mit gepaartem Endreim,
an Stelle der bisherigen Endreime des ersten und dritten Verses aber
Inreim erhalten. Beim siebenhebigen Verse würde der Inreim an der
gewöhnliche Stelle auf der vierten Hebung (Bartsch, S. 170), beim
achthebigen auf der fünften zu finden sein (cf. S. 171: Inreim auf der
fünften in Verbindung mit Inreim auf der zweiten Hebung). Die
Reime der beiden Stollen bleiben verschieden: aa | bb; doch vgl.
Veld. 67, 3. 67, 2ö.j Fenis 84, 37. Die längeren Verse würde auch hier,
wie in 90, 32, der Aufgesang haben. Das Vorkommen des achtmal
gehobenen Verses kann uns nicht wundern, da ihn auch Eist 32, 1
und Reinm. 195, 37. 196, 35. 195, 10. 163, 23 verwenden. FreiUch fügt
sich die Überlieferung in 87, 30 nicht: es fehlt die erste Senkung.
Man müßte aber annehmen, daß riu aus un{z her) verderbt wäre, was
bei der ziemlich schlechten Überlieferung nicht unmöglich ist. — Das
für die Reimordnung im vierversigen Stollen als Analogen herbei-
gezogene Lied Hartmanns 209, 25 würde sich ebenfalls in Verse mit
') Der inueie Reim in der höfischen Lyrik. Germ. XII, 161.
*) wem hoert aber klingen dzirch den walt. MSH, 2, 132*. loterriter hoete
phliht geselle, ebenria 3, 52''.
414 J. HORNOFF
Inreim umschreiben lassen. Derselbe würde auf die vierte Hebung
des sechsmal gehobenen Verses fallen, wie bei Morungen 137, 31
(cf. Bartsch S. 170). Trotzdem halte ich bei Johansdorf an der ersten
Auffassung des Strophenschemas fest, da sich so eine harmonische
Gliederung (kürzere Verse im Aufgesang, Verwandtschaft des Ab-
gesanges mit den Stollen) ergibt, welche bei dem offenbar spät ent-
standenen Liede uns nicht wunder nimmt, ebensowenig wie der vier-
versige Stollen.
Schlagreim. 90,34 lounder under. wunder ist allerdings erst
von Lachmann ergänzt, es kann aber kaum etwas Anderes dagestanden
haben. Auch die folgende Zeile hat Schlagreim, wenn auch unreinen:
daz loas^ und sonst noch finden sich Künsteleien in den beiden Stro-
phen des Tones,
Eine dem Emjambement verwandte Erscheinung ist die Los-
trennung des Objects von dem regierenden Verbum durch den Reim
in 94, 15, was um so auffälliger ist, als das Verbum die Imperativische
Form hat und somit eine Pause schlechterdings nicht zuläßt:
guote Hute, holt
die gäbe, die got unser herre selbe git.
Reimstellung. Überschlagender Reim findet sich meist in
den Stollen. 86, 1. 25. 87, 5 etc., über zwei Verse schlagend 89, 21.
94, 15, im Abgesaug 86, 1. 25. 87, 5. 92, 7.
Paarweiser Reim nur im Abgesang.
Der paarweise Reim unterbrochen durch eine Waise 90, 32. 91, 8.
Die Waise zwischen zwei Reimpaaren 89, 21.
Umschließender Reim im Abgesang von 87, 29 und mit Hinzu-
nahme des zweiten Stollenverses in 92, 14, dort der klingende Reim
vom stumpfen umschlossen, hier umgekehrt.
Gehäufter Reim im Aufgesang von 92, 7. Die vier Verse beider
Stollen reimen miteinander.
Entschieden auf romanischen Einfluß weist die Verknüpfung
zweier Strophen durch den Reim, verbunden mit Reim-
entsprechung.
Der erste Reim der ersten und zweiten Strophe von 87, 5 ist
derselbe, wenn auch nicht ganz vollkommen:
1. Str. scheiden : leiden : heiden : beiden.
2. Str. kleide : beide : — : leide.
Diese Erscheinung finden wir bei den romanisirenden Lyrikern nicht
selten. Hausen (47,9) verknüpft die zweite und dritte Strophe in den
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHÄNSDORF. 415
zweiten Stollenversen und in dem ersten und vierten Verse des Ab-
gesangs: 2. Str. . nan : verbau : \ man : ergän.
3. Str. . län : enpfä : | ergän : getan.
In den beiden Strophen von 49, 37 bindet er die ersten Stollenverse
und den zweiten und vierten des Abgesangs:
1. ka7i : getan : | hau : ergän.
2. man : verlän : | geioan : bestän.
Dazu kommen die gleichen Reim werte des zweiversigen Refrains;
tuo : zuo.
Morungen 127, 34 sind die Schluß verse aller fünf Strophen
durch den Reim verknüpft:
1. se : 2. e : S. me : 4 me : 5. erge.
Die viertletzte Zeile wird durch den Ausruf oice gebildet.
Rugge 109, 9 reimen die drei letzten Verse der ersten und dritten
Strophe (unrein): 1. getan : wdn : hän.
3. man : gewan : began.
Die dritte reiht sich an die zweite durch Wiederholung der Schluß-
reime im ersten und dritten Verse (also nicht an den entsprechenden
Stellen). 2. Str. nild : (geschiht) : siht. 3. Str. niht : — siht.
Auch findet Verknüpfung durch mehr als einen Reim statt:
Hausen 51, 13 reimen die zweiten Stollenverse und der erste
Vers des Abgesangs rein:
1. Str. hän : getan : j erlän.
2. Str. undertän : enhän : | getan,
die Schlußverse des Abgesangs unrein:
1. Str. hat : begät : rät.
2. Str. aldä : anderswä : nä.
In Gutenburc 78, 15 ff., 24 ff., 33 ff., welche Burdach ^} im
Gegensatze zu Scherer '^) in Folge der Responsion als Strophen eines
Liedes auffaßt, sind die zweiten Stollenverse und der vorletzte Vers
des Abgesangs in der zweiten und dritten Strophe durch Reim ge-
bunden:
2. Str. belxben: vertriben : veTTnlden*
3. Str. vermiden : IMen : beltben.
Hiezu kommt die Wiederholung des ersten und dritten Reimwortea
in umgekehrter Folge. Nicht so regelrecht ist die Entsprechung der
') a. a. O. S, 89.
') Scherer, Deutsche Stadien I, 335.
416 J. HORNOFF
übrigen Verse. Es findet hier Verknüpfung durch grammatischen Reim
statt: 2. Str. hegän : (ivan) : gän : (verhau : man) : gestdn.
3. Str. erg dt : gät : bestät : (rät : hat : missetät).
Feuis 80,1. Die ersten Stollenreime lauten in der
1. Str. wän : hän,
in der 3. Str. lau : hän.
Die Verse des Abgesangs sind theils durch den gewöhnlichen, theils
durch den unrein rührenden, theils durch den grammatischen Reim
gebunden: 1. Str. (sttget) : helibet : kan : trlhet.
3. Str. vertriben : libe : ban : ver€\rtbe.
Eine andere, der eben besprochenen verwandte Erscheinung ist
die, daß in den verschiedenen Strophen die gleichen Reim vokale
an den entsprechenden Stellen auftreten. Es ist dies eine freie Behand-
lung des romanischen Princips, wonach dieselben Reime in jeder
Strophe wiederkehren. Das Durchführen des gleichen Reimvokals
aber in mehreren aufeinander folgenden Versen entspricht der Neigung
der Romanen zur Reimhäufung, wie sie z. B. in den altfranzösischen
Pastourellen auftritt '). Johansdorf hat in den beiden Stollen beider
Strophen von 90, 32 den Reimvokal a, in der Waise des Abgesangs ä:
1. Str. gras : hlat . was : stat | hän
2. Str. sanc : mac : lanc : tac \ stät.
Wir haben hier also 1. die Häufung vokalischen Gieichlauts an den
Reimstellen von vier einanderfolgenden Versen, 2. die Entsprechung
der Stollenverse und der Waise des Abgesangs zweier Strophen im
vokalischen Gleichlaut des Reimes.
Dieses feine Hören vokalischer Gleichlaute war ja dadurch er-
möglicht, daß die Lieder gesungen wurden, beim musikalischen Vor-
trage aber die Silben länger gezogen werden als beim declamatori-
schen. Hat doch selbst ein moderner Dichter dieses poetische Mittel
nicht verschmäht, ohne sich auf den Gesang stützen zu können.
Chamisso läßt in seinem Gedichte „Nacht und Winter" innerhalb von
vierzehn Strophen, die terzinenartig gebaut sind, an Stelle des Reimes
die Vokalisation e, i, e und i, e, i wechseln '^) :
Von des Mondes kaltem Wehen
Wird der Schnee dahergetrieben,
Der die dunkle Erde decket.
') cf. Eduard Tischer, Über Nithart von Riuwental. Leipz. Doctordiss. Leipzig
1872. S. 52.
') cf. Wilhelm Seyd, Beitrag zur Charakteristik und Würdigung der deutschen
Strophen. Berlin 1874. S. 20.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF, 417
Dunkle Wolken ziehn am Himmel,
Und es flimmern keine Sterne,
Nur der Schnee im Dunkel schimmert.
Daß man aber schon damals auf solche Kleinigkeiten achtete,
lehrt die Betrachtung der übrigen Minnelieder. Von der Quantität
des Reimvokals muß man allerdings absehen und darf ihn auch nicht
auf männliche oder weibliche Reime beschränken wollen.
Ich ziehe nun zunächst die Durchführung desselben Reimvokals
durch mehrere hintereinander folgende Verse in Betracht.
Steinach 119, 3 hat den Reimvokal a in den acht Versen des
Aufgesangs: mac. tac. wart, vaster | same. schäme, art. laster.\\
Veld. 67, 9 (a. a) gestät. gras. rät. was. \
Mor. 129, 5 (e. e) loert. gesehen, gert. vergen. \
Der Gleichlaut erstreckt sich auch auf den Abgesang, natürlich,
da die Stollenreime in den Abgesang übergeführt werden:
Veld. 66, 9 man sal. span. geval. \ sioan. sal. an.
57, 26 rate, ergän. späte, missetän \ etüstän. bäte, umhevän, |
57, 10 tage. lanc. klage, getioanc. | danc. träge, kranc. verzage, j
59, 23 järe. lanc. kläre, offenbare, sanc. märe. \ danc. (minne.) wanc.
62, 4 wanc. klär, kranc. war. \ danc. sanc. vär.
Steinach 118, 19 jären. alt. wären, gestalt. \ geioalt. gebären, engalt.
Rugge ;99, 29 hän. icalt. val. stän. kalt, nahtegal. \ sanc. gedanc . . .
vgl. auch die 2. Str.
Andere Vokale: 6. Veld. 63, 18 schone, gelobet, kröne, höbet. | tobet,
schone.
66, 32 trost, tot. erlöste, not. \ tote. note.
Mor. 134, 6 geswom. tot. erkorn. not. \ rot. verborn. zorn. gebot.
i. i. Hausen 45, 19 zit. twinget. lip. bringet. | nit. loip. vollebringet.
Fenis 82, 5 twinge. bin. gedinge. hin. \ sin. gelinge, ungeicin.
Entwickelt sich der Gleichlaut des Reimvokals zum Reim, so
geht natürlich die Gliederung der Strophe verloren. Nur auf diese
Weise ist überhaupt ein Ton wie Rugge 102, 27 verständlich:
1. Str. munde, künde. \ stunde, gunde. \ hunde. muot. entuot.
2. Str. stoite. missetcete. \ rcete. bcete. \ wcete. muot. guot.
Diese Strophenform setzt offenbar in ihrer Entwickelung ein Schema
mit zweiversigera Stollen und dreiversigem Abgesang, an dessen An-
fang der eine Stollenvers wiederholt ist, voraus.
Die Wiederkehr zweier Vokale im Auf- und Abgesange findet statt:
Veld. 66, \ a. i (i). an. bilde, stride. enpfän. | ar. loinde. gewar.
linden.
ÖERMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 27
418 -T- HORNOFF
58, 35 a. i. j «. ä. .danc. küneginne. twanc. \ loinne. danc. gedranc. \\
miime. sin. loolgetdne. äne. dm. mm.
Hausen 44, 5 %. a. fn. man. min. gewa.n. \ Itden. haz. haz. bellten.
Reinm. 188, 31 ^. ä. i. a. \ i. a. zit. gdri. pflige. mac. \ strit. getan,
lige. tac. \ scMn. mm. sanc. sin. gedanc.
Die Verbindung der Reimvokale a und ^ werden wir auch ferner
als besonders beliebt kennen lernen.
Auch für den zweiten Punkt, welcher die Wiederkehr eines oder
mehrerer Reimvokale an den entsprechenden Stellen verschiedener
Strophen betrifft, findet sich eine »rößere Anzahl von Belegen.
Hausen 44, 12. Der erste Reim aller drei Strophen hat ä («) :
1. Str. getan, kan. j hdn. geivan. Idn.
2. Str. getät. hat. \ stdt. rat. hegät.
3. Str. erhaben, gesage. \ vertragen, klagen, verdagen.
Besonders ist Mor. 139, 9 erwähnenswerth, wo derselbe Vokal
dem zweiten Reim angehört, der sich in jeder der drei Strophen über
sieben Verse erstreckt:
1. Str. sanc. kranc. gedanc. ranc. swanc. sanc. spranc.
2. Str. naz. vermaz. haz. baz. daz. saz. vergaz.
3. Str. gesant. gepfant. laut, verbrant. schant. bant. enblant.
Mor. 127, 34 entsprechen sich die vorletzte und drittletzte Zeile
des Abgesangs, abgesehen von denen der letzten Strophe :
1. gebat : stat. 2. gelanc : sanc, 3. jdr : war. 4. sach : sprach.
Zwei Vokale wechseln ab, Hausen 54, 1 i (i). a in den zwei
ersten Strophen, die dritte hat nur den zweiten Reimvokal überein-
stimmend: 1. Str. ivip. gewan. lip. man. \ gan.
2. Str. vil. sage. wil. trage. \ klage.
3. Str. . ungemachr . geschach. \ gesach.
Auch der zweite Reimvokal im Abgesang ist gleichlautend :
54, 18. 1. Str. sm. gewan. bin. man. \ enkan. sin . . min.
2. Str. rdht. mac. giht. jach, j gepßac. lotp . . lip.
Reinm. 190,27 entsprechen sich die Vokale der drei Stollenreime
in beiden Strophen, i (?). ?. ü (o):
1. Str. bite. st. vro. \ Site. bi. so. \\
2. Str. mm. Itp. wol. \ gesin wip. dol. \\
In 192, 25 lauten die Vokale der zwei Stollenreime in der ersten,
dritten, vierten, fünften Strophe a (ä). i{i), in der zweiten Strophe
stimmt nur der Vokal des zweiten Reimes:
1. Str. man. wil. enkan. spil.
3. Str. erlät. vil. st dt. wil.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 419
4. Str. stat. mich. hat. ich.
5. Str. baz. min. daz. sin.
2. Str. . in. . hin.
Dazu kommt noch theilweiser Reim und gleiche Reimworte im Refrain
bei dem schon früher erwähnten Hausen 49, 57:
1. Str. kan. ivibe. getan, lihe. \ lide. hän. belihe. ergän. tuo. zuo.
2. Str. man. minne. verlän. sinne. \ inne. gewan. ingesinde. hestän
tuo. ziio
Fenis 80, 1 :
1. Str. loän. gedingen. gelingen, hän. \ stiget. helihet. kan. tribet.
3. Str. län. miden. liden. hän. \ vertrihen. lihe. han. vertrthe.
2. Str. gewant . . erkant . j , . hänt.
Wenn wir die Reime mit in Betracht ziehen, haben wir wieder
den Wechsel der Reimvokale a und i.
Die Bindung durch den bloßen Gleichlaut des Reimvokals ist
die Voraussetzung für die nächst höhere Entwickelungsstufe, die Reim-
bindung, wie wir sie sowohl innerhalb derselben Strophe bei ein-
ander folgenden Versen (cf Rugge 102, 27), als auch innerhalb ver-
schiedener Strophen an entsprechenden Stellen (Job. 87, 5. Hausen
49, 37 etc.) kennen lernten. Bei der Entsprechung innerhalb ver-
schiedener Strophen führt uns die Entwickelung noch einen Schritt
weiter, von der bloßen Reimbindung zur Gleichheit der Reimwörter.
Rugge 110, 8: sol. hän. vjol. ergän. | . . hi. si. fri.
2. Str. tool. . sol. . 1 . . hi. si. fri.
Im Aufgesange haben allerdings die beiden Reimwörter ihre Plätze
getauscht.
Mor. 130, 31: Abgesang. niht. sin. siht. min.
7) 2. Str. . sin. . min.
7) 3. Str. niht. sin. siht. min.
Obwohl die genannten Erscheinungen bei Johansdorf nur einen
kleinen Raum einnehmen (zehn Verse innerhalb zweier Strophen) , so
habe ich sie doch an dieser Stelle mit so großer Ausführlichkeit, mit
Beibringung eines zahlreichen Belegmaterials und mit Ausblicken auf
ihre Weiterentwickelung besprechen zu müssen geglaubt, da ja der
Beweis für die Richtigkeit der Beobachtung erst zu führen war.
Alliteration. Auf die Reste der alten Alliterationszeile hat
Arnold Berger in seinem Aufsatze: die volksthümlichen Grundlagen
des Minnesangs (Zs. f. d. Phil. XIX, 474) aufmerksam gemacht und
eine lange Reihe sogenannter alliterirender Lang- und Halbzeilen aus
27*
420 '^- HORNOFF
MF. zusammengestellt. Da aber in ihnen die Gesetze der alten Alli-
terationspoesie nicht mehr in Kraft stehen, so ist es sehr fraglich,
ob bei den Dichtern überhaupt noch das Bewußtsein der Alliteration
vorhanden war. Altüberlieferte, formelhafte, mit Alliteration versehene
Ausdrücke bietet der Vers 90, 32.
(Wize,) rote rosen, hläwe bluomen, grüene gras.
Es erübrigt noch, einzelne Erscheinungen innerhalb des Verses
zu besprechen.
Hebungen und Senkungen. Die Hebungen pflegen mit den
Senkungen regelmäßig abzuwechseln, nur an zwei Stellen fehlt eine
Senkung. Die eine ist schon erwähnt, 89, 5: die aber mit listen wellerd
sin. Der Sinn läßt hier eine starke Betonung des ersten Wortes zu
und gestattet damit zugleich eine kleine Pause hinter demselben, so
daß der Takt vollkommen ausgefüllt wird. Fehlen einer ganzen
Hebung, welches sonst eintreten würde, ist nicht anzunehmen.
Sodann 90, 35: dar nfe süngen vögele, ddz was ein schoeniu stdt.
Becker (a. a. O. S. 56) verschleift die beiden ersten Silben in vögele
und läßt vor dem betonten e der Endung die Senkung fehlen („schein-
bar ausgefüllte Senkung"). Ich nehme den Ausfall der Senkung zwi-
schen den Worten daz und ivas an; denn ^^daz"' verträgt wieder einen
starken Ton und damit zugleich eine Pause hinter sich.
Verschleifung von Silben findet meist auf der Arsis statt, in der
Thesis nur: 88, 5 mere gesehe. 89, 38 kriuze gerüowet. 91, 4
sine gewunne. 91, 6 ddnne bevinde. Der Artikel als eine der beiden
verschleiften Silben 88, 27 järe der.
Einerseits verschleift, anderseits den ganzen Takt ausfüllend
werden folgende Silben gebraucht: rede 90,3. 91, 16. *94, 1; aber
rede 91, 33. rede an 90, 1. bete 94, 6; aber bete 87, 2. gote 80, 10.
89, 34; aber göte 88, 35. götes 90, 2. 94, 33. t^nden 92, 11. 86, 11;
aber tügentltcher 89, 2. manege 87, 30. 90, 8; aber mdnic 88, 25. 91, 8
kumet 88, 4. komen 89, 33; aber enküme ich 90, 12. leben (subst.)
'.geben, stumpfe Reime, 90, 25: 27; aber leben inf. *93, 7. gebe conj.
87, 4. verloben 87, 38; aber lobe (subst.) 88, 15. geschehen 89, 16.
*93, 16. *94, 6; aber geschehe 88, 18.
Die Endung -er nimmt gewöhnlich die ganze Senkung ein'):
') Vgl. Wilmanns, Ausgabe von Walther, S. 37 der Einleitung.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 421
sümer 90, 23. 31. wider 86, 27. 88, 3. 90, 9. 94, 28; aber 90, 33.
94, 30 5 aber sonst verschleift, bez. einsilbig, auf der Hebung 89, 5, in
der Senkung 88, 1. 90, 20. 94, 31. üb^er 89, 14 neben über 95, 8. ilber-
siht 89, 37. nider 86, 20. Neben dem sonst gebräuchlichen niemer ein-
mal nimer 88, 13 (so Haupt, AC: niemer).
Betonung, Widerstreit zwischen logischer und rhythmischer
Betonung, a) am Anfang des Verses: 88, 30 diu werk ist unstcete.
Becker (a. a. 0. S. 229) liest die werelt, weil das Wort in der älteren
Lyrik als zweisilbig gegolten habe. 89, 31 daz sint von ime die
scelden armen. 90, 7 des was min herze her niht fri'^
b) in der Mitte, resp. gegen Ende des Verses: 89, 6 für die
loil ich niht Valien. 89 (22). 23 {daz Jersalem . . . .) helfe noch
nie noeter wärt. 91, 23 loie sie ende nimt, des loeiz ich niht. *93, 35
werte ich iuch, des hetet ir ere, so wcer min der spöt.
Die mit dem Praefix tin- zusammengesetzten Reime haben den
Ton immer auf der Stammsilbe: unnot 89, 28, unnceher 89, 13. un-
stcete 89, 17. 88, 30. unm^re 90, 21. also wird zum Theil auf der
ersten: 90, 24. 88, 18, zum Theil auf der zweiten Silbe betont: 91, 33.
*93, 9. *93, 16. Neben iemen 91, 13 und niemen 89, 10. 87, 26. 91, 31
findet sich iemdn 91, 36.
Cäsur. Wirkliche Cäsur findet sich nur in dem siebenhebigen
Verse des unechten Liedes *93, 12 ff., nach der vierten Hebung ab-
wechselnd männlich (in der 1., 3., 6., 7. Str.) und weiblich (in der
2., 4., 5. Str.). Ebenso steht der Inreim des siebenhebigen Verses 92, 5
regelrecht auf der vierten Hebung. Sonst ist die Cäsur nicht durch-
geführt; im Verse von sechs Hebungen ergibt sich aber die Pause
nach der dritten Hebung so natürlich, daß der Dichter sie unbewußt
öfter eintreten läßt. So im HL Ton 87, 29 ff.:
88, 6 si knmet mir niemer tdc | uz den geddnken min.
88, 13 ine erwache nimer, \ ezn st min erste segen.
88, 32 den wirt ze jungest schin, \ wies an dem ende tüot.
89, 3 künden si ze rShte 1 beidiu sich bewdrn.
89, 8 als ich mit irhlwen tuen \ die lieben fröuioen min.
Ton IV: 89, 10 deist ällez ümbe niht : \ mir weiz sin niemen ddnc.
89, 12 dar ich hdn gedienet, \ da ist min Ion vil krdnc.
422 J- HORNOFF
Ton XllI: 94, 19 der den vil soddehdften \ dort behalten Ut.
94, 21 lidet eine wile \ willecUchen not.
94, 36 wie vil mir doch von liehe \ leides ist beschert
94, 39 wie wil du dich gebären, \ swenne er hinnen vert?
.95, 7 diu mit ir wibes güete \ ddz gemachen käu.
95, 12 swenne si gedenket \ stille dn sine not.
ElisioD. Dieselbe ist meist vollzogen, gewöhnlich auf der
Senkung. — Auf der Hebung nur 86, 8 het ich. 92, 1 het — er. 86, 5. 12
danne {eine. — öbes). 86, 7 minnet ich. 89, 1 hob iemer. 89, 16 frag ich.
91, 17 wurd dlze. 94, 33 vüer ich. 95, 4 kund ich. 90, 29 swenne ichz.
Abgesehen von dem letzten Falle und von 86, 5. 12 ist das e bereits
in der Überlieferung von der einen oder von mehreren Handschriften
beseitigt.
Hiatus zeigt sich an folgenden Stellen: 87, 1 vinde dn. 87, 9
erdrne ir (von Lachmann ist der Hiatus erst hergestellt. A erarn iren).
88, 18 geschehe also. 89, 13 hiure dn. S9, 30 kriuze und. 90,3 nähe dn.
90, 5 sorge if. 91, 36 scehe_ich. 91, 37 loäire ich. *92, 32 würde_Jch.
Weißenfels' Versuch (a. a. O. S. 36 Anm.), den Hiatus in einer
Anzahl von Fällen zu beseitigen, wird schon dadurch überflüssig,
daß er ihn an zwei Stellen, an einer ganz bestimmt, zugibt, nämlich
in 89, 30. — Der Hiatus in 88, 18 erscheine gemildert wegen des
Satzabschnittes, lasse sich aber auch beseitigen^). Betrachten wir die
übrigen Fälle, so würde sich 87, 1 entfernen lassen, wenn wir mit C
lesen: daz ich si vinde mit ir eren, A bietet aber die bessere Über-
lieferung {an ir eren) ; 90, 5, wenn so7'ge (Hss. BC) in sorgen geändert
würde, ebenso 92, 32 mit Tilgung des Auftakts: so wurd ich von
sorgen /r?; niemals aber 91, 36, wo durch den Wegfall einer Hebung
die Harmonie des Strophengebäudes gestört würde. Schema nach
Bartsch'^): 7a 5b - | 5c 7d -,
nach Weißeufels: 6a 5b - [ 5c 7d -.
Was die Hei-beiziehung des folgenden Tones (92, 7) als Analogen
für das so gewonnene Strophenschema soll, verstehe ich nicht. Weißen-
fels theilt ohne Rücksicht auf Reime und Betonung die Strophe 92, 7
nach dem oben construirten Schema ab, ohne doch dieselbe voll-
') daz ir gescMhe, also müez ez ouch mir ergen. Die Lesung mit Hiatus er-
scheint jedenfalls sinngemäßer.
') Germ. III, 48.'i.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 423
ständig hineinpressen zu können. Denn soll etwa v. 92, 10 Wandels
frt. si sol mir erhüben, daz ich ein Vers von fünf Hebungen mit klingen-
dem Ausgange sein? und 92, 11 ein solcher mit stumpfem Ausgange?
von ir lügenden spreche, mich wundert. Wenn aber wirklich die Ab-
theilung gelänge, was nützte es, sobald der Reim nicht an das Ende
jedes Verses tritt? Da es nun nicht möglich ist, den Hiatus ganz za
tilgen, so behalte ich ihn auch in den Fällen bei, wo er sich beseitigen
ließe (90, 5.J92, 32).
Synaloephe. a) auf der Hebung 89, 12 d^ist. 90,22. 91,21
so ist\
h) auf der Senkung 87, 21 nu entrüre. 88, 29 nu erkenne. 89, 10
deist (BC das ist). *93, 4 sist {si ist C).
Inklination, a) Enklisis. Vorzüglich wird die Negation en (ne)
und das geschlechtliche Pronomen enklitisch gebraucht: ichn 87, 38.
*93, 22. ine 88, 3. ern 87, 7. ezn 88, 13. 89, 36. desn 88, 6. dem
88, 24. son *92, 26. *93, 3. — ohes = ohe si mit Apokope 86, 12. wies
— wie si 88, 32. — iviez 88, 20. erz 89, 1. ichz 90, 29;
6) Proklisis: 87, 8 zeiner. 87, 22 zeim. *93, 7 zaller.
Apokope. Nomina : /70M (Hs. Cfro) für /roMWJe im Auftakt *93, 11.
Verba: iva^n 86, 20. 91, 27. woir 91, 33. 92, 10. *93, 35 (Bartsch: und
locere). miies *92, 30. Partikeln: swenne im Auftakt *92, 31. dan *94, 9.
Synkope: lachen 91,5; genade 91, 5. sen{en)den *93, 18. Jer(u)-
salem 89,22, aber einsilbig gebraucht 88, 1. 90,20. 94,31; ebenso
oder 95, 13. Von Lachmann-Haupt sind darum gleich die gekürzten
Formen eingesetzt: ab, od.
Synkope des e mit Ausfall oder Auflösung des vor-
hergehenden Consonanten oder Assimilation an den fol-
genden. Es betrifft dies die Consonanten iv, g, &; n.
w : iur = iuwer *93, 28.
g, b: gellt = geliget 86, 20 (: zit). — git : lit : lU (= gibet : ligel
: liget) *92, 14 : 16 : 19. ^ft« : /z« 94, 16 : 19. treit : geseit (= traget : ge-
saget) 88,33:35. gegen *92, 23 im Auftakt, *92, 25^ innerhalb des
Verses in der Senkung, also einsilbig zu lesen.
n: di(ne)me SS, 17. ei{7ie)me SS, 21. ya(ne)/ne mit Apokope 87,13,
IV. Sprache.
Vorausgeschickt werden einige Bemerkungen über den Laut.
1. Vokale. Umlaut durchgeführt in heldet 87, 32. iu wirkt
nicht umlautend, alliic 88, 9. 90, 17.
424 J- HORNOFF
Vokalschwächung, a) in Stammsilben, a in e: denne ('.erkenne)
91,7. „Unechter Umlaut", Weinhold, Mittelhochdeutsche Grammatik
2. Ausg. §. 21. niemen 89, 19. 87, 26. iemen 91, 13. Weinhold, Bai-
rische Grammatik §. 13: , irrationales e im zweiten tonlos gewordenen
Theile der Composition." Dagegen 91, 36 iemdn. — seihen *93, 27.
specifisch alemannische Form, cf. Pfeiffer, Germ- III, 504, doch von
Lachmann auch in den Ausgaben von Walther und Wolfram ver-
wendet, cf. Mhd. Wb. IP, 465;
6) in Endsilben, ö in e: alse 86, 21, sonst also, z. B. 88, 18.
iu in e: beide (: kleide : leide) 87, 15; innerhalb des Verses 94, 23
(AC); dagegen heidiu 89, 3. 19 (BC). Es läßt sich nicht entscheiden,
welche Form der Dichter innerhalb des Verses gebraucht hat; denn
schwerlich wird er die eine und die andere abwechselnd gebraucht
haben ^).
Zusammenziehung von ig in?: mnt 91, 37 (B vient, C vient) ist
vonLachraann vorgenommen, weil nur die Hebung ausgefüllt werden darf.
Vokalabfall. Neben gewöhnlichem im, dat. des geschlecht-
lichen Pronomens findet sich einmal ime 94, 24.
2. Consonanten. Ausfall von r: weite 94,11. 95, 15; dagegen
werlte *92, 14. tverlde 95, 2; von h: niet (: schief : liet) 92, 7. 10. cf.
Weinhold, Mhd. Gramm.'' §. 494.
Assimilation: hete 86, 18. hetet 93,35, aus hebte und hebtet
entstanden, aleman. besonders beliebt, doch auch baier. und österr. ver-
wendet, mehr innerhalb des Verses, wie auch von Johansdorf, als im
Reime gebraucht, cf. Weinhold, Mhd. Gramm.'* §. 394; Baier. Gr §. 320.
Syntax.
Über die Syntax und poetische Technik der älteren Minnesänger
hat Burdach (a. a. O. von Seite 55 ab) im Zusammenhange gehandelt.
Die folgende Untersuchung soll anschließend an die von Letzterem
und Wilraanns (Einleitung zur zweiten Ausgabe Walthers von der Vogel-
weide, Halle 1883) aufgestellten Gesichtspunkte eine ausführliche Dar-
stellung der Syntax und poetischen Technik unseres Dichters geben,
wobei die bereits von Burdach aufgeführten Beispiele durch eckige
Klammern bezeichnet werden.
Zunächst ein paar Bemerkungen, welche einzelne Satztheile
betreffen: das Substantiv roip bevorzugt das natürliche vor dem gram-
matischen Geschlechte. 86, 28 ein lotp, diu ... — Das Possessivum ist
mit dem Artikel verbunden. *92, 25: den dinen hetz. — Das Adjectiv
') (Warum nicht? Übrigens ist beide nicht „Schwächung" für beidiu. (O. B.)
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 425
ist construirt wie das inhaltlich entsprechende Particip. praet. eines
transitiven Verbums, 89,31: daz sint von im e die scelden armen. Lach-
mann (Anm. MF. 271): ^vor zu vermuthen ist nicht nöthig, die scelden
armen ungefähr so viel als verfluochet'.
Satz. 1. Parataxe, a) ohne jede Verbindung. Zu dem vorher
gehenden Satze steht der folgende in einem inneren Abhängigkeits-
verhältniß :
95, 5 ez nahet, er loil hinnen varn.
Nach den Verben des Glaubens und Wissens folgt ein Hauptsatz:
88, 7 däM geloube mir, swes ich ir jehe, ez get von herzen gar.
88, 21 ich weiz wol, ez verkeret allez sich.
92, 7 got loeiz wol, ich vergaz ir niet.
Die nachfolgenden Sätze stehen dem vorhergehenden inhaltlich
parallel :
89, 9 Swaz ich rni gesinge, deist allez umbe niht:
mir weiz sin niemen danc;
ez loiget allez ringe.
dar ich hän gedienet, deist min Ion vil kranc.
Ebenso 86, 19 ff. 90, 11 ff. 91, 18 f. 94, 11 f. 94, 36 ff. 94, 25 ff, wo
der dritte Satz von den beiden vorangehenden innerlich abhängig ist.
h) Verbindung durch demonstrative Pronomina und Adverbia.
Erstere findet sich 87, 5 f. Mich mac der tot von ir minnen wol scheiden:
anders nieman: des hän ich gesivorn. daz 87, 22. 27. diu 88, 22.
89, 24. den 88, 32. die 89, 25. disen 91, 28.
Demonstrative Adverbia: so 87, 2, 90, 11 etc. also 93, 9. dar uf
(final) 86, 18. dar Üfe (local) 90, 35. da 87, 26. dar nach 88, 16.
da hl 88, 7. 28. hie 90, 23.
Häufig ist die Anknüpfung durch die Partikel nu (cf. Burdach
S. 93), bei Adhortativsätzen: 86, 27 nu helfe er mir. Wiederholt: 87,' 21
nu min herzevroioe, nu trüre niht sere. 88,3. 88, 29. 89, 38; beim Aus-
ruf und zugleich die Rede fortführend: 89, 33 nu loaz gelouben loil der
hän etc.; einen Einwand einführend 89, 27 (nicht adhortativ wie Bur-
dach will): Nu mugen si denken, daz etc.; den Satz mit dem vorher-
gehenden demonstrativ verknüpfend: 89, 30 sioen nu (= unter diesen
Umständen , bei diesen Erwägungen) sin kriuze und sin grap niht wil
erbarmen, daz . . .; in ursprünglicher Bedeutung als Zeitadverb = jetzt
86, 19. 87, 30. 33. Im Übrigen werden die Hauptsätze mit temporalen
{noch 87, 32. 90, 37. sä dö *93, 14) und adversativen Partikeln (ie-
doch 86, 4. ab 88, 1. doch 91, 4) eingeleitet.
426 J- HORNOFF
Hypotaxe. 1. Condit ional- und Concessivsätze. Beiden
ersteren fehlt die einleitende Conjunetion vielfach. Subject und Prädicat
haben dann die Stellung der Fragesätze: 87,3. 89,3. 94,28. 94,31. 33,
mit Weglassung des pronominalen Subjects: 91,24 ist, daz .., mit
Hinzutritt der Conjunetion und: 90, 18. 91, 13. 20. 21. *92, 24. 28.
Häufiger ist oh verwandt, die Stellung von Subject und Prädicat ist
dann die gewöhnliche: 86, 11. 27. 87, 35 etc. Am wenigsten erscheint
swenne, nur 87, 9. 90, 29. *92, 31. *93, 2.
Die Bedingungssätze lassen sich unterscheiden als reale,
irreale und potentiale. Die reale Bedingungsperiode stellt die Ab-
hängigkeit zweier Thatsachen von einander als wirklich, die irreale
Bedingungsperiode als unwirklich, die potentiale als nur gedacht dar.
a) Reale Bedingungsperiode. Im Haupt- und Nebensatze steht
der Indicativ praes.: 90, 27 ^Wol midi singe ich gerne, swenn ichs ge-
lerne. 90, 18. 91, 20 u7id wil si, ich hin vrd. und wil si, so ist min
herze leides vol. 93, 2 swenne ich die vil schoenen hän, son mac mir
niemer missegän. cf. auch 94, 3 f.
h) Irreale Bedingungsperiode. Im Haupt- und Nebensatze steht
der Conjunctivus praeteriti: 89, 25 wcer ez unserm herren ande, er rcech
ez an ir aller vart, 92, 9 ich engetorste ir nie gesingen disiu liet,
wcer si vil reine niet und alles wandeis fri.
Weit zahlreicher und mannigfaltiger in der Form ist die dritte
Classe:
c) Potentiale Bedingungsperiode.
a) Im Nebensatz steht der Indicativ, im Hauptsatze der Con-
junctiv (Adhortativ) praesentis: 94, 36 Wilt ah du üz rninem herzen
scheiden niht, .... vüer ich dich dan mit mir in gotes lant, so st er
umhe halben Ion der guoten hie gemant] mit Umschreibung im Neben-
satze durch ist daz und das Hilfsverb soln: 91,26 ist daz ich es inne
werden sol, wie dem herzen . . . ., so he war mich vor dem scheiden got.
ß) ImjNebensatze steht der Conjunctivus praesentis (Potentialis),
im Hauptsatze der Conjunct. praes. (Adhortativ, Optativ) oder^Im-
perativ.j^praes. Adhortativ: 86, 21 [nu helfe er mir, oh ich herwider
kome, . ., daz . . — 87, 3 sül aher si ir lehen verkeren, so gebe got,
daz .. ebenso 87,35. Optativ: 89, 1 tuo erz mit triuwen, so hah
iemer danc sin tugentlicher lip, 91, 13 und werde ich iemen liep, der
si siner triuwe an mir gemant. Imperativ: 94, 28 körnest du wider bi,
als ..., so wis mir aher loillekomen. Unentschieden bleibt, ob der
Modus des Nebensatzes Indicativ oder Conjunctiv ist, in 87, 9 swenne
DER MINNESÄNFER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 427
ich von schulden erarne ir zorn, so bin ich vervliiochet vor gote als ein
heiden.
y) In Haupt- und Nebensatz steht der Conjunctivus "praeteriti:
86, 5 solde ich minnen mer dan eine, daz emocere mir niht guot^ sone
minnet ich deheine. 91, 17 sprcech ich mere, des wurd alze vil. 91, 33
wccr diu rede mm, ich tcete also. 34 verlilr ich minen friunt, seht,
so wurde ich niemermere fro. 91,36 scehe ich ieman, der jcehe er
ivcere von ir kamen, wcere ich dem vtnt, ich wolle in grüezen. 92, 1
allez, daz ich ie gewan, het er mir daz genomen, daz möhte er mir
mit sinen mceren hüezen. 92, 28 und solde ich iemer daz geleben, daz
ich si iimbevienge, so mües min herze in vröuden sweben; ebenso 92,31.
93, 35.
Nach Comparativ im Hauptsatze wird der Nebensatz mit dan
ohe eingeleitet: 86, 11 waz möht ir an ir lugenden bezzer sin, dan
ob es ir umberede lieze sieht, Icele an mir einvaltecUche.
d) Im Nebensatz steht der Conjunctivus praeteriti, im Hauptsatz
der Indicativus praesentis: 89, 3 künden si ze rehle beidiu sich be-
toarn, für die lüil ich ze helle varn.
Praeteritale Bedeutung des Conj. praet. liegt nirgends vor.
Einmal erscheint anstatt eines Bedingungssatzes ein Imperativ-
satz*): 89, 38 Nu lät daz grap und ouch daz kriuze geruowel ligen. die
heiden wellenl (sind im Begriff, vv^erden) einer rede an uns gesigen daz . .
Die Ausführung des Befehls ist die Bedingung, unter welcher der
folgende Satz zurecht besteht.
Mit den Bedingungssätzen sind verwandt die Relativsätze,
Ein solcher vertritt einen Bedingungssatz: 89, 18 (wcer ez nihl unstcete,)
der zwein wiben loolte sin für eigen jehen? 91, 10 da daz ende denne
unsanfte luo, ich wcene des wol, daz ensi niht guot.
Das relative Verhältniß löst das conditionale ab: 89, 3 künden
si ze rehle beidiu sich bewarn, für die wil ich ze helle varn. die aber
mit listen wellent sin, für die icil ich nihl vallen.
Die verallgemeinernden Relativsätze werden eingeleitet mit
swer , sivaz etc., nur einmal findet sich der 88, 5. Überall erscheint
der Indicativ.
Verallgemeinernd tritt die Partikel der zum relativen Adverb
lüie: 89, 15 tvie der einez tcete, ...
sicie dient in Verbindung mit anderen Adverbien zum Ausdruck
des concessiven Verhältnisses: 87, 35 Stvie vil daz mer und ouch
') cf. Paul, Mittelhochdeutsche Gramm. 2. Aufl. S. 130.
428 J- HORNOFF
die starken ünde tohen, ich wü si niemer tac verloben. 88, 19 swie gern
ich var, so jdmert mich , . . Sonst wird das concessive Verhältniß durch
die Stellung des Fragesatzes und joch oder doch gegeben. Je nach-
dem der Satz etwas Thatsächliches oder bloß Gedachtes bezeichnen
soll, erscheint Indicativ oder Conjunctiv. 92, 6 (swer si vor mir nennet,
der hat gar mich ze friunde ein ganzez jär,) het er mich joch ver-
brennet. 92, 12 (mich wundert,) ist si mir doch niht ein wenic M,
{waz si an mir reche.)
2. Consecutiv-und Causalsätze. Zu diesen bemerkt Burdach
S. 57: Und wer aus Allem etwas schließen will, könnte hieraus
c
(nämlich aus dem geringen Vorkommen der Consecutivsätze), wie aus
dem seltenen Gebrauch der Causalsätze einen Schluß machen auf seine
(Johansdorfs) Abneigung gegen eine rationalistische Betrachtungsweise
der Welt nach dem Gesetze der Ursache und Wirkung, eine Abnei-
gung, die seiner stark ausgeprägten theologischen Richtung recht
wohl entspräche.'
Faßt man aber wie Burdach die consecutio als Wirkung irgend
einer Ursache, gleichviel ob beabsichtigt oder nicht beabsichtigt, und
zieht auch noch die Explicativsätze (wie B. für 48, 15 und 45, 1 f.
dies thut) hinzu, so muß man außer den a. a. O. citirten Stellen
[90,6], [90,25], [93,5], [95, 8] noch folgende herbeiziehen: 88,13
Jne erwache nimer, ezn si mm erste segen, daz got ir eren miieze phlegen.
(Explicativsatz.) 90^ 10 Waz sol ich ivider got nu tuon, ob ..., daz er
mir gencedic si? (Finalsatz.) 87, 1 nu^helfe er mir, ob ..., daz ich si
vinde an ir eren, 87, 4 sd gebe got, daz ich vervar. 95, 8 ir sint äne
sinne, daz ir bringent mich in seihen zorn. 92, 28 und sold ich iemer
daz geleben, daz ich si umbevienge. (Alles Explicativsätze.)
Als Causalsätze führt B. nur die mit ivand (wan) eingeleiteten,
welche die Wortstellung unabhängiger Sätze haben, an [87,8. 90, 30.
95, 11]. Es gehört aber auch ein Satz wie 87, 33 hierher: ditr daz
ich var. Und ehe mau auf eine Abneigung unseres Dichters gegen
eine rationalistische Betrachtungsweise der Welt schließen kann, muß
man die Sätze auch auf die übrigen ursächlichen Bestimmungen hin
untersuchen. Nun sind aber solche vorhanden in der demonstrativen
Anknüpfung der Sätze: 86, 3 an fröuden ich des dicke schaden hau.
*92, 37 des muoz ich iemer eren dich; ferner in Sätzen, welche eine
Frage nach der Ursache, nach dem Urheber enthalten *93, 15. *93, 17.
*93, 27. 91, 2 unde enweiz och reJite niht, wes ich mich vröuwen mac;
ferner in den Relativsätzen, in denen das Relativum von der Präpo-
sition durch abhängt. 88, 2 [{der donreslege möht ab Ixhte sin,) da si
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 429
mich dur lieze. 95, 1 durch den du wcere ie hochgemuot\ ebenso
95, 15; schließlich innerhalb eines Satzes in Wendungen wie: 86, 10
durch keine liehe niht wan durch daz reht. 86, 25. 26 durch got
— diirch nane missetät. 87, 33 durch des riehen gotes ere. 87, 31 von
ir Zorne. Der obige Schluß dürfte also ungerechtfertigt sein.
3. Temporalsätze, eingeleitet durch do 87, 13. so 87, 28. als
91, 6. 94, 29. swenne 94, 39. 95, 12. e 91, 8. sU 92, 8. unz 91, 5. 32.
4. W u n s c h s ä t z e : '^Q, 22 hülfe ez iht ! 95, 4 kund ich mich beident-
halben nu hewarn! Haupt zieht 86,22 als Nebensatz zu dem vorher-
gehenden , 95, 4 zu dem folgenden Satze. Ich fasse beide selb-
ständig auf und interpungire dem entsprechend. Eine andere Art der
Wunschform {daz — und Conj. praes.) zeigt *93, 25: daz min dienest
so iht si verlorn, cf. Paul a. a. O. §. 375, 2.
Wo eine Aufforderung mit dem Wunsche verknüpft ist, steht
der bloße Conjunctiv praes.: 86, 27 nu helfe er mir. 87, 4 so gebe got.
91, 26 so heicar mich vor dem scheiden got. Ebenso *92, 14. *94, 8.
94, 34. miiezen wird zu Hilfe genommen 88, 18 daz ir geschehe, also
n.üeze ouch 'mir er gen. 95, 14 so müeze sin der pflegen, . . . Paul meint
(Gram. §. 285), daß müezen nur dann herbeigezogen werde, wo der
Wunsch nicht an eine Aufforderung streife. In dem letzteren Falle
scheint diese aber doch vorhanden zu sein, vgl. auch die Beispiele
im Mhd. Wb. II, 270^ Anderseits wird der bloße Conjunctivus praes.
des Verbums da angewendet, wo der bloße Wunsch und keine Auf-
forderung vorliegt', *93, 34 niene welle got.
5. Indirecte Fragesätze, eingeleitet vom interrogativen Pro-
nomen: 88, 3 nu sprechet, wes si wider mich genieze. 91, 2. 92, 13, mit
oh 88, 5, mit dem interrogativen Adverb wie: 86, 8 seht, wie maneger
ez doch tuot. 88, 20 iviez noch hie geste. 88, 32. 91, 22. 23, 25. In letz-
terem Falle steht der Indicativ, ausgenommen 88, 20, in den beiden
ersteren Fällen der Conjunctiv, ausgenommen 91, 2.
Syntaktische Eigenthümlichkeiten. Als solche bezeichnet
Burdach (S. 65) das unverbundene Nebeneinanderstellen zweier Bedin-
gungssätze: [91,36] scehe ich ieman, der jcehe er locere von ir komen,
locere ich dem vint, ich wolt.. Ebenso 86, 13. Oh es ir umberede lieze
sieht, tcet an mir einvaltecliche. Umgekehrt einfacher Bedingungssatz,
doppelter Nachsatz: 86,5 solde\ich minnen mer dan eine, daz enwcere
mir niht guot, sone minnet ich deheine. Eine zweite Eigenthüm-
lichkeit gesellt sich hinzu, nämlich, daß zwischen die beiden paral-
lelen Sätze ein anderer Satz tritt, zwischen zwei Bedingungssätze
ein Relativsatz: 94, 31 wilt ah du üz nnnem herzen scheiden niht, daz
430 J- HORNOFF
vil lihte unwendic doch geschiht, viler ich dich dan mit mir in
gotes lant, so .. Zwischen die Bedingungssätze tritt der Nachsatz
und außerdem ein parenthetischer Satz: [92, 31] sioenn daz also er-
gienge, so lourde ich von sorgen fr'i (ir gen ade stänt däbi),
ob sie mir des verhienge. Der Hauptsatz steht zwischen zwei von ihm
abhängigen Relativsätzen: 88,25 der leben sol, dem wirt manic
wunder kunt, daz alle tage geschiht.
Poetische Technik.
1. Lebendigkeit der Rede.
a) Anrede
a) An die Frau: frouive *92, 18. 21. *93, 22. 28. 34. fromve guot
*94, 13. vil liebe frouwe mm *93, 19. nu min herzevrowe [87, 21]. vil
minneclichez loip *93, 31. küneginne *93, 24.
ß) An den Ritter: ir tumber *93, 20. vil lieber man *93, 29.
y) An den Zuhörer: guote Hute [94, 15]. seht [86, 18]. nu sprechet
[88, 3J. ddbi so merket gotes zorn [88, 28]. 89, 38. Einzelne Person an-
geredet 88, 7. däbi gelonbe mir. 89, 16 wirft der Dichter erst im
Allgemeinen die Frage auf und wendet sich dann v. 19 an einen
Standesgenosseu: sprechet herre.
d) An die Minne: 94, 25.
f) An die Sselde: 93, 1. vil werde küneginne.^
^) An die eigene Person in der Frauenstrophe 94, 38 vröude-
loser lip.
rj) Am wirkungsvollsten ist die Anrede an Gott, vorzugsweise
am Schluß einer Strophe oder eines Liedes. Der erstere Fall: 87, 12
heileger got, wis gencedio uns beiden. Der letztere Fall: 86, 23 herre,
loan ist daz mm lehen, daz mir niemer leit geschiht. 88, 16 darnach
ewecliche gip ir herre vröude in dime riche. 90, 15 got herre daz verväch
ze guote. Das Gebet enthält öfter die directe Anrede nicht , sondern
der Dichter spricht in der dritten Person: 86, 27 nu helfe er mir,
ob..., daz ich si vinde an ir eren. 87,4. 95,4. Übergang aus der
dritten in die zweite Person findet 88, 13 statt: iiu erwache nimer ezn
si min erste segen^ daz got ir eren müeze p hie gen. darnach ewec-
liche gip ir, herre ....
b) Ausrufe und Betheu erungen: 90,4 otve, toar hat sich der
gesellet! 94, 35 owe, sprach ein wip, ivie vil mir doch von liebe leides
ist beschert! Waz mir diu liebe leides tuot! etc. *93, 20 ivc, loaz sagent
ir tumber'^ *93, 24 Neina, küneginne, daz . .! 90, 27 ^Wol mich' singe
ich gerne. 95, 6 icol si scelic wtp, diu. .! Betheuerung: 92, 7 got weiz
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 431
lool! 93, 34 niene tvelle got! Besonders wirkungsvoll erscheint [die
Schwur- und Flucbform: 87,5 Mich mac der tot von ir minnen wol
scheiden: anders nieman. des hau ich gesworn. 88, 9 ich minne si für
alliu wip und sioer ir des M gote. 87, 37 Swie vil daz mer und ouch
die starken ilnde toben, ich wil si niemer tac verloben. Fluehform: 87, 9
Swenne ich von schulden erarne ir zorii, so hin ich verßuochet vor gote
als ein heiden. 87, 25 got vor der helle niemer mich heivar, oh daz mm
tüille si. 89, 30 Swen nu sin kriuze und sin grap niht wil erbarmen,
daz sint von ime die scelden armen.
c) Rhetorische Frage; [86, 11] waz möht ir an ir tugenden
hezzer sin, dan obes ir umberede lieze sieht, toite etc.? [89, 32] Nu loaz
gelouhen wil der hän und wer sol im ze helfe komen an sinem ende, der
gote wol hülfe und tuot ez niht? 87, 15 wie wiltu nu geleisten diu beide,
varn über mer und iedoch wesen hie? Anrede an die eigene Person in
einer Frauenstrophe [94, 29]: wie toil du nu gebären, swenne er hinnen
vert, . . .? [95, 2] loie sol ich der werlde und miner klage geleben ? Hierher
rechne ich auch die an Gott gerichtete Frage [86, 23], die Burdach
nicht zu den rhetorischen Fragen zählt: herre, wan ist daz mtn lehen,
daz rnir niemer leit geschiht?
d) Parenthese: [*92, 33] swenn daz also ergienge , so wurde ich
von sorgen fri (ir genäde stänt dähi) , ob si mir des verhienge. Der ganze
antithetische Satz steht in Parenthese 89,5 fF. künden si ze rehte beidiu
sich bewarn, für die wil ich ze helle varn, [die aber mit listen wellent
sin, für die icil ich niht Valien,) ich weine die da minnent äne galten,
als ... Haupt vergißt hier die Klammern zu setzen, während er sie
94, 32 unnöthiger Weise anbringt.
e) Ellipse: *93, 29 ^Wer hat iuch, vil lieher man, betwungen üf die
not?' Daz hat iuwer schoene seil, getan. *94, 14 ßne Ion so sult ir
niht bestän' Wie meint ir daz, frouioe guot? J)az ir deste werder sit
und dähi hochgemuot' Zu ergänzen ist: daz sol iuwer Ion sin, daz ../
/) Ein Mittel, die Rede zu beleben, gewinnt der Dichter be-
sonders dadurch, daß er andere Personen redend einführt,
vor Allem die Geliebte: 87, 14. 94,35. 95, 13. 93, 14 flP.; die,
welche die Theilnahme am Kreuzzuge verweigern : 89, 25. Der Dichter
führt ein Selbstgespräch: 90, 80. Ich denke also vil manege naht: waz
sol ich tvider got nu tuon, oh ich helibe, daz er mir gencedic si? etc.
Es ist hierbei von Wichtigkeit, ob die Person die Rede einführt,
oder ob die Bezeichnung des Redners in die Rede eingeschaltet ist ').
') cf. Riebard Meyer, Die Reihenfolge der Lieder Neitharts v. R.^S. 80.
432 J- HORNOFF
Während der ältere Minnesang die Einschaltung, der spätere die Ein-
führung bevorzugt, steht Johansdorf in der Mitte, er hat beide Formen.
Einführung: 87, 14 dö sprach diu guote: ^wie wiltu . .f *93, 14
sä dd sprach diu guote: ^waz weit ir . .f 89, 25 die sprechent: ^wcer
ez . . / 90, 8 ich denke also vil manege naht: ^waz sol ich . . J
Einschaltung: 94, 35 Owe^ sprach ein wip, ^oie vil mir doch von
liehe leides ist beschert! . . .' 95, 14 Jteht mm herzeliep od ist er tot\
sprichet si, so müeze . . .'
Die Bezeichnung des Antwortenden bleibt weg: 89, 20 sprechet^
herre, lourre ez iht ? man sol ez den man erhüben und den frouioen niht.'
In dem langen Dialog 93, 12 ist nur die eine der redenden Per-
sonen zum ersten Male bezeichnet, in dem weiteren Verlaufe wird
jede durch die Anrede und die genaue Responsion kenntlich.
2. Nachdruck und Fülle des Ausdrucks.
a) Epitheton ornans. Dieses ist in den echten Liedern nur
sehr dürftig vertreten, elfmal gegen elf Fälle in den unechten Liedern.
Es erscheint bald mehr, bald minder betont. Die auf die Liebe und
die Geliebte bezüglichen Verbindungen sind conventioneil. 86, 28 grozen
kumber. 89, 28 der grozen marter. 87, 37 die starken ünde. 89, 27 den
grimmen tot. 87, 12 heileger got. 87, 23 des riehen gotes ere. 88, 37
hoesen kranc. 94, 15 guote Hute. 94, 29 die reinen gotes vart. — *92, 20
mit reines ivtbes güete. *92, 35 vil werde küneginne. *93, 29 vil lieber
man. 89, 8 die lieben frouwen mm. *93, 19 vil liebe frouwe min. *93, 31
vil minneltchez wip. Q^,ld frouwe guot. ^92^36 der vil süezen minne.
95, 14 er süezer lip. *93, 32 iuwer siiezen doene. *93, 10 frou Zuht mit
süezer lere. *93, 18 senden kumber. *93, 5 ir roter miint.
b) Der betonte Begriff wird an die Spitze des Satzes
gestellt und an dem ihm eigentlich zukommenden Platze durch das
Demonstrativum wiederholt.
a) Der Begriff ist einfach: 86, 28 ein ivip, diu grozen kum-
ber von mir hat, daz ich si vinde an ir eren. [92, 1] allez, daz
ich ie gewan, het er mir daz genomen, ... 90, 37 noch gedinge ich,
der ich vil ge dien et hän daz si mir es lone.
ß) Der Begriff ist zusammengesetzt, steht außerhalb der Con-
struction des Satzes. Der die verschiedenen Elemente einigende Be-
griff wird herausgehoben und mit dem Demonstrativum verbunden
in die Construction des Satzes aufgenommen: 90, 32 Wize, rote rosen,
bldwe hluomen, grüene gras, brüne gel und aber rot dar zuo des klewes
blat, von dirre varwe lounder under einer linden loas.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 433
Kommt dem hervorgehobenen Begriffe schon an sich die erste
Stelle zu, so wird er wenigstens durch das Demonstrativum wiederholt:
86, 1 7nm erste liebe, der ich ie hegan, diu selbe muoz an mir
diu leste sin. 86, 20 mm bester trost, der . . 94, 12 äne Ion so sult ir
niht bestem. 95, 9 iv vil gitoten lip den . .
c) Dasselbe Wort oder derselbe Wortstamm wird wieder-
holt.
a) Dasselbe Wort in derselben Form : 87, 2. 4 so. 87, 21 nu.
91, 22. 23. 25 wie. *93, 29. 30 hat. [94, 36. 37] liebe leides. [91, 20. 21]
und wil si.
ß) Dasselbe Wort in verschiedenen Formen: 90, 32 rote. 33 rdt.
91, 3 lanc. 4 langen. *94, 2 stalten. 3 stcete. 95, 6 wip. 7 wibes. 89, 29
erbarmet. 30 erbarmen. 90, 26 gesungen. 28 singe. 30 gesanc. 91, 15
diene dienen. *93, 33 ivolten. 34 xuelle. 94, 23 gegeben. 24 ^e&< (un-
mittelbar aufeinander folgend). 94, 25 lä. 26 län.
y) Das gleichlautende Wort in verschiedener Function : *93, 19
klage (Verbum). 21 klage (Substantiv).
d) Der gleiche Wortstamm: 86, 13 einvaltecliche. 14 einvaltic.
88, 33 minne minnediche. 89, 33 ze helfe. 34 hülfe. 91, 1 vröuden.
2 vröuwen.
f) Dasselbe Wort in Zusammensetzung: 91, 25 herzen herzeliep.
d) Responsion. Bestimmte Stellen des Strophengebäudes oder
einer Strophe sind durch die Wiederholung desselben Wortes oder
derselben syntaktischen Form oder desselben Inhaltes gekennzeichnet.
a.) Wörtliche Entsprechung.
aa) innerhalb des Strophengebäudes. Die zweite und dritte
Strophe von 86, 1 und die beiden Strophen von 90, 16 beginnen mit
ich.^ In [89, 21] werden die beiden Schluß Zeilen der ersten und
zweiten Strophe mit dem verallgemeinernden Relativum eingeleitet und
entsprechen sich auch inhaltlich (cf. Burdach a. a. 0. S. 93) :
1. Str. sioen nu sm kriuze und sin grap niht wil erbarmen, daz
sint von irne die scelden armen! 2. Str. swem disiu rede niht nähe an
sin herz6 vellet, owe war hat sich der gesellet?
ßß) Innerhalb derselben Strophe. *92, 21: Der erste Stollen
und der Abgesang beginnen mit du, der zweite Vers jedes Stollens mit
und. 92, 28 beginnt der zweite Stollen und der Abgesang mit so.
Gleichzeitig findet syntaktische Entsprechung statt, indem in beiden
Theilen dem Hauptsatze ein Bedingungssatz vorausgeht. 91, 8 fangen
beide Stollen mit da an; 94, 35 der mittlere Vers jedes Stollens und
der Abg ang mit wie.
ÖEEMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXUI.) Jahrg. 28
434 J- HORNOFF
ß) Syntaktische Entsprechung. 94, 15. Der zweite Stollen und
der Abgesang beginnen mit Imperativ, im ersten Stollen steht der-
selbe am Ende des ersten Verses. Von dem Imperativsatz jedes Stol-
lens hängt ein Relativsatz ab, von dem Relativsatz des ersten Stollens
noch ein zweiter. — 92, 28.
f) Inhaltliche Entsprechung. [89, 30. 90, 2.] In 92, 35 ent-
sprechen sich die Anfangszeilen beider Strophen. 1. Str. Diu Scdde
hat geJcroenet mich gein der vil silezen minne. Worin die Krönung durch
die /Scelde besteht, besagt erst der Anfang der zweiten Strophe: ge-
prüevet hat ir roter munt etc. Hierzu kommt noch
d) eine Responsion in der Anordnung des Stoffes. In *93, 12
fallen die Wechselreden, abgesehen von der ersten Strophe, auf ganz
bestimmte Verse jeder Strophe, cf. Burdach S. 93.
e) Refrain: 90, 23. 31 vröude tmd surner ist noch allez hie.
f) Parallelismus.
tt) Zwei oder mehrere Begriffe (Substantiva, Adjectiva,
adverbiale Ausdrücke) verwandten Inhalts werden verbunden durch
wnd', nnd oucJi (88, 1. 87,37. 89,22. 38), dar zuo (90,33), und
däbi' (*94, 14).
aa) Nomina: 88, 1 alle mme sinne und ouch der lip. 94, 23 beide
sele und Itp. 87, 37 daz mer und ouch die starken ünde. 90, 23 vröude
und sumer. 94, 9 min singen und min dienest. 89, 22 Jersalem der
reinen stat und ouch dem lande. 89, 30 sin kriuze und sin grap.
89,38 daz grap und ouch daz kriuze.
ßß) Adjectiva: 87, 5 si ist ivol gemuot und ist vil wol geborn.
[92, 10] wcBr si vil reine niet und alles wandeis fri. *94, 14 daz ir
deste Werder. sint und däbi hochgemuot.
yy) Adverbiale Ausdrücke. Dieselben unverbunden, getrennt
durch das Verbum: 88, 33 sioer minne minnecHche treit gar äne
valschen mziot.
Hieran schließen sich noch folgende Fälle: *93, 12. Object und
prädicative Bestimmung haben parallele Ausdrücke:
ich vant si äne huote
die vil minneclichen eine stän.
90, 32. fünfgliederiges Glefüge, welches theils aus Substantiven, theils
aus Adjectiven besteht, und dessen vier erste Glieder unverbunden
sind , das letzte aber mit darzuo angeschlossen ist. Das erste und
vierte Glied wieder mehrtheilig; die beiden Theile des ersten Gliedes
unverbunden, der dritte Theil des vierten Gliedes mit und aber an-
gefügt.
DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 435
Wize, rote rosen, hläwe hluomen, grüene gras,
hrüne gel und aber rot, dar zu o des kleices hlat.
ß) Zwei oder mehrere Sätze gleichen oder verwandten Inhalts
treten zusammen, verbunden oder uuverbunden.
aa) Hauptsätze verbunden : 86, 25 Ich hän durch got das kriuze
an mich genomen und var dahin d,urch mme missetät. [88, 36] si {diu
minne) tiuret und ist giiot. [88, 37] Man sol miden hoesen kranc und
minnen reiniu wtp. 91, 15 der ich ddene imd iemer dienen wil. *92, 21
du nim daz frouive in dinen muot und tuo gencedeclichen. 89, 13 ez ist
hiure an genäde unnceher danne vert und ivirt über ein
jar vil lihte kleines lones wert. Man könnte hierfür den von Bur-
daeh an anderer Stelle (89, 3) gebrauchten Ausdruck „antithetischer
Parallelismus" (a. a. O. S. 92) verwenden. Dort sind zwei Nebensätze,
hier zwei Begriffe {hiure und ilher ein jär) antithetisch. Der zweite
Satz durch demonstratives Adverb verbunden 87, 25 f. : swer da he-
strüchef, der mac lool hesnaben\ däne mac niemen gevallen ze sere.
Unverbunden; 89, 9 8waz ich nu gesinge, deist allez umbe niht :
mir weiz sin niemen danc : ez wiget allez ringe : dar ich hän gedienet,
da ist mm Ion vil kranc. 94, 11 in sol wol gelingen. äne Ion so sult
ir niht hestän. 94, 25 La mich, Minne, vrt. du solt mich eine wile
sunder liehe län. 90, 12 (so weiz ich niht vil groze schidde, die ich habe,
niuwan eine,) der enkume ich niemer abe. alle sünde lieze ich wol
wan die.
ßß) Nebensätze, verbunden: 88, 14 daz got ir eren müeze pflegen
und läz ir lip mit lobe hie gesten. [91, 29] Swä zwei herzeliep gefriun-
dent sich und ir beider minne ein triuioe icirt.
Unverbunden: 86, 12 dan obes ir umberede lieze sieht, tcet an
mir einvaltecliche. [*92, 31] swenn daz also ergienge, so ...., ob si mir
des verhienye.
g) Antithese.
a) Zweier Worte: 86, 1 Min erste liebe, der ich ie began, diu
selbe muoz an mir diu leste sin. 89, 15 Wie der einez tcete, des frag
ich ...., wcer ez niht unstcete, der zw ein loiben wolte sin für eigen
jehen? 86, 10 durch keine liebe niht, ican durch daz recht. 89, 20
man sol ez den man erlouben und den frouwen niht. [94, 36] wie
vil mir doch von liebe leides ist beschert! [94, 37] loaz mir diu liebe
leides tuot! 95, 2 wie sol ich der werlde und miner klage ge-
leben? 87, 16 varn über mer und iedoch wesen hie. 90, 26 dicke hän
ich we gesungen, ^wol mich* singe ich gerne.
28*
436 J. HORNOFF, DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF.
Antithese mehrerer Worte: 94, 21 lidet eine wile willeclichen
not vür den iemermere wernden tot. 94, 24 geht irne des lihes
tot, duz wirt der sele ein iemer leben.
ß) Anthithese zweier Sätze: [89, 3] der gote lool hülfe und
tuot ez niht. 95, 13 leht min herzeliep od ist ez tot. *93, 35 werte
ich iuch, des hetet ir ere, so wer mm der spot. [89, 3] künden si
ze rehte ^heidiu sich hewarn, für die wil ich ze helle varn. die aber mit
listen wellent sin, für die wil ich niht vallen'^ nach Burdach antitheti-
scher Parallelismus. Ebenso könnte man den Bau der folgenden
Sätze bezeichnen: [91, 20] Und wil si, ich hin vro. und wil si,
so ist min herze leides vol. [91, 22] Wie sich minne hebt, daz wetz ich
ich lool. wie si ende nimt, des weiz ich niht. 90, 19 Und ist, daz
ich genäde vinde, so gesach ich nie so guoten lip. ob ah ich ir wcere
vil gar unmare, so ist si doch, diu tugende nie verlie.
Mit Parallelismus und Antithese ist
h) Chiasmus verbunden in 86, 17 ich hän durch got daz
kriuze an mich genonien und var dahin durch
mtne missetät. 94, 23 got hat iu beide sele und lip gegeben, gebt
ime des Hb es tot. daz loirt der sele ein iemerlehen.
3. Anschaulichkeit.
a) Personification: Minne 94, 25. Scelde *92, 35, als Königin vor-
gestellt *93, 1. freu Zuht *93. 11.
h) Bezeichnung und Umschreibung von Personen. Der Geliebten:
diu wolgeiäne 87, 13. diu vil schoene *93, 2. 92, 16. diu guote 87, 14.
91, 3. 94, 34. frouive guot *94, 14. ir vil guoten lip 95, 9. aller gilete
ein gimme *93, 4. diu tugende nie verlie 90, 22. die vil minneclichen
*93, 13. vil minneclichez wip 93, 31. scelic loip 95, 6. der ich vil ge-
dienet hän 90, 37. der ich diene und iemer dienen loil 91, 15. herze-
vrowe 87, 21. küneginne *93, 24.
Bezeichnung des Geliebten : er süezer lip 95, 15. In der Anrede :
viel lieher man *93, 29. ir tumber *93, 20. Der treu Liebenden: die
da minnent äne gallen 89, 7: Der untreu Liebenden: die mit listen
wellent sin 89, 5. Der Kreuzfahrer: die vil sceldehaften 94, 19. Der
am Kreuzzuge sich nicht Betheiligenden: die scelden armen 89,21.
die tumben 89, 24. Gottes: der al der werlte fröude gxt 92, 14. got
unser herre, der al der luelte hat geioalt 94, 16 f. der, durch den er
süezer lip sich dirre weite hat bewegen 95, 14.
Allgemeine Bemerkungen. Die Häufung gewisser Con-
struetionen dient dem Dichter dazu, ganz bestimmte Eindrücke her-
\
FR. GRIMME, DIP: BEZEICHNUNGEN HEU UND MEISTER etc. 437
vorzubringen, wobei es natürlich auch auf das Tempo des Vortrags
ankommt. So erscheint die Sprache da, wo nur Hauptsätze oder ab-
wechselnd Haupt- und Relativsätze angewandt sind, einerseits mehr
ernst, feierlich, wuchtig (88, 19), anderseits mehr leidenschaftlich
und eindringlich (87, 5. 89, 9. 95, 5, besonders beachtenswerth 94, 15),
in beiden Fällen aber höchst wirkungsvoll. Das gilt auch von der
häufigen Verwendung der Ausrufe in 94, 35. Der Eindruck des Leiden-
schaftlichen, den die Häufung der Bedingungsperioden in 91, 36 er-
wecken soll, wird allerdings dadurch etwas gedämpft, daß die Vir-
tuosität, die Mache zu sehr hervortritt (: kunstvoller Strophenbau
cf unter „Rhythmik und Metrik". Die drei Bediugungsperioden auf
die drei Theile der Strophe vertheilt. Derselbe Gedanke dreimal aus-
gedrückt mit theilweiser Verwendung von geprägten Formeln).
(Schluß folgt.)
J. HORNOFF.
DIE BEZEICHNUNGEN her UND meister IN DER
PARISER HANDSCHRIFT DER MINNESINGER.
Bislang stand es unumstößlich fest, daß Sänger, welche das
Prädicat her führten, den Rittern beizuzählen seien, daß dagegen
^meister" Jemanden aus dem Bürgerstande bezeichne, und noch Bartsch
'hat in seinen „Schweizer Minnesängern" Seite LXIV, gestützt auf die
Autorität der Pariser Handschrift, den Meister Heinrich Teschler als
bürgerlichen Sänger bezeichnet und Zweifel ausgedrückt, ob der in
den Jahren 1251 — 56 sich findende Heinrich Teschler mit obigem
Dichter identificirt werden dürfe, da dieser in einer Urkunde her
genannt werde. Wie gesagt, lange Zeit hat diese Meinung unange-
fochten bestanden: da ließ Heinrich Kurz in der Germania XV, 207 ff.
seine Untersuchungen über die Persönlichkeit Gottfrieds von Straß-
burg erscheinen^ und weil er ihn durchaus in dem adeligen Gode-
fridus Rodelarius de Argentina erblicken wollte, welchen man —
fälschlich, wie sich später herausgestellt hat — in einer Urkunde des
Königs Philipp vom Jahre 1207 fand, so mußte er eine andere Er-
klärung für „Meister" suchen. Nach ihm bedeutet nun dieser Aus-
druck, wenigstens bei Gottfried von Straßburg, einen Sänger, welcher
ein Meister in seiner Kunst ist, d. h. der mehr als Andere leistet.
Will man bei dem einen Dichter diese Erklärung gelten lassen, so
438 FR. GRIMME
muß ruan consequenter Weise dieselbe auch auf Alle, welche jenes
Prädicat führen, ausdehnen, und dann wäre der ganze Unterschied
zwischen her und meister einfach aufgehoben. Bis jetzt hat man sich
vor diesem Schritte gehütet, und wohl mit Recht; denn von den mit
meister bezeichneten Dichtern sind einige nichts weniger als Meister
in der Dichtkunst, und dann führen die lyrischen Sänger, welchen
an erster Stelle jener Ehrentitel gebührte, wie Walther von der Vogel-
weide, Reinmar der Alte u. s. w., ihn nicht.
Wir wollen nun an der Hand der Pariser Handschrift die Be-
zeichnungen her und meister einer Untersuchung unterziehen, um die
richtige Bedeutung und den Unterschied zwischen beiden zu ergrün-
den. Zu diesem Zwecke ist es nöthig, uns die ^Handschrift und ihren
Inhalt genau anzusehen.
Die Pariser Handschrift der Minnesinger hat mit Einschluß des
Königs Tirol, des Winsbeke und der Winsbekin und des Wartburg-
krieges im Ganzen Lieder und Gedichte von 140 Personen uns auf-
bewahrt. Unter den überlieferten Sängern befinden sich vier Kaiser
und Könige, drei Herzoge, drei Markgrafen, sieben Grafen, drei Burg-
grafen, drei Schenken, ein Truchseß, ein Marschall; 54 Dichter wer-
den als Herren bezeichnet, fünf andere sind aufgeführt als : der von — ,
zwei sind Brüder, neun werden Meister genannt, während bei 46 Per-
sonen überhaupt kein Prädicat oder Titel aufgeführt wird. Also fast
ein ganzes Drittel aller Dichter ist uns einfach nur mit Namen , und
häufig sehr mangelhaft, überliefert. Was soll man nun von diesen
halten? Sind sie adeliger Abkunft oder aus bürgerlichem Stande?,
Eine Entscheidung darüber wird so leicht nicht gefällt werden. Am
besten könnte man sich aus der Klemme retten, wenn man sagte:
der Schreiber der Handschrift hat es selbst nicht gewußt, unter welche
Kategorie diese Dichter einzureihen seien, und hat daher die Titel
einfach fortgelassen, um Avomöglich keinen Fehler zu begehen. So
könnte es auf den ersten Blick scheinen, und dennoch ist es nicht so.
Zwar mag der Schreiber bei einigen älteren oder weit entlegenen, so
bei den steiermärkischen Dichtern, aus Unkenntniß die nähere Bezeich-
nung fortgelassen haben, das Wenigste aber, was wir doch von ihm
voraussetzen dürfen, und was auch allgemein angenommen wird, ist,
daß er in seiner engsten Heimat gut orientirt sei und daher über die
Schweizer Sänger Bescheid wisse, welche fast sämmtlich in der zweiten
Hälfte des 13. Jahrhunderts, ja sogar noch im 14. Jahrb., also zur
Zeit der Abfassung der Handschrift gesungen und gedichtet haben.
Aber unter den zweiunddreißig Schweizer Dichtern, welche Bartsch
DIE BEZEICHNUNGEN HER UND MEISTER etc. 439
in seine oben erwähnte Sammlung aufgenommen hat, befinden sich
nicht weniger als zehn, welche entweder gar kein Prädicat, oder nur
die nichtssagende Bezeichnung „der" tragen; zu diesen käme als
elfter noch der Hardegger. Über den Stand und das Leben dieser
Sänger mußte der Schreiber unbedingt unterrichtet sein, denn Un-
kenntniß ist hier durchaus nicht vorauszusetzen. Es bleibt uns also
nichts übrig, als die Annahme: nicht das Prädicat vor dem Namen
des Dichters habe ausschließlich den Stand desselben bezeichnet,
sondern etwas Anderes.
Aber vielleicht gehörten alle ohne ein Beiwort überlieferten
Sänger dem Bürgerstande an , und „Meister" hat dann doch die Be-
deutung, welche Kurz ihm beigelegt hat? Um dies entscheiden zu
können, müssen wir sämratliche titellose Dichter durchgehen und auf
anderem Wege die Entscheidung bringen, ob sie adelig oder bürgerlich
seien. Wir werden uns hierbei an die Reihenfolge der Pariser Hand-
schrift halten. Vorläufig wollen wir annehmen, daß die fünf Personen,
welche das Prädicat „der von — " führen (es sind der von Kürenberg,
Gliers, Sachsendorf, Johansdorf und Wildonie) dem Ritterstande an-
gehörten, obgleich es auffallen muß, daß bei Gliers der Vorname
nicht überliefert ist. Es mag sich dies aber leicht dadurch erklären,
daß die Lieder des v. Gliers, welcher zu den spätesten Minnesingern
gehört, zur Zeit der Abfassung der Handschrift noch in aller Munde
waren, und jeder Gebildete in der Schweiz wußte, wer unter dem
namenlosen von Gliers gemeint sei. Es bleiben uns somit noch jene
vorhin angeführten 46 Personen übrig.
Eine sichere Entscheidung über Wachsmuot von Künzingen können
wir vorläufig noch nicht fällen, da weder er noch ein Anderer seines
Geschlechtes bis jetzt in Urkunden nachgewiesen und es zweifelhaft
ist, ob der Vogt Johannes ze Kenzingen in einer Freiburger Urkunde
aus dem Jahre 1311 obiger Familie angehört. Engelhard v. Adelnburg
dagegen, den v. d. Hagen, Haupt und der Unterzeichnete in den
Jahren 1180 — 1230 schon nachgewiesen haben, ist, wie ich Ger-
mania XXXII, 420 dargethan, entschieden von edler Herkunft. Über
Johannes von Ringgenherg herrscht schon seit langer Zeit kein Zweifel
mehr, daß er aus der adeligen Familie der Vögte von Briens stamme ;
zur näheren Kenntniß seines Lebens vergleiche man besonders Bartsch :
die Schweizer Minnesänger, Nr. XXIX. Der namenlose von Suonegge
gehört nach v. d. Hagen und Anderen zu den Freien von Saneck in
Steiermark, und allgemein wird Conrad I. als der Minnesinger an-
gesehen, der vom Jahre 1202 — 1241 in Urkunden sich findet. Wenn
440 FR. GRIMME
man nun auch dieser f^arailie den Dichter streitig machen wollte,
was jedoch nicht wohl angeht, so könnte nur noch ein wiederum
adeliges Geschlecht in Betracht kommen, nämlich die herzoglich
kärntnerischen Ministerialen von Suneck oder Sunecke, von denen
Mitglieder in den Jahren 1183 — 1263 auftreten. Adelig war also der
Minnesinger von Suonegge auf jeden Fall. f. Scharfenherg stammt ohne
Zweifel aus dem steiermärkischen Ministerialengeschlecht gleichen
Namens; auch er ist daher zum Adel zu rechnen. Cristan von Lupin
war, wie ich in meiner Dissertation: „Der Minnesänger Cristan-
von Lupin und sein Verhältniß zu Heinrich von Morungen" und Ger-
mania XXXn, 421 dargethan habe, Mitglied einer Familie, welche im
Mioisterialenverhältniß zu den Grafen von Rotenburg und Beichlingen
stand; er war adelig. Über Thuring, Winli und von Munegür läßt
sich vorläufig nichts Sicheres ermitteln, nur so viel will ich sagen, daß
nach meiner Meinung und den folgenden Ausführungen der Ortioinus
ioculator, welchen Herzog Germania XXIX, 35 anführt, nicht der
Minnesinger sein kann, von Raute ist schon seit längerer Zeit als aus
ritterlichem Geschlechte stammend nachgewiesen. Auch der Püller ist
mit großer Wahrscheinlichkeit dem Adel des Elsaßes zugetheilt.
Unter dem v. Trostberg haben wir wohl Rudolf v. Trostberg zu ver-
stehen, einen Schweizer Ritter, über den bei Bartsch a. a. O. Nr. XXV
Näheres zu erfahren ist. Hartmann v. Sta.rkenherg gehört nach v. d.
Hagen zu einem edlen Geschlechte in Tirol, während v. Stadegge in
Steiermark zu suchen und mit v. d. Hagen und Weinhold für Rudolf II.
V. Stadegge zu halten ist, der vom Jahre 1240 — 1263 in Urkunden
erscheint. Welcher Gegend Deutschlands der Minnesinger v. Stamhein
zuzuschreiben sei, ist noch nicht entschieden, aber mit Sicherheit wird
er für adelig gehalten; das letztere gilt auch von dem Tanhuser,
welcher entweder im Salzburgischen oder in Baiern zu Hause war.
Die Heimat des Dichters v. Buchein ist wohl im Bereiche des jetzigen
Großherzogthuras Baden zu suchen, wo es eine weitverzweigte adelige
Familie von Bucheim gab, von deren Mitgliedern besonders ein Mane-
gold sich sehr häufig findet. Dagegen gehörte der Hardegger der
Schweiz an und war, wie wir mit ziemlicher Sicherheit vermuthen
können, der St. Galler Ministeriale Heinrich v. Hardegge, der vom
Jahre 1225—1275 vereinzelt sich in Urkunden findet, v. Wissenlo ist
zu der adeligen Familie v. Wiesloch bei Heidelberg zu zählen, wäh-
rend V. Wengen zu den Freien gleichen Namens bei Frauenfeld in
der Schweiz gehört. Den Taler vermuthet Bartsch unter den Herren
V. Thal in der Schweiz, welche Ministerialen der Abtei St. Gallen
DIE BEZEICHNUNGEN EBB UND MEISTER etc. 441
und der Dynasten von Rheineck waren. Über den tugendhaften
Schreiher läßt sich vorläufig keine Entscheidung fällen; das Grleiche
gilt von dem jungen und alten Meißener, ebenso v. Obernhurg und dem
Marner, während bei Süßkind v. Trimberg, wenn wir ihm die erhal-
tenen Gedichte wirklich zuschreiben wollen, sein bürgerliches, respective
judisches Geschlecht von vornherein feststeht. Bartsch hält Gast für
einen bürgerlichen Sänger; nach demselben gehörte v. Buicenhurg
einem edlen Geschlechte an. Mit Sicherheit ist auch Heinrich v. Te-
tingen hierhin zu zählen,' wenngleich es noch nicht feststeht, welcher
der vielen Familien dieses Namens der Dichter zuzuweisen ist. Über
Rudolf den Schreiber, in dem wir nicht mit v. d. Hagen Rudolf v. Ems
erblicken, können wir vor der Hand kein Urtheil abgeben, dagegen
war Regenbogen wenigstens nach den Überlieferungen der Meistersinger
ein bürgerlicher Dichter, Die Frage über Kunz v. Rosenhein, Rubin und
Rüdiger, Kol von Neunzen, den Dürner, den wilden Alexander^ Spervogel
und Boppe muß noch offen bleiben; der Litschauer wäre wohl dem Adel
zuzuweisen, wenn wir in ihm den dominus Jacobus de Litschau er-
blicken dürfen, welcher im Jahre 1252 in einer Urkunde des Klosters
Neustift in Tirol auftritt, was mit der Lebenszeit des Dichters sich
in Einklang bringen läßt. Unter dem Kanzler ist wahrscheinlich ein
bürgerlicher Sänger zu vermuthen. Gottfried v. Strafiburg^ welcher in
der Pariser Handschrift ohne Prädicat erscheint, wird an anderen
Stellen Meister genannt. Rost, Kirchherr zu Samen hat zwar vor seinem
Namen keinen Titel, doch wollen wir vorläufig aus der Bezeichnung
Kirchherr ihm das Prädicat her beilegen. Den fabelhaften Klingsor
können wir hier mit Fug übergehen, ebenso den Winsbeke und die
Winsbekin, da diese nicht im eigentlichen Sinne zu den Minnesingern
zu rechnen sind.
Um nun das letztere noch einmal kurz zusammenzufassen, so
fanden wir, daß von den 46 ohne Titel uns überkommenen Dichtern
21, also fast die Hälfte, sicher oder doch höchst wahrscheinlich edlem
Geschlechte angehörten , während von den anderen 22 (wenn wir die
drei letztgenannten außer Acht lassen) zum größten Theile Bestimmtes
nicht zu ermitteln war. Jene 21 waren also doch adelig, ohne daß
ihnen der Schreiber der Pai-iser Handschrift die Bezeichnung her
beilegte. Aus dieser Thatsache folgt nun mit Gewißheit, daß das
Prädicat her nicht die eigentliche, ausschließliche Bezeichnung für
Mitglieder edlen Geschlechtes war. Wenn nun der Schreiber der
Handschrift bei der Zutheilung der Beiwörter so unkritisch verfuhr,
so kann uns die Pariser Handschrift, wenigstens nach dieser Seite
442 FR. GRIMME
hin, nicht mehr als Autorität gelten, um einen Sänger dem Adel oder
Bürgerstande zuzuweisen.
Aber angenommen, sämmtliche Träger des Prädicates her in der
Pariser Handschrift waren adelig, ist dann dieses Wort darum die
eigentliche Bezeichnung für einen Edlen? Wir antworten: Nein! Her
verkündet vielmehr den niederen Adel im Gegensatz zu den Grafen
und noch höheren Rangstufen; es führen demnach diesen Titel die
sogenannten liberi, wie Gottfried v. Neifen, Walter v. Klingen u. s. w.
und vor Allem die Ministerialen. Alle anderen höheren Adeligen
haben den Titel her nicht, vielmehr hebt ein höherer Rang obige
Bezeichnung auf. Wir finden in der Handschrift keinen Fall, wo ein
König, Herzog, Markgraf oder Graf noch das Prädicat her führte;
ja dies geht so weit, daß sogar Ministerialen, wenn sie ein besonderes
Amt innehaben, den Titel her verlieren. Als Beweise dienen der
Schenk v. Limburg, Schenk Ulrich v. Winterstetten , v. Singenberg,
Truchseß von St. Gallen, der Burggraf v. Rietenburg, der Burggraf
V. Luenz, der Burggraf v. Regensburg, Albrecht Marschall v. Rap-
rechtswil, sogar Rost, Kirchherr v. Sarnen. Eine Ausnahme von dieser
Regel bildet nur Her Conrad Schenke v. Landegge. Hiermit steht
vollständig im Einklang, daß auch in Urkunden die oben genannten
Kategorien niemals, so viel mir wenigstens bekannt, vor ihrem Namen
noch den Titel dominus führen, dem doch im Deutschen die Bezeich-
nung her entspricht. — Wir sehen demnach: her bezeichnet nicht
schlechtweg die adelige Herkunft, sondern ist nur Ehrentitel für die
niederen Adeligen, die Ministerialen und liberi.
Was verstehen wir aber nun unter Meister? Uns haltend an
die frühere bekannte Erklärung und fußend auf dem Umstände', daß
die meisten dieser Sänger sich in Städten nachweisen lassen, so Gott-
fried in Straßburg, Teschler in Zürich, Walter in Breisach und Frei-
burg u. s. w. sagen wir: Meister bezeichnet den Einwohner einer
Stadt; doch soll damit auf keine Weise angedeutet werden, daß die
Träger des Prädicates Meister bürgerlicher Herkunft gewesen seien;
vielmehr werden wir weiter unten sehen, daß wir mehrere derselben
dem Adel zuzählen müssen. So viel erkennen wir also schon aus
diesen Ausführungen, daß her und meister keine sich einander aus-
schließenden Begriffe sind, wenigstens nicht in der Weise, wie man
bis jetzt annahm.
Wenn aber nun nicht her den Ritter, meister den Bürger kurzweg
bezeichnet, auf welchem Wege sollen wir dann zu einer befriedigen-
den Lösung dieser Frage kommen? Wie sollen wir mit Sicherheit
DIE BEZEICHNUNGEN HER UND MEISTER etc. 443
den einen Sänger dem Adel, den andern dem Bürgerstande zuweisen?
Da die Titel und Überschriften der Pariser Handschrift uns zu keinem
Ergebuiß führen, so bieten uns die Gemälde noch einen sicheren
Anhaltspunkt; auf diese werden wir daher jetzt unser Augenmerk
richten. Doch nicht die eigentlichen Scenen, welche sie darstellen, sind
für uns von Wichtigkeit; diese sind oft willkürlich vom Maler gewählt,
und wenn wir auf die Zeichnung etwas geben wollten, so müßte nach
dieser z. B. Johann von Rinkenberg aus der Reihe der Edlen zu
streichen sein. Vielmehr sind es die Zuthaten zu den Gemälden, welche
für uns von Bedeutung sind.
Zuerst haben wir die Wappen in Augenschein zu nehmen, und
da können wir sogleich von vornherein mit Sicherheit behaupten:
jeder Adelige zur Zeit der Minnesinger führte ein Wappen; wenn
nun auf einem vollständig ausgeführten fertigen Gemälde der Pariser
Handschrift das Wappen fehlt, so ist der Sänger, den es vorstellen soll,
unbedingt ein Bürgerlicher. Zu dieser Kategorie gehören nun der
Kanzler, Spervogel, Meister Rumslant, der loilde Alexander, Meister
Sigeher, der Kol von Neunzen, Ruhin tmd Rüdiger, Kunz von Rosenheim,
Meister Conrad v. Würzburg , Rudolf der Schreiher, v. Obernhurg , der
Schulmeister von Eßlingen, der junge Meißner^ Süßkint, der Jude von
Trimberg und auch Gottfried von Straßburg. Diese fünfzehn Sänger
sind sicher bürgerliche Personen.
Bestimmt sind der Zahl der bürgerlichen Sänger auch diejenigen
Dichter beizuzählen, welche in der Handschrift gar nicht durch Bilder
vertreten sind; dahin gehören der alte Meißner, Meister Walter v. Brei-
sach und Gast. Von diesen ist Walter schon als Bürger, als Schul-
meister zu Breisach und Freiburg, nachgewiesen. Daß die genannten
drei Dichter uns ohne Bilder tiberliefert sind, hat seinen Grund wohl
darin, daß der Schreiber aus ihrem Leben keine Momente wußte,
die er zu einem Gemälde benutzen konnte, anderseits auch aus den
Liedern sich nichts schöpfen ließ , da von dem alten Meißner nur
zwei, von Gast ein einziges und von Walter v. Breisach nur drei
Gedichte uns überkommen sind. Die Zahl der nichtadeligen Sänger
steigt vorläufig daher auf achtzehn.
Wir haben vorhin schon gesagt, daß nur das fehlende Wappen
auf vollständig fertigen Bildern von vornherein die bürgerliche Ab-
kunft sicherstelle. Anders verhält es sich mit den Gemälden, welche
uns unvollendet tiberliefert sind; es sind dies, wenn wir von dem nur
in Umrissen gezeichneten Bilde, welches sich ohne Text vor dem Ge-
mälde Göslis von Ehenheim befindet, absehen, zwei, nämlich Hug von
444 FR. GRIMME
Werbemoag und Nithart. Bei beiden ist der Rand des Schildes wohl
gezeichnet, die Eintragung der Farben aber unterlassen. Die Bilder
sind demnach nicht vollendet. Da jedoch beide Sänger das Prädicat
her führen, da außerdem Hug verschiedentlich in Urkunden als Ritter
auftritt, so kann das fehlende Wappen hier kein Beweis sein; viel-
mehr dürfen wir wohl mit Sicherheit in ihnen edle Sänger erblicken;
denn daß obige beide ein Wappen führten, scheint aus den Umrissen
des Schildes hervorzugehen.
Ist nun aber das Wappen durchgängig das Abzeichen der Edlen?
Ich glaube diese Frage verneinen zu müssen; denn nach allen Über-
lieferungen aus dem Mittelalter ist Regenbogen ein bürgerlicher Sänger
gewesen, nach dem Zeugnisse der Meistersänger und dem Gemälde
der Pariser Handschrift seines Handwerkes ein Schmied — und den-
noch führt derselbe ein Wappen. Zwar ist es ein sprechendes, und
so könnte man vielleicht behaupten, alle Träger von sprechenden
Wappen gehörten dem Bürgerstande an. Dem steht jedoch im Wege,
daß selbst als adelig sicher nachgewiesene Sänger ein derartiges
Wappen führen , wie Bruno von Hornberg. Das sprechende Wappen
zeigt demnach nicht den Bürger an. Dazu kommt, daß Johann Hacl-
lonh, welcher sicher ein bürgerlicher Sänger war und als solcher auch
schon nachgewiesen ist, kein sprechendes Wappen, sondern ein klet-
terndes Eichhorn mit erhobenem Schwänze im Schilde führt. Da nun
Regenbogen und Hadloub, bestimmt zwei Sänger aus nichtadeligem
Blute, Wappen haben, so kann das Wappen als solches nicht das
Abzeichen der Adeligen gewesen sein. Dagegen müssen wir als das
eigentliche Erkennungsmittel der Edlen den Ritterhelm und das
Schwert bezeichnen.
Es gibt Bilder, die Wappen haben, ohne daß Helm und Schwert
auf ihnen anzutreffen sind, wir finden aber in der Handschrift kein
Bild, auf dem das Ritterschwert und der Helm sind, ohne daß ein
Wappen zu sehen wäre. Helm und Schwert müssen demnach noch
eine besondere hohe Bedeutung haben, und das kann nur die Bezeich-
nung für den Adel sein. Ein Beweis für die letzte Behauptung liegt
in dem Umstände, daß bei Gemälden, welche uns die adeligen Sänger
im Hauskleide oder anderen nicht kriegerischen Beschäftigungen zeigen,
der Helm, meistens mit Zimier, oder das Schwert, von einem Nagel
herabhängend, eigens der Scene hinzugefügt sind. Der Maler wollte
dadurch also von vornherein Zweideutigkeiten vorbeugen und bestimmt
ausdrücken, daß die unten gezeichnete Person ein Ritter sei, im
Gegensatze zu den Bürgerlichen, bei denen jene Insignien nicht zu
DIE BEZEICHNUNGEN BEB UND MEISTER etc. 445
finden sind. Wenn wir von den Königen, Herzogen, Markgrafen und
Grafen absehen, die ja schon in ihrem Titel die Gewähr der adehgen
Geburt tragen, so gehören nach den obigen Ausführungen unbedingt
in die Klasse der Adeligen:
I. Ministerialen mit bestimmten Ämtern: der Schenke von Lim-
burg, Schenk Ulrich v. Winterstetten, der Burggraf v. Luenz , der
Burggraf v. Rietenburg, von Singenberg, Truchseß v. St. Gallen,
Albrecht Marschall v. Raprechtswyl und der Burggraf v. Regens-
burg = 7.
IL Sänger, welche das Prädicat her führen; Heinrich v. Veldeke,
Gottfried v. Nifen, Jacob v. Warte, Walter v. Klingen, Heinrich
V. Sax, Heinrich v. Frauenburg, Werner v. Teufen, Heinrich v. Stret-
lingen, Kristan v. Hamle, Ulrich v. Gutenburg, Heinrich v. d. Mure,
Heinrich v. Morungen, Reinmar der Alte, Burcard v. Hohenfels, Hesse
v. Rinach, Milon v. Sevelingen, Walter v. d. Vogelweide, Hiltbold
V. Swangou, Wolfram v. Eschenbach, Wilhelm v. Heinzenberg, Leu-
told V. Sewen, Walter v. Mezze, Rubin, Bernger v. Horheim, Bligger
V. Steinach, Wachsmuot v. Mülnhauseu, Hartmann v. Aue, Reinman
v. Brennenberg, Otto zum Turne, Gösli v. Eheoheim, Hezbolt v. Wi-
zense, Ulrich v. Liechtenstein, Conrad v. Altstetten, Bruno v. Horn-
berg, Brunwart v. Ougheim, Göli, Pfefi'el, Steinmar, Reinmar der
Videler, Hawart, Günter v. d. Vorste, Fridrich der Knecht, Niuniu,
Geltar, Dietmar der Setzer, Reinmar v. Zweter = 46.
IH. der von — : Der von Kürenberg, v. Gliers, v. Sachsendorf,
V. Johansdorf, v. Wildonie := 5.
IV. Brüder: Bruder Eberhard v, Sax, Bruder Werner = 2.
V. Ohne Bezeichnung: Wachsmuot v. Künzingen, Engelhard
V. Adelnburg, Johannes v. Ringgenberg, v. Suonegge, v. Scharfen-
berg, der Winsbeke, Kristan v. Lupin, During, Winli, v. Munegiur,
V. Raute, der Füller, v. Trostberg, Hartmann v. Starkenberg, v. Sta-
degge, V. Stamhein, der Tanhuser, v. Buchein, der Hardegger, v. Wis-
senlo, V. Wengen, der Taler, der tugendhafte Schreiber, der Marner,
V. Buwenburg, Heinrich v. Tetingen, der Dürner, Boppe und der
Litschauer ^= 29.
VI. Meister: Heinrich Teschler, Fridrich v. Sunenburg, Heinrich
Frauenlob = 3.
Bei diesen genannten 92 Dichtern findet sich durchgängig neben
dem Wappen auch der Ritterhelm; bei Manchen zum Überfluß noch
das Schwert. Dieses letztere allein treffen wir als Zeichen des Ritter-
thums bei Rudolf v. Rotenburg, Heinrich v. Rugge und Conrad
446 FR. GRIMME,
Schenk von Landegge. Rechnen wir zu diesen nun noch die beiden
Sänger, deren Gemälde nicht vollendet sind, Hug v. Werbenwag und
Nithart, so steigt die Zahl der adeligen Dichter auf 97, mit Einschluß
der Könige, Herzoge, Markgrafen und Grafen auf 114.
Es bleiben uns nun noch vier Dichter übrig, welche sich nicht
auf die obige Weise in die Zahl der Edlen einreihen lassen; es sind
Friedrich v. Hausen, Rost v. Sarnen, Alram v. Gresten und Dietmar
V. Eist. Ersterer ist schon in verschiedenen Urkunden als Ritter nach-
gewiesen, ebenso wird er in den Berichten über seinen Tod miles
genannt. Wie kommt es nun, daß ihm auf dem Gemälde die Ab-
zeichen des Ritterthums fehlen? Der Grund mag wohl in der Situation
des Bildes liegen, welches uns einen reichgekleideten Jüngling zu
Schiffe auf der Seefahrt zeigt, wie er sich nach der Geliebten zurück-
sehnt. Vielleicht auch sind wir berechtigt, das Helmzimier in den
Verzierungen der Schiffsschnäbel zu suchen, von denen der rechte
ein goldenes Löwenhaupt mit rother Zunge, der linke einen eben
solchen Adler aufweist. Der Hauptgrund für den fehlenden Helm
liegt aber in dem Umstände, daß das Gemälde inicht vollendet ist.
Im Meere ist nämlich der Kampf zweier Seeungeheuer dargestellt,
welche jedoch nur gezeichnet, nicht mit Farbe ausgefüllt sind. Dar-
aus können wir ersehen, daß wir ein unfertiges Bild vor uns haben,
und dieses widerspricht daher nicht unserer oben aufgestellten Be-
hauptung.
Rost, der Kirchherr zu Sarnen und Chorherr zu Wettingen und
Zürich, muß entschieden aus edlem Geschlechte gewesen sein, da er
hohe geistliche Amter inne hat, wie sie in damaliger Zeit nur an
Adelige verliehen wurden. Und dennoch scheint auf dem Gemälde
der Pariser Handschrift das Abzeichen der edlen Herkunft zu fehlen.
Wir können nicht annehmen, daß der Maler es deshalb ausgelassen,
weil er eine geistliche Persönlichkeit darstellte, welche mit Schwert
und Helm nichts mehr zu thun hatte. Vielmehr steht diesem im Wege,
daß sogar der Bruder Eberhard v. Sax, welcher doch ein Prediger-
mönch war, seinen Ritterhelm bei sich führt in einer Scene, wo der-
selbe gar nicht paßt. Wir müssen daher [eine andere Erklärung
suchen. Ich kann nicht feststellen, ob v. d. Hagen wirklich eine
richtige Beschreibung des Bildes uns gegeben hat; so viel ich aus
der photographischen Nachbildung der Pariser Handschrift in der
Universitätsbibliothek zu Heidelberg ersehen konnte, stellt das Gemälde
die Scene dar, wie eine edle Dame einem vor ihr knienden Geist-
lichen das Haar abschneidet. Ist das wirklich der Fall, so wäre das
DIE BEZEICHNUNGEN HEB UND MEISTEB etc. 447
Instrument, welches sie in der Hand trägt, nicht die Spelte, wie
V. d. Hagen sagt (für diese ist es auch merkwürdig lang), sondern das
Ritterschwert des vor ihr Knienden, und somit wäre das Abzeichen
der Ritterschaft gefunden. Ich kann dies jedoch nicht bestimmt be-
haupten ; um vollständig sicher zu sein, müßte das Originalbild noch
einmal verglichen werden.
Bei Alram v. Gresten nun liegt die Sache etwas anders; er führt
das Prädicat her, hat aber weder Schwert noch Helm. Er steht also
scheinbar im Widerspruche mit unserer ausgesprochenen Behauptung,
aber auch nur scheinbar; denn ich glaube annehmen zu dürfen, daß
dieser Minnesinger nicht aus edlem Geschlechte war. Dafür spricht
zuerst sein phantastisches Wappen, welches sicherlich nicht der Wirk-
lichkeit entspricht, ferner die Ungewißheit seines Vornamens, da nach
v. d. Hagen die Vorschrift Waltram zeigt, während der Maler Alram
geschrieben hat, und endlich kommt dazu, daß in der adeligen Familie
von Gresten^ welche ich durch P/a Jahrhunderte ziemlich genau ver-
folgt habe, sich weder die beiden genannten Namen noch ein ent-
fernt ähnlich klingender gefunden haben. Wahrscheinlich war daher
der Minnesinger ein bürgerlicher Dichter, und der Titel her ist dem
Schreiber in die Feder geflossen, weil sowohl vor als nach Alram
ritterliche Sänger verzeichnet stehen. Somit widerstreitet auch dieser
Dichter dem von uns behaupteten ritterlichen Kriterium nicht.
Was Dietmar v. Eist betrifft, dem ebenfalls die adeligen Ab-
zeichen fehlen, so können wir wohl kühn behaupten, daß der Ver-
fertiger der Handschrift über ihn vollständig im Unklaren war. Dafür
können wir anführen das merkwürdige Gemälde und den Umstand,
daß er den österreichischen Dynasten zu einem Mitgliede des Schweizer
Geschlechtes von Ast machte und ihm ungefähr auch das Wappen
desselben beilegte. Ich glaube daher nicht, daß dieser einzige alte
Minnesinger unsere Behauptung umstoßen kann, und wir dürfen
darum jetzt unsere Ansicht als begründet aufstellen. Wir hätten also
auf diese Weise im Ganzen 117 adelige Minnesinger erhalten.
Wenn wir nun sehen, daß Dichter, welche das Prädicat Meister
haben, außer dem Wappen auch noch den Ritterhelm führen, so können
sie unmöglich dem Bürgerstande angehört haben, vielmehr sind
wir nach den obigen Ausführungen berechtigt, sie für Sänger von
Stand zu halten, sie für Ritter zu erklären. Dies ist der Fall bei
Heinrich Teschler, Frauenlob und Fridrich v. Sunenburg, von denen
der Erstere ja in Urkunden schon als her nachgewiesen und auch
Frauenlob schon von anderer Seite das Ritterthum zugesprochen ist.
448 FR. GRIMME, DIE BEZEICHNUNGEN HER UND MEISTER etc.
Treffen wir dagegen Meister, welche zwar ein Wappen haben, aber
keinen Helm, so sind sie zu den bürgerlichen Sängern zu rechnen;
dies ist der Fall bei Hadloub und Regenbogen. Dem Bürgerstande
gehören daher mit Alram v. Gresten 21 Personen an, dem Adel 117;
zählen wir dazu die Winsbekin und Klingsor, so ist die Zahl 140
der Pariser Handschrift erreicht.
Es erübrigt uns nun noch, eine befriedigende Definition von
Meister zu geben; nach dem Obigen ist dieselbe nicht schwer, und
wir erklären daher das Prädicat Meister als die Bezeichnung für einen
Dichter, der innerhalb einer Stadt wohnte und Mitglied des städtischen
Verbandes war, jedoch ohne jede Nebenbedeutung von bürgerlicher
Abkunft. Das Wort muß nun doch einen gewissen Gegensatz zu her
bilden, und dieser kann wohl nur der sein, daß letzteres diejenigen
niedrigen Adeligen andeutet, welche außerhalb der Städte auf ihren
Burgen hausen. Deshalb werden als Meister aufgeführt', trotzdem sie
adelig sind, Teschler aus Zürich, Frauenlob aus Mainz, Fr. v. Sunen-
burg aus Tirol, ferner nichtadelige: Gottfried aus Straßburg, Walter
aus ßreisach, Conrad aus Würzburg u. s. w.
Mit der eben gegebenen Erklärung von Meister steht nicht im
Widerspruche, daß die Ritter Steinmar und Otto zem Turne, welche
sich als Bürger von Städten nachweisen lassen, her genannt werden
und nicht den Titel Meister führen. Beide haben sich erst später als
Mitglieder der Stadtgemeinden aufnehmen lassen , Otto zem Turne
in Luzern gar erst im Jahre 1330, zu einer Zeit, als die Hand-
schrift der Minnesinger wahrscheinlich schon vollendet war. Auch
Steinmar kann unmöglich von Geburt ein Städter sein, da Klingnau,
wo er wohnhaft war, erst im Jahre 1240 von Ulrich von Klingen, dem
Vater des Minnesingers, gegründet wurde, er aber schon seit dem
Jahre 1251 als großjährig in Urkunden erscheint. Beide Sänger
hatten demnach noch außerhalb ihre Burgen und führen daher den
Titel her mit vollem Rechte.
Wir sind am Schlüsse unserer Betrachtung angelangt; nach den
Ausführungen ist der Unterschied zwischen her und meister nicht der,
daß sie adelig und bürgerlich im Gegensatz bezeichnen, sondern her
deutet einen niederen Ritter an, welcher außerhalb der Stadt auf
seiner Burg wohnt, während Meister der eigentliche Titel für einen
Bewohner der Städte ist , mag er nun vom Adel oder aus dem Bürger-
stande sein.
MÜNSTER i. W., November 1887. FR. GRIMME.
W. GOLTHER, DIE WIELANDSAGE etc. 449
DIE WIELANDSAGE UND DIE WANDERUNG
DER FRÄNKISCHEN HELDENSAGE.
Wenn im Folgenden die berühmte Sage von Wieland dem
Schmiede 1) einer genaueren Untersuchung unterzogen wird, so ge-
schieht dies nicht auf Grund neu gewonnenen Stoffes — dieser ist
ja längst genau bekannt und in der für ihre Zeit vortrefflichen Ab-
handlung von Depping'^) bereits fast vollständig beigezogen worden —
sondern von einem neu gewonnenen Standpunkte aus, der dazu ge-
eignet ist, über die dunklen Anfänge deutscher Heldensage Licht zu
verbreiten; an Stelle weit und ungenau gefaßter Vermuthungen sollen
feste Thatsachen treten; das Verschwommene und Unklare wird durch-
sichtig und greifbar. Die Wielandsage ist besonders zu diesem Zwecke
geeignet, da bei ihr diejenigen Bestandtheile, die vor Allem ins Ge-
wicht fallen, in unleugbarer Deutlichkeit am Tage liegen, während
sie sonst erst aus der Umhüllung herausgearbeitet werden müssen,
und an eben dieser Arbeit die gegnerische Ansicht ihren Hauptanstoß
nimmt, durch deren Ablehnung überhaupt die ganze Frage in Zweifel
ziehen zu dürfen vermeint.
Die Wielandsage ist in zusammenhängender Darstellung nur in
nordischen Quellen vorhanden, und zwar mit erheblichen Verschieden-
heiten: in der Volundarkvida und in der tidrekssaga c. 57—79,
In der l*idrekssaga ist die Handlung klar, einfach und ohne Zuthaten.
dagegen ist die Volundarkvida theils bis zur Dunkelheit und Unver-
ständlichkeit gekürzt, theils aber durch fremdartige Zusätze erweitert.
Das Verhältniß der beiden Berichte ist verschiedenartig aufgefaßt
worden; da die ursprüngliche Gestalt der Sage, mit deren Erklärung
wir es zu thun haben, davon abhängig ist, müssen wir uns in Kürze
zunächst damit auseinandersetzen. In der Volundarkvida erscheint
Volundr in Verbindung mit Valkyrjen, Schwanmädchen, Volundr ge-
winnt die Alvitr zum Weibe, indem er ihr die Gewänder beim Baden
») Die Abhandlung von Niedner (Ztschr. f. d. Alt. 33, S, 24—46) über die
Volundarkvida kam mir erst längere Zeit nach Vollendung dieses Aufsatzes zu Ge-
sicht und konnte darum nicht verwerthet werden. Übrigens liegt auch der Schwer-
punkt jener Arbeit auf einer andern Seite als in der meinen. Die Entstehung der
Wielandsage berührt Niedner nur kurz, er erkennt in derselben uralte arische Mythen,
also keine Entlehnung.
*) Veland le forgerou. Dissertation sur une traditiou du moyen äge; par G. B^
Depping et Francisque Michel. Paris 1833.
GERMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIIf.) .Tahig. 29
450 W. GOLTHER
wegnahm. Später aber flog sie ihm davon; darauf werden seine wei-
teren Schicksale berichtet. Wir haben also an Volunds Namen die
weitverbreitete Sage von den Wassermädchen ') geknüpft mit dem
ausschließlich hordischen Sagenzuge, daß diese als valkyrjur
erscheinen. Vermittelst eines Ringes ist ein Zusammenhang dieser
Episode mit der übrigen Sage hergestellt, aber auf sehr ungeschickte
und künstliche, offenbar mißglückte Weise. Im Übrigen steht die Epi-
sode sehr fremdartig in der Sage. Simrock in seiner Neudichtung
„Wieland der Schmied" und Raszmann'') nehmen an, daß die Val-
kyrjensage von Anfang an in der Wielandsage vorhanden war; aber
ihre Rettungsversuche sind äußerst unwahrscheinlich und gezwungen;
dem gegenüber urtheilen Rieger ^) und K. Meyer*) richtig, daß die
Sage von den Schwanmädchen mit der eigentlichen Wielandsage keine
Berührung habe, auch wenn sie an Wielands Name, vielleicht eines
anderen, vom Schmiede verschiedenen bereits in Deutschland sich an-
geschlossen hätte, wie aus dem Gedichte „Friedrich von Schwaben"
zu entnehmen ist. Wir müssen demnach jene Episode völlig aus der
Volundarkvida loslösen und erhalten dadurch einen der ridrekssaga
genau entsprechenden Bericht^). Die also gewonnene Sage erzählte
im Wesentlichen: Wieland der Schmied wurde von einem Könige
gelähmt, damit er ihm Alles schmiede und schaffe. Aus Rache tödtete
er des Königs Söhne; als des Königs Tochter zu ihm in die Schmiede
kam, bezwang er sie und zeugte einen Sohn mit ihr; dann machte
er sich Flügel und flog davon. Diese Sage und zwar mit allen Einzel-
') Litteratuinachweise bei Tawney, Kathä-Sarit-Sägara or Oeean ot tlie streams
of Story, tianslated from Sanskrit, II (1887), p. 452 Anm.
^) Die deutsche Heldensage^ II, p. 212—214; p. 256 Anm,
=>) Germ. III, p. 174 Anm.
") Germ. XIV, p. 285—287.
*) Kürzungen in der Volundarkvida, die zum nothwendigen Verständnisse des
Ganzen aus Ridrekssaga wiederhergestellt werden müssen, sind folgende: Str. 18
ist von einem Schwerte die Rede; offenbar ist Mimung gemeint, von dem aber sonst
in Vkv. nichts vorkommt; der Grund der Lähmung als der Bestrafung des Schmiedes
ist in Vkv. weggelassen; vom Anfertigen der Flügel aus dem Gefieder der Vögel weiß
die Vkv. nichts; sie berichtet nur „Volundr hdfsk at lopti" 20 und 38, was sehr un-
vermittelt ist, wenn wir vom „wie" nichts hören. Widga (Wittich) wird niciit genannt,
obwohl die Sage davon wußte (33). Also der Bericht der Lieder-Edda ist in diesem
Falle, wie auch sonst z. B. bei der Nibelungensage, obwohl an und für sich älter, als
die anderwärts erhaltenen, schlechter als jene und zeigt willkürliche Neuerungen und
Änderungen, während die zeitlich jüngeren und späteren Aufzeichnungen einen älteren
und reineren Stand der Sage bewahrt haben. Darum darf die Lieder-Edda nur mit
Vorbehalt zum Ausgangspunkt der Forschung gemacht werden
DIE WIELANDSAGE etc. 451
heiten läßt sich als bekannt nachweisen in Niederdeutschland, durch
die Pidrekssaga, welche sich im ausgesprochenen Gegensatze zu den
nordischen auf sächsische Quellen stützt, in Deutschland '), bei den
Angelsachsen '^) und in Frankreich^), wo vielfach der Schmied Galand
erwähnt wird. Als unbedingt zusammenhängend ergeben sich die
nordischen und französischen Berichte. Die Form des Namens
des Schmiedes ist eine zwiefache, welche strenge unterschieden
wird^), Weland und Waland. Sämmtliche Stellen der afrz. Gedichte
weisen auf eine ursprüngliche Form Waland zurück, welche auch dem
nordischen Vqlundr zu Grunde liegt. Noch heute stehen sich also fremd-
artig die französischen und deutschen Familiennamen Galand und
Wieland gegenüber. Wir dürfen demnach mit Sicherheit das Erscheinen
des kunstreichen Schmiedes in der afrz. und nordischen Heldensage
mit dem Auftreten der Normannen in Verbindung bringen und haben
eine fränkisch-nordische Form, gekennzeichnet durch den Namen
Waland, anzunehmen. Auf der anderen Seite steht die deutsch-angel-
sächsische Überlieferung mit den lautlich zusammengehörigen Formen
ags. Waland und ds. Wieland, älter ebenfalls Weland, Wealand, Wia-
land^). Die Übereinstimmung der Wielandsage in allen Einzelheiten,
wo sie auch auftritt, verbietet neben anderen Gründen, an eine ur-
gemeinsame germanische Sage zu denken; vielmehr ist die Dichtung
zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Orte entstanden
und hat sich von dort aus zu den übrigen Stämmen verbreitet. Es
wird sich darum handeln, vor allen Dingen diese Wanderung näher
zu bestimmen, weil erst dann weitere Erwägungen möglich sind.
•) Zum Beweise für die Wielandsage in Deutschland kommt in Betracht Wal-
tharius 965; Biterolf 156 ff., 177 ff., der Anhang des Heldenbuches HS. p. 288. Die
verschiedenen, mit Wieland zusammengesetzten Ortsnamen (Mythol.^ p. 350) sind
kein durchaus sicheres Zeugniß für die Sfige, denn der Name Wieland ist ja sehr
häufig, ohne daß dabei allezeit Wieland der Schmied im Spiele ist.
') Ausführlichere Angaben über die Sage in Deors Klage 1 — 12. Waldere
I, 2—4; 11, 8—9; ferner Beöwulf 455; Aelfreds Metra X, 33—34; 42—43; eine Stelle
aus einem lateinischen Gedichte des 12. Jahrhunderts HS. p. 41 ; ans dem 14. Jahrh,
King Hörn HS, p. 278.
') Am vollständigsten sind die Stellen gesammelt von Michel bei Depping
p. 81-95.
*) fidrekssaga c. 69: Velent hin agseti smidr, er Vseringiar kalla Volond.
Ebenso c. 194. Die |>s. ist sich also des Unterschiedes der deutschen und nordischen
Form wohl bewußt.
») Alle diese Formen, auch Weoland und Wioland, Wiland lassen sich mehr-
fach belegen in den libri confraternitatum Sancti Galli etc. ed. Piper in den MG.
Weitere Belege bei Försteraann, Namenbuch p, 1326.
29*
452 W. GOLTHER
Daß die Sage eine ursprünglich nordische ist und also von dorther
zu den deutschen Stämmen kam, ist unwahrscheinlich und steht im
Widerspruche zu anderweitigen Thatsachen, z. B. der Wanderung
der deutschen Nibelungensage. Außerdem müßte dann die nordische
Form Waland auch in deutschen Quellen erscheinen^). Auch „Sachsen",
d. h. Niedeideutschland (in Folge der niederdeutschen Lieder, auf
welche sich die Pidrekssaga stützt) kann die Heimat nicht gewesen
sein. Es kommt als solche nur England und Deutschland selber in
Betracht. Die Angelsachsen aber haben vielfach deutsche Sagen bei
sich aufgenommen, nicht etwa von Anfang an mit hinübergeführt,
sondern in späterer Zeit entlehnt, und so wird es auch hier der Fall
gewesen sein. Über England leitet dann häufig die Strömung deut-
scher Sage zu den nordischen Wikingern. Für die norwegischen
Stämme wenigstens — und diese kommen bei Fragen nach altnor-
discher Sage und Dichtung, wie sie die Edda enthält, in erster Linie
vor den Dänen in Betracht — bildet öfters England die Vermittlerin
südländischer Cultur und Dichtung; die dortigen Verhältnisse, der
längere, oft dauernde Aufenthalt der Wikinger begünstigten derlei Ent-
lehnungen, während die kurzen Sireifzüge in Norddeutschland durch
heerende Nordleute weniger dazu angethan waren. So könnte auch
in unserem Falle vorläufig die Ansicht aufgestellt werden, daß die
Nordleute auf diesem Wege in England die Wielandsage überkamen,
in welchem Falle sie dieselbe dann aus ihrem Stammlande nach
Frankreich mitgebracht hätten. Damit ergäbe sich auch mit der Erobe-
rung der Normandie (876) ein wichtiger Fingerzeig für die Zeitbestim-
mung. Der Verlauf unserer Untersuchung wird darüber belehren, ob die
Voraussetzung einer solchen Verbreitung der Sage gerechtfertigt ist.
Der deutsche Ursprung der Wielandsage (d. h. bei einem der deutschen
Stämme des Festlandes Gothen, Franken, Alamannen) und deren Ver-
breitung von hier aus einerseits nach Nordosten (ridrekssaga) und
anderseits nach Nordwesten zu den Angelsachsen (von diesen weiter
vielleicht zu den Nordleuten?) darf als feststehend angenommen
werden. Unsere Aufgabe ist, den muthraaßlichen Ort der Entstehung
und die Zeit noch enger zu begrenzen und über die Art der Wande-
rung uns aufzuklären. Die Beschaffenheit der Wielandsage, ihr Inhalt,
gibt uns die Mittel dazu an die Hand. Es war von Anfang an nicht
zu verkennen, daß eine augenfällige Ähnlichkeit zwischen der Wie-
') Bereits die verderbte Form der Eigennamen in der nordischen Sage Bod-
vildr, Nidadr oder Nidudr gegenüber ags. Beadohild, Nidhad, ahd. Baduhilt, Niihad
läßt die Unursprünglichkeit des nordischen gegenüber den anderen Berichten erkennen.
DIE WILLANDSAGE etc. 453
landsage und antiken Sagen von Hephaest und Daedalus besteht.
Beide Gestalten sind in Wieland vereinigt. Depping ') nahm den
griechischen Ursprung der Sage als zweifellos sicher an; aber
über die Zeit, zu der sie zu den Skandinaviern kam, von dem Wege,
den sie langsam von Volk zu Volk bis zu den Gegenden des Nordens
nahm, machte er sich keine Vorstellung. Raszmann'^) meinte, bei dem
arischen Urvolke seien solche Mythen bereits vorhanden gewesen, und
daraus lasse sich die Gleichheit der einzelnen Sagenzüge erklären.
Von Vulkan^) wird erzählt, er habe einmal der Minerva nachgestellt,
als sie zu ihm kam; Erichthonius verdankt diesem gewaltsamen Auf-
tritt sein Dasein. Der hinkende Schmied ist in antiker Heldensage
der Schöpfer aller berühmten Waflfenstücke; sie sind 'fi(paiGr6xsvxTa.
Eine Volkssage der Insel Strongyle weiß von Hephaest zu berichten,
was eine englische von Wayland Smith in Berkshire. Daedalus"*)
aber schuf sich Flügel aus Wachs und Federn und entflog so der
Macht des Königs Minos; Icarus stürzte herab wie Eigill in rs. c. 77.
Daedalus soll zuerst Bildnisse der Götter gemacht haben; einmal
machte er eine Heraklesstatue so täuschend, daß dieser mit Steinen nach
ihr warf, weil er sie für lebendig hielt. Damit vergleicht sich Wielands
Bild des Regin rs. c. 66. Daß bei einer so weitgehenden Überein-
stimmung jeder Gedanke an zufällige gleichartige Entstehung aus-
geschlossen bleibt, liegt auf der Hand; allem Anscheine nach handelt
es sich um ein absichtliches Zusammenschweißen der beiden antiken
Sagenstoffe. Die Möglichkeit einer bereits dem indogermanischen Ur-
volke eigenen Masse von mythischen Anschauungen und Bildern soll
durchaus nicht in Abrede gestellt werden. Zu diesen gemeinsamen
Vorstellungen gehört gewiß auch die von Elementargöttern; der über
das Feuer als herrschend gedachte Dämon faßte in seinem Wesen
die Eigenschaften seines Elementes zusammen. So entwickelt sich
unschwer die Vorstellung des Schmiedes; auch die Tücke seines
Charakters ist in seinem Ursprünge wohl begründet. Treffen wir auf
*) a. a. O. p. 50 „on ne peut donc meconnaitre l'origine grecque du roman
de Veland",
') Deutsche Heldensage* II, p. 272.
=) Sagen über Vulkan: Servius ad ecl. 4, 62; ad Aen. 8, 414; Hyjjin 166;
Fulgentius 1, 14; Mythographi vaticani (ed A. Mai, class. auctor. tom. IH und Rode
Scriptores rerum mythicaruin) I. 128; II, 37 u. 40; III, 10, 3. Sage über Strongyle
griech. schol. zu Apollon. Rhod. Argon. 4, 761.
^) Sagen über Daedalus; Servius ad Aen. 6, 14; Schol. ad Stat. Ach. I, 192.
Mythogr. vat. I, 43; II, 121, 124—127; III, 11, 7. Hygin 40. Griech. (die Statue des
Herakles) Apollod. Bibl. II, 6, 3.
454 W. GOLTHEK
Ähnlichkeiten in Sagen von schmiedenden Feuergötteru bei verschie-
denen Völkern, so würden diese durchaus nicht zur Annahme von
Entlehnungen berechtigen, so lange die selbständige Weiterentwick-
lung des einfachen Grundbegriffes in logisch klar fortschreitender Aus-
bildung ersichtlich ist. Die im Einzelnen ausgesponnenen Gedanken
sind bereits im gemeinsamen Urbegriffe beschlossen und brauchen
darum nur daraus entnommen zu werden. Aber daneben machen sich
auch anderweitige fremdartige Einflüsse geltend; in mehr oder weniger
willkürlicher Weise werden Anknüpfungspunkte an andere Vorstel-
lungen, die einem durchaus verschiedenen Gedankenkreise entstammen,
gesucht. Aus einer willkürlichen Vereinigung von unter sich fremd-
artigen Bestandtheilen wird eine neue Sage geschaffen, deren Wesen
eben in dieser Verbindung besteht. In unserem Falle ist eine uralte
gemeinsame Grundlage gewiß auch vorauszusetzen; die schmiedenden
Elbe und Zwerge germanischer Volkssage berühren sich vielfach mit
Vulkan und verwandten Anschauungen. Das Hinken Wielands, sein
tückischer Sinn könnten unschwer aus seinem Elemente erklärt werden.
Aber daß dieser Schmied einem Weibe nachstellt und
davon einen Sohn gewinnt, daß er sich Flügel schmiedet
und davonfliegt aus der Gefangenschaft bei einem feind-
lichen König, das ist Dichtung; nicht aus einer gegebenen
Grundvorstellung bildet dies die dichtende Phantasie der Griechen
und Germanen je für sieh allein heraus, sondern willkürlich sind
mehrere Motive zu einer Sage zusammengefügt. Sobald die genauere
Erwägung des Sachverhaltes die Entstehung einer Dichtung aus dem
Zusammenfügen mehrerer einfacher Begriffe erkennt und wir dieselbe
an mehreren Orten finden, dann bleibt der Zufall ausgeschlossen;
die Sage ist einmal gedichtet worden und von dort aus
weiter gewandert. Das Übereinstimmende ist allein hierdurch
ausreichend erklärt. So kann z. B. der Glaube an das Walten
von Schicksalsfrauen, Parzen und Nornen wohl selbständig bei ver-
schiedenen Völkern sich bilden. Aber wenn diese bei der Geburt
eines Kindes zu dreien erscheinen und diesem so langes Leben ver-
heißen, bis die neben dem Kinde brennende Kerze niedergebrannt ist,
wie bei Meleager und Nornagest, dann darf die Entlehnung einer
solchen Sage nicht geleugnet werden. Eine Sage, bei deren
Bildung offenbar der bewußt und willkürlich schaffende Verstand
eines einzelnen Individuums, nicht etwa der großen verschwom-
menen und unvorstellbaren Menge des „Volkes" in der Vereinigung und
Verarbeitung der einzelnen Theile sich bethätigt, kann nicht auch noch
II
DIE WIELANDSAGE etc. 455
einem anderen Volke, bei dem sie vorkommt, als ureigen zuge-
schrieben werden, weil es doch kaum denkbar ist, daß mehrere un-
abhängig von einander zu derselben eben in willkürlichen, d. i.
nicht durch logische Bande nothwendigen, sondern in zufälligen
psychologischen Vorgängen bedingten Zusammenfassung der Einzel-
heiten gekommen wären. Je freier die Anordnung der Motive
— und eben darin, in dem neuen, vorher noch nicht Dagewesenen
und Ungewohnten liegt das Wesen origineller und genialer Dichtung —
desto mehr beschränkt sich dieser Vorgang räumlich und
zeitlich auf ein einmaliges und einzelnes Vorkommniß.
Die Beachtung dieses Grundsatzes darf von der vergleichenden Sagen-
forschung niemals vernachlässigt werden ; er kommt natürlich auch bei
der Wielandsage zur Anwendung, und damit ist Raszmanns Erklärungs-
versuch hinfällig. Was nun die Entlehnung der antiken Sage anlangt,
so könnte man zunächst an Byzanz denken, zumal wenn dieselbe
in früher Zeit geschah. Da aber wohl Deutsehland die Heimat der
Wielandsage ist, so erheben sich Schwierigkeiten. Wie hätten sich gerade
deutsche Stämme aus Byzanz eine classische Sage holen können,
l'alls sie dieselbe nicht gerade durch Vermittlung der Gothen über-
kamen? Außerdem sprechen entscheidende Gründe dafür, daß die
Fabeln, auf deren Grund die Wielandsage erwuchs, in lateinischer
Sprache abgefaßt waren. Auch hätte wohl kaum eine antike Sage
im germanischen Gewände durch all' die Wirren der Wanderungs-
zeit hindurch ihren Weg nach Deutschland gefunden. Wir müssen
nach einer näher liegenden Erklärung uns umschauen, die sich nicht
bloß auf den Hinweis allgemeiner Möglichkeiten beschränkt, sondern
einleuchtende Wahrscheinlichkeitsgründe beizubringen weiß. — In
seinen Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und
Heldensage hat Bugge den Beweis erbracht, daß eine Reihe von
Sagen und Mythen , die man als durchaus einzig aus nordischem
Geiste entsprungen, als eine dem nordischen Boden bis in ihre letzten
Wurzeln hinab ureigene Pflanze zu betrachten gewohnt war, in viel
späterer Zeit während der Wikingzüge auf die Inseln im Westmeere
entstanden sind und zwar im Wesentlichen auf Grund zweier verschie-
dener Strömungen, der antiken Sagendichtung und der christ-
lichen Mythen, die beide gleich neu und überwältigend auf die
empfänghchen Gemüther der Nordleute einwirkten und zu einer
genialen Umdichtung, die uns eben in den nordischen Sagen entgegen-
tritt, Veranlassung wurden. In England und Irland blühten diese
Studien in besonderer Ausbreitung in der betreffenden Zeit, wodurch
456
W. GOLTHER
den Wikingern reichlich Gelegenheit gegeben war, mit den Stoffen
ihrer Mythendichtungen bekannt zu werden. Bugges Beweisführung
ist so überzeugend und sorgfältig, daß sich auch der anfangs Wider-
strebende bei genauerer Prüfung ihr nicht verschließen kann. Die
Annahme der Bugge'schen Lehre bedeutet aber einen Umschwung
in unseren litterarischen Anschauungen, der für die frühe Zeit in vielen
Punkten mit alt überkommenen Ansichten völlig bricht, und dies ist
auch der Grund, weshalb man sich im Allgemeinen ziemlich ablehnend
und abwartend verhält, obwohl eine geraume Zeit, acht Jahre bereits
verstrichen sind, seit Bugge mit seiner Theorie hervorgetreten ist;
man versäumte dadurch, sich genaue Rechenschaft über die Tragweite
der so vielversprechenden Frage zu geben und an die daraus er-
wachsende Aufgabe ohne Voreingenommenheit heranzutreten.
Wir können hier nicht eine Einzelkritik Bugges geben, sondern
nur einige allgemeine Bemerkungen anknüpfen. In ihren Hauptzügen
ist die Schrift so einleuchtend, daß darüber gar keine Worte zu ver-
lieren sind; Entlehnung liegt vor in den nordischen Sagen. Einzig
über das „wieweit" kann gestritten werden, und darüber ist freilich
nichts Abschließendes bisher erzielt. In Einzelheiten mag Bugge viel-
leicht hie und da Unrecht haben, aber das ändert nichts an der
Hauptsache. Ähnliche Fälle genug können für Bugges Ansicht geltend
gemacht werden; so hört man zuweilen den Vorwurf ausgesprochen,
daß Bugge zu weit gehe, wenn er schöne und ergreifende Dichtungen
aus einer falsch verstandenen und ausgelegten Stelle irgend eines
untergeordneten und unbedeutenden antiken oder christlichen Schrift-
stellers herleitet. Aber verhält es sich nicht mit der gesammten christ-
lichen Mythologie im Ma. ebenso? Welch reiche und phantastische
Sagenbildung wächst hier um eine unscheinbare Bibelstelle, und Miß-
verständnisse des Textes der Vulgata und der Kirchenväter geben
Veranlassung zu Sagen, die weiter wuchern und viel bekannt sind.
Warum sollten die Nordleute nicht auch befähigt gewesen sein, auf
Grund empfangener Eindrücke und Anregungen selbständige Weiterbil-
dungen hervorzubringen? Es ist keine unerhörte Ungeheuerlichkeit,
der hier das Wort geredet wird. Wenn einige Sagen ganz und gar
nur auf fremde Bestandtheile zurückgehen , so wird es sich bei anderen
wieder darum handeln, zu scheiden, was etwa vorher vorhanden
gewesen und nur unter den neuen Einflüssen erweitert und umgestaltet
wurde. Der nordischen Mythologie erwächst eine anziehende, ergebniß-
reiche und dankbare Aufgabe in einer völligen Neubearbeitung, und
daraus wird auch^vieles], was so lange Zeit über deutsches Alterthtim
DIE WIELANDSAGE etc. 457
behauptet worden ist, richtiggestellt. Viele Dinge, die frischweg für
gemeingermanisch gehalten wurden, erweisen sich als sehr späte nor-
dische Neubildungen. Freilich ist es nicht leicht, von einer lange Zeit
gepflegten und liebgewonnenen Ansicht ablassen zu müssen und sich
an ganz neue Auffassungen zu gewöhnen. Dazu gehört vornehmlich
der germanische Mythus, über dessen Umfang manche dichterisch be-
deutsamen Auslegungen von großen Meistern niedergeschrieben wurden.
Und doch ist das, was man unter Mythus versteht, zum großen
Theile ein Wahn. Wo die Erklärung einer Sage aus irgend welchen
Gründen aufhören mußte, da trat der Mythus ein. Die unerklärlichen
Züge der Heldensage sind „mythisch", sie entstammen dem uralten
Sagenhorte der germanischen Völker. Damit kann mau freilich Alles
retten. Aber dem nüchternen Sinne wird eine mit den Verhältnissen
im richtigen Einklänge stehende Erklärung willkommener sein, und sie
allein entspricht auch der Wahrscheinlichkeit. Eine dem Mythus ähn-
liche Rolle spielt z. B. der Begriff der bretonisch-keltischen Sage in
der französischen Litteratur. Auch sie erweist sich immer deutlicher
als ein leerer, gehaltloser Begriff, der die richtige Einsicht in Wesen
und Ursprung der sogenannten bretonischen Epen nur verhindert,
weil mit ihm eine durch nichts bewiesene und auf unhaltbare Gründe
gestützte Hypothese an Stelle eines befriedigenden Aufschlusses vor-
geschoben wird. Wenn hier und dort in den in Frage kommenden
dichterischen Werken Fingerzeige genug vorhanden sind, denen wir
nur mit Sorgfalt nachzuspüren haben, um zu ausreichender Er-
klärung vorzudringen, so wird es sicher gerathener sein, auf diese
festen Anhaltspunkte sich zu verlassen, von ihnen aus ein Urtheil über
Entstehung und Entwicklung der Werke sich zu bilden, als trotzdem
zu jener Hypothese, die in Wahrheit wenig genug sagt, zurückzukehren.
In Bezug auf das geistige Eigenthura eines Volkes an dichterischen
Erzeugnissen war zu sehr die Analogie der vergleichenden Sprach-
geschichte maßgebend. In unserem Falle aber ist das Verhältniß in
weitaus den meisten Fällen ein umgekehrtes: gleiche Züge in Dich-
tung und Sage verschiedener Völker, namentlich wenn sie in größerer
Anzahl nachgewiesen werden können, führen nicht auf einen ur-
gemeinsamen Hort an gleichen, fertig ausgebildeten Anschauungen
und Bildern zurück, vielmehr auf Entlehnung. Was sich im späteren
Mittelalter, wo die Beziehungen des Verkehres unter den Völkern
weiter entwickelt und namentlich auch für uns deutlicher erkennbar
sind, von selber versteht, daß eine Sage, zu welcher ein Seitenstück
sonst irgendwo nachweisbar ist, auf Entlehnung beruht, durch
458 W. GOLTHER
Übertragung vom einen zum anderen wanderte und zu dem gleichsam
internationalen Fabel- und Novellenschatze gehörte, aus dem das
Repertoire des Spielmannes und Kunstdichters bestand, wird nicht
ebenso aufgefaßt und anerkannt, wenn es in einer etwas früheren
Zeit begegnet. Und doch sind die Verhältnisse nicht grundsätzlich
verschieden. Die vergleichende Litteraturgeschichte hat früher einzu-
setzen als mit dem Beginne der wandernden orientalischen Novellen
und Märchen und der Übersetzung aus schriftlichen Vorlagen, wo
sich noch genau das Quellenverhältniß bestimmen läßt. In der älteren
Zeit ist der geistige Austausch ein zufälliger, vereinzelt auftretender,
und fließt nicht gleich einer ununterbrochenen Strömung dahin. Dafür
ist aber auch das Verhältniß von Quelle und Nachahmung ein freieres;
sie stehen so weit von einander ab, daß sie in ihrem inneren Zu-
sammenhange kaum mehr erkenntlich sind. Die Quelle ist hier nicht
eine Vorlage, die in mehr oder weniger freier Weise nachgeahmt
werden soll, sondern sie gab nur die Anregung, den ersten Anstoß
und legte so den Keim zu gänzlich Neuem und Verschiedenem. So
verhalten sich die nordischen Dichtungen zu ihren letzten Grundlagen.
Und dadurch wird das Werk nicht im Geringsten in seinem Wertln'
herabgesetzt; es ist durch und durch nordische Dichtung und als
solche aufzufassen; nur hat sich diese nicht aus einer verschwommenen
grauen Urmasse auf räthselvoUe Art herausgelöst, sondern den Anstoß
gaben Motive aus einer den Nordleuten seither unbekannten, hoch-
interessanten geistigen Welt. Was aber sollte jemals mehr frucht-
bringend für den Aufschwung und die Neubildung der Dichtung sein,
als gerade die Eröffnung ungeahnter und großartiger geistiger Aus-
blicke? Dadurch wird der lebhaft erregten Phantasie neue Nahrung
zugeführt, die sie in freier, unbeschränkter Ungebundenheit verarbeitet.
Die Erschließung neuer Cultur wird für ein lebenskräftiges Volk
die unerschöpfliche Quelle zahlreicher Anregungen. Der geistige Verkehr
vollzieht sich zu jenen frühen Zeiten in ungleich eigenartigerer, origi-
nellerer Weise als später, wenn die litterarischen Erzeugnisse, wie
heutzutage im Buchhandel, von einem Volk zum andern wandern und
Jedem in seiner eigenen Sprache mundgerecht gemacht werden. Dieses
Bild bietet aber im Ganzen die mittelalterliche Dichtung dar. Eine
völlige Neugestaltung und Wiedergeburt eines Stoffes wird schon
darum zur Unmöglichkeit, weil das Quellenwerk selber immer in der
Nähe ist und seinen zwingenden, unumgänglichen Einfluß ausübt.
Aber in alter Zeit ist die Quelle, deren Kenntniß und Gebrauch
schließlich auf dem Walten des Zufalls beruht, nur der äußere Anstoß
DIE WIELANDSAGE etc. 459
und der Ausgangspunkt zu einer neuen Dichtung. Zum Versländnils dieser
letzteren gehört es aber, daß wir auch davon uns Kunde verschaffen.
In diesem hier in aller Kürze angedeuteten Verhältnisse stehen die
Nordleute, als sie im 8. und 9. Jahunderte aus ihrem Stammlande
ausziehend, in welchem sie bisher abgeschlossen von der anderen
Welt und darum auch nur einfacher geistiger, dichterischer Schö-
pfungen pflegend gelebt hatten, in England und Irland auf neue An-
schauungen trafen, welche sie zur Schöpfung der so viel bewunderten
Mythen und Sagen der Edda anreizten , in denen von altem Sagen-
gute, das ihnen von Urzeiten und darum mit den übrigen Germanen
gemeinsam angehörig war, nur sehr wenig und dieses wenige in
gründlich erneuerter Gestalt übrig geblieben ist. Ganz ähnlich steht
CS aber auch mit den festländischen Germanen, als sie in die Sitze
der Romanen einrückten, und dort noch weniger als die Nordleute
in England, bloß Schwerthiebe mit den Bewohnern tauschten, sondern
sich zu dauerndem, friedlichem Zusammenwohnen niederließen. In wie
hohem Grade die Germanen in frühester Zeit südländischer Cultur
zugänglich waren, beweist die Übernahme der lateinischen Schrift in
Form des Runenalphabetes, was wir als das Werk eines einzelnen
begabten Mannes aufzufassen haben, das sich dann in kurzer Zeit
zu allen übrigen Stämmen verbreitete. Auch hierin zeigt sich, wie
empfänglich die Germanen für antike Bildung waren, wie sich aber
andererseits ihre Eigenart in der durchaus selbständigen Verarbeitung
des Fremden (in diesem Falle die neue Anordnung der Buchstaben
in drei Geschlechter und ihre Benennung gegenüber dem lateinischen
Alphabet) kennzeichnet. Gerade die Kenntniß der Quelle des Runen-
alphabets läßt uns viel tieferen Einblick in die schöpferische Kraft
der Germanen thun, als die frühere Annahme, daß die Runen ein
Ureigenthum der Germanen seien. Und wie hier diese Entlehnung
sonnenklar am Tage liegt und nicht mehr in Abrede gestellt werden
kann, so ist auch kein Grund vorhanden, von vorneherein Stellung
zu nehmen gegen die Ansicht, daß auf dem Gebiete deutscher
nationaler Dichtung und Heldensage vieles in ähnlicher Weise aus
antiken Keimen erwuchs, wie dies später in nordischer Heldensage
der Fall war. Die Wielandsage fordert diese Annahme durch ihre
Beschaffenheit selbst. Dadurch unterscheiden sich Sagen, die antike
Elemente enthalten, bei den festländischen Germanen gegenüber den
skandinavischen, daß sie unmittelbar auf die antiken Quellen zurück-
führen, währenddem die Nordleute dieselben durch Vermittlung der
Angelsachsen und Iren überkamen, was natürlich zur Folge hat, daß
460 W. GOLTHER
die nordische Sage im Allgemeinen noch weiter von ihrer Quelle
absteht, als die übrige germanische, da bereits in Folge der Ver-
mittler sich manches Mißverständniß bilden konnte. So deutlich wie
bei der Wielandsage ist der Zusammenhang nirgends ersichtlich, und
gerade hier steht ebenfalls wieder die Volundsage gesondert, weil die
Nordleute sie in ihrer Art ausschmückten. Bugge') hat kurz auf die
Wielandsage hingewiesen, mit dem Bemerken, daß diese Sage, ob-
wohl aus antiken Elementen wie die nordischen Götter- und Helden-
sagen zusammengesetzt, in ihrem ersten Ursprünge auf anderen Ort
und andere Zeit bei den Germanen führe. Diese beiden Punkte näher
zu bestimmen, soll im Folgenden versucht werden, nachdem wir die
allgemeine Giltigkeit und Richtigkeit von Bugge's Lehre erkannt haben,
mit der entsprechenden Modification in Bezug auf ihre Anwendung
bei den außernordischen Germanen.
Die Wielandsage muß bei einem germanischen Stamme entstan-
den sein, der mit der antiken Cultur in unmittelbare Berührung kam;
also kommen an erster Stelle in Betracht die Gothen, Langobarden,
Burgunden und Franken. Für die drei erstgenannten ist die Möglich-
keit allerdings vorhanden; zumal die Ostgothen hätten die beste Ge-
legenheit gehabt, mit den Quellen bekannt zu werden. Andererseits
aber ist zu erwägen, daß die Dauer ihrer Herrschaft besonders wild
bewegt war und sie der Vernichtung und Auflösung anheimfielen, daß
sie mit den deutschen Stämmen jenseits der Alpen in der für die Ent-
stehung der Wielandsage anzusetzenden Zeit in zu loser Verbindung
standen, als daß man annehmen könnte, die Sage hätte so rasch den
Weg nach dem Innern Deutschlands und von da zu den Angelsachsen
gefunden. Wahrscheinlicher wäre der Weg über die Franken , und
das Frankenreich hat überhaupt wohl am meisten Anrecht, die Ent-
stehung der Wielandsage und die Bildung derjenigen Sagen, in denen
antike Bestandtheile verwerthet sind, für sich in Anspruch zu nehmen,
da alle Erwägungen dafür zu sprechen scheinen und sich ungezwungen
alles daran anschließende, namentlich auch die Verbreitung der Sage
von dort aus erklärt. Während die anderen germanischen Reiche iso-
lirt wurden und darum der Vernichtung anheimfielen, so haben die
Franken, schon weil sie keinen vorgeschobenen Posten bildeten, die
Verbindung mit den germanischen Stämmen aufrecht erhalten. So
vermochten sie allein vieles Alterthümliche dadurch, daß sie vor ihrer
gänzlichen Romanisirung es an stammverwandte Völker überlieferten.
•) Studien p. 23 Anm.
DIE WIELANDSAGE etc. 461
in die neue Zeit hinüberzuretten , an erster Stelle einen großen Theil
unserer Heldensage. Den Franken ist ja ohnedieß die erste Ausbildung
der Nibelungensage zuzuweisen, Beweis genug dafür, dass Sang und
Sage bei aller Verwilderung der Merowingerzeit unter den Franken
gepflegt wurde. In Gallien waren die klassischen Studien noch sehr
blühend, als die Franken ins Land kamen '). Dort hatten sich die
Rhetorenschulen lange Zeit bis zu Anfang des 6. Jahrhunderts er-
halten, und die Geistlichen waren zum großen Theil in diesen selber
gebildet, waren erfüllt von dem dort gepflegten Lehrstoffe, und so
rettete sich eben dieser Stoff hinüber in die neue Zeit und erhielt die
Verbindung mit dem klassischen Alterthume aufrecht. Selbst Könige
der Franken wie Chilperich beschäftigten sich mit gelehrten Dingen.
Die Franken hatten also reichlich Gelegenheit, von antiken Sagen zu
vernehmen, und sie ließen dieselbe nicht unbenutzt an sich vorüber-
gehen. Die Thiersage entstand unter den Franken zum Theil auf Grund
der aesopischen in lateinischer Bearbeitung überlieferten Fabeln. Bei
Fredegar (642) erscheint die gelehrte Fabel vom trojanischen Ursprünge
der Franken, die rasch volksthümlich wird und auch in unserer
deutschen Heldensage eine Rolle spielt. Und dies wird sicher nicht der
einzige Fall gewesen sein, daß die Franken aus den antiken Schätzen
entlehnten. Im Mittelpunkt des rhetorischen Unterrichtes stand Vergil ;
zu seiner Erklärung gehörte die Erläuterung der darin enthaltenen
oder nur berührten Mythen, die grammatische Auslegung, die in ety-
mologischen Versuchen auch in die Mythen hereinspielt. Die Samm-
lungen der kurzgefaßten Erzählungen, wie sie in den lateinischen
Mythographen vorliegen, waren viel verbreitet und gelesen. Sie
geben denn auch fast das gesammte Material in verhältnißmäßig be-
schränktem Umfange und gedrängter Kürze an die Hand, und ver-
mittelten die antiken Sagen in bequemer Form der neu anbrechenden
Zeit. Was im Mittelalter an antiken Mythen im Umlaufe ist, lässt
sich meistens hierauf zurückführen. Daneben scheinen merkwürdiger
Weise auch einige griechische Fabeln, die in den auf uns gekommenen
lateinischen fehlen , bekannt gewesen zu sein, wie dies auch Bugge '^)
bemerkt. In zwei Fällen mußten wir über das, was in lateinischer
*) Über den Stand der klassischen Studien in Gallien vgl. im Allgemeinen:
Loebell, Gregor von Tours und seine Zeit (1839) p. 375— 405; G. Kaufmann, Rlietoren-
schulen und Klosterschulen oder heidnische und christliche Cultur in Gallien während
des 5. und 6. Jahrhunderts; in Raumers histor. Taschenbuch IV, 10 (1869), p. 1 — 94;
Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen*, p. 84 ff.; L. Roth, Philologus I, 523 ff.
') Studien p. 22.
462 W. GOLTHER
Form von Vulkan und Daedalus erzählt ist, hinausgreifen ^). Wie dieser
Zusammenhang zu erklären ist, ob weitere lateinische Mythographen
vorhanden waren, von denen keine Kunde auf uns kam oder ob wirk-
lich — was sehr unwahrscheinlich — aus dem Griechischen unmittel-
bar, ohne lateinische Durchgangsstufe, geschöpft worden ist, bleibe
hier dahingestellt. Die kurze Fassung der lateinischen Mythen ist
von größter Bedeutung für die Ausbreitung des Stoffes selber. In
einfachster Sprache niedergeschrieben, oft nur wenige Zeilen enthal-
tend, eigneten sie sich ganz besonders dazu, im Gedächtniß haften
zu bleiben. Die künstlerisch ausgeführte Form der Originale hätte
sicherlich keine der Nachahmungen des Mittelalters hervorgerufen.
Unüberwindliche Schwierigkeiten wären dem bloßen Erfassen der Hand-
lung entgegengestanden. Aber die fabulae haben alles schmückende
Beiwerk fallen lassen, sie geben nur die Umrisse, das Gerippe einer
Handlung. Die kleinen Erzählungen bestehen für sich allein, es ist
nicht nothwendig, mit Aufwand von Scharfsinn und eindringendem
Studium sie von andern erst loszulösen. Keine große Gelehrsamkeit
war nothwendig, um von einzelnen unter ihnen sich genügende Kennt-
niß zu verschaffen; es bedurfte kaum der Einsicht in die Werke
selbst, bloße mündliehe Mittheilung genügte, um einem weiter bauenden
Dichter alles an die Hand zu geben. So mochte es leicht sich fügen,
daß um diesen einfachen Kern eine neue Hülle sich anschloß, so
daß das also erreichte Ergebniß , zusammengehalten mit der ur-
sprünglichen und echten antiken Dichtung, freilich kaum eine Spur
von Ähnlichkeit aufweist, wohl aber werden die Fäden, die vom
einen zum andern spielen, deutlich erkennbar bei dem in der Mitte
stehenden Auszuge. Aus den oben aufgeführten Fabeln hat
also ein Franke die Wielandsage gebildet, ein großartig
gedachtes und kunstvoll durchgeführtes Gedicht gegen-
über den unscheinbaren ihm gegebenen Thatsachen. Die Vereini-
gung der beiden antiken Sagen ist sein Werk; in den latei-
nischen Vorlagen findet sich keine Spur, daß sie vorgebildet gewesen
wäre. Zwar heißt im Griechischen Hephäst einige Male daidaXog ^)
und ein vorauszusetzendes „daedalus Vulcanus" könnte allenfalls auch
für den Dichter der Wielandsage der Grund dafür gewesen sein, statt
des Adjectivums daedalus = kunstvoll den Eigennamen Daedalus zu
verstehen und darum die Sagenzüge des einen auf den andern zu
') Vgl. oben p. 453, Anm 2 und 3.
') Preller, griecli. Mythol. p. 144.
DIE WIELANDSAGE etc. 463
übertragen. Doch vermag ich diese Verbindung nicht nachzuweisen;
übrigens wäre dadurch auf dem klassischen Gebiete selber nur der
äußere Anstoß für den Schöpfer unserer Sage gegeben; denn in dem
allgemeinen Prädicate des Vulkan würde noch keineswegs die Ver-
einigung aller der verschiedenen Bestandtheile zu einer neuen Sage
gegeben sein. Wenn nicht überhaupt nur zufällige Umstände, die wir
nicht mehr zu erkennen vermögen, den Dichter zu einer Neuschöpfung
bewogen, so lässt sich vielleicht eine andere Erklärung aufstellen, aus
welcher äußerliche Gründe ersichtlich sind, Daedalus und Vulcan als
identisch aufzufassen. Die Deutung der Götternamen spielt bei moder-
nen wie alten Mythologen eine wichtige Rolle. Varro ^) führte bereits
aus: ab ignis valore vique ac violentia Vuleanus dicitur. Weiterhin
werden bei Servius ^), Isidorus ^}, Fulgentius *) u. a. Deutungen vor-
gebracht ausgehend von einer Form Volicanus, quod per aerem
volet; ferner volans candor der fliegende Glanz und volans
canus; (volare poetisch [Vergil] vornehmlich von Winden, Rauch,
Blitz) gebraucht. Die Zusammenstellung mit Stamm volo — velle, die
auch vorkommt, berührt uns hier nicht. So thöricht vom sprachlichen
Standpunkte aus solche Etymologien auch sind, so wirkten sie doch
zu ihrer Zeit, und darauf kommt es hier allein an. Vulcan ist
also Volicanus, der durch die Lüfte Fliegende, und es
leuchtet ein, wie ein Franke dazu kommen konnte, die Sage vom
Volicanus mit der von Daedalus, der sich Flügel schuf, qui evo-
lavit, falls ihm dieselbe bekannt war, in unmittelbaren Zusammen-
hang zu bringen. Die etymologische Deutung des Namens Vuleanus
schafft die Verbindung, und nun werden die einzeln überkommenen
Bestandtheile der antiken Sagen unter neu gewonnenem Gesichtspunkte
geordnet. Wie die zwei Hauptpersonen zu einer einzigen zusammen-
fließen, wird auch ihr verschiedenes Schicksal ein einheitliches, und die
Nebenpersonen, welche sich um die beiden noch getrennten Helden ge-
schaart hatten, gehen, ihrem Beispiele folgend, in einander über. Während
Vulcan die Minerva zu bezwingen suchte, Daedalus aus der Macht
des Minos entfloh, so ist nach der Neugestaltung Vuleanus in des
Minos Macht und thut aus Rache seiner Tochter Gewalt an, d. h. in
der Wielandsage treten die Handelnden in neue Verhältnisse ein.
') De lingua latina IV.
') Ad Aen. 8, 414.
^) Origines 8, 11, 39—41.
^) 2, 14. Ferner Mythographus vaticanns III, 10, 4.
464 W. GOLTHER
die mit großem Geschicke erfunden sind, aber ihre Handlungen
bleiben genau dieselben. Man sieht in die Werkstätte des dichtenden
Künstlers, wie er in glücklichem Wurfe aus Gegebenem neues schafft,
und oft genügt eine leise Änderung zu diesem Zwecke. Aber gerade
im Auffinden des richtigen Punktes beruht die dichterische Kunst.
Wie bereits bemerkt worden ist, haben die angelsächsisch-deutsche
und fränkisch-nordische Form der Sage für den Helden die zwei ver-
schiedenen Namen Weland und Waland gebraucht. Beide sind lautlich
nicht zu vereinigen, keiner kann aus dem andern hervorgegangen
seinj aber beides sind germanische Namen, die ziemlich häufig
vorkommen und sich reichlich belegen lassen. Veland begegnet be-
reits inschriftlich, vielleicht im 5. Jahrhundert, in einer jetzt verlore-
nen Grabinschrift, die im Dorfe Ebersheim bei Mainz im vorigen
Jahrhundert aufgefunden wurde ^). Im Übrigen gehört Weland —
Wieland zu den gebräuchlichsten Namen, für deren Vorkommen Piper ^)
und Foerstemann ^) viele Belege geben. Über die Ableitung und Be-
deutung des Namens ist man sich nicht klar. Verfehlt unter allen
Umständen ist die Zusammenstellung mit einem Stamm *viola, ags.
vil, engl, wile, frz. guile u. drgl. ^). Es liegt das germ. geschlossene
e (ags. nord. got. e) vor, das im ahd. Diphthongirung erlitt. Im Ver-
laufe des 8. Jahrhunderts verwandelt sich auf deutsch -fränkischem
Gebiete dieses e zu ea, und weiter ia ie. Demnach kann nur ein
Stamm wel- zu Grunde liegen, der sich aber allein in den nordischen
Sprachen erhalten hat. Dort heißt v61 f. Kunst, Kunstfertigkeit;
smidv^lar sind kunstreiche Arbeiten. Das Verbum v61a bedeutet sich
mit etwas beschäftigen, dann aber auch betrügen. Einige nehmen
für die verschiedenen Bedeutungen zwei verschiedene Worte an.
Übrigens berührt sich der Begriff „Kunst" und „Trug'' leicht, man
denke nur an unser „List" im mhd. und nhd. Sprachgebrauche. Wir
werden demnach ein germanisches Wort *welan (nord. v61a) voraus-
setzen dürfen. Weland ist das Participium dazu, und als solches das
älteste Beispiel eines Eigennamens, der vom Gewerbe genommen ist,
und entspricht demnach den antiken ^aCdalog, Faber, Fabricius.
*) Steiner, Codex inscriptionum romanarura Danubii et Rheni (1852), Bd. I,
p. 271, Nr, 575.
') Libri confraternitatum S. Galli etc. in den Indices.
^) Namenbuch 1326.
*) Mythol.^ p. 351. Förstemann, Namenbuch 1325. Alle Erklärungsversuche ver-
fehlen sich darin, daß sie Weland und Waland als denselben Namen betrachten und
durum nach einer für beide zugleich ausreichenden Lösung suchen.
DIE WIELÄNDSAGE etc. 465
Aelfred gibt den Namen Fabricius in der bekannten Stelle ') seiner
Boethiusübersetzung (ubi nunc fidelis ossa Fabricii jacent?) durch
W 61 and wieder. Wenn diese Bedeutung unserem fränkischen Dichter
noch lebendig war, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß er
Daedalus als begrifflich entsprechend damit übersetzte. Daneben hat
er selber oder ein anderer aber auch den zweiten Namen Waland
gebraucht. Vielleicht bedeutet diese doppelte Namensform eine jüngere
und ältere Bearbeitung der Sage; vielleicht ist sie zufällig: völlig
sicher lässt sich das nicht mehr entscheiden, aber die bestehende
Thatsache müssen wir anerkennen. Auch Waland ist ein germani-
scher Name, der häufig vorkommt ^). Ob wir denselben vom Stamme wal
= Tod, Verderben, oder von walk = wälsch, fremd, wie Foerstemann
meint, abzuleiten haben, ist an und für sich gleichgiltig; unstreitig
vorzuziehen ist die Ableitung von walj vgl. Walo. Wie aber verfiel
der Dichter darauf, dem Schmiede den Namen Waland zu geben, zumal
wenn dieser wirklich der ältere wäre, und sich nicht nur zufällig,
durch die äußere Ähnlichkeit des Lautes herangezogen , zu Waland
gesellt hätte? Hier tritt die Volksetymologie ein, welche, wie Bugge
an vielen Beispielen überzeugend nachwies, eine wichtige Rolle bei
Herübernahme fremder Sagen spielt. Wenn die Sage den neuen Ver-
hältnissen angepasst werden und überall verständlich wirken soll, so
kommt dabei natürlich sehr viel auf die Form der Namen an , die
entweder durch ganz neue ersetzt werden^ oder den Lauten der neuen
Sprache sich völlig angleichen. Da nun der Dichter von Voli-
canus wusste und ihm jedenfalls auch die etymologische
Ableitung bekannt war, so war damit auch der Stamm
volant- gegeben, und dieser Umstand veranlasste ihn, den
Schmied mit dem ähnlich klingenden Waland (vgl. Wolanti-
nus im 9. Jh. bei Foerstemann 1335) zu benennen. Demnach gibt
Weland Daedalus wieder, Waland aber Vulkan und so ist
allerdings die Möglichkeit vorhanden, daß die doppelte Namensform
bereits auch vom Schöpfer der Wielandsage stammt, während die
Nacherzählungen, welche sich darüber keine Rechenschaft zu geben
») HS. p. 29.
') Belege bei Piper, libri confraternitatum etc. im Reichenaaer Verzeichniß
II, 306, 20 Walando; 262, 6 Walaundas. Bei Förstemann 1231 aus dem 8. Jahrh.
Belege aus MG, Pol. Irm (hier auch die Form Valand) Pardessus, diplom. etc. Damit
ist Hofmanns Ansicht (Germ. VIII, p. 10/11) der Volundr -Waland aus dem finnischen
Verbum tcaZoM = gießen, Metall gießen herleitet, widerlegt. Dazu müßte sich Waland
als nordgermanischer Name nachweisen lassen, was nicht der Fall ist.
GERMANIA. Nene Eeihe XXI. (XXXm.) Jahrg. 30
466 W. GOLTHER
vermochten, immer nur den einen oder den andern aufnahmen. Diese
etymologische Deutung des Namens Volicanus erweist sich somit als
äußerst fruchtbringend, als das zusammenhaltende Band der ganzen
Wielandsage. Dadurch veranlasst brachte der Dichter zunächst die
beiden antiken Sagen zusammen, und sie war schließlich auch der
Grund, wesshalb der Schmied gerade den germanischen Namen Wa-
land — Weland erhielt. Daß der Held der also entstandenen Sage
als ein Schmied erscheint, ist leicht verständlich, indem dieser Ge-
danke durch Vulkan gegeben war, ebenso aber durch Daedalus, da
der Begriff „Schmied' in der alten Sprache ein weiterer war, als heut-
zutage und überhaupt den Künstler bezeichnet. Ich brauche kaum bei-
zufügen, daß es ein gewiss verkehrter Schluss wäre, das häufige Vor-
kommen des Namens Wieland^ wie auch des fränkischen Nibilo und
Nibilunc allein aus dem Bekanntwerden der Sagen selber abzuleiten,
ja am Ende sogar in den letzteren überhaupt dessen Entstehung suchen
zu wollen. Die Sage, wo sie bekannt und beliebt wird, kann zwar
viel dazu beitragen, daß ein Name weite Verbreitung gewinnt, aber
an letzter Stelle hat sie selber doch den Namen aus der Wirklichkeit
übernommen.
Es leuchtet ein, daß nach der hier vorgetragenen Ansicht die
Wielandsage keine Spur von einem urgermanischen My-
thus in sich birgt, daß bei ihrer Schöpfung auch nicht die ver-
schwommene Masse des „Volkes" Antheil hat, daß sie vielmehr nur
im Kopfe eines einzigen wahrhaft genialen Mannes erstand,
der wunderbar befähigt war, die verschiedenartigsten Bestandtheile
in glücklichster Weise neu zu formen. Ich denke, wenn unter den
Franken solche dichterische Genies vorhanden waren, so gereicht das
dem germanischen Volk zu hoher Ehre, die dadurch nicht geschmälert
wird, daß die Anregungen für jenen Dichter außerhalb der altüber-
kommenen germanischen Anschauungen lagen. Das Werk wird ein
deutsches und volksthümliches , sobald es dem Dichter gelingt, dem
Fühlen und Denken seines Volkes entgegenzukommen und gerecht zu
werden. Findet er dort Gehör, dann hat er auch das Richtige ge-
troffen. Neben der glücklichen Wahl des Stoffes liegt aber das Ge-
heimniss für die Entstehung einer volksthümlichen, d. h. im Volke
gerne gehörten und weitergetragenen, nationalen Dichtung in der Form.
Sobald diese leicht fasslich ist und den fast überall in derartigen
Fällen typisch geformten Ausdrucksmitteln der Dichtkunst entspricht,
so sind alle dazu nothwendigen Bedingungen erfüllt. Zahlreiche Bei-
spiele hiefür liefern die Volkslieder, zumal die nordischen. Bei vielen
DIE WIELANDSAGE etc. 467
lälit sich der genaue Nachweis erbringen, daß sie auf eine an. saga,
ja auf eine bestimmte Handschrift sich gründen, wodurch ihr gelehrter
Ursprung unleugbar klar ist. Aber weil die Form sich in den einmal
üblichen Regeln hält, so wird das Lied rasch beliebt, geht in den
Volksmund über, wird viel gesungen und tritt seine Wanderung durch
die nordischen Nachbarreiche an, auch wenn der Inhalt gar kein be-
sonders ansprechender ist. Ähnlich haben wir uns das Werk des
Dichters der Wielandsage vorzustellen. Auch er hat seine geniale
dichterische Schöpfung in die Form des unter den Fran-
ken üblichen Liedes oder Gedichtes gegossen, und so wird
sie rasch zum Eigenthum des Frankenvolkes, das sich wenig
darum kümmert, überhaupt gar nichts davon weiß, daß es antike
Sagen, antike Stoffe besingt.
Der Beweis, daß Weland und Waland bereits im Frankenreiche
vorhanden waren und nicht etwa der eine oder andere der beiden
Namen auf der Wanderung der Sage nachmals erst in anderen Län-
dern gebraucht wurde, läßt sich unschwer führen. Ags. Weland und
deutsch Wieland (nd. Velent Ps.) sind identisch. Da nun die Angel-
sachsen weder unmittelbar von den Deutschen d. h. den im inneren
Deutschland ansäßigen Stämmen, noch diese von jenen den Namen
übernommen haben können, so ist klar, daß sie denselben aus ihrer
gemeinsamen fränkischen Quelle übernahmen. Waland aber ist in
die französische Heldensage übergegangen. Von den Normannen kann
der Name darum nicht nach Frankreich gebracht worden sein, weil
im Nordischen nur die Form Volundr vorkommt, welche sich aus
dem fränkischen Waland entwickelt hat, Waland überhaupt aber nur
ein fränkisch -deutscher und kein nordischer Name ist.
Damit kommen wir zur Frage nach der Wanderung der Sage.
Es versteht sich von selbst, daß Angelsachsen und Deutsche die Sage
aus Frankreich überkamen. Nieder -Deutschland, für welches die
tidrekssaga zeugt, könnte vielleicht die Sage ebenfalls von dorther
empfangen haben. Doch bedarf das Verhältniß süddeutscher und nord-
deutscher Heldensage genauerer Untersuchung und Prüfung im Ein-
zelnen, die ich in Bälde anzustellen beabsichtige. Soweit es sich
um ursprünglich fränkische Sagen handelt, könnte man an unab-
hängige Selbständigkeit für beide Theile denken, daß sie nicht in
unmittelbarem Zusammenhange untereinander, vielmehr nur in einem
durch gemeinsame Quellen vermittelten stünden. Dagegen erhebt
sich bei den Nordleuten die Frage, woher ihnen Kunde von der
Wielandsage kam. An und für sich könnte sowohl England als
30*
468 W. GOLTHER
Niederdeutschland in Betracht kommen. Aber dem steht der gewichtige
und entscheidende Umstand entgegen, daß die Nordleute die Sage von
Waland dem Schmiede übernommen haben. Da nun diese Form
des Namens nirgends sonst in der Sage auftaucht, als nur in Frank-
reich, da es auch äußerst unwahrscheinlich ist, daß das fränkische
Waland — Waland = Daedalus Vulcanus irgendwo weiter hingekom-
men wäre, sondern jedwede Entlehnung nur einen der beiden Namen
benützte, so können die Nordleute nirgends anderswo als
nur in Frankreich selber mit der Walandsage Bekannt-
schaft gemacht haben. Was hier mit Sicherheit nachgewiesen
werden kann, ist von weittragenden Folgen für die Beurtheilung unserer
Heldensage, für die Vergleichung der in nordischer und deutscher
Form vorhandenen Sagen, indem wir dadurch an Stelle bloßer Hypo-
thesen festen Grund und Boden gewinnen. Mit Sicherheit lässt sich
daraus die Zeit der Entlehnung der Walandsage bestimmen: sie kann
nicht vor dem Erscheinen der Normannen auf fränkischem Boden, vor
dem 9. Jahrhundert erfolgt sein. Vom Jahre 800 ab beginnen die
Beunruhigungen der fränkischen Küste dem Canal entlang und weiter
hinunter bis zur Seinemündung. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts
werden die Einfälle lebhafter und enden mit der Eroberung. Frän-
kische und normannische Bevölkerung hat sich bald gegenseitig ver-
mischt ^). Friesland war lange Zeit Stützpunkt für die Unternehmungen
der Normannen gewesen. Im Gebiet des Nieder-Rheins und in Flan-
dern, wo die Salfranken unter Chlodovech gesessen waren, war jeden-
falls noch reichlich Gelegenheit gegeben, von den alten Sagen zu
hören, wenn vielleicht im eigentlichen Frankreich dieselben mit dem
Vordringen des Romanischen zurückgedrängt waren. An der nord-
östlichen Grenze haftete das Germanische. Noch 881 rief Ludwigs
Sieg über die Normannen bei Saucourt in der Picardie deutsche und
französische Lieder (Ludwigslied und Gormont et Iserabart) hervor;
also konnten auch noch fränkische Dichtungen in jenen Gegenden
im Umlauf sein. Zweitens darf aus diesem Sachverhalt geschlossen
werden, daß die Verbindung Volunds mit Valkyrjen, wie sie in der
Volundarkvida berichtet wird, eine sehr späte und eigenartige nordi-
sche Neudichtung ist; denn die Franken kannten keinen Valkyrjen-
mythus, der eine ausschließliche nordische Dichtung aus der Wikinger-
zeit ^) ist. Zwischen fränkischer und nordischer Form der Walandsage
*) Steenstrup, Normannerne II, p, 26 ff., 34, 38, 150 ff., 351 ff. u. ö.
') ^S'- Doeine Studien zur germanischen Sagengeschichte I der Valkyrjen-
mythus, in Abh. d. I. Cl. d. Akad. d. Wiss. zu München, Bd. XVIII, p. 401 ff.
DIE WIELANDSAGE etc. 469
zeigen sich auch außer dem bereits völlig genügend beweiskräftigen
gemeinsamen Namen anderweitige Berührungspunkte. In der V9lun-
darkvida stehen neben Volundr zwei Brüder Eigill und Slagfidr.
Dieser Zug gehörte bereits der fränkischen Sage an. In der französi-
schen Heldensage heißt es ebenfalls:
car il furent III frere^ tout d'un pere engerr6:
Galans en fut li uns etc. ^)
Die Lieder-Edda ist bekanntlich ein in Island entstandenes Werk.
Die darin enthaltenen einzelnen Lieder sind aber, wenn auch schließ-
lich in Island niedergeschrieben und redigirt, doch von sehr verschie-
denartiger Herkunft, d. h. sie können auf ältere zurückgehen, welche
in Island nur aufgezeichnet wurden. So ist sicher ein Theil der mythi-
schen Lieder, vornehmlich die von rorr, aus Norwegen bereits wäh-
rend der ersten Besiedelung herübergewandert. Die Rigsjjuia scheint
unter keltischen Einflüssen auf den brittischen Inseln gedichtet worden
zu sein. Der Stoff der Wielandsage und, wie ich hier gleich bemerke,
wahrscheinlich auch derjenige der Nibelungenlieder, ist aus Frankreich
geholt. Da Island 876 besiedelt wurde, also wohl um dieselbe Zeit,
als die Normannen in Frankreich mit der Walandsage bekannt wur-
den, so liegt kein zwingender Grund vor, anzunehmen, daß dieselbe
erst nach Norwegen wanderte und von -dort aus nach Island gebracht
wurde, vielmehr ist es eher wahrscheinlich, daß diese Errungenschaft
der Wikingzeit auch dem Zuge nach Westen gefolgt ist und durch
irgendwelche Schicksale von Frankreich unmittelbar nach Island hin-
übergetragen wurde. Erst später verbreitete sie sich dann von Island
aus bei dem regen Wechsel verkehr mit dem Mutterlande Norwegen
dorthin. Wenigstens sprechen viele Zeugnisse für das Vorhandensein
der Sage in Island, wenig oder wenigstens gar nichts Entscheidendes
für Norwegen. Übrigens würde auch die norwegische Durchgangs-
stufe an unseren Ergebnissen nichts ändern. Nur werden die Lieder
zum allergrößten Theil als isländische Dichtungen aufzufassen sein.
Waland ist im nordischen Munde zu Volundr umgewandelt worden.
Volundr gilt auch als Appellativum zur Bezeichnung eines geschickten
Mannes in Prosa und Poesie (z. B. volundr römu, artifex belli, auctor
pugnae). Hamdismdl 7 „boekr pinar ofnar vohmdiom"' = TtejtXog öaiöa-
log ^). Die sprichwörtliche Anwendung bezeugt auch Pidrekssaga c. 69.
Noch im heutigen Isländisch heißt^ es : hann er mesti volundr =z a
■) DeppiDg, Veland p. 84.
') Belege bei Sveinbjorn Egilsson und GuSbrandr VigfiisBon.
470 W. GOLTHER
great master of a sinith. Es ist am ehesten glaublich, daß Waland
zu Volundr wurde nach Analogie anderer nordischer Eigennamen z. B.
Onundr, und dass dann daraus gleichsam als aus einer „kenning"
sich der sprichwörtliche Gebrauch ableitet. Gudbrandr Vigftisson ')
ist geneigt, ein ursprüngliches Appellativum anzunehmen etwa wie
hofundr. In diesem Falle hätte sich das überkommene Waland daran
angeschlossen. Unter allen Umständen ist aber nur eine Anpassung
des Namens Waland an die nordischen Lautverhältnisse vorauszusetzen.
Volundr stammt also auch am Ende aus Vulkan, aber natürlich nur
durch die fränkische Zwischenstufe hindurch. Im Isländischen tritt die
Bezeichnung vohmdarhüs für Labyrinth, also Daedali domus auf und
lebt noch heute im Volksmunde. Doch ist dieselbe auf einen späten
und gelehrten Ursprung zurückzuführen, und entstand in den Köpfen ge-
lehrter Männer, denen nachmals die Ähnlichkeit zwischen der in isländi-
schen Gedichten überlieferten Volundarsage und der antiken von Dae-
dalus nicht verborgen blieb. Zum ersten Mal begegnet volundarhüs in
der Lilja des Eysteinn Äsgrimsson (f 1361) 92 „en fett pö hvergi hurt
ur VolundarMsi^ , und später in der „Stjörn" (d. i. historia biblica in
commentariis ad Genesin ed. Unger 1853) : Minocentaurus (sie!) birgt
sich i Idborintho, hvert er sumir menn kalla volundarhüs. Damit ist die
Geschichte der Volundarsage ei'schöpft. Es erhellt daraus, daß auch die
Volundarkvida, die man ihrer alterthümlichen Ausdrucksweise wegen
im Vergleiche zu den Nibelungenliedern immerhin zu den ältesten
unter den heroischen rechnen darf, allerfrühestens bis ans Ende
des 9. Jahrhunderts hinaufgerückt werden kann, wahr-
scheinlicher aber erst im Laufe des 10. Jahrhunderts in Island ge-
dichtet wurde. Nach England und Deutschland ist die Sage vielleicht
schon früher gelangt. Die erste deutsche Anspielung ist allerdings der
Waltharius, also aus dem 10. Jahrhundert. Anders liegen die Ver-
hältnisse fürs Angelsächsische. Bereits im Beöwulf (455) wird Weland
erwähnt. Man setzt den Abschluss des Gedichtes ins 6. oder begin-
nende 7. Jahrhundert. Aber schon die christlichen Elemente machen
spätere, vielleicht erst ins 8. Jahrhundert fallende Überarbeitung wahr-
scheinlich. Die Anspielungen auf deutsche Sagen (Wieland und Nibe-
lungen) sind kaum ein ursprünglicher Bestandtheil des Beöwulf, son-
dern spätere Einschaltungen. Die Erwähnung des Weland berechtigt
') Dictionary XXXII. Vgl. bereits Depping, Veland p. 48: „le mot voelund
a existe avant qu'on imaginät 1' histoire du fameux forgeron Veland, tout comme
le mot ö<)ci.d(xKXco existait avant qu'on eüt admis dans la mythologie le personnage de
D^dale."
DIE WIELANDSAGE etc. 471
nicht unbedingt dazu, die Bekanntschaft mit der Wielandsage für die
Angelsachsen bereits ins 6. Jahrhundert zuriickzuverlegen. Deors
Klage, das Widsidlied, Waldere, kurz die ganze Masse der Stellen,
welche Kenntniss der deutschen oder besser fränkischen Heldensage
zeigen, stehen in gegenseitigem Zusammenhange und weisen auf eine
Einwanderung aller dieser Sagen, die kaum vor dem Ende des 7. oder
Anfang des 8. Jahrhunderts erfolgt ist. Die betreffenden Dichtungen
werden ja auch entschieden als jünger betrachtet, als der Beöwulf.
Aber dasselbe Recht müssen wir für die Stellen im Beowulf selber
beanspruchen. Die irisch- angelsächsische Mission während des 7. und
8. Jahrhunderts setzt immerhin einen gewissen Verkehr zwischen dem
Frankenreich und England voraus. Wenn wir die Auswanderung der
fränkischen Sage nach England im Verlaufe des 7. Jahrhunderts, jeden-
falls nachdem die Angelsachsen bereits sämmtlich bekehrt waren, frü-
hestens anzunehmen haben, so ergibt sich, daß ihre Entstehung im
Frankenreiche selbst ins 7. oder 6. Jahrhundert fällt. Das 6. Jahr-
hundert wird am ehesten in Betracht kommen; früher aber als die
Einwanderung der Franken stattfand, über die Zeit der Merowinger-
könige hinaus, kann die Entstehung der Wielandsage unter keinen
Umständen hinaufgerückt werden.
Wir sind berechtigt, viele von den für die Wielandsage gewon-
nenen Ergebnissen auch auf andere Sagen zu übertragen^ wodurch
uns überhaupt ein lichtvollerer Einblick in die Entwicklungsgeschichte
unserer Heldensage zu thun verstattet wird, als man seither es ver
mochte. Wir haben uns zunächst daran zu gewöhnen , nicht im all-
gemeinen von einer germanischen oder deutschen Heldensage
zu sprechen, sondern mit strenger Unterscheidung von einer fränki-
schen, süddeutschen, norddeutschen, nordischen und
angelsächsischen, und unter Umständen von den Wanderun-
gen der einen zu den übrigen. Wir verstehen unter dem Be-
griffe „fränkische Heldensage" diejenigen Sagen, von denen der
Nachweis erbracht werden kann, daß sie unter den Franken entstan-
den sind. Es liegt auf der Hand, daß die Entstehung und Ausbildung
einer Sage durchaus nicht mit ihrer Wanderung zeitlich zusammen-
fallen muß , ebensowenig daß die einzelnen Stämme zur selben Zeit
eine Sage entlehnten; die Blüthezeit der Heldendichtung im Franken-
reich bedingt durchaus nicht die Blüthe der angelsächsischen oder
deutschen. Kurz, jeder Stamm will unabhängig und für sich allein
betrachtet sein; dann aber ist auch Hoffnung vorhanden, daß mit Hilfe
der uns zu Gebote stehenden geschichtlichen Erwägungen sich man-
472 W. GOLTHER
ches deutlicher hervorstellen wird. Für die Wielandsage durften wir
das Frankenreich als Heimat, das 6. Jahrhundert als Entstehungszeit
annehmen. Ebenso verhält es sich mit der Nibelungensage , die zur
selben Zeit in Frankreich entstand *). Die geschichtlichen Ereignisse,
aus denen die letztere hervorging, fallen ins 5. Jahrhundert. Aber
erst am äußersten Ende des 5. Jahrhunderts , nach der Alamannen-
schlacht 496, rückten die Franken in das altburgundische Gebiet am
Rheine ein, wo seit der Verpflanzung der Burgunden nach Savoyen
die Alamannen gesessen waren. Main- und Neckarland ward von
dort ab fränkisch, die Alamannen zogen sich nordwärts. Erst in der
zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts, also nach Dietrichs Tode (526),
konnte die Sage vom Untergange der Burgunden, vielleicht auf Grund
älterer, dem Ereignisse noch näherstehender Lieder, zur epischen Dar-
stellung gelangen. Daß die Franken aber eine ziemlich ausgedehnte
volksthümliche Epik besaßen, beweisen die vielfachen dichterisch aus-
geschmückten Geschichten, die sich an die Namen der Merovinger
knüpften, und von denen uns Gregor von Tours, im 7. Jahrhundert
') MüUenhoflf, Zur Geschichte der Nibelungensage, Ztschr. f. d. Alt. 10, 146 bis
180; die alte Dichtung von den Nibelungen ebenda 23, 113 — 173 beweist die Ent-
stehung der Sage unter den Franken im 6. Jahrhundert, aber zieht daraus nicht
die sich ergebenden Folgerungen für die Wanderung nach Osten, Norden und Westen.
Unsere Ansicht weicht vornehmlich darin von der seinigen ab , daß die Nibelungen,
sage nicht schon im 6. Jahrhundert zu den Nordleuten kam, im 9. Jahrb. zum zweiten
Male, im 13. Jahrh. zum dritten Male; sondern nur zweimal: im 9. Jahrb. von Frank-
reich, im 13. Jahrh. zum zweiten Male durch norddeutsche Vermittlung; ferner daß
das mythische Element, dem Müllenhoff einen großen Raum in der alten fränkischen
Sage einräumt, in dieser gar nicht vorhanden war, sondern erst im 9. Jahrh. aus
dem neuerblühten Glauben der heidnischen Wikinger hereindrang. Bei so verändertem
Standpunkte tritt die Ansicht von dem Vorhandensein einer fränkischen Sage mit
wesentlich neuer und verschiedener Beurtheilung der Gesammtverhältnisse auf. —
In Bezug auf den zweiten Theil der Sage , die Ereignisse an Etzels Hofe , ist offen-
bar die nordische Form alterthümlicher, weil sie sich mit den geschichtlichen Ereig-
nissen deckt. Aber es ist kein Grund vorhanden, deshalb die Sage bereits zwischen
555 — 583 auswandern zu lassen, wenn alle anderen Erwägungen mit Entschiedenheit
dagegen sprechen. Wenn die sogenannte deutsche Sagenform wirklich auf die zweite
Vernichtung des burgundischen Reiches durch Chrödhild 583 zurückzuführen ist,
so hindert uns nichts, für Frankreich, zumal bei der Scheidung zwischen nördlicher
und südlicher Version [denn an geschichtliche Vorgänge im Süden des Franken-
reiches schließt sich ja die deutsche Form an] das Nebeneinanderhergehen zweier
Berichte anzunehmen. Doppelte Versionen von einer Sage, die sich ausschließen, sind
doch nichts Unerhörtes in einem und demselben Lande. Man denke nur an die alt-
überkommene isländische Sigurdsage und die neugebildete, welche am Ende sammt
der neuentlehnten niederdeutschen alle zugleich nebeneinanderlaufen.
DIE WIELANDSAGE etc. 473
noch in höherem Maße Fredegar und die Gesta Francorum zahlreiche
Proben darbieten ^). Als fränkische Dichtung haben wir auch die Sage
von Walthari und wenigstens einzelne Theile der Dietrichsage aufzu-
fassen. Alle diese Sagen sind aber bei einem bereits zum Christen-
thume bekehrten Volke entstanden; sie lehnen sich, gleichwie nach-
mals das französiche Nationalepos, an das wirkliche geschichtliche
Leben an, oder sie nehmen ihre Stoffe aus der neuerschlossenen Cultur,
wie die Wielandsage. Von altheidnischen Göttermythen ist
wenig und sicher nur sehr Untergeordnetes darin enthal-
ten. Das charakteristische Wesen der verlorenen fränki-
schen Sagen geben die mhd. Bearbeitungen, die in Eng-
land vorhandenen Bruchstücke und Anspielungen, die ndd.
in der ridrekssaga überlieferten Gedichte in viel treuerer
und echterer Weise wieder, als die nordischen Berichte,
welche mit dem während der Wikingerzeit neu entstande-
nen phantastischen, bunten Mythus die überkommenen
einfachen Originale durchgreifenden Neugestaltungen un-
terzogen haben, die aber um fast 300 Jahre jünger sind,
als die Entstehung der fränkischen Sage selbst^). Es war
ein durchaus verfehlter Versuch, aus den nordischen Quellen
die deutschen erklären und berichtigen zu wollen, und er
ist auch nie in einer irgendwie befriedigenden und wahrscheinlichen
Weise gelungen. Die genannten Sagen von Wieland, den Nibelungen
und Walthari standen allem Anscheine nach in einem gewissen Zu-
sammenhange und sind darum als ein Ganzes ausgewandert; wenig-
stens sehen wir überall diese Stoffe zugleich auftreten. So in Eng-
land im 7. oder 8, Jahrhundert. In Deutschland wurde Walthari im
10. Jahrhundert lateinisch gedichtet; ebenso auch die Nibelungen,
wie aus der bekannten Stelle Klage 4145 ff. zu entnehmen ist. In der
Pidrekssaga ist vollends alles bei einander. Auch die nordisch -islän-
dische Sage hat Volund und die Nibelungenlieder beisammenstehen.
Zugleich mit der Wielandsage ist demnach auch die Nibelungensage
zu den Nordleuten gewandert, im 9. Jahrhundert. Auf diese Zeit
') Vgl. darüber Pio Rajna, le origini dell' epopea francese p. 47 — 93; auch
245—73, 285-99.
') Für die Nibelungensage habe ich durch eine Vergleichung der nordischen
und deutschen Form diesen Beweis ausführlich zu erbringen versucht in der bereits
erwähnten Schrift: Studien zur germanischen Sagengeschichte II. über das Verhältniß
der nordischen und deutschen Form der Nibelungensage (Abb. d. Akad. d. Wiss. zu
München, Bd. XVIII, p. 439 ff.).
474 W. GOLTHER
weisen auch alle Zeugnisse für die letztgenannte Sage. Mehrfach
schimmert der fränkische Ursprung bei beiden noch in ihrer isländisch-
norwegischen Gestalt durch. Hlodv6r der Vkv. deutet auf fränkische
Form Chlodvech ^). Valland und Frakkland der Vkv. und der Nibe-
lungenlieder zeigen die Sage auf fränkischem, und zwar wälschem
Boden, also im eigentlichen Frankenreich vor sich gehend. Sicherlich
erhielten die Nordleute alle geographischen Angaben der Nibelungen-
sage in bester Ordnung überliefert: im Frankenreich oder in Wälsch-
land saßen nach ihrem Begriffe die Volsungar, am Rhein die Bur-
gundenkönige. Etzel war ein Hunne. Auch Herr der Gothen heißt
Gunnar ') mehrfach. Die ursprüngliche Sage hat das fränkische Ge-
schlecht der Walsinge, Sigmund und Sigfred, den ihnen zum Theile
feindlichen Stämmen der Burgunden und Gothen gegenüber gestellt ^).
') So auch Müllenhoff, Ztschr. f. d. Alt. 23, 167. Hlodowech (ahd. Hludwich,
hlojjo = TiXvTo) ist fränkisch. Im ahd. ist Hludwig eine mißverstandene Umdeutung
des zweiten Stammes zu wig = pugna. Allerdings geht nord. i -j- h in e e, über.
Jedoch ist für die Zeit der Übernahme nicht wahrscheinlich, daß dieses Lautgesetz
noch so lebendig war, um -ver aus -wich hervorgehen zu lassen. Gewiß hätten die
Nordleute ein überkommenes wich wie die Deutschen viel eher an den Stamm vi'g
angelehnt. Sie gaben in Hlodver die fränkische Form wieder. Ebenso scheint mir
Sigurdr auf ein fränkisches Sigfred zurückzugehen. Sigurdr ist otfenbar als ein nor-
discher Name aufzufassen, welcher an Stelle eines unverständlichen, jedenfalls unge-
bräuchlichen fränkischen trat, und nicht lautlich aus Sigfrid abzuleiten. Die Eigen-
namen auf fri])u lauteten im fränk. ebenfalls frid-. Jedoch scheint bald dafür fred-
eingetreten zu sein, im 8. Jahrb. herrscht es vor und ebenso später (Waltemath, die
fränkischen Elemente in der französischen Sprache p. 48). Die Nordleute hörten das
fränkische Sigfred und machten daraus Sigr0dr, wie Godr^dr statt Godfr^dr. Sigrj^dr
wäre kaum aus Sigfrid entstanden. Ebenso scheint das ags. Sigeferd das fränk. Sig-
fred wiederzugeben ; männliche Namen auf auslautendes frid waren diesen Sprachen
nicht geläufig. Statt Sigrodr wurde Sigurdr gebraucht. Die Ersetzung überkommener
Namen durch andere in der entlehnenden Sprache gebräuchliche findet dann statt,
wenn sich kein entsprechender vorfindet und der eigentliche Sinn nimmer verstanden
wird. Vgl. jetzt Sievers im arkiv for nordisk filologi V, 2 über den Namen Sigurdr.
') Gripisspa 35 Gunnari tu ha/ndi Qotna drottni Brot af ßr. 11 ai! kann svä
redi Gjüka arfi ok Gota mengi. Akv 21 ist Gunnarr vinr Borgunda und Gotna pjöäan-
Gudrünarkvida II, 16 Grimhildr gotnesk kona.
^) Die Nibelungensage setzt sich aus zwei Bestaudtheilen zusammen: das Ge-
schlecht der Walsunge Sigmund und Sigfred tritt in Verbindung mit dem burgundi-
schen Königsgeschlecht der Gibichunge, oder, wie die fränkische Sage sich ausdrückt,
dem fränkischen der Nibelunge; daher sind die Bezeichnungen Franken, Burgunden,
Nibelungen , Gibichungen völlig gleichbedeutend. Weder in dem einen noch in dem
anderen ist bei nüchterner Betrachtung irgend etwas Mythisches enthalten ; keine
alte Göttersage ist auf geschichtliche Verhältnisse übertragen worden; Alles bleibt
auf rein menschlichem Boden. Dagegen spielen um Sigfred viele märchenhafte Züge :
DIE WIELANDSAGE etc. 475
Durch die Sage selber waren die Burgundenkönige an den Rhein ge-
bunden, und die Handlung wickelt sich dementsprechend auch im
alten Burgundengebiete ab. Zur Zeit der Entstehung der Sage saßen
aber die Burgunden an der obern Rhone und an der Saone im Süden
des Frankenreiches, hinter ihnen die Goten. Es ist daher begreiflich,
wie die Sage dazu kommen konnte, Burgunden und Goten in Zusam-
menhang zu bringen, ja als ein Volk aufzufassen. Daß dies keine
Drachenkampf und Hornhaut, die unverletzlich macht; Ausplaudern der Unverwund-
barkeit durch die Frau; die Kenntniß der Vogelsprache; die Tarnhaut; der Gestalten-
tausch mit Günther; der Gewinn des Hortes in Folge einer schiedsrichterlichen Func-
tion über zwei streitende Parteien; der Kampf mit der freierspröden Jungfrau; das
Märchen vom Dornröschen. Von allen diesen Zügen lassen sich anderwärts Paral-
lelen, oft indische nachweisen. Aber daraus darf nicht geschlossen werden, Sigfred
ist ein vermenschlichter Gott, und seine Geschichte ist dariam ein altheidnischer
Mythus. Vielmehr erweist sich seine Sage zum großen Theile als Dichtung, in der die
Phantasie ungezügelt herrscht. Gegenüber der strengen Einheit der Gibichungen-
Nibelungensage flimmert hier Märchenzauber. Die wenigsten der Märchen aber haben
ihren letzten Grund im urgermanischen Götterglauben, jedenfalls nicht in dem hier
gegebenen Zusammenhange. Wie und woher diese Züge in die Sigfredsage kamen , soll
hier nicht entschieden werden. Nur das eine entnehmen wir daraus, daß auch die
Sigfredsage eine Dichtung ist, kein Mythus, der im heidnischen Götterglauben
wurzelte. Diese Dichtung und ihre ßestandtheile stehen in keinem besonderen Ver-
hältnisse zum heidnisch -germanischen Alterthume, vielmehr gehören sie eher den
Franken an, und sind diesen ohne besondere Gründe nicht abzusprechen. Phan-
tastische Erzählungen können an jede Person sich anschließen, ohne daß diese
darum eine mythische sein müßte. Die fränkischen Märchenzüge und die nordischen
Mythen haben den geheimnißvoUen Schimmer um Sigfreds Gestalt gewoben, der dazu
Veranlassung gab , auch in der Nibelungensage d. h. der Sage vom Königsstamme
der Nibelungen-Gibichungen einen düsteren, unter-weltlichen Nebelmythus anzunehmen,
wozu sie selber nicht die geringste Ursache bietet. — Auch die Sage von Sigmund,
die Werwolfverwandlung, die wunderbare Heilung des Fitela zeigt solche Märchen-
züge ; aber hier liegt bereits wieder der Gedanke an antike Erzählungen sehr nahe.
Die Frage nach der Entstehung der Nibelungensage ist keineswegs hoffnungslos. Sie
läuft auf die zwei Punkte hinaus : 1. wie und woher schlössen sich jene Züge an
die Wälsungen ; 2. warum sind die Sagen von den Wälsungen und Gibichungen-
Nibelungen verbunden worden. Man erklärte dies bisher durch folgende Formel:
Wälsungen und Nibelungen (Günther, Gibich, Hilde) im Mythus.
Burgunden (Günther Gibich, Hilde) in der geschichtlichen Sage.
Daher Wälsungen und Burgunden-Nibelungen in unserer Sage.
Also die Gleichheit der Namen bei den mythischen und geschichtlichen Personen sei
die Ursache davon gewesen, daß der Mythus von den Wälsungen und Nibelungen
auf die Burgundensage überging. Doch ist der ganze Wälsungen-Nibelungenmythus,
sicher das Spiel mit den Namen Günther und Hilde, djurch gar nichts Positives
zu stützen. Ich hoffe, daß es mir noch gelingt, für diese zwei Fragen eine der
Wahrheit nahekommende Beantwortung zu finden.
476 W. GOLTHER
Zuthat der Nordleute ist, leuchtet ein. Für diese lagen alle diese
Reiche einfach im Süden. Von den Hunnen , die den Franken im
6. Jahrhundert, und auch den Süddeutschen im 9. und 10. Jahrhundert
dagegen noch sehr wohl bekannt waren , konnten sie sich gar keine
Vorstellung machen. Die nordische Sage hat darum diese Angaben
als bloße Namen übernommen und in sinnloser Weise Sigfred und
Brunhild zu Hunnen gemacht. Schon aus derlei Thatsachen zeigt sich,
wie frei und unbekümmert die nordische Sage mit der fränkischen
umsprang.
Es wurde bereits bemerkt, daß diese deutsch-fränkischen Sagen
von den Wikingern übernommen wurden und sich so unter den
nach dem Westen ziehenden Dänen und Norwegern verbreiteten, mit
ihnen weiterwanderten, aber wahrscheinlich nicht zurück ins Mutter-
land; wenigstens haben sie dort nicht festen Fuß gefasst. Dänemark
weiß gar nichts von den Sagen der Vplsungar und von Volundr. Nach
Norwegen gelangten sie allerdings späterhin, aber von Island aus.
Für diesen Gang der Ereignisse spricht auch das Bekanntwerden
der Sagen von den Nibelungen in Irland durch die Wikinger im 9.
oder in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, welches von Zimmer ^)
nachgewiesen worden ist. Nur ist Zimmer im Unrecht, wenn er an-
nimmt, dies sei die „zweite Einwanderung" der Nibelungensage im
Norden. Es ist vielmehr die erstmalige, mit der deutschen
Form noch ziemlich übereinstimmende Sagenentlehnung,
die von späteren nordischen Zudichtungen noch frei war,
wie ich dies bereits in meiner Schrift ausgeführt habe. Eine Spur
davon, daß die Sage von den Wikingern übernommen wurde, sehe
ich auch in Atlamäl 95 — 6, wo Gudrun von Heerzügen zur See spricht,
die sie mit Sigurd unternahm. Darin prägen sich die Zustände der
Zeit der Entlehnung ab. Irland im 9. oder 10. Jahrhundert bildet
also eine Station der mit den Westfahrern nach Island wandernden
Nibelungensage. Man wird dieser unserer Ansicht wohl kaum ent-
gegenhalten, daß die Normandie vornehmlich von Dänen besiedelt
wurde und daß die dort Anlandenden auch dort blieben. Denn es
ist nicht ausgeschlossen, daß dieses oder jenes Wikingschiff, nachdem
es an der normannischen Küste angelaufen war, nicht später wieder
weiterfuhr. Und ein einzelnes Schiff, ja ein einzelner Mann genügt,
um die Sage weiter zu tragen; nicht die Masse gibt in solchen Dingen
den Ausschlag. Der Zug der Schiffe ging durch den Canal, die Straße
') Ztschr. f. d. Alt. 32, p. 289—328.
DIE WIELANDSAGE etc. 477
von Calais der Nordküste Frankreichs, der Südküste Englands ent-
lang, dann nordwärts nach Irland, von wo aus der Verkehr mit Island
ein äußerst lebhafter ist'). Wohl aber macht der Umstand, daß in
der Normandie vornehmlich Dänen anliefen, es um so wahrschein-
licher, daß unsere Sage nicht nach Norwegen und von hier aus nach
Island kam, sondern von Frankreich geradewegs über Irland nach
Island.
Die Geschichte der Wielandsage, der Nibelungensage, des Wal-
thari und einzelner Theile der Dietrichsage, also ein beträchtlicher
Theil der Heldensage lässt sich demnach folgendermaßen bestimmen :
die Sagen sind im 6. Jahrhundert unter den Franken in Frankreich
entstanden '■*). Sie bestehen aus epischen Liedern, in welchen das my-
thische Element völlig in den Hintergrund tritt'). Auch die Sage
von Sigfred ist eine fränkische Dichtung, welche mit der vom Unter-
gange der Burgunden in Zusammenhang gebracht wurde. Im 7. Jahr-
hundert ist die Sage zu den Angelsachsen gekommen. Im 8. oder 9.
wanderte sie nach dem südlichen Deutschland. Das fränkisch - ala-
mannische Main -Neckargebiet war die Sti-aße, auf welcher die Aus-
wanderung stattfand. Da die Nibelungensage im zweiten Theile sich
mit den Ereignissen am hunnischen Hofe beschäftigt, so liegt es nahe,
hier Ausführungen zu erkennen , die in den süddeutschen Gebieten
zum Theile neu hinzutraten. Die Hunneneinfälle waren ja immer noch
das Tagesereigniss, und daher fiel ein entschiedenes Gewicht auf die
breite Darstellung dieses Theiles, dem gegenüber der erste Theil, der
auf fränkisch -burgundischem Boden spielte und dort darum auch im
Mittelpunkt des Interesses stand, etwas vernachlässigt wurde. Im
10. Jahrhundert lassen sich lateinische Bearbeitungen der Walthari-
und Nibelungensage nachweisen, was eine vorhergehende deutsche vor-
aussetzt. Die Einwanderung der Sagen in Süddeutschland fand aber
nicht statt, ehe auch die Elemente neuer christlicher Cultur dort ein-
drangen. Wann die Sage den Weg ins niederdeutsche Gebiet fand,
soll später ausgeführt werden. Man könnte an das Vorhandensein
einer von der süddeutschen verschiedenen niederdeutschen oder nord-
deutschen Heldensage denken, welche sich von der nach Süddeutsch-
land wandernden Sage bereits in den Rheingegenden selbst abzweigte,
") Steenstrup, Normanneme II, p. 25/6.
*) Anders Kluge in Gröbers Grundriß der roman. Phil. I, p. 393, der die Salfranken
die (mythische?) Sage von den Nibelungen in die neue Heimat mitbringen läßt.
') Über das Wesen des Epos im Allgemeinen, das nicht auf alten Göttermythen
beruht, richtige Bemerkungen bei Pio Kajna, le origini dell' epopea franc. p. 3 — 24.
478 W. GOLTHER
oder aber überhaupt selbständig von den fränkischen abstammt; doch
ist eine Rückwanderung aus Süddeutschland im 11. oder 12. Jahr-
hundert eher wahrscheinlich. Diese angelsächsischen und deutschen
Sagen haben den überkommenen Stoff in treuer Weise gewahrt, was
darin begründet ist, daß die äußeren Verhältnisse und die herrschen-
den geistigen Strömungen nicht wesentlich von denen der Franken
verschieden sind. Zumal sind alle diese Stämme bekehrt,
werden also durch keine Verschiedenheiten im religiösen
Glauben, durch keine heidnische Dichtung in Versuchung
geführt, irgendwelche gründliche Neuerungen und Um-
gestaltungen vorzunehmen. Im Allgemeinen spielt das Christen-
thum zwar nirgends eine Rolle, aber eben dieser negative Zug, der
sich im Fernbleiben des Altheidnischen äuüert, kommt entschieden
zur Geltung, bereits bei Entstehung der fränkischen Sage. Ganz
anders aber liegt die Sache bei den Nordleuten. Da war
eine gewaltige geistige Bewegung, eine JJmwälzung des
alten Heidenthums zu einem neuen, großartig und phan-
tastisch angelegten und in schönen Bildern ausgeführten,
das den Übergang zur Bekehrung im 10. Jahrhundert ver-
mittelt. Es ist natürlich, daß hier alles aus der Fremde Übernom-
mene demselben Strome folgt und durchgreifende Umgestaltungen er-
fährt. So ist die nordische Nibelungensage, wie auch zum
Theile die Wielandsage eine vollkommene Neudichtung,
in der das Original erst bei scharfer Betrachtung wieder-
zuerkennen ist. Aber es zeigt sich doch deutlich, wie der ganze
schimmernde Mythus sich Zug um Zug angesetzt hat. Nimmermehr
gestattet dieser einen Rückschluss auf die Sagengestalt bei den übrigen
germanischen Stämmen, bei welchen fast keiner von den Zügen jemals
vorhanden war, die man ihnen in so großer Masse aufdrängt, sobald
man die nordische Form der Sagen, weil noch heidnisch, als älter
und echter betrachtet, als die angelsächsisch -deutsche, und die letz-
tere gar aus dieser verhältnissmäßig so jungen Neubildung ableitet.
Für die vergleichende Sagengeschichte wird aber auch noch ein weiterer
Umstand von Belang: weder die deutsche noch die nordische
Form der Heldensage erhalten uns Ursprüngliches; beide
sind abgeleitet von der verlorenen fränkischen, die nur
noch in vereinzelten Nachklängen des altfranaösischen Nationalepos
in ihrer alten Heimat weiterlebt. Man darf also bei einer Ver-
gleichung zwischen nordischer und deutscher Form beide
nicht in unmittelbaren Zusammenhang bringen, als ob
DIE WIELANDSAGE etc. 479
die eine aus der anderen geflossen wäre. Vielmehr ist immer
auf die den beiden vorausliegenden gemeinsamen fränkischen Quellen ^)
Rücksicht zu nehmen, in welchen die vielleicht durch beiderseitige
Abweichung entstandenen kleineren Verschiedeoheiten der ältesten
nordischen und deutschen Sagengestalt gewiss ohne Rest aufgehen
würden. Dieser so gewonnene Standpunkt wird zu einer freieren und
richtigeren Einsicht in die Geschichte der deutschen Heldensage ver-
helfen.
Die Wanderung der Sage läßt sich schematisch darstellen. Dazu
bemerke ich, daß die fränkische Sage X mehrere Bearbeitungen, mög-
licherweise sogar Parallelberichte umfasst, die aber nicht mehr von
einander zu scheiden sind. Es soll hier nur darauf hingewiesen werden,
daß nicht aus einem und demselben Original die ags. , ds. und nds.
Sage hervorgingen, vielmehr vielleicht aus verschiedenen, zeitlich aus
einander liegenden Bearbeitungen, die aber im Folgenden nicht be-
sonders kenntlich gemacht werden. X = eine Reihe epischer Gedichte
von den Nibelungen, Wieland dem Schmied, Walthari und Dietrich,
entstanden unter den Franken im 6. oder 7. Jahrhundert. Y = eine
besondere Abzweigung der fränkischen Sage, aus welcher die süd-
deutsche Sage hervorging. I, II, III die Formen der fränkischen Nibe-
lungensage, welche sie auf Island annahm, I die älteste, mit der
deutschen übereinstimmende, II und III die jüngeren, durch nordische
Neubildungen umgestalteten Formen^). Dan. Lied = dänisches Lied
vom Untergang der Nibelunge, erhalten in Fragmenten und in dem
faeröischen Hogni^). Bemerkens werth ist, daß in Norwegen die Sagen
wieder zusammenstoßen, aber in durchgreifend veränderter Form, die
') Es gibt mehrere Fälle, in welchen deutlich zu Tage tritt, daß weder im
Nordischen noch im Deutschen der alte Stand der fränkischen Sage richtig gewahrt
wurde. So lassen sich z. B. die Namen des burgundischen Königsgeschlechtes wieder-
herstellen , die nach germanischem Grundsatze durch Stabreim gebunden waren :
Gibica, Grimhild, die Kinder Gunthari, Guntrün, Gislahari, Gundomar; Hagano ge-
sellte sich ihnen vielleicht als Stiefbruder. Die nordische Sage hat Gislahari verloren ;
Gutthormr ist nicht etwa lautlich aus Gundomar entstanden , sondern ein dafür ein-
gesetzter nordischer Name, durch annähernden Gleichklang an Stelle des fremdartigen
überkommenen herangezogen. Dagegen hat die deutsche Sage im Nibelungenliede die
Namen arg vernachlässigt; Godomar und Guntrün, sowie Gibeche sind in Wegfall
gekommen und durch neue bedeutungslose Namen ersetzt; Grimhild trat für den
Namen Guntrün ein, Gernot für Gundomar.
'^) Vgl. zu dieser Anordnung meine Schrift über die Nibelungensage p. 487 ff.
^) In Bezug auf die Auffassung des dänischen Liedes verweise ich auf einen
im nächsten Hefte der Zeitschrift für vergl. Litteraturgeschichte erscheinenden Auf-
satz über die nordischen Sigurdslieder (Bd. II, 20ö).
480
ED. DAMKÖHLER, ADER = ABER.
aus Island stammende nordische Nibelungen -Volundsage und die aus
Niederdeutschland übernommene I^idrekssaga.
X (6./7. Jh. fränkisch.
ags. (7./8. Jh.)
südds. Spielmanns-
lieder 11./12. Jh.)
I
y (deutsche Sage im
I 8./9. Jh. lat. Gedicht)
y' (10/11. Jh. erweitert.)
nordds. Spielmanns-
lieder H./12. Jh.)
isländ. I (9. Jh.)
1
II (11./12. Jh.)
III (13. Jh.)
hürnen Seifrid
MÜNCHEN, November 1888
Nibelungenlied Dan. Lied.
(12./13. Jh.)
pidrekssaga
(13. Jh. 1250.)
III a Volsungasaga
(13.' Jh. 2. Hälfie.)
W. GOLTHER.
ADER = ABER.
ader in der Bedeutung 'aber* führt Gr. Wb. auf mit dem Be-
merken, daß dasselbe noch beute unter dem Volke gebräuchlich sei.
Nach Lexer, mhd. Wb. I, 21 kommt ader in oberlausitzischen Ur-
kunden öfter vor. Die Braunschweigischen Schulordnungen von den
ältesten Zeiten bis zum Jahre 1828, von Koldewey, Bd. I haben in
dem vom Verfasser Medier eigenhändig in hd. Sprache nieder-
geschriebenen Entwürfe dreimal ader für 'aber'. Medier stammte aber
aus Hof im Vogtlande. Ferner finde ich ader in einer Urkunde des
Erzbischofs Ernst zu Magdeburg vom Jahre 1513 bei Jacobs, Ilsen-
burger Urkundenbuch Nr. 511: vor unserm official zcu Halberstadt
rechtlich austragen, wu ader nicht, uns gelegenheit des handeis zcu
verstehen geben.
BLANKENBURG a. H. ED. DAMKÖHLER.
K. STEIFF, MITTHEILUNGEN A. D. KÖN. UNIV.-BIBLIOTHEK TÜBINGEN. 481
MITTHEILUNGEN AUS DER KÖN. UNIVERSI-
TÄTSBIBLIOTHEK TÜBINGEN.
Schon mehrmals sind in dieser Zeitschrift Nachträge zu E. Wellers
Repertorium typographicum veröffentlicht worden '). Wir geben darum
hier einige weitere, berücksichtigen aber dabei nur solche Drucke
deutscher Texte aus den Jahren 1500 — 1526, welche auch in Panzers
Annalen der älteren deutschen Litteratur und in T. 0. Weigels The-
saurus libellorum historiam reformationis illustrantium (und Supplement)
vergebens gesucht werden — somit als große Seltenheiten gelten
dürfen. Wenn einige wenige beigefügt sind, welche sich schon in der
einen oder anderen der genannten Bibliographien aufgeführt finden,
so sind dies nur solche, welche dort entweder gar nicht oder so ab-
weichend beschrieben werden , daß die Identität wirklich zweifel-
haft ist.
Die Mittheilungen gründen sich (mit zwei Ausnahmen) auf
Drucke, welche die kön. Universitätsbibliothek Tübingen besitzt.
Fast die Hälfte der folgenden Nummern (nämlich Nr. 1. 3. 6. 7. 8.
9. 11. 19) sind Einblattdrucke (bezw. Bruchstücke), die auf der
Innenseite alter Einbanddecken gefunden wurden — ein neuer Beleg,
wie manche Schätze hier noch zu heben sind, und zwar Schätze
nicht bloß in bibliographischem Sinne. Auch unter den unten folgen-
den Nummern sind mehrere, die ein weitergehendes Interesse haben,
und auf diese werden wir unter II — IV noch näher eingehen.
I.
Nachträge zu E. Wellers Repertorium typographicum").
1. (Spruch, wie man sich in der Pestzeit verhalten soll. c. 1500.)
Wie man sich halten soll | so die pestilencz regnieret. Beginnt links
oben zur Seite eines Holzschnitts: Ir lieben | fründ vn j gute gej seilen.
Endigt am Schluß der Seite: An der kein hiiff nie ward gespart.
o. O. u. J. (c. 1500, vielleicht noch etwas früher.) Folioblatt
mit Holzschnitt: Leichnam Christi von einem Engel gehalten. Zwei
') Vgl. Bd. 25, S. 420, Bd. 28, S. 251, Bd. 29, S. 407.
') Wir glauben uns bei der folgenden bibliographischen Beschreibung der
Drucke mit Rücksicht auf den Charakter dieser Zeitschrift auf das Nothwendigste
beschränken zu sollen.
GEKMANIA. Neue Reihe. XXI. (XXXIU.) Jahrg. 31
432 K, STEIFF
Spalten mit 61 Zeilen in der vollen Spalte. — In Tübingen. (S. unten
unter Nr. II.)
2. (Ave Maria, c. 1500.) Ain aue mai'ia mit ai [fett] \ ue curß
durch die bibel wie maria durch | vil figuren der alten Ee gefiguriert
ist I Beginnt Bl. 2*: Aue [fett] ich griesz dich du iunckfrow rein]
Endigt Bl. 8* p. med.: Sey lob vnd eer ewigklich amen | Gredruckt
zu Tüwingen.
o. J. (bei Joh. Otmar, c. 1500, genauer 1498 — 1501.) Kl. 8».
8 Bl. mit Titelholzschnitt, die h. Familie im Stalle zu Betlehem dar-
stellend. — Vgl. über dieses anscheinend noch ganz unbekannte
Ave Maria des Unterzeichneten Ersten Buchdruck in Tübingen, Tüb.
1881, S. 73 f. — In Stuttgart.
3. (Brief, den Gott selbst geschrieben, c. 1500.) Das
ist die abschrifft vo dem brieff de got selber geschriebe hat [fett] \
Beginnt unmittelbar darunter: '^ Ich warer Jesus cristus gottes
sün Amen. Hie hebet | sich an u. s. w. Endigt Zeile 51: | warer
Jesus cristüs. Amen. S Getruckt zu Straßburg.
o. J. (c. 1500.) Folioblatt mit Holzschnitt, oben zur linken Seite
des Textes, den Erzengel Michael darstellend, wie er den Drachen
tödtet. — In Tübingen.
4. (Emser, Deutsche Satyra auf den Ehebruch, c. 1505.)
Eyn deutsche Satyra vnd straffe des [fett] | Ebruchs, vnd in was
wurden vnd eren der Eelich stand | vortzeiten gehalten, mit Erclerung
vil schöner historien. | Emser [fett] | Beginnt mit einem undatirten
Widmungsschreiben Bl. A ij": Der durchluchtigen Hochgeborn Fürstin
vnd frauen fraujen Barbara u. s. w. Endigt Bl. B 5'' in: Mas gehört
forwar, tzu allen dingen/ | Darunter das Schöffer'sche Druckerzeichen.
0. O. u. J. (Mainz, Joh. Schöffer c. 1505.) 4". 12B1., letztes leer.
Mit Holzschnitt unter dem Titel und auf der Rückseite desselben.
Anderer Druck als der von Panzer], Zusätze 561 c. aufgeführte von
1505; auch Gödeke, Grundriß 2. A. II. S. 225 unbekannt.
5. (Practica. 1506.) Practica Johänis [fett] \ hugonis Cöfluetij,
vff das Fünffzehüdertst vn. vj. | jare in der lobliche vniuersitet Kra-
ckaw practicirt | Jupiter mit hilff Ueneris. [fett] \
8". mit Titelholzschnitt, Jupiter mit dem Viergespann, Venus
mit dem Zweigespann darstellend; darunter noch vier Zeilen Text.
Nur das Titelblatt noch vorhanden. — In Tübingen.
6. (Gebet an Maria, c. 1510.) Wer das nach geschryben
gebet spricht, So man das Aue | maria leüttet, erlangt von de Bapst
MITTHEILUNGEN AUS DER KÖN. UNIV.- BIBLIOTHEK TÜBINGEN. 483
Julio . Ixxx . tusent jar | Ablaß, auff ain yegklichs stücklin gehört
ain Aue raaria. Beginnt: 0 du aller erwürdigeste kingin d' barm-
her-|tzigkait u. s. w. Endigt Zeile 41: | hymelsch Jerusalem Amen,
o. O. u. J. (c. 1510.) Folioblatt mit Holzschnitt oben zur linken
Seite des Textes, die Himmelskönigin mit dem Kinde darstellend. —
In Tübingen.
7. (Ablaßbrief Papst Julius U. zum Zwecke der Auslösung
einer von den Arabern gefangen gehaltenen spanischen Familie, c. 1511.)
W [groß u. fett] Ir Julius der Ander [fett] \ Vß götlicher gnad vnd
fursichtigkeit Christi menschlichs 'geschlechts erlöser vnd behalter:
Vicar | Verweser u. s. w. Endigt Zeile 22: | Fyertzig tag Ablaß dar
zu geben vnd auch geben werden.
o. O. u. J. (1511.) Querfolioblatt. Über dem Text sechs kleine
Holzschnitte. Vgl. Weller 662. — In Tübingen.
8. (Gebet Papst Sixtus IV. 1511—16.) ^ Diß ist das war
gebet das Sixtus der vierd bapst gemacht hat, zu der aller wirdigste
iangfrawe Maria, dar in er erkät hat ir reine vnd vnbeflecte | em-
pfengnüß u. s. w. Ende Zeile 6: | für mich Jesumdeinen sun, vnd
erlöß mich von allem übel. AMEN. Gedruckt zu Tübingen.
o. J. (bei Th. Anshelm, der in Tübingen von 1511 — 16 druckte).
Folioblatt mit großem Holzschnitt über dem Gebet: Maria mit dem
Kinde auf dem Halbmonde und von einem Strahlenkranze umgeben,
unten Jesajas und Maleachi je in halber Figur. Vgl. Centralblatt für
Bibliothekswesen IV, 1887, S. 55. — In München.
9. (Practica. 1518.) Practica deützsch meyster Hansen Vir- [fett] j
düng von Haßfurt vff das . M . ccccc . x viij . Jaer, gemacht zu Eren |
dem durchleüchtigen Hochgeporn Fürsten vnd hern. herren Ludt-|
wigen. Pfaltzgrauen hey Rheyn. Hertzogen jn Bayern des heyli|gen
Romischen Reichs Ertzdruchsessen vnd Chüfürsten.
4". Unter dem Titel ein Holzschnitt, Mars und Saturn darstellend.
Näher kann der Druck nicht beschrieben werden, da von dem vor-
liegenden Exemplar — in Tübingen — nur noch zwei Blätter vor-
handen sind (Titelblatt und Blatt C).
10. (Die Wahl Karls V. betreffend. 1519.) S Von der Chür
vnnd Wal des großmächtigisten | Königs Karolum [sic]^ wie Er yetz
zu Franckfurt ver-|schinen, zii romischem K6nig vnd künfftige Kayser 1
erwölt ist worden, mitsambt den Sendtbrieffen, so ] vö bäbstlicher
hailigkeit an die schweytzer geschickt | sint, auch vö den Schwey-
tzern an den babst u. s. w. Rückseite: (^Impressum cum priuilegio
31*
484 ^ STEIFF
u. s. w. Beginn Bl. A ij*: D [Zierinüiale] Em allerdurchleüchtigste,
großme|chtigsten fürsten u. s. w. Ende Bl. E 4' s. med. : ^Gedruckt
vn vollenndt in der Fürstlichen Statt | München durch Hannssen
Schobsser büch|trucker, jn kostumb des erbern hannssen Halsel-
bergs . . . I . . jm Tausendt Fünffhüdert vn | Neüntzehenden jar. Des
zwaintzigiste tags | Septembris.
4P. 18 Bl. Titelholzschnitt. Kaiser Karl V. mit Insignien. An-
derer Druck als Weller 1178. — In Tübingen.
11. (Lied: Maria zart von edler Art. c. 1520.) [Ein L]ob-
gesang vö der iunckfrawen Maria [mit Noten]. Dies über einem Holz-
schnitt, unter demselben: M [große Initiale] Aria zart von edler art,
ein roß on alle doren, Du hast uß macht herwider bracht, das vor
lang was verloren, | u. s. w. Endigt Zeile 10: | ... hie vnd dort
mein leben
o. O. u. J. (c. 1520.) Folioblatt. Der Holzschnitt trägt das Mono-
gramm des ürsus Graf und stellt Maria mit dem säugenden Kinde
auf einer Bank an der Stadtmauer sitzend (im Hintergrunde die Stadt)
dar; bisher noch nicht bekannt. Rechts und links davon und wohl
auch zwischen dem Holzschnitte und dem Marienliede waren Noten,
die aber im vorliegenden Exemplare sammt einem Theile der Über-
schrift (s. o.) weggeschnitten sind. — In Tübingen. (S. unten unter
Nr. HI).
12. (Argula v. Stauff, Christliche Schrift. 1523.) Ein
Christennliche schrifft [fett] \ einer erbaru frawe vom Adel, darin \
sie alle Christenliche stendt vnd obri- | keiten ermant, Bey der war-
heit vnd ( dem wort gottes züpleiben, vn solchs ( aus Christlicher
pflicht zum ernstj liebsten zu handthaben. | Argula Staufferin. [fett] i
M.D.XXiij [fett] \ Actuum. iiij. | Richtent jr selb u. s. w. Beginnt
Bl. a ij*: Dem Durchleuchtigen hochge-|borenn u. s. w. Endigt Bl. 6*
fin.: Argula von Grunbach | ein geborne vö Stauff.
o. O. 4". 6 Bl. Mit Titeleinfassung. Andere Ausgabe als Weller
2699. Vgl. Panzer II. 1886. - In Tübingen.
13. (Jac. Strauß, Wider den Wucher. 1523.) C^^aubtstuck
vnd 1 Artyckel Christen- [fett] \ lieber leer widder den vnchryste-
lyche wuecher, darumb et-]lich Pfaffen tzu Eyssejnach so gar vn-
ruwig I vnd bemuhet ( synt. | Laß her gehe Chri-|8tus lebt noch, j
D. Jacobus Stranß [sie] zu ] Eyssenach Ecclesiastes. | M.D. XXIII.
Beginnt Bl. 2*: Jhesus. | i Gottes gebott sind al vnuberwintlich
u. s. w. Endigt Bl. 4* s, fin.: Geprediget zu Eyssenach durch | D.
Jacob Strauß etc. xxiii.
MITTHEILUNGEN AUS DER KÖN. UNIV.- BIBLIOTHEK TÜBINGEN. 485
o. O. 4°. 4 Bl., letztes leer. Mit Titeleinfassung. Andere Ausgabe
als die bei Panzer IL 1995. 1996 aufgeführten. — In Tübingen.
14. (Beschwer dendesAdels. 1523.) Anbringen der Grauen [fett] \
Herren, gemeyner Ritterschafft vnnd | andrer Key. Maiestat Stathalter
vnd I den Reichs stenden, Szo [sie] ym xxiij. yar | zu Nurmberg ver-
samelt gewest vber-[antworr [sie] worden. | Zum ersten des Adels
besch werde, wid'jder [sie] Forsten vnd hohe öbrigkeyt. L. 24: Zum
Newnden beschwerung von de | Geystlichen ym Römischtn [sie] Reych.
Beginn Rückseite: D [Zierinitiale] Vrleuchtigster hochgeborner fürst
Key-! serlicher u. s. w. Ende Bl. E 3* s. fin. : Etlich von Grauen,
herrn | vnd der Ritterschafft etc.
o. O. u. J. (1523.) 40. 20 BL, letztes leer. Titelrandleisten.
Schlechter Druck. — In Tübingen.
15. (Päpstliche Botschaft an den Reichstag zu Nürn-
berg undAntwort derStände. 1523.) Anbrenghen vnde wer [fett] \
uynghe der Bawstlike bödeschop, ny 1 gel ick an Reyserlick [sie] maie-
stadt Stadt] holder, dar tho Chorforsten Forsten | vnde stende des hil-
ligen Rycks 1 tho Nurnberch gescheen, den | Turcken, vnde Doctor
Lu|thern belanghende vnde | ... | ... | ... | darvp gegeuen | ant-
wordt. I M.D.xxiii. [fett] | Beginnt Bl. 2°': Anbrenghen vnde wer-
binghe der pawstliken bodeschap | u. s. w. Endigt Bl. 1^ p. in.:
Actum Sabbato post octauas Trium regum.
o. O. 4". 8 Bl., letztes leer. Titelrandleiste. Auf der Rückseite
des Titels ein Holzschnitt: Hadrian VI. — In Tübingen.
16. (Diebolt Peringer, Sermon. 1524.) Eyn Sermon gepre-
diget vom [fett] I Pawren zu Werdt, bey Nurmberg, am | Sontag vor
Faßnacht, vö | dem freyen willen | des Menn-j sehen. Beginn t Bl. A ij*:
SEyttemal alle ding geschehen, [fett] \ Endigt Bl. B iij*' med.: | Gott
der herr. | Amen.
0. O. u. J. (1524.) 4«. 8 BL, letztes leer (fehlt). Titelholzschnitt,
einen Bauern mit einem Dreschflegel darstellend. Vgl. Weller 3094.
Der „Pawr zu Werdt" ist Diebolt Peringer oder D. Schuster aus Ulm;
s. über ihn Weyermann, Neue Nachrichten von Gelehrten u. s. w.
aus Ulm, 1829 S. 388 f.
17. (Rechtfertigung der Reformation in Nürnberg. 1524.)
Grund vnd [groß u. fett] vrsach ausz der haylige schrifft [fett] wie
vnd warumb, die Erwirdigen | herren, baider Pfarrkirchen S: Se-;balt
vnd sant Laurentzen Probst zu | Nurmberg, Die mißbreuch bey der |
hailigen Messz, Jartag, Geweycht | Saltz, vnd wasser, sampt etlich- |en
andern Ceremonien abge-|8telt vnderlassen vnnd ge-|endert habenn: |
486 K- STEIFF
Nurmberg ] Paulus. 2. Corinth. 10. | C Die waffen u. s. w. Beginn,
mit einem Brief d. d. 21 des Weinmonats 1524, Bl. A ij*: A [Zier-
initiale] Llen vn jeden Christliche [fett] \ Personen u. s. w. Ende
Bl. K iij" med. : A M E N | Der Fryd Gottes sey mit euch allen. |
0. O. u. J. (1524.) 4°. 40 BL, letztes leer. Titelrandleisten. —
In Tübingen.
18. (Verraahnung Landgraf Philipps. 1525.) Ein Christ-
[groß u. fett] 1 liehe vormanunge, Landt-|graff Phlips [sie] von Hes-|
sen etc. An den Gar-'dian zu Marg-|burg [sie] .' . \ Anno Domini |
M.D.XX V. I [groß u. fett]. Beginn Bl. A ij'': Philips vö Gots [groß
u. fett] 1 gnaden u. s. w. [fett]. Ende Bl. A 4^ med.: |... abfallen,
wolt etc. I (^ Gedruckt zu Aldenburgk durch Gabriel Kantz. |
4". 4 Bl. Mit Titeleinfassung. Vgl. Weller 3611. — In Tübingen.
19. (Lied: 0 Her re Gott dein gött lieh Wort u. s. w. 1526.)
DISCANTVS [darmiter zwei Reihen Noten] ALTVS [wieder zwei Reihen
Noten] BASSVS [ebenso] TENOR [ebenso, zwischen den beiden Notenreihen
Beginn des ersten Verses:] O Herre Gott, dein göttlich wort, ist lang
verdunc kelt bliben. [Darunter :] Biß durch dein gnadt, vns ist gesadt,
was Paulus hat ge schriben. Vnd andere Apostel mhe [sie]. \ — Nach
den Notenreihen die übrigen Verse ; Schluß: | ... frölich vnd willig
sterben. | M.D.XXVL | GOT . MIT . VNS. | A. H. Z. W. S. V. R. ;
o. O. Großes Folioblatt. Randleisten (zwei Säulen mit Orna-
menten). — In Tübingen. (S. unten unter Nr. IV.)
20. (Kaiserliches Ausschreiben eines Reichstags nach
Speyer d. d. Eßlingen 1. Febr. 1526.) Karl von gottes gnaden
E. Römischer Kayser, zu allen zeitten merer des Reichs, jn Ger- |
manien ... | Beginnt: Rsamer lieber Andechtiger. Als wir jüngst
auß treffenlichen obligenden beschwerden u. s. w. Schließt Z. 33: |
. . . vnserer Reiche des Römischen im Sibenden, vnd der andern aller
im aylfften jaren.
0. O. (1526.) Querfolioblatt. — In Tübingen (das Exemplar unter-
schrieben von Erzherzog Ferdinand und adressirt an den Abt des
Gotteshauses zu Schaffhausen).
IL
Wie man sich halten soll so die pestilencz regnieret.
Der Spruch mit dieser Überschrift, von welchem wir oben im
I. Abschnitt unter Nr. 1 einen Einblattdruck verzeichnet haben, ist,
so viel wir haben feststellen können, bisher noch nicht bekannt.
Es dürfte daher gerechtfertigt sein, denselben hier zum Abdruck zu
MITTHEILUNGEN AUS DER KÖN. UNIV.-BIBLIOTHEK TÜBINGEN. 487
bringen, umsomehr, als der genannte Einblattdruck vermöge seiner
Seltenheit — ist ja doch bis jetzt nur ein Exemplar nachgewiesen —
einer Handschrift fast gleich zu achten ist. Auf welche specielle
Gegend von Oberdeutschland die dialektischen Eigenthümlichkeiten
des Spruches hinweisen, und wer demnach etwa als Verfasser des-
selben zu vermuthen sein mag, dies zu entscheiden müssen wir Be-
rufeneren überlassen. Nur das Eine sei bemerkt, daß der Spruch in-
haltlich nicht mit den Vorschriften in Heinrich Steinhöwels Regimen
pestilentiae^) übereinstimmt, und daß somit an diesen Ulmer Arzt
nicht wohl als Verfasser gedacht werden kann.
Ir lieben fründ vn gute gesellen
Die das gern habe wolle
Den habe ich dise dinge zesamen gelesenn.
Wüstest du geren wenn pestilencze solt wese
5 Machtu doran nemen war
wen sich das wetter verwandelt gar
Summerzyt mit nebel vnd ouch regen
Mit dunckelheyt vnd ouch mit wegen '^)
Vnd so wurm sind vnd mucken vil
10 Vnd so das gefügel im nest nit bliben wil
Vnd dan vil leut geschwer hant
Sie sigend wie sy wollen genant
Mit grosser hicze vnd ouch houptwe.
Dar zu nymm war vnd fürbas me
15 So denn ouch dick fallend die stern
Dann so regnieret die pestilencz fast gern.
wann wir dann ouch solliche zyt hont
So sollent wir dann des sein ermant
Das wir nun gott den herren rüffend an
20 Durch den heiligen herren sant sebastion
Der kan vns wol an gott erwerben
Das niemant doran mag ersterbenn.
wilt sunst wol bewaren dich
So soltu fliehe stestiglich [sic]
25 Wemüt soltu schlahen gancz von herczen
Biß frölich vnd such lust mit scherczen
Das duncket mich gar fast ein guter radt.
Des nachtes so man schlaflfen gadt
So sol man beschliessen die kammern sein
30 Vnd ein guten rouch machen darein
Mit weckolter lorber vnd ouch wermüt
Das ist für den recht bösen lufft gut.
') Mitgetheilt von Karl Ehrle im Deutschen Archiv für Geschichte der Medicin
III, 1880, S. .357 fr. u. 3f4 fif.
•) wehen.
488 K. STEIFF
Auch an dem morgen frü so tu es geren.
Darzu so soltu neme grubelnuß keren
35 Sefenboum vnd rautten gelich vil
Zusammen gemischet ob man wil
Vnd dasselbig ouch nüchtern niessen
Auch wölte es dich denn nit verdrissen
So süde dar zu in clarem weyn salbey
40 Lorberbletter holder soll ouch sein dabey
Treyackers saltu [sic] ouch thün dar zu
Vnd trincke das alles nüchtern frü.
Du solt nit gon ausser dem hausse dein
Vntz du siebest der Hechten sunnen schin.
45 Bruch vast essich in dyner speyse
Heiß [?] lüczel dar na bistu weyse
Iß dar zu brot das nit sey ze alt
Dein speyse sey weder ze warm noch ze kalt
Ob du ouch nach wilpret verlangen hast
50 Ist es Jung ich wer dir es nit vast
Fleysch gebraten füget dir vil baß
Dann gesottenes fürwar wiß du das
Alles obs das ist dir gar schedelich
On boumnuß die soltu esse [sie] frischlich
55 was vndäwig vnd hiczig ist
Das brauch gar wenig zu aller frist
Halt gar gewonlichen stülganck
Güter wein sol seyn dein tranck
Mit Wasser gemischt zu sechstem teyl.
60 In dyner freyden biß nit zu geyl
Vnd lüg das du das nit enlaust
Zu rechter zyt du schlauflfen gaust
Alwegen nach dem nachtmal.
Nyeman lenger schlauffen sol
65 Denn syben stund vnd dar nach wachen,
würde es sich sunst anders machen
Das yemans der gebresten an kam
Der dann wermüt vnd rauten nem
Vnd die mit essich wol zerrib
70 Der gebrest an Im nit belyb
Der es ze stund leyt an die statt,
wer aber des nicht en hat
Der mag senff vnd holder stossen
Dar vff zelegen vnd nit vnder wege lassen.
75 Noch weyß ich ein anderen lyst
Eins nem seynen eigen mist
Vnd schla jnn dar vber also warm.
Kumpt es dyr vnder den lincken arm
MITTHEILUNGEN AUS DER KÖN. UNIV.-BIBLIOTHEK TÜBINGEN. 489
So soltu für sich bald lassen ^)
80 Zwischen dem deinen finger vn de grossen
Zu der milcz ädern on erschrocken.
würd es sich aber also brocken
Das es der recht arm empfieng
So aderlauß zu der lungen gering
85 Zwischen den zweyen mitein ") beyden.
Noch wil ich dich eins bescheyden
kummet es zwischen die schultern dir
Schraffens du denn nicht enbir.
wer es dir aber an den halß kommen
90 So oderlaus vff beyden dummen
Zu dem houpt dem geblut.
Lüg yederman das er sich hüt
Das er nit schlauff ee er lat.
So es dir by dem herczen stat
95 So schlach die ädern der meren
Soltu by dem deinen vinger verseren
Vnd die äderen dar neben.
Bleybt sy dir by der schäme cleben
Vflf der grossen zehen der selben seyten
100 Die du schlahen solt bey zeyten.
Vnd solt gott getruwen wol
Der vns alle behüten sol
Vnd seyn liebe müter maria zart
An der kein hilflf nie ward gespart
III.
Maria zart von edler Art.
Der Text dieses Liedes ist in neuerer Zeit öfter veröffentliclit
worden, so von R. Nyerup in Idunna und Hermode, Jg. 1816, S. 81
(nach einem Drucke des 16. Jahrhunderts), von Ph. M. Körner im
Marianischen Liederkranz S. 250 ff. (ebenfalls nach einem Drucke
des 16. Jahrhunderts, 14 Strophen), von J. Kehrein, Katholische
Kirchenlieder II, S. 25, Nr. 391 (29 Str.) und endlich von Wacker-
nagel, Kirchenlied II, S. 804, Nr. 1036 (nach einer Münchener Hand-
schrift, 11 Str.). Die erste Strophe ist außerdem noch in manchen
anderen ähnlichen Publicationen gedruckt (so bei Meister-Bäumker,
das katholisch-deutsche Kirchenlied, bei Böhme, Altdeutsches Lieder-
buch, bei Hoffmann von Fallersleben, Geschichte des deutschen Kir-
chenliedes). Aber auch nach diesem öfteren Abdruck des Liedes dürfte
') Zur Ader lassen.
') sc. Fingern.
490 K. STEIPF
dei' üben unter I, Nr. 11 aufgeführte Einblattdruck desselben, ob-
schon er nur die drei ersten Strophen umfaßt, Beachtung verdienen.
Denn der in demselben enthaltene Text zeigt Abweichungen von
allen bisher bekannten Texten. Doch genügt es wohl, statt die Stro-
phen selbst mitzutheilen, die Abweichungen von dem bei Wackernagel
a. a. 0. gegebenen Texte zu verzeichnen. Dabei nehmen wir auch die
orthographischen Varianten auf, so daß die genaue Reproduction des
gesammten Textes jederzeit möglich ist.
Str. 1, Z. 3 on alle. Z. 4 Du, uß. Z. 5 herwider bracht. Z. 6
verloren. Z. 7 Von Adams val. Z. 8 wal. Z. 9 sanct Gabriel.
Z. 11 meyn sünd vnd chuld [sie]. Z. 13 dhein trost nit ist. Z. 14
wa du nit bist. Z. 15 barmhertzigkeit erwerben. Z. 16 letsten end.
Z. 17 bit, wend.
Str. 2, Z. 2 du. Z. 3 Altvätter. Z. 4 vnd. Z. 5 we vnd clag.
Z. 6 hielt. Z. 7 zu, zeyt. Z. 8 wünschten sie streyt. Z. 9 auch
das des himelsporten. Z. 10 zerrisß an allen orten. Z. 11 kern.
Z. 12 von jn nem. Z. 13 ir süntlich. Z. 14 als. Z. 15 jungkfrSw-
lich geboren. Z. 16 ist. Z. 17 zeit. Z. 18 ein.
Str. 3, Z. 1 rein. Z. 2 bist allein. Z. 3 vff. Z. 4 Darumb.
Z. 5 owig. Z. 6 müter zu werde. Z. 7 höchste heil. Z. 8 urteil.
Z. 9 jüngsten, würt. Z. 11 O edle. Z. 12 Zuflucht. Z. 13 ich hab
zu. Z. 14 creütz bist. Z. 15 sanct Johanne. Z. 16 du. Z. 17 solt
seine [sie],
IV.
Das Lied: „O Herre Gott, dein göttlich Wort" und sein
V e r f a s s e r.
Der oben bei I unter Nr. 19 aufgeführte Druck dieses Liedes
ist älter als alle bisher bekannt gewesenen ^). Denn der älteste Druck,
von dem man bisher gewußt hat, ist der im Erfurter „Enchiridion
geystlicher Gesenge und Psalmen" von 1527, aus welchem dasselbe
sodann in das von Luther besorgte Kluge'sche Gesangbuch von 1529
und weiterhin in eine ganze Reihe Gesangbücher übergegangen ist.
Vergleichen wir unseren Text mit den in diesen ältesten Drucken
vorliegenden Recensionen, wie sie von Wackernagel, Kirchenlied III,
S. 123, Nr. 163 (nach dem Erfurter Enchiridion von 1527 und nach
dem von 1531) sowie von Mützell, Geistliche Lieder der Evang.
') Er ist von dem Unterzeichneten aus dem Einbände eines Exemplars von
Geisors Opera p. III, Basil. 1489 losgelöst worden.
MITTHEILUNGEN AUS DER KÖN. UNIV.-BIBLIOTHEK TÜBINGEN. 491
Kirche I, S. 58, Nr. 43 (nach Val. Bapst's Gesangbuch von 1545)
wiedergegeben werden, so zeigt derselbe mannigfache Abweichungen,
die sichtlich den Charakter größerer Ursprüuglichkeit tragen. Wir
dürfen daher den in unserem Drucke vorliegenden Text wohl als den
Originaltext betrachten, und von diesem Gesichtspunkte aus möchte
es angezeigt sein, ihn vollständig wiederzugeben^).
0 Herre Gott
dein gottlich wort
ist lang verdunckelt bliben.
Biß durch dein gnadt,
5 vns ist gesadt
was Paulus hat geschriben.
Vnd andere Apostel mhe,
auß deim gütlichen munde
deß dancken dir
10 mit fleiß das wir
erlebet han die stunde.
Das eß mitt macht
an tag ist bracht,
wie clärlich ist vor äugen,
15 Ach Gott mein herr,
erbarm dich der,
die dein itz thun verlange,
Vn achten mer
vff menschen 1er,
20 dan dein gotlich gebothen,
geh ihn verstandt,
das solcher thandt
jo helff auß keynen nothen.
Wiltu nun fein
25 gut Christen sein,
so müstu erstlich glauben,
Setz dein vertraw,
daruff fest baw,
lieb bringt hoffnung mit raube,
30 durch Jesum Christ,
derß alles ist,
dein negsten lieb darneben,
das gwissen frei
reyn hertz darb ei,
35 wirt keyn cretur dir geben.
Alleyn herr du
müst solichs thu
auß ganz lauttern genaden,
Wer sich des trost,
40 der ist erlöst,
vnd kann ihm niemandt schaden,
Ap [sie] weiten gleich
Babst, Keyser, reich
dich vnd dein wort vertreiben
45 ist doch ir macht
gen dir nichts gacht,
sie müssens lassen bleiben.
Hilff herre Gott
in diser not,
das sich die thun bekeren,
50 Die nichts betrachtn,
dein wort verachtn,
vnd w611ens auch nit leren,
sie sprechen schlecht,
55 es sei nit recht,
vnd habens nie gelesen,
auch nitt gehört
das edel wort,
ists nit eyn teufflisch wesen.
60 Ich glaub gantz gar,
das es sei war,
*) Wir bemerken, daß auch die beigefügte Melodie von der bisher bekannten,
bei Koch, Geschichte des Kirchenlieds, 3. Aufl. VIII, S. 119 angedeuteten, bei Bäumker,
das katholische deutsche Kirchenlied I, S. 347, Nr. 88 vollständig mitgetheilten
abweicht, obwohl diese letztere bereits auch im Erfurter Enchiridion von 1527 vor-
kommt.
492
K. STEIFF
was Paulus vns thut schreiben,
Es muß ehe gsche,
das als verghe,
65 dein gottlichs wort soll bleiben
Inn ewigkeyt,
wer es schon leyt
vil hart verstockter hertzen,
kern sich nit vmb,
70 wie wirt am drumb
der teuffei mit ihn schertzen,
Gott ist mein herr,
so binn ich der,
dem sterben kombt zu gute,
75 durch das dunß hast
auß aller last
erlöst mit deinem blute,
de(J danck ich dir,
drumb wirstu mir
80 nach deinr verheyssung geben,
was ich dich bitt,
versagst mir nitt
am todt vnd auch iin leben.
Herr ich hoff ie,
85 du werdest die
in keyner not verlassen,
die dein wort recht,
alß trewe knecht,
im hertz vnd glauben fassen,
90 Gehst ihn bereyt
die seligkeyt '),
vn idst sie nit verterben,
O herr durch dich
bitt ich laß mich
95 frolich vnd willig sterben.
Außer dieser ältesten Textrecension ist aber noch etwas Anderes
an dem in Rede stehenden Drucke unseres Liedes bemerkenswerth;
das ist der Schluß des Ganzen : GOT . MIT . VNS. A. H. Z. W. S.
V. ß. Es kann kein Zweifel sein, daß hierin der Verfasser sich an-
deutet, vielleicht schon in dem: „Gott mit uns" als seiner Devise,
sicher aber in den räthselhaften Chiffern. Theilweise, aber eben nur
theilweise, sind dieselben auch bisher schon bekannt gewesen, indem
Georg Serpilius (Anmerkungen über P. Sperati Lied: Es ist das
Heyl uns kommen her, 1707, S. 37 und Schriftraäßige Prüfung des
Hohensteinischen Gesangbuchs, 1710, S. 497) über einem Einzeldruck
des Liedes die Buchstaben A. H, Z. W. gefunden hatte. Schon Wacker-
nagel a. a. 0. S. 124 bemerkt dazu: „das könnte A. Herzog zu
Württemberg heißen." Der Bearbeiter der dritten Auflage von Kochs
Geschichte des Kirchenliedes aber, R. Lauxmann, sucht auf Grund
der eben angeführten Chiflfern in einem eigenen Anhange zu Bd. VIII
(unter dem Titel: „O Herre Gott, dein gottlichs Wort. Eine hymno-
logische Studie zur württembergischen Geschichte") den Nachweis zu
liefern, daß Ulrich Herzog zu Württemberg und kein Anderer der
Dichter unseres Reformationsliedes sei''). Auf die näheren Ausfüh-
rungen Lauxmanns brauchen wir hier nicht einzugehen; doch ist
') Druck : aeligkeyr.
') Früher galt mehrfach, jedoch mit Unrecht, Paul Speratus für den Dichter
des Liedes, das seiner im Übrigen recht wohl würdig wäre; vgl. hierüber Cosack,
Paul Speratus' Leben und Lieder, 1861, S. 267. 335.
MITTHEFLUNGEN AUS DER KÖN. UNIV.-BIBLIOTHEK TÜBINGEN. 493
klar, daß schon nach der bisherigen Lage der Sache der erste Buch-
stabe (A statt U) wirkliche Schwierigkeit bietet. Es ist doch eine
gar zu künstliche Erklärung, wenn man mit Lauxmann darin eine
weitere Verhüllung des fürstlichen Dichters erblicken oder aber an
Autor, bezw. Alaricus dabei denken will. Viel eher ginge es noch
an, die Schwierigkeit damit zu lösen, daß durch ein Versehen in
der Druckerei aus dem U des Manuscriptes ein A geworden sei.
Nachdem nun aber mit dem ältesten Drucke des Liedes auch die
vollständigere Chiffernreihe: A. H. Z. W. S. V. R. zum Vorscheine
gekommen, ist jener Hypothese der ganze Boden, auf dem sie auf-
gebaut worden ist, entzogen. Schon das „Gott mit uns", wenn es
anders Devise ist, paßt nicht auf Herzog Ulrich, von dem Laux-
mann selbst a. a. O. S. 699 und 702 ganz andere Wahlsprüche
anführt und von dem auch wir den eben genannten nirgends zu
constatiren vermocht haben. Die erweiterte Chiffernreihe aber:
A. H. Z. W. S. V. R. kann vollends gar nicht auf ihn gedeutet werden.
S. und R. (V ist jedenfalls = Vnd) bezeichnen sicher Herrschafts-
gebiete, so gut wie W, aber wenngleich auch Herzog Ulrich solche
Herrschaften besessen hat, deren Namen mit den genannten Buch-
staben beginnen, nämlich Sponeck (am Oberrhein, jetzt zu Baden
gehörig) und Reichenweiher (im Elsaß), so kann an diese doch keines-
wegs gedacht werden. Denn man kann nicht ergänzen: Herzog zu
Württemberg, Sponeck Vnd Reichen weiher, weil Ulrich nur mit Be-
zug auf Württemberg und Teck den Herzogstitel führte, nicht auch
mit Bezug auf die beiden genannten kleinen Herrschaften. Wollte
man aber statt Herzog 'Herr' suppliren, so paßt hiezu wieder Würt-
temberg nicht, und ohnedies hat weder Herzog Ulrich noch irgend
ein anderer württembergischer Fürst je einmal Württemberg, Sponeck
und Reichenweiher in seinem Titel zusammengestellt^), und wollte
man sagen, Ulrich habe zum Zwecke der Wahrung des Incognitos
die kleinen Herrschaften zu seiner Bezeichnung gewählt, so hätte
dies einen Sinn nur dann, wenn nicht gleichzeitig — wie doch
ex hypothesi der Fall — auch das Hauptland Württemberg in diese
Bezeichnung aufgenommen wäre. Mit Einem Worte, die Schwierig-
keiten, welche sich der Deutung der Chiffern auf Herzog Ulrich
schon bisher entgegengestellt haben, häufen sich nunmehr so sehr,
daß jene Deutung nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.
*) Ulrich nannte sich auch damals, in der Verbannung, Herzog zu Württemberg
und Teck, Graf zu Mömpelgart u. s. w.
494 K. STEIFF
Ist nun aber Herzog Ulrich von Württemberg nicht der Dichter
des Liedes, wer ist es dann? Daß die Merkmale, welche gerade
unser Druck an die Hand gibt, zur Bestimmung desselben an sich
genügend sind, ist wohl außer Frage. Ließe sich Jemand nachweisen,
auf welchen alle jene Chifferu passen, der ferner den Wahlspruch
„Gott mit uns" geführt hätte und der endlich zugleich der reforma-
torischen Bewegung mit so lebendigem innerem Interesse zugethan
gewesen wäre, wie wir es bei dem Verfasser des Liedes voraussetzen
müssen, so dürften wir ihn, zumal wenn auch noch poetische Be-
gabung sich bei ihm constatiren ließe, ohne Weiteres für den Dichter
halten. Denn daß es auch nur zwei Männer zu gleicher Zeit gegeben
haben sollte, bei welchen dies alles zugetroffen wäre, ist ja nicht anzu-
nehmen. Nun ist es aber eben nicht leicht, auf Grund der genannten
Merkmale deren Träger festzustellen. Die adeligen Geschlechter
findet man ja gewöhnlich nur nach dem Hauptnamen, nicht nach dem
von den verschiedenen Besitzungen hergenommenen vollen Titel be-
zeichnet; selbst die Adelslexika u. dgl. machen dabei keine Aus-
nahme, sie führen nicht einmal immer die Besitzungen an. Ahnlich
schwierig steht die Sache mit den andern Merkmalen; denn was
z. B. den Wahlspruch betrifft, so ist es nur zufällig, wenn die De-
visen Einzelner uns überliefert worden sind; in unserem Falle lassen
uns hierüber auch die Specialwerke von Dielitz u. A. im Stich. So
ist es uns denn auch nicht gelungen, bei irgend einem Manne alle
angegebenen Merkmale nachzuweisen, aber einen können wir doch
nennen, bei welchem wenigstens die wichtigsten derselben zutreffen.
Dieser Mann ist der kursächsische Rath Anark Herr zu Wilden-
fels, Schönkirchen und Ronneburg. Wie man sieht, passen
auf seinen Namen ganz genau die unter dem Liede stehenden Chiffern
A. H. Z. W. S. V. R. *). Welches aber seine Stellung zur Reformation
gewesen ist, geht schon aus der Thatsache hervor, daß er bei den
zum Zwecke der Reformirung des Landes angeordneten Kirchen-
und Schulvisitationen im Kurfürstenthume Sachsen betheiligt war.
So war er im Spätjahre 1528 mit Dietrich v. Starschedel, Georg
Spalatin und Anton Musa im Kreise Meißen und im Voigtlande als
Visitator thätig. Dabei war — bezeichnender Weise — „in der An-
nahme der lutherischen Lehre" gerade sein Herrschaftsgebiet, „die
*) Der Name ist dabei nicht etwa willkürlich diesen Chiffern angepaßt worden
(durch Umstellung oder dergleichen), vielmehr genau so, wie wir ihn angegeben
haben, kommt er in gleichzeitigen Urkunden vor (vgl. Chr. Löber, Historien von
Ronneburg, 1722, S. 245. Anhang S. 60. 6.3. 69).
MITTHEILÜNGEN AUS DER KÖN. UNIV. BIBLIOTHEK TÜBINGEN. 495
Ronneburger Gegend weit voraus: dort hatte das Papstthum ver-
bältnißmäßig viel an Boden verloren". (Burkhardt, Geschichte der
sächsischen Kirchen- und Schulvisitationen, 1879, S. 43. 73). Auch
später, 1533, ward er mit Anderen zum Visitator genannter Gegenden
bestellt (ebd. S. 125). Bedeutsamer noch ist eine andere Thatsache,
die schon aus dem Anfange des Jahres 1527 von ihm berichtet wird.
Als nämlich der spätere Kurfürst Johann Friedrich auf seiner Hoch-
zeitsreise durch Düsseldorf kam , predigte der Franziskanerraönch
Johann Korbach gegen die Anhänger Luthers und erklärte sich zu
einer Disputation bereit. Da war es eben der im Gefolge des Prinzen
befindliche Herr von Wildenfels, der den Mönch beim Worte nahm
und trotz seinem anfänglichen Widerstreben ihn zu einer Disputation
mit Friedrich Mykonius nöthigte. Diese Disputation fand am 19. Fe-
bruar 1527 in Anwesenheit des Prinzen, seines Gefolges und vieler
Anderen vom Adel und von der Bürgerschaft in des Herrn v. Wilden-
fels Wohnung statt, wobei der Letztere den Verhandlungen präsidirte,
auch mehrmals persönlich eingriff und namentlich einmal in empha-
tischer Weise für die evangelischen Prediger Zeugniß ablegte. (Ledder-
hose, Fr. Mykonius S. 131 ff.) Aus dem allem geht hervor, daß Anark
von Wildenfels auch jenes andere wichtige Erforderniß aufzuweisen
hat, welches wir bei dem Dichter des Reformationsliedes voraussetzen
müssen, nämlich die lebendigste persönliche Theilnahme für die von
Luther ausgegangene Bewegung. Bedenken wir nun, wie außer-
ordentlich selten die bei diesem Manne zutreflfenden Merkmale sich
sonst wohl vereinigt fanden: wie wenig der adeligen Familien über-
haupt gewesen sein mögen, auf welche die Chiffern W, S und R
paßten, wie viel weniger noch derer, welche damals zugleich ein
Glied aufzuweisen hatten , zu dessen Vornamen der erste Buchstabe
der Chififernreihe , A, stimmte^) und wie dann das weitere Merkmal
der persönlichen evangelischen Überzeugung den Fall erst recht zu
einem seltenen stempelt, so wird man gestehen müssen: die Identität
Anarks v. Wildenfels mit dem Verfasser unseres Liedes hat wirklich
^) So würden die Chiffern H. Z. W. S. V. R. z. B. wohl auf die Herren zu
Wied, Selters und Runkel oder auf die Huntpiß zu Waltrams, Siggen und Ratzen-
ried passen, aber es ließ sich kein Glied dieser Familien aus der fraglichen Zeit
finden, dessen Vorname mit A. begonnen hätte. Umgekehrt wo Vor- und Hauptname
stimmen und auch die protestantische Gesinnung unzweifelhaft ist, wie bei Adam von
Wolfstein oder Alexander von Wildenstein — die in der Begleitung des Markgrafen
von Brandenburg bezw. Ottheinrichs und Philipps von der Pfalz auf dem Augsburger
Reichstag von 1530 waren — da kommt man mit den letzten Chiffern S. V. R. in
Verlegenheit.
496 K. STEIFF, MITTHEILUNGEN A. D. KÖN. UNIV.-BIBßlOTHEK TÜBINGEN.
sehr viel Wahrscheinlichkeit und hat dies, auch wenn es nicht ge-
lingen sollte, sonstige Belege für seine dichterische Begabung oder
aber jene Schlußformel „Gott mit uns", wenn sie anders des Dichters
Wahlspruch war, als seine Devise nachzuweisen^). Vielleicht aber
') Man könnte daran denken , auch auf den Druckort des Liedes als eine
Instanz zur Lösung der Frage zu recurriren. Allein fürs erste wird sich der Druckort
überhaupt nicht leicht feststellen lassen, da die in dem Druck vorkommenden Typen
hiefür zu wenig eigenthümlich , die Ornamente desselben aber , weil höher als das
gewöhnliche Folioformat, wohl so selten zur Anwendung gekommen sind, daß man
sie kaum je in einem anderen Druck finden dürfte. Zum anderen aber: auch wenn
der Druckort constatirt wäre, würde er doch keinen sicheren Fingerzeig für unsere
Frage geben, so lange es nicht gewiß ist, daß wir in dem Einblattdruck wirklich den
vom Verfasser veranlaßten Originaldruck des Liedes vor uns haben. — Bei der hohen
Wahrscheinlichkeit, die es nun aber jedenfalls hat, daß Anark von Wildenfels der
Dichter i^t, sind vielleicht noch einige Notizen über seine Person hier am Platze.
Viel ist es freilich nicht, was wir haben ermitteln können. Er gehörte einem sehr alten
Geschlechte an, welches sich nach der in seinem Besitze befindlichen Stadt und Herr-
schaft Wildenfels im sächsischen Erzgebirge nannte, übrigens im Jahre 1602 (nicht
wie V. Hellbach, Adels-Lexikon II, 1826, S. 744 und Andere sagen, 1593) ausgestorben
ist. Der Sohn eines älteren Anark von Wildenfels — der seltene Vorname kommt in
diesem Geschlechte öfter vor — muß er spätestens im letzten Decennium des 15. Jahr-
hunderts geboren sein. Denn schon im Jahre 1517 ward ihm von dem Kurfürsten
Friedrich dem Weisen von Sachsen die Herrschaft Ronneburg verliehen, was 1527
von dessen Nachfolger unter Ertheilung weiterer Rechte bestätigt wurde. Im Jahre
1521 oder 1522 (nicht 1526) heiratete er eine Gräfin Elisabeth von Gleichen. Wie
sein Vater, der 1493 Friedrich den Weisen in das heilige Land begleitet hatte, war
er in Diensten der sächsischen Kurfürsten, bei denen er wichtige Stellungen einnahm.
Einiges ist schon oben angeführt worden. Wir erwähnen noch, daß er zunächst Amt-
mann in Altenburg war. Des Weiteren finden wir ihn unter den Räthen Johanns des
Beständigen auf dem Reichstage zu Augsburg von 1530. Ein Jahr darauf ist er als
Gesandter seines Kurfürsten bei dem Landgrafen Philipp von Hessen thätig, als es
sich um die Vorbereitungen zur Restitution des vertriebenen Herzogs Ulrich von
Württemberg handelte. Später erscheint er anläßlich von Difl'erenzen, die sich zwischen
dem Kurfürsten Johann und dem Landgrafen erhoben hatten, als einer der Vermittler
und Schiedsrichter, und eine ähnliche Vertrauensstellung ward ihm auch in anderen
derartigen Fällen zu Theil. Seiner Thätigkeit scheint der Tod übrigens frühe ein Ziel
gesteckt zu haben, wenn es anders richtig ist, daß er ums Jahr 1538 gestorben.
Gewiß ist, daß er in der Kirche zu Härtensdorf bei Wildenfels begraben liegt, wo
noch um 1722 Löber sein Bild und seinen Grabstein sah, ohne freilich das Datum
seines Todes darauf entzifi'ern zu können. (Vgl. die oben angeführte Historie von
Ronneburg Christian Löbers von 1722, S. 110 fi"., besonders S. 114 — 123. 136. 244 f.,
Zedler's Universal-Lexikon Bd. 56, 1748, Sp. 816 f., (C. Sturm) Warhafl'tig anzaygung
wie Kaiser Carl der fünft ettlichen Fürsten aufl" dem Reychstag zu Augspurg im
MCCCC.XXX jar gehalten Regalia .. gelihen, was auch jr Kai. Maie, und derselben
brfider . . . auch andere Churfürsten u. s. w. für Räthe und Adelspersonen auff sol-
chem Reichstag gehept haben.)
ED. DAMKÖHLER, ZU GERHARD VON MINDEN. 497
gelingt es einem Leser dieser Zeilen, was uns nicht ganz geglückt
ist: die Kette zu schließen und die Wahrscheinlichkeit zur Gewißheit
zu erheben, oder aber — es ist dies freilich nicht wahrscheinlich —
mittelst der gegebenen Anhaltspunkte in einem Anderen den Dichter
zu entdecken. In jedem Falle wäre es der Mühe werth, den Namen
des Mannes der Vergessenheit zu entreißen, der so frühe schon ein
so echt evangelisch gedachtes und zugleich so tief empfundenes, so
mächtig wirkendes Lied gedichtet hat.
STUTTGART. KARL STEIFF.
ZU GERHARD VON MINDEN.
Fab. 11,4:
De vos ne hat is nicht gesein^
men hören scrigen unde lep
do na dem ame.
Im Corr g pondenzblatt f. niederd. Sprachforschung XII, 6 hatte ich
hören in hör en aufgelöst. Sprenger dagegen will Germ. XXXIII,
p. 460 ho'i'en in höre en auflösen und läßt höre durch Contraction aus
horde entstanden sein, ähnlich wie se aus segde bei Schambach S. 189.
Zunächst muß ich bemerken, daß letzterer Vergleich durchaus unzu-
treflEend ist, da se nicht aus segde, sondern aus sede, welche Form
heute noch lebt, entstanden ist; sede aber mit Ausfall von g aus
segede. Die Form se scheint im Mnd. nicht vorhanden zu sein, wenig-
stens findet sie sich weder im mnd. Wb. noch in Lübbens mnd.
Grammatik. Die Form höre für horde würde jedoch auf einem anderen
Lautgesetze beruhen, das zwar heute in fast allen niederdeutschen
Mundarten zu gelten scheint, in der mnd. Schriftsprache aber so gut
wie gar nicht anzutreffen ist. Sprenger hat daher auch seine An-
nahme durch keine Beispiele gestützt, und auch Lübben hat in seiner
mnd. Grammatik keine angeführt, wenn man nicht etwa die Form
leve hierher rechnen kann, die für levede, contrahirt lefde, stehen soll.
Da mir die Stelle^ wo leve vorkommt, nicht bekannt ist, so kann ich
nicht darüber urtheilen. Schambach hat für das Göttingisch-Gruben-
hagen'scbe lewede und lefde, aber kein Uwe. In Kattenstedt am Harz
heißt allerdings hei lewe er lebte'. Hier ist leioe aber wohl nicht aus
levde, sondern aus lewede mit Abfall von de entstanden.
Als ich meine Bemerkungen zu Gerhard von Minden schrieb,
glaubte ich die Form höre nicht ansetzen zu dürfen, weil ich für den
GERMANIA . Neue Beihe XXI. (XXXin.) Jahrg. 3 2
498 ED. DAMKÖHLER, ZU GERHARD VON MINDEN.
Ausfall des d nach r im Mittelniederdeutschen keine Belege hatte.
Mich auf die heutigen Mundarten zu stützen, schien mir bedenklich,
weil ich damit heutige Lautgesetze auf die mnd. Schriftsprache an-
gewendet hätte, wozu ich ohne Weiteres nicht berechtigt war. Darum
ist Sprengers Berufung auf höre bei Schambach zunächst nichts be-
weisend.
Als ich neulich den Koker las, fand ich auf Seite 323:
De kauher und de swen
De blaset syck siiluen uih dem dorpe.
Hier haben wir also ein Beispiel, wo nach r nicht blos d, sondern
sogar de abgefallen ist. Heute lautet diese Form im Göttingiseh-
Grubenhagen'schen here (Schambach), im Westphälischen her (Woeste),
im Altmärkischen Aerr (Danneil) ^). kauher sowie die ganze Redensart
sind offenbar dem Volksmunde entnommen, und daraus erklärt sieh
die Abweichung von der mnd. Schriftsprache. Wir hätten dann den
Nachweis, daß das Gesetz, nach welchem heute d nach r bei vorher
gehender Vokallänge ausfällt, s. mein Programm, Mundartliches aus
Kattenstedt am Harz I, Die Media d. Helmstedt 1884, auch schon
zur Zeit des Mittelniederdeutschen vorhanden war, daß überhaupt,
wie ich aus dem Vergleiche der heutigen Mundarten mit den mnd.
Urkunden erkannt zu haben glaube, die mnd. Mundarten den heutigen
weit näher standen, als die mnd. Schriftsprache erkennen läßt. —
In der Bauernbetrügerei, mnd. Fastnachtspiele, herausgeg. von W. Seel-
mann, p. 24, Vers 46:
He hadde eynen langen Rock ann
Und ein dinck uppe mit veer oren.
In den Anmerkungen auf S. 80 sagt Seelmann; 'Gemeint scheint ein
Mann in Amtstracht mit vierkantigem, in spitze Ecken (oren) aus-
laufendem Barrett.' Demnach wäre in oren auch ein d ausgefallen,
und diese Form würde demselben Sprachgebiete: Hannover, Braun-
schweig, Hildesheim, s. Einleitung p. XXX angehören, wie kauher im
Koker. Übrigens glaube ich nicht, daß oren von ort = Ecke her-
kommt, sondern halte es für or = Ohr, wie solche spitze Ecken noch
heute genannt werden. Eine Form höre läßt sich also in der mnd.
Schriftsprache kaum nachweisen. Wie steht es nun mit der von mir
angesetzten Form hör? Sprenger hat ihr keine Beachtung geschenkt.
Ich hatte hervorgehoben, daß in Kattenstedt am Harz für das Prae-
teritum die beiden Formen ek herte und ek hör, in der 3. Pers. Sing.
') Um Osterwieck nördlich vom Harz heißt es gauaeheer.
M. HERRMANN, EIN BRIEF AN ALBRECHT VON EYB> 499
hei here und hei hör vorhanden sind, herte und here stehen für hörede
mit der bekannten Verdünnung von ö zu e (s. meine Schrift*. Zur
Charakteristik des nd. Harzes, p. 9). Über die Verhärtung von d zu t
in herte s. mein Programm, ek^ hei, hör, Plur. hören neben herten, hatte
ich für ein starkes Praeteritum erklärt, da ein Abfall des e in höre
nicht anzunehmen ist, sich sonst wenigstens der Abfall eines e in
der Kattenstedter Mundart nicht findet. Nachher bin ich in meiner
Ansicht wieder schwankend geworden. Beachtenswerth bleiben jedenfalls
die Doppelformen hör und Äer<^, von denen die letztere schon wegen
des Umlautes jünger sein muß als die erstere. Da beide als schwache
Praeterita aus derselben Form horede entstanden sein müßten, die
jüngere aber das Flexions-e bewahrt, so bleibt der Abfall desselben
in der älteren merkwürdig. Schambach hat höre neben höaere, Woeste
harde neben har. Es scheint mir nicht unmöglich, daß schon im Mnd.
ein hör existirte, wenigstens strichweise, und daß der Abschreiber
der Handschrift der Fabeln, wie ich auch aus anderen Gründen ver-
niuthe, aus der Gegend von Magdeburg, Halberstadt oder Braunschweig
stammte und hin und wieder seine Mundart mit einfließen ließ.
BLANKENBURG a. H. ED. DAMKÖHLER.
EIN BRIEF AN ALBRECHT VON EYB.
Voigt, Wiederbelebung des classischen Alterthums H', 290 — 292,
bespricht einen für die Zeit der deutschen Frührenaissance recht
charakteristischen Briefwechsel zwischen Gregor Heimburg und einem
gewissen Johannes Rot, welcher der neuen „Rhetorik" den Vorrang
vor der Jurisprudenz einräumen wollte und deswegen von Heimburg
zurechtgewiesen wurde'). Voigt unterläßt es. nähere Angaben über
die Persönlichkeit dieses Job. Rot zu machen, der immerhin einmal eine
eingehendere Charakteristik verdiente. Einige Angaben über ihn mögen
hier ihre Stelle finden. In zwei große Classen können wir die meisten
Humanisten des fünfzehnten Jahrhunderts einreihen, in Vagabunden
und Streber, — Rot gehört unter die letzteren, deren Musterbild
Aeneas Silvius ist. Wie dieser ist er von niederer Herkunft: sein
*) Die beiden uns erhaltenen Briefe, — die Antwort Heimburgs und die Replik
Rots sind nicht nur, wie Voigt angibt, im Cod. lat. Mon. 5)9, sondern auch im
Cod. lat. Mon. 518 und in dem Bamberger Codex M II, 9 zu linden. Daß die beiden
zuletzt angeführten Handschriften auf einen Archetypus zurückgehen , der sich im
Besitze Albrecht von Eybs befunden haben muß, werde ich an anderer Stelle nach-
zuweisen haben.
32*
500 M. HERRMANN
Vater, Seifried Rot, war Schuhmacher in dem jetzt zu Baiern ge-
hörigen schwäbischen Städtchen Wemding. Wie Aeneas Sylvius ver-
diente er sich die Sporen im fremden Lande: 1454 finden wir ihn
als Schüler Lorenzo Vallas in Rom, 1457 in Padua (s. J. Facciolati
Fasti Gymn. Patav. Padua 1757, S. 12), in demselben Jahre als
Secretär bei Ladislaus von Ungarn, dann in wichtigen Stellungen am
Hofe Friedrichs III. Wie Aeneas Sylvius gelangte er schließlich in
der Heimat zu hohen geistlichen Würden, — 1468 wurde er Bischof
von Lavant, 1482 Bischof von Breslau; als solcher ist er 1504 ge-
storben. Sein Grabdenkmal im Dom rührt von Peter Vischer her.
Gehandelt hat über ihn außer Heyne (Gesch. des Bisthums Breslau.
Breslau 1868, III, 722—725) besonders ausführlich Tangl 'Reihe der
Bischöfe von Lavant' (Klagenfurt 1841) S. 175 — 197, — hier sind
auch einige deutsche Briefe Rots aus seiner späteren Lebenszeit ge-
druckt; ein Brief vom Jahre 1469 steht im 'kaiserlichen Buch des
Markgrafen Albrecht Achilles' ed. Höfler (Baireuth 1850) S. 200— 201.
Während seines ganzen Lebens war er den humanistischen Studien
zugethan, und als rechter litterarisch-politischer Streber knüpfte er
mit aller Welt Briefwechsel an, so mit Aeneas Sylvius (vgl. dessen
Brief edit. Basil. 312 und Rots Antwort ibid. 324 aus dem Jahre 1457),
und mit Gregor Heimburg; daß dem Briefe Heimburgs vom 6. März
1454 nicht nur der verloren gegangene Hauptbrief Rots vom 10. Fe-
bruar, sondern auch noch ein Brief Heimburgs vorausging, der gewiß
nur die Antwort auf ein Rotsches Schreiben war, geht aus dem Ein-
gang des Heimburg'schen Briefes hervor. Rot muß seine Antwort auf
letzteren für ein Meisterwerk gehalten haben, denn er sandte ein
neues Schreiben, in dem er sich jener Antwort rühmte, sich selbst
als den ersten deutschen Humanisten hinstellte und weidlich auf die
barbarische germanische Nation schimpfte, an Albrecht von Eyb, der
damals (1454) in Italien seinen Studien oblag. Gewiß waren die bei-
den an einer italienischen Universität zusammen gewesen; Beziehungen
mögen auch daher stammen, daß Rots Geburtsstadt Wemding zur
Diöcese Eichstätt gehörte und Eyb Eichstätter Domherr war. Das
geschickt angerichtete Citatenragout muß Eyb schmackkaft erschienen
sein: er sandte es — mit einem Begleitschreiben, das ebenso wie
Rots Brief nicht erhalten ist — an einen gewissen Andreas Bauarus.
Über die Persönlichkeit dieses Mannes hat sich trotz eingehender
Nachforschungen in den kgl. [bairischen Archiven nichts ermitteln
lassen. Außer dem unten abgedruckten Brief ist von ihm eine
Epistel in lateinischen Versen in Hartmann Schedeischer Abschrift
EIN BRIEF AN ALBRECHT VON EYB. 501
erhalten (Cod. lat. Mou. 504, fol. 1—2') , die an den Bischof Johann
von Eichstätt gerichtet ist und diesen zur Friedensvermittelung auf-
fordert, — man darf danach den Brief in die Zeit kurz vor oder
kurz nach 1460 setzen. Es sind 108 Hexameter, die deutlich den
Einfluß Ovids verrathen und ebenso voll von antik-mythologischen
Anspielungen wie von metrischen Fehlern sind. Zum Schlüsse nennt
sich der Verfasser 'Andreas bauarus secretarius ducalis', — aber auch
diese Bezeichnung führt nicht zur Ermittelung seiner Persönlichkeit.
Es liegt nahe, an den berühmten Historiker Andreas von Regensburg
zu denken: dieser stand in Beziehungen zu Eichstätt, denn hier war
er zum Priester geweiht worden , — er war mit den bairischen Her-
zögen schriftstellerisch nahe verbunden: daraus möchten sich die Be-
zeichnungen 'Bauarus* und 'Secretarius ducalis' irgendwie erklären.
Gegen die Identität scheint zunächst zu sprechen, daß Andreas Ratis-
bonensis nach Lorenz' Angabe (Geschichtsquellen P, S. 193) um
1440 gestorben sein soll. Indessen hat Lorenz dafür jedenfalls keinen
anderen Beweis als den, daß des Andreas bairische Herzogschronik
nur bis 1439 reicht, und das genügt natürlich nicht, zumal z. B. ein
anderes historisches Werk des Andreas, das sogenannte Tagebuch,
nur bis 1427 geführt ist. An sich ist es nicht unmöglich, daß Andreas
noch 1460 gelebt hat, — daß er 1450 noch am Leben war, scheint
mir eine bisher nicht beachtete Urkunde zu beweisen, auf die mich
Dr. J. Mayerhofer in Bamberg freundlichst aufmerksam macht. Am
6. August dieses Jahres figurirt in einer Urkunde des Klosters Schön-
thal (Mon. Boica. XXVI, S. 61) Andreas Predicator Cenobii fratrum
Augustinensium Ratispone (das ist St. Mang, wo der Historiker An-
dreas lebte) als Vidimuszeuge. Es ist doch mindestens sehr wahr-
scheinlich, daß dieser Andreas der Geschichtsschreiber ist: wir müßten
sonst annehmen, daß das gleiche Kloster zur gleichen Zeit zwei
Brüder namens Andreas besaß, die durch ihre Bildung eine hervor-
ragende Stellung einnahmen. Wenn ich trotzdem nicht an die Iden-
tität des Historikers mit dem Andreas Bauarus glaube , so geschieht
das, weil ich nicht annehmen mag, daß der Mann sich im hohen
Alter für die humanistischen Studien interessirte, denen er sein Leben
lang fern stand; man müßte sich denn auf die vielen dem 'Chronicon
generale'' eingefügten schlechten lateinischen Hexameter berufen wollea.
Andreas' Antwort auf Eybs Brief steht in dem Augsburger Quart-
codex 220, der der Bibliothek Eybs entstammt und über den ich an
anderer Stelle nähere Mittheilungen mache. Eine Abschrift Hartmann
Schedels bis zu den Worten 'nutriti ac educati* steht im Cod. lat.
502 M. HERRMANN
Mon. 504, fol. 2^ Der Brief ist uns nicht nur durch die Person des
Empfängers interessant, sondern auch, weil er einen in Italien längst im
entgegengesetzten Sinne entschiedenen Streit behandelt und dabei den
deutsch-nationalen Gesichtspunkt hervorhebt, den sogar Gregor Heim-
burg in dieser Angelegenheit außer Acht gelassen hatte.
[139*] Andreas Bauarus Alberto de Eyb, viro praestantissimo , Sah
plur. dicit.
PErlegi cursim, Colende G-enerose ac iuris utriusque peritissime vir
litteras Jo. Rotte ad te datas, quaa tanti facis et opere precium fore exi
stimas. Que et si omni alia erroris macula carerent (quod expresse negari
potest) , vna tarnen ex causa vehementissime et acriter sunt reprehendende
maxime (ne caeteris inhereamus) cum aperte dicere conetur se fore Germa-
norum primum, qui artes, que humane intitulantur, ampiexus sit seque quo-
dammodo patronum earundem profiteatur. Absit procul tantum nephas :
sermoque tarn detestandus, vt tot tantaque Germanorum perspicua et ardua
ingenia in vnum hunc delirantem Johannem sint collata, vt vel omnes alios
nesciuisse uel se solum scire affirmet. Ex cuius dictu clare constare videtur
longa studia et vigiliis inediis frigoribus estu ac variis laboribus a pleris-
que Germanis perpessis [139"] exquisita ingenia absque artium humanitatis
gustu adeo usque orba fuisse et aliena. Si enim hec optimus rei publice
protector, eximius Brutus, facundus ac eloquentissimus vir, dum se et mori-
bus et gestis et habitu et vita liberande rei publice causa insanire simularet,
tarn insulse tamque nude protulisset uerba, hercule illa suo simulate fatui-
tatis habitui congruissent, queque simulare^) coeperat, vtendo prescriptis
verbis verificasset. Quem igitur tuum Johannem fore iudicem, ex iam dictis
et elicere et imaginäre poteris. Quis enim tam rudus [!] ingenio, vt ignoret,
quis tam obtuso , suffocato, calligato") intellectu, vt non cognoscat litteras
Johannis nostri insanire aut potius Johannem ipsum insanire litteris suis.
Que si mature librentur ipsarumque verba ac sententia [!] ponderentur,
vnusquisque mentis compos Johannem tuum delirare cen- [140*] sebit.
Si etenim et mihi pridem itidem doctissimus et eloquentissimus (ob quan-
dara laudis vocem exortam) videbatur, ammodo lectis litteris rite de eins
eloquentia aut scientia (vt rectius loquar) hesitare possum. Etsi nuUo alio
obstante obstaculo ab eins dementia retrotrahi aut abstinere voluit et
debuit, que numero sunt infinito, saltem prouerbio attrito rustico et uul-
gari Chi se loda se esso biasma' ab eius incondita ac insulsa opinione
reuocari debuerat et abstinere. Quis enim (die queso) vnquam , et si omnes
doctissimos et eloquentissimos superiorum etatum viros, quibus omnibus
longe ac magis longe quam Johanni tuo perspecta est ipsa eloquentia
et cibo quodam Tulliano nutriti ac educati: quorum se huic scientie, que
ars humanitatis intitulatur, non dico patrocinium assumpsisse, sed nee quic-
quam adscripsisse profiteatur? A quibus is noster Johannes uti lux a tene-
bris, [140 ] nox a die differt. Qui etiam nondum gustauit, sed quodammodo
obnubilatam ) artem humanitatis vidit: longeque ab eo est omnis humanitas.
1) In der H». simularet.
*) Dahinter ingi durchatrichen.
*) übnubilatem in der Ha.
EIN BRIEF AN ALBRECHT VON EYB. 503
Mediusfidius quippe : si is Johannes veris rationibus et maturioribus con-
siliis fuisset vsus, se non patrocinium sumpsisse, sed necdum corticem
artis humanitatis attigisse aut primos terminos irabibisse profiteretur. 0 stoli-
dum hominem ! 0 arrogantem atque elatam mentem ! O vane glorie refertam
ceruicem ! Cum profitendo se artis humanitatis patrocinium sumpsisse '), non
scientiam , non eloquentiam, non humanitatem , sed crassam') ac supinam
eius inscitiam ac dementiam profiteatur. Nisi forte quispiam obicere uellet ^)
ipsum non patrocinium rhetorice sumpsisse, sed potius, vt rhetorica sibi
patrocinium prestet, dixerit*). Quod equidem nichil inficit. Idem enim est
dicere vel quod ipse patrocinium rhetorice assumpserit, vel se sub patro-
cinio rhetorice constituisse dixerit. Vtroque enim modo: [141*] aut quia^)
se patrocinium rhetorice sumpsisse aut se*") sub ipsius patrocinio posuisse
profitetur, cum ipsa rhetorica res sit inanimata nee loqui possit, sed potius
idem Johannes vt instrumentum ipsius rhetorice locutus sit. Et sie vtraque
sententia in vnum tendunt finem. Magnas insuper ait se composuisse epi-
stolas , quas magni pendit, earundemque plerosque doctissimos ac prestail-
tissimos viros copiam appetisse [!]. In quibus (vt accepi) contra utrumque
Canonicum videlicet Jus ') et Ciuile inuehitur: seque nonnuUa inibi in Juris-
peritos ac in ipsum ius facete a vera ratione haud differentia disseruisse.
Vellem edepol et luce clarius illas visere: et propter earundem eloquentiam
et propter hominis scientiam. Non enim existimo paruam rem aut uulgarem
esse, cum qua ius ciuile inpugnari potuit, hominemque esse potius diuini
quam humani ingeuii, qui solus tot tantorumque doctissimorum ac clarissi-
morum virorum [141*'] ac legislatorum doctrinam summam et coelestem im-
probarit, Maxima enim debet esse auctoritas et novum scientie genus per
eum repertum aut potius diuinitus inspiratum: quo vel Juris utriusque pru-
dentiam a tanto tempore, citra cuius initii e memoria est [!], summis illustrissi-
morum virorum seuerissimorumque Imperatorum ac legislatorum auctoritate
comprobatam ac scientia illustratam flocipenderit vel contra ipsam inuectus
sit*), quibusue^) in partibus correxerit, quasque causas quasue auctoritates
in medium adduxerit. Nonne hie ignarus est, si contrarium asseueraret pon-
tificum et Imperiale ius summam fore philosophiam, cum nuUa res, nullus
ordo , nuUaque conditio in illis absque graui maturaque et ponderata sen-
tentia omni excluso errore sancitum sit et reperiatur? Vellem et demum
videre, quibus modis aut ex quibus causis iuris pontificii et legalis scien-
tiam corripuerit, quibus auctoritatibus straueril, quibus [142*] verbis Accur-
sium glosatorem virum approbatum atque eruditissimum tarn impudenter
(ut asserit) inuaserit^") , vbi, vnde aut in quo loco emendauerit et qua se
•) Brief Rots Cod. lat. Mon. 519 , fol. 121^: Itaque sumpsi eius [seil, artis ora-
torie] patrocinium.
') c über schlecht ausgekratztem g.
') uellet steht am Rand und ist diirch Einschaltungszeichen in den Text gezogen.
*) dixerit am Rand.
') Das a ist nachträglich angefügt.
*) se am Rande.
') Jus am Rande.
*) vel-sit am Rande, durch Zeichen in den Text eingeschaltet.
') ue übergeschrieben.
") Rot a. a. O. fol. 118*: Auetor illius supersticionis iam pridem inueterate
fuit Accursius; qui si reuiuisceret, peniteret eum erroris sui qui tam false Vlpiani
504 M. HERRMANN
ratione aut auctoritate tueatur. Qui euim fuerunt — respondeat — ipsorum
Jurium latores , qui eorumdem interpretes , nisi iustissimi , doctissimi et pre-
stantissimi viri optimarumque artium peritissimi? Nonne et Tullius ipse
Rhetorum princeps, fons eloquentie, pater latine lingue , legislator fuit?
Quid enim aliud censeri iura possunt quam vera philosophia, recta ratio,
summa rhetorica, sine quibus nobis omnia cum beluis communia forent?
Sola enim ab illis ratione et legibus discrepamus. Quis enim Rhetorum
vsquam fuit etiam doctissimus, qui quicquam contra sacras leges et sanc-
tissimos canones inuectus sit? Saltim aliquis priscorum et auctoritate ful-
gens? Demosthenem ne se grecum , an TuUium latinum censet? Quorum
[142''] quisque dicendo , ut apud omnes legimus, ceteros longe antecellit.
Nee tarnen se quispiam eorum Rhetorice artis patrocinium sumpsisse nee
multo dicendo valere ut is noster Johannes affirmat. Si enim , mi Alberthe,
sane haec animaduerteris, ^) absque graui excessu ac reprehensione Johannem
ipsum sicco pede haud transire posse, quin etiam claram dederit causam
suo edicto reuocandi: maxime, cum se dyalogum quendam texere, vtque
verbis suis vtar, et iuris dignitatem enucleare remque exemplis patefacere
ac sarcire, que sola romana curia sibi plurima suppeditabat, seque ab in-
stitutis Quintilliani et preceptis Rhetorice TuUiane in ea re haud secessisse *),
vtque ille sue littere pluribus et publice exiberentur, orauit, vt tanta facun-
dia, tanta eloquentia, tantaque dicendi vis noui oratoris omnibus patefieret.
Multosque in arte humanitatis discendi la [143*] bores se perpessum asse-
uerat solumque ipsum in Romana curia inter Grermanos illam sequi, nou-
nuUa aliaque deridenda, que potius obticenda quam narranda fuissent.
Et si non monitionibus doctrinis ac prouerbiis a tali^) insolentia abstinere
et se retrahere voluisset, saltim humanitate motus (cuius se facit*) pro-
fessorem) ne eins uerba et iactantia ab operibus forent aliena, ab huius-
modi suis deliramentis debuit abstinere remque ipsam dicta eiusdem ueiba
iactantie maturius ponderare humanitatemque operibus , non sermonibus ad-
implere, cum procul dubio crudelitate potius quam humanitate sit fretus.
Die, egregie vir, que enim maior iniuria, que maior blasfemia, que grauior
inertia ipsis Germanis irrogari potuit quam eosdem dici a mandi initio
adeo usque artem humanitatis ac optimarum artium ignorasse nee quem-
piam^) ex eis in illis [143''] operam dedisse. In ipso autem solo (etiam in
Romana curia, vbi tot Germani doctissimi viri conueniunt) fore repertam
et per eum acquisitam, quasi exul ab ipsis et incognita foret. Hocne
humanitatem an crudelitatem vis, mi Alberte, iudicem? Quid enim crudelius,
quid inhumanius , quid honori Germanorum contrarius et sibi ipsi diaculo
nociuius esse potest, quam ipsos dicere ignaros et ab arte humanitatis ex-
pertes seque fore primum Germanorum, qui et eiusdem patrocinium assumpsit
et in eadem vacauit durosque labores perpessus sit. 0 quantum detestanda
textum quendam de testa. mili. interpretans ad suam uoluntatem detorsisset et nescio
quod priuilegium auri portandi vobis indulsisset.
*) Hier fehlt ein Wort wie 'intelleges .
') Hier fehlt etwa dixit.
') Dahinter abs durchstrichen.
*) Dahinter press durchatriehtn,
•) quispiam in der Ha.
EIN BRIEF AN ALBRECHT VON EYB. 505
illius est humauitas , qui in patriam patriotas scribendo tarn seue inuehitur
nee amicis nee parentibus , consanguineis , sociis nee et ipsi patrie pepercit.
An ne hoc, mi Alberte, an ne hoc humanitatem an crudelitatem existimes?
Homo ^) is insolentissimus , non laudandus , sed potius omni laude priuandus
et diris [144"] verberibus subigendus. Qui si maledicere consueuerat aut
didicerat, saltem in extraneos non in patriotas, in inimicos non amicos,
in ignotos non notos , in maliuolos non beniuolos, in crudeles non huma-
nos, in ignaros non doctos eius maledicendi detrahendique venenum euomere
debuisset, et hos quos laudare nolebat, saltem nee vituperaret. Et si
non ob patrie amorem, saltem ne se stolidum et ingratum exiberet, ne se
inuidum omnibus Grermanis redderet, ne patrie et patriotis detraheret,
tacere debuisset. Vis enim aperte cognoscere, mi Alberthe, Johannem
tuum non humanitatem, sed crudelitatem didicisse? Ex hoc accipe argu-
mento. Quis enim sane mentis neget artem rhetorice aut ipsam rhetori-
cam non esse fundatam sub ratione? nemo certe. Si igitur rhetorica
fundata est in ratione , — quid enim rationem dicere possumus quam
ipsam philosophiam? Quidquid enim a ratione fieri contigerit, [144''] repro-
batur a philosophis , cum ratio sit ipsa philosophia; — sequitur: si tuus
Johannes foret (vt asserit) humanarum artium professor, esset et philosophus,
cum rhetoricam rationem rationem philosophiam comprobauimus. Et si philo-
sophus (vt ita loquamur), quis enim vnquam philosophorum*^) fuisse legitur,
qui in amicos , affines ac socios et maxime patriam fuerit inhumanus ? certe
nuUus. Qualiter igitur Johannes tuus, quem philosophum nostro argumento
creauimus , (qui potius philocopus mereretur nomen) inhumanitatis euitet in
hoc, vt omnes Germanos ab arte humanitatis esse expertes quadam ignauie
macula deturpando asserit et se primus (quasi nullus alius) inter eos fore,
cui oratoria ars suppeditatur, oratorque nominari uult seque patrocinium
rhetorice assumpsisse dicit, quid tibi videtur? Si enim quispiam extraneus
et forensis a patria sua hec uerba ipso audiente protulisset, nonne [145*]
ad"*) vltimum usque supplicium huiusmodi causam ac defensionem Ger-
manorum et patrie et proprii honoris amore inisse debuisset*)? Si enim
sibi crudelis, qaibus humanus esse potest philosophus ille nouus? Legimus
Mucium Sceuolam Romanum insignem ac prestantem et animo et scientia
virum ob amorem et deliberationem patrie menbrum suum passum ^) esse vri
vitamque eius , vt patriam ab obsidione Porsenne liberaret, in manus inimi-
corum dedisse. Is vero noster Johannes contrarium conatur : non solum
patriam non defendit, sed potius iniuriam inferre nititur. Heu nephas hoc et
detestabile crimen ! Vere si ipsi Germani huiusmodi vsurpationem et eorum
honoris et patrie liberationem , surreptionem ac reprobandam opinionem recte
animaduerterent, eundem non verbis, sed verberibus mactare atque punire de-
berent. Qualis enim illi mens, que [145''] audacia, qualis insulsitas, vnde haec
belua hanc eius fundauit temeritatem ! Existimabat forsitan nullum fore in
Germania, que tarn longa et ampla est patria ac inter ceteras maxima, qui
') homos in der Ha.
') Dahinter esse durihstrichen.
^) ad am Rande.
*) debuissent in der IIa.
*) Aus passe verbessert.
506 K BECHSTEIN
ob patrie amorem hanc eius opinionem improbaret ipsorumque defensionem
susciperet, quam etiam ipse Johannes (fuisset si saue mentis) suscipere
debuisset. 0 virum importabilem, virum detestabilem , ergastulo et carcei-e
dignum, qui non in barbaros sed Grermanos, non in alienos sed proprios,
non in vnum sed omnes tarn seue tanque acriter studuit insanire atque
inuehere. Vere, celeberrime Alberthe : si is Johannes presens afforet et eum
rationibus vincere non possem, ob patrie nostre defensionem, honoris augmen-
tationem et oris obstructionem saltem pugnis eundem plectere conarer. Non
possum , mi Alberthe, non egre ferre istiusmodi [146*] hominis inertiam et
prenimia ire accensione , plura haud exarare possum, Judicium tuum in hoc
expecto et litteras tuas, in quibus te non arabigo a mea sententia diuersurum
et me ex illis non minus voluptatis quam vtilitatis accepturum. Vale.
BERLIN. MAX HERRMANN.
Erwiderung.
Zum Geschlecht Ulrichs von Liechtenstein.
Herrn Anton Schönbachs gestrenge Kritik über meine Frauendienst-
Ausgabe in Nr. 31 der Deutschen Litteraturzeitung vom 4. August d. J.
lasse ich zunächst auf sich beruhen. Mit den philologischen Einzelheiten,
soweit sie überhaupt erwähnenswerth scheinen , werde ich mich über kurz
oder lang zu beschäftigen haben, und die andern Wunderlichkeiten und Thor-
heiten werden wohl auch einmal gelegentlich abgethan. Nur einen einzigen be-
stimmten Angriff will und muß ich sogleich abwehren, weil ich ihn durch einen
Unterlassungsfehler verschuldet und insofern auch verdient habe.
Geradezu in Erstaunen hat mich in Herrn Schönbachs Kritik die fol-
gende Auslassung gesetzt: „Nur eine Angabe (in der Einleitung) ist mir
als seltsam aufgefallen: S. XX wird Ulrich als „ein Ahnherr des jetzt noch
blühenden fürstlichen Hauses liiechtenstein'' bezeichnet, indeß Jacob Falke
in seiner „Geschichte des fürstlichen Hauses Liechtenstein" 1, 248 ff., nach-
weist, daß die steirischen Liechtensteiner im 17. Jahrh. völlig erloschen
sind, auch (vgl. ebenda S. 14 ff.) mit dem österreichischen Hause gar nicht
verwandt waren"- Wie? das schreibt Herr Schönbach, das kann er schreiben?
Ich lebte des Glaubens, daß ich ihn in dieser Frage auf meiner Seite habe,
weil ich mich auf seine Seite stellte. Und nun, welche Enttäuschung! Jetzt
fällt es ihm seltsam auf, daß ich seine eigene Meinung vertrete!
Den Ausdruck „Ahnherr" gebrauchte ich nicht in speciellem, sondern
in allgemeinem Sinne; ich wählte das poetischere Wort für das gewöhnlichere
„Vorfahr". Ich folgte der bekannten alten, früher allgemein giltigen An-
sicht, weil die Gründe, welche Falke für die völlig. Verschiedenheit der
beiden Häuser Liechtenstein geltend machte, mich nicht durchaus überzeugen
konnten. Allerdings wäre es in der Ordnung und meine Pflicht gewesen,
dieser Frage wenigstens in einer Anmerkung zu gedenken; ich hätte es thun
sollen, schon um mir den Rücken zu decken. Ich wußte nicht und glaubte
nicht, daß Falkes Ansicht bei den Historikern, insonderheit bei den öster-
reichischen allgemein angenommen worden sei. Und wer war es denn, der
mich irre gemacht, mich in meinen Zweifeln, die ich auch heute noch nicht
ERWIDERUNG 507
völlig überwunden habe, bestärkt hat? Kein anderer als eben Herr Schön-
bach. Ich glaubte seiner Autorität vertrauen zu dürfen, weil er ein geborener
Österreicher ist und sich mit der Genealogie der Liechtensteiner genauer
beschäftigt hatte ^).
In seinem Aufsatze „Zu Ulrich von Liechtenstein" in der Zeitschrift
26, 307 ff. ist von jener genealogischen Frage und von Falkes Nachweise
auch kein Sterbenswörtchen die Rede. Und in seinem Artikel in der All-
gemeinen Deutschen Biographie 18, 620 ff. ist zwar Falkes Werk unter den
Litteraturangaben mit aufgeführt, aber die alte und die neue Ansicht, welche
doch die Leser und Benutzer besonders hätten interessiren müssen, sind
gleichfalls ganz mit Stillschweigen übergangen. Dagegen heißt es gleich zu
Anfang: „Liechtenstein: Ulrich von L. (bei Judenburg in Obersteiermark,
der Murauer Linie des Geschlechtes angehörig . . .)" .. Also wohlgemerkt!
es steht Linie und der Singular: des Geschlechtes! Hier ist doch so
deutlich wie nur irgend möglich ausgesprochen, daß der Biograph nicht zwei
völlig verschiedene Familien oder Häuser, sondern zwei Linien, nicht zwei
völlig verschiedene Geschlechter, sondern ein einziges Geschlecht annimmt;
oder mit andern Worten, daß Herr Schönbach die beiden Häuser Liechten-
stein als genealogisch zusammengehörig betrachtet und hiermit der neuen
Ansicht Falkes stillschweigend und sie vornehm ignorirend entgegentritt.
Denn Falke polemisirt ausdrücklich (S. 13) gegen Hormayrs Annahme und
Angabe einer Trennung des Hauses Liechtenstein in die beiden ,, Linien" ; bei
ihm, wie besonders in die Augen fallend in den Überschriften zu den ein-
zelnen Abschnitten und zu den Stammtafeln entgegentritt, ist das steirische
Haus das Haus Liechtenstein-Murau im Gegensatz zu dem österreichischen
Hause Liechtenstein-Nikolsburg. Eine Speciallinie Murau innerhalb des Hauses
Liechtenstein-Murau gibt es nicht. Eine etwaige Ausrede, mit jenen Worten
in der Biographie sei Ulrich als Angehöriger einer Murauer Linie des
steirischen Geschlechtes bezeichnet , gilt also nicht. Bei der bekannten und
neidlos anzuerkennenden Schärfe seiner Schreibweise ist auch durchaus
nicht anzunehmen , daß Herr Schönbach in seinem biographischen Artikel
sich in gesuchtem Lakonismus ungeschickt und irreführend ausgedrückt habe ;
vielmehr tritt durch eine Vergleichung der jüngst geäußerten Ansicht in der
Zeitung (1888) und der früheren im Artikel (1882. 1883) zwischen beiden
ein unversöhnlicher Widerspruch zu Tage, über dessen Ursache ich mir
kein Urtheil erlaube. Sicher ist, daß Herr Schönbach ein sehr kurzes Ge-
dächtniß hat und' auch Andern ein kurzes Gedächtniß zutraut. Im Übrigen
werde ich mich hüten, künftighin auf seine Autorität mich zu verlassen.
ROSTOCK, Mitte August 1888. REINHOLD BECHSTEIN.
') Daß mich Schönbach irre gemacht, habe ich auch in einem Privatschreiben
an Jacob von Falke berichtet, nachdem er meine Ausgabe im Feuilleton der Wiener
Zeitvmg Nr. 62. 63 vom 15. und 16. März d. J. überaus freundlich und anerkennend,
abgesehen von der in Rede stehenden genealogischen Frage, besprochen hatte. Aus
einer Stelle seiner Antwort — zu wörtlicher Anführung bin ich nicht berechtigt —
geht hervor, daß er Herrn Schönbach in eben dieser Frage auch als seinen Gegner
betrachtete.
508 MISCELLEN.
MISCELLEN.
Ein Scherz Simrocks mit Adalbert von Chamisso.
Während seines Aufenthaltes in Berlin als junger Mann verkehrte Sim-
rock viel mit Chamisso und war bei diesem gern gesehen, weil Simrock bei
seiner reichen Kenntniß von Sagen und epischen Stoffen ihn mit Material
versehen konnte , während Chamisso als geborener Franzose sich arm an
Stoffen fühlte.
Eines Tages gingen beide an einem Laden vorüber. Sehen Sie, Herr
von Chamisso, der Mann kann Ihnen helfen — auf dem Schilde stand der
Name 'Stoffregen'.
Dergleichen kleine Geschichten aus seinem Leben erzählte Simrock mit
einem anmuthigen Humor um die Lippen, gewöhnlich nach der Mahlzeit, bei
der er, auch wenn Gäste da waren, seinen sammtenen Schlafrock anbehielt,
was den Eindruck der Gemüthlichkeit erhöhte. K. BARTSCH.
Nibelungenfehde.
A ist verstummt. Nun sehn wir C
Nur leis es brummt Vereint mit B,
'Könnt' ich ihn packen, Durch Compromiss
Wie wollt' ich zwacken Schloß sich der Riß :
Den bösen Streiter! Was will man weiter?
Der ist ganz heiter. Ich bin ganz heiter.
K. B.
Mittheilungen.
Professor Dr. H. Gering in Halle folgt zu Beginn des Sommer-
semesters einem Rufe an die Universität Kiel.
Der Privatdocent Dr. v. Waldberg an der Universität Czernowitz
ist zum a. o. Professor ernannt worden.
Dr. Alois Pogat sehe r hat sich an der Universität Graz für englische
Philologie habilitirt.
t am 19. November 1888 zu Bonn Professor Dr. Nicolaus Delius.
PF
3003
G/,
Jg. 33
Germania
PLEASE DO NOT REMOVE
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